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Freitag, 26. August 2016

Luther - "ein deutscher Rebell"?

Im Deutschlandfunk konnte man heute vernehmen, dass Martin Luther (1483-1546) "ein deutscher Rebell" gewesen sei, ein "konservativer Revolutionär", ein Individualist und nicht zuletzt ein gewöhnlicher Mensch mit den Schwächen, die ein Mensch nunmal so habe - Völlerei, Trunksucht, Antisemitismus. Der da interviewte Autor der neuen Lutherbiographie, Willi Winkler, betreibt mit dieser Darstellung eine ungeheuerliche Geschichtsklitterung. Zwar war Luther in der Tat ein Antisemit, aber er war noch viel mehr ein Konterrevolutionär und Feind der Demokratie. Um das zu verstehen, muss man nicht einmal das Buch gelesen haben. Schon der Klappentext des Buches, das bei Rowohlt erscheint, ist anstößig:

"Er war der größte Rebell, den die deutsche Geschichte aufzuweisen hat – und wollte doch nichts weniger sein. Martin Luther hat mit den sagenhaften Hammerschlägen, mit denen er seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, das Mittelalter beendet und ein neues Zeitalter begründet: das, in dem wir heute leben. Die von ihm angestoßene Reformation wirkte wie ein ungeheurer Modernisierungsschub, auf Kunst und Alltagsleben, Literatur, Wissenschaft und Publizistik; Luthers Bibelübersetzung ist der Grundtext für das heutige Deutsch. Vor allem aber gab der entlaufene Augustinermönch den Deutschen zum ersten Mal einen Begriff von der Individualität des Menschen: Du allein verfügst über dich, nicht der Kaiser, nicht der Papst, niemand außer Gott. Luther ist eine einzigartige Figur in der europäischen Geschichte. Ohne ihn wäre die Welt ärmer – auf jeden Fall eine andere.Willi Winkler geht es darum, den ganzen Luther in den Blick zu nehmen, ihn als den Mann zu zeigen, der seine Welt vom Kopf auf die Füße gestellt hat, vor dem Hintergrund des aufregenden 16. Jahrhunderts, in dem die Neuzeit beginnt. Rechtzeitig zum Reformationsjahr erscheint diese große Biographie, die alle Anlagen zum Klassiker hat."
Thomas Münzer, der protestantische Revolutionär
und Bauernführer

Luther mag Individualist und Anhänger eines entstehenden Kapitalismus gewesen sein. Er hat auch das Papsttum und den katholischen Seelenhandel herausgefordert. Aber ein Rebell und Revolutionär war er keinesfalls. Im Gegenteil! Luther war ein geistiger Brandstifter und Teilnehmer eines Kreuzzugs gegen echte Rebellen und Revolutionäre. Ausgerechnet ein Schüler und Anhänger von Luther entlarvte die reaktionäre Gesinnung des Reformators. Und ausgerechnet eine wirkliche Rebellion und Revolution zwang Luther, sich zu Mord und Totschlag an einfachen Menschen zu bekennen. 

Als der Pfarrer Thomas Münzer (1489-1525), der zunächst ein begeisterter Protestant im Sinne Luthers war, mit diesem brach, spiegelte das den größeren Bruch zwischen Bauern und städtischem Bürgertum wieder. Münzer hatte mit Luther gebrochen, weil Luther in Wirklichkeit weder demokratisch noch radikal war. Die damalige deutsche Gesellschaft brodelte. Adel und Klerus unterdrückten die demokratischen Neigungen der Bauernmassen, während das neu entstehende städtische Bürgertum sich bereits anschickte, eigene Interessen geltend zu machen. Die Bauern auf dem Land und die Kleinbürger in den Städten wollten mehr vom Kuchen abbekommen und sich geistig nicht mehr an die Mächtigen fesseln lassen. Es kam daher zum Klassenkampf: 

"Außer Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Papstes. Wir haben gesehen, wie schwerfällig, unvollständig und je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Interessen sich schließlich in drei große Gruppen formierten; wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen die der nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen opponierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen mußte. So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den meisten Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege."

Luthers Reformation schien zunächst die passende Ideologie für diese revolutionäre Bewegung darzustellen. Aber sobald die Massen sich radikalisiert hatten, erkannte Luther, dass sie die gesamte Gesellschaft hätten sprengen müssen. So weit wollte er nicht gehen. Während Münzer die Bauernmassen Deutschlands tatsächlich vom Joch durch den katholischen Aberglauben und die Reichen befreien wollte, ruderte Luther also schnell zurück, sobald seine Lehre wirklich revolutionär wirkte. Daher musste sich der Prediger des evangelischen Gewissens entscheiden und er entschied sich dazu, ohne jegliche Gewissensbisse die Seite der Konterrevolution zu ergreifen und Münzer, den echten Revolutionär dieser Zeit, zu vernichten. Friedrich Engels beschrieb Münzer in seinem Werk über "Die deutschen Bauernkriege" so:

"Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebejischen Revolutionär Münzer gegenüber. Thomas Münzer war geboren zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498. Sein Vater soll, ein Opfer der Willkür der Stolbergschen Grafen, am Galgen gestorben sein. Schon in seinem fünfzehnten Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund gegen den Erzbischof von Magdeburg und die römische Kirche überhaupt.Seine Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle als Kaplan in einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und Ritus der Kirche mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ er die Worte der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm erzählt, die Herrgötter ungeweiht. Sein Hauptstudium waren die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen Schriften Joachims des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das Strafgericht über die entartete Kirche und die verderbte Welt, das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Reformation und der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbeigekommen.Er predigte in der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er als erster evangelischer Prediger nach Zwickau . Hier fand er eine jener schwärmerischen chiliastischen Sekten vor, die in vielen Gegenden im stillen fortexistierten, hinter deren momentaner Demut und Zurückgezogenheit sich die fortwuchernde Opposition der untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden Zustände verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation immer offener und beharrlicher ans Tageslicht hervortraten."

Münzer forderte nun also die katholische Kirche ebenso heraus wie Luthers Reformationsbewegung. Er ging aber noch weiter. Sein Christentum war plebejisch, demokratisch und irdisch. Erlösung war für ihn nichts, das nach dem Tod erst beginnt. Erlösung war für Münzer im Grunde die Befreiung der leidenden Massen von der feudalen Unterjochung. "Nach Müntzers theologischer Überzeugung forderte die Heilige Schrift die Freiheit des Menschen. Er wurde von den Fürsten misstrauisch beäugt und geriet immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit. Als 1524 der Deutsche Bauernkrieg ausbrach, schlug Müntzer sich auf die Seite der Landleute. Bald wurde er zu einer Leitfigur des Aufstands", so schreibt sogar das ZDF. Münzer war dank seiner demokratischen Ideologie zum Anführer der bäuerlich-demokratischen Bewegung geworden. Und die Bauern wollten sich nicht mit Luthers bescheidenen Reformen abspeisen lassen. Das musste zum Bürgerkrieg führen. Engels beschrieb Münzers Rolle im anstehenden Bauernkrieg:

"Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in den vorliegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war.Dabei aber blieb er an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen.Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten atmen einen revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen früheren Schriften in Erstaunen setzt.Der naive jugendliche Humor der revolutionären Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwunden; die ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war, kommt nicht mehr vor. Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf und spricht nur noch in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu wirken hatte.Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsischen Herzogtümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im Vogtland standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen Bewegung anerkannt".

Während die Bauern Ländereien konfiszierten und sich gegen Adel und Klerus bewaffneten, forderte Luther den Bürgerkrieg gegen die Ärmsten der Gesellschaft:

"Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform, den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse der Städte war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht widerstehn.Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung entfremden und ließ nur die Chance entweder der Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebejer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die katholische Restauration.Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege erfochten haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon haben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt. Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren mußten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr unter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten.Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte. Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich riet er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden und wuchs der bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster Nähe, in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmflut der bäurisch-plebejischen Revolution.Da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige Kinder Gottes; und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich 'wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern'."Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther. 'Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.'"

Die "lieben Herren" stachen, schlugen und würgten die Bauern in der Tat. Sie richteten furchtbare Massaker an ihren revoltierenden Knechten an und stellten die Lage vor dem Aufstand weitgehend wieder her. Engels fasste das Resultat der besiegten Bauernrevolution zusammen:

"Die Bauern waren überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste Revolutionsversuch des deutschen Volks endigte mit schmählicher Niederlage".

Nicht Luther war der deutsche Rebell und Revolutionär, sondern sein abtrünniger Schüler und Konkurrent Thomas Münzer war der wirkliche Held der damaligen Zeit. Münzer bleibt auch heute noch ein glänzendes Beispiel für volkstümliche, linkspopulistische Politik, während Luther mehr den feigen Rechtspopulisten und korrupten Politikern von heute ähnelte.


Samstag, 9. November 2013

Disarstar

Ein heller Stern am Firmament


Disarstar ragt allein schon durch sein Alter heraus. Mit seinen knapp 19 Jahren ist er musikalisch und inhaltlich bereits einem Großteil der deutschen Rapper überlegen. Es fehlt zwar noch an technischer und inhaltlicher Vielseitigkeit, aber sein Talent lässt hoffen, dass er auch hierbei die meisten überholen wird. Spätestens, sobald er ihr Alter erreicht hat. Erster Teil der Serie "Deutschrapper mit Anspruch".

