Das Epos wirkt tot, tot wie die lateinische Sprache. Denn das Zeitalter, dem es entstammt, ist eine Epoche, die längst vergangen und uns daher völlig fremd erscheint.
Das Epos ist so antiquiert, dass sogar für die Autoren, die die großen Werke verfasst haben, die eigentlich epischen Taten ihrer Helden längst vergangen waren. Hätte man diese alten Erzählungen nicht niedergeschrieben, wären sie heute gänzlich verloren. Die Iliaden, Odysseen, Mahabharatas, Überlieferungen von chinesischen Urkaisern und Niebelungenlieder sind scheinbar nur noch Sache von Literaturprofessoren und anderen Freaks. Nur noch die Überreste des Bildungsbürgertums von gestern klammern sich, dem Scheine nach, an die letzten Überreste heldenhafter Erzählungen.
Alle Anderen scheint der alte Plunder nicht weiter zu kümmern. Epische Heldentaten sind ja nicht mehr zeitgemäß. Heldentaten und Heroismus ist sowieso ziemlich out. Heute geht man shoppen, Pokémon fangen, aus Protest gegen selbst verschuldete Politik Alternativen für Deutschland wählen, auf den Ringstraßen und im Veedel Schürzen oder Cocktails jagen und dabei davon träumen, wie man Pillen auf Ibiza einnimmt. Allenfalls wartet man noch auf die nächste Staffel von "GoT" oder die filmischen Heldentaten des nächsten "xXx".
Gleichzeitig ist auch heute weiterhin die Rede vom "Epischen". Bei youtube findet man stundenlange Ansammlungen von "epic music", die eine ideale Unterlegung für Filme mit "epischen Schlachten" und "epischen Helden" liefern könnten. Dann gibt es noch die "epic rap battles of history", in denen allgemein bekannte historische Persönlichkeiten gegeneinander rappen. "Episch" sind natürlich auch die Zweikämpfe zwischen berühmten Boxern wie Ali und Frazier oder solcher Filmfiguren wie Batman und Superman. Riskante Sprünge von parcour-Kids in den Pariser banlieues sind mindestens genauso episch.
Das Epische in diesem Sinne lässt einen vor Erfurcht erstarren, bereitet Gänsehaut, provoziert Ausrufe des Erstaunens und erfüllt Einen mit Bewunderung und gar Stolz. Darüber befragt, was es denn für sie sei, definierte ein junges Mädchen "episch" ganz trefflich erst vor wenigen Tagen als: Etwas, das cooler sei als cool, etwas so Großartiges, dass es einen "woaaah!" ausrufen lässt, das einem die Sprache verschlägt und ganz allgemein gewaltige Gegensätze aufeinanderprallen lässt - und das, obwohl sie nur einen einzigen Absatz von Georg Lukács und noch nie Hegel gelesen hatte.
Das Epische ist also nicht einfach tot, es ist allenfalls untot. Wie ein gefangener Unsterblicher schläft es in der Welt der Künste und wartet geduldig auf den richtigen Zeitpunkt für eine effektvolle Wiedergeburt (wie etwa "Apocalypse"). Es ist im Grunde das Plusquamperfekt der Poesie, welches einen gedanklichen Abschluss mit einer neulich erst verblassten Gegenwart erfordert. Das Epos ist damit, wenn es heute wieder entsteht, sowohl die reinste Nostalgie wie auch die bombastische Verkündung einer neu anbrechenden Epoche.
Der Dialog entstammt Dostojewskijs Roman "Die Dämonen", der im 19. Jahrhundert im Zarenreich spielt. Die zwei jungen Verschwörer Werchowenskij und Stawrogin unterhalten sich über ihre dystopische Vision für Russland.
„Hören Sie, wir werden einen Aufstand erregen“, flüsterte jener schnell und wie im Fieber. „Sie glauben nicht, dass wir das können? Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht. Karmasinoff hat recht, wenn er sagt, dass nichts da ist, woran man sich festhalten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Russland und ich bin nicht zu fangen.“
„Und lauter ebensolche Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.
„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind doch auch gar nicht so klug, dass man Ihnen dies noch wünschen müsste. Sie fürchten sich nur, Sie glauben nicht, dass Ausmaß schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Sie sind gar nicht mal solche Dummköpfe. Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es furchtbar wenig selbständig denkende Köpfe. Wirginskij ist ein außergewöhnlich reiner Mensch, zehnmal reiner als solche wie wir; übrigens, mag er dabei bleiben. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne an ihm einen bestimmten schwachen Punkt. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht seinen eigenen schwachen Punkt hätte. Nur Lämschin allein ist ohne solchen Punkt, aber dafür habe ich ihn ganz in der Hand. Noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten Sie schon das allein! Was das allein schon ausmacht! Und dazu sichere Verstecke. Mögen Sie dann suchen! Die eine Gruppe reißen sie heraus, und auf die andere setzen sie sich ahnungslos. Wir wiegeln auf, wir bringen es zu Unruhen überall im Land … Glauben Sie denn wirklich nicht, dass wir zwei dazu vollkommen genügen?“
„Nehmen Sie sich dazu Schigaljoff, mich aber lassen Sie in Ruh …“
„Schigaljoff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie auch, dass er ein Genie ist à la Fourier, aber kühner als Fourier, stärker als Fourier! Ich werde sein Werk noch studieren. Er hat die „Gleichheit“ erdacht!“
,Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muss ihm etwas etwas ganz Besonderes widerfahren sein’, dachte Stawrogin, indem er ihn noch einmal ansah. Sie gingen, ohne stehen zu bleiben.
„In seinem Manuskript ist das wunderbar“, fuhr Werchowenskij fort, „ dass er die Spionage einbezieht. Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In extremen Fällen wird mit falschen Aussagen und Mord vorgegangen, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Die erste Folge davon wird sein, dass das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente sinkt. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und Talente ist nur höher Begabten zugänglich, aber höher Begabte brauchen wir nicht! Höher Begabte haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Höher Begabte können gar nicht umhin, Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder richtet sie hin. Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt, das ist Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in einer Herde aber muss Gleichheit herrschen, und das ist eben Schigalewismus! Hahaha! Sie wundern sich? Ich bin für den Schigalewismus!“
Stawrogin bemühte sich, seinen Schritt zu beschleunigen, um schneller nach Haus zu kommen. ,Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er sich dann inzwischen betrinken können?’ fuhr es ihm durch den Kopf. ,Sollte wirklich der Kognac dazu genügt haben?’
