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Samstag, 23. Juli 2016

Warum "Apocalypse" trotz allem kein Epos ist

"X-Men: Apocalypse" hat formal nahezu alles, um als "episches Werk" von heute durchzugehen. Trotz allem ist es kein (post)modernes Film-Epos. Das entscheidende Kriterium fehlt.

Dieser Film bietet epische Helden und ihre Schlachten, eine epische Handlung und Moral, epische Mythologie, epische Musik, Akustik und Szenerie - und fast alles andere, was man episch nennen darf. Alles an dem Hollywood-Blockbuster ist episch, außer die Rezeption.

Ein Kinogänger wird vielleicht begeistert oder zumindest beeindruckt aus dem Film herausgehen. Er wird womöglich sogar mit dem für ein Epos typischen Staunen an den Film zurückdenken. Die großen Heldinnen und Helden des Werks werden uns als strahlende Vorbilder in Erinnerung bleiben. Wir haben Teil an ihrem übermenschlichen Wagemut und ihrer grenzenlosen Tugend.

Und doch ist dieses fabelhafte Werk noch kein Epos. Denn dazu gehört nicht nur das Werk, sondern auch das entsprechende Publikum. Das eigentliche Epos ist eine dialektische Beziehung zwischen dem epischen Werk und der heldenhaft gesinnten Anhängerschaft des Geistes, von dem das Werk erzählt.

http://www.filmfutter.com/wp-content/uploads/2015/12/XMenApocPoster1.jpg
Bild von: www.filmfutter.com
Und das Publikum von "Apocalypse" ist allgemein ganz weit davon entfernt, auch nur im geringsten heldenhaft gesinnt zu sein: Man geht als neugieriger Konsument einer filmischen Ware ins Kino und kommt als gesättigter wieder heraus, um wieder brav dem sinnlosen Leben des Biedermeiers zu frönen. Die Erinnerung an die heldenhafte Fiktion des Films bleibt, aber die eigentlich epische Wirkung, die ein episches Werk zum Epos macht, fehlt völlig. Daran ist aber nicht der Film Schuld.

Das epische Publikum und seine Rezeption gibt es nur da, wo es einen epischen Weltzustand gibt, eine revolutionäre Situation. Da dieser Zustand für die meisten Filmkonsumenten nicht gegeben ist und kaum einer von uns je zum Helden wird, kann also auch bei "Apocalypse" nicht von einem Epos geredet werden. Ein wirkliches Epos für unsere Zeit muss erst noch durch einen revolutionären Aufbruch möglich werden. 

Soll heißen: Erst wenn draußen vor dem Kino die Barrikaden stehen, wenn sich die Massen zur revolutionären Heldentat entschieden haben, wenn Polizeistationen brennen und die korrupten Politiker ins Ausland fliehen, wird ein echtes filmisches Epos möglich sein. Im Grunde können nur reale Helden Teil eines epischen Publikums sein. In Deutschland ist ein Epos daher unwahrscheinlich. Die Deutschen sind keine Helden, sondern wundern sich nach dem Kinobesuch mit dem gewohnten Schafsblick über jede epische Fantasterei.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ich spucke auf dein Grab - ein Meisterwerk über feministische Selbstjustiz

Wie gerufen kommt der dritte Teil von "I spit on your grave" für die deutschen Zuschauer*innen nach Silvester 2015/16. Die Serie behandelt ein überaus makabres Thema: Rache infolge von Vergewaltigung. Anders als Teil 1 und 2 ist der dritte Teil jedoch nicht bloß ein weiterer "Rape and Revenge"-Splatterfilm. "I spit on your grave III" ist vielmehr ein surreales Meisterwerk ganz im Stile von "Fight Club".

Rachesequenz aus "I spit on your grave III"
Jennifer Hills (Sarah Butler) ist die bereits bekannte Protagonistin aus dem ersten Teil, in dem sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch einige Rednecks wurde, an denen sie sich im Anschluss brutal revanchierte. Im dritten Teil hat sie mit den psychischen Folgen der Ereignisse zu kämpfen: Sie ist allgemein äußerst misstrauisch geworden, hat Alpträume und Paranoia. Überall sieht sie potenzielle Vergewaltiger. Ihren Namen hat sie zu Angela umändern lassen, um mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Auch sucht sie eine Therapeutin auf und nimmt an Gruppensitzungen mit anderen Geschädigten teil.

Gleich eine der ersten Szenen ist perfekt. Angelas Kollege spricht sie unvermittelt an und löst damit die typische Situation aus, wenn eine Frau ungewollt angemacht wird:

"Hey, Angie. Warte doch."
"Bitte nenn mich nicht immer so. Ja?"
"Komm schon. Was ist denn mit dir los? Ich meine. Rieche ich? Habe ich faule Zähne?"
"Ich möchte nur nicht Angie genannt werden."
"Augenblick, was ist mit dir? Ich versuche doch nur, nett zu sein."
"Wieso?"
"Was ist falsch daran, nett zu sein?"
"Dann sei doch nett zu Gloria oder xyz§#ß."
"Du bist ja echt schwierig. Hör zu, nicht jeder will dir gleich an die Wäsche."
"Nicht jeder, aber du."

Eiskalt abgeblitzt, bemüht sich der wirklich nette Kollege immer wieder, aber hat im Grunde keine Chance, Angela zu treffen. In einer Therapiestunde erklärt Angela den Grund dafür, d.h. ihr Weltbild:

"Da draußen ist man Raubtier oder Beute. Man muss sich entscheiden."
"Eine etwas einseitige Sicht. Glauben sie nicht an Altruismus?"
"Sie meinen die Gutmenschen? Die kann ich echt nicht ausstehen." 

Bei ihren Gruppensitzungen lernt sie die hammerharte Marla (Jennifer Landon) kennen, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte eine Männerhasserin mit viel Humor und Selbstvertrauen ist. Bis dahin konnte Angela ihr Leben kaum genießen. Gemeinsam mit Marla ändert sie fortan jedoch ihre Einstellung. Sie bricht mehr und mehr mit der klassischen Opferrolle und wird zum agierenden Subjekt. Von Marla übernimmt Angela die radikalen Ansichten:

"Für diese Frauen gibt es nur eine Hoffnung und die heißt: Rache... Und die Cops helfen dir nicht. Niemand hilft dir. Du musst dir selbst helfen. Geh deinen Weg und schau nicht zurück. Wenn das nicht hilft, nimmst du ein Messer, schlizt ihn auf und nimmst ihn aus wie einen Fisch und schneidest ihm den verdammten Kopf ab." 

Marla spricht es aus, Angela begreift sofort. Die beiden ziehen also gemeinsam los in den Krieg gegen die Männer. Ob der Kollege, der Angela kennenlernen möchte, der unbekannte Frauenschläger aus der Kneipe oder der angehende Vergewaltiger - alle werden nun zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt der beiden Racheengel. Angela muss ihre fiktive Freundin (eine Anspielung auf Marla in "Fight Club"?) sogar mäßigen. Doch ist sie bald selbst nicht mehr zu halten.

Das Hauptmotiv des Plots ist abgesehen von der Verwandlung des Opfers zur Täterin das Fluktuieren unserer Heldin zwischen staatlichem Recht, feministischer Gerechtigkeit und sadistischer Selbstgerechtigkeit. Die Polizei wirkt machtlos oder unwillig, Angela bei der Aufklärung eines Mordes an einer Freundin zu helfen. Der Staat versagt also wie so oft darin, dem Recht die Gerechtigkeit folgen zu lassen. Einzig logische Konsequenz für unsere Rächerin ist die Selbstjustiz. Sie zieht los, um endgültig zu strafen, wo der Staat nicht einmal das öffentliche Recht durchzusetzen vermag. 

Die Zuschauer*innen werden nicht nur Mitgefühl für die Vergewaltigungsopfer empfinden, sondern auch sadistische Lust bei der Bestrafung der Täter. Das ist immer der intendierte Effekt bei diesem Filmgenre. Allein, das Geniale an diesem Film, das ihn außergewöhnlich macht, ist die Überspannung der Selbstjustiz. Die feministische Gerechtigkeit verschmilzt immer mehr mit sadistischer Selbstjustiz. Denn Angela rächt sich nicht bloß. Sie rastet aus und attackiert sogar unschuldige Männer und Frauen. Unterschiedslos rächt sie sich nun also an der ganzen Menschheit. Ihre zunächst gerecht wirkende Verwandlung in eine Rächerin schlägt in einen durch nichts zu rechtfertigenden Menschenhass um. Aus der zornigen Feministin wird so eine Sadistin, aus dem Racheengel ein gefallener. Ganz wunderbar lässt sich das im Kontrast zwischen der Szene im Gefängnis und der Szene in der Mitte des Films erkennen, in der sie sich auf einen kurzen Flirt mit dem Kollegen einlässt. Dort schien es einen Hoffnungsschimmer für die verzweifelte Kreatur gegeben zu haben. Doch der Film endet düster.

Angela selbst weiß um ihre Schuld, weshalb sie Gott um Vergebung bittet. Natürlich löst dieser ihre Probleme nicht. Darum geht es in dem Film. Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun errettet die Opfer von Gewalt. Sie müssen sich selbst retten, selbst wenn es so schwer fällt wie Angela. Und genau diese Spannung zwischen den Kontrasten erhebt den Film auf den Thron des Genres.