Was ihn einerseits von den Mainstream-Rappern abhebt, ist die fast völlige Abwesenheit unglaubwürdiger Aggro-Texte und überheblicher Selbstbeweihräucherung. Ein Image als pseudoaggressiver Gangster-Rapper oder übler Killer interessieren ihn nicht, obwohl er noch so jung ist und Pseudogangster und hirnlose Zombies in einigen Tracks ordentlich disst. Andererseits hat er einen sehr individuellen und emotionalen Stil. Um einen Eindruck von seinem Stil zu bekommen, kann man ja direkt mal bei seinem philosophischen Track "Erkenntnis" reinhören oder einige Zeilen mitlesen:

Ich schreib alle meine Texte autobiographisch / Verliere mich in Selbstbetrachtung, brauche das wie Atmen / Dokumentiere mich für alle, die dran glauben, was ich sage / Ist egal, was die draußen so erwarten / Ich bin ich - ich erlaube es mir gerade /

Er ist daher auch geistig dem Großteil der deutschen Rapper überlegen. Die Hauptmotive seines Raps sind: die Verzweiflung und Isolation des Menschen in der heutigen Welt, die Enttäuschung durch das andere Geschlecht und lyrisch-kontemplative Selbstbeschäftigung. Seine Tracks lassen sich bisher zum großen Teil einem dieser drei Motive zuordnen, wobei aber viele alle drei Motive abdecken.

Gesellschaftskritik bei Disarstar


Disarstar ist offenbar linker Aktivist und hat unter anderem entsprechende Lieder, in denen er die moralisch bankrotte Gesellschaft anklagt. In "Ansichtssache" kommen seine Stärken wie auch Schwächen zur Geltung. Hier der starke Anfang:

ich seh das Kind dort nach Hilfe schreien/ich seh den Obdachlosen hier erfrieren, als würde er in der Wildnis sein/ich seh der Mann da geht still vorbei/er steht auf dünnem Eis, bald bricht er ein/unser Eis ist dünner, doch wir scheinen nicht von Gewicht zu sein/wir hier unten scheinen nichts zu sein/nein, ich seh die roten Lichter schei'n/

Im Anschluss zeigt er aber einige technische Mängel, was seine allgemein noch entwicklungsfähige Technik veranschaulicht:

nein, ich seh die roten Lichter schei'n/ich seh die Kleine mit 'nem Opa, der sie fickt für'n Schein/ich seh ihren Vater/er schickt sie auf den Strich für'n Schein/wenn sie's nicht tut, prügelt er sie windelweich/ich seh so'n Typ wird abgestochen von Faschistischen/weil sein Gesicht nicht bleich ist/Begründung er ist nicht weiß/seine Kinder wei'n/er kommt nicht mehr heim/ich seh der Junge an der Ecke drückt sich Spritzen rein/Seh mich selber, bin bekifft und schreib auf/die Menschen sind Monster mit Gift im Kreislauf/

Vor allem das Festhalten am Paarreim und Doppelungen im Klang und Inhalt kommen hier nicht so gut rüber (für'n Schein - für'n Schein; nicht bleich ist - ist nicht weiß).

Auch Songs wie "Free World", "Vorurteile" und "Roter Stern" sind auffällig radikal. Aber das steht ihm gut. Mit Erfahrung werden ihm bestimmt noch viele weitere sozialkritische Texte einfallen, die von technischen oder klanglichen Hindernissen nicht mehr gestört werden.

Disarstars melancholische Liebeslyrik


Die melancholische Liebeslyrik bei Disarstar ist grundsätzlich das Seufzen einer zutiefst enttäuschten und gequälten Seele. Stücke wie "Herzstillstand", "Vergiss mein nicht" und "Misses D" versetzen den Zuhörer unweigerlich in die tiefsten Tiefen eines tausendfach zermalmten Herzens. "Vergiss mein nicht" konfrontiert eine verflossene Liebe mit ihren falschen Versprechungen:

Du hast meine Seele nie gesehen, du wolltest sie nie sehen/ du siehst nur dich selber und ich wollte dich verstehen/ vergiss mein nicht, keine einzige Träne bleibt/ was heißt jetzt "für immer", Schatz, was ist jetzt die Ewigkeit/

Man kann die Empörung des lyrischen Ich mitfühlen. Das muss echt eine tolle Frau gewesen sein und der arme Junge muss ihr naiv alles geglaubt haben. "Dunkelheit" löst weniger Empörung aus, dafür sticht der Text wie ein Dolch ins Herz des Zuhörers:

Der Gedanke ist ein Stich ins Herz/Denn alles das, was wir beide hatten/Ist jetzt nichts mehr wert/Es ist meine Schuld/Ich wollte dich nicht enttäuschen/Alles, was ich falsch gemacht hab, belastet mein Gewissen bis heute/Ich bin ehrlich gewesen/Und das weißt du/Du warst immer die Erste zum Reden/Ich kann gar nicht mehr essen/Kann nicht schlafen, nicht lachen/Dieser Text hier die letzte Möglichkeit sich gerade zu machen/Du weißt Rap ist Therapie für mich/

"Herzstillstand" toppt aber auch Dunkelheit noch. "Herzstillstand" war das erste Lied, das ich von ihm gehört habe und es hat mich echt gepackt. Kein Wunder bei der emotionalen Hintergrundmusik und dem Text:

Sag mir nicht, du kennst mich, nein / Denn dein Verständnis ist beängstigend und engt mich ein / Suche Menschlichkeit / ich bin keiner, der seinen Traum verwirklicht / Einer, der beim Anblick deiner fühlt, als wär er außerirdisch / Nostalgie, Sehnsucht nach Vergangenem / [...] Dass dein Lächeln nicht mehr mir gilt, ist wien Dolch in meinem Herz / Ich bin heute nichts mehr wert / Ich bin nicht komplett ohne dich, das verleugne ich nicht mehr / [...] Du bist die erste und die letzte Frau / die mein Herz berührt hat, ein letzter roter Fleck im Grau /

Dieser letzte rote Fleck im Grau verweist uns direkt auf die lyrische Selbstbeschäftigung bei Disarstar.

Lyrische Selbsttherapie bei Disarstar


"Herzstillstand" hat mich wirklich geflasht. Deswegen wird der Text nochmal zitiert. Denn der Track beschreibt unübertrefflich die Psyche eines schwer depressiven lyrischen Ichs, das sich selbst in völliger Isolation immer weiter in die Verzweiflung treibt:

Ich hab gehofft, dass es besser wird, doch es wird immer schlimmer /
Und es verfolgt mich wie ein Schatten seit dem Kinderzimmer /
Wenn ich sag, ich komm nicht klar, mein ich es mehr denn je /

Ich fühl mich krank, doch kein Arzt kann mir die Schmerzen nehm / Es ist dunkel, doch die Sterne fehln - Herzproblem / Selbst die engsten Menschen können mich nicht mehr verstehn / Ich kann kein Glück, sondern nur Leere sehn / Ich fühl mich als würd ich grad barfuß über Scherben gehn / Es tut weh / dass mit anzusehn, wie ich mich selbst verlier / 
Ich bin andauernd besoffen, weil ich das Gefühl habe, ich trage die gesamten Ängste, dieser Welt in mir /

Würde man "Herzstillstand" eine Stunde lang durchhören, müsste man unbedingt selbst depressiv werden. Selbst der reinste Buddha würde sich da in einem Fangnetz aus Selbstmitleid verfangen. Und dass man den Song stundenlang immer wieder in Dauerschleife hört, ist sehr wahrscheinlich bei solch packendem Rap. Man könnte sich z.B. allein schon in folgenden Zeilen ewig verfangen:

Bitte gib mir etwas Licht, weise mir den Weg /
Ich würd gerne wieder leben, aber weiß nicht wie es geht /
Geh alleine diesen Weg, fühl mich einsam und vergessen /
Ich glaub, keiner kann mich retten /

Ähnlich depressiv werden teils Lieder wie "Schauspieler" oder "Life ain't easy". Aber es finden sich auch etwas aufmunternde Worte. "Schauspieler" liefert uns z.B. auch solche Worte:

Du belügst dich selbst, immer wenn du Theater machst/ Eigentlich bist du die Geschichte, lückenhaft unter Tatverdacht/ Und ich sag dir was: Zeit, dass du dich gerade machst/ Verstell dich nicht, keiner von Wert erwartet das/

"Tanz mit dem Teufel" deutet dann sogar ein wenig mehr Hoffnung an, wenn sie sich auch nur auf ein Wunder stützt:

Gott erhör mich, nimm meine Seele zu dir/
Schenk mir Orientierung, ich bin vom Regen verwirrt/
Ich hab mein Leben verloren und ich suche danach/
Ich tanz mit dem Teufel und er ruft meinen Namen/

Zum Glück bietet uns Disi auch weniger depressive Selbstbeschäftigung. "Erkenntnis", "Erfahrung", "Vergangenheit" oder "Eines deiner Gesichter" sind Beispiele dafür. Das Gegenstück zu "Herzstillstand" ist wohl "Riesen" (ft. Tonee Jukeboxx, der einen eigenen Text verdient). Auch diesen Track kann man tagelang immer wieder hören, allerdings um sich nach den ganzen niederschmetternden Elegien voller Selbstmitleid wieder moralisch aufzubauen:

Doch das Zerren von allen Seiten macht dich irgendwann zum Riesen/

Übrigens gibt es sämtliche Tracks von Disarstar umsonst online, auch bei Youtube gibt es praktisch alle Werke. Dieses Jahr folgen wohl einige neue Tracks, auf die man gespannt sein darf. 