„Hören Sie, Stawrogin: Berge einzuebnen, das ist ein guter Gedanke, nicht etwa ein lächerlicher. Ich bin für Schigaljoff! Wir brauchen keine Bildung, wir haben genug Wissenschaft! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber was unbedingt eingeführt werden muss, dass ist Gehorsam. Nur an einem ist Mangel in der Welt, an Gehorsam. Durst nach Bildung ist bereits ein aristokratischer Trieb. Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein. Wir bringen ihn um, diesen Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Anzeigerei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; jedes Genie wird schon in der Kindheit ausgelöscht. Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen. ,Wir haben ein Handwerk erlernt und sind ehrliche Leute, das genügt uns’, das war vor kurzem die Antwort englischer Arbeiter. ,Notwendig ist nur das Notwendige’, das wird von nun an der Wahlspruch des Erdballs sein. Aber ab und zu muss es auch so etwas wie einen Krampf geben; dafür werden wir schon sorgen, wir Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber alle dreißig Jahre einmal sieht Schigaljoff auch eine Konvulsion vor, eine Art Erschütterung, und dann fangen auf einmal alle an, einander aufzufressen, bis zu einer gewissen Grenze natürlich, einzig damit es ihnen nicht zu langweilig werde. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.“
„Sich selbst schließen Sie aus?“ entschlüpfte es Stawrogin wieder ungewollt.
„Und Sie. Wissen Sie, anfangs dachte ich daran, die Welt dem Papst zu übergeben. Mag er allein zu Fuß und barfüßig herauskommen und sich dem Pöbel zeigen, sozusagen: ,Seht, wie weit man mich gebracht hat!“ – und alles wird ihm zuströmen, selbst das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns die Schigaljoffsche Herde. Dazu wäre nur erforderlich, dass sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklärte; was sie auch tun wird. Das alte Männlein selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrig bleiben, behalten Sie meine Worte, hahaha! – Dumm etwa? Sagen Sie, ist das dumm oder nicht dumm?“
„Genug davon!“ brummte Stawrogin ärgerlich.
„Gut, genug davon! Hören Sie, ich habe den Papst fallen lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Und der Teufel hole auch den Schigalewismus! Wir brauchen das, was heute die Gemüter erregt, die aktuelle Wut, und nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Ist ein Ideal, kommt erst in der Zukunft in Frage. Schigaljoff ist ein feiner Juwelier und dumm wie jeder Philanthrop. Zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaljoff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie: der Papst mag im Westen regieren, bei uns aber, bei uns – Sie!“
„Lassen Sie mich in Ruh, Sie sind ja betrunken!“ brummte Stawrogin und beschleunigte seine Schritte.
„Stawrogin, Sie sind schön!“ begann Pjotr Stepanowitsch wie in einem Rausch. „Wissen Sie es auch selbst, dass Sie schön sind? Das ist ja das Kostbarste an Ihnen, dass Sie sich manchmal gar nicht dessen bewusst sind. Oh, ich habe Sie studiert! Wie oft habe ich sie heimlich, aus einem Winkel, ganz unbemerkt beobachtet! In Ihnen ist sogar Aufrichtigkeit und ist echte Naivität vorhanden! Sie leiden gewiss unter dieser Aufrichtigkeit, und leiden aufrichtig. Und ich, ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Ich bin Nihilist, aber ich liebe Schönheit. Lieben denn Nihilisten das Schöne etwa nicht? Die lieben doch bloß Abgötter nicht, ich aber, nun, ich liebe einen Abgott! Sie …Sie sind mein Abgott! Sie beleidigen keinen, und doch werden Sie von allen gehasst; Sie verhalten sich zu allen wie zu Standesgenossen, und doch werden Sie von allen gefürchtet, das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein unheimlicher Aristokrat. Wenn ein Aristokrat sich zu Demokraten gesellt, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, ein Leben zu opfern, sei es Ihr eigenes, sei es ein fremdes Leben. Sie sind genau die Gestalt, die nötig ist. Und ich, ich brauche gerade so eine, wie Sie sind. Außer Ihnen wüsste ich keinen. Sie sind der geborene Anführer, Sie sind die Sonne, und ich bin ihr Wurm …“
Und plötzlich küsste er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken, und erschrocken entriss er ihm seine Hand. Sie blieben stehen.
„Wahnsinnniger!“ flüsterte Stawrogin.
„Vielleicht deliriere ich, vielleicht deliriere ich“, fiel dieser hastig ein, „aber ich habe den ersten Schritt ersonnen. Niemals wird ein Schigaljoff darauf verfallen, mit welchem ersten Schritt man anfangen muss. Es gibt viele Schigaljoffs! Aber nur ein Einziger, ein Einziger in Russland hat den ersten Schritt erfunden und weiß, wie er zu machen ist. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie dazu, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee in verkorkter Flasche, bin ein Kolumbus ohne Amerika!“
Stawrogin stand und sah unverwandt in Werchowenskijs irre Augen.
„Hören Sie zu, wir stiften zuerst nur Unruhen im Land“, redete dieser wie gehetzt weiter, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfasste. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk ein. Wissen Sie auch, dass wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Zu uns gehören nicht nur die, die da brandstiften und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ohne Disziplin ist mir überhaupt nichts möglich. Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha! Hören Sie zu, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der sich mit den Schulkindern über ihren Gott und über ihre Wiege lustig macht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, dass dieser geistig entwickelter sei als seine Opfer und daher, um sich Geld zu verschaffen, nicht umhin konnte, zu morden, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern totschlagen, nur um das Gefühl kennen zu lernen, das man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die alle Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Der Staatsanwalt, der bei der Gerichtsverhandlung davor zittert, er könne nicht liberal genug erscheinen, ist unser, unser. Unser sind Beamte und Literaten, oh, unser sind viele, unglaublich viele, und sie wissen es selbst nicht einmal, dass sie unser sind. Auf der anderen Seite hat der Gehorsam der wenigen Schüler und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht; bei denen aber, die sie leiten und belehren sollten, ist offenbar die Gallenblase geplatzt. Überall eine Hoffart von unvorstellbarem Ausmaß, tierische, unerhörte Begierde … Wissen Sie, wissen Sie auch, wie viele wir schon allein mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Russland verließ, wütete hier gerade die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn sei; ich kehre zurück, und schon ist Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern geradezu die gesunde Vernunft selbst, beinahe eine Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. Sozusagen: ,Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er doch Geld braucht?’ – Aber das sind vorerst nur so kleine Beeren. Der russische Gott hat vor dem billigen Fusel schon den Rückzug angetreten. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer, und an den Gerichtshöfen heißt es: ,Zweihundert Rutenhiebe, oder schlepp einen Eimer Schnaps herbei.’ Oh, lassen Sie nur diese Generation noch heranwachsen! Es ist nur schade, dass wir keine Zeit haben zu waren, sonst könnte man sie noch betrunkener werden lassen! Ach, und schade, dass es noch keine Proletarier gibt! Aber es wird, es wird sie schon geben, dazu trägt ja alles bei …“
„Schade ist es auch, dass wir zu verdummen anfangen“, brummte Stawrogin und setzte seinen Weg fort.
