Posts mit dem Label Soziologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Soziologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 14. Dezember 2017
Montag, 15. Februar 2016
Tödliche Langeweile und "sterbende Zeit"
Fast jeder Mensch kennt die tödliche Langeweile. Man ist unterfordert oder überfordert und weiß nicht, was mit sich anzustellen ist. Das ist nicht nur geist- und nervtötend. Es ist in der Tat auch ungesund, geradezu tödlich. Eine 3sat-Doku berichtet darüber.
Die Lösung für das Problem kann für die meisten Menschen vermutlich nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft gefunden werden. Denn der Kapitalismus kann seine Gier nach Profit nicht abstellen. Aus dieser folgen immer wieder die physische und psychische Zerstörung menschlichen Lebens, Tierquälerei und Umweltzerstörung. Bescheuerte Tätigkeiten, die von Maschinen erledigt werden sollten, werden von Arbeitern erledigt, weil sie billiger als Maschinen sind. Dass dafür vierzig, fünfzig oder noch mehr volle Jahre draufgehen, ist das Leid des typischen Proleten. Er lebt vor allem für die blinden (Ge)Triebe des Kapitals und vergisst dabei die eigenen Bedürfnisse, sofern sie über das Routineprogramm hinausgehen. Damit wird er zum bloßen Anhängsel der kapitalistischen Maschinerie.
Leo Kofler, ein Humanist und Faschismus-Flüchtling aus Ostgalizien, sprach in diesem Zusammenhang von der "sterbenden Zeit". So würdigt Kofler, dass andere scharfsinnige Beobachter bemerkt hätten,
"daß die wichtigste Zeit im Leben des Arbeiters, die Arbeitszeit, eine 'sterbende Zeit' ist. Sie ist unschöpferisch und von Langweile erfüllt, so daß auf den Europäischen Gesprächen der Gewerkschaften in Recklinghausen Kasnacich-Schmid unter Zitierung von Walter Rathenau sagen konnte:
'Das Arbeitsleid ist eine sehr reale Gegebenheit. Wer mechanische Arbeit am eigenen Leib kennengelernt hat, wer das Gefühl kennt, das sich ganz und gar in einen schleichenden Minutenzeiger einbohrt, das Grauen, wenn ein verflossene Ewigkeit sich auf einen Blick auf die Uhr als eine Spanne von zehn Minuten erweist, wer das Sterben eines Tages nach einem Glockenzeichen mißt, wer Stunde um Stunde seiner Lebenszeit tötet, mit dem einzigen Wusch, daß sie rascher sterbe, der wird das Märchen von der Arbeitslust mit Hohn beiseite schieben...'"
| Foto von: zahnraeder-netzwerk.de |
Hätten sie nur mal Kofler live erlebt...
Interessante Links rund um Kofler
Sonntag, 15. November 2015
Was ist mit "diegesellschafter.de" passiert?
"In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Mit dieser Frage startete die Aktion Mensch im März 2006 die Gesellschafter-Initiative. Seitdem haben fast eine Million Menschen die Internet-Seite dieGesellschafter.de besucht. Ihre Antworten und Diskussionsbeiträge würden ausgedruckt mehr als 10.000 Buchseiten füllen.
Nach fast fünf Jahren ist jetzt Zeit für Neues. Das Gesellschafter-Projekt endet.
[...]
Die Aktion Mensch bedankt sich bei allen Gesellschaftern: Bei tausenden Nutzern, die in den Foren von dieGesellschafter.de diskutiert haben, bei allen Ideengebern und Unterstützern für ihr großes Interesse und Engagement. Bleiben Sie uns verbunden – im Internet, mit Ihrem Engagement, mit Ihrem Interesse. Denn die Fragen bleiben.
Ihre Aktion Mensch"
Wieso hat man ein überreiches Forum mit unglaublich interessanten Visionen für eine bessere Gesellschaft einfach geschlossen und dem öffentlichen Zugang verweigert? Was könnte es dafür für Gründe geben? Doch nicht etwa die zu mindestens 90% radikaldemokratischen, antikapitalistischen, sozialistischen und kommunistischen Ansichten, die dort vertreten wurden? Oder die vielleicht 10% finanzkritischen und dubiosen, freigeld-orientierten Gesellschaftsutopien?
Soll die Öffentlichkeit vor diesem Radikalismus beschützt werden? Diente das Projekt etwa von Anfang an den Geheimdiensten? Wurde das Projekt im Laufe der Zeit erst für Geheimdienste interessant? Wollte "Aktion Mensch" einfach Informationen sammeln und sie dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit für sich selbst nutzen? Oder was könnte der Grund dafür sein, eine sehr aktive Gemeinschaft von diskutierenden Menschen aus allen Schichten und diversen Lagern plötzlich voneinander abzutrennen?
Man weiß es nicht. "Aktion Mensch" hätte das erklären können. Auch auf Anfrage per Email kam bisher keine Antwort. Aber nicht jeder Mensch auf dem Planeten vergisst so leicht. Insofern war es notwendig, einen Blog-Eintrag dazu zu machen und sich zu überlegen, was es denn heißt, wenn "Aktion Mensch" schreibt: "Doch vieles, was während des Projektes entstanden ist, bleibt." Ja, was bleibt denn und für wen?
Sonntag, 8. Juni 2014
Klassenherrschaft bei Pierre Bourdieu (Serie: Klasse-is-muss, Teil 3)
"Klassenherrschaft" ist laut dem Philosophen und Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002) ein Ding feiner Unterschiede. Über diese Idee geht es im Folgenden. Teil 2 der lange zuvor angekündigten Serie "Klasse-is-muss".
Ein Vergleich von Bourdieus Klassentheorie mit der Marxschen ist sinnvoll. Denn beide Theoretiker stellen Meilensteine der Gesellschaftsforschung dar. Bourdieus Klassentheorie ist der Marxschen in einigen Punkten überlegen und in anderen unterlegen.
Anders als bei Marx ist bei Bourdieu Klassenherrschaft nicht vor allem eine Frage der Ausbeutung und Unterdrückung der unteren Klassen durch die oberen, sondern vor allem eine Sache der Distanzierung und Unterscheidung zwischen den Klassen. Bei Bourdieu werden Klassen weniger wie bei Marx anhand ihres Verhältnisses zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln bestimmt, sondern
anhand der Verteilung dessen, was er "Kapital"
nennt. Auch interessieren Bourdieu die großen geschichtsphilosophischen Ideen des Marxismus weniger als die kleinen, feinen Unterschiede im alltäglichen Verhalten der Menschen.
Obwohl man Bourdieu nun von links scharf kritisieren könnte für Verharmlosung des Klassenkampfes von oben, sollte er gerade Linken, Kommunisten, Marxisten geläufig sein. Denn sein Konzept ist nicht zu unterschätzen.
Marx und Bourdieu
Ein Vergleich von Bourdieus Klassentheorie mit der Marxschen ist sinnvoll. Denn beide Theoretiker stellen Meilensteine der Gesellschaftsforschung dar. Bourdieus Klassentheorie ist der Marxschen in einigen Punkten überlegen und in anderen unterlegen.
| Pierre Bourdieu |
Obwohl man Bourdieu nun von links scharf kritisieren könnte für Verharmlosung des Klassenkampfes von oben, sollte er gerade Linken, Kommunisten, Marxisten geläufig sein. Denn sein Konzept ist nicht zu unterschätzen.
Das "Kapital" bei Bourdieu
Bourdieus Kapital- und Klassentheorie ist nicht marxistisch, beruht aber auf der marxistischen Theorie. Bourdieu verwirft die marxistischen Ideen nicht einfach, sondern fügt sie in seine eigene Kulturtheorie ein. Damit verändern sie aber auch ihre Bedeutung. Bourdieu revidiert und assimiliert damit zentrale marxistische Ideen. Das ist der große
Nachteil und zugleich ein Vorzug seiner Klassentheorie.
"Kapital" und "Klasse" sind bei Bourdieu sehr weit gefasst. Bourdieu zufolge hat wirklich jeder Mensch nicht nur eine Klassenstellung, sondern auch Kapital. Er ist daher auch kein antikapitalistischer Theoretiker, denn mit seiner Theorie ist eine klassenlose, nicht-kapitalistische Gesellschaft im Grunde nicht denkbar. Ihm zufolge haben alle Gesellschaften immer Klassen und Kapital. Damit ist Bourdieu mit seiner Theorie näher beim großbürgerlichen Soziologen Max Weber als beim kleinbürgerlichen Sozialisten Marx. Aber was versteht Bourdieu genau unter "Kapital"? Peter Zimmermann fasst es so zusammen:
"Kapital" ist bei Bourdieu im Grunde also eine Ansammlung von Fähigkeiten, Eigenschaften, sozialen Beziehungen und materiellem Besitz. Entsprechend gab es in diesem Sinne also schon immer "Kapital". Und entsprechend müsste es immer "Kapital" geben, solange es Menschen gibt. Denn jeder Mensch hat in diesem Sinne materiellen Besitz oder Fähigkeiten und Eigenschaften, die ihn von seinen Artgenossen scheiden oder einen. Der Kapitalbegriff von Bourdieu ist damit äußerst unscharf und schwammig.
Außerdem sind die Formen des "Kapitals" nach Bourdieu beliebig erweiterbar. Wieso wird nur zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital unterschieden? Wieso nicht auch zwischen symbolischem, geistigem, gesundheitlichem, rhetorischem, studentisch-gehetztem oder heuchlerischem Kapital? Bourdieu kann diese Frage nicht beantworten. Er selbst erweitert gelegentlich seine drei Formen von Kapital mit "Bildungskapital" oder ähnlichen Begriffen. Die Liste ist willkürlich. Bourdieus Kapitalbegriff ist willkürlich.
Auch das "ökonomische Kapital" ist bei Bourdieu ein ganz anderer Begriff als das Kapital nach Marx. Für Marx ist Kapital eine gesellschaftliche Beziehung, die die konkrete Stellung der Menschen und Klassen in der Gesellschaft abstrakt ausdrückt. Bei Marx ist das Kapital eine Form der zwischenmenschlichen Beziehung, die sich scheinbar verselbstständigt in Form von Ware, Geld, Lohn, Profit, Zins etc. und sowohl das Sein wie das Bewusstsein der Menschen prägt. Marx spricht hierbei von "Entfremdung" und "Fetisch", da das Kapital wie eine unheimliche, übermächtige, "fremde" Macht die Geschicke der Menschen zu bestimmen scheint. Das Kapital, das eigentlich nur soziale Beziehungen ausdrückt, wird im Bewusstsein der Menschen zum religiösen "Fetisch", wenn das Kapital nicht als Beziehung zwischen Menschen begriffen wird. In Wirklichkeit sind die kapitalistischen Kategorien wie Ware und Geld bloß zwischenmenschliche Verhältnisse, die im Kapitalismus zu festgefahrenen gesellschaftlichen Verhältnissen werden. Marx selbst schreibt:
Man sieht, dass Bourdieus Kapitaltheorie und Marxens Kapitaltheorie ganz verschieden sind. Bourdieus "ökonomisches Kapital" besteht also "schlicht und einfach in materieller Form, sei es Grundbesitz, Geld u.ä. und ist institutionalisiert in der Form des Eigentumsrechts", während das kapitalistische "Kapital" bei Marx "nicht nur aus Lebensmitteln, Arbeitsinstrumenten und Rohstoffen, nicht nur aus materiellen Produkten" besteht, sondern "ebensosehr aus Tauschwerten" und "Waren".
Bourdieu mischt seinen kulturwissenschaftlichen, postmodernen Ansatz mit der bürgerlichen Ökonomie, sodass seine Ideen insgesamt eine bürgerlich-ökonomistische Gesellschaftstheorie ergeben, die nicht über die Kapitalismus und Klassengesellschaft hinausweisen. Marx hingegen kritisiert die bürgerlichen Ökonomisten mit seiner historischen und dialektischen Gesellschaftstheorie und ermöglicht damit Perspektiven der Überwindung von Kapitalismus und Klassengesellschaft. Der Unterschied könnte größer nicht sein. Das äußert sich auch in den verschiedenen Begriffen von "Klasse" bei Bourdieu und Marx.
"Kapital" und "Klasse" sind bei Bourdieu sehr weit gefasst. Bourdieu zufolge hat wirklich jeder Mensch nicht nur eine Klassenstellung, sondern auch Kapital. Er ist daher auch kein antikapitalistischer Theoretiker, denn mit seiner Theorie ist eine klassenlose, nicht-kapitalistische Gesellschaft im Grunde nicht denkbar. Ihm zufolge haben alle Gesellschaften immer Klassen und Kapital. Damit ist Bourdieu mit seiner Theorie näher beim großbürgerlichen Soziologen Max Weber als beim kleinbürgerlichen Sozialisten Marx. Aber was versteht Bourdieu genau unter "Kapital"? Peter Zimmermann fasst es so zusammen:
Ökonomisches Kapital besteht schlicht und einfach in materieller Form, sei es Grundbesitz, Geld u.ä. und ist institutionalisiert in der Form des Eigentumsrechts. Ein erster Unterscheidungspunkt zwischen den verschiedenen Sozialschichten ist der Besitz und die Menge des ökonomischen Kapitals. Die Soziallage eines Menschen ist aber nicht nur hiervon abhängig
Ein zweite und für Bourdieu sehr wichtige Unterscheibarkeit liegt in dem Anteil von kulturellem Kapital. Dieses eignen wir uns mit Kultur an; wir "bilden uns" und arbeiten dabei gleichzeitig an uns selbst. Deshalb ist kulturelles Kapital auch immer mit der Person in ihrer biologischen Einzigartigkeit verbunden. Die Möglichkeiten zum Erwerb kulturellen Kapitals werden von der Familie bestimmt. Gibt diese ihren Kindern Raum und freie, von ökonomischen Zwängen befreite Zeit, dann häufen diese Kinder mehr kulturelles Kapital an als andere, denen nicht diese Gelegenheit gegeben wird. Hiermit erklärt Bourdieu die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen Sozialschichten. Die Kinder aus oberen Sozialschichten mit einem guten Polster aus kulturellem Kapital haben mehr Möglichkeiten, gute Schulabschlüsse zu erwerben als die Kinder aus unteren Sozialschichten. Besitz von kulturellem Kapital vergrößert die "Gewinnchancen", um im Leben ganz vorn und auf der Erfolgsleiter ganz oben zu stehen.
Sozialschichtabhängige Unterschiede des Habitus zeigen sich zusätzlich im Umfang und Ausmaß des sozialen Kapitals. Dieses besteht aus Ressourcen, die sich aus dem Beziehungsnetz eines Menschen ergeben. Soziales Kapital kann sehr schnell in "Mark und Pfennig" eingetauscht werden, wenn beispielsweise Beziehungen zu einer Berufskarriere oder wenn geschäftliche Kontakte zu guten Vertragsabschlüssen führen. Für eine reiche Ausbeute ist aber eine Kompetenz erforderlich: Die Herrstellung und Nutzung von Sozialkapital bedarf der unaufhörlichen Beziehungsarbeit.
"Kapital" ist bei Bourdieu im Grunde also eine Ansammlung von Fähigkeiten, Eigenschaften, sozialen Beziehungen und materiellem Besitz. Entsprechend gab es in diesem Sinne also schon immer "Kapital". Und entsprechend müsste es immer "Kapital" geben, solange es Menschen gibt. Denn jeder Mensch hat in diesem Sinne materiellen Besitz oder Fähigkeiten und Eigenschaften, die ihn von seinen Artgenossen scheiden oder einen. Der Kapitalbegriff von Bourdieu ist damit äußerst unscharf und schwammig.
Außerdem sind die Formen des "Kapitals" nach Bourdieu beliebig erweiterbar. Wieso wird nur zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital unterschieden? Wieso nicht auch zwischen symbolischem, geistigem, gesundheitlichem, rhetorischem, studentisch-gehetztem oder heuchlerischem Kapital? Bourdieu kann diese Frage nicht beantworten. Er selbst erweitert gelegentlich seine drei Formen von Kapital mit "Bildungskapital" oder ähnlichen Begriffen. Die Liste ist willkürlich. Bourdieus Kapitalbegriff ist willkürlich.
Auch das "ökonomische Kapital" ist bei Bourdieu ein ganz anderer Begriff als das Kapital nach Marx. Für Marx ist Kapital eine gesellschaftliche Beziehung, die die konkrete Stellung der Menschen und Klassen in der Gesellschaft abstrakt ausdrückt. Bei Marx ist das Kapital eine Form der zwischenmenschlichen Beziehung, die sich scheinbar verselbstständigt in Form von Ware, Geld, Lohn, Profit, Zins etc. und sowohl das Sein wie das Bewusstsein der Menschen prägt. Marx spricht hierbei von "Entfremdung" und "Fetisch", da das Kapital wie eine unheimliche, übermächtige, "fremde" Macht die Geschicke der Menschen zu bestimmen scheint. Das Kapital, das eigentlich nur soziale Beziehungen ausdrückt, wird im Bewusstsein der Menschen zum religiösen "Fetisch", wenn das Kapital nicht als Beziehung zwischen Menschen begriffen wird. In Wirklichkeit sind die kapitalistischen Kategorien wie Ware und Geld bloß zwischenmenschliche Verhältnisse, die im Kapitalismus zu festgefahrenen gesellschaftlichen Verhältnissen werden. Marx selbst schreibt:
Es ist ein bürgerliches Produktionsverhältnis, ein Produktionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft. … Das Kapital besteht nicht nur aus Lebensmitteln, Arbeitsinstrumenten und Rohstoffen, nicht nur aus materiellen Produkten; es besteht ebensosehr aus Tauschwerten. Alle Produkte, woraus es besteht, sind Waren. Das Kapital ist also nicht nur eine Summe von materiellen Produkten, es ist eine Summe von Waren, von Tauschwerten, von gesellschaftlichen Größen.
Man sieht, dass Bourdieus Kapitaltheorie und Marxens Kapitaltheorie ganz verschieden sind. Bourdieus "ökonomisches Kapital" besteht also "schlicht und einfach in materieller Form, sei es Grundbesitz, Geld u.ä. und ist institutionalisiert in der Form des Eigentumsrechts", während das kapitalistische "Kapital" bei Marx "nicht nur aus Lebensmitteln, Arbeitsinstrumenten und Rohstoffen, nicht nur aus materiellen Produkten" besteht, sondern "ebensosehr aus Tauschwerten" und "Waren".
Bourdieu mischt seinen kulturwissenschaftlichen, postmodernen Ansatz mit der bürgerlichen Ökonomie, sodass seine Ideen insgesamt eine bürgerlich-ökonomistische Gesellschaftstheorie ergeben, die nicht über die Kapitalismus und Klassengesellschaft hinausweisen. Marx hingegen kritisiert die bürgerlichen Ökonomisten mit seiner historischen und dialektischen Gesellschaftstheorie und ermöglicht damit Perspektiven der Überwindung von Kapitalismus und Klassengesellschaft. Der Unterschied könnte größer nicht sein. Das äußert sich auch in den verschiedenen Begriffen von "Klasse" bei Bourdieu und Marx.
Die "Klasse" bei Bourdieu
Wie bei Weber und Marx
ist bei Bourdieu die Klasse eine Ansammlung ähnlicher Eigenschaften
verschiedener Menschen im Gegensatz zu den Eigenschaften anderer
Menschen. Allerdings unterscheiden sich Weber und Bourdieu von Marx
darin, dass Marx die ideologischen Nebenprodukte und sozialen Nebeneffekte aus
dem Produktionsprozess bzw. aus den Eigentumsverhältnissen ableitet. Weber und Bourdieu stellen einfach nur
eine Korrelation verschiedener Merkmale fest. Dabei ist die Stellung
im Produktionsprozess nur ein Merkmal unter vielen. Auch das Privateigentum an Produktionsmitteln ist bei ihnen nur ein Merkmal unter vielen. Bourdieu
schreibt z.B. in diesem Sinne:
Eine gesellschaftliche Klasse ist nicht nur durch ihre Stellung in den Produktionsverhältnissen bestimmt, sondern auch durch den Klassenhabitus, der 'normalerweise' (d.h. mit hoher Wahrscheinlichkeit ) mit dieser Stellung verbunden ist.
Da
Bourdieus Klassentheorie eher bürgerlich als marxistisch ist, sind auch die einzelnen Thesen seiner Theorie meist bürgerlichen Ideen verpflichtet. So werden zwar wie
bei Marx, Weber oder Dahrendorf Klassenkonflikte
herausgearbeitet. Aber bei Bourdieu fehlt die Feststellung der
antikapitalistischen Tendenz im Kampf der Klassen. Arbeiter, Bauern und
"die unteren Schichten" überhaupt kämpfen Bourdieu zufolge zwar mit den
Herrschenden, aber dieser Kampf ist politisch zunächst einmal für eine
Revolution gleichgültig. Auch erscheint die kommunistische Revolution für
diesen Kampf als unerheblich. Klassenkampf und Revolution sind
bei Bourdieu völlig verschiedene Sachen.