Hier sind Download-Links zu seinen kostenlosen Alben:


http://punchlines.biz/2012/01/01/disarstar-phase-2-free-mixtape-download/

http://www.rappers.in/disarstar_-_ansichtssache_ep_feat-_achtvier_ilir_pasha_etc-_26-06-11.t496428.html

http://www.mzee.com/forum/showthread.php?t=100114131



























Freitag, 8. November 2013

Rätekommunismus und Sozialdemokratie (Serie: Geschichte und Rätekommunismus, Teil 1)

Geschichte und Rätekommunismus


Hier geht es um die "rätekommunistische" Strömung unter den sozialistischen Theoretikern und um ihre Beziehung zur Geschichte. In verkürzter Form erschien dieser Artikel schon auf der Homepage des SDS Köln.

Eigentlich sollte eine Fortsetzung erfolgen. Dazu kam es aber bislang nicht. Man musste halt studieren, lohnarbeiten, demonstrieren und so. Nun aber soll das wieder gut gemacht werden. 

Der erste Teil erscheint in abgewandelter Form also erneut, um von mehreren Teilen ergänzt zu werden. Im ersten Artikel geht es um den Rätekommunismus als Reaktion auf die Sozialdemokratie.

Die Behandlung dieser Strömung ist deshalb interessant, weil sie Gelegenheit bietet, eine Kritik an den Ansichten der "Rätekommunisten" und heutigen Ultralinken zu formulieren, was der radikalen Linken in Deutschland vielleicht ein wenig helfen kann. Auch ist es eine Gelegenheit, die deutsche, russische und chinesische Geschichte aus revolutionsfreundlicher Perspektive darzustellen und zu einander in Beziehung zu setzen. Denn die Frage der Räte ist mit der weltweiten Revolution eng verwoben gewesen und ist es wohl noch immer.

Am Ende der Artikelreihe sollten sich die Leser und Leserinnen drei Fragen selbst beantworten können:
  1. Wieso ist die sozialistische Revolution so cool und Kapitalismus so verdammt uncool? 
  2. Sollten die Menschen mehr marxistische Klassiker lesen und sich über ihre eigene Geschichte richtig schlau machen? 
  3. Wer hat uns verraten? ;-) 

Der Rätekommunismus als ultralinke Reaktion auf Sozialdemokratie und Bolschewismus


Die Rätekommunisten waren als eigenständige Denkrichtung in den 20ern entstanden, nach der zunächst erfolgreichen Räterevolution in Russland 1917 und der gescheiterten Räterevolution in Deutschland ab 1918. Ihre Vertreter waren meist enttäuschte Mitglieder der Sozialdemokratie, ihrer Abspaltungen (USPD z.B.) oder der kommunistischen Parteien. Anfangs gründeten sie eigene Parteien (KAPD z.B.), später aber lehnten sie jede Parteiorganisation ab und gründeten Gewerkschaften (AAUD), nur um noch später sowohl parteiferne wie gewerkschaftsferne Organisationen (z.B. die AAUE) aufzubauen. 

Sie sahen weder in der Sozialdemokratie noch im Bolschewismus eine Lösung der Probleme im Kapitalismus. Andererseits sahen sie in beiden Richtungen gefährliche Verfälschungen des Marxismus, wie sie selbst ihn deuteten. Die größte Bedeutung erhielten sie in Mitteleuropa, vor allem in Deutschland und Holland. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Anton Pannekoek, Otto Rühle, Herman Gorter, Paul Mattick und Cajo Brendel. Von Brendel stammt das folgende Zitat, welches das zentrale Argument der Rätekommunisten beinhaltet:

Lenin versteht nicht, daß die strategischen Konstruktionen, die er in seiner historisch-paradiesischen Unschuld herstellt, auf die Kampfhandlungen der Arbeiterklasse und deren jeweiligen Ausgang nicht mehr zugeschnitten sind, sobald die Arbeiter die Früchte des Gartens Eden geprüft [...] sobald sie selbst den Inhalt ihrer Kämpfe und sodann auch deren Form, das heißt ihre Kampfmethoden zu bestimmen angefangen haben; sobald nicht länger die bürgerliche, sondern fortan die proletarische Revolution die gesellschaftliche Perspektive bildet.

Lenin spielt in der Argumentation der Rätekommunisten eine herausragende Rolle. Er wird in den folgenden Artikeln noch eine große Rolle spielen. Zunächst wird er aber nur kurz erwähnt, da es hier eher um die Revolution in Deutschland geht.

Der ökonomische Fatalismus der Rätekommunisten


Die Rätekommunisten waren grundsätzlich Ökonomisten und damit Fatalisten. Unter Ökonomismus kann man eine Konzentration und Überbetonung der Wirtschaft verstehen. In Russland wurden z.B. bis zur Oktoberrevolution 1917 Vertreter sozialistischer Theorien als Ökonomisten bezeichnet, die auf die fortschrittliche Entwicklung des russischen Kapitalismus hofften und zu radikale politische Kämpfe daher ablehnten. Sie waren daher Gegner der kommunistischen Fraktion um Lenin und Trotzki. Fatalisten glauben an ein unausweichliches Schicksal (lat. "fatum"), das unabhängig vom Willen der Menschen entweder zum Guten oder Schlechten führen wird.

Die Rätekommunisten sind als ökonomische Fatalisten in der kapitalistischen Gesellschaft Anhänger des Glaubens an die mehr oder weniger automatische Selbstzerstörung des Kapitalismus. Revolutionäres Handeln müsse nicht vorbereitet, nicht mühsam organisiert und erst Recht nicht von einer Partei angeführt werden. Rätekommunisten argumentieren mit der "Reife der Klassenverhältnisse", die unweigerlich zur sozialistischen Revolution führe. Die Reife der Klassenverhältnisse sei die Vollendung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, dessen Resultat nur die erfolgreiche sozialistische Revolution sein könne. Die Vollendung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit führe aber zwangsläufig zur Zertrümmerung der kapitalistischen Ordnung und zur Aufhebung dieses Gegensatzes. Am Ende stehe die klassenlose Gesellschaft, in der es den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit nicht mehr gebe. 

Der marxistische Standpunkt sei der der ökonomischen Gesetzmäßigkeit hin zur Selbstbefreiung der Arbeiterklasse in dem Moment, in dem die Arbeiterklasse nicht noch weiter ausgebeutet werden kann und somit gezwungen ist, die Revolution zu machen. Zwang zur Revolution ist das A und O der Rätekommunisten. Bis zu diesem Zeitpunkt sei jeder Revolutionsversuch ein verfrühter Willensakt, der den objektiven Verhältnissen nicht entspricht. Ohne die Vollendung der kapitalistischen Klassengesellschaft könne die Vollendung der wirklich menschlichen, klassenlosen Gesellschaft nicht erfolgen.

Erst die zahlenmäßige Überlegenheit der Arbeiterklasse und die ökonomische Unabwendbarkeit der Staatszertrümmerung durch die Arbeiterklasse ermöglichen die proletarische Revolution. Sie könne also nicht von einer Minderheit, auch nicht von einer proletarischen, gemacht werden. Sie könne nur von der ganzen Klasse in einem ziemlich kurzen Zeitraum gemacht werden, in dem die ganzen klassenkämpferischen Ausbrüche der Vergangenheit zusammenkommen und in eine revolutionäre Explosion münden.

Da die Revolution ein rein ökonomischer Prozess sei, sei der politische Überbau der Ökonomie unwichtig und gar störend für die Aufgabe der Arbeiterklasse, so könnte man die Argumentation der ultralinken Ökonomisten deuten. Die Aufgabe der Arbeiter sei eine vorwiegend ökonomische: Eroberung der Produktionsmittel in der bürgerlichen Gesellschaft und damit die Kontrolle über diese Gesellschaft.

Teilnahme an der bürgerlichen Demokratie, am Parteiensystem oder gar Regierungsbeteiligung, Mitarbeit in Gewerkschaften und dergleichen – das alles behindere ab einer gewissen Reife der Klassenverhältnisse die proletarische Revolution. Die politische Teilnahme an den Institutionen der bürgerlichen Ordnung sei nämlich reaktionär, sobald die neue und wirklich proletarische Kampfweise sich entwickelt habe: die Räte.

Die fatale Erfahrung mit der proletarischen Revolution und der Niederschlagung der Rätebewegung durch kapitalismusfreundliche Kräfte in Deutschland schien diese Schlussfolgerung zu bestätigen.

Die verratene deutsche Revolution ab 1918


Proletarische Revolution in Deutschland? Ja! Und was für eine! Sie stürzte im November 1918 den Kaiser, zerschlug das deutsche Kaiserreich, führte zum Waffenstillstand zwischen den Krieg führenden Staaten, beendete damit den Ersten Weltkrieg und erkämpfte die wichtigsten demokratischen Rechte in Deutschland. Wie kam es zu dieser Revolution?

