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Samstag, 23. Juli 2016

Warum "Apocalypse" trotz allem kein Epos ist

"X-Men: Apocalypse" hat formal nahezu alles, um als "episches Werk" von heute durchzugehen. Trotz allem ist es kein (post)modernes Film-Epos. Das entscheidende Kriterium fehlt.

Dieser Film bietet epische Helden und ihre Schlachten, eine epische Handlung und Moral, epische Mythologie, epische Musik, Akustik und Szenerie - und fast alles andere, was man episch nennen darf. Alles an dem Hollywood-Blockbuster ist episch, außer die Rezeption.

Ein Kinogänger wird vielleicht begeistert oder zumindest beeindruckt aus dem Film herausgehen. Er wird womöglich sogar mit dem für ein Epos typischen Staunen an den Film zurückdenken. Die großen Heldinnen und Helden des Werks werden uns als strahlende Vorbilder in Erinnerung bleiben. Wir haben Teil an ihrem übermenschlichen Wagemut und ihrer grenzenlosen Tugend.

Und doch ist dieses fabelhafte Werk noch kein Epos. Denn dazu gehört nicht nur das Werk, sondern auch das entsprechende Publikum. Das eigentliche Epos ist eine dialektische Beziehung zwischen dem epischen Werk und der heldenhaft gesinnten Anhängerschaft des Geistes, von dem das Werk erzählt.

http://www.filmfutter.com/wp-content/uploads/2015/12/XMenApocPoster1.jpg
Bild von: www.filmfutter.com
Und das Publikum von "Apocalypse" ist allgemein ganz weit davon entfernt, auch nur im geringsten heldenhaft gesinnt zu sein: Man geht als neugieriger Konsument einer filmischen Ware ins Kino und kommt als gesättigter wieder heraus, um wieder brav dem sinnlosen Leben des Biedermeiers zu frönen. Die Erinnerung an die heldenhafte Fiktion des Films bleibt, aber die eigentlich epische Wirkung, die ein episches Werk zum Epos macht, fehlt völlig. Daran ist aber nicht der Film Schuld.

Das epische Publikum und seine Rezeption gibt es nur da, wo es einen epischen Weltzustand gibt, eine revolutionäre Situation. Da dieser Zustand für die meisten Filmkonsumenten nicht gegeben ist und kaum einer von uns je zum Helden wird, kann also auch bei "Apocalypse" nicht von einem Epos geredet werden. Ein wirkliches Epos für unsere Zeit muss erst noch durch einen revolutionären Aufbruch möglich werden. 

Soll heißen: Erst wenn draußen vor dem Kino die Barrikaden stehen, wenn sich die Massen zur revolutionären Heldentat entschieden haben, wenn Polizeistationen brennen und die korrupten Politiker ins Ausland fliehen, wird ein echtes filmisches Epos möglich sein. Im Grunde können nur reale Helden Teil eines epischen Publikums sein. In Deutschland ist ein Epos daher unwahrscheinlich. Die Deutschen sind keine Helden, sondern wundern sich nach dem Kinobesuch mit dem gewohnten Schafsblick über jede epische Fantasterei.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ich spucke auf dein Grab - ein Meisterwerk über feministische Selbstjustiz

Wie gerufen kommt der dritte Teil von "I spit on your grave" für die deutschen Zuschauer*innen nach Silvester 2015/16. Die Serie behandelt ein überaus makabres Thema: Rache infolge von Vergewaltigung. Anders als Teil 1 und 2 ist der dritte Teil jedoch nicht bloß ein weiterer "Rape and Revenge"-Splatterfilm. "I spit on your grave III" ist vielmehr ein surreales Meisterwerk ganz im Stile von "Fight Club".

Rachesequenz aus "I spit on your grave III"
Jennifer Hills (Sarah Butler) ist die bereits bekannte Protagonistin aus dem ersten Teil, in dem sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch einige Rednecks wurde, an denen sie sich im Anschluss brutal revanchierte. Im dritten Teil hat sie mit den psychischen Folgen der Ereignisse zu kämpfen: Sie ist allgemein äußerst misstrauisch geworden, hat Alpträume und Paranoia. Überall sieht sie potenzielle Vergewaltiger. Ihren Namen hat sie zu Angela umändern lassen, um mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Auch sucht sie eine Therapeutin auf und nimmt an Gruppensitzungen mit anderen Geschädigten teil.

Gleich eine der ersten Szenen ist perfekt. Angelas Kollege spricht sie unvermittelt an und löst damit die typische Situation aus, wenn eine Frau ungewollt angemacht wird:

"Hey, Angie. Warte doch."
"Bitte nenn mich nicht immer so. Ja?"
"Komm schon. Was ist denn mit dir los? Ich meine. Rieche ich? Habe ich faule Zähne?"
"Ich möchte nur nicht Angie genannt werden."
"Augenblick, was ist mit dir? Ich versuche doch nur, nett zu sein."
"Wieso?"
"Was ist falsch daran, nett zu sein?"
"Dann sei doch nett zu Gloria oder xyz§#ß."
"Du bist ja echt schwierig. Hör zu, nicht jeder will dir gleich an die Wäsche."
"Nicht jeder, aber du."

Eiskalt abgeblitzt, bemüht sich der wirklich nette Kollege immer wieder, aber hat im Grunde keine Chance, Angela zu treffen. In einer Therapiestunde erklärt Angela den Grund dafür, d.h. ihr Weltbild:

"Da draußen ist man Raubtier oder Beute. Man muss sich entscheiden."
"Eine etwas einseitige Sicht. Glauben sie nicht an Altruismus?"
"Sie meinen die Gutmenschen? Die kann ich echt nicht ausstehen." 

Bei ihren Gruppensitzungen lernt sie die hammerharte Marla (Jennifer Landon) kennen, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte eine Männerhasserin mit viel Humor und Selbstvertrauen ist. Bis dahin konnte Angela ihr Leben kaum genießen. Gemeinsam mit Marla ändert sie fortan jedoch ihre Einstellung. Sie bricht mehr und mehr mit der klassischen Opferrolle und wird zum agierenden Subjekt. Von Marla übernimmt Angela die radikalen Ansichten:

"Für diese Frauen gibt es nur eine Hoffnung und die heißt: Rache... Und die Cops helfen dir nicht. Niemand hilft dir. Du musst dir selbst helfen. Geh deinen Weg und schau nicht zurück. Wenn das nicht hilft, nimmst du ein Messer, schlizt ihn auf und nimmst ihn aus wie einen Fisch und schneidest ihm den verdammten Kopf ab." 

Marla spricht es aus, Angela begreift sofort. Die beiden ziehen also gemeinsam los in den Krieg gegen die Männer. Ob der Kollege, der Angela kennenlernen möchte, der unbekannte Frauenschläger aus der Kneipe oder der angehende Vergewaltiger - alle werden nun zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt der beiden Racheengel. Angela muss ihre fiktive Freundin (eine Anspielung auf Marla in "Fight Club"?) sogar mäßigen. Doch ist sie bald selbst nicht mehr zu halten.

Das Hauptmotiv des Plots ist abgesehen von der Verwandlung des Opfers zur Täterin das Fluktuieren unserer Heldin zwischen staatlichem Recht, feministischer Gerechtigkeit und sadistischer Selbstgerechtigkeit. Die Polizei wirkt machtlos oder unwillig, Angela bei der Aufklärung eines Mordes an einer Freundin zu helfen. Der Staat versagt also wie so oft darin, dem Recht die Gerechtigkeit folgen zu lassen. Einzig logische Konsequenz für unsere Rächerin ist die Selbstjustiz. Sie zieht los, um endgültig zu strafen, wo der Staat nicht einmal das öffentliche Recht durchzusetzen vermag. 

Die Zuschauer*innen werden nicht nur Mitgefühl für die Vergewaltigungsopfer empfinden, sondern auch sadistische Lust bei der Bestrafung der Täter. Das ist immer der intendierte Effekt bei diesem Filmgenre. Allein, das Geniale an diesem Film, das ihn außergewöhnlich macht, ist die Überspannung der Selbstjustiz. Die feministische Gerechtigkeit verschmilzt immer mehr mit sadistischer Selbstjustiz. Denn Angela rächt sich nicht bloß. Sie rastet aus und attackiert sogar unschuldige Männer und Frauen. Unterschiedslos rächt sie sich nun also an der ganzen Menschheit. Ihre zunächst gerecht wirkende Verwandlung in eine Rächerin schlägt in einen durch nichts zu rechtfertigenden Menschenhass um. Aus der zornigen Feministin wird so eine Sadistin, aus dem Racheengel ein gefallener. Ganz wunderbar lässt sich das im Kontrast zwischen der Szene im Gefängnis und der Szene in der Mitte des Films erkennen, in der sie sich auf einen kurzen Flirt mit dem Kollegen einlässt. Dort schien es einen Hoffnungsschimmer für die verzweifelte Kreatur gegeben zu haben. Doch der Film endet düster.

Angela selbst weiß um ihre Schuld, weshalb sie Gott um Vergebung bittet. Natürlich löst dieser ihre Probleme nicht. Darum geht es in dem Film. Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun errettet die Opfer von Gewalt. Sie müssen sich selbst retten, selbst wenn es so schwer fällt wie Angela. Und genau diese Spannung zwischen den Kontrasten erhebt den Film auf den Thron des Genres.


Dienstag, 9. Februar 2016

Vom berühmten Fettsack mit dem Marx-Tattoo und der makellosen Badenixe

"Ewige Jugend" (englischer Titel: "Youth") ist ein toller Film. Schaut ihn. Leider ist er nicht ganz einfach. Vermutlich ist das sogar einer dieser Filme, die man zehn Mal sehen muss, um ihn wirklich schätzen zu lernen. Aber immerhin: Man kann viel aus dem Film lernen. Wovon handelt er aber? Unter anderem von einem berühmten Fettsack mit Marx-Tattoo und einer makellosen Badenixe - ja, im Ernst - und von einem depressiven Hitler. Natürlich, diese drei Figuren werden bloß von Nebendarstellern gespielt. Jedoch verkörpern sogar sie die tiefschürfende Idee, um die sich die ruhige Handlung des Films herum aufbaut.
Szene aus "Ewige Jugend": Fred und Mick
bestaunen "Gott", d.h. Miss Universum

Der Ex-Komponist Fred (Michael Caine) und der Regisseur Mick (Harvey Keitel) verbringen als Freunde ihren gemeinsamen Lebensabend in den Alpen. Während Fred resigniert wirkt, scheint Mick noch voller Hoffnung zu sein. Fred lehnt das Angebot der britischen Königsfamilie ab, für sie ein Konzert zu spielen. Stattdessen lässt er sich von jungen Frauen rein äußerlich beglücken. Mick plant hingegen seinen letzten großen Film und will seinem Schöpfertum erneut Ausdruck verleihen. Der Film ist ein ehrliches "Erschrecken vor der eigenen Bürgerlichkeit", wie ein Kritiker es ausdrückte. Umgeben sind die beiden Hauptfiguren von nicht minder bürgerlichen Karikaturen, die alle samt leidenschaftlich mit ihrem Selbstbild kämpfen.