Bei Marx ist Klassenkampf im Kapitalismus identisch mit dem allmählichen Sieg der revolutionären Bewegung aufstrebender Klassen über die Konterrevolution der herrschenden Klassen. Revolutionen sind für Marx das versteckte Wesen und Ziel aller Klassenkämpfe. Und nach Marx sind die herrschenden Klassen diejenigen Klassen, die gerade den Produktionsprozess und die Staatsmacht dominieren oder sogar direkt kontrollieren. Deswegen werden aufgestiegene Kleinbürger unter Umständen Teil der "Herrschenden", aber für gewöhnlich sind sie bloß Handlanger der Herrschaften oder Verbündete der unteren Schichten.
Bei Bourdieu sind Revolutionen mehr oder weniger glückliche Zufälle oder Verschwörungen. Das eint ihn und die bürgerlichen Gesellschaftstheoretiker. Bei Bourdieu verlaufen die Klassengegensätze entlang von kaum identifizierbaren Linien des Besitzes von "Kapital". Deswegen sind noch so ohnmächtige und arme Intellektuelle bei ihm mehr oder weniger Herrschende, denn sie haben ja viel "kulturelles Kapital".
Teile des Kleinbürgertums außerhalb des Staatsapparats und ohne direkte ökonomische Macht gelten ebenso als Teil der herrschenden Klassen wie ultrareiche Konzernchefs und die mächtigsten Diktatoren. Auch ein Lohnarbeiter mit relativ hohem Gehalt hat Bourdieu zufolge ökonomisches "Kapital" und könnte als gebildeter Mensch oder Mensch mit guten Kontakten Teil der "Herrschenden" sein.
Wer entweder sehr viel ökonomisches, oder soziales, oder kulturelles Kapital hat, kann gemäß Bourdieu zu den "herrschenden" Klassen gezählt werden. Bourdieus zu weit gefasster Klassenbegriff führt zu diesem schwammigen Begriff der Herrschenden. Und diese Schwammigkeit führt zum schwammigen Verständnis der Klassengegensätze und Revolutionen.
Bourdieu nennt u.a. folgende Fraktionen der herrschenden Klasse: "Gymnasiallehrer", "Hochschullehrer", "Führungskräfte im öffentlichen Sektor", "Freie Berufe", "Ingenieure", "Führungskräfte im Privatsektor", "Industrieunternehmer", "Handelsunternehmer", "Industrielle" und "Handelsunternehmer". Es mag stimmen, dass einzelne Hochschullehrer und Gymnasiallehrer einzelne Menschen (Schüler, Studenten und Sekretärinnen, Ehefrauen) unterdrücken, ausbeuten oder beherrschen. Aber wie sinnvoll scheint es, alle Lehrer und Professoren zu den Herrschenden zu zählen?
Es mag sein, dass diese Menschen nicht mehr arbeiten als weniger bezahlte Menschen und daher durch höhere Einkommen andere Menschen indirekt "ausbeuten". Aber sie daher zu Herrschern zu erklären, kann zurecht ein wenig maoistisch wirken. Denn in gebildeten und besser bezahlten Arbeitern und Angestellten die herrschende Klasse zu erblicken, ist im besten Falle übertrieben und im schlimmsten paranoid. In der maoistischen "Kulturrevolution" wurden Intellektuelle und Beamte entsprechend terrorisiert und ganz unabhängig von ihrer politischen Gesinnung und ihrer realen Ohnmacht zum Feind erklärt. Bourdieus Theorie und die maoistische Theorie dienten zwar völlig unterschiedlichen Zwecken, ähneln sich aber in ihrer Schwammigkeit.
Die Schwammigkeit der Kapital- und Klassentheorie bei Bourdieu hat politische Folgen. Zumindest in "Die feinen Unterschiede" von Bourdieu ist das Konzept der Klassenherrschaft für den ultraradikalen Habitus von aufmüpfigen Kleinbürgern und Intellektuellen anfällig. Die Oppositionen und Konflikte zwischen Eltern und Kindern, LehrerInnen und SchülerInnen, ProfessorInnen und StudentInnen können mit Bourdieu ebenso als Klassenkonflikte wie als Konflikte zwischen Herrschenden und Beherrschten verstanden werden. Das mag "kulturrevolutionär" und maoistisch sein, aber ist nicht unbedingt marxistisch und wirklich revolutionär. Denn so begründet der Protest gegen die kleinen Autoritäten das Alltags auch sein mag, er ist dennoch im seltensten Fall das selbe wie die Herrschaft der Kapitalistenklasse.
Der Unterschied zwischen der Unterdrückung und Ausbeutung durch die herrschenden Kapitalisten und alltäglicher Unterdrückung innerhalb der verschiedenen Klassen ist groß. Die Kapitalisten und die großen Politiker herrschen in der Tat. Und sie beuten systematisch aus. Die Eltern, Lehrer oder Professoren unterdrücken vor allem. Aber sie herrschen kaum und beuten kaum aus, selbst wenn sie herrsüchtig, autoritär und gierig sein mögen. Dann sind sie allenfalls Möchtegern-Diktatoren. Die echten Diktatoren sind Kapitalisten und ihre politischen Vertreter.
Der Kapitalbegriff bei Bourdieu verwischt den Unterschied zwischen den verschiedenen Formen der Warenwirtschaft. Tauschwaren, einfaches Geld als Zahlungsmittel, Arbeiterlohn, Angestelltenlohn, das Einkommen des kleinen Ladenbesitzers und das ganz große Kapital der Konzerne und Aktienbesitzer werden so in eins gesetzt. Das kritische Potenzial des Kapitalbegriffs wird damit entwertet, inflationär und verliert damit die große Bedeutung, die er bei Marx hat.
Wenn jeder "Kapital" hat, kann im Grunde jeder als "Kapitalist" gelten. Das ist aber blanker Unsinn und eint wiederum Bourdieus Theorie mit der neoliberalen Theorie, wonach Arbeiter mit einem Sparbuch oder Bausparvertrag auch "Kapitalisten" seien. Solche Schwammigkeit in der Klassentheorie verliert jede kritische Bedeutung, sofern sie nicht wieder in eine revolutionäre Praxis oder Theorie eingebettet wird.
Wenn Kapital also im Grunde das selbe ist wie die Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen - ob durch wirtschaftliche Mittel, Kultur oder sozialen Status -, dann ist Kapital das selbe wie menschliche Tätigkeit, jede Form der Praxis oder ganz einfach: die Gesellschaft. Dann wird aber jede Gesellschaft immer eine "Klassengesellschaft" sein, die voll und ganz vom Kapital beherrscht ist. Das ist die Grundidee der bürgerlichen Ökonomen, die Marx so oft verspottet hat, aber gewiss keine revolutionäre Theorie.
Im Gegenteil: Die Theorie von Bourdieu kann trotz all seiner Sympathie für die unteren Schichten bürgerlich und konservativ gelesen werden. Denn wenn das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse nicht aus ihrer Klassenlage in der Produktion und der Macht gegenüber dem Kapital kommt, wie etwa nach Marx, dann gibt es prinzipiell keinen Grund mehr, den Fokus auf das Proletariat zu legen. Den proletarischen Sozialismus erklärt Bourdieu also halb für tot, während er ihn halb mit links orientiertem Aktivismus gleichsetzen muss.
Die Klassen- und Kapitaltheorie von Bourdieu ist für Kulturwissenschaften und zur Ergänzung der marxistischen Theorien gut, aber nicht, um sie zu ersetzen. Eine praktische Orientierung für proletarische Sozialisten im Verbund mit anderen Vertretern der unterdrückten Klassen bietet Bourdieus Theorie alleine nicht. Gut bezahlte Arbeiter und Angestellte könnten gemäß Bourdieu ebenso zu den Herrschenden gezählt werden wie Lehrer, Professoren und belesene Arbeitslose.
Bei Marx ist Klassenkampf im Kapitalismus identisch mit dem allmählichen Sieg der revolutionären Bewegung aufstrebender Klassen über die Konterrevolution der herrschenden Klassen. Revolutionen sind für Marx das versteckte Wesen und Ziel aller Klassenkämpfe. Und nach Marx sind die herrschenden Klassen diejenigen Klassen, die gerade den Produktionsprozess und die Staatsmacht dominieren oder sogar direkt kontrollieren. Deswegen werden aufgestiegene Kleinbürger unter Umständen Teil der "Herrschenden", aber für gewöhnlich sind sie bloß Handlanger der Herrschaften oder Verbündete der unteren Schichten.
Bei Bourdieu sind Revolutionen mehr oder weniger glückliche Zufälle oder Verschwörungen. Das eint ihn und die bürgerlichen Gesellschaftstheoretiker. Bei Bourdieu verlaufen die Klassengegensätze entlang von kaum identifizierbaren Linien des Besitzes von "Kapital". Deswegen sind noch so ohnmächtige und arme Intellektuelle bei ihm mehr oder weniger Herrschende, denn sie haben ja viel "kulturelles Kapital".
Teile des Kleinbürgertums außerhalb des Staatsapparats und ohne direkte ökonomische Macht gelten ebenso als Teil der herrschenden Klassen wie ultrareiche Konzernchefs und die mächtigsten Diktatoren. Auch ein Lohnarbeiter mit relativ hohem Gehalt hat Bourdieu zufolge ökonomisches "Kapital" und könnte als gebildeter Mensch oder Mensch mit guten Kontakten Teil der "Herrschenden" sein.
Wer entweder sehr viel ökonomisches, oder soziales, oder kulturelles Kapital hat, kann gemäß Bourdieu zu den "herrschenden" Klassen gezählt werden. Bourdieus zu weit gefasster Klassenbegriff führt zu diesem schwammigen Begriff der Herrschenden. Und diese Schwammigkeit führt zum schwammigen Verständnis der Klassengegensätze und Revolutionen.
Bourdieu nennt u.a. folgende Fraktionen der herrschenden Klasse: "Gymnasiallehrer", "Hochschullehrer", "Führungskräfte im öffentlichen Sektor", "Freie Berufe", "Ingenieure", "Führungskräfte im Privatsektor", "Industrieunternehmer", "Handelsunternehmer", "Industrielle" und "Handelsunternehmer". Es mag stimmen, dass einzelne Hochschullehrer und Gymnasiallehrer einzelne Menschen (Schüler, Studenten und Sekretärinnen, Ehefrauen) unterdrücken, ausbeuten oder beherrschen. Aber wie sinnvoll scheint es, alle Lehrer und Professoren zu den Herrschenden zu zählen?
Es mag sein, dass diese Menschen nicht mehr arbeiten als weniger bezahlte Menschen und daher durch höhere Einkommen andere Menschen indirekt "ausbeuten". Aber sie daher zu Herrschern zu erklären, kann zurecht ein wenig maoistisch wirken. Denn in gebildeten und besser bezahlten Arbeitern und Angestellten die herrschende Klasse zu erblicken, ist im besten Falle übertrieben und im schlimmsten paranoid. In der maoistischen "Kulturrevolution" wurden Intellektuelle und Beamte entsprechend terrorisiert und ganz unabhängig von ihrer politischen Gesinnung und ihrer realen Ohnmacht zum Feind erklärt. Bourdieus Theorie und die maoistische Theorie dienten zwar völlig unterschiedlichen Zwecken, ähneln sich aber in ihrer Schwammigkeit.
Politische Folgen der Begrifflichkeiten bei Bourdieu
Die Schwammigkeit der Kapital- und Klassentheorie bei Bourdieu hat politische Folgen. Zumindest in "Die feinen Unterschiede" von Bourdieu ist das Konzept der Klassenherrschaft für den ultraradikalen Habitus von aufmüpfigen Kleinbürgern und Intellektuellen anfällig. Die Oppositionen und Konflikte zwischen Eltern und Kindern, LehrerInnen und SchülerInnen, ProfessorInnen und StudentInnen können mit Bourdieu ebenso als Klassenkonflikte wie als Konflikte zwischen Herrschenden und Beherrschten verstanden werden. Das mag "kulturrevolutionär" und maoistisch sein, aber ist nicht unbedingt marxistisch und wirklich revolutionär. Denn so begründet der Protest gegen die kleinen Autoritäten das Alltags auch sein mag, er ist dennoch im seltensten Fall das selbe wie die Herrschaft der Kapitalistenklasse.
Der Unterschied zwischen der Unterdrückung und Ausbeutung durch die herrschenden Kapitalisten und alltäglicher Unterdrückung innerhalb der verschiedenen Klassen ist groß. Die Kapitalisten und die großen Politiker herrschen in der Tat. Und sie beuten systematisch aus. Die Eltern, Lehrer oder Professoren unterdrücken vor allem. Aber sie herrschen kaum und beuten kaum aus, selbst wenn sie herrsüchtig, autoritär und gierig sein mögen. Dann sind sie allenfalls Möchtegern-Diktatoren. Die echten Diktatoren sind Kapitalisten und ihre politischen Vertreter.
Der Kapitalbegriff bei Bourdieu verwischt den Unterschied zwischen den verschiedenen Formen der Warenwirtschaft. Tauschwaren, einfaches Geld als Zahlungsmittel, Arbeiterlohn, Angestelltenlohn, das Einkommen des kleinen Ladenbesitzers und das ganz große Kapital der Konzerne und Aktienbesitzer werden so in eins gesetzt. Das kritische Potenzial des Kapitalbegriffs wird damit entwertet, inflationär und verliert damit die große Bedeutung, die er bei Marx hat.
Wenn jeder "Kapital" hat, kann im Grunde jeder als "Kapitalist" gelten. Das ist aber blanker Unsinn und eint wiederum Bourdieus Theorie mit der neoliberalen Theorie, wonach Arbeiter mit einem Sparbuch oder Bausparvertrag auch "Kapitalisten" seien. Solche Schwammigkeit in der Klassentheorie verliert jede kritische Bedeutung, sofern sie nicht wieder in eine revolutionäre Praxis oder Theorie eingebettet wird.
Wenn Kapital also im Grunde das selbe ist wie die Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen - ob durch wirtschaftliche Mittel, Kultur oder sozialen Status -, dann ist Kapital das selbe wie menschliche Tätigkeit, jede Form der Praxis oder ganz einfach: die Gesellschaft. Dann wird aber jede Gesellschaft immer eine "Klassengesellschaft" sein, die voll und ganz vom Kapital beherrscht ist. Das ist die Grundidee der bürgerlichen Ökonomen, die Marx so oft verspottet hat, aber gewiss keine revolutionäre Theorie.
Im Gegenteil: Die Theorie von Bourdieu kann trotz all seiner Sympathie für die unteren Schichten bürgerlich und konservativ gelesen werden. Denn wenn das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse nicht aus ihrer Klassenlage in der Produktion und der Macht gegenüber dem Kapital kommt, wie etwa nach Marx, dann gibt es prinzipiell keinen Grund mehr, den Fokus auf das Proletariat zu legen. Den proletarischen Sozialismus erklärt Bourdieu also halb für tot, während er ihn halb mit links orientiertem Aktivismus gleichsetzen muss.
Die Klassen- und Kapitaltheorie von Bourdieu ist für Kulturwissenschaften und zur Ergänzung der marxistischen Theorien gut, aber nicht, um sie zu ersetzen. Eine praktische Orientierung für proletarische Sozialisten im Verbund mit anderen Vertretern der unterdrückten Klassen bietet Bourdieus Theorie alleine nicht. Gut bezahlte Arbeiter und Angestellte könnten gemäß Bourdieu ebenso zu den Herrschenden gezählt werden wie Lehrer, Professoren und belesene Arbeitslose.
In
einer unpraktischen soziologischen Theorie ist so die These der
herrschenden Arbeitslosen und Lehrer kein Problem. Für die marxistische
Theorie ist dergleichen fatal, weil sie als Handlungsanleitung für
Revolutionäre praktisch sein muss. Und die Arbeitslosen als Herrschende
zu sehen würde für Revolutionäre nur Sinn ergeben, sofern darunter die
nicht arbeitenden Kapitalisten verstanden werden. Ansonsten ist diese
These zu verwerfen.
Für Bourdieu sind alle Gesellschaften immer zugleich Klassengesellschaften und Kapital produzierende Gesellschaften. Damit verewigt er theoretisch diese zwei besonderen Formen von Gesellschaft. Der Kommunismus, die Bewegung, die die jetzigen Klassenspaltungen beendet, oder eine klassenlose und nicht-kapitalistische Gesellschaft ist mit Bourdieu kaum vorstellbar.
Gerade die Konzentration auf den Produktionsprozess ist aber ein großer Vorzug der Marxschen Klassentheorie. Ohne die marxistische Grundidee, dass die Art und Weise der Produktion und das Eigentum an der Produktion die gesellschaftlichen Beziehungen allgemein und die Klassenverhältnisse im Speziellen formen, geht die gesamte marxistische Gesellschaftstheorie zu brüche. Deswegen versuchen Nicht-Marxisten auch immer, die marxistische Theorie der Arbeit, der Produktion und der Produktionsweisen zu ignorieren oder zu widerlegen. Manchmal erfinden sie neue Ersatztheorien. Meistens kramen sie bloß Versatzstücke längst widerlegter Theorien wieder aus. In jedem Falle tendieren solche Theorien dann dazu, die bürgerlichen Verhältnisse zu verewigen, zu verharmlosen oder einfach zu verschleiern. Mit Marxismus und ernsthafter Gesellschaftskritik hat das oft wenig zu tun. Gewisse "Linke", Anarchisten, Postmodernisten, Liberale, Konservative und Nationalisten stehen damit oft im gemeinsamen Gegensatz zu den Marxisten.
Für Bourdieu sind alle Gesellschaften immer zugleich Klassengesellschaften und Kapital produzierende Gesellschaften. Damit verewigt er theoretisch diese zwei besonderen Formen von Gesellschaft. Der Kommunismus, die Bewegung, die die jetzigen Klassenspaltungen beendet, oder eine klassenlose und nicht-kapitalistische Gesellschaft ist mit Bourdieu kaum vorstellbar.
Gerade die Konzentration auf den Produktionsprozess ist aber ein großer Vorzug der Marxschen Klassentheorie. Ohne die marxistische Grundidee, dass die Art und Weise der Produktion und das Eigentum an der Produktion die gesellschaftlichen Beziehungen allgemein und die Klassenverhältnisse im Speziellen formen, geht die gesamte marxistische Gesellschaftstheorie zu brüche. Deswegen versuchen Nicht-Marxisten auch immer, die marxistische Theorie der Arbeit, der Produktion und der Produktionsweisen zu ignorieren oder zu widerlegen. Manchmal erfinden sie neue Ersatztheorien. Meistens kramen sie bloß Versatzstücke längst widerlegter Theorien wieder aus. In jedem Falle tendieren solche Theorien dann dazu, die bürgerlichen Verhältnisse zu verewigen, zu verharmlosen oder einfach zu verschleiern. Mit Marxismus und ernsthafter Gesellschaftskritik hat das oft wenig zu tun. Gewisse "Linke", Anarchisten, Postmodernisten, Liberale, Konservative und Nationalisten stehen damit oft im gemeinsamen Gegensatz zu den Marxisten.
Ohne
den Fokus auf die Arbeit und die Arbeiterschaft in der kapitalistischen
Produktion entfallen die wichtigsten Erkenntnisse von Marx und der
gesamten marxistischen Tradition. Bourdieu kann mit seiner Theorie die
Revolutionstheorie von Marx zwar nicht widerlegen, aber auch nicht
bestätigen. Bourdieus Theorie ist keine revolutionäre Klassentheorie,
sondern bloß ein gesellschaftskritisches und in höchstem Maße feines Konzept der Klassendifferenzierung im Kapitalismus. Dieses
Konzept birgt zwar antikapitalistische Kritik in sich, aber bleibt im
Kern eine bürgerliche Theorie und für bürgerliche Ideologie leicht anschlussfähig. Sofern die Erkenntnisse von Bourdieu historisiert und materialistisch gewendet werden, können sie die sozialistische Bewegung aber enorm bereichern.
Mittwoch, 5. Februar 2014
Menschen, Recht und Menschenrecht
In diesem Artikel geht es um das Verhältnis von Rechten und speziell Menschenrechten zu ihren Schöpfern, den Menschen. Teil 1 der Serie über Menschenrechte und Klassenkämpfe.
Menschen, Rechte und Menschenrechte
Es existiert kein Recht und kein Menschenrecht ohne Menschen. Menschen machen sich ihre Rechte. Menschenrechte sind daher nicht angeboren, sondern sozial konstruiert. Sie entstehen im Kopf der Menschen und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne Menschen, die für Recht und Menschenrechte eintreten, gibt es keine Rechte und keine Menschenrechte. Der Mensch ist also die Wurzel des Rechts. Das Recht an seiner Wurzel zu erfassen, am Menschen, ist radikal sein in Bezug auf Recht und Ordnung.
"Recht", "Recht haben", "Recht behalten" usw. sind also soziale Konstrukte, Erfindungen der Menschen. Es sind im Grunde Ideen oder Werte, die das Handeln der Menschen anleiten sollen, damit es nicht zu unnötigen zwischenmenschlichen Problemen, d.h. zu Unrecht, kommt. Unrecht ist ebenfalls eine soziale Konstruktion, aber das ändert nichts daran, dass Recht und Unrecht äußerst real sind. Überall auf der Welt gibt es Recht und Unrecht in ganz großem und in ganz kleinem Maßstab. Zum einen gibt es bereits Unterdrückung zwischen zwei Menschen, familiäre Unterdrückung, häusliche Gewalt, Mobbing, Kriminalität und strukturelle Gewalt auch in den aller modernsten Gesellschaften. Diese müssen im Sinne des Rechts bekämpft werden, wenn nötig auch mit Hilfe staatlichen Rechtes oder mit kleinen, persönlichen Aufständen. Zum anderen gibt es ganz großes Unrecht auf höchster Ebene.