Die SPD-Führung war bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch und durch reaktionär geworden. Zu Anfang der Massenschlächterei hatte sie ihre internationalistische Maske abgelegt als sie 1914 im Reichstag den Kriegskrediten zustimmte und nationalistische Propaganda für das deutsche Reich machte. Sie führte die SPD-Mitgliedschaft in den Horror des Weltkriegs. Sie wollte keinen demokratischen Sozialismus und keine internationale Solidarität. Sie unterstützte lieber die Herrschenden im eigenen Land mit dem antisemitischen Kaiser Wilhelm II. an der Spitze. Das Elend der Weltbevölkerung war der SPD-Führung schon damals völlig egal geworden.

Heute, knapp 100 Jahre danach, sieht es nicht viel anders aus. Die SPD-Führung liebt den Krieg noch immer. Und sie hasst die internationale Solidarität und die Revolution noch immer. Sie hasst sie genauso wie es damals schon Friedrich Ebert tat. Ebert, der Vorsitzende der SPD, soll am Ende des Ersten Weltkrieges gesagt haben: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich will sie aber nicht, ja ich hasse sie wie die Pest.“ Entsprechend hat er den unverzeihlichen Verrat an der proletarischen Revolution seit November 1918 in Deutschland angeführt.

Es kam wie Ebert es voraussagte. "Die soziale Revolution", die er erklärtermaßen hasste, ließ die Verhältnisse im deutschen Reich wild tanzen. Die Oberste Heeresleitung des Kaiserreiches wollte die deutschen Matrosen am Ende des Krieges, der für Deutschland bereits aussichtslos geworden war, sinnlos in den Tod schicken. Die Matrosen meuterten, kehrten aufs Festland zurück und gaben damit eine Initialzündung für eine Revolte großer Teile der Matrosen, Soldaten und Arbeiter im ganzen Kaiserreich. Sie eroberten ganze Städte, da sie bewaffnet und entschlossen waren, gegen die damalige Ordnung anzukämpfen. Spontan organisierten sie sich in so genannten Räten (russisch: Sowjet), die an jedem Ort, an dem es sie gab, eine radikaldemokratische proletarische Staatsmacht bildeten.

Karl Liebknecht, ein Anführer der deutschen Kommunisten, rief am 9. November 1918 entsprechend eine „freie sozialistische Republik“ aus. Die bürgerlichen Politiker in den Parlamenten und lokalen Verwaltungen waren entsetzt, konnten aber zunächst nichts gegen diese sozialistische Republik in Deutschland ausrichten. Die deutschen Streitkräfte waren ja plötzlich auf der Seite des Sozialismus. Um etwas gegen dieses rote "Gespenst" zu unternehmen, vor dem die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft so furchtbare Angst hatten, mussten sie mit anderen Methoden Gewalt anwenden.

Dazu verbündete sich der erzreaktionäre Verräter Ebert, der übrigens der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) noch immer ihren Namen gibt, ausgerechnet mit den faschistoiden "Freikorps", die die Vorläufer von Hitlers SA waren. Die Freikorps waren ehemalige Soldaten und fanatische Feinde des Sozialismus. Sie terrorisierten die Bevölkerung und töteten unzählige Kommunisten und Demokraten. Sie töteten auch die hervorragenden Anführer der Kommunistischen Partei Deutschlands, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, womit die kommunistische Bewegung in Deutschland geköpft wurde. Ebert soll auch persönlich verantwortlich gewesen sein für die Ermordung seiner ehemaligen Genossen, indem er ihrem Mörder Waldemar Pabst sein Einverständnis zu ihrer Tötung gab.

Das Bündnis der SPD-Führung mit den faschistoiden Freikorps führte aber noch nicht zur Errichtung einer faschistischen Diktatur, sondern zu einer scheinbar demokratischen Diktatur des Bürgertums unter Führung der SPD. Die Freikorps hatten gerade genug Kraft gehabt, um die Arbeiterbewegung zu besiegen, aber nicht genug, um eine eigene Diktatur aufrecht zu erhalten. Also einigten sie sich mit der SPD-Führung bzw. wurden von gemäßigteren Kräften unterdrückt, wo sie zu mächtig wurden. Als Lohn für seine Demokratie verachtende Haltung konnte Friedrich Ebert dann Präsident der Weimarer Republik werden, die auf den Gebeinen der deutschen Räterepublik errichtet wurde. Eine Diktatur des Bürgertums war diese Republik deswegen, weil jeder Versuch, die engen Schranken der bürgerlichen Eigentumsordnung zu überwinden, von Vertretern dieser Ordnung niedergeschlagen wurde. Die Wahl eines Reichtags oder eines Reichspräsidenten konnte dagegen toleriert werden.

Bürgerliche und proletarische Revolution in Deutschland


Die Rätekommunisten schlossen sehr richtige und sehr falsche Ideen aus der Erfahrung mit der deutschen Revolution. Sie betonten ganz zu Recht: Der Charakter der proletarischen Revolution ist ein völlig anderer als der der bürgerlichen Revolution. Die bürgerliche Revolution werde von einigen wenigen Vertretern der bürgerlichen Klasse, die in Parteien organisiert sind, gegen die Reaktion der Feudalherrscher durchgesetzt. Sie sei die Machtergreifung der bürgerlichen Klasse und der Sturz der feudalen Klasse. Das Resultat sei immer die Durchsetzung der bürgerlichen Ordnung mit all ihren Regeln, Gesetzen und Werten. Natürlich sei das Eigentum der Bürger, der Kapitalisten, dabei der höchste Wert. Der bürgerliche Staat nutze für die Aufrechterhaltung dieser Ordnung allerhand Herrschaftstechniken.

Zu diesen Techniken gehören die Anwendung von Polizei, Armee, Geheimdienst, aber auch von Parteien, Parlamenten und Gewerkschaften – allgemein: die bürgerlichen Institutionen. Außerdem gehören zu diesen Techniken noch alle Formen bürgerlicher Ideologie, die so unterschiedliche Bereiche wie Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Religion, Kunst und Familienleben einbezieht. So weit sind die Ansichten der Rätekommunisten gar nicht falsch und bemerkenswert. Andere Schlussfolgerungen der Rätekommunisten sind jedoch nicht nur bemerkenswert, sondern bedenklich und geradezu irreführend.

Wie deuteten die Rätekommunisten die deutsche Revolution ab November 1918? Sie loben die Aufbäumung der proletarischen Klasse gegen das Kaiserreich und den Sturz des Kaisers. Sie feiern natürlich den Aufbau einer Rätemacht und die Ausrufung einer sozialistischen Räterepublik durch Liebknecht. Den Verrat der SPD an dieser Räterepublik verurteilen sie. Die Errichtung der Weimarer Republik war ihrer Argumentation zu Folge kein allzu großer Erfolg für die Arbeiterbewegung, sondern bloß die Ersetzung einer Form der Klassendiktatur durch eine ebenso schlechte. Das Kaiserreich wurde durch eine Republik ersetzt. Aber das Proletariat ist nicht an der Macht geblieben, sondern wurde entmachtet.

Luxemburg und Liebknecht werfen die Rätekommunisten vor, nicht weit genug gegangen zu sein. Sie hätten als Protest gegen den Verrat der SPD keine Kommunistische Partei gründen sollen, sondern eine Arbeiterorganisation, die von bürgerlichen Institutionen radikal verschieden hätte sein müssen. Parteien und Gewerkschaften müssen im Rahmen der bürgerlichen Ordnung bleiben, wie die Ultralinken seit jeher annehmen. Einzig die Räte können demnach die bürgerliche Ordnung herausfordern und stürzen. Einzig die Räte seien die Organisationsform einer sozialistischen Gesellschaft. Daran könne man im Grunde jede Revolution messen. Die SPD habe ja offenbar die Räterepublik und die Rätebewegung niedergeschlagen und die KPD habe schlicht versagt. Die SPD und die KPD seien nämlich von vornherein keine proletarischen Institutionen mit revolutionärem Potenzial gewesen.

Die Niederlage der Novemberrevolution in Deutschland könnte man daher als natürliches Resultat der Unreife der Klassenverhältnisse und als Übermacht der bürgerlichen Institutionen verstehen. Demnach wäre es kein Wunder, dass die Räterepublik schnell erschlagen wurde, da die Arbeiterbewegung von der SPD, einer sich sozialdemokratisch nennenden bürgerlichen Partei, und der KPD, einer sich kommunistisch nennenden bürgerlichen Partei, geführt wurde. Die bürgerliche Führung der proletarischen Bewegung habe also zur Niederlage des proletarischen Revolutionsversuches und zum Sieg der bürgerlichen Revolution geführt.

Da ist was dran, aber dazu später mehr. Kommen wir erstmal zum Ende dieses Artikels. Im nächsten Artikel gehe ich näher auf die russische Revolution und die Kritik der Rätekommunisten an den russischen Kommunisten, den Bolschewiken, unter Führung Lenins ein.

Des Kaisers neue Kleider - eine Filmkritik zu "Inside Wikileaks"

Die übermutigen Cyber-Revoluzzer gegen die übermütigen Kaiser von heute

“Inside Wikileaks” inszeniert ein Drama rund um den “Verrat” von Julien Assange an den Mächtigen dieser Welt. Aber der Film handelt vor allem davon, wie sich ein Held des 21. Jahrhunderts weigert, seine eigene Beschränkung einzugestehen und dabei in scharte Konflikte mit seiner Umwelt gerät.

Der Film beginnt mit einer kurzen Sequenz, in der die Geschichte der Kommunikationstechnologie schnell nachgespielt wird. Das soll wohl die zentrale Frage des Films, zu der ich später zurückkomme, anschaulich machen.