Dienstag, 9. Februar 2016

Vom berühmten Fettsack mit dem Marx-Tattoo und der makellosen Badenixe

"Ewige Jugend" (englischer Titel: "Youth") ist ein toller Film. Schaut ihn. Leider ist er nicht ganz einfach. Vermutlich ist das sogar einer dieser Filme, die man zehn Mal sehen muss, um ihn wirklich schätzen zu lernen. Aber immerhin: Man kann viel aus dem Film lernen. Wovon handelt er aber? Unter anderem von einem berühmten Fettsack mit Marx-Tattoo und einer makellosen Badenixe - ja, im Ernst - und von einem depressiven Hitler. Natürlich, diese drei Figuren werden bloß von Nebendarstellern gespielt. Jedoch verkörpern sogar sie die tiefschürfende Idee, um die sich die ruhige Handlung des Films herum aufbaut.
Szene aus "Ewige Jugend": Fred und Mick
bestaunen "Gott", d.h. Miss Universum

Der Ex-Komponist Fred (Michael Caine) und der Regisseur Mick (Harvey Keitel) verbringen als Freunde ihren gemeinsamen Lebensabend in den Alpen. Während Fred resigniert wirkt, scheint Mick noch voller Hoffnung zu sein. Fred lehnt das Angebot der britischen Königsfamilie ab, für sie ein Konzert zu spielen. Stattdessen lässt er sich von jungen Frauen rein äußerlich beglücken. Mick plant hingegen seinen letzten großen Film und will seinem Schöpfertum erneut Ausdruck verleihen. Der Film ist ein ehrliches "Erschrecken vor der eigenen Bürgerlichkeit", wie ein Kritiker es ausdrückte. Umgeben sind die beiden Hauptfiguren von nicht minder bürgerlichen Karikaturen, die alle samt leidenschaftlich mit ihrem Selbstbild kämpfen.

Lena (Rachel Weisz), die Tochter Freds, verliert ihren Verlobten, den Sohn von Mick (Ed Stoppard), an eine "Schlampe", d.h. an eine extrem oberflächliche Pop-Sängerin (Paloma Faith). Der Grund dafür ist der Sex, wie ihr Ex-Verlobter gesteht. Der elegant gekleidete Betrüger meint, nun endlich in der unterdurchschnittlichen Sängerin eine spannende Frau gefunden zu haben. Paloma selbst bildet sich ein, eine große Künstlerin zu sein. Und Lena gefällt sich als Antwort auf diese Verletzung in ihrer Rolle als unwiderstehliche Verführerin. Allen möglichen Männern umwerfende Blicke zuwerfend will sie sich ihren Sex-Appeal wieder zurückholen. Der Maradona-Verschnitt (Roly Serrano) ist übergewichtig und träumt von seiner Vergangenheit als Fußballstar. Jimmy Tree (Paul Dano), ein frustrierter Schauspieler, der nur für seine Rolle als Roboter bekannt ist, will nichts sehnlicher als eine extrem anspruchsvolle Rolle spielen - in diesem Fall Hitler. Auch Jane Fonda hat als die alternde Schauspielerin Brenda Morell ihren Moment der Offenbarung, als sie im Flugzeug zusammenbricht und ihre Perücke verliert. All diese Charaktere haben ihren großen Auftritt im Film. Sogar Miss Universum (Madalina Diana Ghenea) will nicht bloß als hübsches Dummchen gelten und beweist ihre Intelligenz in einer großartigen Szene und eine tiefsinnige Masseuse mit Zahnspange (Luna Zimic Mijovic) würde gerne ihre Weisheit als Pop-Sängerin in die Welt hinausposauen.

Die Schauspieler spielen ihre Rolle perfekt. Man musste sie deswegen hier namentlich erwähnen. Selbst Miss Universum und Paloma Faith waren wunderbar selbstironisch und grandios. Den Schauspielern und ihren Figuren geht es um ihre Identität bzw. ihr "wahres", inneres Wesen. Hinter ihrer Oberfläche verbirgt sich ihr Kern. Deswegen hat dieser Film eine gewisse Tiefe. Allerdings bleibt die Frage offen, ob die Oberfläche oder das innere Wesen die Wahrheit der Charaktere ist. Ist der Fettsack mit dem Marx-Tattoo nun in Wirklichkeit ein weltberühmter Fußballer oder ein nostalgischer Fettsack? Und ist Miss Universum eine makellose Badenixe oder nur eine geradezu obszön hübsche Frau? Die Antwort wird nicht wirklich gegeben. Aber ausgerechnet Hitler, der größte Betrüger und kleinste Mensch, erkennt die große Botschaft des Filmes. Der Schauspieler Jimmy Tree, der für seine leichte Rolle als Roboter bekannt und damit überaus unzufrieden ist, erkennt im besoffenen Zustand als verkleideter Hitler seine Bestimmung, für den Drehbuchautor und Regisseur Sorrentino das einende Band aller Menschen zu benennen:

"Ich studiere die Hotelgäste schon seit Wochen. Ich habe alle minutiös beobachtet. Sie und Fred, Lena, die Russen, die Araber, die Jungen, die Alten... Und ich bin zu einem Schluss gelangt. Ich muss mich entscheiden. ICH muss mich entscheiden, wovon ich erzählen will: Schrecken oder Sehnsucht? Und ich wähle die Sehnsucht. Sie, jeder einzelne von Ihnen, hat mir die Augen geöffnet, hat mich begreifen lassen, dass ich mein Leben nicht darauf verschwenden darf, sinnlosen Schrecken darzustellen. Ich kann nicht Hitler spielen. Nein, ich möchte von Ihrer Sehnsucht erzählen, so pur, so völlig unmöglich, so unmoralisch. Aber das ist völlig egal, denn erst sie macht uns so lebendig."

Szene aus "Ewige Jugend":
Der Fettsack mit dem Marx-Tattoo ist nicht mehr allzu fit
Dass ausgerechnet "Hitler" den Widerspruch zwischen Oberflächenschein und Wesenskern im Film ausspricht, ist kein Zufall. Dem Schrecken, den Hitler verkörpert, soll man nicht unnötig viel Beachtung schenken. Vielmehr soll man den Sehnsüchten der Menschen die aller größte Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen. Das ist die Erlösung im menschlichen Jammertal, das im Film von den Alpengipfeln umgeben ist. Nicht umsonst schwebt ein buddhistischer Mönch in der nächsten Szene durch die Gegend, womit er dieses Elend hinter sich lässt. Und nicht umsonst nennt Mick die nackte Miss Universum "Gott" und den Genuss ihrer Perfektion "das letzte wahre Idyll unseres Lebens", das den Menschen geblieben sei. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass Maradona zu Anfang des Streifens ebenfalls "Gott" genannt wird.

Es wäre noch viel über den Film zu sagen. Man könnte zehn weitere positive Rezensionen mit Fokus auf die Musik, die Symbolik oder den Schnitt verfassen. Das hier soll aber vorerst genügen. "Ewige Jugend" ist eine Offenbarung. Die bösen Kritiker des Meisterwerks von Sorrentino sollten es womöglich noch einige Male anschauen, um seine Tiefe zu begreifen. Oder sie sollten diese Rezension hier lesen und sich in Grund und Boden schämen, weil ein Türsteher und Prolet mehr von ihrem Fach versteht als sie, die kleinbürgerlichen Kunstkritiker.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015

www.gettyimages.co.uk


Wie misst man den Erfolg eines Blogs?

  • An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn? 
  • An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel? 
  • An der Erwähnung durch Promis? 
  • An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland? 
  • Am Reichtum des benutzten Wortschatzes? 
  • An der Schwierigkeit des Vokabulars?
  • Am inhaltlichen Niveau? 
  • Am Nachrichtenwert der Inhalte?
  • Oder am selbst gesetzten Ziel?

Die Gesamtzahl der Aufrufe betrug bis Ende 2015 über fünfundfünfzigtausend. Der am meisten gelesene Artikel ist ein Text über das uigurische Lamm... Das ist wahrscheinlich nicht allzu viel. Die bekannteren Blogger erzielen locker die dutzendfachen Quoten. Einige bekanntere Blogs und Webseiten wie diefreiheitsliebe.de, vineyardsaker.de, borotba.su und selbst die junge Welt (zumindest Mai 2014) und die DKP haben Artikel dieses Blogs zitiert oder ganz übernommen. Der Reichtum des Wortschatzes der deutschen Artikel mag nicht der größte sein, aber der Blog nutzt gelegentlich russisches und chinesisches Vokabular und es wurden diverse Übersetzungen ins Deutsche zuerst an keinem anderen Ort als diesem veröffentlicht. Das Niveau der Artikel schwankt sicherlich, aber es ist höher als das vieler professioneller Presseorgane, deren Nachrichtenwert konstant sinkt. Die Selbstbeschreibung des Blogs umriss seine zentrale Idee bis zum 30. Dezember 2015 noch so:

Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.

Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.


  • Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht? 
  • Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
  • Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
  • Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
  • Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
  • Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
  • Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen. 

Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:

  • "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba 
  • 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗 
  • "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute
  • "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog 
  • "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog 
  • "Hey, bin über Cr7z hierher gekommen und habe mir nach seinem sofort die Einträge überMaeckes, Disarstar und JAW durchgelesen. Sehr guter Blog!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog 
  • "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog 
  • "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design


Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.

2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.

Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!