Aber alles echte Recht der Welt steht auf Seiten der Unterdrückten und entlarvt ausnahmslos alle Unterdrücker und Tyrannen dieser Welt. Insofern sind Ausdrücke wie "Recht haben" oder "Recht behalten" absolut treffend. Recht haben, Rechte, Anerkennung und Achtung der Menschenrechte, Wahrheit, Ehrlichkeit, Ehrwürdigkeit, Würde und Kampf für Menschenrechte gehören ohne Zweifel zusammen. "Unrecht haben" und "bloß gestellt sein" sind ebenso treffend. Denn Unrecht haben, Unrecht, "Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte", Lug, Trug, Würdelosigkeit, Heuchelei und Tyrannei gehören ohne Zweifel ebenfalls zusammen
Das Problem ist, dass sich Unrecht stets als Recht tarnt. Auch die größten Tyrannen schämen sich nicht, Worte wie "Wahrheit", "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Gleichheit", "Demokratie", "Recht" usw. mit ihrer Heuchelei zu beschmutzen. Solche Heuchelei dient immer der Verkleidung von Egoismus, Partikularinteressen und Unrecht im strahlenden Kleid des Rechts. Tyrannen schmücken sich nicht umsonst immer mit den Insignien und Reliquien von Heiligen, Märtyrern und Freiheitskämpfern.
Gerade die Staatsmacht und die sogenannte "Herrschaft des Rechtes", gleich wie modern die jeweilige Gesellschaft ist, dienen ja vor allem den Interessen des jeweiligen Staates und den Herrschenden. Durch "die Herrschaft des Rechts" behalten die Herrschenden Recht. Das herrschende Recht ist in der Klassengesellschaft an sich stets das Recht der Herrschenden, der herrschenden Kapitalisten, der stärkeren Klassen, des Stärkeren. Wie die herrschenden Gedanken die Gedanken im Sinne der Herrschenden sind, ist das herrschende Recht im Sinne der Herrschenden.
In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wird der "Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung" als "letztes Mittel" zum Zweck der Durchsetzung von Menschenrechten benannt:
"[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen [...]"
Da Aufstände nie völlig friedlich sein können, wurde damit also die Gewalt als legitimes Mittel gegen Tyrannei und Unterdrückung durch die Unterzeichnerstaaten der Erklärung anerkannt. Die Erklärung wurde also im Sinne von Staaten unterzeichnet, die sich die internationale Durchsetzung der Menschenrechte auf die Fahne geschrieben haben. Das geschah nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des bisher barbarischten und tyrannischsten Menschenmordes der Weltgeschichte, was ausgerechnet vom hochmodernen deutschen Staat und seinen Verbündeten und den Alliierten umgesetzt wurde. Nach dem Massenmorden kam die späte Erkenntnis, dass man durch internationales Recht oder frühzeitigen Aufstand viele unnötige Todesopfer hätte verhindern können. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 diente also vor allem der Beruhigung der Gewissensbisse der Herrschenden und der Legitimation der damals herrschenden Staatsmächte.
| "Demokratie"? Die Herrschaften ("Kratie") pissen auf das Volk ("Demo(s)"), Karikatur von Oliver Schopf: http://www.oliverschopf.com/img/pol_kar/welt/w603x486/demokratie_protest.jpg |
Woher kann man wissen, dass nicht die Rettung echter Menschenleben und echtes Recht die oberste Priorität bei der Erklärung einnahmen? Ganz einfach. Im selben Jahr als die Erklärung proklamiert wurde, 1948, wurde z.B. mit Hilfe einiger Unterzeichner-Staaten jegliches Menschenrecht mit Füßen getreten und mit ihm gleich hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und unzählige ermordet, misshandelt und vergewaltigt, um den Staat Israel auf ehemals palästinensischem Boden zu sichern.
Als Antwort auf die Gründung Israels kam es in den umliegenden arabischen Staaten zu einem gewaltsamen Aufstand gegen das, was sie als ungeheuerliches Unrecht und als Heuchelei einiger Unterzeichner-Staaten auffassten: die Beraubung und Vertreibung hunderttausender Menschen von ihrem "rechtmäßigen" Territorium. Die Zionisten, die mit allen Mitteln für die Gründung eines jüdischen Staates kämpften, sahen das natürlich anders. Für viele von ihnen war Palästina das "rechtmäßige" Territorium der Juden.
Dass dieser Zwist um Recht und Unrecht bis heute anhält und den Weltfrieden nicht nur bedroht, sondern völlig unmöglich macht, zeigt wie wichtig es den Menschen ist, "Recht zu behalten", "Recht zu haben". Dass der Konflikt erst ein Ende nehmen kann, wenn ein sogenannter "Rechtsstaat" in diesem Gebiet gegründet wird, der allen seinen Anwohnern, Einwohnern und Bürgern gleiches Recht zugesteht, ist den linken Antizionisten und linken Postzionisten schon lange klar. Aber Nationalisten und Zionisten diverser Länder wollen solch eine Lösung offenbar nicht, weil es ihre Herrschaft oder ihre Privilegien bedrohen würde.
Wenig später kam es 1950-1953 zum Korea-Krieg, in dem die zwischen Nordkorea, der UdSSR und China einerseits und Südkorea und den USA andererseits ein weiterer katastrophaler Krieg ausbrach, in dem allein über eine Million Chinesen, eine Million Südkoreaner und zwei einhalb Millionen Nordkoreaner starben, nur um beim Eroberungskrieg die selben Grenzen wie zuvor wiederherzustellen und bis heute die militarisierteste Region der Welt zu schaffen. Man darf daran zweifeln, ob es den Kriegsführern um Menschenrechte ging.
Die USA bekleckerten sich schon seit den 50er Jahren nicht mit Ruhm als sie in der "McCarthy-Ära" Kommunisten, Sozialisten, Radikale, Demokraten und unpolitische Bürger verfolgten. Presse- und Gewissensfreiheit sind offenbar ohnehin nicht das Ding des amerikanischen Staates. Aber der amerikanische Vietnam-Krieg von 1965-1975 überbot alle bisherigen Schandtaten der USA noch bei weitem. Wie der Korea-Krieg war auch der Vietnam-Krieg ein Stellvertreter-Krieg zwischen der westlichen und der östlichen Supermacht und wieder ging es um ein geopolitische Aufteilung eines Landes nach politischen Sympathien. Diesmal siegten jedoch die Stellvertreter des Ostblocks, indem sie ganz Vietnam eroberten und dem amerikanischen Kriegsterror zehn Jahre lang Widerstand leisteten. Die Bilanz des Krieges schloss bis zu vier Million tote Zivilisten und Soldaten ein, aber auch hunderttausende Verletzte, Traumatisierte und Deklassierte. Es ging hier nicht um Menschenrecht, sondern um Klassenkampf und Geopolitik.
Die Liste der Verbrechen der Unterzeichner-Staaten kann beliebig lang weitergeführt werden. Der staatlichen Untaten und Gräuel gibt es unzählige. In der Klassengesellschaft erfolgen Tyrannei und Unterdrückung mehrheitlich durch staatliche Bürokratien und die Herrschenden, da die Macht der herrschenden Klassen und die Staatsmacht zusammen die mächtigsten Gruppen auf diesem Planeten sind. Aber selbst die modernsten Staaten sind heute nicht frei von Tyrannei und Unterdrückung.
Der deutsche Staat unterdrückt seine Bevölkerung auf subtile und offensichtliche Weisen. Außerdem unterdrückt er gewisse Gruppen der Gesellschaft kaum, während er andere in hohem Maße zu unterwerfen versucht. Seine unterdrückerischen Methoden umfassen zum einen subtile Maßnahmen wie strukturelle Gewalt, systematische und tolerierte Diskriminierungen und staatliche Ideologieproduktion durch Medien, Zensur und Desinformation. Zum anderen schließen seine Methoden auch erbärmliche Diffamierungskampagnen, brutale Polizeigewalt und Militäreinsätze ein.
Auf fast jeder antifaschistischen Aktion, sei sie noch so friedlich, schlagen die Bullen zu oder sprühen zumindest aus Spaß ein wenig Pfefferspray raus. Oft werden jugendliche Aktivisten gedemütigt und misshandelt, wenn sie nach einer Aktion unrechtmäßig inhaftiert werden für begrenzte Dauer. Die Polizeigewalt bei den Nazi-Blockaden gegen Demokraten und in Stuttgart gegen die bürgerlichen Demonstranten werden niemals vergessen werden. Die Polizei ist dafür da, um zuzuschlagen. Sie ist der tollwütige Pitbull des Staates.
Dieser Staat ist ein Staat, der die Menschheit hasst. Sogar einen Großteil seiner eigenen Bevölkerung behandelt er wie Abschaum, aber andere Völker behandelt er noch viel schlimmer. Oberst Klein, der für die Ermordung von Zivilisten in Afghanistan auch noch zum General befördert worden ist, ist nur ein Beispiel für die Menschenverachtung durch den bundesrepublikanischen Staat.
Auf fast jeder antifaschistischen Aktion, sei sie noch so friedlich, schlagen die Bullen zu oder sprühen zumindest aus Spaß ein wenig Pfefferspray raus. Oft werden jugendliche Aktivisten gedemütigt und misshandelt, wenn sie nach einer Aktion unrechtmäßig inhaftiert werden für begrenzte Dauer. Die Polizeigewalt bei den Nazi-Blockaden gegen Demokraten und in Stuttgart gegen die bürgerlichen Demonstranten werden niemals vergessen werden. Die Polizei ist dafür da, um zuzuschlagen. Sie ist der tollwütige Pitbull des Staates.
Dieser Staat ist ein Staat, der die Menschheit hasst. Sogar einen Großteil seiner eigenen Bevölkerung behandelt er wie Abschaum, aber andere Völker behandelt er noch viel schlimmer. Oberst Klein, der für die Ermordung von Zivilisten in Afghanistan auch noch zum General befördert worden ist, ist nur ein Beispiel für die Menschenverachtung durch den bundesrepublikanischen Staat.
Aber wenn sogar so moderne Staaten wie die BRD noch immer zutiefst repressiv sind, was bringen dann Rechte, Menschenrechte und andere Errungenschaften? Sind Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dergleichen dann nicht nutzlos und bloße Fassade im Sinne der Herrschenden? Nein. Die Errungenschaften, die über Jahrhunderte und Jahrzehnte erkämpft worden waren, sind neben dem Leben selbst das größte Gut für die Menschheit. Aber sind die Errungenschaften nicht automatisch gekommen? Immerhin entwickelt sich die Gesellschaft ja stets weiter. Nein. Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren. Alles andere ist schlecht gewordener Quark.
Die Erkämpfung von Menschenrechten in weltweiten Klassenkämpfen
Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind also Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren? Ist dem so? Was ist denn mit der Demokratie, mit der Gleichheit vor dem Gesetz, mit der Pressefreiheit, mit der Krankenversicherung, mit dem Verbot der Kinderarbeit, mit der Schulbildung, mit der Aufklärungsphilosophie, mit der Emanzipation der Frau und dem Ende der Sklaverei? Sind das etwa im Klassenkampf errungene soziale Errungenschaften? Kamen diese Dinge an sich nicht automatisch zustande? Waren sie nicht ein an sich natürliches Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung? Sind sie nicht Teil der menschlichen Natur?
Nein, allein schon die Idee ist zum Totlachen lächerlich. An sich wurden all diese Dinge von unterdrückten Menschen für sich errungen, mit viel Mühen und im Klassenkampf, d.h. sie sind soziale Konstrukte, die den Herrschenden aller Zeiten mit Gewalt abgezwungen wurden. Denn die Herrschenden hatten an sich zunächst keinerlei Interesse an diesen Dingen. Aber sobald die Dinge sich durchgesetzt hatten und es nicht mehr normal war, Kinder zur Arbeit zu schicken oder Bürger vor dem Gesetz offenbar ungleich zu behandeln, war es im Interesse der herrschenden Klassen, diese Errungenschaften in gewissem Maße für sich zu vereinnahmen und sie in gewisser Weise nicht anzuzweifeln.
| Die Ideale der französischen Revolution mussten im Klassenkampf durchgesetzt werden. |
Denn das Verbot von Kinderarbeit, von Sklaverei, von Vergewaltigung in der Ehe etc. und die selbstverständlich erscheinenden Rechte der Frau, wählen zu können, nach eigenem Gewissen abtreiben zu können, sich scheiden zu können etc. sind ebenso Früchte des schärfsten Klassenkampfes wie die Proklamation der Menschenrechte in der französischen Revolution von 1789 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.
Das Recht auf Klassenkampf ist das Recht der Menschen
Unser Fazit kann lauten: Das Recht auf Klassenkampf ist das ureigenste Recht der Menschen. Die Menschheit ist in höchstem Maße an Klassenkampf interessiert. Ohne Klassenkampf käme die Menschheit keinen Schritt voran. Es gibt aber, seit es die Klassengesellschaft gibt, an sich ohnehin keinen Moment, in dem es nicht zum Klassenkampf kam. Klassenkampf und Klassengesellschaft sind im Grunde das selbe. Das eine ist daher ohne das Andere nicht denkbar. Die Utopie einer kapitalistischen Klassengesellschaft ohne Klassenkampf ist bloßes Fantasieprodukt wie das Schlaraffenland auch. Es kann keine Klassengesellschaft ohne Klassengesellschaft geben.
Allerdings kann Klassenkampf zurückgedrängt, gedämpft und verschleiert werden. Es kann, wie heute in Deutschland z.B., dazu kommen, dass Klassenkampf fast nur von einer Seite betrieben wird. Es kann zu einer relativen Dominanz des Klassenkampfes von oben kommen. Es kann passieren, dass sich die unterdrückten Klassen kaum wehren, stumm und passiv bleiben, während zugleich ihre innersten Klasseninteressen mit Füßen getreten werden. Die Schlangenlederstiefel der Herrschenden können unter Umständen auf die Pantoffeln der Beherrschten treten, ohne das letztere aufschreien, protestieren oder rebellieren. Das ist in Deutschland im Grunde in den letzten Jahrzehnten passiert. In Griechenland passiert dagegen zur Zeit etwas ganz Anderes. Da wird geschrien, protestiert und rebelliert was das Zeug hält. Allerdings reicht der Protest der griechischen Arbeitenden nicht aus, um die Menschenfeind-Clique des dunklen Lords Angelo Merte zu verscheuchen, die mit Klassenkampf von oben ganz Europa verwüstet.
In der französischen Revolution von 1789, in der russischen Revolution von 1917, in der deutschen Revolution von 1918, in der chinesischen Revolution von 1925-1927, in der spanischen Revolution der 30er Jahre und so weiter kam es dagegen zur Dominanz des Klassenkampfes von unten. Die unterdrückten Klassen wurden selbstbewusst und wagemutig. Daher nahmen sie sich das Recht, mit dem "letzten Mittel", dem Aufstand, die Herrschenden und Tyrannen dieser Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Dem Menschen wäre mehr von diesem "Schrecken" zu wünschen, damit überall auf der Welt die Menschenrechte durchgesetzt werden.
In der französischen Revolution von 1789, in der russischen Revolution von 1917, in der deutschen Revolution von 1918, in der chinesischen Revolution von 1925-1927, in der spanischen Revolution der 30er Jahre und so weiter kam es dagegen zur Dominanz des Klassenkampfes von unten. Die unterdrückten Klassen wurden selbstbewusst und wagemutig. Daher nahmen sie sich das Recht, mit dem "letzten Mittel", dem Aufstand, die Herrschenden und Tyrannen dieser Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Dem Menschen wäre mehr von diesem "Schrecken" zu wünschen, damit überall auf der Welt die Menschenrechte durchgesetzt werden.
Montag, 16. Dezember 2013
Die "Nachklassengesellschaft" in Soziologen-Köpfen
Art, Determinanten und Folgen des sozialen Wandels bei Bell, Beck und Schimank
a) Grundprobleme soziologischer Theorien
Die Soziologen Bell, Beck und Schimank bieten soziologische Theorien der sozialen Ungleichheit, der Differenzierung und der Integration. Alle drei Soziologen gehen damit wichtige Probleme der Soziologie an, können aber keine befriedigende Lösungen bieten, da es bereits sozialtheoretische Konzepte gibt, die die soziale Realität scheinbar besser fassen können.
Diese Hauptthese soll im Folgenden konkretisiert werden anhand weiterer Thesen. Die Soziologen haben üblicher Weise mehrere Probleme, die auch Bell, Beck und Schimank teilen.
1. Eines ist die Loslösung soziologischer Forschung von gesellschaftsverändernder Praxis außerhalb der Forschung. Soziologen erforschen die soziale Realität anhand von eigener empirischer Forschung, eigener theoretischer Abstraktion, eigener Alltagserfahrung und theoretischen Quellen Anderer. Aber es mangelt oft aufgrund ihrer Spezialisierung als Soziologen an relevanten Einblicken in politische Praxis. Die negativen Effekte der Differenzierung treffen auch den Soziologen und die Soziologie als Disziplin, die noch immer daran leidet, dass sie zwar die Gesellschaft als Ganzes begreifen will, aber einen Großteil der Erkenntnisse aus anderen Disziplinen und Lebensbereichen ignoriert. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.
2. Ebenfalls aufgrund der Differenzierung bzw. Arbeitsteilung fehlt es den Soziologen oft an relevanten Einblicken in politische Praxis. Sie haben sogar als “politische Soziologen” nur selten praktische Erfahrung mit Politik als Beruf oder mit sozialer Revolution als Berufung. Ihre Wahrnehmung ist daher natürlich eine äußerst selektive, selbst wenn sie sich Mühe geben. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.
3. Das nächste Problem ergibt sich hieraus. Soziologen stellen oft wichtige Fragen, die sich der Gesellschaft insgesamt auch stellen. Aber die Antworten ignorieren oft, welche “funktionalen Erfordernisse die Gesellschaft” (Schimank 1999: S. 60) aufweist. Fragen nach den Selbstmordraten bei Katholiken und Protestanten, nach Entwicklungsprinzipien der Gesellschaft, nach Gruppenzugehörigkeit, sozialer Ungleichheit, Differenzierung, Integration etc. sind wichtig für die Gesellschaft, wenn ihre theoretische Beantwortung in der Soziologie praktisch relevante Umwälzungen in der Gesellschaft stützen. Soziologen halten sich aber allzu oft fern von solchen praktischen Umwälzungen, indem sie die Arbeitsteilung zum Fetisch machen und sich nicht in der Rolle des Soziologen und Politikers zugleich sehen, sich also nicht als engagierten Soziologen verstehen. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.
4. Es gibt bereits soziologische Theorien und Theoretiker, die die Einheit mit der Praxis umgesetzt haben oder umsetzen. Die Soziologie darf sie nicht vernachlässigen, wenn sie nicht zu einer irrelevanten Sekte verkommen will. Denn sonst kann man leicht behaupten: Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.
b) Die soziologischen Grundprobleme bei Bell, Beck und Schimank
Anhand von Bell, Beck und Schimank lässt sich veranschaulichen, dass diese typisch soziologischen Defizite auf sie zutreffen dürften. Nach Bell ist die Veränderung der Produktion, ihrer Methoden, Ziele und Nebeneffekte die zentrale Determinante für die Art des Wandels: die Überwindung überkommener Produktionsmethoden, des dominierenden Gesellschaftsprinzips und dominanter Klassen. Der Wandel habe, so muss man mit Bell folgern, eine Auflösung des Klassenkampfes und der der herrschaftskonformen Ideologie, eine Dominanz von Wissenschaft und Dienstleistung, und entsprechend von Wissenschaftlern und Kopfarbeitern zur Folge. Letztlich könnte er auch den Begriff einer “Nachklassengesellschaft” verwenden, wie Beck es tut. Aber dazu kommen wir nach der Behandlung der anderen beiden Autoren.
Beck behauptet im Kern, dass die Expansion von Sozialstaat und Bildungssytem die kapitalistische Klassengesellschaft in einer kapitalistische “Nachklassengesellschaft” verwandelt habe. Das habe zu einer Auflösung traditionaler Bindungen und Identitäten einerseits und zur Bindung und Identitätsbildung durch neue Institutionen andererseits geführt. Individualisierung, das Aufkommen von individuellen Bastelbiographien über Klassenlagen hinweg, die Entstehung neuer Identitäten durch Lebenswandel und Irrelevanz von Klassenlagen für Identitäten und Handlungen sind laut Beck die weitreichenden Folgen von wohlfahrtsstaatlicher und bildungsmäßiger Expansion seit den 1950er Jahren. Die Soziologie solle die “Zombiekategorien” Klasse, Stand, Klassengesellschaft, Klassenkampf etc. aufgeben und neue Begrifflichkeiten finden, die die nachklassengesellschaftlichen Realitäten besser erfassen.