„Hören Sie, ich habe selbst ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die beschimpfte es dafür mit garstigen Worten. Glauben Sie, dass mich das gefreut hat? Bekommen wir es in die Hand, so werden wir es vielleicht auch gesund machen … falls nötig, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus … Aber eine oder zwei Generationen mit Sittenverderbnis sind vorerst unbedingt erforderlich, - mit unerhörter, niederträchtiger Sittenverderbnis, in der sich der Mensch in nichts als einen widerlichen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Abschaum verwandelt – gerade das ist es, was jetzt nötig ist! Und dann noch etwas ,frischvergossenes Blut’, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir durchaus nicht. Ich widerspreche nur den Philanthropen und dem Schigalewismus, nicht mir! Ich bin ein Spitzbube, aber kein Sozialist. Hahaha! Schade nur, dass wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zu Mariä Fürbitte zu beenden. Schnell – wie? Haha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bisher noch keinen Zynismus gegeben, obschon es mit schmutzigen Wörtern geschimpft hat. Wissen Sie auch, dass dieser leibeigene Sklave sich selbst mehr geachtet hat, als Karmasinoff sich achtet? Man hat ihn geprügelt, aber er hat seine Götter verteidigt, während Karmasinoff das nicht tut.“
Нам нацисты не будут братьями Ни по Родине, ни по матери. Духа нет у вас - быть свободными Нам не стать с вами даже сводными! Не страшны нам ваши ужастики, Мы - со звёздами, вы - со свастикой! Майданутые вы, безликие. Это мы, а не вы – великие. От ущербности и от тупости Натворили вы столько глупостей!
И своим же стреляли в спины вы,
Как назвать вас? Быть может, свиньями? Ярош, Бiлый и сволочь прочая
Вам Европою мозг заморочили.
На майдане поили зельями.
Вы же "Беркут" свой жгли "коктейлями"!
Вы с поганцем своим Бандерою,
Мы ж - с Отчизной святой и верою! И скулите, того не ведая, Вы - с войною, а мы - с Победою!
Teil 6 der Serie über Marxismus und Kunst. In diesem Artikel geht es um den Leidensweg des Futurismus. In Italien und Russland geboren, verstarb er noch recht jung an Faschismus und Stalinismus. Heute wird er von postmodernen Ideologen und staubtrockenen Professoren geschändet. Der Futurismus ist tot. Es lebe der Futurismus!
Die Gründer des Futurismus: Majakowski, Krutschenych,
Burljuk und Chlebnikow, http://900igr.net
Geburt des Futurismus in Italien und Russland
Die Ursprünge des russischen Futurismus sind nicht allein in Russland zu finden, sondern unter anderem auch in Italien. Beide Länder waren im Vergleich zu den mächtigen Industrienationen England, Frankreich, USA und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg relativ rückständig. Zugleich wurden auch sie bereits von der kapitalistischen Industrialisierung und der bürgerlich-demokratischen Philosophie und Kultur erfasst. In Italien und Russland fand das statt, was "ungleiche und kombinierte Entwicklung" genannt wurde. Beide Länder waren zwar in vielerlei Hinsicht einige Jahrzehnte gegenüber den führenden Nationen im Rückstand, weshalb sie "ungleich" waren. Aber gerade diese Ungleichheit und Zurückgebliebenheit machte Investitionen und neue kulturelle Trends in beiden Ländern attraktiv und lukrativ. Damit sind bei scheinbar ungünstigen Umständen tatsächlich äußerst günstige Zustände geschaffen worden, um einerseits die kapitalistische Industrie und die modernen Klassen im Kapitalismus zu schaffen und um andererseits die neue bürgerlich-demokratische Ideen und moderne Kunst für die bürgerliche Gesellschaft aufblühen zu lassen.
Der Futurismus in Russland wie auch in Italien war eine künstlerische Antwort auf die Fragen der ungleichen und kombinierten Entwicklung beider Länder. Dennoch war der italienische Futurismus zeitlich gesehen dem russischen voraus. 1909 wurde von Filippo Marinetti das erste Manifest des Futurismus veröffentlicht, worauf der russische Futurismus natürlich mehr oder weniger reagiert hat. Schmidt-Bergmann schreibt in seinem Werk über den Futurismus:
denn der italienische Futurismus war zuallererst die ästhetische Manifestation der industriellen Zivilisationsdynamik, die das tradierte Wahrnehmungspotential und "Weltgefühl" zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollständig umzugestalten begann. Damit kam der Futurismus den sozialen Forderungen, die sich aus der Umgestaltung der Industriegesellschaft ergeben hatten, mit als erster entgegen: Die Apotheose von Beschleunigung und Bewegung ist auch ein unmittelbarer Reflex auf die notwendige Veränderung der tradierten Lebensgewohnheiten, das Verschwinden der gewohnten Lebensräume und die sich ankündigende universelle Mobilität. Das daraus sich entwickelnde "Weltgefühl" mußte sich aus dem kontinuierlichen Fluß der Zeit verabschieden und den Sprung aus der Geschichte propagieren. Erinnerung und Tradition sollten eliminiert werden, allein das "Neue" und die Zukunft relevant sein.
Wie drückte der italienische Futurismus dieses Weltgefühl aus? Das Futuristische Manifest von Marinetti erklärt:
...
7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefaßt werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen.
8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
9. Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrünstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.
Von Italien aus schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den "Futurismus" gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien.
Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern. Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien, die es wie zahllose Friedhöfe über und über bedecken.
...
Die martialische und ungestüme Sprache der Futuristen entsprach ihrem Drang nach Umwälzung. Zerstörung des Alten und Schwachen und Aufbau des Neuen und Starken waren die tiefsten Bedürfnisse dieser extremen Künstler. Aber was ist alt und was ist schwach? Wieso sollte das Alte und Schwache zerstört werden? Das wird im Manifest nicht wirklich geklärt. Es ist keine tiefgehende philosophische Schrift, keine treffliche Analyse. Es ist bloß der Ausdruck eines Lebensgefühls und einer willkürlichen Zielsetzung. Die Tiraden gegen Akademiker, museale Kunst, Sitten und Gebräuche, Feminismus, Feigheit und Moralismus und die Verherrlichung der Gewalt, der Zerstörung, des Krieges im industriellen Zeitalter zeigen aber, in welche politische Richtung der italienische Futurismus tendierte. Der italienische Futurismus sollte bald ein Bündnis mit dem italienischen Faschismus eingehen.