Es folgt eine großartige Inszenierung des heutigen Berlins, das auch im Film von Mate trinkenden Hipstern dominiert wird. Das moderne Berlin ist der Ort, an dem die zwei Protagonisten Julien Assange und Daniel Domscheit-Berg bei einem Meeting von Technikfreaks aufeinandertreffen. Da der Hacker Assange für seinen geplanten Angriff auf die Mächtigen von heute einen Partner benötigt, erklärt er den technisch ebenso begabten Domscheit-Berg kurzerhand zu seinem Schüler. Letzterer fährt mit seinem Cityrad locker-flockig vor seinem Chef durch die Büroräumlichkeiten der IT-Firma, für die er arbeitet. Schon alleine diese Darstellung des hippen Berliner Yuppie-Milieus verdient Hochachtung.

Aber der Film kommt schnell aus der Hipster-Idylle heraus, in der er zunächst noch verharrt. Sobald es zu einer Annäherung an den charismatischen Assange kommt, wird die Atmosphäre düsterer. Bei Unterhaltungen mit seinem jüngeren Partner lässt er erahnen, dass er nicht nur schmerzhafte Erfahrungen mit seiner Familie, sondern auch mit seinen ehemaligen Hacker-Freunden und der Staatsmacht gemacht hat. Die anderen Hacker haben ihn verraten, nachdem sie bei einer staatsfeindlichen Aktion aufgeflogen waren. Er alleine wurde bestraft. Man wird den Eindruck kaum los, dass Assange daher niemandem wirklich vertraut und andere Menschen aus Selbstschutz daher nur noch als Mittel zu eigenen Zwecken nutzt.

Dennoch erscheinen beide Protagonisten als durchaus sympathische Charaktere. Während Domscheit-Berg idealistisch und naiv wirkt, erscheint Assange wie ein abgeklärter alter Hase mit dickem Fell. Aber auch Assange glaubt offenbar fest an gewisse Ideale wie "Wahrheit, Gerechtigkeit, die amerikanischen Werte", wie sogar seine politische Kontrahentin im weißen Haus eingestehen muss. Assange und Domscheit-Berg werden zu erklärten Gegnern des weißen Hauses, weil sie planen, der ganzen Welt mit ihrer Internetplattform "Wikileaks" streng geheime Informationen der US-Geheimdienste bereitzustellen.

Die Relativität von Verrat und Aufklärung

Im Film werden verschiedene Perspektiven zu diesem Vorhaben dargestellt. Die Beteuerungen der Mächtigen in den USA wirken wie die plattesten Diffamierungversuche gegen die neuen Helden des 21. Jahrhunderts. 

Ähnlich wie dem bloßgestellten und verratenen Kaiser im Märchen “Des Kaisers neue Kleider” geht es den Herrschenden der Welt von heute, die durch die Enthüllungssplattform Wikileaks von Julien Assange und weitere “Whistleblower” wie Daniel Domscheit-Berg, Bradley Manning und Edward Snowden bloßgestellt wurden. Diese sollen nun als “Verräter” diffamiert und bestraft werden - ganz so als würde das das Image der Mächtigen retten.

Aussagen wie “Julien Assange ist ein Terrorist” kommen im Film ebenso vor wie der Versuch, den Mord an Zivilisten durch US-Soldaten zu bagatellisieren, den die beiden Protagonisten im Film aufdecken. Die führenden Köpfe im Weißen Haus erklären die Hacker von Wikileaks für gefährlich, weil sie durch Aufdeckung verdeckter Operationen überall auf der Welt Menschenleben in Gefahr bringen.

Andererseits kommt es zur Selbstbejubelung der Film-Helden. So z.B. nach einem aufgedeckten Skandal, wobei unsere beiden Hacker stolz feststellen: “Wir haben eine milliardenschwere Bank platt gemacht.” Assange und sein Partner sind sich der Gefahren und Risiken bewusst, aber sie halten ihre "Mission" für gewichtiger als das Schicksal Einzelner.

Beide Seiten werden gut dargestellt.Der Film veranschaulicht auf diese Weise die Relativität von Verrat und Aufklärung. Es kommt ganz auf den Standpunkt an. Der Film versackt aber nicht in Beliebigkeit. Er betont die historische, beinahe epische Bedeutung dieses Konfliktes zwischen einzelnen Aufklärern und den "Sicherheitsbedürfnissen" ganzer Staaten heute.

Die Dramatik der heutigen Cyber-Revoluzzer

Abgesehen von dem aufklärerischen Gehalt des Films wird vor allem das Drama eines neuen Heldentypus im 21. Jahrhundert, des Cyber-Revoluzzers, überaus eindringlich dargestellt. Die Dramatik der Protagonisten hat mehrere Konfliktlinien

Da ist der Konflikt zwischen Privatem und Aufopferung. Das zeigt sich zunächst am Konflikt zwischen Assange und Domscheit-Berg. Zusammen entlarven sie eine Machenschaft nach der anderen und werden mit jedem neuen Skandal begeisterter von ihrer “Mission”.

Auch in Sachen Gender-Thematik veranschaulicht der Film ein relativ modernes Phänomen: den Konflikt zwischen der modernen Arbeitsdisziplin und der scheinbar gleichberechtigten, lockeren und daher wenig romantischen Beziehung von Mann und Frau. 

Unter dem Gewicht der Besessenheit der beiden “Whistleblower” zerbricht die postmoderne Beziehung des Jüngeren mit seiner Freundin Anke. Obwohl es eine moderne Beziehung zu sein scheint, die beiden relativ viele Freiheiten ermöglicht, geht die Beziehung zugrunde, weil Daniel sich in seine aufklärerische Mission vielleicht zu sehr hineinsteigert. 

Das Päärchen lässt sich sogar von Assange beim Techtelmechtel stören als jener einfach in Daniels Wohnung hinein geplatzt kommt, um ihre "Mission" zu vollenden. Übrigens sieht man Anke praktisch nur in der wohlig warmen Intim-Privatsphäre (oder wie man das bei Hackern nennen mag, die im Privatleben zu Weltrettern werden) rund um das Bett herum.

Außerdem prallen die Egos und Ansichten der beiden Mate trinkenden Helden immer wieder aufeinander. Assange erscheint als “ein manipulatives Arschloch” und Weiberheld, der seinem Partner diese Rolle missgönnt. Zudem wird immer deutlicher, dass Wikileaks für den fiktiven Assange vor allem ein Mittel zur Befriedigung seines Narzissmus geworden ist.

Diese charakterlichen Gegensätze führen zum politischen Zerwürfnis. Denn Assange will alle “Leaks” der Mächtigen unzensiert veröffentlichen, während Domscheit-Berg das für gefährlich hält und sich mit der Redaktion des Guardian auf eine gekürzte Veröffentlichung einigen will, um keine Menschenleben zu gefährden. Mit dem privaten Konflikt vermischt sich also der moralische Konflikt.

Gefährdung von Menschenleben durch Aufklärung wird immer wieder thematisiert. In einer Szene werden Informanten von Wikileaks getötet. Empört kommentiert Assange: nur eine stärkere Öffentlichkeit garantiere Schutz vor den Mächtigen. Assange folgert aus solchen Erfahrungen: “Du kommst nicht weit in dieser Welt, wenn du dich auf andere verlässt.” Auch deswegen steigert sich sein Ego zu unermesslicher Prahlerei: “Ich mache keine Fehler”.

Damit wird trotz der heroischen Mission der Cyber-Revoluzzer ihr Privatleben nicht glorifiziert, sondern wahrscheinlich durchaus realistisch dargestellt, womit wir zum nächsten Thema kommen: zum eigentümlichen Realismus des Films.

Künstlerischer und dokumentarischer Realismus im Film

Der Film stellt die wichtigste Frage am Anfang des 21. Jahrhunderts: Wie kann die “fünfte Gewalt”, d.h. der Lobbyismus der Reichen und Mächtigen, mit einer Demokratisierung der Meinungshoheit einhergehen? Anders als die unausgeschlafenen Kritiker in ZEIT, SZ, Spiegel und taz behaupten, traut sich der Film sehr wohl, eine Antwort auf diese Frage zu geben. In der faz wird das auch anerkannt, wobei jedoch die überzeugende schauspielerische Darstellung der Charaktere als "Anmaßung" verurteilt wird. Dass diese Anmaßung gerechtfertigt ist, zeigt die Botschaft, die Assange im Film fast (!) wörtlich so übermittelt:
"Niemand sagt dir je die Wahrheit. Wenn du die Wahrheit suchst, geh los und such sie. Genau davor haben die Reichen und Mächtigen Angst. Vor dir! Es dreht sich alles um dich!"
Wenn die Kritik in der Berliner Zeitung mahnt, der Film sei “gefährlich”, weil “er fiktive Ereignisse mit realen Videomitschnitten vermengt”, dann ist teils zuzustimmen. Aber es ist sicher übertrieben, wenn man meint, dieser Streifen sei “ein sehr perfider Propagandafilm” gegen Assange und Wikileaks.

Man sollte zwar die Kritik des echten Assange am Film kennen, aber diese ist vor allem eine politische, keine ästhetische. Ja, der Film ist fiktiv. So what? Wäre es ein Propagandafilm, dann hätte man Assange nicht als visionären und charismatischen Idealisten dargestellt, dessen Taten von größter historischer Bedeutung sind. Auch dass Domscheit-Berg in Wirklichkeit anders zu Assange stand, kann dem Zuschauer zunächst ziemlich egal sein.