Laut Schimank differenzieren sich gesellschaftliche Teilsysteme und das gesellschaftliche Gesamtsystem. Die Determinante ist für ihn genauso wie für Parsons und Luhmann ein Differenzierungsdeterminismus. Gesellschaft habe es so an sich, sich immer weiter auszudifferenzieren. Und die Teilsysteme konzentrieren sich auf einen bestimmten, jeweiligen Bereich. Es gibt daher auseinanderstrebende Tendenzen im Gesamtsystem, die die Systemintegration gefährden. Integration werde aber durch kulturelle Werte (Parsons) oder kaum erklärbare Integrationsmechanismen (Luhmann) sichergestellt.
Alle drei Forscher behaupten im Grunde im Einvernehmen, trotz sehr unterschiedlicher Konzepte, dass die alte Vorstellung von kapitalistischer Klassengesellschaft obsolet geworden sei. Man müsse neue Kategorien entwickeln, die die alten kämpferischen Begriffe ersetzen. Nun seien Wissenschaftler und Dienstleister wie bei Bell, Individuen und askriptive Konfliktgruppen wie bei Beck oder teilsystemrelevante Berufsgruppen wie bei Schimank gesellschaftlich dominant und für die Soziologie von primärem Interesse. Die Großgruppen wie Klasse und Stand sind demnach hingegen uninteressant geworden.
Alle Kategorien von Marx und seiner Schüler werden auf diese Weise entradikalisiert oder ganz verworfen. Das ist jedoch fatal für eine Soziologie, die die soziale Realität mit praktisch relevanten Begriffen erfassen und praktisch veränderbar machen möchte.
Woran lässt sich der Vorwurf festmachen? Einige gezielte Kommentare zu ausgewählten Zitaten der jeweiligen Theoretiker dürften helfen. Aber zunächst hilft der Verweis auf die Marxsche Betrachtung von Gesellschaft vielleicht.
Bei Marx und den besseren Marxisten sind die Veränderungen der Produktivkräfte, der Klassenverhältnisse und der Bewusstseinsformen bzw. ideologischen Formen zugleich Determinanten und Folgen. Sie sind konstante, aber sich verändernde Kategorien in der Klassengesellschaft. Sie sind auch usschlaggebend dafür, dass die Produktivkräfte einerseits explodieren und teilweise zu weitgehenden Veränderungen führen, dass sie andererseits zugleich durch Klassenverhältnisse gehemmt oder destruktiv umgeformt werden. Außerdem werden die Klassenverhältnisse durch Schübe der Globalisierung, wohlfahrtsstaatlichen Korporatismus, sozialstaatliche Absicherung, Ideologien im Sinne der Herrschenden und die ungleiche und kombinierte Entwicklung zugunsten des Kapitals verschoben. Das trifft auf die Gesellschaft seit den 50ern in hohem Maße zu und hat sich seit Mitte der 70er enorm zugespitzt. In den letzten zwei Dekaden hat sich jedoch eine Bewusstseinsformierung und Organisation der unteren Klassen und ihrer politischen Vertreter ereignet, sodass es zu einer auffälligen Rückkehr der Klassenkämpfe von beiden Seiten, zu Klassenkampf “von oben” ebenso wie “von unten”, gekommen ist. Es hat sich erwiesen, dass nicht nur so inhaltsarme Begriffe wie Schicht und Status, sondern auch Begriffe wie Milieu, Stand, Klasse, Klassenkampf und Klassendifferenzierung wieder an Relevanz gewonnen haben, wenn sie sie überhaupt je verloren hatten. Lässt sich das begründen?
Zentrale Thesen von Bells sind zusammen genommen eine einzige Katastrophe für gutes soziologisches Denken, weil er gerade die grundlegendsten Kategorien (sogar die “Totalität”) verwirft. Aber an Katastrophen kann man ja zum Glück wachsen und reifen. Bell schreibt von der
“Schaffung einer technisch-akademischen Klasse, die die Führung der Gesellschaft übernimmt, so wie ehedem der angelernte Arbeiter für die Industriegesellschaft kennzeichnend war.” (Bell 1979: S. 16)
Aber wer würde heute ernsthaft behaupten, dass die Techniker und Akademiker die (Welt)Gesellschaft anführen? Was hat diese These überhaupt noch mit der Realität zu tun? Er warnt andererseits ganz richtig: “Sozialer Wandel läßt sich nicht einfach durch Konzentration auf die Eigentumsverhältnisse als einzige Achse erzielen.” (Bell 1979: S. 16) Das stimmt. Eigentumsverhältnisse sind nur ein Aspekt des Wandels, der auch vom Aspekt des Zufalls, der Ökologie, der Machtvermittlung usw. bedingt wird. Aber um das zu wissen, muss man nicht gleich das marxistische Kind mit dem eigentumszentrierten Badewasser auskippen. Das tut Bell aber, indem er weiterhin DIE zentrale Frage der Gesellschaftsforschung wörtlich stellt, aber sie sogleich völlig falsch beantwortet:
“Die theoretische - und praktische - Frage ist nun, welche Faktoren heute einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen. Jedenfalls nicht Klassenverhältnisse und Klassenbildungen, denn diese sind ihrerseits nur das Ergebnis von Änderungen, die teils von Wissenschaft und Technologie, teils - was jedoch außerhalb unserer Betrachtungen liegt - von politischen Kräften wie dem Aufstieg neuer ethnischer Gruppen, bewirkt werden.” (Bell 1979: S. 17)
Er leugnet die Marxsche Theorie des sozialen Wandels durch Klassenkonflikte, weil sie nicht der primäre Motor für Wandel seien, nur um in der unfassbar oberflächlichen These zu verenden, dass Wissenschaft, Technologie und der Aufstieg neuer ethnischer Gruppen die primären Motoren des Wandels seien. Wie soll man als Wissenschaftler solche Thesen ernst nehmen?
Bei Schimank wird dagegen das Dilemma im Brennpunkt zwischen Parsons und Luhmann deutlich. Parsons geht davon aus, dass jede stabile Gesellschaft von Werten zusammengehalten wird. Wenn sie instabil wird, fehle es andererseits an allgemeingültigen Werten. Schimank interpretiert Luhmann dagegen so, dass die Systemintegration nach Luhmann große Verwunderung auslösen muss. Denn die
“Politik begreift sich als gesellschaftliche Steuerungsinstanz - aber das ist, so könnte man sagen, lediglich ihre eigene Lebenslüge und damit ein selbstgeschaffenes Problem, weil die Politik so allermeistens zu registrieren hat, dass ihre entsprechend deklarierten Bemühengen scheitern.” (Schimank 1999: S. 58)
Noch schlimmer ist eine andere These Luhmanns, wie Schimank sie darstellt:
“Jedes Teilsystem stellt einen in sich geschlossenen Operationszusammenhang dar, der auf nichts außerhalb hinweist. Die juristische, die wirtschaftliche oder die politische Kommunikation über das Zugunglück reden im wahrsten Sinne des Wortes aneinander vorbei, weil sie stets nur mit sich selbst reden.” (Schimank 1999: S. 51)
Einen noch größeren Unsinn kann man kaum verschriftlichen! Luhmanns Systemtheorie hat von der Realität scheinbar nur den oberflächlichsten Begriff. Oder wie will er erklären, dass sich Stilrichtungen in der Kunst, etwa der russische Avantgardismus oder der sozialistische Realismus voll und ganz von dem politischen Großereignis der Oktoberrevolution haben vereinnahmen lassen? Wie lässt sich das Aufkommen der faschistischen Ästhetik, der feministischen Geschichtsforschung, der postmodernen Soziologie etc. erklären? Neue “Teilsysteme” sind mehr oder weniger bewusste Reaktionen, soziales Handeln, von Gesellschaftsgliedern auf soziale Tatbestände. Schimank weiß das und kritisiert Luhmann dahingehend. Aber er selbst verwirft die wichtigen Kategorien des Klassenkampfes
Beck stellt nachvollziehbar fest:
“Tatsächlich haben breite Bevölkerungskreise durch die Anhebung des Lebensstandards im Zuge des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in den fünfziger und sechziger Jahren Veränderungen und Verbesserungen in ihren Lebensbedingungen erfahren, die für ihre eigenen Erfahrungen einschneidender waren als die nach wie vor fortbestehenden Abstände zu den anderen Großgruppen.” (Beck 1986: S. 122)
Und Beck fragt selbstkritisch nach den Folgen der Individualisierungsthese für die Soziologie:
“Kommt mit dem Begriff des Individualisierungsprozesses nicht zwangsläufig die Soziologie an ihr frühes Ende, wird ihr möglicherweise damit das Sterbeglöcklein geläutet?” (Beck 1986: S. 130)
Aber er antwortet sehr merkwürdig, indem er die Individualisierungsthese verteidigt und die Großgruppenkategorien für irrelevant erklärt. Er ist also ebenso wie Schimank und Bell knapp an einer realistischen Theorie der Gesellschaft vorbeigeschlittert. Schade für die Soziologie und für die Gesellschaft.
Literatur
Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Bell, Daniel, 1975: Die nachindustrielle Gesellschaft.
Frankfurt/New York: Campus Verlag.
Schimank, Uwe, 1999: Funktionale Differenzierung und Systemintegration in der modernen Gesellschaft, S. 47-65 in: Jürgen Friedrichs und Wolfgang Jagodzinski (Hg.) Soziale Integration. Sonderheft der KZfSS. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Donnerstag, 5. Dezember 2013
Georg Lukács und der Realismus in Puškins "Evgenij Onegin" (Serie: Marxismus und Kunst, Teil 1)
Teil 1 der Serie zu Marxismus und Kunst. Dieser Artikel behandelt Georg Lukács und Aleksandr Puškin.
Es geht vor allem darum, wie Lukács, einer der wichtigsten Marxisten
und Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, dazu kommen konnte, Puškin, einen der größten russischen Dichter, einen Realisten und dessen Roman Evgenij Onegin einen realistischen Roman zu nennen.
Es geht auch darum, in wiefern diese Interpretation (wissenschaftlich) haltbar ist. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich schließlich schon seit langem grundsätzlich einig darüber, dass Puškin ein romantischer Dichter und der Onegin ein romantischer Roman war. Aber kann Kunst nicht zugleich romantisch und realistisch sein?
Ist diese Frage also nicht überflüssig? Georg Lukács hätte diese Frage verneint. Ausgehend von der Marxschen Ästhetik sieht Lukács in gewissen Kunstwerken realistische Kunst und in anderen „antirealistische“ Kunst. Da Lukács zugleich marxistische Geschichtsinterpretation, Literatursoziologie, normative Poetik und Literaturkritik in seiner Realismustheorie vereinte, bewertete er zudem die zuvor analysierte Kunst anhand eines Maßstabs, den er Hegel und Marx entnommen hat. Alle in seinem Sinne realistische Kunst galt ihm als „schön“. "Antirealistische Kunst" war für ihn hingegen mangelhaft.
Da solch eine normative marxistische Poetik eher selten ist und zudem aus Sicht einer „wertneutralen“ Literaturwissenschaft wie auch aus Sicht einer werkimmanenten Hermeneutik oder rein formalen Ästhetik bedenklich scheinen muss, mag die ganze Fragestellung uninteressant wirken.
Lukács kann als Schüler sowohl von Marx als auch von Hegel verstanden werden. Vom hegelianischen Idealisten entwickelte sich Lukács zum Marxisten. Er ging nach der Oktoberrevolution vom historischen Materialismus aus, um gesellschaftliche Phänomene zu untersuchen. Diese Weltanschauung sollte eine wirklich konkrete, dialektische und wissenschaftliche Ästhetik und Kunstkritik ermöglichen.
Eine ganz wesentliche Bedeutung spielte für Lukács daher die „Hegel-Marxsche Lehre: daß die Menschen ihre eigene Geschichte selbst machen, freilich nicht unter selbst gewählten Umständen und mit Resultaten, die von ihren Absichten grundlegend abweichen“. Damit ist auf den Begriff der Arbeit bzw. Praxis verwiesen, auf die den Menschen definierende Tätigkeit.
Allerdings darf man diese allgemeine Bestimmung nicht gleichsetzen mit vulgärmarxistischen oder soziologistischen Ansätzen, Literatur zu betrachten. Lukács greift stattdessen die spärlichen literaturkritischen Aussagen von Marx und Engels auf, die er in eine systematische marxistische Ästhetik ausbauen wollte. Von diesen ausgehend kann man schnell den Gegensatz von stalinistischem „Sozialistischem Realismus“ und marxistischer Ästhetik im Sinne von Marx, Engels und Lukács feststellen.
Die dialektische Ästhetik entstammt natürlich „Hegels Ästhetik“, die, so Lukács, „auf dem Gebiete der Kunstphilosophie den Gipfelpunkt des bürgerlichen Denkens, der fortschrittlichen bürgerlichen Traditionen“ ist. Trotz seiner Kritik an der Abstraktheit und Willkür des Hegelschen Idealismus, stellt Lukács würdigend fest:
Hegels Ästhetik war insofern gegen den Idealismus von Kant und subjektivistische Ästhetiken gerichtet, die sich willkürlich auf die Frage des ästhetischen Empfindens der individuellen Subjektivität beschränkten: „infolge des Formalismus jedoch, der den subjektiven Idealismus begleitet, fällt aus dem Begriff der Aktivität die wirkliche gesellschaftliche Rolle des Individuums heraus und mit ihr jeder gesellschaftliche Inhalt der Kunst. Es ist kein Zufall, daß Kant den Begriff des Schönen mit der Interesselosigkeit verknüpft.“
Mit Hegels philosophischem Idealismus, „der mit dem Anspruch auftritt, die vom menschlichen Bewußtsein unabhängige objektive Wirklichkeit zu erkennen und sie in gedanklicher, rationell-dialektischer Form auszudrücken“, geht die Idealisierung der Antike einher. „Hegels Ästhetik“, so Lukács, betrachte „die Antike als die echte, eigentliche Kunstperiode“. In der Antike habe die Kunst eine unwiederbringliche Blüte erreicht, während mittelalterliche und moderne Kunst bei Hegel abgewertet werden. Die antike Kunst stelle stets das Ideal des Menschen dar und sei daher Maßstab und Muster für alle Kunst:
Kunst soll mit Hegel also das Ideal des Menschen oder den Menschen unter idealen Bedingungen widerspiegeln. Hegel war laut Lukács nicht konsequent wissenschaftlich, weil er noch im Idealismus verfangen war.
Konkrete Werkanalyse und abstrakte normative Poetik vereinen sich bei Lukács. Einerseits analysiert Lukács seit er Marxist geworden ist, Texte im Detail, andererseits ist sein ästhetischer Maßstab noch immer die idealisierte Kunst der griechischen Antike. Für ihn war die antike Kunst ein anzustrebendes, aber unerreichbares Muster für Schönheit und Realismus.
Tut sie das nur unzureichend, ist sie weder realistisch noch schön, überhaupt keine Kunst. Realismus ist für ihn das künstlerisch angemessene Mittel der Erkenntnis. Unter Realismus verstand Lukács keinen Stil und keine Technik. Er verstand darunter eine ganz bestimmte künstlerische Umsetzung der Widerspiegelung der Realität aus der Haltung des Künstlers zur Realität heraus. Gregory Fuller schrieb dazu in Realismustheorie. Ästhetische Studie zum Realismusbegriff:
Stefan Neuhaus erklärt den realistischen Stil in der Literatur als "Idealismus":
Der Ästhetiker Lukács erhält also Rückendeckung von einem der wichtigsten literarischen Realisten und von anderen Literaturwissenschaftlern.
Wenn man Lukács also Dogmatismus und Marxismus wegen seiner Literaturtheorie vorwirft, muss man auch dem großartigen Poeten Fontane marxistischen Dogmatismus vorwerfen.
Von Hegel kommt die Vorstellung, dass die Realität dialektisch ist, sich durch einander widersprechende Tendenzen bewegt und entwickelt. Realität wird als Totalität, als umfassende Gesamtheit der Einzelphänomene, verstanden. Die Gesellschaft ist für Hegel gleichbedeutend mit dieser Gesamtheit. Erst die Erkenntnis ihrer Tendenzen im Einzelnen ermöglicht die Erkenntnis der ganzen Gesellschaft und ihrer Entwicklungstendenz insgesamt. Diese Erkenntnis ist das prozesshafte Verstehen der Teile durch das Ganze und des Ganzen durch die Teile. Das ist im Grunde der hermeneutische Zirkel, der wesentlich ist für eine dialektische Erkenntnistheorie.
Weiterhin ist eine realistische Haltung des Künstlers nötig. Der Künstler erfasst mit der realistischen Haltung die wichtigen Tendenzen in der Gesellschaft, die Einzelphänomene, und kann daher die ganze Gesellschaft im Wesentlichen verstehen. Hat er die Tendenzen und die Gesamttendenz erfasst, wird er als Künstler diese Tendenzen im Kunstwerk angemessen widerspiegeln. Der Realismus muss die Totalität der Gesellschaft ästhetisch widerspiegeln. Tut er das nicht, bricht seine dichterisch-realistische Haltung ab.
Widergespiegelte Totalität ist die Vermittlung der vielen Teile mit dem Ganzen im angemessenen Verhältnis. Im realistischen Werk muss also das passende Verhältnis von Teil und Ganzem gefunden werden. Das richtige künstlerische Verhältnis wird durch Abgleich mit der Wissenschaft von der Gesellschaft erfasst. Dieses passende Verhältnis kann nicht durch idealistische Ästhetik, Poetik oder Literaturtheorie gefunden werden. Die nämlich heben sich von der Gesellschaftswissenschaft ab und bleiben so notwendig einseitig und spekulativ.
Von großer Wichtigkeit ist für Lukács also Dialektik in der Kunst. Er kritisiert Kunst, in der die Dialektik irgendwie zerrissen wird, wie er meint. Beispiele sind: romantische, naturalistische und „sozialistisch-realistische“ Kunst. Sie waren für Lukács furchtbar undialektisch, weil einseitig und starr, ohne die komplizierten Widersprüche der realen Welt darzustellen. Gregory Fuller stellt ganz in diesem Sinne fest:
Die Kategorie der "Totalität" ist in der Ästhetik von Lukács von den Kategorien des "Besonderen" und "Typischen" nicht zu trennen. Hierin spiegelt sich erneut die krasse Kompromisslosigkeit von Lukács beim Ziel und der Definition der Kunst wider. In diesem Sinne wird Lukács nach Ebadian zitiert:
| Puškin |
und Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, dazu kommen konnte, Puškin, einen der größten russischen Dichter, einen Realisten und dessen Roman Evgenij Onegin einen realistischen Roman zu nennen.
Es geht auch darum, in wiefern diese Interpretation (wissenschaftlich) haltbar ist. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich schließlich schon seit langem grundsätzlich einig darüber, dass Puškin ein romantischer Dichter und der Onegin ein romantischer Roman war. Aber kann Kunst nicht zugleich romantisch und realistisch sein?
Wissenschaft und Dogmatik
| Lukács |
Da solch eine normative marxistische Poetik eher selten ist und zudem aus Sicht einer „wertneutralen“ Literaturwissenschaft wie auch aus Sicht einer werkimmanenten Hermeneutik oder rein formalen Ästhetik bedenklich scheinen muss, mag die ganze Fragestellung uninteressant wirken.
Aber wie im Allgemeinen trifft es auch auf die Wissenschaft zu, dass die Mehrheit selten Recht hat und dass auch Wissenschaft gegen den Verfall in Dogmatik nicht immun ist, sodass die immer wieder neue Aufarbeitung auch dieser Fragestellung gerechtfertigt ist. Wissenschaft muss vermeintlich gesicherte Erkenntnis stets von neuem überprüfen. Abgesehen davon ist so etwas in der autoritärer werdenden BRD immerhin bislang noch erlaubt. Solange das noch erlaubt ist, ist Lukács‘ Perspektive also in Frage gestellt und nicht einfach ausradiert.
Um uns seiner Perspektive anzunähern, werde ich nach dieser Einleitung die marxistische Ästhetik von Lukács und dessen Realismustheorie darstellen, die marxistisch ist, sich aber wesentlich von der erbärmlichen stalinistischen unterscheidet.
Um uns seiner Perspektive anzunähern, werde ich nach dieser Einleitung die marxistische Ästhetik von Lukács und dessen Realismustheorie darstellen, die marxistisch ist, sich aber wesentlich von der erbärmlichen stalinistischen unterscheidet.
Lukács‘ eigene Ästhetik basiert auf der Ästhetik Hegels, der Marxschen Literaturkritik und diversen eklektisch sich dazu gesellenden Gedanken etwa von Kant oder anderen Denkern. Es werden vor allem die Schülerschaft gegenüber Hegel und Marx sowie zentrale Kategorien der Ästhetik von Lukács vorgestellt.
Daraufhin behandle ich die Frage, wie man anhand der Theorie von Lukács den Onegin als realistischen Roman verstehen kann.
Im Anschluss wird diese Sicht im Fazit geprüft, indem die bis dahin erbrachten Ergebnisse zusammengeführt werden und die eingehende Frage behandelt wird.
Die marxistische Realismustheorie von Georg Lukács
Ästhetik und der historische Materialismus
Lukács kann als Schüler sowohl von Marx als auch von Hegel verstanden werden. Vom hegelianischen Idealisten entwickelte sich Lukács zum Marxisten. Er ging nach der Oktoberrevolution vom historischen Materialismus aus, um gesellschaftliche Phänomene zu untersuchen. Diese Weltanschauung sollte eine wirklich konkrete, dialektische und wissenschaftliche Ästhetik und Kunstkritik ermöglichen.