Donnerstag, 17. Dezember 2015

Der neue Russe im Hollywood-Film

Screenshot aus "The Equalizer"
Der Russe an sich ist ein beliebtes Feindbild, wie wir alle wissen. Er ist grob, flucht viel, säuft, baut unnötige Unfälle, kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit und noch weniger um die Sicherheit Dritter. Er ist quasi gemeingefährlich und das oft genug vorsätzlich. Der Russe an sich ist also böse. Zumindest vermitteln uns das die Americana-Medien. Denn sie liefern das Bild vom Russen "an sich", also ein Klischee.

Screenshot aus "Tokarev"
Hollywood greift dieses Klischee vom gemeingefährlichen Moskal geschickt auf, wenn es den russischen Ganoven darstellt. Während vor einigen Jahrzehnten für die amerikanische Filmschmiede noch der Sowjetrusse das Feindbild par excellence war, hält heutzutage der "neue Russe" dafür her (obwohl natürlich viel mehr der Moslem und immer mehr der Chinese diese Rolle eingenommen haben). Der neue Russe ist der Nachfolger des Sowjetrussen, sowohl in der russischen Gesellschaft als auch im Hollywood-Film mit russischen Bösewichten. Und nicht zuletzt ergänzt er das neoliberale Menschen- und Weltbild in den Köpfen der Menschen. Der neue Russe ist zugleich reich, dekadent, verwahrlost, abstoßend und abgrundtief böse. Das liegt in seinem Nationalcharakter begründet. Hollywood hat das längst in etlichen Streifen bewiesen, was hier besprochen wird.

Der amerikanische Held


Held in "Taken 3"
Natürlich beginnt jeder Kampf gegen den russischen Bösewicht mit der Einführung des amerikanischen Helden. Der amerikanische Held ist üblicherweise ein durchaus gefährlicher, kampferprobter und keineswegs zu unterschätzender Elitesoldat, der aber aufgrund seiner überlegenen Moral, seiner Disziplin und Gelassenheit unterschätzt wird.

Held in "The Equalizer"
Denn anders als der Russe an sich will der Amerikaner-Held bloß ein gewöhnliches Leben in Ruhe und Frieden führen, im Grunde einfach nur die abgespeckte Version des American Dream ausleben, das Leben-und-Leben-Lassen des unorganisierten John Doe. Nachdem er in seinem früheren Leben professionell getötet hatte, will er der Hölle des Krieges entgehen und nur noch sein kleines Reich, sein eigenes Paradies aufbauen. Dazu benötigt er ein oder mehrere befriedende Besitztümer, die ihm ein bescheidenes, kleinbürgerliches Dasein ermöglichen.

Helden in "John Wick"
In "The Equalizer" arbeitet unser Held in einem Baumarkt und liest in einem Café "Moby Dick", manchmal motiviert er auch angehende Wächter oder Polizisten, da er nicht mit Erfahrung geizen muss. In "John Wick" hat unser Held seine Frau verloren und das einzige, was ihn noch am Leben hält, ist ein Welpe, den er von seiner Frau geschenkt bekommen hat, und vielleicht das lebensmüde Rasen mit seinem Schlitten. In "Taken 3" will unser Held ein guter Vater für seine Tochter sein und weint seiner Frau hinterher, die ihn für einen reichen Schnösel verlassen hat. In "Tokarev" will unser Held einfach nur ein ruhiges Familienleben mit Tochter und Freundin führen.

Held in "Tokarev"
Unsere zur Ruhe gekommenen Krieger werden jedoch aus ihrem kleinbürgerlichen Paradies gewaltsam herausgerissen. Der Russe ist immer Schuld. Der "Equalizer" kann nicht mit ansehen, wie eine wehrlose Prostituierte brutal zusammengeschlagen wird. John Wick dagegen wird der Schlitten gestohlen und noch dazu wird der Welpe vor seinen Augen gelyncht. Der Vater von "Taken 3" findet seine Ex-Frau ermordet auf und will seine Tochter vor weiterer Gefahr bewahren. Der Familienvater in "Tokarev" verliert hingegen seine Tochter durch einen Schuss aus einer Tokarev, einer russischen Pistole, und will nur noch Rache. In jedem Fall wird der an sich friedliche und tugendhafte Held zur Americanaction gezwungen. Jeder, der unserem Rächer nun im Wege steht, wird vernichtet, um den Oberbösewicht seiner gerechten Strafe auszusetzen, was bei Hollywood meist der Totschlag ist, der als verlängerte Abwehrhandlung interpretiert wird. Der Held muss daher selbst (wieder) zur Killermaschine werden, um die russischen Killer auszuschalten.


Der (russische) Bösewicht


Der böse Russe in "Tokarev"
Der Oberbösewicht ist nicht notwendigerweise ein Russe, aber meistens doch. Der russische Bösewicht repräsentiert geradezu das Gegenteil des Helden. Immer gehört er der russischen Mafia an. Immer ist er abgrundtief böse. Fast immer trägt er einen Anzug. Er hat Stil. Er hat Macht. Er hat viele loyale Anhänger. Viele Frauen hat er. Seine Opfer sind noch viel zahlreicher. Und er hat einige Konkurrenten und Feinde, die aber nicht lange leben. Es sei denn, sie sind unser amerikanischer Rächer.

böse Russen in "John Wick"
Was der neue Russe nicht hat, das ist Tugend, Skrupel, echte Loyalität. Für seine Interessen verrät er jegliche Anhänger und opfert zur Not auch die eigene Sippschaft. Sofern nötig, findet er in der Verletzung seiner Sippe einen grandiosen Rechtfertigungsgrund, um Anderen großes Leid anzutun. Und üblicherweise trifft es nicht Schuldige, sondern Unschuldige.

Der böse Russe in "Taken 3"
So werden in den entsprechenden Drehbüchern eine Prostituierte, ein Welpe, eine Ex-Frau und eine Tochter ermordet, obwohl diese Figuren völlig unschuldig waren. Solch eine Bluttat muss natürlich gesühnt werden. Daher schaltet sie im Kopf des Helden einen Hebel um, der ihn wieder in einen blutrünstigen Killer verwandelt. Denn wenn der Moskal* keine Gnade kennt, dann darf auch der Action Hero keine Milde walten lassen. Denn der Russe an sich ist KEINER, der Birken liebt, sondern ein blutrünstiges Untier aus den Tiefen der sibirischen Steppe. Da er selbst kein Pardon kennt, sondern nur die Sprache der Gewalt, muss er entsprechend gestoppt werden.


Die Funktion des feindlichen Russen ist daher die Auslösung eines gerechten Vergeltungsschlages, der die ursprüngliche Balance von Gut und Böse oder den idyllischen Urzustand am Anfang der Handlung in gewisser Weise wiederherstellt. Im Grunde wird im amerikanischen Rachefilm die bestehende Ordnung mit viel Selbstjustiz auf eine neue Ebene gehoben, die von den korruptesten Elementen bereinigt ist. Das System selbst wird nicht angetastet. So radikal ist Hollywood nur in Ausnahmefällen. Meist reicht den Filmemachern der individualistische Rachefeldzug im höheren Auftrag.

Der dekadente Russe


böse Russen in "Tokarev" zerschießen eine Bude

Der Russe an sich ist natürlich nicht nur böse, sondern auch moralisch verwahrlost - ganz im Gegensatz zum bescheidenen US-Heroen. Diese Verwahrlosung oder Dekadenz lässt sich als elitäres Selbstverständnis und Gehabe des Russen an sich begreifen, der seine Macht nur für niedere Zwecke missbraucht. Natürlich läuft er im Anzug herum, trägt Goldketten, fährt teure Schlitten, bewohnt Luxusvillen und hat etliche willige Frauen um sich herum. Er lebt wie ein beliebter König, ungeachtet dessen, dass er vor allem ein Tyrann ist. Sein loyales Gefolge und seine Groupies behandelt er nicht gerade zimperlich. Sie sind ihm bloß Mittel, nicht aber Zweck. Kant würde da kategorisch den moralischen Zeigefinger erheben. Aber das kümmert den neureichen Russen eher wenig.

böser Russe in "John Wick" chillt im Pool

Hier treffen gottgefällige Tugend des christlichen Amerikaners und die gottlose Dekadenz des heidnischen Russen aufeinander. Das macht den Koflikt selbstverständlich episch. Denn es kämpfen nicht nur ein isolierter Held und viele Wichte gegeneinander, sondern höhere Werte und Prinzipien ganzer Nationen, die sich absolut ausschließen. Das Reich des Guten kämpft gegen das Reich des Bösen. Die Bilder der Dekadenz fehlen in keinem der entsprechenden Filme.

böser Russe in "Taken 3" chillt im Pool

Der verwahrloste Russe


verwahrloster Russe in "John Wick"
Der dekadente Russe ist nicht bloß böse und gottlos, sondern auch physisch verwahrlost. Wenn er nicht im Anzug protzt, prollt er im Jogginganzug, mit Tank-Top oder mit Tattoos herum. Dabei sieht er schmutzig und schmierig aus. Das stört ihn nicht, denn er kümmert sich weder um das Urteil Gottes noch um das Urteil Dritter. Sein edles Outfit im Anzug mit viel Schmuck etc. ist daher bloße Maskerade, um völlige Verwahrlosung von innen und von außen zu verdecken, sofern es nützlich erscheint. Anders als beim US-Heroen, der wirklich authentisch bescheiden ist, ist der ärmliche Aufzug des neuen Russen ein Ausdruck seiner moralischen Armut. Die Bilder sind eindeutig.