Obwohl der Konflikt zwischen dem Ego von Assange und Domscheit-Berg im Vordergrund des Films steht, ist er nicht sein Hauptmotiv. Das ist viel mehr die Lage der Cyber-Revolutionäre, die in bisher wenig dargestellte Gefahren geraten, die sie mit eigenen Mitteln überwinden müssen. 

Der Film versucht, diese Dimension des Themas auch visuell darzustellen. Digitale Daten werden als Unmengen von beschriftetem Papier dargestellt, dass in absolute Unübersichtlichkeit gerät. Die Verschlüsselungstechniken und Firewalls der Hacker werden durch Multiplikation der Hacker und ihrer Ausrüstung an undefinierbaren Orten dargestellt. Die Mobilität der Hacker wird durch Split-Screening und schnelle Bildwechsel veranschaulicht. Das sind zumindest einige Effekte, mit denen sich der Film bemüht, die Raum- und Zeitlosigkeit der neuen Medien zu erfassen.

Der Film “Inside Wikileaks” ist vor allem ein Spielfilm. Ein Spielfilm ist keine “realistische” Doku. Er soll eine fiktive Handlung darstellen, die uns beeindruckt, uns gedanklich oder emotional provoziert, die uns etwas über die fiktive Welt und über unsere Welt sagt. Und wenn er über unsere reale Welt aufklärt, muss er es aber nicht dokumentarisch oder naturalistisch tun. 

Es reicht, wenn die Rezipienten des Films in die richtige Richtung gestoßen werden. Von da aus können sie hoffentlich selbstständig zu einer realistischen Kritik des Films navigieren. Er ist damit weder völlig von der Realität losgelöst, noch an eine ganz bestimmte Darstellung gebunden. Er muss uns etwas über die Realität sagen können, aber er muss nicht im Detail alle Fakten auf bestimmte Weise anordnen. Deswegen ist der Film keineswegs ein perfider Angriff auf Assange, obwohl die Handlung des Films auf zwei Assange-kritischen Büchern beruht.

Ein filmisches Märchen über die neuen Kleider der heutigen Kaiser

Dieser Film ist zwar keine Doku und an vielen Stellen ändert er die bekannten Tatsachen einfach um. Er basiert auf dem Inhalt von zwei einschlägigen Büchern, die wohl einseitig darüber berichten, was gerade auch den echten Assange dazu gebracht hat, gegen den Film zu protestieren. Aber der Film erfasst dennoch ein wichtiges Thema der heutigen Gesellschaft.

“Inside Wikileaks” ist ein filmisches Märchen über die transparenten Kleider von “Präsidenten, Königen, Despoten”. Kein Zuschauer des Films kann an der neuen Realität des Informationszeitalters vorbeigehen ohne sich zu positionieren. Der Gegensatz zwischen der fünften Gewalt, dem Lobbyismus der Mächtigen, und der vierten Gewalt, der demokratischen Öffentlichkeit, ist nicht mehr zu leugnen. Sogar die heutigen “Kaiser” müssen sich heute öffentlich rechtfertigen. Ihre dreckigen Geheimnisse wurden auf dramatische Weise auch durch diesen Film verraten.

Im Film geht es um “fähige Menschen mit Format, die was bewegen” und die mit zunehmender Erfahrung “irgendwann eigene Vorstellungen” entwickeln, selbst wenn sie von den “Tyrannen dieser Welt” dafür diffamiert werden, wie der fiktive Assange sinngemäß sagt. Allerdings wird in “Inside Wikileaks” auch deutlich, wie wenig Macht auch ein Assange im Alleingang hat. Die Lösung für diese Ohnmacht nennt der fiktive Assange im Film mehrfach beim Namen: “Revolution”.

Staat und Demokratie heute

„Aber die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.“ (Karl Marx)

Die „fertige Staatsmaschinerie“

Die „fertige Staatsmaschinerie“, ein Haufen von Menschen, die mit Handschellen, Strafgesetzbüchern und Gewehren bewaffnet sind; ein Haufen von Menschen, die in Panzern, im Anwaltsbüro oder in der Regierung sitzen; ein Haufen von Menschen, die andere Menschen von Politik abhalten, den Lebensstandard anderer Menschen künstlich senken und ihre Forderungen nach mehr Demokratie, Freiheit und eigenen Zwecken bekämpfen; schließlich ein Haufen von Menschen, die die ökonomische Ausbeutung einer Bevölkerungsklasse durch die andere mit politischen Mitteln sicherstellen.
Wenn Marx davon spricht, dass die Arbeiterklasse - diejenigen Menschen also, die lohnabhängig sind und für die Kapitalistenklasse das Kapital erarbeiten sollen - diese fertige Staatsmaschinerie nicht „einfach“ so in Besitz nehmen und für ihre eigenen Zwecke nutzen kann, dann meint er damit, dass zuerst die Beziehung der Bevölkerung zum Staat verändert werden muss.

Staatsgewalt gegen Protest

Der fertige Haufen von Staatsdienern ist für gewöhnlich anderen Interessen als den Interessen der breiten Bevölkerungsmassen verpflichtet. Dieser Haufen rettet immer wieder die Banken vor dem Pleitegang. Er senkt dafür den Lebensstandard seiner Bevölkerung, oder der Bevölkerung anderer Staaten - wie der deutsche Staat es z.B. gegenwärtig mit der griechischen, zypriotischen und portugiesischen Bevölkerung tut und später ähnlich wohl mit der deutschen Bevölkerung tun wird. Er unterdrückt Proteste nicht nur gegen Mubarak, Mursi, Assad und Putin mit körperlicher Gewalt, sondern auch solche gegen „Stuttgart21“, aber auch Anti-Nazi-Blockaden und Krisenproteste.

Der demokratische Arbeiterstaat

Bevor die Staatsmaschinerie von der Arbeiterklasse in Besitz genommen werden kann, muss die Arbeiterklasse eigene Organe der Demokratie schaffen, in denen nicht der alte fertige Haufen Staatsdiener dominiert, sondern die demokratischen und die progressiven Kräfte. Diese Organe stellen, sobald sie die alte fertige Staatsmaschinerie herausfordern, einen eigenen Staat dar. Dieser demokratische Staat ist die einzige Organisation, die zukünftig die„die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“, durchsetzen kann. Er ist die Kristallisation dieser Bewegung und der bereits bestehenden Staatsmacht ein Dorn im Auge. Deswegen die Unterdrückung spontanen Protests, deswegen die Geheimdienste, deswegen die Beschneidung von bürgerlichen Freiheiten, die Deckung faschistischer Kräfte und die ganzen V-Männer und V-Frauen in linken Zusammenhängen.
Die fertige Staatsmaschinerie war für Marx eine zu überwindende Schranke für die Demokratie. Und sie ist es noch immer für uns und unsere Demokratie.

Die Definition des Kommunismus bei Marx


„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt Bestehenden Voraussetzung.“ (Marx/Engels)

Das war ausgerechnet die Definition des Kommunismus bei den Oberkommunisten Marx und Engels. Wie kommt denn sowas? Der Kommunismus sei also kein Ideal, wonach sich die Wirklichkeit zu richten habe? Sind denn die Kommunisten nicht Utopiker, die eine ideale Gesellschaft verwirklichen wollen?


Kommunismus keine Utopie?


Immer wieder wird den Kommunisten gleichzeitig vorgeworfen, utopisch, idealistisch, unrealistisch, unwissenschaftlich und natürlich unmoralisch zu sein. Ihre Ideen seien höchstens schöne Ideen, die aber nie und nimmer durchführbar seien. Der Mensche sei unfähig, solch utopische Ideen durchzusetzen. Die Gesellschaft funktioniere nun einmal nicht so wie die Kommunisten es sich wünschen. Außerdem würden die Kommunisten immer die schöne Idee von der schrecklichen Praxis getrennt werden. Man müsse ja nur in die UdSSR, nach China, Nordkorea oder Kuba blicken etc. blabla. Der Kommunismus sei also im besten Fall eine schöne unrealistische Idee, im schlimmsten Fall eine dumme Idee, die unbedingt zu schrecklicher Realität führen müsse. Entweder sinnlose Phantasterei also oder Terror, Diktatur, Totalitarismus, instrumentalisierte Kultur und Verarmung der ganzen Gesellschaft.

Kommunistische Utopien


Marx und Engels lehnten diese Ansichten ab. Sie brachten aber auch die besten Argumente gegen diese Vorstellungen von Kommunismus. Vor dem Marxismus gab es den sogenannten "utopischen Sozialismus" von Babeuf, Saint-Simon, Fourier und Owen. Marx und Engels kritisierten diese Sozialisten als utopisch, weil sie tatsächlich den Kommunismus als „ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten“ habe betrachteten. Entsprechend versuchten sie, die kommunistische Gesellschaft im Voraus im Alleingang zu skizzieren. Fourier ging so weit zu sagen, die zukünftige Gesellschaft müsse in landwirtschaftliche Gemeinschaften von je genau 1620 Menschen eingeteilt werden. Auch der Alltag wurde teils von diesen Theoretikern im Voraus entworfen. Die utopischen Sozialisten hatten aber keinen anderen Weg zu ihrem Ideal als es anderen Menschen vorzuschreiben. Sie sahen den Kommunismus eben nicht als „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ Diese Mängel der utopischen Sozialisten wurden von den Marxisten behoben.