Anders war die Lage in Russland. Trotzki schrieb über den Zusammenhang von Nation und Kunst:
Es ist kein Zufall und kein Mißverständnis, sondern völlig gesetzmäßig, daß der italienische Futurismus im Strom des Faschismus aufgegangen ist. Der russische Futurismus wurde in einer Gesellschaft geboren, die [...] sich auf die demokratische Februarrevolution vorbereitete. Schon dies brachte unserem Futurismus Vorteile. Er fing die noch unklaren Rhythmen der Aktivität, des Handelns, Ansturms und der Zerstörung ein. Den Kampf um seinen Platz an der Sonne führte er schärfer und entschiedener, vor allem aber lärmender als die ihm vorangegangenen Schulen in Übereinstimmung mit seinem aktivistischen Weltempfinden. Der junge Futurist ging natürlich nicht in die Werke und Fabriken, sondern polterte in den Cafés herum, trommelte mit der Faust auf Rednerpulte, zog sich eine gelbe Bluse an, färbte sich die Backen und drohte wer weiß wem mit der Faust.
Abgesehen von der gesellschaftlichen Lage Russlands und dem künstlerischen Einfluss aus Italien war die künstlerische Welt in Russland in eine Sackgasse geraten. Aber anders als im realen Leben ist eine einfache Rückkehr in der Kunst ausgeschlossen. Die Künstler Russlands vor dem Ersten Weltkrieg mussten einen Ausweg aus der ideologischen Sackgasse finden. Hinter ihnen lagen Puschkins romantischer Realismus ebenso wie Dostojewskis chrislicher Erlösungsutopismus. Links von den Futuristen führte eine Tür in die Richtung des sozialistischen Realismus eines Gorki. Rechts von ihnen gab es den Naturalismus eins Boborykin, den Akmeismus Achmatowas und Gumiljows, den Symbolismus Belys, Bloks und Balmonts, und den Neo-Primitivismus Gontscharowas, Rozanowas und Chlebnikows.
So innovativ die meisten Richtungen teils noch waren, so sinnfrei und dekadent mussten sie angesichts der anstehenden russischen Revolution bleiben. Ihre Sackgasse bestand nicht darin, dass sie keine kreativen Schöpfungen mehr vorweisen konnten. Das konnten sie durchaus. Die Sackgasse bestand darin, dass die Kunst in der revolutionären Situation des damaligen Russland entweder in einem Gulli verschwinden oder zu neuen Höhen aufsteigen musste. Im Gulli der Irrelevanz verschwand die Kunst der Feinde des Sozialismus. Ihre Kunst musste lächerlich und dekadent wirken in einer großartigen Epoche der sozialen Umwälzung.
Die Leiter aus der Gasse heraus roch einem Großteil der Futuristen aber besser. Mit der sozialistischen Leiter verließen die Futuristen die künstlerische Sackgasse. Auf den Dächern der Stadt gewannen sie eine neue Perspektive auf die Welt: Aus hohlen Ansagen wurde ein Programm mit reichem sozialem Gehalt. Aus der trockenen musealen Kunst wurde sozial orientierte Lebenskunst. Aus den russischen Futuristen wurden kommunistische Futuristen. Chlebnikow, Krutschonych, Majakowski, die Gebrüder Burljuk und einige weitere bunte Gestalten können zu dieser sozialistisch-futuristischen Avantgarde gezählt werden.
Die kommunistischen Futuristen, die die russische Revolution begrüßt hatten, machten sich für die bolschewistische Regierung nach 1917 nützlich. Allen voran war Majakowski ein lauter Schreihals der Revolution geworden und produzierte ein Werk nach dem anderen für die revolutionäre Sache. Auch die anderen Futuristen beteiligten sich an der ideologischen Arbeit. Sie nahmen ihre gesellschaftliche Aufgabe als fortschrittliche Künstler sehr ernst. Zu ernst. Als Lenin 1924 starb, verfasste Majakowski ein pompöses marxistisch-leninistisches Pamphlet zu Ehren Lenins. Damit wurde aber auch der Personenkult um Lenin unter seinen Nachfolgern eingeleitet.
Stalin stieg mehr und mehr zum Diktator auf und nutzte die Kunst aus, um seine Herrschaft zu sichern. Die kommunistischen Futuristen wurden so zu nützlichen Idioten der stalinistischen Herrschaft. Die Bürokraten, die nun regierten, interessierten sich zwar nicht für die futuristischen Utopien, aber sie nutzten sie aus, um ihre eigenen Interessen als herrschender Klasse zu verschleiern. Als Majakowski sich dessen bewusst wurde, beging er 1930 Selbstmord. Stalin erwirkte auch einen Personenkult um Majakowski.
Wie der Politiker Lenin wurde auch der Künstler Majakowski zum "marxistisch-leninistischen" Säulenheiligen. Damit endete im Grunde der russische Futurismus, auch wenn die Idee einer vollkommenen Umgestaltung und Ästhetisierung des gesellschaftlichen Lebens gerade von Stalin umgesetzt wurde. Die futuristische Utopie wurde von der stalinistischen Dystopie erdolcht. Ihr Kadaver wurde ausgestopft. Die lebendige Kraft des Futurismus war damit zum musealen Ausstellungsobjekt geworden - etwas, was die Futuristen über alles hassten.
Dass die sozialistischen und futuristischen Utopien in der stalinistischen Dystopie verschwanden, ist eines der tragischsten und komischsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Denn einerseits sind die Ideale von Futuristen und Sozialisten im Stalinismus völlig vernichtet worden, was äußerst tragisch ist. Andererseits wurden Kernforderungen beider im Sinne des Stalinismus zur utopisch-dystopischen Karikatur weiterentwickelt. Nach Krieg, Invasion und Bürgerkrieg hatte zwar der sozialistische Staat überlebt, aber er war unter den Bürokraten unter Stalin nur noch ein Schatten seiner selbst und kein Stück mehr revolutionär, sondern wurde ein bloßes Instrument der Bürokraten.