Lena (Rachel Weisz), die Tochter Freds, verliert ihren Verlobten, den Sohn von Mick (Ed Stoppard), an eine "Schlampe", d.h. an eine extrem oberflächliche Pop-Sängerin (Paloma Faith). Der Grund dafür ist der Sex, wie ihr Ex-Verlobter gesteht. Der elegant gekleidete Betrüger meint, nun endlich in der unterdurchschnittlichen Sängerin eine spannende Frau gefunden zu haben. Paloma selbst bildet sich ein, eine große Künstlerin zu sein. Und Lena gefällt sich als Antwort auf diese Verletzung in ihrer Rolle als unwiderstehliche Verführerin. Allen möglichen Männern umwerfende Blicke zuwerfend will sie sich ihren Sex-Appeal wieder zurückholen. Der Maradona-Verschnitt (Roly Serrano) ist übergewichtig und träumt von seiner Vergangenheit als Fußballstar. Jimmy Tree (Paul Dano), ein frustrierter Schauspieler, der nur für seine Rolle als Roboter bekannt ist, will nichts sehnlicher als eine extrem anspruchsvolle Rolle spielen - in diesem Fall Hitler. Auch Jane Fonda hat als die alternde Schauspielerin Brenda Morell ihren Moment der Offenbarung, als sie im Flugzeug zusammenbricht und ihre Perücke verliert. All diese Charaktere haben ihren großen Auftritt im Film. Sogar Miss Universum (Madalina Diana Ghenea) will nicht bloß als hübsches Dummchen gelten und beweist ihre Intelligenz in einer großartigen Szene und eine tiefsinnige Masseuse mit Zahnspange (Luna Zimic Mijovic) würde gerne ihre Weisheit als Pop-Sängerin in die Welt hinausposauen.

Die Schauspieler spielen ihre Rolle perfekt. Man musste sie deswegen hier namentlich erwähnen. Selbst Miss Universum und Paloma Faith waren wunderbar selbstironisch und grandios. Den Schauspielern und ihren Figuren geht es um ihre Identität bzw. ihr "wahres", inneres Wesen. Hinter ihrer Oberfläche verbirgt sich ihr Kern. Deswegen hat dieser Film eine gewisse Tiefe. Allerdings bleibt die Frage offen, ob die Oberfläche oder das innere Wesen die Wahrheit der Charaktere ist. Ist der Fettsack mit dem Marx-Tattoo nun in Wirklichkeit ein weltberühmter Fußballer oder ein nostalgischer Fettsack? Und ist Miss Universum eine makellose Badenixe oder nur eine geradezu obszön hübsche Frau? Die Antwort wird nicht wirklich gegeben. Aber ausgerechnet Hitler, der größte Betrüger und kleinste Mensch, erkennt die große Botschaft des Filmes. Der Schauspieler Jimmy Tree, der für seine leichte Rolle als Roboter bekannt und damit überaus unzufrieden ist, erkennt im besoffenen Zustand als verkleideter Hitler seine Bestimmung, für den Drehbuchautor und Regisseur Sorrentino das einende Band aller Menschen zu benennen:

"Ich studiere die Hotelgäste schon seit Wochen. Ich habe alle minutiös beobachtet. Sie und Fred, Lena, die Russen, die Araber, die Jungen, die Alten... Und ich bin zu einem Schluss gelangt. Ich muss mich entscheiden. ICH muss mich entscheiden, wovon ich erzählen will: Schrecken oder Sehnsucht? Und ich wähle die Sehnsucht. Sie, jeder einzelne von Ihnen, hat mir die Augen geöffnet, hat mich begreifen lassen, dass ich mein Leben nicht darauf verschwenden darf, sinnlosen Schrecken darzustellen. Ich kann nicht Hitler spielen. Nein, ich möchte von Ihrer Sehnsucht erzählen, so pur, so völlig unmöglich, so unmoralisch. Aber das ist völlig egal, denn erst sie macht uns so lebendig."

Szene aus "Ewige Jugend":
Der Fettsack mit dem Marx-Tattoo ist nicht mehr allzu fit
Dass ausgerechnet "Hitler" den Widerspruch zwischen Oberflächenschein und Wesenskern im Film ausspricht, ist kein Zufall. Dem Schrecken, den Hitler verkörpert, soll man nicht unnötig viel Beachtung schenken. Vielmehr soll man den Sehnsüchten der Menschen die aller größte Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen. Das ist die Erlösung im menschlichen Jammertal, das im Film von den Alpengipfeln umgeben ist. Nicht umsonst schwebt ein buddhistischer Mönch in der nächsten Szene durch die Gegend, womit er dieses Elend hinter sich lässt. Und nicht umsonst nennt Mick die nackte Miss Universum "Gott" und den Genuss ihrer Perfektion "das letzte wahre Idyll unseres Lebens", das den Menschen geblieben sei. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass Maradona zu Anfang des Streifens ebenfalls "Gott" genannt wird.

Es wäre noch viel über den Film zu sagen. Man könnte zehn weitere positive Rezensionen mit Fokus auf die Musik, die Symbolik oder den Schnitt verfassen. Das hier soll aber vorerst genügen. "Ewige Jugend" ist eine Offenbarung. Die bösen Kritiker des Meisterwerks von Sorrentino sollten es womöglich noch einige Male anschauen, um seine Tiefe zu begreifen. Oder sie sollten diese Rezension hier lesen und sich in Grund und Boden schämen, weil ein Türsteher und Prolet mehr von ihrem Fach versteht als sie, die kleinbürgerlichen Kunstkritiker.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Die Hölle als Zuschauertribüne des Himmels




Populäre Rap-Musik kann provozieren. Die wunderbar provokative Hitler-Hymne von KIZ ist ein Beispiel dafür. Der Musik-Clip zum Track überragt den Text sogar noch.

Jedenfalls endet das Video damit, dass der auferstandene Hitler sich wieder selbst erschießt, aber an der Tür zum Himmel abgewiesen wird. Der Türsteher schließt das Tor und es wird wieder dunkel um den allein gelassenen Diktator. Fast könnte man Mitleid mit dem Ausgestoßenen bekommen. Fast. Oder auch nicht.

Diese letzte Szene regt den futuristischen Blogger dazu an, über eine mögliche Variante der Strafe für verstorbene Verbrecher zu spekulieren: Die Hölle als Zuschauerbank des Himmels.

Da sämtliche Verbrecher dazu neigen, ihre Verbrechen zu rechtfertigen, glauben sie sich sicher. Entweder erfinden sie legale oder moralische Rechtfertigungsgründe für ihre Straftaten, sodass sie als tragische Figuren in den Himmel oder nach dem Tod ins Nirvana eingehen können. Hitler dachte womöglich wirklich, dass er einen irgendwie gerechten Kampf gegen eine "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung" austragen musste. Sein feiger Selbstmord sollte ihn der Bestrafung durch das Weltgericht der Bolschewisten entziehen. Und in seinem kranken Hirn stellte er sich das Nachleben entweder als Himmel für Diktatoren oder als Nirvana-Nichts vor. So wäre er ja glimpflich davongekommen.

Aber vielleicht endet die Geschichte für die Terroristen-Verbrecher nach ihrem Ableben doch eher wie im Video von KIZ? Der Diktator erhofft Himmel oder Nirvana für sich, aber tatsächlich gelangt er auf die Zuschauertribüne des Himmels. Alle guten, unschuldigen Menschen und reuigen Sünder gehen an ihm vorbei und werden vom Türsteher des Himmels ins Paradies gelassen. Für alle Ewigkeit vergnügen sie sich wahlweise mit Daim, Bitterschokoladeneis, World of Warcraft oder ganz vielen Jungfrauen und -männern oder Trauben - oder was auch immer das sündige Herz der Himmelsbewohner so begehrt.

Der enttäuschte Aussetzige dagegen und seine Kameraden, die Schwule für ihre Liebe zu Männern zusammengeschlagen haben; seine Kollegen von ISIS, die echten Moslems Köpfe abgeschnitten haben; die Kolonialisten-Siedler, die anderen Völkern ihr Land mit teuflischer Gewalt geraubt haben; die Militaristen und Imperialisten, die ihr eigenes Land und andere Länder unterworfen und zerstört haben; die demokratisch gewählten Feinde der Demokratie - sie alle sammeln sich vor der Himmelstür und kommen für alle Ewigkeit nicht rein. Zugleich hören sie von weitem die freudigen Himmelsbewohner und können durch einen Türspalt oder das Schlüsselloch alle tausend Jahre mal einen Blick hineinwerfen. Ihre Strafe ist so vielleicht viel schmerzhafter als die gewöhnliche Vorstellung von Hölle.

Obwohl man ihnen durchaus einen Gang durch sämtliche Stufen der Höllenqualen im tibetischen Buddhismus wünschen kann. Oder noch besser: Das Weltgericht durch die Bolschewiki dieser Welt, solange man ihrer habhaft werden kann. Oder eine Neuauflage der Nürnberger Prozesse. Ja, das wäre wirklich eine angemessene Strafe, von der auch die Erdenbürger noch was hätten. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.


Montag, 7. Dezember 2015

Pjotr Werchowenskij und Stawrogin im Dialog über den Schigalewismus

Der Dialog entstammt Dostojewskijs Roman "Die Dämonen", der im 19. Jahrhundert im Zarenreich spielt. Die zwei jungen Verschwörer Werchowenskij und Stawrogin unterhalten sich über ihre dystopische Vision für Russland.

„Hören Sie, wir werden einen Aufstand erregen“, flüsterte jener schnell und wie im Fieber. „Sie glauben nicht, dass wir das können? Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht. Karmasinoff hat recht, wenn er sagt, dass nichts da ist, woran man sich festhalten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Russland und ich bin nicht zu fangen.“

„Und lauter ebensolche Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.

„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind doch auch gar nicht so klug, dass man Ihnen dies noch wünschen müsste. Sie fürchten sich nur, Sie glauben nicht, dass Ausmaß schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Sie sind gar nicht mal solche Dummköpfe. Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es furchtbar wenig selbständig denkende Köpfe. Wirginskij ist ein außergewöhnlich reiner Mensch, zehnmal reiner als solche wie wir; übrigens, mag er dabei bleiben. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne an ihm einen bestimmten schwachen Punkt. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht seinen eigenen schwachen Punkt hätte. Nur Lämschin allein ist ohne solchen Punkt, aber dafür habe ich ihn ganz in der Hand. Noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten Sie schon das allein! Was das allein schon ausmacht! Und dazu sichere Verstecke. Mögen Sie dann suchen! Die eine Gruppe reißen sie heraus, und auf die andere setzen sie sich ahnungslos. Wir wiegeln auf, wir bringen es zu Unruhen überall im Land … Glauben Sie denn wirklich nicht, dass wir zwei dazu vollkommen genügen?“

„Nehmen Sie sich dazu Schigaljoff, mich aber lassen Sie in Ruh …“

„Schigaljoff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie auch, dass er ein Genie ist à la Fourier, aber kühner als Fourier, stärker als Fourier! Ich werde sein Werk noch studieren. Er hat die „Gleichheit“ erdacht!“

,Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muss ihm etwas etwas ganz Besonderes widerfahren sein’, dachte Stawrogin, indem er ihn noch einmal ansah. Sie gingen, ohne stehen zu bleiben.

„In seinem Manuskript ist das wunderbar“, fuhr Werchowenskij fort, „ dass er die Spionage einbezieht. Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In extremen Fällen wird mit falschen Aussagen und Mord vorgegangen, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Die erste Folge davon wird sein, dass das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente sinkt. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und Talente ist nur höher Begabten zugänglich, aber höher Begabte brauchen wir nicht! Höher Begabte haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Höher Begabte können gar nicht umhin, Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder richtet sie hin. Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt, das ist Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in einer Herde aber muss Gleichheit herrschen, und das ist eben Schigalewismus! Hahaha! Sie wundern sich? Ich bin für den Schigalewismus!“

Stawrogin bemühte sich, seinen Schritt zu beschleunigen, um schneller nach Haus zu kommen. ,Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er sich dann inzwischen betrinken können?’ fuhr es ihm durch den Kopf. ,Sollte wirklich der Kognac dazu genügt haben?’

