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Sonntag, 20. November 2016

Boris Kagarlitzki: Fünf Fragen zu den Parlamentswahlen in Russland


Mit einiger Verspätung kommt hier die Übersetzung eines Textes des russischen Soziologen und Historikers Boris Kagarlitzki vom 21. September 2016 (Четыре вопроса о выборах), in dem er die Parlamentswahlen in Russland aus linkssozialistischer Sicht beleuchtete.*

© kremlin.ru
Putin gibt einen Wahlzettel ab © kremlin.ru

Fünf*Fragen zu den Parlamentswahlen in Russland

von Boris Kagarlitzki

Die Wahlen zur Staatsduma des Jahres 2016 versprachen, die offensten und kompetitivsten der letzten Jahre zu werden und ließen hoffen, dass nun alles ganz anders sein würde als 2011. Die Wahlen fanden statt, aber das Resultat war fast so unerwartet wie merkwürdig. Vor dem Hintergrund einer wachsenden Unzufriedenheit verbesserte die Regierungspartei überraschenderweise dramatisch ihre Stellung. Die regierungsnahen politischen Kommentatoren stellten freudig einen Vertrauenszuwachs der Bevölkerung gegenüber der Regierung fest, wobei sie zugleich eine niedrige Wahlbeteiligung zugaben. Aber das sei kein Anlass zur Trauer, wie der Ökonom Jossif Diskin in der Wahlnacht anmerkte, da die Leute bei uns in Russland die Regierung und den Präsidenten so liebten und ihm derart vertrauten, dass sie den Gang zur Wahl nicht einmal für nötig erachteten.

Dessen ungeachtet findet man, wenn man die Wahlergebnisse genauer betrachtet, eine ganz einfache und in der Tat nicht gerade angenehme Erklärung.

Erste Frage: Niedrige oder hohe Wahlbeteiligung?


Der offiziellen Statistik zufolge war die Wahlbeteiligung an den Dumawahlen von 2016 sehr niedrig. Die Grundlage für diese Einschätzung ist ein Vergleich der amtlichen Ergebnisse dieser Abstimmung mit der des Jahres 2011. Dieses Jahr betrug die Wahlbeteiligung 47,76 Prozent, im Jahr 2011 gingen hingegen 60,1 Protzen der Berechtigten wählen. Augenscheinlich ist die Bürgerbeteiligung zurückgegangen, wäre da nicht dieser merkwürdige Umstand gewesen: Die Zahlen der vorherigen Wahlen wurden enorm frisiert. Darüber redeten und schrieben nicht nur Regierungskritiker. Selbst Beamte gestanden dies ein, womit sie zugleich ihre Rechenfehler erklärten (die berüchtigten “146 Prozent” der aufsummierten Stimmanteile aller Parteien im Gebiet Rostow, die man Wladimir Tschurow als Vorsitzendem der Wahlkommission zuschrieb).

Eben dieses Anwachsen der Anzahl wählender Bürger im gesamten Verlauf der 2000er Jahre war der Kern der Wahlfälschungen in Russland.

Letztere frisierten die Zahlen von “Einiges Russland”, welches alles in allem gar nicht schlecht abschnitt, nicht im selben Ausmaß wie die Wahlbeteiligung, konnten doch aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung Zweifel über die Legitimität der Wahlen aufkommen, deren Aussagekraft aufgrund des katstrophalen Wahlboykotts seitens der Bevölkerung geschwunden ist – und dementsprechend auch Zweifel an den Ergebnissen von “Einiges Russland”.

Nach 2011 änderte sich die Situation. Nachdem die damalige Wahlwälschung in großem Stile, die einen Skandal und Wählerproteste hervorgerufen hatte, im Grunde genommen schon Vergangenheit war, fingen die Regierenden an, auf eine Aufteilung der Mandate zu achten, sodass sie nun vorsichtiger vonstatten gehen sollte. Das Resultat war, dass vor dem Hintergrund scheinbar wachsender Bürgerbeteiligung die Zahlen zur Wahlbeteiligung dramatisch absanken.

Die Regierenden befürchteten, dass eine erhöhte Wählerbeteiligung die Ergebnisse der Regierungspartei verschlechtern würde. Die Aufrufe zur Wahl zu gehen, beschränkten sich in vielen Fällen auf ein symbolisches Mindestmaß. Und sogar der tschetschenische Führer Ramsan Kadyrow, der durchgehend eine hundertprozentige Wahlbeteiligung der Bevölkerung organisierte (sofern man der offiziellen Version Glauben schenkt), gab ungewohnte Töne von sich: Auf die Frage von Journalisten, ob die Beteiligung knapp 100 Prozent erreichen würde, erinnerte Kadyrow daran, dass eine gewisse Anzahl von Wählern gegenwärtig den Haddsch begehe und in Mekka oder Medina sei, wodurch man von solch einem Prozentsatz nicht reden könne.

Für eine Einschätzung der wirklichen Wahlbeteiligung muss man die gegenwärtige Stimmabgabe mit der Bürgermeisterwahl Moskaus im Jahr 2013 vergleichen. Die Beteiligung von Politikern und Wählern war damals sehr hoch, die Wahlen waren wirklich kompetitiv, da sogar Alexei Nalalwny als Kandidat zugelassen wurde. Die Hauptstadt war nach den Protesten von 2011 und 2012 noch nicht ganz abgekühlt, weswegen sowohl die Opposition als auch die Regierung sich bemühten, ihre Anhänger maximal zu mobilisieren. Das Ergebnis: Die Beteiligung betrug 26,46 Prozent. Und nun verkündet man, dass in der Hauptstadt 35 Prozent der Berechtigten zur Wahl gingen. Mit anderen Worten: Ein Drittel mehr sei zur Wahl gegangen.

Wenn man diese Resultate mit der Information aus der Provinz vergleicht, kann man schlussfolgern, dass die Hauptstadt die Gebiete in Sachen politischer Beteiligung überholt habe.

Es ist unwahrscheinlich, dass die wirkliche Wählerbeteiligung in den Wahlen von 2011 landesweit höher war als in Moskau 2013. Aber selbst wenn wir annehmen, dass die wirkliche Beteiligung 30 Prozent erreicht habe, so widerspricht dieses Resultat diametral der offiziellen Einschätzung. Sofern sie dieses Mal genauer und gewissenhafter gerechnet haben, ergibt sich, dass die Beteiligung sowohl in der Hauptstadt als auch in den Regionen nicht sehr gering war, sondern im Gegenteil eher hoch.

Im berühmten Vortrag von S. Sulakschin wird das Anwachsen der Beteiligung in den Wahlen von 2011 weit bescheidener eingeschätzt – nicht um ein Mehrfaches, sondern “insgesamt” um 10 bis 11 Prozent. Daraus folgt, dass sie schätzungsweise 50 Prozent erreichten. Aber auch in diesem Fall ergibt das, dass die Beteiligung von 2011 ungefähr die gleiche war wie im Jahr 2016. Das würde dann bedeuten, dass es kein dramatisches Absinken der Beteiligung gab.

Mehrere Analysten nehmen tatsächlich an, dass die Beteiligung dieses Jahr höher war, wobei sie ungefähr 36,5 erreiche. Der Autor dieser Berechnung schließt das “anomale Wahlverhalten” aus, bei dem in den letzten eineinhalb Stunden die Beteiligung plötzlich auf 90 Prozent der Wähler hochsprang. Hier kam es wohl zu einer dreisten Zahlenmanipulation. Aber man muss anmerken, dass es für solche Anomalien schon früher Raum gab. Um es schon vorab zu sagen: Wenn man dieser Berechnung Glauben schenkt, ergibt sich, dass zumindest ein Viertel der Wähler seine Stimme nicht abgegeben hat. Folglich stellt ungefähr ein Drittel der “Stimmen” eine Auffüllung oder Zahlenmanipulation dar. Das führt uns zum nächsten Problem: Kam es im Verlauf der Wahlen zu einer sinnvollen Fälschung?

Zweite Frage: Wie wurden die Stimmen verteilt?


Meinungsumfragen vor den Wahlen zeigten eine dramatische Verschlechterung der Werte von “Einiges Russland”. Die offiziellen Wahlergebnisse stellten sich dann genau umgekehrt dar. Ein Fehler der Soziologie? Möglicherweise. Dann aber ein gewaltiger. Wesentlich ist, dass der Fehler dann ausgerechnet von den offiziellen soziologischen Diensten durchgeführt wurde, die immer dazu geneigt haben, die Werte für “Einiges Russland” höher einzuschätzen.

Wir brauchen uns die Zahlen des Lewada-Zentrums nicht anzuschauen, welches “Einiges Russland” auf 31 Prozent geschätzt und das Stempel der “ausländischen Agentur” aufgedrückt bekommen hat. Nehmen wir die Zahlen des Allrussischen Zentrums der Erforschung der öffentlichen Meinung, die unmittelbar vor der Abgabe der Stimmen veröffentlicht wurden. Seiner Berechnung zufolge beabsichtigten 39,3 Prozent der Befragten, für “Einiges Russland” zu stimmen. Zum Vergleich: Ein anderer führender soziologischer Dienst, der Fonds “Öffentliche Meinung”, gab “Einiges Russland” 41 Prozent der Stimmen. Dabei ist alles korrekt. Die Zahlen sind im Rahmen statistischer Abweichung. Weiterhin verteilten die Umfragen die Stimmen völlig eindeutig: Auf Platz zwei die Liberal-demokratische Partei Russlands (10-11 Prozent), auf Platz drei die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (8,7-9 Prozent). Etwas schlechter stellte sich die Sache für “Gerechtes Russland” dar. Auch hier ist die Differenz im Rahmen der statistischen Abweichung, wenn auch groß. Beim Fonds “Öffentliche Meinung” erhielt sie 4 Prozent, beim Allrussischen Meinungsforschungszentrum waren es 5,3 Prozent (entsprechend dem ersten Fall wäre sie unter die 5 Prozent-Hürde gefallen, dem zweiten Fall entsprechend über diese gekommen).