In Italien hatte sich der Futurismus früh dem Faschismus zugewandt und Marinetti wurde einer der prominentesten Faschisten. Die Grundideen des italienischen Futurismus wurden unter Mussolinis Herrschaft zum ästhetisch-politischen Minimalprogramm der Faschisten. Wie auch der Stalinismus ästhetisierte der italienische Faschismus die Politik und das gesamte gesellschaftliche Leben. Auch der Hitlerismus in Deutschland ästhetisierte seine verbrecherische Politik in höchstem Maße. Allerdings war der Futurismus in Deutschland bedeutungslos.
Das zeigt auch, wie problematisch die These von einer prinzipiellen Seelenverwandtschaft von Futurismus und Totalitarismus ist. Boris Groys vertritt die These, dass Stalin die Utopie der russischen Futuristen umgesetzt habe. Das ist Blödsinn. Stalin hat bloß eine besonders euphorische und pompöse Darstellung seiner bürokratischen Politik betrieben. Die Farblosigkeit des Bürokraten sollte durch bunte Ausstaffierung verdeckt werden. Lebensfrohe Phrasendrescherei über die Revolution sollte die trockene Sprache des Bürokraten musikalischer machen. Die bornierten Interessen der Bürokratenklasse sollten mit der stalinistischen Hagiographie heilig gesprochen werden. Die Natur des ganzen stalinistischen Regimes war der absolute Gegensatz dessen, was die russische Revolution erreicht hatte. Die futuristische Utopie war in Gegenteil verkehrt worden.
Der Fortschrittsoptimismus in architektonischer Form
Die Schändung des Futurismus
"Der Blick auf die Avantgarden hat sich verändert", scheibt Schmidt-Bergmann. In der Tat! Das großartige Projekt des Futurismus ist im postmodernen Zeitalter einerseits "dekonstruiert" und andererseits dem neoliberalen Zeitgeist einverleibt worden.
Werbung, Agitation, Design und allgemein die Einheit von Kunst und Leben - genuin futuristische Ideale - dienen heute den kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen, gegen die sich die kommunistischen Futuristen aufgelehnt hatten. In postmoderner Manier wird zudem der soziale Gehalt des Futurismus geleugnet und von seinem sozialen Entstehungshintergrund abgelöst.
Es wird so getan als wäre es Zufall, dass gerade in einer Phase der Revolution und Konterrevolution in Russland und in Italien die futuristische Ästhetik, der italienische Futurismus und der kommunistische Futurismus entstanden. Damit wird das futuristische Projekt nach seiner Ermordung und Beerdigung durch die Bürokraten auch noch von den Professoren geschändet.
Fjodor Dostojevskij war zweifellos einer der bedeutendsten Schriftsteller der Weltliteratur. Schon alleine deswegen lohnt es sich, sich mit seinem Schaffen intensiv zu beschäftigen. Aber auch sein privates Leben und seine innere Verfasstheit sind äußerst beeindruckend. Sein literarisches Schaffen und seine Entwicklung als Mensch hängen zudem offensichtlich sehr eng zusammen. Wie bei Majakovskij ist auch beim Studium von Dostojevskij nicht nur das Private als politisch aufzufassen, sondern auch als Kontext seines literarischen Schaffens. Darum soll es im Folgenden gehen.
Passion und Utopie eines skeptischen Gläubigen
Geboren wurde Dostojevskij am 30. Oktober 1821, praktisch zu Halloween, dem "Tag vor Allerheiligen", an dem heute ganz unbeschwerlich die Unruhe zelebriert wird. Unruhig war Dostojevskijs Leben in der Tat. Unbeschwert war es hingegen selten. Schon früh suchten den jungen Fjodor "Dämonen" heim. Mit achtzehn Jahren schrieb er an seinen Bruder Michail, dass er das Mysterium der menschlichen Persönlichkeit ergründen wolle:
"wenn du dein Leben damit hinbringst, so sage nicht, daß du deine Zeit vergeudet hast. Mich interessiert dieses Mysterium, weil ich den Wunsch habe, ein Mensch zu werden."
Sein Biograf Janko Lavrin merkt über diesen Wunsch Dostojevskijs, "ein Mensch zu werden" in Bezug auf sein literarisches Schaffen an:
"Er hat gewiß sein Bestes getan, um dies Mysterium zu ergründen. Und die Protokolle seines Suchens und Findens sind eingegangen in seine Werke, die meist aufs engste mit den Krisen seines eigenen Geistes, mit seinem inneren und äußeren Leben verknüpft sind. Daher kann eine Biographie Dostojevskijs, auch wenn sie nur kurz ist, als nützliche, ja, notwendige Einführung in sein Werk dienen. Und das um so mehr, als sein Leben ebenso außergewöhnlich war wie seine Romane und Novellen."
Dostojevskij entstammte "einer verarmten Familie des Landadels", wobei der Vater ein Doktor der Medizin und die Mutter Kaufmannstochter war. Sein Biograf schreibt über die Stellung Dostojevskijs in der zaristischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts:
"Dostojevskijs Herkunft war also in sozialer und berufsständischer Hinsicht heterogen. Und ungeachtet der Tatsache, daß er sich selbst gern als Edelmann bezeichnete, blieb seine unstete Existenz - bis auf die letzten Jahre seines Lebens - eher die eines Bürgerlichen oder gar die eines Proletariers."
Er hatte also schon über die Familie Kontakt zu verschiedenen Schichten und Klassen, aber seine Berührung mit den Klassen im Zarenreich intensivierte sich um ein Vielfaches. Zum einen musste er sich als angehender Schriftsteller zunächst einen Ruf aufbauen. Bis dahin hatte er das typische Leben eines armen Adelsjungen gelebt. Und nach dem ersten Durchbruch kam er aufgrund politischer Umtriebe für vier Jahre in ein Straflager im tiefsten Sibirien, in frostigen Omsk. Dort lernte er das niedrigste und gesellschaftlich am tiefsten stehende Gesindel kennen: andere politische Häftlinge und elende Verbrecher ebenso, natürlich aber auch die richtig fiesen Kriminellen, Lagerwachen und Polizisten. Nachdem er seinen Ruf hat wiederherstellen können und sozial wieder aufstieg, kam er auch in den Kontakt zur russischen und europäischen Großbourgeoisie und zum hohen Adel. Er hatte also praktisch mit allen Schichten und Klassen eigene Erfahrungen gemacht und diese meisterhaft in seinem Werk verarbeitet. In seinen Texten wimmelt es daher von verschiedensten Menschentypen, Mitgliedern verschiedenster Milieus und allen möglichen Ideen und Situationen, die nur jemand mit Dostojevskijs Erfahrungen so realistisch darstellen konnte. Den kritischen Realismus seines Talents kann man nicht leugnen, es sei denn, man will sich Idiotismus vorwerfen lassen. Dostojevskij ist nicht zuletzt durch die hervorragende literarische Verarbeitung seiner persönlichen Erlebnisse zu einem der gewaltigsten Autoren der Literaturgeschichte geworden.