„Hören Sie, Stawrogin: Berge einzuebnen, das ist ein guter Gedanke, nicht etwa ein lächerlicher. Ich bin für Schigaljoff! Wir brauchen keine Bildung, wir haben genug Wissenschaft! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber was unbedingt eingeführt werden muss, dass ist Gehorsam. Nur an einem ist Mangel in der Welt, an Gehorsam. Durst nach Bildung ist bereits ein aristokratischer Trieb. Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein. Wir bringen ihn um, diesen Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Anzeigerei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; jedes Genie wird schon in der Kindheit ausgelöscht. Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen. ,Wir haben ein Handwerk erlernt und sind ehrliche Leute, das genügt uns’, das war vor kurzem die Antwort englischer Arbeiter. ,Notwendig ist nur das Notwendige’, das wird von nun an der Wahlspruch des Erdballs sein. Aber ab und zu muss es auch so etwas wie einen Krampf geben; dafür werden wir schon sorgen, wir Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber alle dreißig Jahre einmal sieht Schigaljoff auch eine Konvulsion vor, eine Art Erschütterung, und dann fangen auf einmal alle an, einander aufzufressen, bis zu einer gewissen Grenze natürlich, einzig damit es ihnen nicht zu langweilig werde. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.“

„Sich selbst schließen Sie aus?“ entschlüpfte es Stawrogin wieder ungewollt.

„Und Sie. Wissen Sie, anfangs dachte ich daran, die Welt dem Papst zu übergeben. Mag er allein zu Fuß und barfüßig herauskommen und sich dem Pöbel zeigen, sozusagen: ,Seht, wie weit man mich gebracht hat!“ – und alles wird ihm zuströmen, selbst das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns die Schigaljoffsche Herde. Dazu wäre nur erforderlich, dass sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklärte; was sie auch tun wird. Das alte Männlein selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrig bleiben, behalten Sie meine Worte, hahaha! – Dumm etwa? Sagen Sie, ist das dumm oder nicht dumm?“

„Genug davon!“ brummte Stawrogin ärgerlich.

„Gut, genug davon! Hören Sie, ich habe den Papst fallen lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Und der Teufel hole auch den Schigalewismus! Wir brauchen das, was heute die Gemüter erregt, die aktuelle Wut, und nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Ist ein Ideal, kommt erst in der Zukunft in Frage. Schigaljoff ist ein feiner Juwelier und dumm wie jeder Philanthrop. Zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaljoff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie: der Papst mag im Westen regieren, bei uns aber, bei uns – Sie!“

„Lassen Sie mich in Ruh, Sie sind ja betrunken!“ brummte Stawrogin und beschleunigte seine Schritte.

„Stawrogin, Sie sind schön!“ begann Pjotr Stepanowitsch wie in einem Rausch. „Wissen Sie es auch selbst, dass Sie schön sind? Das ist ja das Kostbarste an Ihnen, dass Sie sich manchmal gar nicht dessen bewusst sind. Oh, ich habe Sie studiert! Wie oft habe ich sie heimlich, aus einem Winkel, ganz unbemerkt beobachtet! In Ihnen ist sogar Aufrichtigkeit und ist echte Naivität vorhanden! Sie leiden gewiss unter dieser Aufrichtigkeit, und leiden aufrichtig. Und ich, ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Lieben denn Nihilisten das Schöne etwa nicht? Die lieben doch bloß Abgötter nicht, ich aber, nun, ich liebe einen Abgott! Sie …Sie sind mein Abgott! Sie beleidigen keinen, und doch werden Sie von allen gehasst; Sie verhalten sich zu allen wie zu Standesgenossen, und doch werden Sie von allen gefürchtet, das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein unheimlicher Aristokrat. Wenn ein Aristokrat sich zu Demokraten gesellt, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, ein Leben zu opfern, sei es Ihr eigenes, sei es ein fremdes Leben. Sie sind genau die Gestalt, die nötig ist. Und ich, ich brauche gerade so eine, wie Sie sind. Außer Ihnen wüsste ich keinen. Sie sind der geborene Anführer, Sie sind die Sonne, und ich bin ihr Wurm …“

Und plötzlich küsste er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken, und erschrocken entriss er ihm seine Hand. Sie blieben stehen.

„Wahnsinnniger!“ flüsterte Stawrogin.

„Vielleicht deliriere ich, vielleicht deliriere ich“, fiel dieser hastig ein, „aber ich habe den ersten Schritt ersonnen. Niemals wird ein Schigaljoff darauf verfallen, mit welchem ersten Schritt man anfangen muss. Es gibt viele Schigaljoffs! Aber nur ein Einziger, ein Einziger in Russland hat den ersten Schritt erfunden und weiß, wie er zu machen ist. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie dazu, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee in verkorkter Flasche, bin ein Kolumbus ohne Amerika!“

Stawrogin stand und sah unverwandt in Werchowenskijs irre Augen.

„Hören Sie zu, wir stiften zuerst nur Unruhen im Land“, redete dieser wie gehetzt weiter, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfasste. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk ein. Wissen Sie auch, dass wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Zu uns gehören nicht nur die, die da brandstiften und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ohne Disziplin ist mir überhaupt nichts möglich. Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha! Hören Sie zu, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der sich mit den Schulkindern über ihren Gott und über ihre Wiege lustig macht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, dass dieser geistig entwickelter sei als seine Opfer und daher, um sich Geld zu verschaffen, nicht umhin konnte, zu morden, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern totschlagen, nur um das Gefühl kennen zu lernen, das man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die alle Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Der Staatsanwalt, der bei der Gerichtsverhandlung davor zittert, er könne nicht liberal genug erscheinen, ist unser, unser. Unser sind Beamte und Literaten, oh, unser sind viele, unglaublich viele, und sie wissen es selbst nicht einmal, dass sie unser sind. Auf der anderen Seite hat der Gehorsam der wenigen Schüler und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht; bei denen aber, die sie leiten und belehren sollten, ist offenbar die Gallenblase geplatzt. Überall eine Hoffart von unvorstellbarem Ausmaß, tierische, unerhörte Begierde … Wissen Sie, wissen Sie auch, wie viele wir schon allein mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Russland verließ, wütete hier gerade die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn sei; ich kehre zurück, und schon ist Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern geradezu die gesunde Vernunft selbst, beinahe eine Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. Sozusagen: ,Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er doch Geld braucht?’ – Aber das sind vorerst nur so kleine Beeren. Der russische Gott hat vor dem billigen Fusel schon den Rückzug angetreten. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer, und an den Gerichtshöfen heißt es: ,Zweihundert Rutenhiebe, oder schlepp einen Eimer Schnaps herbei.’ Oh, lassen Sie nur diese Generation noch heranwachsen! Es ist nur schade, dass wir keine Zeit haben zu waren, sonst könnte man sie noch betrunkener werden lassen! Ach, und schade, dass es noch keine Proletarier gibt! Aber es wird, es wird sie schon geben, dazu trägt ja alles bei …“

„Schade ist es auch, dass wir zu verdummen anfangen“, brummte Stawrogin und setzte seinen Weg fort.

„Hören Sie, ich habe selbst ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die beschimpfte es dafür mit garstigen Worten. Glauben Sie, dass mich das gefreut hat? Bekommen wir es in die Hand, so werden wir es vielleicht auch gesund machen … falls nötig, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus … Aber eine oder zwei Generationen mit Sittenverderbnis sind vorerst unbedingt erforderlich, - mit unerhörter, niederträchtiger Sittenverderbnis, in der sich der Mensch in nichts als einen widerlichen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Abschaum verwandelt – gerade das ist es, was jetzt nötig ist! Und dann noch etwas ,frischvergossenes Blut’, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir durchaus nicht. Ich widerspreche nur den Philanthropen und dem Schigalewismus, nicht mir! Ich bin ein Spitzbube, aber kein Sozialist. Hahaha! Schade nur, dass wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zu Mariä Fürbitte zu beenden. Schnell – wie? Haha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bisher noch keinen Zynismus gegeben, obschon es mit schmutzigen Wörtern geschimpft hat. Wissen Sie auch, dass dieser leibeigene Sklave sich selbst mehr geachtet hat, als Karmasinoff sich achtet? Man hat ihn geprügelt, aber er hat seine Götter verteidigt, während Karmasinoff das nicht tut.“

Dienstag, 27. Mai 2014

Das uigurische Lamm zwischen den Raubtieren der Welt

Ein Propagandatext über Xinjiang und die globalen Rivalitäten im heutigen Kapitalismus.

Es ist ausgeschlossen, dass die Volksrepublik China unter kapitalistischen Bedingungen ihrem Autonomen Gebiet Xinjiang nationalstaatliche Unabhängigkeit gewährt. Die chinesischen Spitzenpolitiker werden, wenn sie den amerikanischen und europäischen Geopolitikern überlegen bleiben wollen, dergleichen nie und nimmer friedlich zulassen. Dafür ist Xinjiang für die klassenbewussten Kapitalisten der Welt geopolitisch zu bedeutsam.

Lamm, von rohkost.de
Eine Sezession des Gebiets wäre für den chinesischen Staat nicht weniger als Selbstmord. Denn geopolitische Konkurrenten Chinas würden einem solchen "Ostturkestan" natürlich ebensowenig Ünabhängigkeit gewähren wie China. Der uigurische Separatismus würde notwendigerweise mit dem Imperialismus anderer Staaten verschmelzen. Allen voran die USA würden selbstverständlich, ganz ohne Zweifel, sofort ihren Einfluss geltend machen und ein "unabhängiges" Ostturkestan zur neuen Operationsbasis machen. China hätte damit die 5. Kolonne seines größten geopolitischen Konkurrenten direkt auf dem ehemals eigenen Territorium, sozusagen direkt vor der Nase, oder sogar wie ein Pickel auf der Nase.

Eine derartig dilettantische Politik, eine ungewollte Politik der Selbstzerstörung, können europäische oder amerikanische Politiker betreiben, nicht aber chinesische, die kulturell bedingt Großmeister des Subtilen und Unausgesprochenen sind. Zugleich sind der chinesischen Geopolitik um Xinjiang enge Grenzen gesetzt. Die Innenpolitik kann allenfalls die inneren Spannungen in Xinjiang durch kluge sozialpolitische und kulturpolitische Maßnahmen dämpfen. Außerdem kommen zu den weichen Methoden noch polizeistaatliche Maßnahmen in Betracht.

Tatsächlich wurden seit dem 11. September 2001, nach dem Massaker von 2009 und den Anschlägen von April und Mai 2014 die polizeistaatlichen Repressalien ausgeweitet. Polizisten werden vermehrt und gezielt für den Gegen-Terror ausgebildet. Racial Screening, d.h. gezielte Repressalien gegen uigurisch aussehende Menschen auf den Straßen, ist nur eine problematische Nebenwirkung. Das Misstrauen zwischen Han-Chinesen und Uiguren wird durch die Agitation gegen "Separatismus, Radikalismus und Terrorismus" und durch den rassistischen und anti-muslimischen "War on Terror" gewiss nicht verringert.

Nach außen hin kann China ebenfalls - man verzeihe den bildlichen Ausdruck - eine Politik aus Nudelsuppe und Drachenkralle zusammenbrauen. Den großen geopolitischen Rivalen und ihren Verbündeten wird daher klar gemacht, dass Xinjiang kein Sandkasten für alle ist. Die Ordnung Xinjiangs droht im Streit zwischen den Mächten auseinanderzufallen, zerrissen zu werden von der prekären Stellung innerhalb einer multipolaren Welt. Ein Auseinanderfallen der staatlichen Ordnung in Xinjiang würde aber ganz China destabilisieren und auch im Rest des Landes die Ordnung gefährden. Chinesen und vor allem die chinesischen Eliten lieben aber die Ordnung im Reich der Mitte. "Ordnung muss sein" ist das Mantra der Han-Chinesen ebenso wie das der Staatsführung Chinas. 

Nach außen hin muss sich China zugleich bemühen, nicht zu viel Widerspruch zu provozieren. Entsprechend werden geopolitische Bündnisse angestrebt, um nicht aneinander zu geraten. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist das wichtigste Beispiel für solche Bündnispolitik, wobei das Zweckbündnis Chinas und Russlands alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch die zentralasiatischen Staaten sind von Bedeutung.