Die übrigen Parteien schnitte mit großem Abstand weit schlechter ab und waren praktisch chancenlos.

Wirklich alle soziologischen Dienste machten zwei sehr große Gruppen von Respondenten aus, die zahlenmäßig ungefähr gleich stark waren: Diejenigen, die unentschlossen waren und diejenigen, die nicht beabsichtigten zu wählen.

Die Unentschlossenen ändern das Bild im Grunde nicht: Ihre Stimmen “verschmieren” entlang des politischen Spektrums ungefähr proportional zu den Stimmen der Entschiedenen. Es gibt tatsächlich Ausnahmen, aber darüber später.

Was diejenigen angeht, die nicht wählen wollten, so hat ihre Gegenwart in Umfragen das Bild ein wenig korrigiert. Wenn man die Ergebnisse nochmals berechnet und diese Gruppe abzieht, sollten die Prozentsätze aller Parteien ansteigen. In dem Maße, in dem die Zahlen des Allrussischen Meinungsforschungszentrums und des Fonds “Öffentliche Meinung” in dieser Hinsicht mehr oder weniger zusammenfallen, kann man einen Mittelwert angeben. “Einiges Russland” hätte, wenn man den Umfragen glaubt, ungefähr 46 bis 47 Prozent der Stimmen bekommen müssen (annähernd so viel wie es nach Verkündung der ersten Hochrechnungen am Abend des 18. September erhalten sollte). “Gerechtes Russland” hätte ungefährt 6 Prozent bekommen (es erhielt 6,2 Prozent). LDPR und KPRF erzielten ganz andere Werte. Die Umfragen prognostizierten der LDPR den zweiten Platz und der KPRF den dritten. Die Kluft hätte größer sein müssen. Nach der Wahl verkündete man, dass die beiden Parteien die Plätze getauscht haben, wobei sie ungefähr die gleiche Stimmzahl einsammelten.

Im Vergleich zu den Prognosen der Soziologen wuchs das offizielle Ergebnis von “Einiges Russland” dramatisch an, sodass es am Morgen des 19. September 54,17 Prozent erzielte. Woher kamen diese Stimmen?

Dritte Frage: Haben sich die Soziologen geirrt?


Die Soziologie kann sich irren. Aber ihre Fehler haben in der Regel gewisse Ursachen, die man in zwei Gruppen einteilen kann. Ein Fehlertyp kommt daher, dass im letzten Moment vor den Wahlen irgendwelche Ereignisse vonstatten gehen, die die Stimmung in der Gesellschaft dramatisch verändern. In diesem Fall “verschmieren” die Stimmen der Unentschiedenen nicht auf der Skala, sondern konzentrieren sich schroff, sodass sie die Position einer Partei oder eines Kandidaten stärken.

In diesem Fall kam es zu keinerlei Ereignissen kurz vor den Wahlen, sofern man die Serie von Korruptionsskandalen und die Videoreportage über die Luxus-Villa ignoriert, in der der Listenführer von “Einiges Russland”, Dmitri Medwedew, entspannt. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Nachrichten die gesellschaftliche Tendenz im Sinne der Regierungspartei beeinflussen konnten.

Eine andere mögliche Variante ist: Die Stichproben, auf denen die Umfragen basierten, veralten. Dergleichen passiert, wenn in der Gesellschaft ernsthafte Verschiebungen vonstatten gehen, welche die soziale Struktur, die Einkünfte, das Verhalten der Menschen ändern. Solche Verschiebungen geschahen bei uns im Grunde in der Periode zwischen 2012 und 2016. Die ökonomische Krise führte zum Anwachsen der Arbeitslosen- und Armenzahl und zur drastischen Verschlechterung der Lage der Mittelklasse. Konnten diese Verschiebungen die Situation zum Nutzen von “Einiges Russland” verändern?

Viel logischer ist die Annahme, dass man die Stimmen für “Einiges Russland” einfach frisierte. Man kann begründet annehmen, dass man der Regierungspartei ungefähr 5 bis 7 Prozentpunkte zusätzlich zuschrieb.

Allein, es ist unmöglich, der einen Partei Stimmen zuzuschreiben, ohne sie anderen abzuziehen. Warum protestiert da niemand?

Vierte Frage: Warum sind alle zufrieden?


Buchstäblich am Vorabend der Wahl veröffentlichte die KPRF Aufrufe zu Protestmeetings, auf denen – so drohte sie – die Fälschung aufgedeckt werden sollte. Viele Kandidaten sprachen auf Wählerversammlungen von möglichem Betrug. Die Wahlen gingen vorüber und es folgte völlige Stille. Ist etwa alles gut verlaufen?

Die Analyse der Umfragen lässt den Schluss zu, dass der Hauptlieferant der Stimmen für “Einiges Russland” die Partei von Wladimir Schirinowski war. Die Umverteilung geschah auf ihre Kosten. So erklärt sich auch der unerwartete Abstieg der LDPR vom zweiten auf den dritten Platz, trotz dessen, dass alle Umfragen, unabhängig von den Abständen zwischen ihnen, eine andere Tendenz zeigten.

Dessen ungeachtet verkündete Schirinowski in der Wahlnacht sofort, ohne die letzte Auszählung abzuwarten, dass er die Wahlergebnisse akzeptiere. Der Fernsehsender “Rossia-24” zeigte fast den ganzen Tag die Zentrale der LDPR, in dem der Parteiführer eine lange und – gegen seine Gewohnheit – schlaffe Rede hielt. Wir können nicht wissen, was hinter den Kulissen geschah, aber der Schluss liegt nahe, dass man dem Führer oder den Führern der LDPR die bittere Pille versüßt hat. Der Verlust der Sitze in der Duma wurde höchstwahrscheinlich durch irgendetwas kompensiert. Da der Parteiführer schon lange nicht mehr jung ist und den Eindruck eines sehr überdrüssig gewordenen Menschen macht, wird sich ihm die Frage gestellt haben, womit und wie er in die Rente gehen wird. Und man darf hoffen, dass diese Frage jetzt endlich entschieden wurde.

Die Partei Gennadi Sjuganows, die ihres Zeichens das größte Wachstum an Beobachtern im ganzen Land verzeichnen konnte, kann damit zufrieden sein, dass sie den zweiten Platz belegt. Um genau zu sein, sei angemerkt, dass dieser zweite Platz einem vernachlässigbaren Anstieg der erhaltenen Stimmen entstammt. Mit anderen Worten werden die Parteien ungefähr dieselbe Menge an Mandaten erhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei der letzten nächtlichen Auszählung der KPRF sogar noch einige Stimmen im Vergleich zum eigentlichen Ergebnis geschenkt wurden. In der gegebenen Situation gibt es für Sjuganow und sein Umfeld keinerlei Grund zum Protest. Was “Gerechtes Russland” angeht, so müssen ihre Leute äußerst glücklich sein, dass sie in der Duma verblieben ist.

Die Regierung hat die absolute und sogar die Verfassungsmehrheit, die sie seit 2011 nicht mehr hatte. Die übrigen Parteien erhielten Abgeordnetensitze und wahrscheinlich einige andere Vorzüge, von denen sie der Öffentlichkeit nichts mitteilen werden.

Alle sind zufrieden.

Und hier stellt sich die nächste Frage: Wozu braucht der Kreml all das?

Fünfte Frage: Wozu?


Die Regierungspartei ging ihren Aufgaben in der Duma auch ohne die Zweidrittelmehrheit prächtig nach, die sie in der vorherigen Parlamentswahl verloren hatte. Die Vertreter der herrschenden Kreise gingen berechtigterweise davon aus, dass die oppositionellen Parteien völlig loyal und ungefährlich sein würden, sodass sie uns neue Wahlen versprechen konnten – wie nie zuvor kompetitive, ehrliche und offene Wahlen. Und das Auftauchen einiger echter Oppositioneller würde dem Parlament in den Augen der Gesellschaft und der internationalen Gemeinschaft nur noch mehr Legitimation verleihen, dabei das Machtmonopol der Loyalisten aber keineswegs gefährden.

Zudem überzeugte der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Wjatscheslaw Wolodin, die Öffentlichkeit nachhaltig davon, dass die Duma aufgrund des Auftauchens einiger Direktmandatsträger pluraler werden und sich das Zentrum des politischen Lebens dorthin verlagern würde. Aber nein, alles passierte genau in umgekehrter Richtung: Die Duma ist gänzlich zum Monolithen geworden und Wolodin selbst wird, wie es aussieht, seinen Posten loswerden und versetzt… in eben diese Duma.

Wie könnte man hier nicht an die Geschichte des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak erinnert werden, der, konfrontiert mit einer Wirtschaftskrise, für den Fall der Fälle das ohnehin schon loyale Parlament “säuberte” und Wahlen durchführen ließ, die den unseren von heute überraschend ähneln. Dies verschloss von selbst alle Perspektiven für eine Diskussion über schrittweise und kontrollierte Reformen, was den Nährboden für die spätere Entwicklung des Landes hin zur Katastrophe geschaffen hatte.

Übrigens stehen in Russland Reformen an, nur nicht ganz solche, die sich die Bevölkerung erhofft.

Der Ausgang der Wahlen ist weniger der Ausdruck des Willens der Bürger als vielmehr das Resultat eines Kampfes in den Kreml-Kreisen, der hinter den Kulissen ausgefochten wird. Insofern ist das Anwachsen der Abgeordneten von “Einiges Russland” gemäß der Listenaufstellung kein Zufall. Soweit nun Direktmandatsträger in die Duma einziehen, stellt sich die Frage der Fraktionsdisziplin. Direktmandatsträger ihrer Vollmachten zu berauben ist sehr schwierig, Listenabgeordnete hingegen kann man jederzeit ersetzen, falls es einen verbindlichen Beschluss seitens der Partei oder Fraktion gibt. Wenn es in einer Fraktion eine Mehrheit von Listenabgeordneten gibt, ist eine Kontrolle sichergestellt.