Aber wie kam es zur Entwicklung dieses Ausnahmetalents? Aus dem Leben selbst! Probieren geht seit jeher über Studieren. Von Nichts kommt meist noch immer Nichts. Und das Wenigste in seinen abgründigen Kriminalromanen und literarisch dargestellten Anschauungen musste Dostojevskij frei erfinden. Die Realität, die er als Läufer zwischen den Klassen erlebt hatte, lieferte ihm all den nötigen Stoff, um seine zeitlosen Werke zu formen. Sowohl die eigenartigen Menschensorten wie auch die sonderbaren Ideen und die absonderlichen Situationen hat er aus dem wilden Strom des Lebens geschöpft. Dafür musste er sich nicht einmal auf ethnologische Forschung einlassen. Er hat ja bereits mitten im Schlamassel gestanden, das er verbal nur noch ausschmücken und wiedergeben musste.
Wie kam er aber vom verarmten Adel zur Bekanntschaft mit den untersten Schichten der Gesellschaft? In seiner Jugend genoss er trotz oder gerade wegen eines tyrannischen Vaters eine gute Bildung. Er verehrte die Russen Puschkin, Gogol und Lermontov. Er studierte die Briten Shakespeare, Byron und Dickens ebenso wie die Franzosen Hugo und Balzac. Unter den Deutschen liebte er Hoffmann, Goethe und vor allem Schiller, den er auswendig lernte. Der tiefe Eindruck dieser Schriftsteller äußerte sich in seinem ersten großen Werk, Arme Leute, von 1845. Sein Freund Dmitrij Grigorovitsch war von dem Roman begeistert und zeigte es dem Dichter Nekrasov. Der wiederum war derart beeindruckt, dass er den Roman sofort durchlas und den talentierten Nachwuchsautor zusammen mit Grigorovitsch noch in der selben Nacht weckte, um ihn zu feiern. Buchstäblich über Nacht wurde Dostojevskij zur Sensation. Er selbst beschrieb es so:
"Überall treffe ich auf höchst erstaunliche Beachtung und riesiges Interesse [...] Ich habe die Bekanntschaft einer Menge einflußreicher Leute gemacht. Fürst Odojevskij bittet mich um die Ehre eines Besuches, und Graf Sollogub rauft sich verzweifelt die Haare. Panajev hat ihm erzählt, ein neues Genie sei aufgestanden und würde alle anderen beiseite fegen ... Jedermann betrachtet mich wie ein Weltwunder. Wenn ich nur den Mund aufmache, schwirrt die Luft von dem, was Dostojevskij vorhat. Belinskij liebt mich grenzenlos."
Eben dieser Belinskij, der größte Literaturkritiker des ganzen Reiches, führte Dostojevskij in die Kreise der radikalen Jugend Russlands ein. Aufklärungsphilosophie, Naturwissenschaften, Atheismus, Republikanismus und Demokratie waren die leitenden Ideen dieser Kreise. Dostojevskij radikalisierte sich und wurde Mitglied einer revolutionär gesinnten Geheimgesellschaft um den Revoluzzer Petraschevskij. Janko Lavrin erklärt den bemerkenswerten Klassencharakter dieser russischen Triade:
"Im Gegensatz zu den unglücklichen Dekabristen, den Revolutionären von 1825, die sämtlich Adelige waren, bestand diese Gruppe junger Idealisten, die sich jeden Freitag in Petraschevskijs Wohnung versammelten, aus einer Mischung von kleineren Adeligen und Bürgerlichen, den sogenannten 'rasnotschinzy'. Sie interessierten sich für Fourier, Proudhon und die französischen Sozial-Utopisten im allgemeinen. Sie erstrebten auch die Abschaffung der Leibeigenschaft in Rußland, und dies alles in einer Zeit, da die politischen Stürme von 1848 sich schon in verschiedenen Teilen Europas bedrohlich zusammenbrauten."
Diese revolutionären Demokraten im Untergrund wurden jedoch von der zaristischen Polizei ertappt und verhaftet. Dostojevskij wurde zusammen mit den anderen politischen Häftlingen einzig für aufgeklärte Agitation gegen die Zaren-Autokratie in der berüchtigten Peter-Pauls-Festung inhaftiert, die als das übelste Straflager für politische Feinde in ganz Europa galt. Vier Jahre lang verbrachte er in dieser Festung. Eine ihm geschenkte Bibel beeindruckte ihn in dieser Zeit des Elends so tief, dass er seine Gesinnung änderte. Aus dem antizaristischen Demokraten mit positivem Bezug zu Europa wurde nach der Strafe für sein Rebellentum der russische Nationalist, orthodoxe Christ und romantische Antikapitalist Dostojevskij.
Nach seiner vierjährigen Haft in Sibirien ist der einst radikale Schriftsteller und Schüler Belinskijs zunächst vorsichtig und dann jahrelang immer mehr von slawophilen und antieuropäischen Ideen angezogen worden. Dass er auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung zum rigidesten russischen Nationalisten und orthodoxen Fanatiker wurde, und dass er mit größtem Hass auf den Westen die historische Mission des russischen Volkes darin sah, die Welt zu christianisieren, entstammt untrüglich einem imperialen, kolonialen und im Grunde völkischen Denken. Auch seine antisemitischen Ausfälle sind auffälliger Bestandteil seiner romantischen Gesellschaftskritik. Allerdings ist das nur die eine Seite, deren andere nicht verschwiegen werden darf.
Denn Dostojevskijs Hass und Verachtung des Westens wandelten sich mit der Zeit in Sympathie und Mitleid. Aus dem Wunsch, das verwestlichte, gottlose und kapitalistische Europa der Gewalt eines russischen Reich Gottes zu unterwerfen, wurde zum Lebensende Dostojevskijs die Idee einer Synthese von Ost und West in höherer Einheit. Denn nicht nur Europa war in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts von naturwissenschaftlichem Materialismus, Atheismus und Nihilismus dominiert, sondern auch Russland. Wenn aber Russland ebenso vermodert war wie Europa - woher sollte dann noch die Rettung kommen? Für den Ideologen der Verwurzelung in Gott und Boden lag es nahe, die Rettung nicht mehr in der Enge der russischen Nation zu sehen, sondern in der allgemeinen geistigen und geistlichen Wende aller Menschen. Russland war nur noch das am wenigsten korrumpierte Land, aber wie in Europa sollte eine Erneuerung auch in Russland durch die Hinwendung zum gottgefälligen Volksglauben erfolgen.