Gegen den Vulgärmarxismus bei Sozialdemokratie und Stalinismus war Lukács bestrebt, den ganzen Gehalt der Hegelschen und der Marxschen Methode auszuschöpfen. Anders als diese verstand er unter Marxismus nicht dogmatische Lehrsätze aus einer Sammlung dunkelblauer Bibeln und eschatologische Heilsgewissheit, sondern einen lebendigen Umgang mit der Welt und sozialen Phänomenen.
Arbeit und Kunst
Eine ganz wesentliche Bedeutung spielte für Lukács daher die „Hegel-Marxsche Lehre: daß die Menschen ihre eigene Geschichte selbst machen, freilich nicht unter selbst gewählten Umständen und mit Resultaten, die von ihren Absichten grundlegend abweichen“. Damit ist auf den Begriff der Arbeit bzw. Praxis verwiesen, auf die den Menschen definierende Tätigkeit.
Die Arbeit impliziert die Bewusstseins- und Sprachfähigkeit ebenso wie die Fähigkeit, Kunst bzw. Literatur zu produzieren. In diesem Zusammenhang kann Literatur nicht mehr aus der allgemeinen menschlichen Praxis abstrahiert werden. Sie muss aus der Praxis abgeleitet und verstanden werden.
Damit ist auch ausgeschlossen, Literatur frei von Interessen und Ideologie zu verstehen. „Ästhetizismus“ und „Formalismus“ werden verworfen. Literatur ist immer standortgebunden, nie völlig autonom. Und es gibt auch so etwas wie „reine“ Literaturkritik oder "reine" Interpretation nicht.
Vulgärmarxismus der Stalinisten und der Marxismus von Lukács
Allerdings darf man diese allgemeine Bestimmung nicht gleichsetzen mit vulgärmarxistischen oder soziologistischen Ansätzen, Literatur zu betrachten. Lukács greift stattdessen die spärlichen literaturkritischen Aussagen von Marx und Engels auf, die er in eine systematische marxistische Ästhetik ausbauen wollte. Von diesen ausgehend kann man schnell den Gegensatz von stalinistischem „Sozialistischem Realismus“ und marxistischer Ästhetik im Sinne von Marx, Engels und Lukács feststellen.
Literatur wird als soziales Produkt, aber auch als relativ autonom verstanden. Im Rahmen des Marxismus kann man dies als ein Problem der häufig irreführenden Basis-Überbau-Debatte verstehen. Im orthodoxen Marxismus á la Lukács wird Ideologie nicht als ein bestimmter gedanklicher Inhalt verstanden, der direkt aus der „Ökonomie“ komme, sondern als ewiger Bestandteil menschlicher Praxis, der nur vermittelt, auf komplizierte Weise, die gesellschaftlichen Verhältnisse ausdrückt.
Daher wird auch nicht die Klassenzugehörigkeit oder politische Gesinnung in der Kunst als Maßstab der Ästhetik genommen, sondern die genuin ästhetische Kategorie der "Schönheit". Ein politischer Reaktionär wie Balzac etwa wird hoch gelobt, ein Schriftsteller des Proletariats wie Zola hingegen wird scharf kritisiert. Kunst wird also nicht als einfaches Sprachrohr politischer Gesinnung oder sozialer Interessen verstanden, sondern ihr wird eine relative Autonomie von sozialer, politischer und gar individueller Neigung des künstlerischen Subjekts zugestanden.
Daher wird auch nicht die Klassenzugehörigkeit oder politische Gesinnung in der Kunst als Maßstab der Ästhetik genommen, sondern die genuin ästhetische Kategorie der "Schönheit". Ein politischer Reaktionär wie Balzac etwa wird hoch gelobt, ein Schriftsteller des Proletariats wie Zola hingegen wird scharf kritisiert. Kunst wird also nicht als einfaches Sprachrohr politischer Gesinnung oder sozialer Interessen verstanden, sondern ihr wird eine relative Autonomie von sozialer, politischer und gar individueller Neigung des künstlerischen Subjekts zugestanden.
Die künstlerische Autonomie ist also ein Mittelding aus sozialer Bedingtheit und ästhetischer Freiheit. Als soziales Produkt kann Literatur wissenschaftlich, d.h. literaturwissenschaftlich und auch literatursoziologisch durchleuchtet werden. Als ästhetisches Produkt muss es aber auch ästhetisch durchleuchtet werden. Die Literatursoziologie von Lukács ist ein Versuch, beiden Aspekten gerecht zu werden. In ihr sollen sich marxistische Wissenschaft und dialektische Ästhetik vereinen.
Hegels Kunstphilosophie
Die dialektische Ästhetik entstammt natürlich „Hegels Ästhetik“, die, so Lukács, „auf dem Gebiete der Kunstphilosophie den Gipfelpunkt des bürgerlichen Denkens, der fortschrittlichen bürgerlichen Traditionen“ ist. Trotz seiner Kritik an der Abstraktheit und Willkür des Hegelschen Idealismus, stellt Lukács würdigend fest:
"Vor allem überwindet die Hegelsche Ästhetik den Kantschen subjektiven Idealismus, seinen falschen Dualismus, der den angeblich außerhalb der Ästhetik liegenden, den ästhetischen Kategorien vollkommen fremden Inhalt der immer abstrakt und subjektivistisch aufgefaßten, wenn auch ästhetisch bezeichneten Form gegenüberstellt."
Hegels Ästhetik war insofern gegen den Idealismus von Kant und subjektivistische Ästhetiken gerichtet, die sich willkürlich auf die Frage des ästhetischen Empfindens der individuellen Subjektivität beschränkten: „infolge des Formalismus jedoch, der den subjektiven Idealismus begleitet, fällt aus dem Begriff der Aktivität die wirkliche gesellschaftliche Rolle des Individuums heraus und mit ihr jeder gesellschaftliche Inhalt der Kunst. Es ist kein Zufall, daß Kant den Begriff des Schönen mit der Interesselosigkeit verknüpft.“
Die dialektische Ästhetik verteidigt dagegen „die organisch unzertrennliche Einheit von Künstlertum und gesellschaftlicher Aktivität“ und den „Versuch, die grundlegenden Kategorien der Ästhetik zu historisieren“ womit der „Grund für eine wissenschaftliche Ästhetik, die gleichzeitig und unzertrennlich theoretisch und geschichtlich ist“ gedüngt worden sei. Lukács selbst hat beabsichtigt, solch eine Ästhetik zu entwickeln. Die Kunst sollte aus der Gesellschaft abgeleitet und mit der Geschichte erklärt werden.
Ob ihm das gelungen ist, ist wichtig zur Beantwortung der Frage, ob mit dem Realismusbegriff von Lukács Puškins Onegin adäquat zu erfassen ist. Hegels Ästhetik war aus der Sicht von Lukács nur das selbst noch unvollkommene Vorbild. Dennoch habe Hegel einen Fortschritt erreicht, indem er die dialektische Einheit von ästhetischer Form und historischem Gehalt herausarbeitete:
"Der Gehalt also, von dem hier die Rede ist, ist der jeweilige Entwicklungszustand der Gesellschaft und der Geschichte (Weltzustand), den das aktive ästhetische Subjekt vom Standpunkt der Anschauung aus betrachtet und aufarbeitet. Für die Aktivität des ästhetischen Subjekts folgt also die Notwendigkeit, die Aufgabe, diesen und nur diesen Gehalt künstlerisch zu reproduzieren, sich ihn anzueignen, ihn mit den der Kunst eigenen Mitteln auszudrücken. Wobei diese der Kunst eigentümlichen Mittel (Formen) nach der Hegelschen Ästhetik ohne Ausnahme diesem Gehalt entwachsen. Die Hegelsche Ästhetik beruht daher auf der Dialektik, auf der dialektischen Wechselwirkung von Gehalt und Form"
Idealisierung der Antike bei Hegel, Marx und Lukács
Mit Hegels philosophischem Idealismus, „der mit dem Anspruch auftritt, die vom menschlichen Bewußtsein unabhängige objektive Wirklichkeit zu erkennen und sie in gedanklicher, rationell-dialektischer Form auszudrücken“, geht die Idealisierung der Antike einher. „Hegels Ästhetik“, so Lukács, betrachte „die Antike als die echte, eigentliche Kunstperiode“. In der Antike habe die Kunst eine unwiederbringliche Blüte erreicht, während mittelalterliche und moderne Kunst bei Hegel abgewertet werden. Die antike Kunst stelle stets das Ideal des Menschen dar und sei daher Maßstab und Muster für alle Kunst:
"So wird die ganze Ästhetik zur großangelegten Offenbarung der humanistischen Prinzipien: zum Ausdruck des allseitig entwickelten, unverzerrten, noch nicht durch die ungünstige Arbeitsteilung zerstückelten Menschen, des harmonischen Menschen, in welchem die körperlichen und seelischen Eigenschaften, die individuellen und gesellschaftlichen Züge ein unzertrennbares organisches Ganzes bilden. Diesen Menschen zu gestalten, ist in den Augen Hegels die große objektive Aufgabe der Kunst. Natürlicherweise schafft dieses Ideal der Humanität das absolute Kriterium für die Bewertung jedes künstlerischen Stils, jeder Kunstgattung oder eines einzelnen Werkes."
Kunst soll mit Hegel also das Ideal des Menschen oder den Menschen unter idealen Bedingungen widerspiegeln. Hegel war laut Lukács nicht konsequent wissenschaftlich, weil er noch im Idealismus verfangen war.
Wissenschaftlichkeit und materialistische Dialektik nach Lukács
Lukács behauptet daher:"Nur die materialistische Dialektik, die nicht - wie Hegel - die abstrakt geistige, sondern die wirkliche materielle Arbeit zur Basis der Menschwerdung und Entwicklung des Menschen macht, ist imstande, auch in den ästhetischen Fragen die Wirklichkeit richtig, wissenschaftlich zu formulieren."
Wissenschaftlichkeit ist die Bedingung für eine so gedachte marxistische Ästhetik, aber diese hat über die Wissenschaft hinausgehende ästhetische Zwecke:
"Die Aufgabe der marxistischen Ästhetik ist es, die Kategorien des Ästhetischen genau zu erkennen, zu formulieren, ihren Platz in der allgemeinen Theorie der Widerspiegelung wissenschaftlich zu bestimmen."
Das Spezifische von Kunst und Ästhetik nach Lukács
Das einheitliche Prinzip in Lukács' Ästhetik, das seine nicht-marxistische Frühästhetik und seine spätere marxistische Ästhetik verbindet, ist das Bemühen um die Spezifizierung von Kunst und Ästhetik im Gegensatz zu Alltagsdenken, Wissenschaft oder Philosophie. Während aber die Frühästhetik im Wesentlichen willkürlich-idealistisch, formalistisch (nur auf die Form von Kunst bezogen) und nur scheinbar historisch war, sollte seine marxistische Ästhetik objektiv, wissenschaftlich, konkret und konsequent historisch werden. Lukács wendete sich der Literatursoziologie und –kritik von Einzelwerken zu. Mahmoud Ebadian bemerkte in Die Problematik der Kunstauffassung Georg Lukacs' dazu:
"Der unter dem Druck der politischen Ereignisse unternommene kunstanschauliche Positionswechsel Lukacs' verleiht den Schriften dieser Periode einen doppelten oder zwiespältigen Charakter, der darin besteht, daß die Behandlung der neuen Probleme von der alten Kunstauffassung geprägt sind."
Detailanalysen und idealistische Poetik bei Lukács
Lukács spricht zwar davon, „die grundlegenden Kategorien der Ästhetik zu historisieren“. Gleichzeitig aber behält er die Hegelsche und Marxsche Überhöhung der antiken Kunst bei und macht dieses überhistorische Ideal zum Maßstab aller Kunst. „Die Grundlage einer“, Lukács sagt sogar „nie veraltenden Schönheit“ „ist eben die Erfassung und Darstellung der menschlichen Inhalte in ihren richtigen Proportionen.“
Realismus und Idealismus bei Lukács
Daher ist für Lukács der Realismus, die antike Schönheit bzw. die Darstellung des ganzen Menschen in jedem einzelnen Werk, in jeder einzelnen ästhetischen Totalität das Ziel jeder Kunst. Für Lukács ist Kunst immer auch ein Erkenntnismittel, nie einfach nur „schön“ oder unterhaltend. Kunst soll die Realität, die Gesamtheit der Erscheinungen, die Totalität, wie der Dialektiker sagt, ästhetisch angemessen erfassen und darstellen, damit sie Genuss von Schönheit mittels angemessener Erkenntnis ermöglicht.
Tut sie das nur unzureichend, ist sie weder realistisch noch schön, überhaupt keine Kunst. Realismus ist für ihn das künstlerisch angemessene Mittel der Erkenntnis. Unter Realismus verstand Lukács keinen Stil und keine Technik. Er verstand darunter eine ganz bestimmte künstlerische Umsetzung der Widerspiegelung der Realität aus der Haltung des Künstlers zur Realität heraus. Gregory Fuller schrieb dazu in Realismustheorie. Ästhetische Studie zum Realismusbegriff:
"Hier tritt die ästhetische Dialektik von Erscheinung und Wesen ins Spiel. Realismus hat nicht die Erscheinung als Erscheinung abzubilden, Realismus ist immer versucht, zum 'Wesen' durchzudringen. Der vergesellschaftete Mensch erscheint in der realistischen Kunst so, wie er eigentlich ist. Wenn der Realismus zum Wesentlichen durchdringt, so ist mitgesetzt, daß der Realismus 'Wahrheit' darstelle, also die wirkliche Wirklichkeit abbilde."
Stefan Neuhaus erklärt den realistischen Stil in der Literatur als "Idealismus":
"Der Realismus ist eigentlich ein Idealismus, insofern er vom Autor verlangt, bestimmte soziale wie ästhetische Grenzen einzuhalten und mit der kritischen Darstellung des bürgerlichen Alltags auch gleich Ideen und Anregungen zur positiven Veränderung mitzuliefern."
Theodor Fontane, einer der wichtigsten realistischen Dichter, erklärte auch, was Realismus nicht ist:
"Vor allen Dingen verstehen wir nicht darunter das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten"
Der Ästhetiker Lukács erhält also Rückendeckung von einem der wichtigsten literarischen Realisten und von anderen Literaturwissenschaftlern.
Kunst = Schönheit = Realismus
Die Spezifizierung von Kunst und Ästhetik besteht bei Lukács ganz wesentlich darin, dass das humanistische und realistische Wesen der Kunst in jedem einzelnen künstlerischen Werk durchscheint, und dass die Ästhetik die dialektische Einheit dieses Wesens mit ihren Erscheinungen interpretiert, aufdeckt und kritisiert.
Kunst, Schönheit und Realismus werden so bei Lukács (dialektisch) identisch, d.h. „Kunst und Realismus sind so untrennbar wie Ästhetik und Realismustheorie.“ Fontane hat diese Einschätzung ziemlich drastisch und wörtlich bestätigt:
"Der Realismus in der Kunst ist so alt als die Kunst, ja noch mehr: er ist die Kunst. Unsere moderne Richtung ist nichts als eine Rückkehr auf den einzig richtigen Weg, die Wiedergenesung eines Kranken."
Wenn man Lukács also Dogmatismus und Marxismus wegen seiner Literaturtheorie vorwirft, muss man auch dem großartigen Poeten Fontane marxistischen Dogmatismus vorwerfen.
Totalität und dialektische Widerspiegelung in der realistischen Kunst
Von Hegel kommt die Vorstellung, dass die Realität dialektisch ist, sich durch einander widersprechende Tendenzen bewegt und entwickelt. Realität wird als Totalität, als umfassende Gesamtheit der Einzelphänomene, verstanden. Die Gesellschaft ist für Hegel gleichbedeutend mit dieser Gesamtheit. Erst die Erkenntnis ihrer Tendenzen im Einzelnen ermöglicht die Erkenntnis der ganzen Gesellschaft und ihrer Entwicklungstendenz insgesamt. Diese Erkenntnis ist das prozesshafte Verstehen der Teile durch das Ganze und des Ganzen durch die Teile. Das ist im Grunde der hermeneutische Zirkel, der wesentlich ist für eine dialektische Erkenntnistheorie.
Lukács meint, dass der Künstler bei der Erfassung der Realität und ihrer Darstellung prinzipiell so verfahren muss, dass er den genannten hermeneutischen Zirkel durch jedes Kunstwerk provoziert.
"Das Kunstwerk soll den Schein einer Totalität hervorrufen."
Als Marxist will sich Lukács natürlich nicht mit einer immanenten Werkinterpretation begnügen. Ihm ist an einer ganzheitlichen Betrachtung der ästhetischen Praxis gelegen. Es sind bei Lukács mehrere Aspekte dieser Praxis unterscheidbar: die gesellschaftliche Totalität, die Haltung des Kunstproduzenten zur Totalität, seine konkreten künstlerischen Mittel und die Wirkung auf den Kunstkonsumenten bzw. die Gesellschaft.
Zunächst schließt sich Lukács Hegel an, wenn er über günstige und ungünstige gesellschaftliche Totalitäten für gute Kunst schreibt:
Hegel, Marx und Lukács sahen in der Antike einen passenden Gehalt für Kunst, Realismus und Schönheit. Hingegen ist festzuhalten, dass „die Kunst der russischen Realisten“, so kritisiert Lukács an Hegel, eine Richtung war, „die für Hegels Ästhetik sozusagen überhaupt nicht existierte“, während die marxistische Ästhetik gerade den Realismus ab dem 19. Jahrhundert hoch schätzte. Die Bedingungen für den Realismus verbesserten sich wieder, was Hegel laut Lukács noch ausgeschlossen hatte. Der soziale Gehalt ist nicht Garant einer vorherrschenden Sorte von Kunst, sondern bloß Voraussetzung für sie.
"Hegel meint nicht, daß jede Entwicklungsphase der Kunst gleich Wertvolles zu schaffen imstande sei, daß wie dies der dekadent bürgerliche Relativismus behauptet, die geschichtliche Notwendigkeit der Entstehung gewisser Stile in gewissen Perioden die ästhetischen Wert- und Rangunterschiede auslöschen könne, die zwischen den einzelnen Perioden, Stilen bestehen. Er meint im Gegenteil, es folge aus dem Wesen der Kunst, daß ein bestimmter Gehalt für den künstlerischen Ausdruck geeigneter ist als der andere, daß gewisse Entwicklungsstufen der Menschheit für das künstlerische Schaffen noch nicht oder nicht mehr geeignet sind."
Hegel, Marx und Lukács sahen in der Antike einen passenden Gehalt für Kunst, Realismus und Schönheit. Hingegen ist festzuhalten, dass „die Kunst der russischen Realisten“, so kritisiert Lukács an Hegel, eine Richtung war, „die für Hegels Ästhetik sozusagen überhaupt nicht existierte“, während die marxistische Ästhetik gerade den Realismus ab dem 19. Jahrhundert hoch schätzte. Die Bedingungen für den Realismus verbesserten sich wieder, was Hegel laut Lukács noch ausgeschlossen hatte. Der soziale Gehalt ist nicht Garant einer vorherrschenden Sorte von Kunst, sondern bloß Voraussetzung für sie.
Weiterhin ist eine realistische Haltung des Künstlers nötig. Der Künstler erfasst mit der realistischen Haltung die wichtigen Tendenzen in der Gesellschaft, die Einzelphänomene, und kann daher die ganze Gesellschaft im Wesentlichen verstehen. Hat er die Tendenzen und die Gesamttendenz erfasst, wird er als Künstler diese Tendenzen im Kunstwerk angemessen widerspiegeln. Der Realismus muss die Totalität der Gesellschaft ästhetisch widerspiegeln. Tut er das nicht, bricht seine dichterisch-realistische Haltung ab.
Widergespiegelte Totalität ist die Vermittlung der vielen Teile mit dem Ganzen im angemessenen Verhältnis. Im realistischen Werk muss also das passende Verhältnis von Teil und Ganzem gefunden werden. Das richtige künstlerische Verhältnis wird durch Abgleich mit der Wissenschaft von der Gesellschaft erfasst. Dieses passende Verhältnis kann nicht durch idealistische Ästhetik, Poetik oder Literaturtheorie gefunden werden. Die nämlich heben sich von der Gesellschaftswissenschaft ab und bleiben so notwendig einseitig und spekulativ.
Wissenschaft kann sich das aber nicht erlauben, sondern muss stets über bisherige Grenzen hinausweisen. Mitunter muss sie nach umfassender, objektiver und intersubjektiv nachvollziehbarer Erkenntnis streben. Im Sinne von Lukács kann einzig die soziologisch fundierte Literaturtheorie, die Literatursoziologie, einen wissenschaftlichen Maßstab für realistische Literatur liefern. Der Realitätserkenntnis wegen sollen Literatur und Literatursoziologie dialektisch und materialistisch sein.