Der trunkene Russe


Russen und Alkohol in "Taken 3"
Selbstverständlich ist der verwahrloste Russe oft trunken. Nie fehlen die Bilder des Russen an sich mit seinem Alkohol. Das Klischee des russki Besoffski muss bedient werden. Zwar saufen Amis statistisch gesehen kaum weniger als Russen, aber man assoziiert den amerikanischen Bösewicht weniger mit Trunkenheit. Der nicht-saufende Russki dagegen ist ein Oxymoron. Der Russe ist einer, der Wodka liebt.


                                        

Oder?

*Moskal ist ein unter westlich orientierten Ukrainern beliebtes Schimpfwort für Russen. Es hat eine rassistische und orientalistische Färbung.

Gedanken zum neokonservativen "Gesetz der Rache"

Der Film "Gesetz der Rache" (Law abiding citizen) war einer dieser coolen Rachefilme aus Hollywood. Vordergründig geht es um die Rache eines Familienvaters an den Mörder seiner Frau und Tochter und an den korrupten und selbstherrlichen Rechtsverdrehern, die den Mördern die gerechte Strafe nicht zuteil ließen.

Der historische Kontext


Tatsächlich geht es in dem Film um weit mehr. Der Film ist von 2009. Nach 9/11 hat der US-amerikanische Staat Recht und Gesetz verbogen, um seine Interessen durchzusetzen. Nach außen wurden UN-Sicherheitsrat und Proteste aus anderen Staaten ignoriert, als die US-Regierung Kriege mit der Bevölkerung in Afghanistan und Irak begonnen hat. Nach innen wurden - seit mit dem U.S.A. P.A.T.R.I.O.T. Act ("Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism Act of 2001") - immer wieder Bürgerrechte und allgemein die Menschenrechte in den USA ausgehebelt. Guantanamo wurde nicht geschlossen und es wurden unter Mithilfe der US-Regierung weiterhin Länder mit Krieg und Bürgerkrieg überzogen. Mittlerweile ist die Polizei zum Aufstandsbekämpfungsmittel gegen Occupy-Protestierende und Schwarze in den Vereinigten Staaten mutiert.

Dieser geopolitische und innenpolitische Hintergrund ermöglicht es erst, den sozialen Gehalt und die ideologische Wirkung des Rachestreifens mit Gerard Butler und Jamie Foxx zu deuten. Es geht nicht bloß um Rache. 

Die Handlung folgt der Gerechtigkeit


Der gesetzestreue Clyde Shelton (G. Butler), der die gerechte Strafe für seine Widersacher ersehnt, spricht das sogar aus. Es geht ihm demnach nicht um Rache, sondern um Strafe oder Gerechtigkeit. Da sein Anwalt Nick Rice (J. Foxx) und die anderen Gesetzesvertreter die Mörder von Sheltons Familie nicht angemessen bestrafen, sondern einen "Deal" aushandeln, wobei nur der eine Täter eine Todesstrafe erhält, während der eigentliche Mörder nur eine Haftstrafe erleiden muss, sieht sich sich der Super-Ingenieur dazu gezwungen, zu Selbstjustiz zu greifen. Soweit ist der Film als schlichter Rachefilm deutbar.

Allerdings machen die Dialoge und die Handlung eine weitere Auslegung denkbar. Shelton betont, dass es ihm nicht bloß um Rache geht. Er will vor allem Gerechtigkeit und Strafe. Und Genugtuung. Dafür tötet und foltert er seine Feinde körperlich und seelisch. Einen der Mörder seziert er bei lebendigem Leibe. Der Sadismus, den er dabei entwickelt, ist wohl unübertroffen im amerikanischen Film (über die Japaner wollen wir hier nicht reden). Den anderen Täter lässt er sehr schmerzlich sterben. Andere explodieren oder sterben auf die eine oder andere kreative Art und Weise. Da der geniale Ingenieur seinen Gegnern immer weit voraus ist, kann er sogar nach seiner Inhaftierung weiter töten und das verfaulte Justizsystem der USA bloßstellen. Dieses dreht sich um "Deals", die von Anwälten und Anklägern ausgehandelt werden, um für alle das Beste rauszuschlagen. Gerechtigkeit kommt nur als Phrase vor. Aber wenn die Strafe zu gering ausfällt, dann kommen eben Ingenierue der Gerechtigkeit dazu, das Strafmaß eigenmächtig zu revidieren. Shelton kontrolliert voll und ganz die Handlung bis zum Finale, da er seinen Kontrahenten intellekuell, moralisch und technisch haushoch überlegen ist. 

Im Verlauf der Handlung zeigt sich, dass auch Shelton nicht die Gerechtigkeit verkörpert. Er ist anderen Figuren im Film gegenüber ungerecht. Seine Strafe übersteigt das Strafmaß, das gerecht wäre, da er auch weitgehend Unschuldige tötet oder bestraft. Die Tochter seines Anwalts muss die oben beschriebene Folterung mit ansehen. Dessen Mitarbeiterin explodiert sogar. Dabei haben beide nichts mit dem Mord und der Untat des Advokaten zu tun. Eine Richterin wird ganz "kopflos", weil sie offenbar so irregeleitet ist, dass sie Shelton nicht wegen Mordes verurteilen will, nur weil ein Geständnis fehlt. Ihr Kopf platzt daher dank einer Sprengfalle. 

Die Vertreter des Gesetzes und ihre Angehörigen werden wie die eigentlichen Mörder bestraft. Die Strafe gilt also im Grunde nicht bloß den offensichtlichen Tätern, sondern auch den Anstiftern, den Profiteuren und heimlichen Mittätern im Rechtssystem. Immer mehr zeigt sich, dass Shelton selbst unter seinem Tun leidet und Gewissensbisse hat. Er weiß, dass er im Grunde Unschuldige bestraft. Aber er muss den Bogen überspannen, um das verbogene Recht wieder "zu Recht" zu biegen. Dafür nimmt er die Bürde auf sich, Unrecht an Anderen auszuüben. Die Erinnerung an die verlorenen Angehörigen hindert ihn nicht an seinen eigenen Untaten, aber sie lässt ihn leiden. Die christliche Nächstenliebe wird von der alttestamentarischen Idee der Vergeltung überdeckt, aber nicht völlig ersetzt. Shelton handelt letztlich aus Nächstenliebe, selbst wenn er sich schuldig macht und aus Hass tötet.

Sein Widersacher, Nick Rice, hat zwar selbst Unrecht begangen als er seinen "Deal" abschloss. Aber er musste so handeln, weil das System so funktioniert - und er an das System glaubt. Gleichzeitig wäre es Rice lieber gewesen, die Mörder der Sheltons gerecht zu strafen. Seine persönliche Einstellung widerspricht seiner professionellen. Er äußert das mehrfach. Aber da er ein Vertreter des Rechtssystems ist, muss er Shelton aller Sympathien zum Trotz wie jeden anderen Verbrecher strafrechtlich verfolgen. Das bindet ihm die Hände, sein Glaube an das System bindet ihm die Hände - zunächst. Er kann Shelton nichts nachweisen, sodass dieser seine Opfer immer weiter abstrafen kann. Glaube ist ohnehin ein wichtiges Thema im Film. Man achte auf die Aussagen des Mörders, auf die Worte von Rice und Anderen in Bezug auf den Glauben und auf christliche Symbolik. 

Erst als sich der Advokat dazu entschließt, Shelton zu töten, wendet sich das Blatt. Er selbst bricht mit dem System, von dem er so profitiert, und wendet sich dem Gesetz der Rache zu. Die Tötung Sheltons durch Rice symbolisiert daher nicht den Sieg des korrupten Rechtssystems über die Selbstjustiz. Der ganze Film zielt auf die Auflösung des Konflikts zwischen beiden Formen der Gerechtigkeit. Die Zuspitzung des Konflikts, verkörpert durch die beiden Kontrahenten, symbolisiert die schwierige Weiterentwicklung und Leid schaffende Umsetzung der Gerechtigkeit. Im Finale treffen sich Legislative und Exekutive in der Bluttat des Gesetzesvertreters wieder. Die Gerechtigkeit setzt sich durch, aber nicht, ohne das Gesetz zu beugen. 

Die Legitimierung des Neokonservatismus


Mit diesem Film wird zwar nicht direkt die Selbstjustiz wild gewordener Polizisten in den USA gegen Opfer staatlicher Gewalt gerechtfertigt, aber er legitimiert die ausufernden Befugnisse des amerikanischen Polizeistaates seit 9/11. Und er legitimiert die völkerrechtswidrige Vorgehensweise der amerikanischen (Privat-)Armeen im Ausland, ob durch die Führung von Angriffskriegen oder durch die Lenkung von Bürgerkriegen in Ländern wie der Ukraine, in Syrien, im Irak oder in Libyen und Afghanistan. 

Wie schafft der Film das? Solche Filme haben eine subtile psychologische Wirkung auf die Zuschauer, die wiederum ideologische Folgen hat. Zuschauer werden von Moral ergriffen und speichern diese als legitim ab. Das macht sie nicht zu Helden oder Bösewichten. Aber es macht sie anfälliger für politische Propaganda außerhalb der Kinos und Wohnzimmer. Der Film ist nicht bloß Unterhaltungsmedium, sondern natürlich auch ein Lehrvideo. Neben Unterhaltung liefert er auch Moral. 