Wozu? Was hat die Regierung vor, dass ihr die Kontrolle über ihre eigenen Abgeordneten so wichtig erscheint?

Wahrscheinlich kann man von einem neuen Paket antisozialer Gesetze ausgehen, die klar und deutlich im Widerspruch stehen zur Rhetorik von “Einiges Russland” und des Kremls vor den Wahlen. Unter solchen Umständen könnten einzelne Abgeordnete einen plötzlichen Rückzieher machen. Aber wenn es sich bloß auf ein oder zwei Menschen beschränkt, die sich bei der Abstimmung enthalten oder im entscheidenden Moment “krank” werden, ändert das nichts an der Situation. Entscheidend ist, dass kein Keil in die Fraktion oder Partei getrieben wird.

Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass es für die herrschenden Kreise noch schwerwiegendere Gründe für die Formierung eines monolithischen Parlaments gibt. Ein Indiz kann man unter den Dokumenten des Finanzministeriums finden, das unerwarteterweise Finanzmittel für Präsidentschaftswahl… des Jahres 2017 reserviert hat.

Unter anderem hatten wir auf “Rabkor” darüber im Zusammenhang mit den Dumawahlen bereits geschrieben und vorhergesagt, dass damit die vorzeitige Durchführung der Präsidentschaftswahlen vorbereitet wird.

Wozu um ein Jahr vorverlegte Wahlen?

Auf ökonomischer Ebene ist dies mit der Erschöpfung finanzieller Ressourcen verbunden. Die Mittel des Stabilisierungspakets werden im nächsten Jahr erschöpft sein, wie man uns bereits gewarnt hatte, und damit auch die Mittel der Regierung, brodelnde Konflikte – soziale wie auch solche innerhalb der Elite – zu dämpfen. Die frühzeitigen Wahlen sind zudem von politischer Bedeutung. Laut Verfassung darf sich ein Präsident, der zurücktreten musste, nicht nochmals aufstellen lassen. Mit anderen Worten müsste Putin unter solchen Umständen in Rente gehen oder ein anderes, weniger bedeutendes Amt übernehmen. Es ist nur folgerichtig vorzuschlagen, die entsprechende Stelle im Grundgesetz zu ändern. Dafür benötigt man aber eine Verfassungsmehrheit.

Was aber, wenn diese Mehrheit nicht zustande kommen sollte?





*Anmerkung des Übersetzers: Da der Text relativ eilige verfasst wurde, schlich sich in den Titel ein kleiner Fehler ein. Im Original ist von "vier Fragen" die Rede, obwohl der Autor fünf Fragen herausgestellt hat.


Dienstag, 8. März 2016

"Heraus zum 8. März! Bekämpft das Patriarchat und den Imperialismus!"



Heraus zum 8. März!
Bekämpft das Patriarchat und den Imperialismus!


Wir, die Roten Frauenkomitees Hamburg und Wien, rufen alle revolutionären und fortschrittlichen Kräfte, Aktivisten der Frauenbewegung, Frauen im allgemeinen und insbesondere alle Arbeiterinnen, zu einer kraftvollen Feier des 8. März auf, dem Internationalen Frauentag. Wir wollen, dass der 8. März dieses Jahr ein Zeichen setzt, in dem er die wachsende revolutionäre Frauenbewegung auf dem Vormarsch zeigt. Der 8. März ist ein besonderer Kampftag, ein Tag an dem Frauen überall auf der Welt ihre Stimmen gegen das Patriarchat erheben und auf der Straße ihre Entschlossenheit für ihre Emanzipation zu kämpfen zeigen. Es ist eine dringende Notwendigkeit für die Entwicklung der kommunistischen Bewegung, und der revolutionären Bewegung im allgemeinen, jeden Standpunkt der die Unterdrückung der Frau als einen politischen „Nebenwiederspruch“ betrachtet oder jeden Feminismus als „kleinbürgerlich“ betrachtet zu zerschlagen. Die Frauen der Arbeiterklasse leiden unter einer doppelten Unterdrückung, zu der Unterdrückung als Teil des Proletariats kommt die Unterdrückung durch das Patriarchat. Die Frauen der Arbeiterklasse werden nicht nur durch die Lohnsklaverei ausgebeutet, sondern außerdem durch die Sklaverei unter dem Patriarchat. Eine kommunistische und revolutionäre Politik ist ihren Namen nur als solche wert, solange sie Ausdruck der Interessen der meist Unterdrückten und Ausgebeuteten ist, entsprechend kann keine kommunistische und revolutionäre Kraft die besondere Rolle und Bedeutung der Mobilisierung, Politisierung und Organisierung der Frauen, insbesondere der Arbeiterinnen, negieren, ohne sich selbst als Betrüger zu demaskieren. Diejenigen, die in der „linken Szene“ den Kampf gegen das Patriarchat zu einem Kampf gegen „Sexismus“ reduzieren haben Überhaupt nichts vom Standpunkt des Marxismus verstanden und die die glauben, dass es ausreicht mit Verhaltensregeln, welche besagen, dass solange Männer nicht Pornografie gucken oder Frauen anbaggern alles in Ordnung ist und die Frau „gleichberechtigt“ ist, die sind in der Tat Verteidiger des Patriarchats, ihre Apologeten in der revolutionären Bewegung.

Im Dienste der Weiterentwicklung der kämpfenden klassenbewussten Frauenbewegung ist es notwendig die Trennungslinien zwischen dem bürgerlichen, dem kleinbürgerlichen und dem proletarischen Feminismus zu ziehen, um den letzteren zu stärken und die Arbeiterinnen zu ermutigen ihre Rolle in den ersten Reihen des Klassenkampfes einzunehmen.



Download des Plakates: Klick hier!

Wir lassen uns nicht spalten: bürgerlicher Feminismus ist imperialistischer Chauvinismus!


Die Imperialisten, d.h. die Herrschenden in der BRD und Österreich, benutzen die sogenannte „Flüchtlingskrise“, um eine zynische Doppelpolitik zu betreiben: auf der einen Seite versuchen sie die Arbeiterklasse weiter zu spalten und die ausländischen Arbeiter zu benutzen, um die einheimischen Arbeiter weiter zurückzudrängen, kurz, um die Ausbeutung der Arbeiterklasse insgesamt zu verschärfen und teilweise auf diesem Grund eine faschistische Massenbewegung zu schaffen. In diesem bösen Spiel benutzen sie alle Mittel, in der letzten Periode auch insbesondere den bürgerlichen Feminismus. Der von den staatlichen Behörden der BRD losgelassene „Skandal“ wegen Silvester in Köln und der folgende Aufschrei im bürgerlichen und kleinbürgerlichen Lager, suggeriert, dass das Patriarchat vor allem ein „Problem“ der Männer der dritten Welt sei. In den „erleuchteten“ Ländern BRD und Österreich sei die Frau „gleichgestellt“. Die Übergriffe seien ein „kulturelles Problem“ usw., am Ende nichts anderes als der „Kampf der Kulturen“ den die Yankee-Imperialisten seit Anfang der 1990-er Jahre als „Rechtfertigung“ für ihre imperialistische Aggression gegen die arabischen Völker propagiert. Wir revolutionäre Frauen verurteilen als proletarische Feministinnen diesen abscheulichen Versuch die Frauenmassen gegen andere Teile der unterdrückten Massen zu hetzen. Das Vorhandensein von halbfeudalen stockreaktionären Standpunkten und Haltungen unter der absoluten Mehrheit der Einwanderer aus der dritten Welt ist für uns kein Geheimnis und es entspricht dem halbkolonialen und halbfeudalen Zustand ihrer Herkunftsländer. Das ist aber in keinem Fall eine Rechtfertigung, um imperialistischen Chauvinismus zu verbreiten. Die Männer der dritten Welt sind voll mit patriarchaler Ideologie, genau wie die Männer der imperialistischen Länder. Den einen zu denunzieren und als einen perversen Vergewaltiger darzustellen und den anderen als zivilisierten Gutmenschen darzustellen, heißt nur der imperialistischen Aggression zu dienen und nichts anderes als bürgerlicher Feminismus. Die imperialistischen Nationen sind diejenigen, die die Nationen der dritten Welt in Sklaverei halten, sie saugen ihr Blut durch den bürokratischen Kapitalismus aus und halten sie unterjocht in halbfeudalen und halbkolonialen Verhältnissen und das ist genug, um den imperialistischen Nationen jedes Recht auf moralische Verurteilungen der Bevölkerung dort abzuerkennen. Wir kämpfen für die Einheit der Unterdrückten und lassen uns nicht spalten und darum haben wir nichts gemeinsam mit dem bürgerlichen Feminismus.

Idealismus bekämpfen: es reicht nicht, dass die Frau zum Gewehr greift, das Ziel muss der Kommunismus sein, um die Emanzipation erkämpfen zu können!


Der Ursprung der Unterdrückung der Frau liegt in der Klassengesellschaft, im Privateigentum und sie kann nur zusammen mit dem Privateigentum verschwinden, d.h. im Kommunismus. Entsprechend ist der Kampf um die wahre Emanzipation der Frau untrennbar mit dem Kampf für den Kommunismus verbunden. Die Unterdrückung der Frau kommt durch materielle Ursachen, der gesamte patriarchale Mist mit allen seinen Ausdrücken, seien es religiöse, kulturelle, soziale usw., sind nicht etwas vom Himmel gefallenes, sondern haben eine materielle Grundlage. Das Gegenteil behauptet der kleinbürgerliche und bürgerliche Feminismus, für sie ist das Problem vor allem von ideologischem und kulturellem Charakter; egal mit welcher wörterdrehenden sprachwissenschaftlichen Finesse sie versuchen es zu vertuschen, für diese Leute ist das Problem, dass Männer „böse sind“ – was nichts anderes ist als Idealismus. Solange dieser Idealismus nur eine Quelle für Diskussionen des Lebensstils ist, ist er relativ harmlos. Aber wenn er die kämpfenden Bewegungen dominiert, wird sein Effekt verheerend.