Dialektik in der Kunst
Von großer Wichtigkeit ist für Lukács also Dialektik in der Kunst. Er kritisiert Kunst, in der die Dialektik irgendwie zerrissen wird, wie er meint. Beispiele sind: romantische, naturalistische und „sozialistisch-realistische“ Kunst. Sie waren für Lukács furchtbar undialektisch, weil einseitig und starr, ohne die komplizierten Widersprüche der realen Welt darzustellen. Gregory Fuller stellt ganz in diesem Sinne fest:
"Alle Kunst, die nicht realistisch ist, ist in letzter Instanz und ohne unlautere Absicht im schlechten Sinn Ideologie. Alle nichtrealistische Kunst stützt mehr oder minder den Status quo, weil sie nicht am Status quo rüttelt"
Solch „Antirealismus“ verschleiere die Wirklichkeit. Nichtrealistische Kunst verfehle laut Lukács das Spezifische an der Kunst, ihr realistisches und ästhetisches Wesen, das in jedem Kunstwerk aufscheinen muss.
Realistisch und schön ist Literatur dann, wenn sie durch die Oberfläche der Realität dringt und zugleich ihre Entwicklungstendenzen aufscheinen lässt. Schön Literatur müsse die „Prosa“ der wirklichen Welt und die mögliche „Utopie“ zugleich und ineinander organisch verwoben darstellen. Und sie müsse die widersprüchlichen Einzelaspekte der Realität gleichzeitig beibehalten.
Dies werde mit den Kategorien des Typischen bzw. des Besonderen in der Kunst gewährleistet.
Das Typische und das Besondere
Die Kategorie der "Totalität" ist in der Ästhetik von Lukács von den Kategorien des "Besonderen" und "Typischen" nicht zu trennen. Hierin spiegelt sich erneut die krasse Kompromisslosigkeit von Lukács beim Ziel und der Definition der Kunst wider. In diesem Sinne wird Lukács nach Ebadian zitiert:
"Nur wenn in diesem Ganzen als Ganzes etwas entscheidend, etwas für die Menschheit unverlierbar Typisches zum Ausdruck kommt, verdient ein Produkt der Kunst Kunstwerk genannt zu werden."
Kunst wird zur Totalität, die die künstlerische Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit ist und sich mit der Kategorie des Typischen oder Besonderen spezifizieren lässt. Ebadian erklärt weiterhin:
"Die ganze Theorie der Literaturinterpretation Lukacs' ist hauptsächlich auf der Konzeption des Typischen als der zugespitzten Spannung begründet."
Und Gregory Fuller fügt hinzu:
"Die „Dialektik von ‚dieser‘ Erscheinung und ‚dem‘ Wesen wird im Typischen offenbar. Das Typische vereint die Gegensätze in eins. Identität der Identität von Erscheinung/Wesen.“
Das Typische bei Lukács soll eine Kategorie sein, die das Einzelne mit dem Allgemeinen, den Teil mit dem Ganzen vermittelt, ohne einen der beiden Aspekte auszulöschen. Die Spannung zwischen beiden Seiten spiegelt die lebendige Dialektik der Realität wider. Ist diese Spannung nicht vorhanden, so wird die Literatur banal und schematisch. Genau das passiert bei den nicht-realistischen Werken, so Lukács.
Wie stellt der Künstler aber konkret die Tendenzen in der Gesellschaft und die Vermittlung von Teilen und Ganzem dar? Das wichtigste Merkmal ist der realistische Figurentypus. Die typische Figur ist das Typische einer Gesellschaft in Protagonisten. Lukács definiert:
Das Typische bzw. Besondere zielt, so Ebadian, auf die
Kurz, der realistische Typus soll Lebhaftigkeit und Stimmigkeit ausstrahlen, eine Figur sein, die sich notwendig aus der Handlung entwickelt. Der Typus soll vor allem lebendige Dialektik verkörpern. Tut eine Figur dies nicht, ist sie nicht typisch, sondern stereotyp oder eine handlungsfremde Schablone, die starr oder unverständlich wirken muss.
Wie stellt der Künstler aber konkret die Tendenzen in der Gesellschaft und die Vermittlung von Teilen und Ganzem dar? Das wichtigste Merkmal ist der realistische Figurentypus. Die typische Figur ist das Typische einer Gesellschaft in Protagonisten. Lukács definiert:
„Der Typus wird dadurch charakterisiert, daß in ihm alle hervorstechenden Züge jener dynamischen Einheit, in welcher die echte Literatur das Leben widerspiegelt, in ihrer widersprüchlichen Einheit zusammenlaufen, daß sich in ihm diese Widersprüche, die wichtigsten gesellschaftlichen, moralischen und seelischen Widersprüche einer Zeit, zu einer lebendigen Einheit verflechten.“
Das Typische bzw. Besondere zielt, so Ebadian, auf die
„Erfassung und Entfaltung der inneren Widersprüche und Zusammenhänge eines komplexen Dinges. Der Mensch ist ein Ensemble der sozialen Verhältnisse, die im Hinblick auf seine soziale Praxis zu klären sind. Dementsprechend stellt sich seine Integrität heraus, indem er im Prozeß der gesellschaftlich notwendigen Praxis dargestellt wird; denn dies ist das Gebiet, auf dem die Menschen als Subjekt der Geschichte tätig sind und ihre Interessen und Ideale zu objektivieren.“
Kurz, der realistische Typus soll Lebhaftigkeit und Stimmigkeit ausstrahlen, eine Figur sein, die sich notwendig aus der Handlung entwickelt. Der Typus soll vor allem lebendige Dialektik verkörpern. Tut eine Figur dies nicht, ist sie nicht typisch, sondern stereotyp oder eine handlungsfremde Schablone, die starr oder unverständlich wirken muss.
Puškins Evgenij Onegin in Lichte von Lukács‘ Ästhetik
Russische Revolution und russische Literatur
Nun endlich, nach dieser längeren Erläuterung der Ästhetik von Lukács, kann ich hoffentlich halbwegs nachvollziehbar die Anwendung dieser Ästhetik auf Puškins Onegin thematisieren. Lukács behauptet, der Onegin und die russische Realität seien erst nach 1917, erst vor dem Hintergrund der russischen Revolution wirklich zu verstehen.
Die Oktoberrevolution war eine Erhebung der russischen Massen gegen die knechtenden und entmenschlichenden Verhältnisse im Zarenreich. Damit zeigte sich die Geschichte der russischen Literatur und der Nationalkultur in einem neuen Licht. Das Schönheitsideal bzw. die „Schönheitssehnsucht der Periode“ waren „eng verwandt mit den wirklichen Problemen der entstehenden neuen Welt“, wie Lukács meint.
Die politische Opposition musste im ganzen 19. Jahrhundert in den Untergrund gehen, während die Literaten öffentlich wirken konnten. Die politische Kritik mag sich so auf die Literatur verschoben haben, denn die Literatur war eine Möglichkeit für die russische Intelligenzija, die erbärmlichen russischen Verhältnisse zu verarbeiten und auf eine bessere Zukunft zu verweisen.
Der Realismus in der russischen Literatur war teils der literarische Ausdruck des fortschrittlichen Idealismus der russischen Intellektuellen. Dieser idealistische Realismus beleuchtete die russische Gesellschaft künstlerisch und lieferte damit bis heute eindrückliche Bilder der damaligen Gesellschaft.
Lukács versteht die realistische Kunst dieser Zeit als „Ruf nach einer noch nicht geborenen Zukunft, als das Zum-Leben-Erwachen jener Tendenzen der gegenwärtigen Wirklichkeit, die diesem Ausblick zustreben.“
Der realistische Gehalt in Evgenij Onegin
Die damaligen Verhältnisse waren so empörend, dass sogar die russische Obersicht, der Adel, gegen den Zarismus revoltierte. Der russische Adel war Anfang des 19. Jahrhunderts stark von westlichen Ideen beeinflusst und wollte eine Modernisierung des Landes. Der Zar und fand 1825 im Aufstand der Dekabristen seinen ersten großen politischen Ausdruck.Puškins Werk ist in diesem Lichte als eine ästhetische Revolte des fortschrittlichen Adels zu verstehen. Puškin war kein revolutionärer Dekabrist, wie wir wissen, aber selbst als an den Adel und den Zarismus gebundener Künstler konnte er immerhin gewisse Realitäten in der russischen Gesellschaft erfassen. Auch konnte er die Wirkung des antiken Ideals vom Menschen künstlerisch darstellen.
Puškin war demnach Realist, weil er die (vor)revolutionäre Situation in ihrem Keim erfasste und angemessen darstellte und Onegin war für Lukács ein Paradebeispiel für realistische Kunst:
An romantischen und naturalistischen Werken kritisiert Lukács die Einseitigkeit. An Puškins Werk, gerade am Onegin lobt er im Gegenteil die Fülle, die volle Erfassung der Realität, eben dass er „eine Enzyklopädie des russischen Lebens“ (Belinskij) ist. Das genau macht für ihn den Onegin zum realistischen Werk. Der Gehalt im Onegin ist „die aus der Struktur der Klassengesellschaft (konkret: der zerfallenden feudalen Gesellschaft) notwendig erwachsende Ungerechtigkeit, die keinen Strahl Hoffnung auf eine Lösung zuläßt.“
Die Figuren im Onegin sind objektiv und „mit sichtbarer Notwendigkeit“ aus dieser zerfallenden Klassengesellschaft herauswachsende Figuren. Es sind ganz typische Menschen jener Zeit. „Puschkin geht nie über die Gestaltung ‚normaler‘ Menschen hinaus. Sein Empörer zeigt nie menschlich verzerrte Züge, im Gegenteil, aus jeder seiner Taten strömt eine geistige und moralische Überlegenheit und beleuchtet um so schärfer die Verdorbenheit der sich auflösenden Gesellschaft.“
Puškin behält auch dadurch durchgehend eine optimistische Perspektive, obwohl er „alles“ sieht und „alles“ offen ausspricht, was in der Klassengesellschaft den Menschen verdirbt. Nach Lukács ist das Problem der deprimierenden und hoffnungslosen Klassengesellschaft als Gehalt der Schönheit im Onegin dadurch überwunden, dass dieser Gehalt nur Inhalt, nicht aber das „formende Prinzip“ ist. Das formende Prinzip ist stattdessen, „inmitten der notwendigen Verzerrungen, die die Klassengesellschaft erzeugt, die menschliche Integrität, das Ideal der menschlichen Totalität zu retten“.
Lukács versucht, die dargestellten Proportionen im Onegin aus den Proportionen der Gesellschaft abzuleiten:
Die Geschichte stelle den Onegin in einem neuen Licht dar, zeige die prophetische Weisheit dieses Textes. Einseitig romantisch oder dekadent wäre das Werk, wenn von vorne bis hinten Onegins Erkrankung an der Langeweile und Sinnlosigkeit als ganz natürlich und hinzunehmend oder als von vornherein unmöglich dargestellt wäre und wenn die Liebe Tat’janas zum Beispiel durchgehend als völlig unrealisierbar oder umgekehrt als ganz einfach zu erreichende Sache beschrieben wäre. Das wäre extrem einseitig und würde nicht das angemessene, realistische Verhältnis von Teil und Ganzem simulieren.
Das aber passiert nicht, sondern es wird ganz konkret gezeigt, wieso die Ideale und Wünsche der beiden sich nicht durchsetzen lassen, also ein angemessenes Verhältnis widergegeben. Onegin gehört nun Mal zum Typus des überflüssigen Menschen, der Liebe daher auch nur kaum akzeptieren kann, und Tat’jana kann als typisch russische Frau (des Adels) in einer zutiefst konservativen und frauenfeindlichen Gesellschaft eben nicht einfach ewig ledig bleiben oder ihren Ehemann der Liebe wegen verlassen. Soziale Zwänge hindern die beiden an ihren persönlichen Ansprüchen.
Ebenso steht es mit dem getöteten Idealisten Lenskij. Es ist dies der „Grundwiderspruch zwischen individuellem menschlichem Wollen, das an der nicht durchschaubaren Bewegung des Lebens und der Natur scheitert“ Die Ideale siegen also nicht an der Oberfläche der Handlung, weil die soziale Realität der Handlung es nicht erlaubt. Aber gerade deswegen siegen sie hintergründig moralisch, ideell gegen diese hinderliche Realität. Die Veränderung dieser Realität erscheint als die mögliche und notwendige Lösung für den Konflikt von nach Freiheit strebendem Individuum und Freiheit verhindernder Gesellschaft. Zur konkreteren Analyse dieser drei Figurentypen kommt es im Folgenden.
In der Hauptfigur Onegin vereinen sich offenbar der realistische Figurentypus von Lukács mit dem zentralen Figurentypus des russischen Realismus und der tragischsten Figur der realen russischen Gesellschaft bis zum Aufkommen der russischen Arbeiterbewegung. Die Darstellung Onegins ist realistisch und schön, weil er ganz vortrefflich die typischen Tendenzen der damaligen hohen Gesellschaft in sich verkörpert, zwischen denen er letztlich moralisch zerrieben wird.
Als (halb-)gebildeter Mann von Welt, als Dandy, hat er hohe Ideale erfahren, aber da ihm sein anerzogener Konformismus und seine rückständige Gesellschaft ein Ausleben der Ideale nicht gerade leicht machen, sind bei ihm die Ideale nur Schmuck. Er wäre gewiss gern eine „schöne Seele“ im Sinne Schillers, schmückt sich mit einer solchen charismatischen Aura aber letztlich nur wie mit dem schönen Pelz eines zuvor getöteten Tieres. Damit repräsentiert er wunderbar den Typus des „überflüssigen Menschen“, „des sozial funktionslosen russischen Adligen, dessen reiches Potential an Gütern und Geist ohne sinnvolle Aufgabe brachliegt.“
Schon in der dritten Strophe macht Puškin einen zentralen Grund für die Mängel seiner Hauptfigur deutlich: dessen weitreichende, aber eigentlich seichte Bildung und Moral bloß „in leichten Döschen“. Puškin zeigt, dass durchaus mehr drin wäre, dass Onegins Bildungsprozess aber sozial (d.h. künstlich durch bewusste Tätigkeit) begrenzt wird. Seine Erziehung zielt nicht auf die Heranbildung eines unverzerrten und harmonischen Menschen, sie zielt höchstens auf eine Karikatur dessen: einen verzerrten, verbildeten Menschen.
Das Resultat ist ein hässliches Wesen mit allenfalls schönem Schein. Denn obwohl Onegin mittels der antiken Vorbilder Juvenal, Vergil, Homer und Theokrit ebenso wie mittels eines Adam Smith oder seiner Liebeslyrik mit „Bildung glänzen“ und klugschwätzen kann, beschränkt er sich darauf, bei „ernsten Themen stillzuschweigen“ und „war für Weltgeschichte taub“.
Onegins Beziehung zu Frauen ist zunächst ebenso oberflächlich wie zur Welt allgemein. Dennoch vermag er die wohl ebenso oberflächlichen Damen zu begeistern: „Имел он [...]/И возбуждать улыбку дам/Огнем нежданных эпиграмм“. Die Verführung war ohnehin das einzige Gebiet, in dem er wirklich glänzen konnte:
In den Strophen, in welchen Puškin am eindringlichsten auf die Beziehung Onegins zu den Frauen eingeht, wird ziemlich deutlich, dass Onegin an etwas wie Dekadenz (im sogleich ausgeführten Sinne) leidet: „Wo Unschuld Vorbehalte macht“, und in „schwachen Augenblicken“ „aller leichten Fraun“, da vermag Onegin es, „Verstand und Glut ins Feld zu schicken“, wobei er dennoch stets gelangweilt bleibt.
Solch eine Dekadenz kann definiert werden als „durch Krisenerscheinungen einer überreif gewordenen Ordnung erzwungener Antihumanismus und Nihilismus unter Beibehaltung der durch Differenzierung des Empfindungs- und Geisteslebens gekennzeichneten Höhe des echt Elitehaften“, so Leo Kofler, ein Schüler von Lukács.
Genau dieses Phänomen tritt im Falle Onegins allzu deutlich zu Tage, wenn man den Kontrast zwischen seiner Gleichgültigkeit „ernsten Themen“ gegenüber und seiner elitären Differenzierung in der Kunst der Verführung betrachtet. Dass Onegin bei Frauen Feuer und Flamme wird - und dass Puškin selbst durchaus kein antizaristischer Revolutionär war - sollte den Leser nicht darüber hinwegtäuschen, dass Onegin selbst darin bloß ein Heuchler und ein erbärmliches Opfer der überreif gewordenen zaristischen Ordnung ist.
Onegin langweilt sich selbst noch in der Leidenschaft, denn das ist es, „worum sich von früh bis spät/Sein Müßiggang gelangweilt dreht“. Onegins Geringschätzung seines Freundes und romantischen Idealisten Lenskij zeigt, dass er trotz seiner Nähe zur „schönen Seele“ Lenskijs nicht fähig ist, sich von seinem deprimierenden Konformismus bzw. Ritualismus zu lösen.
Den Konflikt mit Lenskij wegen eines unbedeutenden Flirts provoziert Onegin bereitwillig und ihr anschließendes Duell bereitet ihm nicht einmal eine schlaflose Nacht. Onegin tötet seinen Freund erbarmungslos. Immerhin zeigt er danach Reue, was wieder seine bloß sozial bedingte Verzerrung beweist. Onegin tötet mit Lenskij im Grunde symbolisch seine eigenen Ideale.
Einzig Tat’jana vermag es gegen Ende des Romans, in Onegin die Menschlichkeit und ungeheuchelte Liebe entflammen zu lassen. Er bereut seine Fehler und legt sein Schicksal in ihre Hände, aber es ist sein zuvor selbst gewähltes Los, in Tat’janas Abweisung die Strafe für seine unmenschliche Dekadenz zu erhalten. Allerdings zeigt sich bereits zuvor, nämlich bei der Abweisung Tat’janas durch Onegin, dass er nicht einfach ein Unmensch ist, sondern trotz seiner Dekadenz noch einen Funken Menschlichkeit zeigt, indem er ihr nichts vorheuchelt, sondern sie zu ihrem eigenen Besten klar mit der Begründung abweist, sie würden eine Ehe der Langeweile und Entfremdung leben, wie es typisch für den Adel war.
Lenskij ist trotz seines Idealismus keine unrealistische Figur, sondern er verkörpert eine mögliche Tendenz der russischen hohen Gesellschaft, in der sich neben Dekadenz und Überfluss zu jener Zeit alles fortschrittliche Leben abspielte. Er gehört immerhin zum Schlag der humanistisch gesinnten adeligen Jugend, die mit dem Dekabristenaufstand von 1825 den ersten sichtbaren Riss im Zarismus bedeutete und von revolutionären Demokraten und Sozialisten beerbt wurde. Sein Idealismus ist ein romantischer, da Lenskij als Adeliger nicht die gesellschaftliche Kraft darstellen kann, die die menschliche Revolution möglich machen würde.
Erst die Arbeiterbewegung macht es möglich. Seine Ideen konnten nur aus dem ovalen Kopf Hegels auf den schmalen Schultern des deutschen Idealismus in der Welt geistern, wie es damals üblich war. Abgesehen davon ist Lenskij romantischer Poet. Sein Idealismus bleibt daher abstrakt und lyrisch.
Die Tötung Lenskijs durch Onegin ist gewiss ein Symbol für die Ohnmacht des dergestaltigen menschlichen Ideals gegenüber der „Prosa“ des wirklichen Lebens jener Zeit, und sie ist „eine Allegorie der Tötung/Beendigung der [romantisch-idealistischen] Epoche.“ Lenskij ist damit zugleich die tragische Figur des zu früh gekommenen Revolutionärs, der nur scheitern kann.
Tat’jana hat ihre eigene Tragik. Ihre anfängliche Naivität, durch die sie sich in Onegin verliebt, verschwindet in ihrer gesellschaftlichen Integration. Der Konformismus macht sie zu einer Dame von Welt. Dennoch ist sie keine völlig geistlose Seele geworden. Sie hat ihre Ideale und ihre Liebe nur versteckt und unterdrückt. Sie heiratet wie so viele Menschen damals (wie heute) nicht aus Liebe, sondern aus Konvention oder sozialer Notwendigkeit.
Das gesteht sie Onegin sogar. Weiterhin erklärt sie ihm, dass sie ihn noch immer liebe, aber aus ihrer Situation nicht heraus könne. Im Grunde verinnerlicht sie ihre Ideale und veräußert sie damit zugleich. Sie opfert ihre Individualität den Anforderungen der Gesellschaft an sie als Frau.
In den vorherigen Kapiteln wurde die heute noch vorhandene Relevanz der Realismustheorie von Lukács und deren Anwendung auf Puškins Onegin vorgestellt. Es zeigte sich, dass Lukács im Wesentlichen die ästhetischen Anschauungen von Hegel und noch mehr von Marx übernommen und systematisiert und in höherem Maße in seiner Literaturkritik konkret angewandt hat.
Anhand der Realismustheorie von Lukács konnte ein Werk wie der Onegin als realistisch dargestellt werden, da es alle wesentlichen Merkmale eines realistischen Werkes nach Lukács aufweist. Puškin hat als Künstler die wesentlichen Tendenzen seiner Gesellschaft erfasst und angemessen dargestellt, also eine realistische Haltung bewiesen. Evgenij Onegin kann als realistischer Text durchgehen, obwohl er der Form nach ein lyrischer Roman in Versen ist und romantische Topoi aufgreift.