*Der Text wurde im Nachhinein stark gekürzt, da er futuristisch-mythologische Elemente enthielt, die für die meisten LeserInnen womöglich ganz unverständlich waren.

Der hässliche Leviathan, von CherryflavouredAcid, http://fc03.deviantart.net



Montag, 28. April 2014

Zwischen Dostojewskij und 2Pac

Zwischen Dostojewskij und 2Pac liegen Welten. Und dennoch ist der Abstand zwischen diesen beiden Menschen viel geringer als es scheint.

  • Dostojewskij war Schriftsteller, 2Pac war Rapper.
  • Dostojewskij war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, 2Pac einer des 20. Jahrhunderts.
  • Dostojewskij war weißer Russe, 2Pac war schwarzer Amerikaner.
  • Dostojewskij war entschieden orthodoxer Christ und russischer Nationalist, 2Pac war mehr oder weniger Atheist und kam aus der Szene der Black Panthers.
  • Dostojewskij war adliger Abstammung und verarmte im Laufe der Zeit, 2Pac kam aus dem Ghetto und stieg als Parvenu zu Ruhm und Reichtum auf.

Die Gegensätze scheinen unüberbrückbar zu sein. Das stimmt aber nicht. Die Welten, die diese zwei Persönlichkeiten von einander trennen, können nicht verschleiern, dass es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Dostojewskij und 2Pac einen viele Gemeinsamkeiten:

  • Dostojewskij und 2Pac machten erstaunliche Wandlungen durch. 
  • Beide waren zutiefst entwurzelte Menschen, die letztlich trotz aller Hindernisse Wurzeln schlagen konnten.
  • Beide saßen im Gefängnis und hatten ein feines Gespür für die Nöten und Leiden der unteren Schichten. 
  • Beide hassten ganz besonders die Ungerechtigkeiten in ihrem Land.
  • Beide verpackten ihre Messages in ihrer Sprachkunst.
  • Beide befragten ihre Klientel auf ihren Glauben und Glaubwürdigkeit 
  • Beide forderten die Menschenwürde für alle Menschen.

Vielleicht mag das an der Nase herbeigezogen klingen. Aber es gab zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt empörten und zum Sprachrohr der Armen, Elenden, Verdächtigten und Verachteten machten. Dostojewskij und 2Pac gehören zu den Ikonen dieser ausgeschlossenen Menschen. Denn sie konnten auf ihre Art mit den Unterdrückten dieser Welt mitleiden und mitfühlen. Und sie konnten dies Mitgefühl in Worte fassen, die auf ewig unsterblich sind. 

Aber wozu braucht es solch einer Analogie zwischen einem Romanautor und einem Rapper? Ganz einfach. Auch die größten Unterschiede können Menschen einen, wenn sie Menschlichkeit in Ehren halten. Staatsbürgerliche, ethnische, religiöse, sprachliche und politische Grenzen können angesichts eines echten Humanismus verblassen. Sofern nicht das Trennende betont wird, sondern das Einende, kann menschliche Einheit hergestellt werden. Das gilt auch für Klassengesellschaften, die ja immer von Klassengegensätzen durchzogen sind. Der Kapitalismus wird immer die Gesellschaft bleiben, in der das Kapital die Arbeit ausbeutet und unterdrückt. Aber über den Klassenkampf hinweg kann eine Form der Solidarität hergestellt werden, die auch den berechtigten Klassenhass überwindet. Es wäre naiv zu glauben, dass politische und ökonomische Grenzen unerheblich sind. Keineswegs. Die sind von größter Bedeutung und müssen es auch sein. Links ist nicht gleich rechts. Und Gleichgültigkeit ist nicht Leidenschaft. Nazis, Faschisten, Ultrarechte, Rassisten und Chauvinisten sind natürlich Feinde der menschlichen Einheit. Da kann es keine Diskussion drüber geben. Und Linke müssen selbstverständlich die Einheit der Arbeiterklasse anstreben und die erklärten Feinde von Sozialismus und Demokratie kritisieren, und - wenn nötig -bekämpfen. Dennoch muss es Ziel aller Menschen sein, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst wenn die Menschheit von Menschlichkeit erfüllt ist, können wir davon sprechen, eine menschliche Gesellschaft erreicht zu haben. Bis dahin ist das, was wir Gesellschaft nennen, nur ein barbarisches und brutales Chaos, ein Kampf aller gegen alle, ein allgemeiner Kriegszustand zwischen den Einzelnen. 

Dostojewskij und 2Pac sahen das nicht anders. Aber was bringt uns diese Feststellung? Die Klassenkämpfe und Kriege wüten weiter. Die Kapitalisten bekämpfen weiterhin die Armen. Die Linken bekämpfen weiterhin das Kapital. Die Rassisten und Faschisten hetzen weiter. Die Sozialisten und Demokraten kritisieren weiterhin das System. Es gibt also überall Spaltungen und Spaltungstendenzen. Und die sind notwendig und unausweichlich. Also was bringt die Feststellung, dass Dostojewskij und 2Pac liebe Menschen waren, Friede, Freude und Schnaps forderten? 

Wir befinden uns heute, im Jahr 2014, in einer höchst gefährlichen Phase, in einer für die gesamte Menschheit höchst gefährlichen Phase, in einer Phase, die an die Zeit vor den großen Kriegen im 20. Jahrhundert erinnert. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, dessen Ausmaße kaum ein Mensch erwartet hatte. Die Krieg führenden Parteien, ob Deutsche oder Franzosen, erwarteten einen schnellen Krieg. Statt dessen kam es zu vier Jahren der brutalsten Materialschlacht, in der die jungen Menschen wie Schießpulver verschossen wurden, in der sie zum reinsten Kanonenfutter wurden, in der sie wie Schlachtvieh reihenweise abgeschlachtet wurden. 2015, nächstes Jahr, jähren sich viele weitere Jubileen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Abwurf der ersten Atombombe auf einen Feind und die Aufdeckung der beispiellosen Verbrechen der Nazis an der europäischen Bevölkerung. Wir dürfen nie vergessen, was in den großen Kriegen angerichtet wurde. Ken Jebsen hat völlig Recht, wenn er Mark Twain darin zitiert, dass Krieg furchtbar einfach ist: Alte Männer, die sich persönlich kennen, schicken junge Männer (und Frauen) gegen ihre eigenen Interessen in den Kampf auf Leben und Tod gegen andere junge Frauen und Männer, um die Interessen von alten Männern (und Frauen) zu bedienen. Das ist Krieg. 

Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, droht erneut ein Krieg in Europa. Auch diesmal drohen die alten Männer (und Frauen) in Deutschland den alten Männern (und Frauen) in Russland. Auch diesmal drohen die Herrschaften in Russland zurück. Was droht, wenn zwei Seiten sich gegenseitig bedrohen? Es droht eine Eskalation! Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind die Folgen solch eines neuen Krieges in Europa nicht abzusehen. Naja, Albert Einstein, der geniale Denker und Sozialist, meinte zwar ganz klar: 

"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.


Dostojewskij und 2Pac betonen dagegen die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Dinge können sich ändern! Dostojewskij forderte den "neuen Menschen", der in christlicher Nächstenliebe und Gottgefälligkeit alle Unterschiede der Herkunft und des Standes vergessen sollte. 2Pac betonte die Verwandlung des Menschen mit seinen Umstanden. Nicht umsonst heißt eins seiner besten Lieder "Changes" (zu Deutsch: Verwandlungen). 2Pac fragte in seinem Song "Who do u believe in?" auch nach dem Glauben und der Einheit der Menschen:

Who do you believe in?Is it Buddah, Jehovah, or Jah? Or Allah?Is it Jesus? Is it God? Or is just yourself?Definately not to be imposed, being a demonBecause this is the joy of believing!Men, to believe in yourselvesBut for sure, the higher powerResides only to ride in the heart of the trueFrom the soul, of the man; for truth never has an alibiIn the poetry, or in it's realmThat's what pulls all words togetherJust to understand, that every man, is his OWN manAnd only man can satisfy the manOnly the soul of the man, the feelings of the manThe for realness of the manYou can't shake the man when you feel the man you know the manAnd you gotta call yourself because you are that man

Wenn heute also wieder ein großer Konflikt der Nationen ansteht, der in einen großen Krieg ausufern könnte, dann sollte man vielleicht ausnahmsweise Mal nicht den Lügenmärchen der herrschenden Barbaren glauben. Vielleicht sollte man auf Einstein hören oder auf den eigenen Überlebensinstinkt. Denn die Herrschenden werden gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen. Verbalradikal vielleicht, ja, klar. Da bekriegen sie sich in aller Konsequenz. Aber die Konsequenzen ihres Verbalradikalismus "kriegen" dann wir zu spüren. Die Herren und Damen "da oben" werden sich vielleicht sogar auf irgendwelchen entfernten Inseln in Freundschaft zum Bacardi-Cola oder zum Puschkin-Wodka treffen. Das war schon mit dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser so ähnlich, nur dass sie keine Cola tranken. Es war auch zwischen dem britischen Premier Churchill und Stalin nicht anders. Es war schon immer so, dass die Differenzen der Herrschenden untereinander beim Essen und Puschkin-Wodka am Abend verschwunden waren. Allerdings würden sie heute damit den Namen Puschkins in den Schmutz ziehen. 
Dostojewskij hielt 1880, auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, eine brillante Rede zu Ehren Puschkins und über die unversellen Ideale der Menschlichkeit. Er sagte:

"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"

Man muss kein Russe oder Christ sein, um nachzuempfinden, was Dostojewskij meinte. Man muss einfach ein wenig Verstand und Herz mitbringen. Die Rede von Dostojewskij hat sogar seinen persönlichen Feind, den Schriftsteller Turgenjew, dazu gebracht, Dostojewskij in Freundschaft zu küssen. Dostojewskijs Frau überlebte ihn übrigens um 38 Jahre. Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sie kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, auf der Krim-Halbinsel starb, auf der nun der heutige Konflikt zwischen Deutschland und Russland eskaliert?

Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen! 

Samstag, 8. März 2014

Absztrakkt

Teil 8 der Serie über Deutschrapper mit Anspruch, diesmal über Absztrakkt.

Absztrakkt, Bild von:
http://58muzik
Absztrakkt ist der reinste Rapper der Leere. Das mag zwar scheiße klingen, ist aber ein großes Kompliment. Mit "Leere" sind nämlich nicht "leere Phrasen" gemeint wie sie bei so unendlich vielen "Rappern" der leeren Phrasen üblich sind.

Gemeint ist Nichtigkeit, Bedeutungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Leidlosigkeit, Glücklosigkeit, Gemeint sind Eigenschaften oder Nicht-Eigenschaften erleuchteter Wesen. Erleuchtete Wesen sind Buddhas, wie die Buddhisten sie nennen. Sie sind, ob tot oder lebendig, bereits in ganz anderen Sphären des Seins oder Nicht-Seins. Dieses Andere ist nichts anderes als das Nirwana.


Das Nirwana ist ein Begriff aus dem Buddhismus. Und Absztrakkt rappt buddhistisch. Wer sich mit dieser Philosophie beschäftigt hat, ahnt vielleicht, was das heißt: schlichte Aussagen, in denen viele Ansagen stecken; gerappte Koans, die einen verrückt machen könnten; Sinnlossätze; Reflexionen über Sein und Nicht-Sein; die kalte, nasse Unterhose, die sich Wahrheit nennt, im Gesicht; sprachliche Schädelbohrungen; Shaolin-Kampfansagen; östliche Weisheiten, dialektische Widersprüche, Mir-egal-Humor und so weiter.