In der menschlichen Gesellschaft ist eine Revolution nicht der Wechsel von einer Regierungsform zu einer anderen, eine Revolution ist ein Gewaltakt mit dem eine Klasse die Diktatur einer anderen stürzt und ihre eigene errichtet. Über eine „Frauenrevolution“ in der Klassengesellschaft zu reden ist im „besten Falle“ reiner Idealismus, ansonsten ein Betrug. Im gegenwärtigen menschlichen Panorama trennen Klassen die Menschen mehr als das Geschlecht. Die Frauen können nicht alle gemeinsam kämpfen. Den wahren Kampf um die Befreiung können die Töchter des Volkes nur zusammen mit dem Proletariat und unter der Führung seiner Vortruppe auskämpfen, das gilt für jede Form der Revolution und jedes Land. Das wird noch deutlicher, wenn wir uns daran erinnern, dass wir uns in der Ära des Imperialismus und der proletarischen Revolution befinden und die Bourgeoisie unfähig ist die Aufgaben der demokratischen Revolution durchzuführen. Idealisten können in der gegenwärtigen Welt über eine „Revolution“ reden die nicht vom Proletariat geführt wurde, Marxisten nicht.

Trotz des großartigen Heroismus und der bewundernswerten Opferbereitschaft mit welcher Frauen heute die Gewehre ergreifen und kämpfen, um eigene Strukturen durchzusetzen, wird dies zu nichts anderem führen als eine Evolution der Formen der patriarchalen Unterdrückung, solange sie nicht Teil von einer wahren demokratischen oder sozialistischen Revolution sind, welche beide nur unter der Führung des Proletariats, die sich in der Kommunistischen Partei konkretisiert, möglich sind.

Der proletarische Feminismus ist eine Demarkationslinie zwischen Revisionismus und Marxismus und als solcher ist er eine Waffe im Kampf für die Rekonstitution der Kommunistischen Parteien


Der Revisionismus hat die Kommunistischen Parteien in Europa ausnahmslos zerstört. Die Kommunisten kämpfen darum ihre Parteien zu rekonstituieren, um ihren Wiederaufbau einzuleiten, um die höchste Form des Klassenkampfes einzuleiten, als Teil und im Dienst der proletarischen Weltrevolution. Die Arbeiterinnen haben einen besonderen Drang dazu dieser Aufgabe auf jeder Ebene zu dienen; denn durch den Kommunismus können wir uns von der Doppelunterdrückung befreien. Ohne eine wahre Kommunistische Partei ist es unmöglich den Kampf in Richtung der Emanzipation zu entwickeln. Als revolutionäre Frauen haben wir so einen doppelten Anlass, um für die Rekonstitution der Kommunistischen Partei zu kämpfen.

Wir brauchen Kommunistische Parteien neuen Typs, marxistisch-leninistisch-maoistische Parteien, die sich durch Aktionen militarisieren und den Volkskrieg in jedem Land auf die konkreten Bedingungen der Revolution anwenden. Solche Parteien verstehen den proletarischen Feminismus als einen Teil der Ideologie des Proletariats, des Marxismus-Leninismus-Maoismus, hauptsächlich Maoismus. Solche Parteien messen ihre Erfolge in einem wichtigen Teil in wie weit sie Aktivistinnen, Kämpferinnen und Militante und unter diesen weibliche Kader und Führerinnen hervorbringen, die nicht zur Dekoration da sind, sondern um ihre Verantwortung für die gesamte Entwicklung der revolutionären Bewegung anzupacken. Solche Parteien sind nicht Gewissenserleichterer der Kleinbürger oder Bandenbezeichnungen der Facebookhelden, die sich als Häuptlinge über ihre Sippe einbilden. Solche Parteien sind Kampfabteilungen des internationalen Proletariats; ein Truppe, die Vortruppe, der Klasse.

Ohne die Emanzipation der Frau wird es keine Emanzipation der Menschheit geben. Ohne den Kampf der klassenbewussten Frauen wird es keine Revolution geben. Ohne die Kommunistinnen in Formierung werden die Kommunistischen Parteien sich nicht als wahre solche rekonstituieren. Die „Frauenfrage“ ist nicht eine Nebensache. Die Rolle der Frau in der Revolution ist eine entscheidende im Kampf für den Kommunismus. In diesem Sinne:

Heraus zum 8. März!

Bekämpfen wir das Patriarchat und den Imperialismus!

Nieder mit dem bürgerlichen Feminismus und dem imperialistischen Chauvinismus!

Proletarischer Feminismus für den Kommunismus!



Rotes Frauenkomitee Hamburg                                            Rotes Frauenkomitee Wien
Februar 2016

Freitag, 29. Januar 2016

Borotba in Italy: Truth about Ukraine


"Sergei Kirichuk from Borotba holds a meeting in Rome, 5 November 2014. For many years he fought against the oligarchic regime of Viktor Yanukovych. But today Kirichuk and his comrades are organizing resistance to the new authorities.
Subtitles SPA and ITA in progress."

Любэ - Последний бой


Mittwoch, 27. Januar 2016

Юлий Жуковский-Кребс: "Так против кого же идут эти демонстрации?"

Дорогие мои соотечественики, поволжские-немцы и русские, нам надо поговорить!

Уже несколько дней я слышу о случае Лизы из Берлина. И вижу как быстро развилось всеобщее мнение в нашей общине. Не прошло и дня как вдруг по всей Германии начались демонстрации против ... да против кого? Против насильствия над женщинами? Нет. Против патриархалного общества, которое допускает что каждый день насилуют женщин без того что общество реагирует. Вроде тоже нет. Так против кого же идут эти демонстрации?

Ответ настолько ужасающий как он прост, против беженцев. Еще до того как закончились исследования полиции всем стало ясно, что единственные люди которые могут быть ответственны это беженцы. Почему? Да потому что они такие. Грязные, дикие, ужасные. Никого не интересуют ни расследования полиции или прокуратуры. Они такие и все. Что как девочка сама так и семья противоречили своим собственным высказываниям и их история не совсем сходится, никого не интересует. Это были беженцы и все, точка. Как все-же жалко смотреть на это, зная что все мы стремились в Германию чтобы найти достойную жизнь.

А ведь она просто так не бывает. Она часть системы. Например правовой. В которой есть некие ценности которые мы све должны уважать. На пример что до доказательства вины подозреваемый считается не виновным. Например что работает система проверки и баланса в которой каждый гражданин*ка/человек имеет возможности на влияния на органы власти и имеет свои права итд. Вдруг все это забыто. Потому что они такие эти дикие беженцы.

А я помню время когда, мы русские и поволжские-немцы были именно этими дикарями. С середины 80тых вплоть до середины 2000ных, были предрассудки и проив нас. Пьяницы, бездельники, нарко-дилеры. Помните? Я помню. Я помню что даже живя во Фрайбурге достаточно либеральном городе, я как и многие моих сверстников подвергались расизму и дискриминации. Именно из-за этих предрассудков. Если где-то что-то украли и ломали. Первые на кого показывали пальцем это были мы. Даже если мы к этому не имели никакого отношения. Помните?

Так почему мы не научились ничему из этого урока жизни? Почему теперь мы показываем пальцем на людей которые бежали от бомб, смерти и безнадежности? Почему никто из нас не выходит на демонстрации 8 марта, чтобы поддержать борьбу женщин за больше прав в обществе? Почему мы не выхоим на демонстрации против войны в Сирии и других странах? Почему мы не выходим на демонстрации против ухудшения наших зарплат, поднимающихся квартплат и плохого уровня жизни? А вместо этого выходим на демонстрации с фашистами НПД?

Давайте опомнимся и станим людьми!

‪#‎беженцывгермании‬


Юлий Жуковский-Кребс, председатель левой молодежи Германии

Samstag, 23. Januar 2016

Angebliche Vergewaltigung des russlanddeutschen Mädchens in Berlin war bloß Nazi-Demagogie

Inzwischen ist der dubiose Fall der angeblichen Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens durch Flüchtlinge geklärt.

"Eine medizinische Untersuchung bewies: Das Mädchen wurde nicht vergewaltigt, und ernstzunehmende Hinweise auf eine Entführung der Schülerin gab es auch nicht. Vielmehr verwickelte sich das Kind in Widersprüche, die ihre Aussage unglaubhaft machten.
Das hinderte die NPD und rechte Kreise nicht, im Internet eine als Fahndung verbrämte Hatz auf Asylbewerber zu veranstalten, die das Kind angeblich missbraucht haben sollten. Eine Frau, die sich als Cousine des Mädchens bezeichnete, trat am Rande einer NPD-Demo auf und soll dort der Polizei vorgeworfen haben, den "Fall" unter den Tisch zu kehren.
Angeblich sollen drei Asylbewerber das Kind 30 Stunden lang festgehalten haben, und die Polizei habe die Aussage des angeblichen Opfers manipuliert, wird auf rechten Internet-Seiten behauptet." Berliner Kurier 

Es war alles ein Schwindel durch Rassisten bzw. Nazis, aufgrund dessen unter Russlanddeutschen Hysterie ausbrach. Plötzlich hatte man Angst um die eigenen Kinder und plötzlich waren alle noch so sexistischen Russen in Deutschland antisexistische Aktivisten. Dass es wegen der angeblichen Vergewaltigung keine Anzeige gab und dass die vorgebliche Tante des armen Mädchens wohl eine hasserfüllte Demogogin für die NPD ist, dass war für den angehenden Lynchmob völlig unerheblich. Hauptsache man konnte sich heroisch fühlen und zugleich rassistisch sein. Und Medienformate wie Sputnik, RT und die Facebook-Seite Der Russen Treff haben den Fall auch noch künstlich gehyped. Auch auf vkontakte, odnoklassniki und anderen beliebten russischen Seiten wurde der Fall natürlich breit getreten.

