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Samstag, 23. Juli 2016

Warum "Apocalypse" trotz allem kein Epos ist

"X-Men: Apocalypse" hat formal nahezu alles, um als "episches Werk" von heute durchzugehen. Trotz allem ist es kein (post)modernes Film-Epos. Das entscheidende Kriterium fehlt.

Dieser Film bietet epische Helden und ihre Schlachten, eine epische Handlung und Moral, epische Mythologie, epische Musik, Akustik und Szenerie - und fast alles andere, was man episch nennen darf. Alles an dem Hollywood-Blockbuster ist episch, außer die Rezeption.

Ein Kinogänger wird vielleicht begeistert oder zumindest beeindruckt aus dem Film herausgehen. Er wird womöglich sogar mit dem für ein Epos typischen Staunen an den Film zurückdenken. Die großen Heldinnen und Helden des Werks werden uns als strahlende Vorbilder in Erinnerung bleiben. Wir haben Teil an ihrem übermenschlichen Wagemut und ihrer grenzenlosen Tugend.

Und doch ist dieses fabelhafte Werk noch kein Epos. Denn dazu gehört nicht nur das Werk, sondern auch das entsprechende Publikum. Das eigentliche Epos ist eine dialektische Beziehung zwischen dem epischen Werk und der heldenhaft gesinnten Anhängerschaft des Geistes, von dem das Werk erzählt.

http://www.filmfutter.com/wp-content/uploads/2015/12/XMenApocPoster1.jpg
Bild von: www.filmfutter.com
Und das Publikum von "Apocalypse" ist allgemein ganz weit davon entfernt, auch nur im geringsten heldenhaft gesinnt zu sein: Man geht als neugieriger Konsument einer filmischen Ware ins Kino und kommt als gesättigter wieder heraus, um wieder brav dem sinnlosen Leben des Biedermeiers zu frönen. Die Erinnerung an die heldenhafte Fiktion des Films bleibt, aber die eigentlich epische Wirkung, die ein episches Werk zum Epos macht, fehlt völlig. Daran ist aber nicht der Film Schuld.

Das epische Publikum und seine Rezeption gibt es nur da, wo es einen epischen Weltzustand gibt, eine revolutionäre Situation. Da dieser Zustand für die meisten Filmkonsumenten nicht gegeben ist und kaum einer von uns je zum Helden wird, kann also auch bei "Apocalypse" nicht von einem Epos geredet werden. Ein wirkliches Epos für unsere Zeit muss erst noch durch einen revolutionären Aufbruch möglich werden. 

Soll heißen: Erst wenn draußen vor dem Kino die Barrikaden stehen, wenn sich die Massen zur revolutionären Heldentat entschieden haben, wenn Polizeistationen brennen und die korrupten Politiker ins Ausland fliehen, wird ein echtes filmisches Epos möglich sein. Im Grunde können nur reale Helden Teil eines epischen Publikums sein. In Deutschland ist ein Epos daher unwahrscheinlich. Die Deutschen sind keine Helden, sondern wundern sich nach dem Kinobesuch mit dem gewohnten Schafsblick über jede epische Fantasterei.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Große Geister und Kleingeister

Große Denker werden spätestens nach ihrem Tod meist entsetzlich entstellt oder vollkommen vergessen. Alles von Format wird formatiert, alles mit Bedeutung umgedeutet. Das geschieht solange bis die Wurzel, der Kern, das radikal Neue an einem Gedanken genauso langweilig gemacht wird wie das lange schon Gewohnte. Der radikale Inhalt wird entleert und entsorgt. Bloß die Hülle bleibt. Es ist wie mit einer Wohnung, von der bloß die Fassade übrig bleibt, während die persönliche Innenarchitektur meist schwindet, sobald ein neuer Geist die Wohnung bezieht.

Die kafkaeske Verwandlung 


Solche Umwandlung ist normal in der Klassengesellschaft, aber in der kapitalistischen Klassengesellschaft nimmt dieser Umwandlungsprozess geradezu perverse, kafkaeske Züge an.

Die Verwandlung von Franz Kafka stellt diese hässliche Wahrheit ganz schön dar. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Obwohl Gregors Kern als geliebter Sohn der Familie Samsa derselbe geblieben ist, verwandelt er sich für seine Familie in ein ekelhaftes Ungeziefer. Er wird damit in eine neue Hülle gesteckt, die mit seinem Kern nicht mehr viel gemein hat. Zugleich gewöhnt sich die Familie an die neue Hülle Gregors, nur um aus ihm am Ende einen toten Hund (oder Käfer) zu machen.

Hegel, ein toter Hund?


Hegel, der größte Denker unter den Deutschen Idealisten des 19. Jahrhunderts, wurde wie so viele große Denker zum toten Hund erklärt - und das schon zu Lebzeiten! Denn wer die lebendigen Gedanken eines großen Denkers sterilisiert, der behandelt auch den Denkern wie einen kastrierten Hund, der kein Leben mehr schaffen kann. ;-)

Marx hat sich über diese Behandlung Hegels zurecht empört. Ein längeres Zitat mag veranschaulichen, was gemeint ist:

"Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des 'Kapital' ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als 'toten Hund'. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken."