Als geistiger Vater von Cr7z hat Absztrakkt mit diesem einige Kollaborationen abgeliefert. Wie auch Cr7z hat Absztrakkt vor allem beim Label 58Muzik ziemlich gute Arbeit geleistet. Auch kann man trotz unterschiedlicher Stilistik und Wortwahl die innere, geistige Verwandtschaft der beiden Rapper erahnen. Die Inhalte dieser beiden Seelengucker ähneln sich stark. Natürlich wirkt Absztrakkt eher mystisch-religiös und abgeklärt zugleich, während Cr7z eher okkult und abgefuckt wirkt. Aber beide teilen scheinbar einen knallharten menschlichen Maßstab gegenüber der menschlichen Gesellschaft.


Tracks wie "Egoszhooter" sind meditativ und ähneln Gebeten, vor allem, wenn so schön buddhistisch getextet wird:

Überall kann der Ort sein, wo das Ego zerschossen wird. Aus absztrakkt wird konkkret. Alles, was man im Außen erlebt, ist nur Spiegel eigener, innerer Realitätwie beim Straßenkampf: einer sieht aus wie 'n schmaler Hans, aber boxt dich weg mit 'nem harten Punch.

"Karma" ist superwitzig und spielt gleichzeitig mit den üblichen Klischees über Buddhismus und Rap, wobei Rapper-Egozentrik, Buddhisten-Esoterik und ein eigenartiger Rap-Buddhisten-Sexismus zusammenfinden:

Ey, wer Absztrakkt hört oder sieht oder beides
beweist schon mal den richtigen Weitblick.
Und entweder heißt es:
du hast schon genug Karma bereinigt
oder dass es dafür jetzt an der Zeit ist.
Du entscheidest.
Und wer den Diamantgeiszt in ihm
hört oder sieht oder beides
zeigt schon mal die richtige Einsicht
und entweder heißt es:
du hast schon genug Karma bereinigt,
dass die Natur des Geisztes nicht mehr weit ist
oder dass du selbst schon befreit bist.

Besonders witzig ist diese buddhistisch-sarkastische Stelle:

Aber komm mir nicht dumm, du Arsch. Ich hab schon so viel Karma bereinigt, dass ich dich ungestraft umbringen darf!

"Karma" ist auch ein witziges Selbstlob und zugleich eine Belehrung über buddhistische Logik:

Wer Absztrakkt hört oder sieht oder beides,zeigt schon mal den richtigen Weitblick,und entweder heißt es: du hast schon genug Karma bereinigtoder dass es dafür jetzt für dich an der Zeit ist. DU entscheidest!
Wer den Diamantgeiszt in ihm hört oder sieht oder beides,zeigt schon mal die richtige Einsicht,und entweder heißt es: du hast schon genug Karma bereinigt,dass die Natur des Geistes nicht mehr weit ist,oder dass du selbst schon befreit bist. 

Wie Cr7z hat auch Absztrakkt eine dezidierte Kritik an der heutigen, bürgerlichen Gesellschaft. Sein Maßstab ist zwar kein explizit linker oder sozialistischer, sondern ein eher "absztrakkt"-menschlicher Maßstab, aber er liefert auch damit eine scharfe antikapitalistische Kritik, wie etwa in "Photosynthese":

Dummes Gelaber hat ihr Hirn komplett zermartert.Für Viele ist die Mattscheibe wie ein Vater,den sie niemals hinterfragt haben.[Ich dagegen denk mit sieben Heads]und fiel aus der bürgerlichen Realität, könnt ich würgen,bei dem was sie erzähl'nDas hier sind nur arme Seelen die nichts kapiert haben,und wie Zombies ausgeliefert sindder Eiseskälte der WirtschaftEs sind immer noch die selben Methoden,der Geistesverblendung und das, was für mich wichtig ist,ist für mich immer noch Zeitverschwendung.

"Seelenjuwelen" veranschaulicht die antibürgerliche Kritik und buddhistische Utopie dieses Rappers der menschlichen Leere besonders klar:

Es ist alles nur in der Schriftrolle niedergeschrieben, und wir spielen alle nur unsere Rolle in der Maschine. Ich bin Herbstkind, aber Frühlingsrapper,tanze mitten des Kosmos mit einem Kranz aus Blütenblättern.
Meditation heißt nicht alles schön zu finden,sich so und so hinzusetzen und die ganze Zeit blöd zu grinsen.Es bleibt nur die Einfachheit des Seins und die wahre Natur des Geistes, die einem Diamanten gleicht. Es bricht gerade ein Licht durch die Härte des Eisens,und entzündet eine Flamme, reinen Herzens und Geistes.Weder der pfeifende Wind in den Hängen, noch das Wasser aller Ozeane könnte sie dran hindern zu brennen.Schlimm das zu sehen, ich sprech' mein Gebet.Der Himmel öffnet sich, die Luft knistert vor Elektrizität. Absztrakkt ist back und ihr seht Deutschland hat ihn wahrgenommen.Ich leb Untergrund-Buddhismus im Babylon. 
Das Bild, was ich vorm geistigen Auge sehe, in der materiellen Welt zu manifestieren dauert LEBEN!

"Beautiful" ist offenbar vor allem die Verarbeitung einer schönen Liebe und/oder Freundschaft, die ihre hässliche Fratze im Laufe der Zeit gezeigt hat. Der Track wirkt wenig erleuchtet, dafür aber sehr zornig und leidenschaftlich:

Ich zieh' am Splith und merk ich bin wie eine Ziege:Ich brauch' nur eine Wiese, was zum Grasen und viel Liebe.Spiel Spiele, aber nicht mit mir.Ich bin 'ne gute Seele. Mach mich nicht zum Tier.Ich seh', nur hab ich Wut wie Kehle.


"Der Tempel" ist eine sozialistisch-buddhistische Utopie, in der es um "tiefe Versenkung", das "Brechen geistiger Begrenzungen, von massiver Entfremdung", um die "geistige Revolution" und eine neue Zivilisation "ohne Religionen und politische Richtungen" geht.

Mit seiner "absztrakkt"-menschlichen Utopie kommt Absztrakkt vielleicht an seine geistigen Grenzen. Vielleicht ist es auch eine konkrete Handlungsanweisung für die Hörer dieses großartigen Künstlers. Jedenfalls lohnt es sich, ihn sich immer mal wieder reinzuziehen!

Montag, 10. Februar 2014

Lindhagen und Lindwürmer

"Man(n) muss seinen Lindhagen und die anderen Lindwürmer da draußen erlegen."

Der (neokonservative) Medicus?!

Die  kürzlich erschienene Verfilmung von Der Medicus ist kein platter und langweiliger Film wie so viele andere deutsche Produktionen. Dennoch kann man den etwas faden Geschmack westlicher Propaganda nicht loswerden. Philipp Stölzls Werk ist daher beachtenswert, aber mit Vorsicht zu genießen.

Von einem, der auszog...


"Liebe überwindet alle Hindernisse"?
Wohl kaum, aber immerhin ist die Schauspielerin
Emma Rigby nicht schlecht gewählt.
Das christliche England im 11. Jahrhundert: Rob Cole muss als Kind im tiefsten Mittelalter erleben, wie seine Mutter an der mysteriösen "Seitenkrankheit" stirbt. Nur die Adoption durch den Bader, einen vagabundierenden Mediziner, rettet dem traumatisierten Jungen das Leben.

Rob wird seither vom Wunsch angetrieben, eine Heilung für die "Seitenkrankheit" und andere Gebrechen zu finden. Der Bader bringt ihm all sein Wissen bei, aber das rettet den Bader nicht davor, an grauem Star zu erkranken. Denn die katholische Kirche hat ja Wissenschaft und Technik enge Grenzen gesetzt, sodass auch die Medizin der abendländischen Christen äußerst rückständig bleiben musste.

Jüdische Mediziner können die Sehkraft des Baders wiederherstellen und damit den Geist der Wissenschaft in Rob entfachen. Von den jüdischen Ärzten erfährt er, dass ihr Wissen im Vergleich zum Genie des größten Mediziners der Welt, Ibn Sinas, nichts ist. Rob beschließt daher, als Jude getarnt ins hoch zivilisierte Persien nach Isfahan zu reisen, um Ibn Sinas Schüler zu werden, der unter der Herrschaft des islamischen Schahs keine Christen unter seinen Schülern dulden kann.

Unterwegs begegnet Rob seiner zukünftigen Liebe, der jüdischen Spanierin Rebecca, die aber einem anderen Mann versprochen ist. Die unvermeidliche Affäre zwischen den beiden kostet sie beinahe den Kopf, aber im Grunde ist das nur eine Nebenhandlung.

Der Hauptkonflikt ist der zwischen Robs Drang nach Befreiung der Menschen vor Gebrechen durch Wissenschaft und Medizin und seinen konservativen Widersachern, sei es der vorsichtige Ibn Sina, der Schah, die Mullahs oder die Seldschuken, auf deren Widerwillen er als stößt.

Die schöne Seite des Films


"Eine Reise aus der Dunkelheit ins Licht"
Die filmische Umsetzung der Romanhandlung, die Schauspielerwahl, die schauspielerischen Leistungen, die Musik, die beeindruckenden Bilder und die Vielschichtigkeit des Films sind ziemlich gut gelungen.

Die Stimmung einiger Szenen wird teilweise sehr schön wiedergegeben. Man glaubt sofort, dass Rob wirklich von Wissensdrang getrieben wird. Der Konflikt zwischen seiner Neugierde und der religiösen Realität, in der er sich befindet, wird ganz wunderbar deutlich. Die schändliche Zurückgebliebenheit des christlichen Europa muss den Zuschauer einfach empören. Und die Zivilisiertheit der Juden und Moslems muss Respekt einflößen.

Ibn Sina wird wie der höchste Repräsentant der Menschheit dargestellt. Seine Weisheit und Intelligenz sind fast ebenso schön wie die großartigen Bilder von prächtigen Bauten der Perser. Auch die zwischenmenschlichen Dynamiken werden auf sympathische Weise realisiert, wie etwa in der kleinen Romanze zwischen Rob und Rebecca, oder in den Schüler-Lehrer-Beziehungen in Ibn Sinas Schule und zwischen den verschiedenen Autoritäten, die auf subtile und weniger subtile Weise ihre Machtkämpfe führen. All das macht den Film sehenswert, wenn auch nicht grandios, da der Film zwar Pathos hat, aber zu wenig Eros.

Die hässliche Seite des Films


Andererseits hat der Film seine hässliche Seite. Denn irgendwie wirkt der Film trotz der vielleicht guten Intentionen irgendwie propagandistisch und dabei nicht gerade im besten Sinne. Demokratische und soziale Propagandafilme sind oft allein schon deswegen sehenswert. Aber Propaganda für die Überlegenheit des Okzidents und die prinzipielle Unterlegenheit des Orients ist kaum schön darzustellen. Sie muss hässlich und ein wenig Ekel erregend sein. Viele Zuschauer werden diesen Aspekt des Films übersehen haben, aber er ist definitiv vorhanden.

Ibn Sina, Rob Cole und der Schah

Der Film weicht von der Handlung her an einigen relevanten Stellen stark von der Buchvorlage ab. Und das geschieht sicher bewusst, um der okzidentalen Ideologie der Überlegenheit des christlichen Abendslandes Tribut zu zollen. Rob sieht zwar ein, dass das christliche Europa rückständig ist und dass Forschung nötig ist. Aber schon die Tatsache, dass er sich als Jude tarnen muss, ist wohl ein wichtiger Aspekt der westlichen Propaganda im Film. So wirken die muslimischen Perser gegenüber den Christen etwas unfair und sogar unterdrückerisch. Auch die antisemitisch wirkenden Ressentiments im Film von Seiten einiger Moslems erzeugen einen ähnlichen Eindruck. Die hochgläubigen muslimischen Mullahs wirken weltfremd, etwas fanatisch und zugleich korrupt. Auch scheint das Verbot der Autopsie und Sektion ("Schändung") hinderlich zu sein. Daher kommt es der nötigen Dramatik des Films entsprechend auch zu einer Beulenpest in Isfahan. Ibn Sina und seine Schüler retten die Stadt, natürlich durch Robs geniale Auffassungsgabe.