Im übrigen ist das kein Einzelfall. Vielmehr werden von rechts gerade massenweise Falschmeldungen in dieser Richtung verbreitet, ob durch Mundpropaganda oder im Internet. Diese fehlgeleiteten Aktionen beweisen mal wieder, wie wenig es den organisierten Rechtspopulisten um Ehrlichkeit und Anstand geht. Und der aktuelle Fall zeigt, wie schnell sich auch Russlanddeutsche für rassistische Empörung gewinnen lassen.

Der ganze peinliche Vorfall sollte allen eine Lehre sein. Irgendwann glaubt man wirklichen Opfern sexueller Übergriffe nicht mehr, weil Narren oder Nazis daraus einen schlechten Scherz oder eine Propagandawaffe machen. Es verschlimmert also den Sexismus, aber auch den Rassismus. Solche Verleumder sollten daher wegen Volksverhetzung bestraft werden. Dabei konnte man den ganzen Verlauf der Geschichte vorhersagen, wenn man sein Hirn etwas angestrengt hat. Schämen sollten sich die Mitläufer in dieser Hetzkampagne und lieber Tolstoj oder Dostojewski lesen, um Anstand zu lernen.


Freitag, 22. Januar 2016

"Warum sind Russlanddeutsche so ernst und schweigsam?"

Also wenn das Wesensmerkmal der Russlanddeutschen das Schweigen ist, ist zumindest der wortgewaltige und viel zu viel denkende und redende Autor dieser Zeilen kein Russlanddeutscher. Aber dennoch ist es sehr treffend, was auf folgende Frage in den Weiten des Internets geantwortet wurde:

"Warum sind Russlanddeutsche so ernst und schweigsam?
Arbeite mit russlanddeutschen Leuten zusammen. Alle sind sehr sehr ernst, still, wortkarg. Das habe ich schon bei anderen Russlanddeutschen festgestellt. Aber warum ist das bloß so?"

Die sehr gute Antwort lautete:

"Weil wir uns selbst immer und überall erklären mussten und mmer noch müssen. Wir waren auch in Rußland bzw. /Kasachstan Aussiedler - und lange Zeit "Volksfeinde". In Russland haben wir uns für all das, was Nazis im 2 Welkieg angerichtet haben verantworten müssen, hier hält man uns für Russen - also halten wir wieder für vieles den Kopf hin. In Russland wurden wir bestraft dafür, dass wir Deutsch sprachen (verprügelt, ausgelacht, beschimpft), hier hält uns keiner für Deutsche. Schweigen ist halt Gold. Wir sind kene Russen, kein Russe sieht in uns einen Russen und kein Rußlanddeutscher sieht sich als Russen. Alle Versuche dies einem hiesigen Deutschen zu erklären scheitern, ihr versteht das einfach nicht. Komischerweise macht man hier keinen Unterschied zwischen Nationalität (also Staatsbürgerschaft) und Volkszugehörigkeit, man kann doch aber z.B. türkischer Volkszugehöriger mit deutscher Staatsbürgerschaft sein, oder deutscher Volkszugehöriger mit norwegischer Staatsbürgerschaft. Das "Deutsche" das wir haben, gibt es gar nicht mehr. Menschen (jeglicher Volkszugehörigkeit) die auswandern "konservieren" das, was sie aus ihrer Heimat mitnehmen (Sprache, Bräuche usw.) und geben es ihren Kndern lange Zeit weiter. Viele Rußlanddeutsche (besonders die aus Sibirien) lebten in etwa so, wie die Amischen in Amerika, es gab und gibt immer noch Dörfer in denen fast ausschliesslich Rußlanddeutsche leben - unter sich sprachen und sprechen sie nur ein altes Plattdeutsch, sie sind meistens sehr religiös, konservativ, sehr fleissig. Besonders in den 90-er gab es nach dem Zerfall der UdSSR Nationalitätenkonflikte, ein Russe der in Kasachstan lebte sollte gefälligst nach Russland gehen und ein Kasache der in Russland lebte nach Kasachstan - und die Russlanddeutschen halt nach Deutschland. Die deutschen Gesetze hiessen uns willkommen, die Deutschen aber nicht. Also schweigen wir, die meisten sind es gewohnt nicht willkommen zu sein. Mein Großvater sagte mal lachend: " Wenns uff m Mond Luft gewe tät, hätta ma villeicht dort drowa unsera Heissla gebaut und Mondrosen ogplonzt". Dies soll keine Klage sein. Ich persönlich bin zufrieden mit meinem Leben hier. Habe auch keine Probleme mit mir selber hier, war erst 13 bei meiner Umsiedlung nach Deutschland. Ich kenne aber die Probleme der Aussiedler, sehe diese an meinen Eltern. Einer der sich mal mit der Mentalität der Aussiedler näher befasste , beschrieb es so "sie stehen auf einer Brücke die von beiden Seiten brennt" . Irgendwie können die meisten nicht runter von dieser Brücke. Viele sind auch wirklich sehr, sehr schüchtern, wie Kinder. Wenn man sie aber näher kennenlernt und sie dein Vetrauen gewinnen, dann hat man die besten Freunde mit denen man so schön Feiern kann und unzählige Kilos zulegen, weil sie so königlich kochen. Meine Generation kennt diese Probleme natürlich nicht."
schweigende Russlanddeutsche

Donnerstag, 21. Januar 2016

Anmerkungen zur russlanddeutschen Ideologie


Ja, die Russlanddeutschen haben es mal schwer gehabt, was auch die obige Doku nicht schlecht zeigt. Sie wurden in Russland als Deutsche und Verräter und in Deutschland als Russen und Fremdkörper betrachtet. Alles das, obwohl sie oft zu vorbildlichem Fleiß und zur perfekten Anpassung an die Anforderungen des Marktes geneigt haben. Viel Unrecht wurde ihnen angetan. Die Russlanddeutschen haben tendenziell größere Probleme mit ihrer Identität als etwa Biodeutsche. Denn sie wurden aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit diskriminiert. Gegen diese Verurteilung als Spione, Verräter, Asipack oder Säufer mussten sie sich behaupten und haben sich oft gut integriert - nicht selten zu gut. Leider neigen sie daher zur russlanddeutschen Selbstgerechtigkeit.

Und die weniger integrierten unter ihnen haben es noch immer nicht leicht, zwischen berechtigter Dankbarkeit gegenüber der Regierung Kohl für die schnelle Einbürgerung und abscheulichem Chauvinismus zu unterscheiden. Die Rede ist von Großrussentum, von weißem Wohlstandschauvinismus und von männlichem Chauvinismus unter den gemeinen Russlanddeutschen. Das führt unter anderem dazu, dass sie sich umso mehr an ihre Vorrechte klammern und Bürgerrechte umso exklusiver betrachten als andere Deutsche. Denn nicht wenige dieser fiesen Exemplare kann man auch nach Jahrzehnten noch an ihrem Akzent oder an gewissen Sprachfehlern erkennen. Das ist zunächst nicht schlimm, wird aber schlimm, sobald sie sich und andere Wirtschaftsflüchtlinge mit zweierlei Maß beurteilen. Und das tun sie allzu oft.

Flüchtlinge und Ausländer, denen jetzt die selben Rechte gewährt werden, bedeuten nämlich für den gemeinen Halbdeutschen eine Herabstufung. Denn, wenn nun Ausländer oder Migranten, die ebenfalls die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschen, in den Medien rassistisch unter Generalverdacht gestellt werden, dann werden auch die Migranten aus Russland wieder verdächtig. Der psychologische Abwehrreflex ist daher der Rechtspopulismus unter Russlanddeutschen, Halbrussen und Deutschrussen, die sich so über die Neuankömmlinge erheben wollen.

Linke und radikale Demokraten findet man unter ihnen dagegen noch seltener als unter Biodeutschen, was wirklich schade ist, da sie kulturell und persönlich doch oft viel zu bieten haben. Aber ihr eigentümliches Kollektivgedächtnis lässt sie zu ihrer merkwürdigen Ideologie tendieren. Man könnte fast von der Russlanddeutschen Ideologie sprechen (vielleicht in einem späteren Artikel ausführlicher).

Es sollte auch nicht verwundern, dass es Russlanddeutsche in der NPD gibt oder dass viele von ihnen die AfD wählen oder bei Pegida, Hogesa, Endgame etc. mitlaufen. Diese Mitläufer bilden einen Teil des zukünftigen faschistischen Potenzials in Deutschland. Sie werden alles tun, um innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft zu verbleiben. Für sie werden der Burgfrieden und die Klassenversöhnung zum Ideal, der Krieg nach außen zur Notwendigkeit und der sozialistische Klassenkampf von unten zum Schreckgespenst werden. Wie in Russland werden sie nach einem starken Mann wie Putin rufen, aber ernten werden sie am Ende einen Naziführer, der sie doch nur als Slawen unterjochen, d.h. mit Terror in ihrem eigenen Land versklaven, wird.


Mittwoch, 20. Januar 2016

Die unerwartete Mobilisierung des Russlanddeutschen durch Rechtspopulismus

Es passieren immer eigenartigere Dinge in Deutschland.

Gerüchte über eine durch die Berliner Polizei angeblich vertuschte Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens provozieren Protest von Russlanddeutschen im Netz und auf der Straße. Vielleicht zurecht. Bislang jedenfalls konnte der Fall noch nicht geklärt werden. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Das muss polizeilich und juristisch, d.h. professionell, aufgeklärt werden.