Dostojevskij sah und kannte zwar das wirtschaftliche Elend, dass der sich entwickelnde Kapitalismus in Europa und Russland angerichtet hat. Aber er war nie ein konsequenter Antikapitalist. Seine Kapitalismuskritik war nie eine historisch-materialistische oder marxistische, obwohl er die Ideen des Marxismus zumindest im Groben gekannt haben muss. Dostojevskijs Kritik war stets eine rein geistige und idealistische und sein Idealismus bestand darin, dass er das geistige Elend, die Orientierungslosigkeit, die Verlorenheit und Verworfenheit der Menschen nicht aus den elenden Lebensbedingungen der Menschen heraus begriff. Der Idealist trennt die bewusstseinsmäßige Reaktion auf bestimmte Lebensbedingungen von diesen Bedingungen. Damit wird das Bewusstsein vom gesellschaftlichen Sein abgehoben und idealisiert. Das Bewusstsein und die bewusste Reaktion der Menschen auf die Verarmung und Verwirrung unter kapitalistischen Verhältnissen sind für den christlichen Idealisten daher nicht ausschlaggebend. Einzig wichtig erscheint dem Idealisten und Utopisten daher die Predigt einer rein moralischen, geistigen, geistlichen Kehrtwende.
Dostojevkijs Utopismus war zwar christlich geprägt und daher durchaus idealistisch. Allerdings speiste er sich, wie oben beschrieben, aus seiner enormen Lebenserfahrung und nicht bloß aus naiver Fantasterei oder Spekulation. Die Erlösung des Menschengeschlechts würde seiner Erfahrung nach nicht aus dem Fortschritt von Technik und Wissenschaft kommen können. Denn ohne die entsprechende geistige Reife wären diese bestenfalls Instrumente in der Hand von Dilettanten und schlimmstenfalls üble Waffen dämonischer Geister. Nihilismus, Atheismus, Sozialismus, Liberalismus und die Verherrlichung der westlichen Errungenschaften würden also gewiss nicht zur Rettung der Menschen führen. Dostojevskij glaubte an die Erlösung durch den Christus. Was wie religiöse Spinnerei klingen mag, relativiert sich jedoch, sobald man sich dessen bewusst wird, dass er einer der kritischsten und realistischsten Autoren der gesamten Weltliteratur war. Sein Biograf Lavrin schreibt:
"Wenn wir eine der wesentlichsten Aufgaben der Kunst darin erblicken, unsere Rezeption der Wirklichkeit, des Menschen und des Lebens zu erweitern und zu vertiefen, so können wir Dostojevskij als Künstler ohne Zögern neben Shakespeare stellen. Es wird schwer sein, einen zweiten Autor zu finden, dessen Drang, die Geheimnisse des menschlichen Bewußtseins mit all seiner Angst, seinen dramatischen Konflikten und Widersprüchen aufzudecken, so ungestüm gewesen wäre wie der Dostojevskijs."
Die einfache antireligiöse Feststellung, dass alle Christen und alle Religionsanhänger Narren seien, überzeugt sicherlich nicht allzu viele Menschen, ob religiös oder nur vernunftbegabt. Plumpe Tiraden gegen die verschiedenen Formen der Religion an sich führen nicht weiter. Ein ernsthafter Kritiker Dostojevskijs muss sich in die Menschen und die menschliche Situation von damals hineinversetzen. Manfred Hildermeier schreibt in seiner Geschichte Russlands über die damalige brodelnde Revolution im Zarenreich Mitte des 19. Jahrhunderts:
"Eine neue Generation war herangewachsen, die mehr und mehr den Ton angab. Sie konnte sich dabei nicht nur auf den biologischen Lauf der Natur stützen, sondern auch auf den Vorteil, im Lande selber zu sein. Das 'junge Russland' war radikaler, agierte vor Ort, ging dazu oft in den Untergrund und vollzog hier einen weiteren, entscheidenden und neuen Schritt: Es ließ den Worten konkrete Taten in Gestalt konspirativer Organisationen, systematischer Agitation und im Extremfall terroristischer Anschläge folgen. [...] An die Stelle des vielzitierten 'reuigen Adeligen' trat der intelligent, der unversöhnliche Regimegegner, der die Universität absolviert hatte oder sie als Student noch besuchte. Mit alledem gewann die revolutionäre Opposition eine neue Qualität. Fortan war sie nicht mehr nur eine geistige Strömung und Welstanschauung, aus der sich auch eine bestimmte Haltung zur konkreten Herrschafts- und Sozialordnung der Gegenwart ergab. Vielmehr transformierte sie sich in eine programmatisch politische Kraft, die sich bemühte, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und den Staat, repräsentiert durch seine Polizei und Verwaltung, direkt anzugreifen. Es war dieser Gestaltwandel, den die radikale Opposition unter Alexander II. durchlief und der retrospektiv als Geburt der revolutionären Bewegung im engeren Sinn erscheint."
Dostojevskij war also zunächst Teil genau dieses "jungen Russlands", dem es um eine Umwälzung der Verhältnisse unter dem Zarismus ging. Nachdem er aber die negativen Seiten dieser noch sehr unreifen Bewegung kennengelernt hatte und dafür bestraft worden war, änderte sich seine Gesinnung, die nunmehr konservativ, pessimistisch und sehr skeptisch wurde. Birgit Harreß schreibt über seine romantische Aufklärungsskepsis:
"Im Gegensatz zu seinen Rivalen Turgenjew, Tolstoj oder Gontscharow geht er nicht davon aus, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, das sich in einem Bewusstwerdungsprozess vervollkommnen kann. Dostojevskij misstraut der Vernunft, die den Menschen im 18. Jahrhundert dazu bewogen hat, seinem Glauben abzuschwören und sich selbst als Zentrum seiner Erkenntnis zu sehen."
Ganz genau solch eine christlich-utopische Kehrtwende ist das Kernthema aller Dostojevskij-Romane ab 1866.