Und die Moral dieses Films ist nicht die Moral der Bergpredigt, sondern die Moral der neokonservativen Eliten, die in den USA herrschen und die den eigentlichen Gehalt des Films ausmachen. Diese Moral ist die Rache der Selbstgerechten und Mächtigen an den Massen, sie ist die Rache des Staates an Menschen, die unschuldig sind, an Zivilisten in Ländern, die zerbombt und zerschossen werden, nur um die imperialen Interessen, Profiteure und Mitverursacher des Terrors zu verteidigen. Nächstenliebe zählt dabei nicht mehr, sondern nur das kapitalistische System, das von amerikanischer Selbstjustiz gestützt wird.

Montag, 28. April 2014

Zwischen Dostojewskij und 2Pac

Zwischen Dostojewskij und 2Pac liegen Welten. Und dennoch ist der Abstand zwischen diesen beiden Menschen viel geringer als es scheint.

  • Dostojewskij war Schriftsteller, 2Pac war Rapper.
  • Dostojewskij war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, 2Pac einer des 20. Jahrhunderts.
  • Dostojewskij war weißer Russe, 2Pac war schwarzer Amerikaner.
  • Dostojewskij war entschieden orthodoxer Christ und russischer Nationalist, 2Pac war mehr oder weniger Atheist und kam aus der Szene der Black Panthers.
  • Dostojewskij war adliger Abstammung und verarmte im Laufe der Zeit, 2Pac kam aus dem Ghetto und stieg als Parvenu zu Ruhm und Reichtum auf.

Die Gegensätze scheinen unüberbrückbar zu sein. Das stimmt aber nicht. Die Welten, die diese zwei Persönlichkeiten von einander trennen, können nicht verschleiern, dass es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Dostojewskij und 2Pac einen viele Gemeinsamkeiten:

  • Dostojewskij und 2Pac machten erstaunliche Wandlungen durch. 
  • Beide waren zutiefst entwurzelte Menschen, die letztlich trotz aller Hindernisse Wurzeln schlagen konnten.
  • Beide saßen im Gefängnis und hatten ein feines Gespür für die Nöten und Leiden der unteren Schichten. 
  • Beide hassten ganz besonders die Ungerechtigkeiten in ihrem Land.
  • Beide verpackten ihre Messages in ihrer Sprachkunst.
  • Beide befragten ihre Klientel auf ihren Glauben und Glaubwürdigkeit 
  • Beide forderten die Menschenwürde für alle Menschen.

Vielleicht mag das an der Nase herbeigezogen klingen. Aber es gab zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt empörten und zum Sprachrohr der Armen, Elenden, Verdächtigten und Verachteten machten. Dostojewskij und 2Pac gehören zu den Ikonen dieser ausgeschlossenen Menschen. Denn sie konnten auf ihre Art mit den Unterdrückten dieser Welt mitleiden und mitfühlen. Und sie konnten dies Mitgefühl in Worte fassen, die auf ewig unsterblich sind. 

Aber wozu braucht es solch einer Analogie zwischen einem Romanautor und einem Rapper? Ganz einfach. Auch die größten Unterschiede können Menschen einen, wenn sie Menschlichkeit in Ehren halten. Staatsbürgerliche, ethnische, religiöse, sprachliche und politische Grenzen können angesichts eines echten Humanismus verblassen. Sofern nicht das Trennende betont wird, sondern das Einende, kann menschliche Einheit hergestellt werden. Das gilt auch für Klassengesellschaften, die ja immer von Klassengegensätzen durchzogen sind. Der Kapitalismus wird immer die Gesellschaft bleiben, in der das Kapital die Arbeit ausbeutet und unterdrückt. Aber über den Klassenkampf hinweg kann eine Form der Solidarität hergestellt werden, die auch den berechtigten Klassenhass überwindet. Es wäre naiv zu glauben, dass politische und ökonomische Grenzen unerheblich sind. Keineswegs. Die sind von größter Bedeutung und müssen es auch sein. Links ist nicht gleich rechts. Und Gleichgültigkeit ist nicht Leidenschaft. Nazis, Faschisten, Ultrarechte, Rassisten und Chauvinisten sind natürlich Feinde der menschlichen Einheit. Da kann es keine Diskussion drüber geben. Und Linke müssen selbstverständlich die Einheit der Arbeiterklasse anstreben und die erklärten Feinde von Sozialismus und Demokratie kritisieren, und - wenn nötig -bekämpfen. Dennoch muss es Ziel aller Menschen sein, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst wenn die Menschheit von Menschlichkeit erfüllt ist, können wir davon sprechen, eine menschliche Gesellschaft erreicht zu haben. Bis dahin ist das, was wir Gesellschaft nennen, nur ein barbarisches und brutales Chaos, ein Kampf aller gegen alle, ein allgemeiner Kriegszustand zwischen den Einzelnen. 

Dostojewskij und 2Pac sahen das nicht anders. Aber was bringt uns diese Feststellung? Die Klassenkämpfe und Kriege wüten weiter. Die Kapitalisten bekämpfen weiterhin die Armen. Die Linken bekämpfen weiterhin das Kapital. Die Rassisten und Faschisten hetzen weiter. Die Sozialisten und Demokraten kritisieren weiterhin das System. Es gibt also überall Spaltungen und Spaltungstendenzen. Und die sind notwendig und unausweichlich. Also was bringt die Feststellung, dass Dostojewskij und 2Pac liebe Menschen waren, Friede, Freude und Schnaps forderten? 

Wir befinden uns heute, im Jahr 2014, in einer höchst gefährlichen Phase, in einer für die gesamte Menschheit höchst gefährlichen Phase, in einer Phase, die an die Zeit vor den großen Kriegen im 20. Jahrhundert erinnert. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, dessen Ausmaße kaum ein Mensch erwartet hatte. Die Krieg führenden Parteien, ob Deutsche oder Franzosen, erwarteten einen schnellen Krieg. Statt dessen kam es zu vier Jahren der brutalsten Materialschlacht, in der die jungen Menschen wie Schießpulver verschossen wurden, in der sie zum reinsten Kanonenfutter wurden, in der sie wie Schlachtvieh reihenweise abgeschlachtet wurden. 2015, nächstes Jahr, jähren sich viele weitere Jubileen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Abwurf der ersten Atombombe auf einen Feind und die Aufdeckung der beispiellosen Verbrechen der Nazis an der europäischen Bevölkerung. Wir dürfen nie vergessen, was in den großen Kriegen angerichtet wurde. Ken Jebsen hat völlig Recht, wenn er Mark Twain darin zitiert, dass Krieg furchtbar einfach ist: Alte Männer, die sich persönlich kennen, schicken junge Männer (und Frauen) gegen ihre eigenen Interessen in den Kampf auf Leben und Tod gegen andere junge Frauen und Männer, um die Interessen von alten Männern (und Frauen) zu bedienen. Das ist Krieg. 

Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, droht erneut ein Krieg in Europa. Auch diesmal drohen die alten Männer (und Frauen) in Deutschland den alten Männern (und Frauen) in Russland. Auch diesmal drohen die Herrschaften in Russland zurück. Was droht, wenn zwei Seiten sich gegenseitig bedrohen? Es droht eine Eskalation! Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind die Folgen solch eines neuen Krieges in Europa nicht abzusehen. Naja, Albert Einstein, der geniale Denker und Sozialist, meinte zwar ganz klar: 

"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.


Dostojewskij und 2Pac betonen dagegen die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Dinge können sich ändern! Dostojewskij forderte den "neuen Menschen", der in christlicher Nächstenliebe und Gottgefälligkeit alle Unterschiede der Herkunft und des Standes vergessen sollte. 2Pac betonte die Verwandlung des Menschen mit seinen Umstanden. Nicht umsonst heißt eins seiner besten Lieder "Changes" (zu Deutsch: Verwandlungen). 2Pac fragte in seinem Song "Who do u believe in?" auch nach dem Glauben und der Einheit der Menschen:

Who do you believe in?Is it Buddah, Jehovah, or Jah? Or Allah?Is it Jesus? Is it God? Or is just yourself?Definately not to be imposed, being a demonBecause this is the joy of believing!Men, to believe in yourselvesBut for sure, the higher powerResides only to ride in the heart of the trueFrom the soul, of the man; for truth never has an alibiIn the poetry, or in it's realmThat's what pulls all words togetherJust to understand, that every man, is his OWN manAnd only man can satisfy the manOnly the soul of the man, the feelings of the manThe for realness of the manYou can't shake the man when you feel the man you know the manAnd you gotta call yourself because you are that man

Wenn heute also wieder ein großer Konflikt der Nationen ansteht, der in einen großen Krieg ausufern könnte, dann sollte man vielleicht ausnahmsweise Mal nicht den Lügenmärchen der herrschenden Barbaren glauben. Vielleicht sollte man auf Einstein hören oder auf den eigenen Überlebensinstinkt. Denn die Herrschenden werden gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen. Verbalradikal vielleicht, ja, klar. Da bekriegen sie sich in aller Konsequenz. Aber die Konsequenzen ihres Verbalradikalismus "kriegen" dann wir zu spüren. Die Herren und Damen "da oben" werden sich vielleicht sogar auf irgendwelchen entfernten Inseln in Freundschaft zum Bacardi-Cola oder zum Puschkin-Wodka treffen. Das war schon mit dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser so ähnlich, nur dass sie keine Cola tranken. Es war auch zwischen dem britischen Premier Churchill und Stalin nicht anders. Es war schon immer so, dass die Differenzen der Herrschenden untereinander beim Essen und Puschkin-Wodka am Abend verschwunden waren. Allerdings würden sie heute damit den Namen Puschkins in den Schmutz ziehen. 
Dostojewskij hielt 1880, auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, eine brillante Rede zu Ehren Puschkins und über die unversellen Ideale der Menschlichkeit. Er sagte:

"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"

Man muss kein Russe oder Christ sein, um nachzuempfinden, was Dostojewskij meinte. Man muss einfach ein wenig Verstand und Herz mitbringen. Die Rede von Dostojewskij hat sogar seinen persönlichen Feind, den Schriftsteller Turgenjew, dazu gebracht, Dostojewskij in Freundschaft zu küssen. Dostojewskijs Frau überlebte ihn übrigens um 38 Jahre. Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sie kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, auf der Krim-Halbinsel starb, auf der nun der heutige Konflikt zwischen Deutschland und Russland eskaliert?

Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen! 

Donnerstag, 24. April 2014

Zerrissen zwischen Yin und Yang - eine Filmkritik zu "Man of Tai Chi"

Man of Tai Chi (2014) ist endlich wieder ein innovativer Kampfkunst-Film mit bemerkenswerter Handlung und Besetzung.

Die Handlung


Die Handlung von Man of Tai Chi ist typisch für asiatische Kampfkunstfilme: der begabte, aber ungestüme Kampfkunst-Schüler hat einen weisen Meister, der dem Jüngling noch viel über das Leben und alles Gute beibringen muss. Der Bösewicht ist natürlich selbst ein Kampfkunst-Meister, der aber seine Kampfkunst für niedere Zwecke missbraucht. Das Gute und das Böse treffen im körperlichen und im mentalen Kampf auf einander und das Gute gewinnt. So weit so gut.

Tai Chi im Sog der modernen Gesellschaft


Aber Man of Tai Chi geht unendlich viel weiter über dieses typische Schema hinaus. Es bietet eine tiefere Einführung in die chinesische Philosophie ebenso wie in die modernsten Techniken des heutigen Action-Films. Es gibt eine höchst bemerkenswerte Moral von der Geschichte und eine ebenso erstaunliche filmische Umsetzung dieser Moral. 

Der talentierte Tiger Chen (Tiger Hu Chen) trainiert bei einem weisen Meister (Hai Yu) des Tai Chi. Abgesehen von seinen traditionellen Atemübungen zur Stärkung von Körper und Geist erprobt Tiger Chen sein Können auch in Kampfsport-Wettkämpfen. Auf diese Weise kommt er auch in Kontakt zum Bösewicht Donaka Mark (Keanu Reeves). Mark ist nicht nur ein extrem guter Kämpfer, sondern auch ein extrem böser Unternehmer. Als Kapitalist richtet er illegale Wettkämpfe aus, um durch die Schaulust der Konsumenten an brutalen Kämpfen möglichst viel Geld zu verdienen. Tiger Chen wird kurzerhand zum "Bewerbungsgespräch" beim Bösewicht eingeladen. Die finanziellen Probleme des Klosters, in dem er trainiert, sind der finale Anreiz für Tiger Chen, um sich auf die Kämpfe einzulassen. Denn wie in allen guten Filmen vermischen sich gute Motive mit schlechten Motiven. Tiger Chen will einerseits das Kloster seines Meisters mit den Kampfgewinnen retten. Andererseits will der ehrgeizige Kämpfer auch beweisen, dass sein Tai Chi mehr als Show ist.

Entsprechend begrüßt ihn ein Gegner mit den Worten: "Tai Chi ist nichts als Show". Tiger Chen beweist jedoch immer wieder, dass sein Tai Chi allen möglichen Kampfsportarten weit überlegen ist. Ob Judo, Ringen, Mixed Martial Arts oder hartes Kungfu - Tiger Chens Tai Chi erscheint immer überlegen. Was Tiger Chen nicht ahnt ist, dass die illegalen Kämpfe live übertragen werden, um auf ihm einen Star zu machen. "Und jetzt, Tiger, bist du ein Star!" sagt man ihm. "Ist es nicht das, wofür du gekämpft hast?", fragt ihn der Böse. 

Tiger Chens Erfolg führt ihn jedoch, wie in fast allen Filmen besseren Kampfkunstfilmen, auf den falschen Weg. Sein großes Talent wird so zum Mittel übler Tendenzen. Denn es wird deutlich, dass ihm der Erfolg zu Kopf steigt und er übermütig und überheblich wird. Er lässt sich immer mehr auf die zwielichtigen Machenschaften seines Kontrahenten Mark ein und wird dadurch zum Komplizen des Bösen. Gekämpft wird nun nicht mehr für die Rettung eines Klosters, sondern für Ruhm und Ehre. Tiger bleibt zwar gegenüber seinen ultrareichen "Fans" skeptisch, aber zugleich genießt er die Aufmerksamkeit der High Society.

Tiger gerät also in den Sog der modernen Gesellschaft. Der Kapitalismus verschlingt auch die größten Talente, um daraus letztlich Profit zu schlagen. Tiger und seine Fähigkeiten werden zur bloßen Ware degradiert, um zahlungskräftigen Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Die Deformierung von Tigers Persönlichkeit durch die Verführung "von oben" geht so weit, dass er seine Wurzeln vergisst. Der Schüler wendet sich, wie in so vielen Kampfkunstfilmen, gegen den Meister. Es kommt zum Kampf zwischen Altersweisheit und jugendlicher Explosivkraft. Tiger ist sogar versucht, seine Kontrahenten zu töten. Der gewissenlose Bösewicht Mark fragt ihn daher: "Hast du Angst davor, was du ihnen antun könntest? Das musst du nicht." Profit geht im Kapitalismus eben über Moral.

Natürlich wird Tiger Chen nicht einfach zum Bösewicht. Seine Begabung verhindert ein völliges Abdriften in die tiefsten Tiefen der menschlichen Moral. Es kommt, wie es kommen musste: die böse Seite des Schülers kämpft mit der guten Seite, indem es zum Kampf mit dem guten Meister und mit dem bösen Meister kommt. Genug gespoilert. Welche Moral steckt weiterhin im Film?

Extremitäten, Extreme und Exzentrik


Tai Chi bzw. Taiji (太极) bedeutet wörtlich übersetzt ungefähr "die höchsten Extreme", "die größten Gegensätze" oder "allerhöchste Polarität". Taijiquan (太极拳), die chinesische Kampfkunst, ist in der chinesischen Philosophie der Gegensätze im Grunde das körperliche und geistige Mittel des Menschen, um Harmonie zu erreichen. Harmonie wird durch das angemessene Verhältnis von körperlichen und geistigen Kräften erreicht. Die körperlichen Extreme, vor allem die "Extremitäten", d.h. die Gliedmaßen des Menschen, sind in diesem Sinne ebenso ein Teil der Harmonie wie die geistigen Extreme. Die geistigen Extreme, die Gefühle, Motive, Gedanken und unbewussten Prozesse im Körper sind der andere Teil der Harmonie. Taijiquan soll diese zwei sehr unterschiedlichen Seiten in Form von Meditation, Atemübung, Betätigung der Gliedmaßen und geistige Prozesse zusammenbringen. Die Harmonisierung der verschiedensten Kräfte ist das Ziel.

Im Film Man of Tai Chi geht es genau um das Thema der Harmonisierung der verschiedensten Kräfte, die im Gegensatz zu einander zu stehen scheinen. Körper und Geist, Gefühle und Intellekt, Ruhe und Bewegung, Moral und Interesse, Yin und Yang etc. sollen mit einander in Einklang gebracht werden - das lehrt der Meister von Tiger. Aber Tiger ist selbst noch kein Meister. Also begreift er diese tiefere Wahrheit des Tai Chi nicht und verstößt gegen die chinesische Philosophie.

Tiger lässt sich auf die westliche Ideologie, auf das Recht des Stärkeren, auf das Faustrecht und auf den Kapitalismus ein. Nicht die östliche Weisheit, sondern die westliche Arroganz treibt ihn an. Der Gegensatz von West und Ost spiegelt so auch den Gegensatz von jung und alt, von gut und böse wieder. Das Gute ist aus dieser Perspektive heraus aber nicht die Schwarz-Weiß-Sicht, die von den Predigern der "Achse des Guten" oder der "Achse des Bösen" gefeiert wird. Das Gute ist vielmehr die angemessene Behandlung der Gegensätze.

Die westliche Philosophie und Ideologie ist zum großen Teil analytisch, auf die Einzelheit, auf das Besondere und das Ego bezogen. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Westens ebenso wie die Alltagsphilosophie der Menschen im Westen. Sie konzentriert sich auf Symptome, auf einzelne Krisenherde und Erscheinungen. Sie ist im Kern extremistisch und exzentrisch. Für alle Probleme der Welt scheint sie spezielle Wundermittel zu haben - ob für Krankheiten, Unglück oder gesellschaftliche Probleme.

Die östliche, namentlich die chinesische Philosophie ist im Gegensatz dazu tendenziell holistisch, auf die Gesamtheit, auf das Gemeinsame und gegen das Ego gerichtet. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Ostens noch immer, während der Alltag der Menschen im Osten sich immer mehr dem des Westens annähert. Die chinesische Philosophie betont dennoch die Ursachen, die Zusammenhänge und Mechanismen von Mängeln, Krankheiten, Krisen und Erscheinungen.