Die wissenschaftliche Kritik des Kapitalismus


Marx und Engels analysierten den Kapitalismus und seine Widersprüche hingegen wissenschaftlich. Aus diesen Widersprüchen ergab sich ihr Verständnis des Kommunismus als wirkliche Bewegung im Gegensatz zu den utopischen Vorstellungen des Kommunismus. Indem der Kapitalismus ständig Menschen ökonomisch ausbeutet und verlendet und indem der kapitalistische Staat die Menschen unterdrückt und die Demokratie arg beschränkt, provoziert der Kapitalismus immer wieder auch Widerstand. Die Menschen sehen, dass sie Reichtum produzieren, aber nur wenig davon abbekommen. Sie sehen, dass sie in einer Demokratie leben, die immer weniger Teilhabe ermöglicht. Sie wünschen sich eine gerechtere Reichtumsverteilung und eine demokratischere Gesellschaft. Und sie kämpfen für Umverteilung und Demokratie. Genau diese Wünsche und ihr Kampf sind die wesentlichen Gründe dafür, den Kommunismus als die wirkliche Bewegung zu verstehen.

Selbstbefreiungskämpfe im Kapitalismus = Kommunismus


Diese Bewegung existiert tatsächlich schon in der kapitalistischen Gesellschaft. Jeder Kampf um bessere gesellschaftliche Verhältnisse, um gesellschaftlichen Fortschritt ist also „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ Es ist dabei nachrangig, ob es Kommunisten, Sozialdemokraten, diskriminierte Homosexuelle, sexistisch unterdrückte Frauen oder sich für unpolitisch haltende Menschen in der „Occupy“-Bewegung sind, die da kämpfen. Entscheidend ist, dass sie unabhängig davon, was sie kurzfristig und bewusst wollen, Selbstbefreiungskämpfe führen. Genau diese Kämpfe heben die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft auf. Wenn sich die Menschen von Klassengesellschaft, Ausbeutung, Verelendung, staatlicher Unterdrückung und der Beschneidung der Demokratie befreien, dann machen sie Kommunismus. Daher versuchen Kommunisten all solche Kämpfe zu unterstützen, die zu mehr Freiheit führen. Dass das nicht immer klappt, wie gewollt, darf ruhig Thema eines anderen Artikels sein. ;)

„Pars pro Toto“



„Geh doch nach drüben!“  
(Der Alltagsdogmatiker auf der Straße oder in der WG zum Kommunisten)

„Das Wahre ist das Ganze“  
(Georg Wilhelm Friedich Hegel)


"Pars pro Toto" als bürgerliche Ideologie


In diesem Aufsatz wird ein wichtiges ideologisches Problem behandelt: die Verabsolutierung, das heißt, die Übertreibung der Bedeutung des Teils gegenüber der Gesamtheit einer Sache. Der Teil wird dabei wie die Gesamtheit behandelt, obwohl er eben nur ein Teil ist. Dieses „Pars pro Toto“ dient der herrschenden bürgerlichen Ideologie als Verschleierungsmittel.

Der ach so böse Mensch


„Der Mensch ist zu schlecht/böse/egoistisch/dumm/faul“ für eine bessere Gesellschaft, sagen resignative Menschen den Linken so gut wie immer in belehrendem Ton, sobald es zu einer Diskussion kommt, die länger dauert als ein Werbespot und gefälligst ein Ende finden soll. Das ist ein klassisches und häufiges Beispiel der Verabsolutierung eines Teils unter Verschleierung der Gesamtheit. Die ganzen guten Seiten des menschlichen Tuns werden kurzsichtiger Weise ausgeblendet. Übrig bleibt dann natürlich nur noch das Schlechte am Menschen. Das empirische Faktum, dass die Menschen sich gegenwärtig und auch historisch nicht immer allzu gut behandelt haben, wird so verabsolutiert. Eine Teilwahrheit wird zur absoluten Wahrheit gemacht. Damit wird aber die Wahrheit durch Unwahrheit, durch Unsinn oder Lüge ersetzt. Krass dabei ist, dass sehr viele Menschen darin die ewige und sehr tiefe Wahrheit erkennen wollen. Die Phrase über den Menschen, der unfähig zu Besserem sei, dient der Selbsttäuschung und Täuschung Anderer. Sie ist Teil des notwendig falschen Bewusstseins der Menschen im Kapitalismus, die nicht wirklich an der Verbesserung und am Fortschritt der Gesellschaft teilnehmen. Sie rationalisieren durch diese Ideologie ihre eigene und die allgemeine gesellschaftliche Misere im Kapitalismus.

Stalinismus = Kommunismus?


„Was, du bist Kommunist? Dann geh doch nach Nordkorea! Dann weißt’ Bescheid, wie der Kommunismus aussieht!“, wird dem Kommunisten auch oft von im Gesicht ganz rot angelaufenen Dumpfbacken an den Kopf geworfen. Früher wurde statt des Wortes „Nordkorea“ das Wort „drüben“ für die DDR benutzt. Das Argument ist einfach: einmal schlecht, immer schlecht. Der Ostblock samt seinen ganzen „demokratischen Republiken“, „Volksrepubliken“ etc. wird nicht nur fälschlicherweise für Kommunismus gehalten, sondern er wird auch noch als zwangsläufiges Resultat jedes Revolutionsversuches dargestellt. Den Kommunisten wird dann davon ausgehend vorgeworfen, sie wollten wie im Ostblock Terror, Gewalt, Armut für alle und Unfreiheit durchsetzen. Zunächst scheint das Argument einleuchtend zu sein, aber eigentlich ist es genauso plump wie etwa im Jahre 1800 die Behauptung, dass Menschen nie fliegen würden können oder im Jahre 1400 die aristokratische Behauptung, dass Demokratie nicht möglich sein würde. Es gibt viele solcher Argumente, die eigentlich so oberflächlich sind, dass sie nicht wirklich als Argumente gelten können. Sie sind eher Ausreden denkfauler oder naiver Menschen. Als solche Ausreden sind sie aber notwendig ideologischer Schein der am Fortschritt unbeteiligten Menschen.

Die beste aller Welten?


„Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln“, sagte der Philosoph Karl R. Popper, ein ausgemachter Neoliberaler und Antikommunist. Auch sein Argument verabsolutiert die Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit. Bisherige sozialistische Versuche einer Verbesserung der Gesellschaft und ihr Scheitern werden als ganz natürlich dargestellt, so als wäre das Scheitern der sozialistischen Revolution ein Naturgesetz. Zwei weitere Kniffe wendet Popper in seinem Satz an: er verweist auf die bisherige blutige Vergangenheit der angeblichen Weltverbesserer, um von vornherein eine zukünftige weltverbessernde Umwälzung auszuschließen. Außerdem übertreibt er, indem er nicht von der Verbesserung spricht, sondern davon ein „Himmelreich auf Erden“ zu verwirklichen. Das muss natürlich unrealistisch sein. Kommunisten erscheinen so wahlweise als völlige Idioten, naive Narren oder böswillige Terroristen. In jedem Fall erscheint die Utopie einer besseren Gesellschaft unverwirklichbar.

Teilwahrheiten und die Wahrheit


Das sind nur drei Beispiele von vielen vielen anderen Möglichkeiten, eine Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit zu machen. Will man der Wahrheit nahe kommen, muss man solche Verabsolutierung des Einzelfalls meiden und aufdecken, wo sie besteht. Denn wie Hegel richtig meinte: „Das Wahre ist das Ganze“ und nicht etwa der Teil, der allein genommen und vom Ganzen abgekapselt bloß eine Unwahrheit ist. Diese Art Unwahrheit ist "notwendig falsches Bewusstsein" im Marxschen Sinne, da der gewöhnliche Mensch die kapitalistische Gesellschaft und ihre komplizierten Teilaspekte für gewöhnlich nicht durchschauen kann. Die Undurchsichtigkeit des Kapitalismus liegt in seinem Wesen. Klassenspaltung, Arbeitsteilung, Staat und ideologische Funktionen sind so organisiert, dass der einfache Mensch sehr viel Zeit benötigt, um das Funktionieren des Systems und die Bedingungen für dessen Ende zu durchschauen. Ihm erschließen sich Teilaspekte relativ schnell und klar, aber das Ganze bleibt ihm meist schleierhaft. Solange sich bei den Menschen kein Bewusstsein ihrer Lage und kein fortschrittliches Klassenbewusstsein im Kampf um die eigenen Interessen entwickelt, bleibt ihnen dieses Ganze, das Wahre, verschlossen.

Die Erkenntnis des Ganzen und die bessere Gesellschaft


Die ideologische Funktion der Phrasen zu Ostblock, Menschennatur und Utopismus von „Gutmenschen“ etc. ist es, die Kritik am Kapitalismus zu beschränken, möglichen Widerstand zu brechen und den status quo zu bewahren. Erst ein Ausbruch aus dem Glauben an solche Phrasen und aus der bürgerlichen Ideologie ermöglicht die Erkenntnis des Ganzen und seine Überwindung hin zu einer besseren Gesellschaft. Vorher wird eine wirklich bessere Gesellschaft natürlich nicht möglich sein. Denn von nichts kommt nichts.