Aber ob das eine sonst völlig apathisch auf Politik reagierende Menschengruppe schaffen kann? Die Rede ist nicht von der Berliner Polizei, sondern von den russlanddeutschen Spätaussiedlern. Selbst wenn an den Anschuldigungen etwas dran sein sollte, sind die Umstände des russlanddeutschen Protests durchaus bedenklich. Die Gerüchte mobilisieren ihre alten rassistischen Vorurteile. Emotionen kochen hoch, das Hirn schmilzt weg, die Denkleistung verdampft. Urängste bestimmen das Reden und Handeln. Allein, das ist noch nicht alles. Die empörten Russlanddeutschen bezichtigen die Polizei der Komplizenschaft mit verdächtigten Flüchtlingen. Diese wollen sie eigenständig, extra-legal bestrafen. Selbstjustiz wird verlangt. Dafür tun sie sich teilweise auch mit rechtsextremen Ideologen zusammen. Merkwürdig? Absolut...

Denn nun werden Selbstjustiz und Rassenhass von Leuten eingefordert, die teils selbst nach 24 Jahren im Lande kaum Deutsch können; denn Hartz4, Reallohnverluste, Demokratieabbau, Überwachung und Medienkampagnen, Kriege, Welthunger und Klimawandel sind ihnen egal gewesen; denn die Beherrschung der deutschen Sprache war immer nachrangig für viele von ihnen; denn ie Befreiung der Frau und der Feminismus waren ihnen immer eher suspekt. Aber jetzt rasten sie aus. Merkwürdig? Absolut, aber erklärbar. Denn es geht gegen andere Ausländer, die kulturell noch weniger integriert und sozial noch schwächer sind.

Würde es den neuen Aktivisten um Gerechtigkeit gehen, hätten sie sich früher einer antikapitalistischen oder zumindest fortschrittlichen Bewegung angeschlossen. Sie hätten mit uns Linken und Friedensaktivisten gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan oder in Syrien protestiert oder zumindest den europäischen Kriegskurs gegen Russland und den westlich gestützten Völkermord im Donbass kritisiert. Aber durch westliche Intervention im Ausland getötete Kinder sind dem Mob zunächst gleichgültig. Gerechtigkeit ist nicht ihr Motiv.

Es geht ihnen vielmehr um ihre teils romantischen, teils völlig surrealen Utopien von einem unberührten, spießigen Leben im Wahnsinn, den man Kapitalismus nennt. Die Verletzung der Menschenrechte überall auf der Welt durch die Großkonzerne und politischen Eliten ist ihnen eigentlich scheißegal. Hauptsache ihr Vorgarten oder Treppenflur bleibt sicher. Dieses Ideal hat den proletarischen, prekarisierten und kleinbürgerlichen Russlanddeutschen aber noch immer keine völlige Integration gewährt. Dafür ist das Erbe des Hitlerismus zu fest im staatlichen Gerüst verschraubt. Sie ahnen es zumindest, dass sie trotz deutschem Pass keine vollwertigen Deutschen sind.

Aber endlich hat der russlanddeutsche Kleingeist am Rande der deutschen Gesellschaft eine Gelegenheit gefunden, um sich selbst über andere Paria zu erheben. Alteingesessene Migranten hetzen zusammen mit den deutschen Rassisten gegen Neuankömmlinge. Die entstellte Fratze des Wohlstandschauvinismus vereint nun deutsche, russische (und vermutlich immer offener auch türkische) Nationalisten in Deutschland unter dem Banner der Asylkritik.

Vor allem die nationalistische oder völkische Selbstgerechtigkeit treibt sie an. Ihr deutschnationaler Narzissmus wurde gekränkt. Wieso sollten Neuankömmlinge auch die selben Vorrechte genießen wie die Alteingesessenen? Und dann kommen auch noch Übergriffe vor. Nun wird natürlich Blutrache eingeklagt. Und wenn man die wirklichen Täter nicht fassen kann, werden eben andere "Schwarze", wie nicht wenige Russen alle Dunkelhäutigeren nennen, an ihrer Stelle bestraft. In Russland erledigen das die Neonazis bereits mit großem Erfolg, indem sie wahllos "Schwarze" terrorisieren. Putin toleriert das mehr oder weniger, da er die Faschisten durchaus fürchten sollte und sie wie jeder konservative Staatsmann selbst noch als Schlägertrupp gegen Linke gebrauchen könnte.

Sogar bislang völlig unpolitische und äußerst pragmatisch eingestellte Halbdeutsche radikalisieren sich gerade als Reaktion auf die medialen Hetzkampagnen. In den sozialen Netzwerken und bei Whatsapp werden immer mehr Gerüchte verbreitet. Doch ihr Protest ist zunächst bloß die Mitleid erregende Verzweiflungstat der sonst ohnmächtigen Lumpen, Proleten und Kleinbürger, die verspätet aus ihrem politischen Koma erwachen.

"Achtung! Das heißt Krieg!",
Aufruf zum Protest überall im Land
Leider bringt dieses Erwachen keine Klarheit mit sich. Von geschärftem Klassenbewusstsein dürfte kaum die Rede sein. Die Dumpfheit der Klassenversöhnung unter rechtspopulistischen Parolen ist dagegen bereits Realität. Es sind dunkle Zeiten zu erwarten, in denen die "Moral" des Brutaleren und Unmenschlichen sich auch in Deutschland wieder durchsetzt. Es sei denn, der bürgerliche Rechtsstaat erobert sich mühsam sein Gewaltmonopol und seine Legitimation zurück oder wird durch den sozialistischen überwunden...

Die deutsche Linke sollte die Gefahren von rechts sehen, aber zugleich sollte sie sich auf einen Dialog mit den kürzlich erwachten Schichten einlassen. Denn nun dreht sich alles um die Köpfe solcher Menschen. Sie sehnen sich nach einer glaubwürdigen Perspektive für ein besseres Leben. Die Linke muss ihnen klar machen, dass die Antwort nicht im chauvinistischen Bündnis mit den Herrschenden, sondern allein in einer antikapitalistischen Bewegung gegen die Herrschenden liegen kann.


Mittwoch, 30. Dezember 2015

(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015

www.gettyimages.co.uk


Wie misst man den Erfolg eines Blogs?

  • An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn? 
  • An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel? 
  • An der Erwähnung durch Promis? 
  • An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland? 
  • Am Reichtum des benutzten Wortschatzes? 
  • An der Schwierigkeit des Vokabulars?
  • Am inhaltlichen Niveau? 
  • Am Nachrichtenwert der Inhalte?
  • Oder am selbst gesetzten Ziel?

Die Gesamtzahl der Aufrufe betrug bis Ende 2015 über fünfundfünfzigtausend. Der am meisten gelesene Artikel ist ein Text über das uigurische Lamm... Das ist wahrscheinlich nicht allzu viel. Die bekannteren Blogger erzielen locker die dutzendfachen Quoten. Einige bekanntere Blogs und Webseiten wie diefreiheitsliebe.de, vineyardsaker.de, borotba.su und selbst die junge Welt (zumindest Mai 2014) und die DKP haben Artikel dieses Blogs zitiert oder ganz übernommen. Der Reichtum des Wortschatzes der deutschen Artikel mag nicht der größte sein, aber der Blog nutzt gelegentlich russisches und chinesisches Vokabular und es wurden diverse Übersetzungen ins Deutsche zuerst an keinem anderen Ort als diesem veröffentlicht. Das Niveau der Artikel schwankt sicherlich, aber es ist höher als das vieler professioneller Presseorgane, deren Nachrichtenwert konstant sinkt. Die Selbstbeschreibung des Blogs umriss seine zentrale Idee bis zum 30. Dezember 2015 noch so:

Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.

Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.


  • Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht? 
  • Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
  • Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
  • Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
  • Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
  • Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
  • Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen. 

Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:

  • "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba 
  • 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗 
  • "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute
  • "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog 
  • "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog 
  • "Hey, bin über Cr7z hierher gekommen und habe mir nach seinem sofort die Einträge überMaeckes, Disarstar und JAW durchgelesen. Sehr guter Blog!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog 
  • "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog 
  • "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design


Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.

2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.

Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!







Donnerstag, 17. Dezember 2015

Der neue Russe im Hollywood-Film

Screenshot aus "The Equalizer"
Der Russe an sich ist ein beliebtes Feindbild, wie wir alle wissen. Er ist grob, flucht viel, säuft, baut unnötige Unfälle, kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit und noch weniger um die Sicherheit Dritter. Er ist quasi gemeingefährlich und das oft genug vorsätzlich. Der Russe an sich ist also böse. Zumindest vermitteln uns das die Americana-Medien. Denn sie liefern das Bild vom Russen "an sich", also ein Klischee.

Screenshot aus "Tokarev"
Hollywood greift dieses Klischee vom gemeingefährlichen Moskal geschickt auf, wenn es den russischen Ganoven darstellt. Während vor einigen Jahrzehnten für die amerikanische Filmschmiede noch der Sowjetrusse das Feindbild par excellence war, hält heutzutage der "neue Russe" dafür her (obwohl natürlich viel mehr der Moslem und immer mehr der Chinese diese Rolle eingenommen haben). Der neue Russe ist der Nachfolger des Sowjetrussen, sowohl in der russischen Gesellschaft als auch im Hollywood-Film mit russischen Bösewichten. Und nicht zuletzt ergänzt er das neoliberale Menschen- und Weltbild in den Köpfen der Menschen. Der neue Russe ist zugleich reich, dekadent, verwahrlost, abstoßend und abgrundtief böse. Das liegt in seinem Nationalcharakter begründet. Hollywood hat das längst in etlichen Streifen bewiesen, was hier besprochen wird.

Der amerikanische Held


Held in "Taken 3"
Natürlich beginnt jeder Kampf gegen den russischen Bösewicht mit der Einführung des amerikanischen Helden. Der amerikanische Held ist üblicherweise ein durchaus gefährlicher, kampferprobter und keineswegs zu unterschätzender Elitesoldat, der aber aufgrund seiner überlegenen Moral, seiner Disziplin und Gelassenheit unterschätzt wird.