Dieser Gegensatz von östlicher und westlicher Philosophie wird in wenigen Filmen so brillant dargestellt wie in Man of Tai Chi. Denn der Sog der modernen, kapitalistischen Konsumgesellschaft korrumpiert nicht nur in der Realität immer mehr das Denken in Zusammenhängen und die internationale Solidarität, sondern der Sog des Kapitalismus zerstört auch den Charakter, die Persönlichkeit und die Integrität des Einzelnen. Tiger Chen im Film Man of Tai Chi ist die individuelle Verkörperung dieses Verfallsprozesses, in dem der Kapitalismus auch den letzten Rest von Kultur seinem Gebot unterwirft.

Das Gebot der Stunde, das höchste Gebot des Kapitalismus ist der Kampf "jeder gegen jeden", der allgemeine Konkurrenzkampf, die kapitalistische Konkurrenz, die Akkumulation um der Akkumulation willen. Das Gebot des Taiji ist die Harmonie der Menschen untereinander, die allgemeine Liebe zu Mensch und Natur, die harmonische Gesellschaft, die "große Einheit" (大同).

"Die große Einheit" ist eine immer wiederkehrende Idee in der chinesischen Philosophie. So idealistisch und irrig sie sein mag, so viel besser ist sie im Vergleich zur katastrophalen neoliberalen Ideologie, die die gesamte Menschheit bedroht. Der Neoliberalismus ist unter Führung der westlichen, vor allem US-amerikanischen Hegemonie, zur mächtigsten und gefährlichsten Ideologie der Geschichte geworden. Der rücksichtslose Kampf der Nationen und Gesellschaften ist im Neoliberalismus zum Dogma erstarrt und verhindert nicht nur den Weltfrieden, sondern zerstört die Grundlage aller Harmonie auf dem Planeten. Insofern spiegelt der Film Man of Tai Chi viel mehr wieder als bloß den klischeehaften Kampf von Gut und Böse oder von West und Ost. Der epische Kampf des aufstrebenden chinesischen Tai Chi-Schülers gegen das niederträchtige amerikanische Kapitalistenschwein symbolisiert den Aufstieg Chinas im Verlauf des Abstiegs der USA im globalen Maßstab.

Allerdings sollte man den Westen auch nicht völlig einseitig schlecht reden. Die besten Ideen über die Einheit der Gegensätze kommen immerhin von Deutschen. Hegel, die Hegelianer, Marx und die Marxisten brachten "die Lehre von der Einheit der Gegensätze" auf das höchste Niveau. Auch die Einheit von Theorie und Praxis, von Körper und Geist und von Absicht und Tat wurden in dieser Tradition des Denken, im dialektischen Denken, aufs höchste Level gebracht. Hegel sagte nicht umsonst ganz im Sinne der Moral von Man of Tai Chi: Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.

Fazit


Man of Tai Chi vereint die typische trashige Story vom übermütigen Helden im Kampf mit dem weisen Meister und dem abgrundtief bösen Antihelden mit einer bemerkenswerten Moral und großartiger filmischer Umsetzung in Bild und Akkustik. Der Film ist also sehenswert und wird im Laufe der Jahre zweifellos immer wertvoller werden. Chinas globale Bedeutung steigt ebenso an wie die Aktualität der östlichen Philosophie in einer multipolaren Welt voller Konflikte.


Donnerstag, 3. April 2014

Alkohol und die Wahrheit

"In vino veritas", im Wein liegt die Wahrheit, heißt es spätestens seit den alten Römern. Stimmt das? Zeigt der Alkohol das wahre Wesen eines Menschen? Wird die Natur eines Menschen durch sein Lallen und Torkeln im betrunkenen Zustand offenbart? Oder ist Alkohol nicht das reinste Teufelszeug, das auch gesittete Menschen zu Teufeln machen kann? Es gibt die verschiedensten Ansichten über die Alkohol-Frage. Im Folgenden einige Überlegungen dazu.

Bacchus und sein Wein

Alkoholismus


Die Alkoholiker können ohne den Alkohol nicht mehr leben, wie es scheint. Täglich wird gesoffen, was das Zeug hält, nur um der Realität ohne Alkohol zu entfliehen und in die wohlig-warme alkoholische Realität zu flüchten. Die Welt ist ein böser, schlechter, unseglicher Ort. Der Alkohol erlöst den Trunkenbold von diesem irdischen Jammertal. Der himmlische Rausch ersetzt dem "Alk-Teufel" (酒鬼), wie die Chinesen den Alkoholiker nennen, die Hoffnung auf Erlösung im Himmel. Er braucht kein Gebet, keine Tugend, keine Liebe. Er braucht einzig und allein das fröhlich-feuchte Ritual des Saufens, um Bacchus-Dionysos zu frönen.

Bacchus, lauter nackte Gestalten und der Wein

Was der Alk-Teufel aber nicht begriffen hat, ist die millionenfach erwiesene Tatsache, dass die Götter dieses Ritual nur zu feierlichen Anlässen wünschen. Alkoholismus, die Religion des Alkoholikers, ist nicht die Verehrung des Rausch-Gottes Dionysos, sondern nur eine Karikatur oder Real-Satire des göttlichen Rausches. Während uns Dionysos den festlichen Rausch als Belohnung zuspricht, werden wir vom fanatischen Rausch bestraft. Der Lohn für den Rausch ist ausgelassene Stimmung, Wagemut, Geselligkeit und Stärkung des dionysisch-libidinösen Triebes. Bacchus wird nicht umsonst oft entblößt in Gegenwart nackter Schönheiten dargestellt.

Bacchus und eine beschwipste Dame

Die Strafe für übertriebenen Rausch sind allerdings Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Trägheit, Gestank, daraus folgende Isolation und Vernichtung aller Lebenskräfte. Dafür ist kein anderer als der bösartige Widerpart des Bacchus verantwortlich.

Satyr guckt verschmitzt drein

Die böse Variante des Rausch-Gottes ist der Rausch-Teufel, Satyr. Satyr liebt den übertriebenen Rausch und lockt den Alkoholiker mit falschen Versprechungen. Unter dem Einfluss des Satyr wird der gelegentliche Rausch zum Dauerrausch und das dionysische Fest zu einem satyrischen Trauerspiel. Der Alkoholiker erliegt so einem Teufel und er weiß es ganz genau. Der Alkohol ist wie ein dämonischer Liebhaber oder eine Verführerin, die das immer wieder schwach gewordene Opfer in den unausweichlichen Ruin stürzt. Der Mensch unterwirft sich so im Grunde einer Form des Vampirismus. Seine Lebenskräfte werden ausgesaugt, nur um dem schönen Rausch zu erliegen.

Die Vampirella und ihr Opfer

Aber ohne Hilfe kommt er nicht mehr aus diesem Schlamassel heraus. Denn Dionysos straft jene, die sich gegen ihn versündigen, indem er mit der Macht des Dionysischen ihre Vernunft völlig abstellt und seinen bösen Schergen Satyr gewähren lässt. Nur Disziplinierung von außen kann den Alkoholiker aus seiner Hölle erretten.

Anti-Alkoholismus


Mit Hilfe verständiger Menschen kann der Alkohol-Teufel vertrieben werden und der Alkohol als das begriffen werden, was er ist: Teufelszeug! Alkoholentzug und strikte Abstinenz für alle Zeiten sind die üblichen Methoden, um den Alki vom diesem Teufelszeug dauerhaft zu befreien. Allerdings muss der nun für immer auf den Rausch verzichten, da er für gewöhnlich sofort rückfällig wird und Bacchus ihn wiederum hart bestraft mit Entzug aller Verstandeskräfte.


Auch deswegen ist es in vielen Ideologien eine Sünde, dem Alkohol überhaupt zu frönen. Der Alkohol gilt praktisch immer als Teufelszeug und wird entsprechend gemieden. In den verschiedensten metaphysischen Religionen, aber auch in den Alltagsreligionen wie im Anti-Alkoholismus, in der Rohkost-Diät oder in der Bewegung des "Straight Edge" wird der Alkohol wie die Pest gemieden.

Die absolute Ablehnung des Alkohols ist die zweite extreme Haltung gegenüber dem Ethanol. Sie ist gesundheitlich unbedingt dem Alkoholismus vorzuziehen und passt vorzüglich zu einer gesunden Lebenshaltung ebenso wie zu Tugendterror, Moralismus und Puritanismus. Ein Puritaner-Leben ist aber oft öde und wenig attraktiv. Deswegen gibt es eine weitere extreme Haltung zum Alkohol, die viel angenehmer und verbreiteter ist als Alkoholismus und Anti-Alkoholismus.