Chinas eigentümlicher Kapitalismus - eine Buchrezension

Ein Buch mit bestechender Argumentation

Was auf den ersten Blick wie eine merkwürdige Mischung aus entfesseltem Raubtier-Kapitalismus und kommunistischer Parteidiktatur aussieht, ist in Wirklichkeit eine Form des „staatlich durchdrungenen Kapitalismus“. So charakterisiert Tobias ten Brink das gegenwärtige System Chinas, das sich seit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 entwickelt habe.

Der Politologe untersuchte Chinas Wirtschaft am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und im Rahmen mehrerer Forschungsreisen. Hauptziel seiner Untersuchung war Analyse und historische Rekonstruktion der wesentlichen Triebkräfte der chinesischen Gesellschaft.

Das Ergebnis seiner Forschung klärt über verbreitete Missverständnisse auf und schließt Lücken in der bisherigen Chinaforschung. Das Buch gehört zweifellos zum Besten, was in den letzten Jahren über den Aufstieg Chinas erschienen ist. Die Argumentation des Autors besticht.

China als „staatsbürokratische Klassengesellschaft“

Demnach war China nie kommunistisch, obwohl es von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) regiert wird. Die KPCh kam zwar im Jahre 1949 mit Hilfe von unzähligen Millionen Bauernsoldaten an die Macht. Im Grunde entwickelte sich seither aber unter der nationalistisch gesinnten Entwicklungsdiktatur Mao Zedongs bis zu dessen Tod 1976 eine „staatsbürokratische Klassengesellschaft“. Das war keineswegs die „Demokratisierung der Macht“ oder die „Auflösung von Herrschaft“, die sich die Kommunisten anfangs erhofften.

Stattdessen blieb China weiterhin eine ungleiche Gesellschaft mit systematischer Unterdrückung und einer eigenartigen herrschenden Klasse in Mao-Anzügen. Es habe sich zunächst also einerseits ein staatlich durchdrungener „Proto-Kapitalismus“ herausgebildet, in dem typisch kapitalistische Zwänge und Triebkräfte wirkten. Andererseits war die maoistische politische Ökonomie bei weitem nicht so zentralisiert wie bis heute oft unterstellt wird. Vielmehr habe eine „Plan-Anarchie“ bestanden, in der zwischen bürokratischen Machtzentren ähnliche Konkurrenzverhältnisse um Ressourcen und immaterielle Vorteile bestanden wie in Marktwirtschaften.

Weiterhin räumt ten Brink mit der Vorstellung auf, China habe sich zu irgendeinem Zeitpunkt vom Rest der Welt isoliert entwickelt. Schon das chinesische Kaiserreich war in das globale Staaten- und Wirtschaftssystem integriert und konnte sich aus ihm nie mehr herauslösen. Selbst nach dem Bruch mit der Sowjetunion in den 50ern und in der Kulturrevolution war China nicht von den typischen Zwängen der kapitalistischen Umwelt abgekoppelt.

Eindrucksvoll weist ten Brink sodann nach, dass der Reform- und Öffnungsprozess, der nach Maos Tod 1976 von seinem Nachfolger Deng Xiaoping eingeleitet wurde, nicht allein aufgrund einer innerchinesischen Krise aufkam. Dengs Reformen waren vielmehr Teil der weltweiten Umstrukturierung des Kapitalismus im Gefolge der Weltwirtschaftskrise in den 70ern.

China als Resultat einer einmaligen historischen Konstellation

Anders als einseitige Ansichten über die Reform-Ära stellt ten Brink weitere wichtige Punkte heraus: Die Reformen waren kein völliger Bruch mit der maoistischen Planwirtschaft hin zu einer kapitalistischen Marktwirtschaft, sondern bloß eine graduelle, wenn auch tiefgreifende Transformation.

Auch die Vorstellung, wonach die Liberalisierung der Wirtschaft mit einer Fortdauer der KP-Herrschaft unvereinbar sei, entkräftet er. Die KPCh sitzt noch immer trotz aller Stolpersteine auf dem eingeschlagenen Reformpfad fest im Sattel. Sie vermochte es sogar, die neue private Unternehmerschaft als Fraktion der herrschenden Klasse zu absorbieren und die Mittelschichten zufrieden zu stellen. Eine marktförmige Organisation der Wirtschaft lässt sich also durchaus zumindest über mehrere Jahrzehnte mit einer Einparteiendiktatur vereinbaren. Das gegenwärtige Regime sichert sich unter anderem durch “privat-öffentliche Beziehungsnetzwerke” hinter den Kulissen die Loyalität seiner Politkader ebenso wie die der Privatwirtschaft. Die Privatwirtschaft führt in China demnach keineswegs zu einer Demokratisierung.

Andererseits widerlegt ten Brink die in Presse und Populärwissenschaft häufige Verherrlichung des chinesischen Entwicklungsmodells. Er stellt heraus, dass der sagenhafte Erfolg Chinas mit einem jahrzehntelangen BIP-Wachstum von knapp 10% nicht die alleinige Leistung einer genialen Machtelite, sondern vor allem das Resultat einer einmaligen historischen Konstellation war. Die Überakkumulation von Kapital machte es für die westlichen Kapitalisten notwendig, Investitionen in Länder mit günstigen Akkumulationsbedingungen zu tätigen. „Mehr als in anderen Schwellenländern wie Indien, Brasilien, Mexiko oder Russland boten entwickelte Infrastrukturen und prosperierende ‚supply chain cities‘ politische Stabilität und die guten Erfahrungen der Überseechinesen Gründe dafür, in China zu investieren.“ China wurde seit den 1980ern mehr und mehr zur Goldgrube für westliche Investoren. Das förderte die Exportorientierung Chinas, sodass es mittlerweile den Exportweltmeister Deutschland überholt und die Welt mit Produkten „made in China“ überschwemmt hat.

Aber Chinas Exportismus erforderte zugleich eine arbeitsintensive und billige Produktion, was wiederum zu zentralen Widersprüchen der chinesischen Wirtschaft führen musste. Neben seiner globalen Perspektive, die den methodischen Nationalismus anderer Analyserahmen überwindet, ist gerade die Betrachtung der Widersprüche der politischen Ökonomie Chinas eine Hauptstärke ten Brinks.

Die Widersprüche der politischen Ökonomie Chinas

Er stellt überzeugend dar, wie die drei zentralen Akteure der politischen Ökonomie – Unternehmen, staatliche Agenten und Industriearbeiter – ihre Gesellschaft in sozialen Konflikten umformen. Vor allem der Einfluss der Arbeiter auf Staat und Wirtschaft wird bei anderen Autoren oft vernachlässigt. Ten Brink dagegen zeigt, wie die Arbeiter im Konflikt mit staatlichen und privaten Akteuren für ihre Rechte kämpften.

Zugleich weist er auf eine besondere Problematik der Arbeitsbeziehungen in China hin. Denn die staatliche Einheitsgewerkschaft repräsentiert die Interessen der Arbeiter weniger als die des Staates und der Unternehmer. So könne von einem „Tripartismus mit vier Parteien“ gesprochen werden, wobei staatlichen, unternehmerischen und gewerkschaftlichen Akteuren institutionalisierte Kanäle der Interessenartikulation zur Verfügung stehen, den Arbeitern dagegen kaum.

Dieser Mangel ist einer der Gründe, weshalb die Interessen der Arbeiter sich jährlich in über 200.000 eruptiven Massenprotesten niederschlagen müssen. Die teils gewalttätigen Arbeiterproteste verweisen auf “die Grenzen der Subordination” und der Integration in das gegenwärtige System. Denn das Wachstum der Volksrepublik lässt sich nur mit dem Niederdrücken der Arbeiterlöhne und der Unterdrückung der Arbeiterproteste aufrechterhalten. Die Arbeiter hingegen fordern immer drängender und erfolgreicher ihre Rechte ein. Auch weitergehende Forderungen nach Lohnsteigerungen und Demokratisierung werden lauter.

Eine Alternative für die demokratische Marktwirtschaft?

Chinas kapitalistische Entwicklung stellt die Welt vor neue Probleme. Nicht nur bricht sie mit gängigen Vorstellungen davon, was Kapitalismus sei, sondern sie droht auch die wohlfahrtsstaatlichen und demokratischen Formen des Kapitalismus selbst zu verdrängen. Das chinesische Modell erscheint sicherlich nicht wenigen Vertretern der Eliten im krisengeschüttelten Westen als Alternative für das eigene wohlfahrsstaatliche Modell des Kapitalismus. Das chinesische Modell ist das eines weitgehend krisenresistenten Kapitalismus, der den Eliten saftige Profite sichert, den Mittelschichten Stabilität und Aufstiegschancen verspricht und die Forderungen von unzufriedenen Arbeitern mit autoritären Mitteln eindämmen kann. Chinas Kapitalismus ist daher ein integraler Bestandteil der Weltgesellschaft, der uns alle betrifft.

Der obige, leicht veränderte Text ist hier zuerst erschienen:
http://diefreiheitsliebe.de/allgemein/chinas-eigentuemlicher-kapitalismus

Tobias ten Brink: Chinas Kapitalismus. Entstehung, Verlauf, Paradoxien, Frankfurt/New York: Campus 2013. http://www.campus.de/wissenschaft/soziologie/Chinas+Kapitalismus.101716.html