"Mut kennt keine Grenze". Stimmt,
denn im arabischen Raum kämpfen
auch kleine Jungs mit Steinen gegen
tyrannische Regimes.
Rob kommt ja nicht umsonst aus dem Westen. Was ihn so besonders macht, ist das gläubige Herz von einem, der auszog, um die Wahrheit in der christlichen Nächstenliebe, hier am Beispiel der Medizin, zu finden. Die kleine Sünde, dass er sich und seinen christlichen Glauben verleugnet, um sein großes Ziel zu erreichen, ist zutiefst menschlich. Im Film heiligt der christliche Zweck somit die Mittel. Da ist die kleine Lüge und die Affäre mit der verheirateten Frau halb so schlimm, wie es scheint. Auch, dass er unerlaubter Weise den Leichnam eines Patienten seziert erscheint nicht nur als mutige Tat im Widerspruch zu allen drei abrahamitischen Religionen von Judentum, Christenheit und Islam, sondern auch als der wahre Kern des abendländischen Denkens: Wissenschaft und Moral in einer neuen Einheit. Wissenschaftliche Notwendigkeit und moralische Notwendigkeit müssen, so belehrt uns der Film, durch mutige Einzelpersonen, die keine Angst haben vor scharfer Kritik von allen Seiten, vereint werden. Aber nicht nur Wissenschaft und Moral finden im Film in unserem guten Christen Rob Cole zusammen.

Auch die Politik kommt nicht zu kurz. Die christlich-idiotischen Dogmatiker im mittelalterlichen Okzident kommen im Film zwar schlecht weg, aber sie sind ja ungebildet, dumm und egozentrisch. Dennoch haben sie die ein hervorragendes Individuum hervorgebracht wie Rob Cole, der zudem ein wirklich guter Christ ist, obwohl er betrügt und ehebricht. Denn sein Kampf für den guten Zweck auch gegen den Widerstand der alten,  konservativen Moral der etablierten Mächte rechtfertigt offenbar seine kleinen Sünden. Immerhin laufen da draußen weit größere Gefahren herum, repräsentiert von pesttragenden Flöhen und Ratten, fanatischen Mullahs, autokratischen Schahs, eifersüchtigen Ehemännern und barbarischen Seldschuken, die keine Moral und keinen Gott kennen. In solch einer Welt muss, so suggeriert der Film, offenbar gelogen und betrogen werden. Für außergewöhnliche Individuen gilt scheinbar keine moralische Grenze. Am Ende beichtet der gläubige Christ freilich seine Sünden und wird dadurch auch noch zum christlichen Heiligen und Märtyrer angesichts der drohenden Verurteilung durch Christen, Juden und Moslems. Aber der Film lobt die Überschreitung der Moral aller Religionen im Sinne des höheren Zwecks.

Geopolitische Ansagen macht der Film scheinbar auch. Es ist kein Zufall, dass der etwas tyrannische Schah sich mit Rob Cole anfreundet. Es ist auch kein Zufall, dass die muslimischen Mullahs irgendwie fanatisch und zugleich korrupt wirken. Es ist auch kein Zufall, dass die Seldschuken, diese gottlosen Mörder von Frauen, Kindern und betender Moslems, als das größte Übel erscheinen. Es ist auch kein Zufall, dass sich diese atheistischen Seldschuken ausgerechnet mit den religiösen Mullahs verbünden, um den Schah zu stürzen. Es ist noch weniger ein Zufall, dass dieses Szenario an Ereignisse im 20. Jahrhundert erinnert.

Man tausche Rob Cole durch den neokonservativen Westen, angeführt von den USA und Großbritannien, den persischen Schah des Mittelalters durch den persischen Schah Reza Pahlewi, die damaligen Mullahs durch die Mullahs von Ayatollah Chomeini und die atheististischen Seldschuken Persiens durch die atheistischen Kommunisten Irans aus und schon hat man eine neokonservative Propaganda gegen das heutige iranische Regime.

Tatsächlich waren die iranischen Mullahs mit Hilfe der iranischen Kommunisten an die Macht gekommen, indem sie den Schah stürzten. Der Schah ist in den Augen der israelischen, amerikanischen und europäischen Neokonservativen ein kleineres Übel gewesen. Und die Sünde der Kriegsführung gegen das heutige iranische Regime wäre die kleinere Sünde im Vergleich zur Unterlassung und zur Unterordnung unter die etablierte Moral. Dass der Schah in Wirklichkeit beim iranischen Volk verhasst war, das kümmert nicht wirklich, denn die Mullahs sind ja heute noch verhasster.

Und der Okzident repräsentiert ja den Fortschritt, der auch mit militärischer Gewalt, Lug und Trug durchgesetzt werden darf, wie der Film es so plastisch darstellt. Der außergewöhnliche Kreuzfahrer des fortschrittlichen Westens darf sich demnach über die Rückschrittlichkeit des Ostens erheben und diesen zur Not mit Lüge und Gewalt im Namen der christlichen Nächstenliebe und des Fortschritts unterwerfen.

In der Epoche des "War on Terror" neokonservativer A*schgesichter gegen unliebsame Regierungen und Massenbewegungen, in der ein Regime nach dem anderen gestürzt wird und in dem die Region des Nahen Ostens nicht bloß die Realität eines großen Bürgerkrieges, sondern auch das Potenzial eines größeren regionalen und internationalen Krieges verschiedenster Mächte in sich birgt, ist diese Darstellung Teil einer neokonservativen Propaganda im Sinne der Herrscher dieser Welt. Die Moral in Der Medicus kann leicht im Sinne der westlichen Kriegstreiber-Rhetorik gedeutet werden. Der Zweck, "Freedom & Democracy", heiligt demnach die Mittel, Lug, Trug, Heuchelei, Mord und Totschlag. Die neokonservative Agenda der großen Westmächte kann so verharmlost und gefördert werden. Wenn abgefuc&te Kreaturen wie der androgyne Terrorlord "Angelo Merte", der scheindemokratische "Obamaniac", der ultrarechte "Netanjahova" und die im Kern nur nach Liebe dürstende russische Pu§§mu++er "Putain" Rhetorik des common sense und des common good in ihre Fre$$en nehmen, dann teilen sie im Grunde die Moral des neokonservativ gedeuteten Medicus. Die katastrophalen Resultate dieser Doppelmoral sind bekannt.

Neokonservative Moral


Insofern ist Der Medicus von Stölzl ein schöner Film einerseits und eine hässliche Propaganda für den Neokonservatismus andererseits. Denn die feine Romanhandlung, die Idee des Fortschritts durch Synthese der besten Erkenntnisse und der Überschreitung von Grenzen und die kluge Darstellung politischer Dynamik wird überschattet von westlicher Arroganz, neokonservativer Heuchelei und orientalistischer Stereotypenbildung. Die Crux der Sache ist, wie man den Film rezipiert. Leider kann Der Medicus leicht neokonservativ und eurozentrisch gedeutet werden.

Sonntag, 2. Februar 2014

Cr7z

Wenn es so etwas wie ein Genie gibt, dann ist Cr7z ein Rap-Genie. Gelesen wird Cr7z wie Chris oder auch einzeln ausbuchstabiert: C R 7 Z. Sein bürgerlicher Name ist Christoph Hess. Ja, er ist wohl verwandt mit der Nazi-Größe Hess, was er in vielen Liedern auch durchklingen lässt. Idioten haben ihm bereits Nazi-Symboliken an die Wand geschmiert deswegen. Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7.

Vielleicht ist Cr7z auch deswegen so melancholisch. Er hat bestimmt nicht wenig nachgedacht über die Höhen und Tiefen des Mensch-Seins. Daher ist sein musikalisches Talent von aller größter Leidenschaft und Leid erfüllt. Weltschmerz ist allgegenwärtig in seinem bisherigen Schaffen. Dennoch ist er kein Emo.

Er kennt Hoffnung und Liebe, sogar Respekt von Amewu, Chefket und Absztrakkt, die seine Mentoren waren. Und er war ihr genialer Schüler, ein großartiges Talent. Allerdings erwartet die talentiertesten Schüler ja immer das selbe Schicksal. Ob das auch auf Cr7z zutrifft?

Ein Genie akzeptiert keine künstlichen Schranken


Entsprechend spiegelt sich das in seiner Musik wider. Wie ein Genie stellt Cr7z eigene Regeln für die Rap-Poetik auf. Er unterwirft sich den bisherigen Regeln nur dort, wo sein Talent es für nötig hält. Wo formale Schranken ihn aufhalten, da walzt er sie nieder. Jedenfalls wendet er sich gegen Reimzwang, Gangstergehabe, Kommerzmotive und Vereinnahmung durch Andere. Er hat seinen ganz eigenen Stil und seine ganz eigene Message, was in jedem einzelnen Lied rüberkommt. Er unterwirft sich die Kunst. Sein Rap ist wie ein elegant geschwungener Degen, mit dem er ein Herz in den Sand malen oder Kehlen aufschneiden kann. Je nach Laune.

Cr7z hat offenbar ein klares Ziel vor Augen. Oder zumindest fährt er wie ein Hochgeschwindigkeitszug in eine ganz bestimmte Richtung. Man hat den Eindruck, dass er bereits hunderte Tracks auf dem Weg zum Ziel veröffentlicht hat. Jedenfalls findet man Unmengen an Titeln kostenlos online. Cr7z, sag mal, wie viele sind es denn etwa? 200, 300, 400? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es ihm darum geht, der riesigen Masse an Menschen eine entsprechende Masse an Liedern zu widmen, was er in einem Lied sogar wörtlich so sagt. Wenn er sich nur nicht so sehr von dieser Masse abgrenzte.

Wie schätzt er selbst sein Genie ein? Über seine Tätigkeiten rappt er, "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln", "es ist kein Witz, wenn man sagt, dass ich überlegen bin; guck dir an, was du machst - dann geh in die Ecke und schäme dich. Rap' die Wahrheit mit eisernem Willen. Ansonsten guck' ich P.S. Ich liebe dich und wein' bei dem Film."



"Das Biest" und die Gefahren der Menschheit


Die dumpfe, einförmige und seelenlose Masse ist für Cr7z ein Anstoß der Empörung. Er scheint die Geist- und Lieblosigkeit der Menschen zutiefst zu verachten. In fast jedem Lied kommt dieser Eindruck rüber. Im Grunde ist Cr7z eine Art einsamer Ronin, der gegen etwas Dunkles, Unbekanntes, Beängstigendes ankämpft. Er selbst nennt es "das Biest".

Das Biest ist aber kein einfaches Feindbild. Es ist vielmehr ein dialektischer Gegensatz zu Cr7z. Es ist ein Teil seines Ichs und zugleich etwas, was er von sich fern halten muss, ein bisschen wie ein weißer Hai aus Deep Blue Sea, der den Taucherkäfig mit aller Gewalt zu demolieren versucht. Ein noch passenderes Bild ist vielleicht der Hulk. Cr7z ist ein wenig wie der Hulk. Solange er sich kontrollieren kann und seine Kunst ihm als Ventil dient, kann er friedlich sein. Aber reize ihn nicht zu sehr, denn sonst "hast du ein Messer an der Kehle".