Party-Alkoholismus


Die Party-Jugend von heute ist radikal. Sehr radikal sogar. Sie packt zwar nicht die gesellschaftlichen Übel an den Wurzeln. Sie denkt auch nicht besonders weit. Aber sie ist radikal besoffen, am Wochenende. Heutzutage saufen sich schon Kinder und Jugendliche mit Alko-Pops, Bier, Energy-Schnaps-Mischgetränken, Wein und purem Schnaps ins Koma. Die gemäßigte Form davon ist der wöchentliche Party-Alkoholismus. Das ist der Radikalismus der Party-Jugend.

richtiges Opfer

Während unter der Woche relativ wenig "Wässerchen" gesoffen wird, wie die Russen ihren Schnaps liebevoll nennen, wird am Wochenende umso mehr zugelangt. Wer nicht mehr gerade gehen kann, lallt und beim Tanzen keinerlei Scham und Anstand zeigt, hat es geschafft! Der hat das tägliche Pensum eines Alkoholikers an einem kurzen Abend intus und kann dabei auch noch abfeiern. Yeah! Wie cool ... nicht. Eigentlich sind die Party-Alkoholiker die reinsten Opfer des Kapitalismus. Ihre Religion ist nicht der Alkohol und nicht Satyr, dafür aber ist es das dionysische Götzentum des Konsums.

richtige Opfer

Das Objekt der Verehrung der heutigen Party-Jugend ist nicht die bessere Welt der 68er und heutigen Linken und nicht die Traumwelt der Alkoholiker und Computerspielefreaks, Nerds und Geeks. Verehrt wird vielmehr der Status Quo. Die heutige Freizeit-Generation lebt für die Freizeit, in der sie frei konsumieren kann, was ihnen der Kapitalismus bietet. Der Kapitalismus bietet das neueste ultra-stylische Handy, das krasseste Ballerspiel und die witzigsten Komödien? Konsumiert. Der Kapitalismus bietet Urlaub auf Mallorca? Konsumiert. Der Kapitalismus bietet einen fetten BMW mit Sitzheizung und Rückenmassage? Konsumiert. Der Kapitalismus bietet heute einen individualistischen Lifestyle und individuelle Wahlmöglichkeiten an, die sich keine Generation zuvor auch nur im Traum vorstellen konnte. Die Party-Jugend wird überhäuft mit Wahlmöglichkeiten. Und sie reizt diese Wahlmöglichkeiten bis zum Ende aus. Man lebt ja nur ein Mal. YOLO!

Party-Alkoholiker

Das wäre ja zunächst einmal nicht schlimm. Das Problem daran ist, dass die Freiheit im Rahmen des kapitalistischen Konsumbetriebs doch sehr begrenzt ist. Konsumiert wird nur, was zuvor produziert wurde. Produziert wird aber nur, was sich für das Kapital rentiert. Für das Kapital rentiert sich bei den Konsumgütern aber vor allem billige und gesundheitsschädliche Produktion und Konsumtion. Daher gibt es einen Döner-Skandal nach dem anderen, die von Skandalen um giftiges Milchpulver und Spielzeug, BSE-Rinder, verseuchten Thunfisch, pestizidbelastetes Obst und Gemüse usw. gefolgt werden. Die Jugend nimmt diese Missstände hin, weil sie völlig unfähig ist, ihr Schicksal als Kollektivschicksal zu begreifen, gegen das nur kollektiv angegangen werden kann. Die Party-Jugend ist eine durch und durch atomisierte Jugend, obwohl sie sich in Cliquen und Netzwerken zusammenfindet und der bacchantischen Geselligkeit frönt. Die Atomisierung der Jugend und ihre reale Ohnmacht lassen ihr keine andere "Wahl" als die lächerliche Beschränkung auf das Feierabend- und Wochenend-Leben. Was bleibt dieser Jugend denn sonst noch? Im grandiosen Film The Fight Club wird nicht umsonst gesagt:

"Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird! Herrgott noch mal, eine ganze Generation zapft Benzin! Räumt Tische ab! Schuftet als Schreibtisch-Sklaven! Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos… Machen Jobs, die wir hassen! Kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen! Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute… Männer ohne Zweck, ohne Ziel! Wir haben keinen großen Krieg! Keine große Depression! Unser großer Krieg ist ein spiritueller… Unsere große Depression ist unser Leben… Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars… Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar!"

Die heutige Jugend merkt, dass ihr trotz immenser Freizeit und Wahlfreiheit im Konsum nicht viel vergönnt ist. Die Jungen merken, dass ihr Leben nicht das Leben der großen Helden und Stars ist, dass sie bloß Zahnräder in der kapitalistischen Maschinerie sind und dass sie keine glänzende Perspektive haben, wenn es so weiter geht. Ihnen ist die Hoffnung genommen worden. Die früheren Generationen, die Väter-und-Mütter-Generation und die Generation des Kalten Krieges, haben versagt. Sie haben ihren Kindern und Kindeskindern eine geschmacklose, gedankenlose, gewissenlose Welt hinterlassen, in der sogar sich als "Sozialdemokraten" verstehende Politiker total asoziale und antidemokratische Politik machen.

Das sehen die meisten Jugendlichen. Sie sind völlig desillusioniert von den großen Ideen, Erzählungen und Entwürfen. Liberalismus, Konservatismus, Marxismus, Öko-Aktivismus und Tier- und Menschenrechtlerei - das sind Begriffe, mit denen die heutige Jugend nur sehr bedingt etwas anfangen kann. Sie sind skeptisch, um nicht zu sagen: nihilistisch und relativistisch. Es gibt für sie keine verbindlichen Werte, keine großen Ideale. Es gibt für sie nur das große Reste-Fressen. Was die Herrschenden ihnen hinwerfen, das essen sie. Und sie sind auch noch dankbar für diese Reste, dankbar wie die dressierten Hunde eines sadistischen Herrchens. Unsere Herrchen sind die Herren dieser Welt, Mr. Capital und Mme Policy.


Der Party-Alkoholismus ist also einfach nur der jämmerlichste Ausdruck des Elends in der ersten Welt, diesem Jammertal der wohlhabenderen Teile des Planeten. Er ist gerechtfertigt und eine verständliche Reaktion. Aber diese Reaktion ist im Grunde nicht fortschrittlich, sondern in der Tat reaktionär. Denn es ist eine reaktionäre Flucht in das Hirngespinst eines tollen Lebens am Wochenende, während der Rest der Woche einfach scheiße ist. Hochgerechnet auf das gesamte Leben ist das eine ziemlich deprimierende Aussicht, weshalb auch so viele Menschen heute depressiv sind, selbst wenn sie Party machen und scheinbar noch ganz aufgeweckt sind. Diese ganz normale Depression und die Unfähigkeit des ziel- und bedeutungslosen Menschenvolkes, mit seinem Los angemessen umzugehen, ist das Schicksal der heutigen Jugend. Worunter sie leidet ist: Alexithymie, die Unfähigkeit, mit sich und anderen Menschen angemessen emotional und kommunikativ umzugehen. Es ist eine erlernte Gleichgültigkeit oder erlernte Hilflosigkeit, wie die Depression oft auch genannt wird. Die Jugend hat demnach gelernt, dass sie nichts Großes und Großartiges erreichen kann, was ziemlich ernüchternd ist gerade für junge Menschen, die ja eigentlich voller Hoffnungen und Träume sein sollten. Aber bei den Älteren sieht es auch nicht viel besser aus.

Alltagsalkoholismus


Zwar ist der alltägliche Alkoholkonsum der deprimierten Bevölkerung an sich nicht unbedingt schlimm. Es kommt ja bei allem auf das Maß an. Aber der gesellschaftlich akzeptierte Alltagsalkoholismus ist dennoch ein Problem. Denn er ist ein Ausdruck für die selbe alexithymische Verzweiflung wie bei den offenen Alkoholikern und den Party-Alkoholikern. Der alltägliche Konsument von Alkohol ist mehrheitlich ein Mitglied der unteren oder mittleren Schichten. Nicht, dass die oberen Schichten auf Alkohol verzichten, aber sie sind zahlenmäßig einfach unerheblich. Die meisten Menschen gehören den unteren und mittleren Schichten an. Viele von ihnen arbeiten lohnabhängig, einige aber auch als Kleinunternehmer oder gehobene Arbeiter mit Angestelltenstatus. 

Arbeitslose, Unterbeschäftigte, Vollbeschäftigte im Lohnsystem und Kleinunternehmer teilen zum Einen die Eigenschaft, dass sie den Alkohol zum großen Teil konsumieren, um Stress abzubauen. Zum Anderen teilen sie die Abhängigkeit vom kapitalistischen Markt, der für Dauerstress verantwortlich ist. Der Dauerstress hält die Menschen auf Trab und schwächt ihre Widerstandskraft, sowohl körperlich als auch geistig. Denn wer den ganzen Tag von den Anforderungen der Arbeitsgesellschaft drangsaliert wird und nicht viel Freizeit hat, muss mit seiner Freizeit zur Ruhe verwenden. Die Menschen kommen also täglich gereizt und entnervt mit etwas Glück zu ihrer Freizeit. In dieser Zeit wollen die meisten gewiss nicht auch noch politisch oder sonderlich intellektuell und emotional arbeiten. Daher ist für die meisten das abendliche Bier eine unumgängliche Routine. 

die Bier trinkende Biergeoisie
Gleichzeitig schädigt dieser Zustand das zwischenmenschliche Leben oft. Viel zu viele Menschen sehen in ihrer Freizeit fern oder sitzen vor dem Rechner, um ihrem Geist den Rest zu geben. So werden die Menschen in ihrer Arbeitszeit zu Maschinen und in ihrer Freizeit zu Zombies. Abgesehen davon konsumieren sie den ganzen ungesunden Scheiß und ihre körpereigenen Abwehrkräfte werden durch den Dauerstress auch minimiert. Die Menschen sind vom Kapitalismus zu Verdummung und Verkümmerung verdammt.

Natürlich hat der Alkohol auch im Alltag, auch ohne Feste, eine gesellige Funktion im Sinne der bacchantischen Philosophie. Der leichte Rausch des Biers hilft vielen Menschen, den Stress abendlich zu vermindern und zusammen zu finden. Der Alkohol hat daher im Leben vieler Menschen eine wichtige soziale Funktion, die nicht zu unterschätzen ist. 

Prost! 干杯!На здоровье!