Aber weder Lyrik noch romantische Elemente schließen Realismus aus. Denn die Hauptforderung an die Kunst, sie solle die den ganzen Menschen ideell, ästhetisch angemessen erfassen und darstellen, ist im Onegin erfolgreich erfüllt. Die gesellschaftliche Totalität wird anhand ihrer widersprüchlichen Tendenzen, verkörpert durch die typischen Figuren wie Onegin, Tat’jana und Lenskij, dargestellt.
Die Dialektik kommt da nicht zu kurz. Es gibt keine Einseitigkeiten, sondern immer nur Einschränkungen von Ideen. Die Liebe verliert in der Handlung, siegt aber ideell. Die Emanzipation erleidet gegenüber dem Konformismus und der Dekadenz in der Handlung zwar eine Niederlage, aber sie siegt doch, weil ihre moralische Überlegenheit eindeutig ist. Lenskij wird zwar von Onegin getötet, aber sein Tod ist nicht der Tod seiner Ideen. Immerhin verfällt selbst der abgeklärte Nihilist Onegin daraufhin selbst der Liebe.
Eigentlich lächerliche gesellschaftliche Rituale verhindern das Glück der Figuren im Roman. Geschichtliche Schranken für die harmonische Entwicklung des Menschen werden hier also ziemlich deutlich dargestellt und die humanistische Forderung nach ihrer Überwindung könnte daraus folgen. Mit Lukács‘ Realismustheorie kann Onegin als realistisch deklariert werden.
Aber wie steht es mit dieser Theorie in Gänze? Natürlich wäre ein konkreter Vergleich mit nicht-realistischen Werken und ein Vergleich mit Kritiken der gegen Lukács argumentierenden Wissenschaftler in Bezug auf den Onegin geboten, um die Problematik annähernd vollständig zu erfassen.
Allerdings scheint dies gar nicht nötig zu sein, um die Unzulänglichkeit der Hegel-Marx-Lukácschen Ästhetik zu kritisieren. Bei der Darstellung der Ästhetiken von Hegel, Marx und Lukács zeigte sich nämlich, dass alle drei eine besondere und problematische Form normativer Poetik vertreten: eine Ästhetik, die einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit mit der normativen Forderung nach Darstellung des Ideals der Humanität, welches „das absolute Kriterium für die Bewertung jedes künstlerischen Stils, jeder Kunstgattung oder eines einzelnen Werkes“ sei, in sich vereinen sollte. Anders aber als subjektivistische Literaturkenner wohl meinen, ist das eigentliche Problem einer solchen Ästhetik weniger die herausposaunte Normativität, die die Idealisten bloß unter den Teppich kehren wollen, ohne dass sie dadurch verschwindet.
Nicht die Forderung nach Einheit von Wissenschaftlichkeit und Normativität, nicht die Forderung nach einer Literatursoziologie, die zugleich eine soziologische Basis für ästhetische Beschäftigung mit Literatur im engeren Sinne bieten soll, nicht „der Mensch das Maß aller Dinge“ sind das Problem. Das Problem ist ein anderes: Der Anspruch der vorgestellten Lukácsschen Ästhetik wird genau genommen dem eigenen Anspruch nicht gerecht. Im Gegenteil: Die mangelhafte Umsetzung seines Anspruchs ist das eigentliche Problem. Das soll an einigen Teilaspekten des Problems ausgeführt werden.
Lukács will die ästhetischen Kategorien konsequent historisieren und soziologisieren, sie aus Gesellschaft und Geschichte ableiten und erklären. Zugleich ist sein ästhetischer Maßstab die Darstellung der Totalität des Menschen bzw. des Ideals des Menschen wie in der antiken Kunst in jedem Einzelwerk. Seine Betrachtung wird so tendenziell ahistorisch und abstrakt. Rolf Günter Renner kritisiert das sehr schön in Ästhetische Theorie bei Georg Lukács:
Die Beschränkung auf das inhaltlich-abstrakte „Geltendmachen der Totalität“ führt Lukács ästhetisch zurück zum objektiven Idealismus à la Hegel! Lukács ist zwar an einer ganzheitlichen und objektiven Betrachtung der ästhetischen Praxis gelegen. Er widmet sich auch ganz wunderbar dem historischen Hintergrund und der „Haltung“ des Künstlers wie auch den konkreten Kunstmitteln, die eine werkimmanente Darstellung des menschlichen Ideals liefern oder auch nicht liefern.
Er betont auch gerne implizit und teils explizit die erkenntnisfördernde und schöne Wirkung realistischer Literatur auf den Leser („Das Kunstwerk soll den Schein einer Totalität hervorrufen.“), allerdings tut er das nicht konsequent genug. Er betreibt weder Rezeptionsforschung noch Lesersoziologie, sondern begnügt sich mit Spekulationen über die Wirkung von Literatur! Daher kann er ausschließen, dass nicht-realistische Kunst in seinem Sinne eine realistisch-humanistische, schöne Wirkung auf den Leser haben kann.
Wenn Lukács seine ästhetischen Kategorien ahistorisiert und zugleich über gesellschaftliche Dialektik spekuliert, so fällt er zurück in eine idealistische und spekulative Ästhetik, eine Ästhetik des objektiven Idealismus wie bei Hegel. Er hintergeht damit den eigens erklärten Anspruch, eine konsequent wissenschaftliche Ästhetik "ohne illegitime Voraussetzungen“ zu formulieren. Schon mit seinem Schüler Kofler kann Lukács darin scharf kritisiert werden, denn dieser betrachtet die „soziologische Methode“ als „die einzige wissenschaftlich zulängliche Methode überhaupt“, auch in Bezug auf Kunst und Literatur.
Sogar Lukács‘ ästhetisches Hauptwerk, die große Ästhetik, kommt, so der mit Lukács sympathisierender Kritiker Ebadian, „mit der antiken Kunsttheorie, der deutschen klassischen Ästhetik und der marxistischen Kunstauffassung nicht zurecht" und „verfehlt ihre Bestimmung, die Eigenart des Ästhetischen zu erfassen."
Ist der Anspruch von Lukács damit falsch oder unmöglich zu realisieren und kann man seiner Theorie wissenschaftliche Mängel in Bezug auf die Erfassung realistischer Werke vorwerfen? Sicher, wenn man dogmatisch an seinen Lehrsätzen festhält. Aber eine kritische Weiterentwicklung seiner Realismustheorie ist wohl möglich, wenn man sich seine Definition des orthodoxen Marxismus als kritische Methode zu Herzen nimmt. Lukács schreibt über die Wirkung von Kunst: „Nur wenn in diesem Ganzen als Ganzes etwas entscheidend, etwas für die Menschheit unverlierbar Typisches zum Ausdruck kommt, verdient ein Produkt der Kunst Kunstwerk genannt zu werden.“ Er bezieht solche Aussagen immer auf das Einzelwerk, nie auf die Kunst insgesamt.
Wieso aber sollte eine dialektische Ästhetik dazu verdammt sein, so engstirnig wie das ästhetische System von Lukács zu sein? Die Realismustheorie müsste auf Kunst insgesamt ausgeweitet werden. Marxistische Ästhetiken, die wissenschaftlicher und zugleich ästhetisch tiefsinniger als die von Lukács sind, gibt es denn auch bereits. Leo Kofler hat z.B. hat Lukács sinngemäß erweitert und Lucien Goldmann sowie Peter Bürger etwa haben marxistische Lukács-kritische Ästhetiken entwickelt.
Entscheidend ist, dass die Ästhetik wirklich historisiert wird und an die Stelle von Spekulation die wirkliche und konkrete Erforschung aller Ebenen der Kunst tritt. Die spekulative Ästhetik kann so zu einer historisch-materialistischen Literatursoziologie werden, deren Zweige für die einzelnen Aspekte von Kunst zuständig sind. Ihre Verbindung impliziert eine ganzheitliche Betrachtung der künstlerischen Praxis und auch der Realismustheorie. Kunst und Realismus können so weiterhin im Sinne von Lukács identifiziert werden, während die rigiden Anforderungen eines Lukács an jedes Werk aufgegeben werden können.
Die Kunst kann so wirklich als Gesamtheit, samt ihren sozialen Bedingungen, verschiedensten Ausprägungen, künstlerischen Haltungen und Interpretationen wie Wirkungen auf den Konsumenten erfasst werden. Realismus ist dann nicht mehr auf das Einzelwerk fixiert, sondern auf die Kunst insgesamt. Kunst als Ganzes hat dann immer noch den Auftrag, die das menschliche Ideal ästhetisch zu vermitteln. Die künstlerisch, humanistisch gebildete Gesellschaft von Kunstkennern kann prinzipiell auch nicht-realistische und nicht-schöne Produkte im Sinne der Realismustheorie von Lukács genießen, aus ihr also Erkenntnis und Genuss ziehen. Letztlich kann in derselben Richtung sogar nicht wesentlich ästhetisch intendierte Praxis ästhetisch, d.h. als Kunst, betrachtet werden. Kunst und Gesellschaft bedingen sich schließlich gegenseitig, gehen stets zusammen, werden so gesehen zur dialektischen Einheit.
Solch eine Perspektive führt, so kann furchtbar pompös geschlossen werden, theoretisch zum erklärten Ziel von Lukács: zu einer wirklich dialektischen und wissenschaftlichen Ästhetik, vielleicht gar in einer humanen und künstlerischen Gesellschaft, die - nicht mehr wie die Klassengesellschaften das reiche Potential an Gütern und Geist ohne sinnvolle Aufgabe brachliegen lässt oder milliardenfach zerstört, damit eine verschwindend kleine Minderheit sich austoben darf - wegen ihres demokratischen Gehalts alltäglich künstlerischen Realismus erzeugt und prinzipiell jedem Menschen Kunstproduktion und –genuss ermöglicht, also ein „Reich der Freiheit“ (Marx) ist.
Ursula Apitzsch: Gesellschaftstheorie und Ästhetik bei Georg Lukacs bis 1933, Stuttgart 1977.
Ästhetik, hg. v. Friedrich Bassenge, Berlin 1955.
Peter Bürger: Aktualität und Geschichtlichkeit. Studien zum gesellschaftlichen Funktionswandel der Literatur, Frankfurt am Main 1977.
Terry Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 1997.
Mahmoud Ebadian: Die Problematik der Kunstauffassung Georg Lukacs', Hamburg 1977.
Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe, Frankfurt am Main 1981.
Gregory Fuller: Realismustheorie. Ästhetische Studie zum Realismusbegriff, Bonn 1977.
Lucien Goldmann: Dialektische Untersuchungen, Neuwied am Rhein 1966.
Lucien Goldmann: Soziologie des Romans, Frankfurt am Main 1984.
Erika Greber: Aleksandr Puškin: Evgenij Onegin, in: Der russische Roman, hg. v. Bodo Zelinsky, Köln 2007, S. 93–116.
Joachim Hirsch: Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen, Hamburg 2002.
Oliver Jahraus: Literaturtheorie. Theoretische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft, Tübingen 2004.
Leo Kofler: Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus, Ulm/Donau 1960.
Leo Kofler: Geschichte und Dialektik. Zur Methodenlehre der marxistischen Dialektik, Oberaula 1970.
Leo Kofler: Zur Theorie der modernen Literatur. Der Avantgardismus in soziologischer Sicht, Düsseldorf 1974.
Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, Stuttgart 1975.
Leo Kofler: Haut den Lukács - Realismus und Subjektivismus. Marcuses ästhetische Gegenrevolution, Lollar 1977.
Petr A. Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur, Frankfurt am Main 1975.
Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1976.
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart, München 2000.
Georg Lukács: Hegels Ästhetik, in: Ästhetik, hg. v. Friedrich Bassenge, Berlin 1955, S. 10–46.
Georg Lukács: Der russische Realismus in der Weltliteratur, Berlin 1952.
Georg Lukács: Wider den mißverstandenen Realismus, Hamburg 1958.
Georg Lukács: Marxismus und Stalinismus. Politische Aufsätze, Reinbek bei Hamburg 1970.
Georg Lukács: Ästhetik III, Neuwied 1972.
Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie, Frankfurt am Main 1985.
Manfred Alexander, Günther Stökl: Russische Geschichte, Stuttgart 2009.
Stefan Neuhaus: Grundriss der Literaturwissenschaft, Tübingen 2003.
Gerhard Pasternack: Georg Lukács. Späte Ästhetik und Literaturtheorie, Königstein/Ts. 1985.
Alexander Puschkin: Jewgeni Onegin. Aus dem Russischen von Rolf-Dietrich Keil, Frankfurt am Main, Leipzig 1999.
Fritz J. Raddatz: Georg Lukács. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1972.
Thomas Reis: Das Bild des klassischen Schriftstellers bei Georg Lukács. Eine Untersuchung zur Wirkungsgeschichte literarischer Topoi in seiner Literaturtheorie und Ästhetik, Frankfurt 1984.
Rolf Günter Renner: Ästhetische Theorie bei Georg Lukács. Zu ihrer Genese und Struktur, Bern 1976.
Petra C. Schmidt-Betsch: Idee versus Ideologie. Die Lukács-Adorno-Kontroverse und … die Freiheit des Menschen in Heinrich Bölls littérature engagée ; zur Frage nach dem poetischen Realismus, Gießen 1993.
Der russische Roman, hg. v. Bodo Zelinsky, Köln 2007.
Александр Пушкин: Евгений Онегин. Роман в стихах, Санкт-Петербург 2008.
„Belinskij sagt richtig über Eugen Onegin, daß dieses Werk ein Roman und kein Epos sei, nicht einmal ein sogenanntes modernes Epos. Es ist ein Roman, der die Totalität des damaligen russischen Lebens enthält und über den Belinskij wieder richtig sagt, er sei die Enzyklopädie des russischen Lebens. Es ist ein Roman, und zwar ein epochemachender Roman größten Stils, denn Puschkin erfaßt und gestaltet in ihm die wichtigen Typen seiner Gegenwart in einer solchen Tiefe, daß sie als die sekulär bedeutenden Typen der späteren russischen Entwicklung vor uns stehen.“
An romantischen und naturalistischen Werken kritisiert Lukács die Einseitigkeit. An Puškins Werk, gerade am Onegin lobt er im Gegenteil die Fülle, die volle Erfassung der Realität, eben dass er „eine Enzyklopädie des russischen Lebens“ (Belinskij) ist. Das genau macht für ihn den Onegin zum realistischen Werk. Der Gehalt im Onegin ist „die aus der Struktur der Klassengesellschaft (konkret: der zerfallenden feudalen Gesellschaft) notwendig erwachsende Ungerechtigkeit, die keinen Strahl Hoffnung auf eine Lösung zuläßt.“
Die Figuren im Onegin sind objektiv und „mit sichtbarer Notwendigkeit“ aus dieser zerfallenden Klassengesellschaft herauswachsende Figuren. Es sind ganz typische Menschen jener Zeit. „Puschkin geht nie über die Gestaltung ‚normaler‘ Menschen hinaus. Sein Empörer zeigt nie menschlich verzerrte Züge, im Gegenteil, aus jeder seiner Taten strömt eine geistige und moralische Überlegenheit und beleuchtet um so schärfer die Verdorbenheit der sich auflösenden Gesellschaft.“
Puškin behält auch dadurch durchgehend eine optimistische Perspektive, obwohl er „alles“ sieht und „alles“ offen ausspricht, was in der Klassengesellschaft den Menschen verdirbt. Nach Lukács ist das Problem der deprimierenden und hoffnungslosen Klassengesellschaft als Gehalt der Schönheit im Onegin dadurch überwunden, dass dieser Gehalt nur Inhalt, nicht aber das „formende Prinzip“ ist. Das formende Prinzip ist stattdessen, „inmitten der notwendigen Verzerrungen, die die Klassengesellschaft erzeugt, die menschliche Integrität, das Ideal der menschlichen Totalität zu retten“.
Lukács versucht, die dargestellten Proportionen im Onegin aus den Proportionen der Gesellschaft abzuleiten:
"Nach der Klärung dieser Fragen können wir konkreter an die nähere Bestimmung der Puschkinschen Schönheit herangehen. […] jede seiner Gestaltungen, mag sie ein Gefühl oder ein Ereignis darstellen, entspricht inhaltlich und formell, ihrem quantitativen und qualitativen Gehalt nach genau den tiefsten und wahrsten Richtungen der objektiven gesellschaftlichen Wirklichkeit […] wichtig bleibt, daß der gestaltende Blick des Dichters, der diese richtigen Proportionen feststellt, immer über den Tag, über die Vorurteile der Oberfläche hinausweis und diese Proportionen immer – gerade aus dem Gesichtspunkt der Zukunft, des Fortschritts – korrigiert."
Die Geschichte stelle den Onegin in einem neuen Licht dar, zeige die prophetische Weisheit dieses Textes. Einseitig romantisch oder dekadent wäre das Werk, wenn von vorne bis hinten Onegins Erkrankung an der Langeweile und Sinnlosigkeit als ganz natürlich und hinzunehmend oder als von vornherein unmöglich dargestellt wäre und wenn die Liebe Tat’janas zum Beispiel durchgehend als völlig unrealisierbar oder umgekehrt als ganz einfach zu erreichende Sache beschrieben wäre. Das wäre extrem einseitig und würde nicht das angemessene, realistische Verhältnis von Teil und Ganzem simulieren.
Das aber passiert nicht, sondern es wird ganz konkret gezeigt, wieso die Ideale und Wünsche der beiden sich nicht durchsetzen lassen, also ein angemessenes Verhältnis widergegeben. Onegin gehört nun Mal zum Typus des überflüssigen Menschen, der Liebe daher auch nur kaum akzeptieren kann, und Tat’jana kann als typisch russische Frau (des Adels) in einer zutiefst konservativen und frauenfeindlichen Gesellschaft eben nicht einfach ewig ledig bleiben oder ihren Ehemann der Liebe wegen verlassen. Soziale Zwänge hindern die beiden an ihren persönlichen Ansprüchen.
Ebenso steht es mit dem getöteten Idealisten Lenskij. Es ist dies der „Grundwiderspruch zwischen individuellem menschlichem Wollen, das an der nicht durchschaubaren Bewegung des Lebens und der Natur scheitert“ Die Ideale siegen also nicht an der Oberfläche der Handlung, weil die soziale Realität der Handlung es nicht erlaubt. Aber gerade deswegen siegen sie hintergründig moralisch, ideell gegen diese hinderliche Realität. Die Veränderung dieser Realität erscheint als die mögliche und notwendige Lösung für den Konflikt von nach Freiheit strebendem Individuum und Freiheit verhindernder Gesellschaft. Zur konkreteren Analyse dieser drei Figurentypen kommt es im Folgenden.
Die Hauptfigur Onegin
In der Hauptfigur Onegin vereinen sich offenbar der realistische Figurentypus von Lukács mit dem zentralen Figurentypus des russischen Realismus und der tragischsten Figur der realen russischen Gesellschaft bis zum Aufkommen der russischen Arbeiterbewegung. Die Darstellung Onegins ist realistisch und schön, weil er ganz vortrefflich die typischen Tendenzen der damaligen hohen Gesellschaft in sich verkörpert, zwischen denen er letztlich moralisch zerrieben wird.
Als (halb-)gebildeter Mann von Welt, als Dandy, hat er hohe Ideale erfahren, aber da ihm sein anerzogener Konformismus und seine rückständige Gesellschaft ein Ausleben der Ideale nicht gerade leicht machen, sind bei ihm die Ideale nur Schmuck. Er wäre gewiss gern eine „schöne Seele“ im Sinne Schillers, schmückt sich mit einer solchen charismatischen Aura aber letztlich nur wie mit dem schönen Pelz eines zuvor getöteten Tieres. Damit repräsentiert er wunderbar den Typus des „überflüssigen Menschen“, „des sozial funktionslosen russischen Adligen, dessen reiches Potential an Gütern und Geist ohne sinnvolle Aufgabe brachliegt.“
Schon in der dritten Strophe macht Puškin einen zentralen Grund für die Mängel seiner Hauptfigur deutlich: dessen weitreichende, aber eigentlich seichte Bildung und Moral bloß „in leichten Döschen“. Puškin zeigt, dass durchaus mehr drin wäre, dass Onegins Bildungsprozess aber sozial (d.h. künstlich durch bewusste Tätigkeit) begrenzt wird. Seine Erziehung zielt nicht auf die Heranbildung eines unverzerrten und harmonischen Menschen, sie zielt höchstens auf eine Karikatur dessen: einen verzerrten, verbildeten Menschen.
Das Resultat ist ein hässliches Wesen mit allenfalls schönem Schein. Denn obwohl Onegin mittels der antiken Vorbilder Juvenal, Vergil, Homer und Theokrit ebenso wie mittels eines Adam Smith oder seiner Liebeslyrik mit „Bildung glänzen“ und klugschwätzen kann, beschränkt er sich darauf, bei „ernsten Themen stillzuschweigen“ und „war für Weltgeschichte taub“.