Das Biest ist also in Cr7z selbst und es umgibt ihn zugleich. Es liegt nahe: dieses "Biest" ist nichts anderes als die Menschheit. Cr7z liebt und hasst dieses Biest. Er kann sich von diesem Biest trotz aller Mühen nicht abtrennen. Dafür müsste er schon vor die Bahn springen. Aber solange er Leben in sich hat, muss er also ein Teil dieses Biestes bleiben. Wie der unbesiegbare Hulk ist auch dieses Biest unbesiegbar. Anders als der Hulk ist es aber sterblich. Löscht sich die Menschheit aus, ist auch das Biest ausgelöscht. Genau darum geht es bei Cr7z, dessen überragende Kunst vor den drohenden Gefahren der technokratischen Revolution warnt. Oder in seinen eigenen Worten: "Drecksversager, Drecksvisagen, Drecksgelaber, Drecks-gewalttätiges-Pack macht seit Tag 1 unsere Kinder krank, vergiftet die Flüsse".

Eines der stärksten Lieder von Cr7z ist "Neue Welt". Epischer Chorgesang begleitet den dystopischen Sprachgesang von Cr7z. Obwohl er Alltagswörter und vulgäre Sprache nutzt, klingt alles, was er sagt dadurch wie die letzte Predigt eines reuigen Papstes vor dem jüngsten Gericht. Dann kann es nämlich nicht mehr um Lug und Trug, um Ausbeutung und Auspeitschung durch die Kirche gehen, sondern ausnahmsweise Mal wirklich um das Seelenheil auch des aller letzten Sünders. In diesem Duktus warnt Cr7z also die Menschheit vor dem endgültigen Aus:

Yeah, der Verfall unserer Gesellschaft schreitet weiter fort
Die Zukunft war noch weit entfernt
Erinnert ihr euch? Wir sprachen wie's einmal wird
Und wenn man nachdenkt, merkt man, dass es bereits soweit ist
Aber irgendwie hat den Switch keiner so richtig mitgekriegt
Damals hab ich dich besucht, als es mir nicht gut ging
Heute schreib ich das Wort über das Internet
Plötzlich bist du offline und bevor ich zu dir hintercheck
Haben mir andere schon wieder 'nen Link geschickt
Und ich nick besoffen mit
Wir haben uns schon so daran gewöhnt und finden's nicht mal zum Kotzen
Denn die Informationen stehen uns in ihrer Schönheit offen
Wir können uns ansehen wie im Osten wieder 'n Kind verreckt
Und wieder rüberklicken, wo es Mittel gibt die Pipe zu stopfen
Gefühl verworren, wir machen die Boxen an und tanzen
Lachend geht die Welt zugrunde, lieber noch 'ne Runde zocken
Alle tun es und keiner warnt mehr zur Vorsicht
Mich warnt schon allein ein Junge, der alleine auf ein Tor schießt

Ein wichtiges Motiv ist dabei die Betäubung, die Unbewusstheit, die Schläfrigkeit. Menschen denken, die unkontrollierbaren Gefahren und bösen Machenschaften aus Filmen und Spielen gäbe es nicht in der Realität. Die Realität wird vielmehr als "ganz gleichgültig und grau" aufgefasst. "Am Anfang merkt man noch nicht viel davon". Aber irgendwann sitzt man mit "heiligen Augen" vor bunten Bildschirmen, um vor dem eigenen Grau zu fliehen.

Oder man ist an den Arbeitstagen ein untotes Stück Fleisch. Man dient als Erweiterung für Maschinen und Computer, um am Wochenende die herrliche Illusion der Lebendigkeit zu genießen. "Zombies" und "Cyborgs" bevölkern jetzt schon die neue Welt. Alko-Pops, Wodka-E, Tequila sind zu Lebenselixieren geworden, die für kurze Zeit die trägen Zombies quicklebendig machen. Und die Cyborgs müssen monotone, mechanische, geradezu maschinelle Tätigkeiten im Fitness-Studio und beim Lohnarbeiten machen. Beide dienen im Grunde dem Herren der "toten Arbeit", der kapitalistischen Maschinerie.

Dass sie ironische Sendungen, urkomische Filme und sarkastische Witzchen machen können ist kein Beweis für Leben. Leben ist nicht einfach eine biologische Eigenschaft von Materie. Leben ist eine geistige Haltung, die Lebewesen zelebrieren oder in sich selbst abtöten können. "Das Biest" von Cr7z ist nichts anderes als die Selbsttötung der Menschen, die einander in blinder Wut abschlachten oder "tanzend und lachend" "dem Untergang geweiht" sind.

In "Neue Welt" wird erklärt, der Mensch habe sich selbst bereits betäubt, um sich nun schmerzfrei sezieren zu können. In der Hook von "Neue Welt" wird der technokratische Charakter der kommenden Gefahren deutlich unterstrichen:

Wie betäubt, wir bekommen kaum noch mit, was uns hier hält
Digitalisiertes Freuen, wir finden alles, was gefällt
Und was einmal begann mit dem Teufel und dem Geld
Ist heute die Wand die herrunterfällt, betreten wir die neue Welt
Und stehen wir einmal da, wo sie uns sehen, gibt es kein Zurück
Der Mensch wird gläsern, Bequemlichkeit gibt uns einen Chip
Kein Science Fiction, ja, wir sind daran teils selber Schuld
Ich hab dich so geliebt und werd dich nie vergessen, alte Welt

"Kali Yuga" ist eine okkultistische Warnung der Menschheit vor dem Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Besonders okkulte Quellen behaupten über dieses dekadente Zeitalter:

"Als solches wurde es oftmals zu dem von Hesiod in der Theogonie geschilderten griechischen „Eisernen Zeitalter“ in Beziehung gesetzt und auch "Eisernes Zeitalter" genannt. [...] Herr über diese Zeit ist der schwarze apokalyptische Dämon Kali, laut Vishnu Purana die negative Manifestation von Vishnu, der in dieser Form für die Zerstörung des Universums zuständig ist. Kaliyuga wird (fälschlicherweise) auch oft mit der Göttin Kali (kālī) assoziiert, die generell für dunkle, materielle Aspekte steht. Kali bezeichnet auch die mit einem Punkt bezeichnete Verliererseite des Spielwürfels. Nach der buddhistischen Kosmologie bezeichnet ein solches finsteres Zeitalter die vierte und letzte größere Zeitperiode eines Zeitabschnitts von zirka 3.000 Jahren, nach der Geburt eines Buddhas bis zum Erscheinen eines neuen Buddhas."



"Das Kind" und die Hoffnung der Menschheit


Das Gegenteil vom "Biest" ist das "Kind". Es ist ebenso in Cr7z und umgibt ihn (wohl) auch. Das Kind ist im Grunde die ursprüngliche Naivität, die kindliche Unschuld und Reinheit der Menschen. Verkörpert wird es tatsächlich von Kindern. Cr7z betont, er verstehe sich "nur mit Alten und mit Kindern", aber nicht mit der grauen Masse dazwischen. Wieso wohl?

Kinder und Alte sind vielleicht etwas einfältig wie Cr7z selbst. Aber sie haben entweder noch keine Schandtaten begangen oder bereuen sie aufrichtig. Entweder sind sie aus Naivität gut oder aus Weisheit. Die Menschen dazwischen dagegen sind zum großen Teil Anhänger des "Biestes", der Selbstvernichtung der Menschheit. Während also jung und alt die Menschlichkeit repräsentieren, vertreten die "Erwachsenen" Un-Menschlichkeit.

Während unausgewachsene Kinder und senile Alte sich dem Zustand von liebenswerten Tieren annähern, nähern sich die selbstständigen Erwachsenen hassenswerten Un-Tieren, d.h. dem Biest. Cr7z hat sogar ein Album "Zurück zum K7nd" genannt. In seinem Track "33°" stellt er klar:


Mir ist das Wichtigste das Kind, viele haben es verloren. Klar, du freust dich über'n Porsche. Ach, wie soll ich's dir erklär'n? Schlaf dich erstmal aus. Vielleicht kapierst du's morgen. Es gibt dafür kaum 'ne Formel. Ich glaub', es kommt aus dem Bauch und aus dem Herz, und mit etwas Glück wohl auch aus dem Verstand. [...] Hat keiner Lust, mit mir mit zukommen, um das Leben zu ergründen? Was weiß ich, vielleicht gibt es auch nichts zu finden, aber immer noch besser als hechelnd zu dürsten in der Dürre.


"Hoffnungsschimmer" illustriert diese Haltung zum Leben am klarsten. Es lohnt sich auch, das Video dazu zu genießen. Es gibt nur wenige Rap-Videos, die auch nur annähernd die Schönheit dieser Vorstellung erreichen können. Auch die skits aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin" sind wunderbar gewählt, wenn Cr7z Ichi sagen lässt: "Wir sehen einfach nicht die Grenze. Und deswegen haben wir Angst." Wie so oft bei Cr7z geht es in diesem Stück um Blindheit für das Gute und Böse, das in der Welt passiert. Ichi sagt daher passend: "Ich weiß nicht wer böse ist und wer es nicht ist. Ich hab kein Gespür dafür, wie weit ich gehen kann. Ich sehe keine Grenzen, kann nichts unterscheiden. Ich hab nicht mal ein richtiges Gefühl, dafür, ob ich noch lebe oder schon tot bin."

Ichi - die blinde Schwerkämpferin, www.arte.tv

Offenbar hat die Blindheit der Menschen für Cr7z also wirklich mit ihrem untoten Dasein zu tun. Blindheit für die Welt ist bei Cr7z das selbe wie das Fehlen von moralischen Maßstäben und Lebendigkeit. Der geniale Dreh im Film mit der blinden Schwertkämpferin ist, dass sie in Wirklichkeit weniger blind ist als die sehenden Schergen, von denen sie ständig attackiert und misshandelt wird. Wer den Film kennt, kennt vielleicht auch die Anspielung von Cr7z auf Ichis Beziehung zu den Kindern. Auf die Frage, ob sie Kinder möge, antwortet Ichi ganz und gar im Sinne von Cr7z:

"Ich hasse sie. Sie sind lästig, sind mir zu laut. Aber: Sie sind unverdorben. Man kann ihnen mehr trauen als den Erwachsenen."

Die Schwertkämpferin Ichi steht insofern für den Kampf des unverdorbenen "Kindes" mit dem völlig verdorbenen "Biest" im Menschen. Die ganze Symbolik von Cr7z ist durchzogen von diesem konfliktreichen Dualismus. Es geht ihm stets um die Einheit der Gegensätze, um Dialektik. Gerade die Dialektik lässt einen Hoffnungsschimmer selbst in der tiefsten Finsternis übrig. Denn der Kampf gegen die Finsternis ist die eigentliche Realität, fast wie im Film oder Spiel. Zugleich ist der Kampf gegen die Umnachtung das einzige Mittel, um vielleicht wach und am Leben zu bleiben, sei es noch so schwer. Denn "wer kämpft kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren." 




Ein weiterer Dialog zwischen Ichi und ihrem Freund Toma nähert uns der Problematik von Cr7z an. Toma will in den Kampf ziehen. "Es wird wohl bald zum Krieg kommen...". Ichi kommentiert: "Wer da mit macht, bringt sich in Gefahr, ob er es will oder nicht." Toma reagiert empört:

"Ich kann mich nicht raushalten, so wie du es bei deiner Freundin neulich getan hast. So gut wie du mit dem Schwert umgehst, hättest du doch der anderen Blinden zur Seite stehen können. Ich weiß nicht, was du erlebt hast. Aber wieso hast du so Angst davor, dich auf jemanden einzulassen?"

Die Antwort von Ichi ist der obige skit zur Frage von Leben und Tod, Moral und Unmoral. Aber Cr7z lässt eine Sache aus, die Ichi sagt: "Allerdings hänge ich auch nicht am Leben. So wertvoll ist es nicht." Ob das auch auf unseren Rapper zutrifft? Ich glaube schon. Wenn man sich die Elegie "Mir tut es so Leid" von ihm hört, nicht Mal eben so anhört, sondern wirklich hört, dann versteht man genau, was er meint.