Seht ihr tote Hunde?


Wie mit Hegel ging man dann auch mit Marx um, sobald er tot war. Aus einer lebendigen Philosophie des größten revolutionären Denkers bis heute wurde ein Idiot gemacht. Man brachte Phrasen über das Hineinwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus, über staatliche Allheilmittel und über die naturgesetzliche Unvermeidbarkeit des Kommunismus. Mit Marx hatten diese Ideen nicht mehr viel zu tun. Sowohl die Sozialdemokraten wie auch die Stalinisten "verhundsten" Marx auf solche Weise.

Aber ihre Regierungsgewalt überwältigte auch die schärfsten Kritiker diese Idiokratien, dieser Regierungen der Idioten. Rosa Luxemburg wurde 1919 mit Hilfe der SPD-Bonzen erschossen, Trotzki wurde 1940 von einem Agenten Stalins mit dem berühmten Eispickel erschlagen und Chen Duxiu wurde 1929 für Stalins völliges Versagen in China aus der Kommunistischen Partei Chinas ausgeschlossen, sodass er 1942 relativ ohnmächtig sterben musste. Auch Adorno, Brecht, Einstein, Gramsci, Luxemburg, Marcuse, Zetkin etc. bellten zu laut. Sie alle wurden im Anschluss wie tote Hunde behandelt. Man wollte sie einschläfern, um sie dann auszustopfen. Denn der radikale Kern dieser Denker war gemeingefährlich.

Das ist dem klügeren, gemeinen Bürger bewusst. Er weiß, dass sie die Gemeinheit des Bürgers gefährdeten. Denn sie kritisierten die bestehenden Verhältnisse, die Zwänge, die Unfreiheit, die Unterdrückung, Knechtung, Ausbeutung durch das Bürgertum. Man musste diese Hitzköpfe kalt stellen. Dafür mussten sie also begraben und totgeschwiegen werden. Und wo sie nicht totgeschwiegen werden konnten, hat man sie in totlangweiligen Sendungen totgesagt oder in Grund und Boden geschimpft.

Doch Totgesagte leben länger. Und die Gespenster großer Denker lasten wie ein Alp auf den Schultern der bürgerlichen Gesellschaft. Und sie spuken noch immer, um die Bourgeoisie in Angst und Schrecken zu versetzen.

"'Elwood' wurde 2007 zum 'hässlichsten Hund der Welt' gewählt.
Jetzt ist der Mix aus Chinesischem Schopfhund und Chihuahua gestorben",
so die BILD-"Zeitung", das dreckige Kampfblatt



Freitag, 8. November 2013

„Pars pro Toto“



„Geh doch nach drüben!“  
(Der Alltagsdogmatiker auf der Straße oder in der WG zum Kommunisten)

„Das Wahre ist das Ganze“  
(Georg Wilhelm Friedich Hegel)


"Pars pro Toto" als bürgerliche Ideologie


In diesem Aufsatz wird ein wichtiges ideologisches Problem behandelt: die Verabsolutierung, das heißt, die Übertreibung der Bedeutung des Teils gegenüber der Gesamtheit einer Sache. Der Teil wird dabei wie die Gesamtheit behandelt, obwohl er eben nur ein Teil ist. Dieses „Pars pro Toto“ dient der herrschenden bürgerlichen Ideologie als Verschleierungsmittel.

Der ach so böse Mensch


„Der Mensch ist zu schlecht/böse/egoistisch/dumm/faul“ für eine bessere Gesellschaft, sagen resignative Menschen den Linken so gut wie immer in belehrendem Ton, sobald es zu einer Diskussion kommt, die länger dauert als ein Werbespot und gefälligst ein Ende finden soll. Das ist ein klassisches und häufiges Beispiel der Verabsolutierung eines Teils unter Verschleierung der Gesamtheit. Die ganzen guten Seiten des menschlichen Tuns werden kurzsichtiger Weise ausgeblendet. Übrig bleibt dann natürlich nur noch das Schlechte am Menschen. Das empirische Faktum, dass die Menschen sich gegenwärtig und auch historisch nicht immer allzu gut behandelt haben, wird so verabsolutiert. Eine Teilwahrheit wird zur absoluten Wahrheit gemacht. Damit wird aber die Wahrheit durch Unwahrheit, durch Unsinn oder Lüge ersetzt. Krass dabei ist, dass sehr viele Menschen darin die ewige und sehr tiefe Wahrheit erkennen wollen. Die Phrase über den Menschen, der unfähig zu Besserem sei, dient der Selbsttäuschung und Täuschung Anderer. Sie ist Teil des notwendig falschen Bewusstseins der Menschen im Kapitalismus, die nicht wirklich an der Verbesserung und am Fortschritt der Gesellschaft teilnehmen. Sie rationalisieren durch diese Ideologie ihre eigene und die allgemeine gesellschaftliche Misere im Kapitalismus.