Held in "The Equalizer"
Denn anders als der Russe an sich will der Amerikaner-Held bloß ein gewöhnliches Leben in Ruhe und Frieden führen, im Grunde einfach nur die abgespeckte Version des American Dream ausleben, das Leben-und-Leben-Lassen des unorganisierten John Doe. Nachdem er in seinem früheren Leben professionell getötet hatte, will er der Hölle des Krieges entgehen und nur noch sein kleines Reich, sein eigenes Paradies aufbauen. Dazu benötigt er ein oder mehrere befriedende Besitztümer, die ihm ein bescheidenes, kleinbürgerliches Dasein ermöglichen.

Helden in "John Wick"
In "The Equalizer" arbeitet unser Held in einem Baumarkt und liest in einem Café "Moby Dick", manchmal motiviert er auch angehende Wächter oder Polizisten, da er nicht mit Erfahrung geizen muss. In "John Wick" hat unser Held seine Frau verloren und das einzige, was ihn noch am Leben hält, ist ein Welpe, den er von seiner Frau geschenkt bekommen hat, und vielleicht das lebensmüde Rasen mit seinem Schlitten. In "Taken 3" will unser Held ein guter Vater für seine Tochter sein und weint seiner Frau hinterher, die ihn für einen reichen Schnösel verlassen hat. In "Tokarev" will unser Held einfach nur ein ruhiges Familienleben mit Tochter und Freundin führen.

Held in "Tokarev"
Unsere zur Ruhe gekommenen Krieger werden jedoch aus ihrem kleinbürgerlichen Paradies gewaltsam herausgerissen. Der Russe ist immer Schuld. Der "Equalizer" kann nicht mit ansehen, wie eine wehrlose Prostituierte brutal zusammengeschlagen wird. John Wick dagegen wird der Schlitten gestohlen und noch dazu wird der Welpe vor seinen Augen gelyncht. Der Vater von "Taken 3" findet seine Ex-Frau ermordet auf und will seine Tochter vor weiterer Gefahr bewahren. Der Familienvater in "Tokarev" verliert hingegen seine Tochter durch einen Schuss aus einer Tokarev, einer russischen Pistole, und will nur noch Rache. In jedem Fall wird der an sich friedliche und tugendhafte Held zur Americanaction gezwungen. Jeder, der unserem Rächer nun im Wege steht, wird vernichtet, um den Oberbösewicht seiner gerechten Strafe auszusetzen, was bei Hollywood meist der Totschlag ist, der als verlängerte Abwehrhandlung interpretiert wird. Der Held muss daher selbst (wieder) zur Killermaschine werden, um die russischen Killer auszuschalten.


Der (russische) Bösewicht


Der böse Russe in "Tokarev"
Der Oberbösewicht ist nicht notwendigerweise ein Russe, aber meistens doch. Der russische Bösewicht repräsentiert geradezu das Gegenteil des Helden. Immer gehört er der russischen Mafia an. Immer ist er abgrundtief böse. Fast immer trägt er einen Anzug. Er hat Stil. Er hat Macht. Er hat viele loyale Anhänger. Viele Frauen hat er. Seine Opfer sind noch viel zahlreicher. Und er hat einige Konkurrenten und Feinde, die aber nicht lange leben. Es sei denn, sie sind unser amerikanischer Rächer.

böse Russen in "John Wick"
Was der neue Russe nicht hat, das ist Tugend, Skrupel, echte Loyalität. Für seine Interessen verrät er jegliche Anhänger und opfert zur Not auch die eigene Sippschaft. Sofern nötig, findet er in der Verletzung seiner Sippe einen grandiosen Rechtfertigungsgrund, um Anderen großes Leid anzutun. Und üblicherweise trifft es nicht Schuldige, sondern Unschuldige.

Der böse Russe in "Taken 3"
So werden in den entsprechenden Drehbüchern eine Prostituierte, ein Welpe, eine Ex-Frau und eine Tochter ermordet, obwohl diese Figuren völlig unschuldig waren. Solch eine Bluttat muss natürlich gesühnt werden. Daher schaltet sie im Kopf des Helden einen Hebel um, der ihn wieder in einen blutrünstigen Killer verwandelt. Denn wenn der Moskal* keine Gnade kennt, dann darf auch der Action Hero keine Milde walten lassen. Denn der Russe an sich ist KEINER, der Birken liebt, sondern ein blutrünstiges Untier aus den Tiefen der sibirischen Steppe. Da er selbst kein Pardon kennt, sondern nur die Sprache der Gewalt, muss er entsprechend gestoppt werden.


Die Funktion des feindlichen Russen ist daher die Auslösung eines gerechten Vergeltungsschlages, der die ursprüngliche Balance von Gut und Böse oder den idyllischen Urzustand am Anfang der Handlung in gewisser Weise wiederherstellt. Im Grunde wird im amerikanischen Rachefilm die bestehende Ordnung mit viel Selbstjustiz auf eine neue Ebene gehoben, die von den korruptesten Elementen bereinigt ist. Das System selbst wird nicht angetastet. So radikal ist Hollywood nur in Ausnahmefällen. Meist reicht den Filmemachern der individualistische Rachefeldzug im höheren Auftrag.

Der dekadente Russe


böse Russen in "Tokarev" zerschießen eine Bude

Der Russe an sich ist natürlich nicht nur böse, sondern auch moralisch verwahrlost - ganz im Gegensatz zum bescheidenen US-Heroen. Diese Verwahrlosung oder Dekadenz lässt sich als elitäres Selbstverständnis und Gehabe des Russen an sich begreifen, der seine Macht nur für niedere Zwecke missbraucht. Natürlich läuft er im Anzug herum, trägt Goldketten, fährt teure Schlitten, bewohnt Luxusvillen und hat etliche willige Frauen um sich herum. Er lebt wie ein beliebter König, ungeachtet dessen, dass er vor allem ein Tyrann ist. Sein loyales Gefolge und seine Groupies behandelt er nicht gerade zimperlich. Sie sind ihm bloß Mittel, nicht aber Zweck. Kant würde da kategorisch den moralischen Zeigefinger erheben. Aber das kümmert den neureichen Russen eher wenig.

böser Russe in "John Wick" chillt im Pool

Hier treffen gottgefällige Tugend des christlichen Amerikaners und die gottlose Dekadenz des heidnischen Russen aufeinander. Das macht den Koflikt selbstverständlich episch. Denn es kämpfen nicht nur ein isolierter Held und viele Wichte gegeneinander, sondern höhere Werte und Prinzipien ganzer Nationen, die sich absolut ausschließen. Das Reich des Guten kämpft gegen das Reich des Bösen. Die Bilder der Dekadenz fehlen in keinem der entsprechenden Filme.

böser Russe in "Taken 3" chillt im Pool

Der verwahrloste Russe


verwahrloster Russe in "John Wick"
Der dekadente Russe ist nicht bloß böse und gottlos, sondern auch physisch verwahrlost. Wenn er nicht im Anzug protzt, prollt er im Jogginganzug, mit Tank-Top oder mit Tattoos herum. Dabei sieht er schmutzig und schmierig aus. Das stört ihn nicht, denn er kümmert sich weder um das Urteil Gottes noch um das Urteil Dritter. Sein edles Outfit im Anzug mit viel Schmuck etc. ist daher bloße Maskerade, um völlige Verwahrlosung von innen und von außen zu verdecken, sofern es nützlich erscheint. Anders als beim US-Heroen, der wirklich authentisch bescheiden ist, ist der ärmliche Aufzug des neuen Russen ein Ausdruck seiner moralischen Armut. Die Bilder sind eindeutig.

Der trunkene Russe


Russen und Alkohol in "Taken 3"
Selbstverständlich ist der verwahrloste Russe oft trunken. Nie fehlen die Bilder des Russen an sich mit seinem Alkohol. Das Klischee des russki Besoffski muss bedient werden. Zwar saufen Amis statistisch gesehen kaum weniger als Russen, aber man assoziiert den amerikanischen Bösewicht weniger mit Trunkenheit. Der nicht-saufende Russki dagegen ist ein Oxymoron. Der Russe ist einer, der Wodka liebt.


                                        

Oder?

*Moskal ist ein unter westlich orientierten Ukrainern beliebtes Schimpfwort für Russen. Es hat eine rassistische und orientalistische Färbung.

Montag, 7. Dezember 2015

Pjotr Werchowenskij und Stawrogin im Dialog über den Schigalewismus

Der Dialog entstammt Dostojewskijs Roman "Die Dämonen", der im 19. Jahrhundert im Zarenreich spielt. Die zwei jungen Verschwörer Werchowenskij und Stawrogin unterhalten sich über ihre dystopische Vision für Russland.

„Hören Sie, wir werden einen Aufstand erregen“, flüsterte jener schnell und wie im Fieber. „Sie glauben nicht, dass wir das können? Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht. Karmasinoff hat recht, wenn er sagt, dass nichts da ist, woran man sich festhalten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Russland und ich bin nicht zu fangen.“

„Und lauter ebensolche Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.

„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind doch auch gar nicht so klug, dass man Ihnen dies noch wünschen müsste. Sie fürchten sich nur, Sie glauben nicht, dass Ausmaß schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Sie sind gar nicht mal solche Dummköpfe. Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es furchtbar wenig selbständig denkende Köpfe. Wirginskij ist ein außergewöhnlich reiner Mensch, zehnmal reiner als solche wie wir; übrigens, mag er dabei bleiben. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne an ihm einen bestimmten schwachen Punkt. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht seinen eigenen schwachen Punkt hätte. Nur Lämschin allein ist ohne solchen Punkt, aber dafür habe ich ihn ganz in der Hand. Noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten Sie schon das allein! Was das allein schon ausmacht! Und dazu sichere Verstecke. Mögen Sie dann suchen! Die eine Gruppe reißen sie heraus, und auf die andere setzen sie sich ahnungslos. Wir wiegeln auf, wir bringen es zu Unruhen überall im Land … Glauben Sie denn wirklich nicht, dass wir zwei dazu vollkommen genügen?“

„Nehmen Sie sich dazu Schigaljoff, mich aber lassen Sie in Ruh …“

„Schigaljoff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie auch, dass er ein Genie ist à la Fourier, aber kühner als Fourier, stärker als Fourier! Ich werde sein Werk noch studieren. Er hat die „Gleichheit“ erdacht!“

,Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muss ihm etwas etwas ganz Besonderes widerfahren sein’, dachte Stawrogin, indem er ihn noch einmal ansah. Sie gingen, ohne stehen zu bleiben.