Onegins Beziehung zu Frauen ist zunächst ebenso oberflächlich wie zur Welt allgemein. Dennoch vermag er die wohl ebenso oberflächlichen Damen zu begeistern: „Имел он [...]/И возбуждать улыбку дам/Огнем нежданных эпиграмм“. Die Verführung war ohnehin das einzige Gebiet, in dem er wirklich glänzen konnte:
"Как рано мог он лицемерить,/Таить надежду, ревновать,/Разуверять, заставить верить,/Казаться мрачным, изнывать,/Являться гордым и послушным,/Внимательным иль равнодушным!/Как томно был он молчалив,/Как пламенно красноречив,/В сердечных письмах как небрежен!/Одним дыша, одно любя!/Как он умел забыть себя!/Как взор его был быст и нежен,/Стыдлив и дерзок, а порой/Блистал послушною слезой!"
In den Strophen, in welchen Puškin am eindringlichsten auf die Beziehung Onegins zu den Frauen eingeht, wird ziemlich deutlich, dass Onegin an etwas wie Dekadenz (im sogleich ausgeführten Sinne) leidet: „Wo Unschuld Vorbehalte macht“, und in „schwachen Augenblicken“ „aller leichten Fraun“, da vermag Onegin es, „Verstand und Glut ins Feld zu schicken“, wobei er dennoch stets gelangweilt bleibt.
Solch eine Dekadenz kann definiert werden als „durch Krisenerscheinungen einer überreif gewordenen Ordnung erzwungener Antihumanismus und Nihilismus unter Beibehaltung der durch Differenzierung des Empfindungs- und Geisteslebens gekennzeichneten Höhe des echt Elitehaften“, so Leo Kofler, ein Schüler von Lukács.
Genau dieses Phänomen tritt im Falle Onegins allzu deutlich zu Tage, wenn man den Kontrast zwischen seiner Gleichgültigkeit „ernsten Themen“ gegenüber und seiner elitären Differenzierung in der Kunst der Verführung betrachtet. Dass Onegin bei Frauen Feuer und Flamme wird - und dass Puškin selbst durchaus kein antizaristischer Revolutionär war - sollte den Leser nicht darüber hinwegtäuschen, dass Onegin selbst darin bloß ein Heuchler und ein erbärmliches Opfer der überreif gewordenen zaristischen Ordnung ist.
Onegin langweilt sich selbst noch in der Leidenschaft, denn das ist es, „worum sich von früh bis spät/Sein Müßiggang gelangweilt dreht“. Onegins Geringschätzung seines Freundes und romantischen Idealisten Lenskij zeigt, dass er trotz seiner Nähe zur „schönen Seele“ Lenskijs nicht fähig ist, sich von seinem deprimierenden Konformismus bzw. Ritualismus zu lösen.
Den Konflikt mit Lenskij wegen eines unbedeutenden Flirts provoziert Onegin bereitwillig und ihr anschließendes Duell bereitet ihm nicht einmal eine schlaflose Nacht. Onegin tötet seinen Freund erbarmungslos. Immerhin zeigt er danach Reue, was wieder seine bloß sozial bedingte Verzerrung beweist. Onegin tötet mit Lenskij im Grunde symbolisch seine eigenen Ideale.
Tat'jana und Lenskij
Einzig Tat’jana vermag es gegen Ende des Romans, in Onegin die Menschlichkeit und ungeheuchelte Liebe entflammen zu lassen. Er bereut seine Fehler und legt sein Schicksal in ihre Hände, aber es ist sein zuvor selbst gewähltes Los, in Tat’janas Abweisung die Strafe für seine unmenschliche Dekadenz zu erhalten. Allerdings zeigt sich bereits zuvor, nämlich bei der Abweisung Tat’janas durch Onegin, dass er nicht einfach ein Unmensch ist, sondern trotz seiner Dekadenz noch einen Funken Menschlichkeit zeigt, indem er ihr nichts vorheuchelt, sondern sie zu ihrem eigenen Besten klar mit der Begründung abweist, sie würden eine Ehe der Langeweile und Entfremdung leben, wie es typisch für den Adel war.
Lenskij ist trotz seines Idealismus keine unrealistische Figur, sondern er verkörpert eine mögliche Tendenz der russischen hohen Gesellschaft, in der sich neben Dekadenz und Überfluss zu jener Zeit alles fortschrittliche Leben abspielte. Er gehört immerhin zum Schlag der humanistisch gesinnten adeligen Jugend, die mit dem Dekabristenaufstand von 1825 den ersten sichtbaren Riss im Zarismus bedeutete und von revolutionären Demokraten und Sozialisten beerbt wurde. Sein Idealismus ist ein romantischer, da Lenskij als Adeliger nicht die gesellschaftliche Kraft darstellen kann, die die menschliche Revolution möglich machen würde.
Erst die Arbeiterbewegung macht es möglich. Seine Ideen konnten nur aus dem ovalen Kopf Hegels auf den schmalen Schultern des deutschen Idealismus in der Welt geistern, wie es damals üblich war. Abgesehen davon ist Lenskij romantischer Poet. Sein Idealismus bleibt daher abstrakt und lyrisch.
Die Tötung Lenskijs durch Onegin ist gewiss ein Symbol für die Ohnmacht des dergestaltigen menschlichen Ideals gegenüber der „Prosa“ des wirklichen Lebens jener Zeit, und sie ist „eine Allegorie der Tötung/Beendigung der [romantisch-idealistischen] Epoche.“ Lenskij ist damit zugleich die tragische Figur des zu früh gekommenen Revolutionärs, der nur scheitern kann.
Tat’jana hat ihre eigene Tragik. Ihre anfängliche Naivität, durch die sie sich in Onegin verliebt, verschwindet in ihrer gesellschaftlichen Integration. Der Konformismus macht sie zu einer Dame von Welt. Dennoch ist sie keine völlig geistlose Seele geworden. Sie hat ihre Ideale und ihre Liebe nur versteckt und unterdrückt. Sie heiratet wie so viele Menschen damals (wie heute) nicht aus Liebe, sondern aus Konvention oder sozialer Notwendigkeit.
Das gesteht sie Onegin sogar. Weiterhin erklärt sie ihm, dass sie ihn noch immer liebe, aber aus ihrer Situation nicht heraus könne. Im Grunde verinnerlicht sie ihre Ideale und veräußert sie damit zugleich. Sie opfert ihre Individualität den Anforderungen der Gesellschaft an sie als Frau.
Wie haltbar ist die Realismustheorie von Georg Lukács, angewandt auf Puškins Evgenij Onegin?
Idealismus und Materialismus der Realismustheorie von Lukács
In den vorherigen Kapiteln wurde die heute noch vorhandene Relevanz der Realismustheorie von Lukács und deren Anwendung auf Puškins Onegin vorgestellt. Es zeigte sich, dass Lukács im Wesentlichen die ästhetischen Anschauungen von Hegel und noch mehr von Marx übernommen und systematisiert und in höherem Maße in seiner Literaturkritik konkret angewandt hat.
Anhand der Realismustheorie von Lukács konnte ein Werk wie der Onegin als realistisch dargestellt werden, da es alle wesentlichen Merkmale eines realistischen Werkes nach Lukács aufweist. Puškin hat als Künstler die wesentlichen Tendenzen seiner Gesellschaft erfasst und angemessen dargestellt, also eine realistische Haltung bewiesen. Evgenij Onegin kann als realistischer Text durchgehen, obwohl er der Form nach ein lyrischer Roman in Versen ist und romantische Topoi aufgreift.
Aber weder Lyrik noch romantische Elemente schließen Realismus aus. Denn die Hauptforderung an die Kunst, sie solle die den ganzen Menschen ideell, ästhetisch angemessen erfassen und darstellen, ist im Onegin erfolgreich erfüllt. Die gesellschaftliche Totalität wird anhand ihrer widersprüchlichen Tendenzen, verkörpert durch die typischen Figuren wie Onegin, Tat’jana und Lenskij, dargestellt.
Die Dialektik kommt da nicht zu kurz. Es gibt keine Einseitigkeiten, sondern immer nur Einschränkungen von Ideen. Die Liebe verliert in der Handlung, siegt aber ideell. Die Emanzipation erleidet gegenüber dem Konformismus und der Dekadenz in der Handlung zwar eine Niederlage, aber sie siegt doch, weil ihre moralische Überlegenheit eindeutig ist. Lenskij wird zwar von Onegin getötet, aber sein Tod ist nicht der Tod seiner Ideen. Immerhin verfällt selbst der abgeklärte Nihilist Onegin daraufhin selbst der Liebe.
Eigentlich lächerliche gesellschaftliche Rituale verhindern das Glück der Figuren im Roman. Geschichtliche Schranken für die harmonische Entwicklung des Menschen werden hier also ziemlich deutlich dargestellt und die humanistische Forderung nach ihrer Überwindung könnte daraus folgen. Mit Lukács‘ Realismustheorie kann Onegin als realistisch deklariert werden.
Aber wie steht es mit dieser Theorie in Gänze? Natürlich wäre ein konkreter Vergleich mit nicht-realistischen Werken und ein Vergleich mit Kritiken der gegen Lukács argumentierenden Wissenschaftler in Bezug auf den Onegin geboten, um die Problematik annähernd vollständig zu erfassen.
Allerdings scheint dies gar nicht nötig zu sein, um die Unzulänglichkeit der Hegel-Marx-Lukácschen Ästhetik zu kritisieren. Bei der Darstellung der Ästhetiken von Hegel, Marx und Lukács zeigte sich nämlich, dass alle drei eine besondere und problematische Form normativer Poetik vertreten: eine Ästhetik, die einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit mit der normativen Forderung nach Darstellung des Ideals der Humanität, welches „das absolute Kriterium für die Bewertung jedes künstlerischen Stils, jeder Kunstgattung oder eines einzelnen Werkes“ sei, in sich vereinen sollte. Anders aber als subjektivistische Literaturkenner wohl meinen, ist das eigentliche Problem einer solchen Ästhetik weniger die herausposaunte Normativität, die die Idealisten bloß unter den Teppich kehren wollen, ohne dass sie dadurch verschwindet.
Nicht die Forderung nach Einheit von Wissenschaftlichkeit und Normativität, nicht die Forderung nach einer Literatursoziologie, die zugleich eine soziologische Basis für ästhetische Beschäftigung mit Literatur im engeren Sinne bieten soll, nicht „der Mensch das Maß aller Dinge“ sind das Problem. Das Problem ist ein anderes: Der Anspruch der vorgestellten Lukácsschen Ästhetik wird genau genommen dem eigenen Anspruch nicht gerecht. Im Gegenteil: Die mangelhafte Umsetzung seines Anspruchs ist das eigentliche Problem. Das soll an einigen Teilaspekten des Problems ausgeführt werden.
Lukács will die ästhetischen Kategorien konsequent historisieren und soziologisieren, sie aus Gesellschaft und Geschichte ableiten und erklären. Zugleich ist sein ästhetischer Maßstab die Darstellung der Totalität des Menschen bzw. des Ideals des Menschen wie in der antiken Kunst in jedem Einzelwerk. Seine Betrachtung wird so tendenziell ahistorisch und abstrakt. Rolf Günter Renner kritisiert das sehr schön in Ästhetische Theorie bei Georg Lukács:
"Resultat dieses Festschreibungsprozesses ist, daß seine Analyse ästhetischer Gegenstände die Einheit und Gültigkeit von dialektischem und historischem Materialismus nur durch wenige Fixpunkte einer ästhetischen und einer historischen Analyse belegen will. Dies gilt besonders, weil Lukács die historisch verlorene Totalität des gesellschaftlichen Seins mit dem Zerbrechen der Totalität ästhetischer Form belegt. Als Überwindung dieses Zerfallsprozesses aber weiß er nur ein inhaltlich-abstraktes Geltendmachen der Totalität, vom 'Standpunkt' der 'Gattung', der 'Gesellschaft' oder des für Totalität einstehenden proletarischen Individuums oder der 'Klasse' zu nennen."
Die Beschränkung auf das inhaltlich-abstrakte „Geltendmachen der Totalität“ führt Lukács ästhetisch zurück zum objektiven Idealismus à la Hegel! Lukács ist zwar an einer ganzheitlichen und objektiven Betrachtung der ästhetischen Praxis gelegen. Er widmet sich auch ganz wunderbar dem historischen Hintergrund und der „Haltung“ des Künstlers wie auch den konkreten Kunstmitteln, die eine werkimmanente Darstellung des menschlichen Ideals liefern oder auch nicht liefern.
Er betont auch gerne implizit und teils explizit die erkenntnisfördernde und schöne Wirkung realistischer Literatur auf den Leser („Das Kunstwerk soll den Schein einer Totalität hervorrufen.“), allerdings tut er das nicht konsequent genug. Er betreibt weder Rezeptionsforschung noch Lesersoziologie, sondern begnügt sich mit Spekulationen über die Wirkung von Literatur! Daher kann er ausschließen, dass nicht-realistische Kunst in seinem Sinne eine realistisch-humanistische, schöne Wirkung auf den Leser haben kann.
Wenn Lukács seine ästhetischen Kategorien ahistorisiert und zugleich über gesellschaftliche Dialektik spekuliert, so fällt er zurück in eine idealistische und spekulative Ästhetik, eine Ästhetik des objektiven Idealismus wie bei Hegel. Er hintergeht damit den eigens erklärten Anspruch, eine konsequent wissenschaftliche Ästhetik "ohne illegitime Voraussetzungen“ zu formulieren. Schon mit seinem Schüler Kofler kann Lukács darin scharf kritisiert werden, denn dieser betrachtet die „soziologische Methode“ als „die einzige wissenschaftlich zulängliche Methode überhaupt“, auch in Bezug auf Kunst und Literatur.
Sogar Lukács‘ ästhetisches Hauptwerk, die große Ästhetik, kommt, so der mit Lukács sympathisierender Kritiker Ebadian, „mit der antiken Kunsttheorie, der deutschen klassischen Ästhetik und der marxistischen Kunstauffassung nicht zurecht" und „verfehlt ihre Bestimmung, die Eigenart des Ästhetischen zu erfassen."
Ein neues Verständnis von Realismus ist nötig
Ist der Anspruch von Lukács damit falsch oder unmöglich zu realisieren und kann man seiner Theorie wissenschaftliche Mängel in Bezug auf die Erfassung realistischer Werke vorwerfen? Sicher, wenn man dogmatisch an seinen Lehrsätzen festhält. Aber eine kritische Weiterentwicklung seiner Realismustheorie ist wohl möglich, wenn man sich seine Definition des orthodoxen Marxismus als kritische Methode zu Herzen nimmt. Lukács schreibt über die Wirkung von Kunst: „Nur wenn in diesem Ganzen als Ganzes etwas entscheidend, etwas für die Menschheit unverlierbar Typisches zum Ausdruck kommt, verdient ein Produkt der Kunst Kunstwerk genannt zu werden.“ Er bezieht solche Aussagen immer auf das Einzelwerk, nie auf die Kunst insgesamt.
Wieso aber sollte eine dialektische Ästhetik dazu verdammt sein, so engstirnig wie das ästhetische System von Lukács zu sein? Die Realismustheorie müsste auf Kunst insgesamt ausgeweitet werden. Marxistische Ästhetiken, die wissenschaftlicher und zugleich ästhetisch tiefsinniger als die von Lukács sind, gibt es denn auch bereits. Leo Kofler hat z.B. hat Lukács sinngemäß erweitert und Lucien Goldmann sowie Peter Bürger etwa haben marxistische Lukács-kritische Ästhetiken entwickelt.
Entscheidend ist, dass die Ästhetik wirklich historisiert wird und an die Stelle von Spekulation die wirkliche und konkrete Erforschung aller Ebenen der Kunst tritt. Die spekulative Ästhetik kann so zu einer historisch-materialistischen Literatursoziologie werden, deren Zweige für die einzelnen Aspekte von Kunst zuständig sind. Ihre Verbindung impliziert eine ganzheitliche Betrachtung der künstlerischen Praxis und auch der Realismustheorie. Kunst und Realismus können so weiterhin im Sinne von Lukács identifiziert werden, während die rigiden Anforderungen eines Lukács an jedes Werk aufgegeben werden können.
Die Kunst kann so wirklich als Gesamtheit, samt ihren sozialen Bedingungen, verschiedensten Ausprägungen, künstlerischen Haltungen und Interpretationen wie Wirkungen auf den Konsumenten erfasst werden. Realismus ist dann nicht mehr auf das Einzelwerk fixiert, sondern auf die Kunst insgesamt. Kunst als Ganzes hat dann immer noch den Auftrag, die das menschliche Ideal ästhetisch zu vermitteln. Die künstlerisch, humanistisch gebildete Gesellschaft von Kunstkennern kann prinzipiell auch nicht-realistische und nicht-schöne Produkte im Sinne der Realismustheorie von Lukács genießen, aus ihr also Erkenntnis und Genuss ziehen. Letztlich kann in derselben Richtung sogar nicht wesentlich ästhetisch intendierte Praxis ästhetisch, d.h. als Kunst, betrachtet werden. Kunst und Gesellschaft bedingen sich schließlich gegenseitig, gehen stets zusammen, werden so gesehen zur dialektischen Einheit.
Solch eine Perspektive führt, so kann furchtbar pompös geschlossen werden, theoretisch zum erklärten Ziel von Lukács: zu einer wirklich dialektischen und wissenschaftlichen Ästhetik, vielleicht gar in einer humanen und künstlerischen Gesellschaft, die - nicht mehr wie die Klassengesellschaften das reiche Potential an Gütern und Geist ohne sinnvolle Aufgabe brachliegen lässt oder milliardenfach zerstört, damit eine verschwindend kleine Minderheit sich austoben darf - wegen ihres demokratischen Gehalts alltäglich künstlerischen Realismus erzeugt und prinzipiell jedem Menschen Kunstproduktion und –genuss ermöglicht, also ein „Reich der Freiheit“ (Marx) ist.
Infos
Ursula Apitzsch: Gesellschaftstheorie und Ästhetik bei Georg Lukacs bis 1933, Stuttgart 1977.
Ästhetik, hg. v. Friedrich Bassenge, Berlin 1955.
Peter Bürger: Aktualität und Geschichtlichkeit. Studien zum gesellschaftlichen Funktionswandel der Literatur, Frankfurt am Main 1977.
Terry Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 1997.
Mahmoud Ebadian: Die Problematik der Kunstauffassung Georg Lukacs', Hamburg 1977.
Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe, Frankfurt am Main 1981.
Gregory Fuller: Realismustheorie. Ästhetische Studie zum Realismusbegriff, Bonn 1977.
Lucien Goldmann: Dialektische Untersuchungen, Neuwied am Rhein 1966.
Lucien Goldmann: Soziologie des Romans, Frankfurt am Main 1984.
Erika Greber: Aleksandr Puškin: Evgenij Onegin, in: Der russische Roman, hg. v. Bodo Zelinsky, Köln 2007, S. 93–116.
Joachim Hirsch: Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen, Hamburg 2002.
Oliver Jahraus: Literaturtheorie. Theoretische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft, Tübingen 2004.
Leo Kofler: Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus, Ulm/Donau 1960.
Leo Kofler: Geschichte und Dialektik. Zur Methodenlehre der marxistischen Dialektik, Oberaula 1970.
Leo Kofler: Zur Theorie der modernen Literatur. Der Avantgardismus in soziologischer Sicht, Düsseldorf 1974.
Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, Stuttgart 1975.
Leo Kofler: Haut den Lukács - Realismus und Subjektivismus. Marcuses ästhetische Gegenrevolution, Lollar 1977.
Petr A. Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur, Frankfurt am Main 1975.
Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1976.
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart, München 2000.
Georg Lukács: Hegels Ästhetik, in: Ästhetik, hg. v. Friedrich Bassenge, Berlin 1955, S. 10–46.
Georg Lukács: Der russische Realismus in der Weltliteratur, Berlin 1952.
Georg Lukács: Wider den mißverstandenen Realismus, Hamburg 1958.
Georg Lukács: Marxismus und Stalinismus. Politische Aufsätze, Reinbek bei Hamburg 1970.
Georg Lukács: Ästhetik III, Neuwied 1972.
Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie, Frankfurt am Main 1985.
Manfred Alexander, Günther Stökl: Russische Geschichte, Stuttgart 2009.
Stefan Neuhaus: Grundriss der Literaturwissenschaft, Tübingen 2003.
Gerhard Pasternack: Georg Lukács. Späte Ästhetik und Literaturtheorie, Königstein/Ts. 1985.
Alexander Puschkin: Jewgeni Onegin. Aus dem Russischen von Rolf-Dietrich Keil, Frankfurt am Main, Leipzig 1999.
Fritz J. Raddatz: Georg Lukács. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1972.
Thomas Reis: Das Bild des klassischen Schriftstellers bei Georg Lukács. Eine Untersuchung zur Wirkungsgeschichte literarischer Topoi in seiner Literaturtheorie und Ästhetik, Frankfurt 1984.
Rolf Günter Renner: Ästhetische Theorie bei Georg Lukács. Zu ihrer Genese und Struktur, Bern 1976.
Petra C. Schmidt-Betsch: Idee versus Ideologie. Die Lukács-Adorno-Kontroverse und … die Freiheit des Menschen in Heinrich Bölls littérature engagée ; zur Frage nach dem poetischen Realismus, Gießen 1993.
Der russische Roman, hg. v. Bodo Zelinsky, Köln 2007.
Александр Пушкин: Евгений Онегин. Роман в стихах, Санкт-Петербург 2008.
Abonnieren
Posts (Atom)