Stalinismus = Kommunismus?


„Was, du bist Kommunist? Dann geh doch nach Nordkorea! Dann weißt’ Bescheid, wie der Kommunismus aussieht!“, wird dem Kommunisten auch oft von im Gesicht ganz rot angelaufenen Dumpfbacken an den Kopf geworfen. Früher wurde statt des Wortes „Nordkorea“ das Wort „drüben“ für die DDR benutzt. Das Argument ist einfach: einmal schlecht, immer schlecht. Der Ostblock samt seinen ganzen „demokratischen Republiken“, „Volksrepubliken“ etc. wird nicht nur fälschlicherweise für Kommunismus gehalten, sondern er wird auch noch als zwangsläufiges Resultat jedes Revolutionsversuches dargestellt. Den Kommunisten wird dann davon ausgehend vorgeworfen, sie wollten wie im Ostblock Terror, Gewalt, Armut für alle und Unfreiheit durchsetzen. Zunächst scheint das Argument einleuchtend zu sein, aber eigentlich ist es genauso plump wie etwa im Jahre 1800 die Behauptung, dass Menschen nie fliegen würden können oder im Jahre 1400 die aristokratische Behauptung, dass Demokratie nicht möglich sein würde. Es gibt viele solcher Argumente, die eigentlich so oberflächlich sind, dass sie nicht wirklich als Argumente gelten können. Sie sind eher Ausreden denkfauler oder naiver Menschen. Als solche Ausreden sind sie aber notwendig ideologischer Schein der am Fortschritt unbeteiligten Menschen.

Die beste aller Welten?


„Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln“, sagte der Philosoph Karl R. Popper, ein ausgemachter Neoliberaler und Antikommunist. Auch sein Argument verabsolutiert die Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit. Bisherige sozialistische Versuche einer Verbesserung der Gesellschaft und ihr Scheitern werden als ganz natürlich dargestellt, so als wäre das Scheitern der sozialistischen Revolution ein Naturgesetz. Zwei weitere Kniffe wendet Popper in seinem Satz an: er verweist auf die bisherige blutige Vergangenheit der angeblichen Weltverbesserer, um von vornherein eine zukünftige weltverbessernde Umwälzung auszuschließen. Außerdem übertreibt er, indem er nicht von der Verbesserung spricht, sondern davon ein „Himmelreich auf Erden“ zu verwirklichen. Das muss natürlich unrealistisch sein. Kommunisten erscheinen so wahlweise als völlige Idioten, naive Narren oder böswillige Terroristen. In jedem Fall erscheint die Utopie einer besseren Gesellschaft unverwirklichbar.

Teilwahrheiten und die Wahrheit


Das sind nur drei Beispiele von vielen vielen anderen Möglichkeiten, eine Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit zu machen. Will man der Wahrheit nahe kommen, muss man solche Verabsolutierung des Einzelfalls meiden und aufdecken, wo sie besteht. Denn wie Hegel richtig meinte: „Das Wahre ist das Ganze“ und nicht etwa der Teil, der allein genommen und vom Ganzen abgekapselt bloß eine Unwahrheit ist. Diese Art Unwahrheit ist "notwendig falsches Bewusstsein" im Marxschen Sinne, da der gewöhnliche Mensch die kapitalistische Gesellschaft und ihre komplizierten Teilaspekte für gewöhnlich nicht durchschauen kann. Die Undurchsichtigkeit des Kapitalismus liegt in seinem Wesen. Klassenspaltung, Arbeitsteilung, Staat und ideologische Funktionen sind so organisiert, dass der einfache Mensch sehr viel Zeit benötigt, um das Funktionieren des Systems und die Bedingungen für dessen Ende zu durchschauen. Ihm erschließen sich Teilaspekte relativ schnell und klar, aber das Ganze bleibt ihm meist schleierhaft. Solange sich bei den Menschen kein Bewusstsein ihrer Lage und kein fortschrittliches Klassenbewusstsein im Kampf um die eigenen Interessen entwickelt, bleibt ihnen dieses Ganze, das Wahre, verschlossen.

Die Erkenntnis des Ganzen und die bessere Gesellschaft


Die ideologische Funktion der Phrasen zu Ostblock, Menschennatur und Utopismus von „Gutmenschen“ etc. ist es, die Kritik am Kapitalismus zu beschränken, möglichen Widerstand zu brechen und den status quo zu bewahren. Erst ein Ausbruch aus dem Glauben an solche Phrasen und aus der bürgerlichen Ideologie ermöglicht die Erkenntnis des Ganzen und seine Überwindung hin zu einer besseren Gesellschaft. Vorher wird eine wirklich bessere Gesellschaft natürlich nicht möglich sein. Denn von nichts kommt nichts.