„In seinem Manuskript ist das wunderbar“, fuhr Werchowenskij fort, „ dass er die Spionage einbezieht. Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In extremen Fällen wird mit falschen Aussagen und Mord vorgegangen, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Die erste Folge davon wird sein, dass das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente sinkt. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und Talente ist nur höher Begabten zugänglich, aber höher Begabte brauchen wir nicht! Höher Begabte haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Höher Begabte können gar nicht umhin, Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder richtet sie hin. Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt, das ist Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in einer Herde aber muss Gleichheit herrschen, und das ist eben Schigalewismus! Hahaha! Sie wundern sich? Ich bin für den Schigalewismus!“

Stawrogin bemühte sich, seinen Schritt zu beschleunigen, um schneller nach Haus zu kommen. ,Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er sich dann inzwischen betrinken können?’ fuhr es ihm durch den Kopf. ,Sollte wirklich der Kognac dazu genügt haben?’

„Hören Sie, Stawrogin: Berge einzuebnen, das ist ein guter Gedanke, nicht etwa ein lächerlicher. Ich bin für Schigaljoff! Wir brauchen keine Bildung, wir haben genug Wissenschaft! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber was unbedingt eingeführt werden muss, dass ist Gehorsam. Nur an einem ist Mangel in der Welt, an Gehorsam. Durst nach Bildung ist bereits ein aristokratischer Trieb. Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein. Wir bringen ihn um, diesen Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Anzeigerei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; jedes Genie wird schon in der Kindheit ausgelöscht. Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen. ,Wir haben ein Handwerk erlernt und sind ehrliche Leute, das genügt uns’, das war vor kurzem die Antwort englischer Arbeiter. ,Notwendig ist nur das Notwendige’, das wird von nun an der Wahlspruch des Erdballs sein. Aber ab und zu muss es auch so etwas wie einen Krampf geben; dafür werden wir schon sorgen, wir Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber alle dreißig Jahre einmal sieht Schigaljoff auch eine Konvulsion vor, eine Art Erschütterung, und dann fangen auf einmal alle an, einander aufzufressen, bis zu einer gewissen Grenze natürlich, einzig damit es ihnen nicht zu langweilig werde. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.

„Sich selbst schließen Sie aus?“ entschlüpfte es Stawrogin wieder ungewollt.

„Und Sie. Wissen Sie, anfangs dachte ich daran, die Welt dem Papst zu übergeben. Mag er allein zu Fuß und barfüßig herauskommen und sich dem Pöbel zeigen, sozusagen: ,Seht, wie weit man mich gebracht hat!“ – und alles wird ihm zuströmen, selbst das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns die Schigaljoffsche Herde. Dazu wäre nur erforderlich, dass sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklärte; was sie auch tun wird. Das alte Männlein selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrig bleiben, behalten Sie meine Worte, hahaha! – Dumm etwa? Sagen Sie, ist das dumm oder nicht dumm?“

„Genug davon!“ brummte Stawrogin ärgerlich.

„Gut, genug davon! Hören Sie, ich habe den Papst fallen lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Und der Teufel hole auch den Schigalewismus! Wir brauchen das, was heute die Gemüter erregt, die aktuelle Wut, und nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Ist ein Ideal, kommt erst in der Zukunft in Frage. Schigaljoff ist ein feiner Juwelier und dumm wie jeder Philanthrop. Zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaljoff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie: der Papst mag im Westen regieren, bei uns aber, bei uns – Sie!“

„Lassen Sie mich in Ruh, Sie sind ja betrunken!“ brummte Stawrogin und beschleunigte seine Schritte.

„Stawrogin, Sie sind schön!“ begann Pjotr Stepanowitsch wie in einem Rausch. „Wissen Sie es auch selbst, dass Sie schön sind? Das ist ja das Kostbarste an Ihnen, dass Sie sich manchmal gar nicht dessen bewusst sind. Oh, ich habe Sie studiert! Wie oft habe ich sie heimlich, aus einem Winkel, ganz unbemerkt beobachtet! In Ihnen ist sogar Aufrichtigkeit und ist echte Naivität vorhanden! Sie leiden gewiss unter dieser Aufrichtigkeit, und leiden aufrichtig. Und ich, ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Lieben denn Nihilisten das Schöne etwa nicht? Die lieben doch bloß Abgötter nicht, ich aber, nun, ich liebe einen Abgott! Sie …Sie sind mein Abgott! Sie beleidigen keinen, und doch werden Sie von allen gehasst; Sie verhalten sich zu allen wie zu Standesgenossen, und doch werden Sie von allen gefürchtet, das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein unheimlicher Aristokrat. Wenn ein Aristokrat sich zu Demokraten gesellt, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, ein Leben zu opfern, sei es Ihr eigenes, sei es ein fremdes Leben. Sie sind genau die Gestalt, die nötig ist. Und ich, ich brauche gerade so eine, wie Sie sind. Außer Ihnen wüsste ich keinen. Sie sind der geborene Anführer, Sie sind die Sonne, und ich bin ihr Wurm …“

Und plötzlich küsste er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken, und erschrocken entriss er ihm seine Hand. Sie blieben stehen.

„Wahnsinnniger!“ flüsterte Stawrogin.

„Vielleicht deliriere ich, vielleicht deliriere ich“, fiel dieser hastig ein, „aber ich habe den ersten Schritt ersonnen. Niemals wird ein Schigaljoff darauf verfallen, mit welchem ersten Schritt man anfangen muss. Es gibt viele Schigaljoffs! Aber nur ein Einziger, ein Einziger in Russland hat den ersten Schritt erfunden und weiß, wie er zu machen ist. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie dazu, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee in verkorkter Flasche, bin ein Kolumbus ohne Amerika!“

Stawrogin stand und sah unverwandt in Werchowenskijs irre Augen.

„Hören Sie zu, wir stiften zuerst nur Unruhen im Land“, redete dieser wie gehetzt weiter, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfasste. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk ein. Wissen Sie auch, dass wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Zu uns gehören nicht nur die, die da brandstiften und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ohne Disziplin ist mir überhaupt nichts möglich. Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha! Hören Sie zu, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der sich mit den Schulkindern über ihren Gott und über ihre Wiege lustig macht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, dass dieser geistig entwickelter sei als seine Opfer und daher, um sich Geld zu verschaffen, nicht umhin konnte, zu morden, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern totschlagen, nur um das Gefühl kennen zu lernen, das man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die alle Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Der Staatsanwalt, der bei der Gerichtsverhandlung davor zittert, er könne nicht liberal genug erscheinen, ist unser, unser. Unser sind Beamte und Literaten, oh, unser sind viele, unglaublich viele, und sie wissen es selbst nicht einmal, dass sie unser sind. Auf der anderen Seite hat der Gehorsam der wenigen Schüler und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht; bei denen aber, die sie leiten und belehren sollten, ist offenbar die Gallenblase geplatzt. Überall eine Hoffart von unvorstellbarem Ausmaß, tierische, unerhörte Begierde … Wissen Sie, wissen Sie auch, wie viele wir schon allein mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Russland verließ, wütete hier gerade die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn sei; ich kehre zurück, und schon ist Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern geradezu die gesunde Vernunft selbst, beinahe eine Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. Sozusagen: ,Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er doch Geld braucht?’ – Aber das sind vorerst nur so kleine Beeren. Der russische Gott hat vor dem billigen Fusel schon den Rückzug angetreten. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer, und an den Gerichtshöfen heißt es: ,Zweihundert Rutenhiebe, oder schlepp einen Eimer Schnaps herbei.’ Oh, lassen Sie nur diese Generation noch heranwachsen! Es ist nur schade, dass wir keine Zeit haben zu waren, sonst könnte man sie noch betrunkener werden lassen! Ach, und schade, dass es noch keine Proletarier gibt! Aber es wird, es wird sie schon geben, dazu trägt ja alles bei …“

„Schade ist es auch, dass wir zu verdummen anfangen“, brummte Stawrogin und setzte seinen Weg fort.

„Hören Sie, ich habe selbst ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die beschimpfte es dafür mit garstigen Worten. Glauben Sie, dass mich das gefreut hat? Bekommen wir es in die Hand, so werden wir es vielleicht auch gesund machen … falls nötig, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus … Aber eine oder zwei Generationen mit Sittenverderbnis sind vorerst unbedingt erforderlich, - mit unerhörter, niederträchtiger Sittenverderbnis, in der sich der Mensch in nichts als einen widerlichen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Abschaum verwandelt – gerade das ist es, was jetzt nötig ist! Und dann noch etwas ,frischvergossenes Blut’, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir durchaus nicht. Ich widerspreche nur den Philanthropen und dem Schigalewismus, nicht mir! Ich bin ein Spitzbube, aber kein Sozialist. Hahaha! Schade nur, dass wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zu Mariä Fürbitte zu beenden. Schnell – wie? Haha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bisher noch keinen Zynismus gegeben, obschon es mit schmutzigen Wörtern geschimpft hat. Wissen Sie auch, dass dieser leibeigene Sklave sich selbst mehr geachtet hat, als Karmasinoff sich achtet? Man hat ihn geprügelt, aber er hat seine Götter verteidigt, während Karmasinoff das nicht tut.“