Was genau tut Cr7z Leid? Der Verlust der Kindlichkeit. Menschen "erwachsen" und verkümmern zugleich, wenn sie ihre Kindlichkeit verlieren. Aus unverdorbenen, lebenfrohen Menschen werden verdorbene, jämmerliche Kreaturen. Von Natur aus schöne Menschenkinder werden zu hässlichen Kreaturen, zu menschlichem Staub, zu stinkendem Abschaum gemacht. Aus dem siebenmilliardenfachen Smeagol wird der siebenmilliardenfache Gollum. Cr7z beweint daher die Verkrüppelung des Menschenkindes durch das Menschenbiest. Für Cr7z ist also "das Kind" eine Art Rückbesinnung auf die guten Anlagen im Menschen, auf die kindliche Freude, auf das Kuschel- und Liebesbedürfnis des Menschen. Aber was ist mit Cr7z selbst? Er sagt ja: "Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich."

Einsamkeit und Eremitentum


Cr7z ist ein Eremit. Und Ichis Eremitenleben hat Parallelen zum Eremitentum von Cr7z. Zwar wandert er nicht mit einem Schwert umher und tötet Menschen, die ihm in die Quere kommen. Aber er ist offenbar oft alleine. Mit Sicherheit kennt er quälende Einsamkeit, selbst in Gesellschaft. Und ganz bestimmt sind die meisten Menschen blind für sein Wesen. Für gewöhnlich ist er friedlich. Das glaube ich ihm aufs Wort. Aber man sollte ihm besser auch glauben, dass er einem nicht nur verbal im Rap die Kehle durchschneidet, wenn man ihn belästigt wie die Schergen es mit Ichi ständig tun.


Toma reicht Ichi die Hand, aus dem Film "Ichi"
Er ist aber nicht genau wie Ichi. Ichis Freund Toma teilt auch einige Merkmale mit Cr7z. Eine traumatische Erinnerung an eine Verletzung seiner Mutter, an der er Schuld trug verhindert, dass der meisterhafte Schwertkämpfer sein Schwert ziehen kann. Also kämpft er bloß mit einem Stock. Er wird somit daran gehindert, sein Potenzial voll auszuschöpfen, weil er von den eigenen Gewissensbissen gehemmt wird. Ähnlich scheint es unserem Rap-Genius zu gehen: "Ich hab' so viel gesehen und das in viel zu jungen Jahr'n. Meine Schotten sind so ausgesprochen dicht." Und "bin zu sehr sensibel."

Cr7z hat wohl den Wert von Familie begriffen. Konflikte mit der Familie sind zwar unvermeidbar. Denn "ich bin wie ich bin" trifft auf jeden Menschen zu. Und "Menschen wir unsereins behandelt man nie so, wie es sich gehört. Wir werden nur verachtet und müssen irgendwo im Stillen krepieren" auch. Ja. So ist es wirklich. Ichi wurde sogar vergewaltigt und danach dafür auch noch verstoßen. Gegen sowas muss man ankämpfen. Und jeder Mensch muss alleine für sich das verteidigen, was das wachsende Kind in ihm ausmacht. Aber dennoch muss man für die Familie, ob verwandt oder nicht, Feuer und Flamme sein und sie zur Not mit dem Schwert verteidigen. An sich sollte das Putzen oder Müll-Heraustragen der geringste Dienst sein. Oder? ;-)

Über sich sagt Cr7z z.B., er sei "kein Cyborg der Maschinerie", habe "niemals eine Crew gebildet", "er hat sie alle Backstage abserviert", "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln." Er ist offenbar ein Zerrissener und Getriebener. Wohin er will, wird erst klar, wenn man viele seiner Stücke studiert und sich einen Reim auf seine oft reimlose Lyrik gemacht hat. Cr7z hat seinen eigenen Film. Jeder Mensch hat seinen eigenen Film. Es ist genau wie mit Ichi. Erst am Ende ihres Films wird klar, wo sie überhaupt hin wollte, was sie überhaupt wollte. Wie Ichi sehnt sich auch Cr7z schlicht, "man würde mich mal drücken, das ist alles." Stattdessen muss ohne Ende angekämpft werden gegen brutale Schergen, lebende Tote und Maschinenmenschen. Aber träumen reicht nicht:

Scheiße Criz, reiß dich zusammen, dieses Leid zerfickt dich.Wir sind hier nicht bei 'Wünsch dir was', sondern bei 'So ist es'.Nix mit Chillen, nix mit Flaschengeistern, Alter, trink nicht.Du weißt es bringt nix, es drückt dich nur einmal zurück.

Cr7z hat offenbar seine eigenen Mittel entwickelt, mit dem Leid umzugehen. Abgesehen vom "silbernen Feuer" im Glas und "silber, grün und grauem Schimmer" in den Augen, die "heilige Wut" spiegeln, hat er seine Kunst und sein Eremitentum. Alkohol hilft nur kurzfristig. Hass und Rache lösen das Problem bestimmt nicht. Die Kunst ist eine Form, die Wut loszuwerden. Das Eremitentum ist sicherlich der beste Schutz und Selbstschutz vor dem "Biest". "Es geht nicht darum, was dort jenseitig des Himmels moved. Es geht um die Rotation des eigenen Wirbelsturms."




Die Sehnsucht nach Zweisamkeit


"Ich hätte mir gewünscht, man würde mich mal drücken" ist ein Satz aus "Lass mich gehen", dem Stück von Cr7z, das wohl am konzentriertesten auf das Motiv der Zweisamkeit eingeht. Diese Elegie ist eines seiner ergreifendsten Werke. Er sagt darin zwar "ich will nicht klagen", aber im Grunde ist es reine Nostalgie, die er da erdichtet hat:

Wieso scheitert die schönste Sache der Welt
in der heutigen Zeit an Kleinigkeiten, das würde ich gern begreifen.
Wahrscheinlich, weil wir zu verpeilt sind und das Ego Nummer 1 ist
Sieben ist davon nicht grad begeistert, aber weißt' was?
Ich bin auch nicht grad ein Heiliger
Ist wohl nur der Lauf der Dinge, dass das ganze hier am scheitern war.
Also weiter Bar für Bar, um mich bloß zu erinnern:
Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich.



"Heut' ist wieder 'ne Trennung, weil ich eh nie meine Liebe find'", "ich such' nach meinem Ebenbild und das zu finden geht nicht wirklich" sind typische Sätze von Cr7z, der sein ewiges Liebesunglück durch den Rap verewigt. Auch "Wie sie tanzt" geht auf gestörte Zweisamkeit ein:

Was ist los? Wir haben uns angezogen, abgestoßen.
Hast mich angelogen, lass mich los.
Ich hab' genug von dir und deiner Angewohnheit
zu ficken mit Angspsychosen.

"Silbernes Feuer" vertieft dieses deprimierende Bild der ewigen Einsamkeit und des "unendlichen Leids" noch:

Mein Album schneidet bis ins Fleisch. Hier wird nichts beschönigt.Deine Haltung dazu solltest du überdenken, ich schwör's dir.Du hast mich nicht gesehen, wie die Faust an meine Wand schlag,wie das Blut herunterrinnt und meine Tränen vom Gesicht in Strömen laufen wie ein Wasserfall.Mein Herz wurde gebranntmarkt und es sticht in meiner Brust, als hätte ich dauernd 'nen Anfall.Zeige Anstand, respektier' mich. Wärst du so ich ich vom Schicksal gevögelt, wärst du nicht handzahm, sondern schmeißt dich vor 'ne Trambahn.

Ichi und Toma Arm in Arm,
aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin"

Die Perspektive der 7


Völlig hoffnungslos ist der Junge aber nicht. Daher hat er auch die Hymne "Hoffnungsschimmer" verfasst, in der er seine optimistische Seite am klarsten darstellt:

Mir ist aufgefallen in dem Auf und Ab bleib ich auf Kurs. Ich weiß, dass es sich lohnt Zähne zusammenbeißen und durch. Und auch wenn das für die meisten nicht logisch klingt, bin ich von Zeit zu Zeit überglücklich selbst wenn ich so melancholisch bin. Klar, ich schreibe vieles hin was einen runter reißt, es stimmt, nur müsst ihr verstehen ich reinig mich damit so gesehen. Es ist etwas Gutes für mich, somit bleibt das Licht noch bestehen und scheint genauso für die, denen es nicht so gut geht.

Auch die zuvor deprimierenden Aussagen über die Wertlosigkeit des Lebens werden relativiert. Erst durch diese "Wiedergutmachung" ist ein halbwegs vollständiges Bild von Cr7z gegeben. Dass er die Schlechtigkeit der Welt feststellt und nicht wie ein Blinder oder ein Zombie durch die Welt irrt, heißt nicht, dass er kein Licht sieht. Im Gegenteil.

Da er die Dunkelheit genau kennt, kann er die "Hoffnungsschimmer am Horizont" sicher mehr schätzen als die Cyborgs mit ihren rosaroten Visieren. Dabei spielt offenbar Familie eine große Rolle, die eine viel größere Bedeutung hat, als es die meisten Menschen im Lande eingestehen würden:

Bedenke immer, dass es bei mir auch die Kehrseite gibt. Wenn ich von den Schmerzen schreibe dann nähere ich mich dem Licht. Warum sollt ich auch die Dunkelheit verneinen. Setz ich mich mit ihr nicht auseinander, kommt sie noch stärker zurück. Wie eine Mutter für die Kleinen. Schuftet wie ein Schwein und lächelt in Kriesenmomenten, egal wie schwer sie auch sind. Und wie die Jahre so vergehen, irgendwann bekommt sie eine Krankheit und das heißt, das hat sie nicht verdient. Ist kein Wunder wenn man weiß, wie es wirklich für sie ist. Sie freut sich über jedes Küsschen und zieht sich in die Küche zurück. Wünscht sich vielleicht auch mal eine Blume, einfach so. Nicht nur an ihrem Geburtstag, sondern weil man ihre Leistung lobt. Möchte vielleicht auch mal Ruhe und alleine sein und nicht ständig untergebuttert werden in den Streitereien. Deshalb Augen auf. Ich spreche aus Erfahrung, egal ob Gutes oder Schlechtes geschieht. Vielleicht warst es du.

Und weiter:

Jeder macht Fehler, doch die Wenigsten lernen. Hören wir auf uns etwas vorzuwerfen, das Leben ist‘s wert. In der dunkelsten Stunde verstehst du sicher, was ich mein. Lass es nicht erst soweit kommen, sondern sehe es jetzt ein. Lang genug war unser Ego Nummer 1, es wird Zeit für die 2, vielleicht erleben wir die 3. Eine gemeinsame Seele. Es gibt keinen, der perfekt ist. Hoffnungsschimmer am Horizont. Vergebung und Verständnis.

Die 7 Milliarden Menschen auf der Welt haben durchaus eine Perspektive. Sie haben sogar sieben Milliarden davon. Kann man so oder so sehen. "Das Biest" hat im Grunde nur eine: das Zeitalter der Dekadenz. Cr7z formuliert es in "33°" so:

Ich sehe keine Wandlung und das seit Ewigkeit.Klar sind Viele wach, aber das sind halt zu wenig, weißte?Würd' mich freuen, wenn du mir mal Beachtung schenkst, denn ich begreife mittlerweile, wie 'ne Loge einen Schachzug lenkt.
Wichtig ist: wir bleiben von einander abgetrennt.
Denn wenn wir uns verbünden, ist es es ein Witz,
was sie machtvoll nennen.
Ich bin selbst im Widerspruch mit mir,
mein Aszendent ist Waage, Mond, Stier, Sonne, Fische.
Das ist lachhaft, echt. 

Die Perspektive der 7 ist im Grunde eine einzige, obwohl sie die Perspektive von sieben Milliarden ist: "V wie Vendetta. V wie Variation."




Achso, Chris, wenn du meinen Standpunkt wirklich begreifen willst, lies dir die anderen Artikel auf diesem Blog durch und diskutier' mal 'ne Runde mit mir. ;-)

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