Die christliche Erlösungsutopie in Dostojevskijs Romanen
Da Dostojevskijs revolutionär-demokratische Einstellung ebenso utopistisch war wie der Utopismus der Anarchisten und Volkstümler in Russland allgemein, verwandelte sich diese in eine ebenso utopische christlich-orthodoxe Ideologie. Die bürgerlich-demokratische Utopie Dostojevskijs wurde zur ebenso bürgerlichen, aber nunmehr zaristischen und christlichen Erlösungsutopie. Dieser Wandel verlief nicht ohne Brüche. Im Gegenteil. Dostojevskij litt enorme Qualen während seines Gesinnungswandels. Auch sein neuer Glaube war nie so gefestigt, dass er keine Zweifel mehr gehabt hätte. Dostojevskij konnte nie ein einfacher Dogmatiker sein, sondern blieb stets ein skeptischer Gläubiger, ein zweifelnder Christ, dessen zweideutiger Wille zum Glauben für ihn chrakteristischer blieb als ein eindeutiger Glaube. Es scheint, als habe der tiefe Einblick des Menschen und Künstlers in die menschliche Misere den Christen Dostojevskij von starrem Dogmatismus abgehalten. Dostojevskijs geistige Dämonen blieben stets im Kampf mit seinem kritischen Realismus. Harreß erklärt den Realismus in Dostojevskijs Romanen so:
"Der sich selbst vergötzende und dabei schwache Mensch läuft Gefahr, der Idee des Übermenschen zu frönen, um seine Gottlosigkeit zu kompensieren. Jeder der fünf großen Romane zeigt diesen Irrweg, der erst dort endet, wo sich der Einzelne der Wahrheit stellt, der göttlichen Wahrheit. Das zu zeigen ist für Dostojewskij 'Realismus'."
Der geniale Schriftsteller selbst erklärte seinen Realismus ähnlich:
"Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich (denn meine Richtung entspringt der Tiefe des russischen Volksgeistes), obschon ich dem gegenwärtigen russischen Volk unbekannt bin - doch das zukünftige wird mich kennen. Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein Realist im höheren Sinne, daß heißt: ich zeige alle Tiefen der Menschenseele".
Bereits im Titel seines ersten großen Romans Verbrechen und Strafe (bzw. Schuld und Sühne) von 1866 ist das stete Hauptmotiv des Autors erkennbar. Das Aufzeigen aller Abgründe der Menschenseele und die Erlösung dieser Seele durch Gott ist Dostojevskij in diesem hoch-philosophischen Kriminal-Roman fantastisch gelungen.
In Verbrechen und Strafe gibt es unzählige Ansagen im Sinne einer christlichen Erlösung im Hier und Jetzt. Nicht nur soll klar werden, dass es ohne innerliche Buße keine Ent-Schuldigung vor Gott geben kann. Auch kann es ohne praktisch wirksame Sühne keine Erlösung im Hier und Jetzt geben. Weiterhin wird offenbar, dass die moralische Strafe des eigenen Gewissens für ein großes Verbrechen letztlich größer ist als die körperliche Strafe im Straflager. Und diese Ideologie kommt von jemandem, der vier Jahre lang im sibirischen Lager einsaß! Weiterhin zeigt der Roman, dass die körperliche Strafe und die soziale Abstrafung durch Ächtung im gottgefälligen Leben für die Wahrheit sogar Freude bereiten kann.
Der Held und Anti-Held des Romans, Rodion Raskolnikov, ist ein armer Student, der sich in einen gedanklichen Wahn steigert, der ihn zu einem brutalen Verbrecher werden lässt. Obwohl er jedoch unerkannt bleibt, plagt ihn sein schlechtes Gewissen so sehr, dass er sich schließlich stellt. Trotz der Strafe zur Inhaftierung in einem sibirischen Lager findet er nicht nur zu Gott, sondern auch zu wahrer Liebe ausgerechnet mit einer ehemaligen Prostituierten.
Welches Verbrechen begeht Raskolnikov? Der zornige junge Student massakriert zwei ältere Frauen mit einer Axt. Eigentlich wollte er nur die eine Frau, eine gierige Pfandleiherin, aus der Welt schaffen. Als ihre Schwester zufällig kurz nach dem Mörder ebenfalls in die Wohnung der Pfandleiherin eintritt, wird auch sie erschlagen. Raskolnikov verliert ganz und gar den Kopf, findet das Geld der Ermordeten nicht, das er eigentlich stehlen wollte, und flieht.
Wieso begeht Raskolnikov das Verbrechen? Vordergründig mag das Motiv die Beraubung der Pfandleiherin sein. Aber dahinter gibt es weitere mögliche Motive. Raskolnikovs Schwester ist kurz davor, sich ihrem verarmten Bruder und der Familie zu Liebe an einen älteren Freier zu binden. Raskolnikov erträgt diesen Gedanken des praktischen Verkaufs seiner Schwester seinetwegen nicht. Zudem verachtet er die Pfandleiherin. Allerdings kann auch dieses Motiv als nebensächlich gelten. Denn hinter solchen Erwägungen entwickelt Raskolnikov seine eigene, sehr eigenwillige Rechtfertigungsideologie.
Raskolnikovs Weltanschauung ist elitär, chauvinistisch und menschenfeindlich, aber sie wird erst verständlich durch den Kontext der menschlichen Verwahrlosung, in dem der philosophierende Student sie entwickelt. "Das Leitmotiv von der Verelendung des Menschen durchzieht Schuld und Sühne mehr als jeden anderen der großen Romane", schreibt Birgit Harreß. Und weiter:
"Wann immer Raskolnikov seine erbärmliche Dachkammer verlässt, um in der Menge Ablenkung zu suchen, stößt er auf arme, entrechtete Menschen. Da sind solche, die wie Marmeladow vergeblich um den Rest ihrer Würde kämpfen, und solche, die als Ware betrachtet werden. Die Käuflichkeit der Frauen beschränkt sich nicht auf die Prostituierten, die der Held an jeder Straßenecke sieht, sonder greift auf die so genannte gute Gesellschaft über, die vom Ungeist der Lüge durchwirkt ist. [...] Als er auf die Straße geht, um seinen Ärger abzureagieren, sieht er ein betrunkenes junges Mädchen, dem ein feiner Herr nachstellt, um offensichtlich die Situation auszunutzen. Ein Anzug von 'größter Eleganz' garantiert hier die Integrität des Beleidigers."
Raskolnikov ist zutiefst empört und verärgert. Als hochintelligenter Student inmitten der menschlichen Misere sucht er nach einer Antwort auf die Situation. Dem irdischen Jammertal ist kaum zu entfliehen. Daher sind die meisten Menschen elende Kreaturen, die sich niederdrücken lassen und ihre Würde kaum retten können. Die Bestialität der Gesellschaft findet ihre Entsprechung in der inneren Einstellung der meisten Tiere, die sich für Menschen halten. Dennoch gibt es aus Sicht Raskolnikovs Menschen, die sich nicht auf das Niveau eines Tieres hinabdrücken lassen. Raskolnikov erklärt seine Perspektive auf die Dinge eindrücklich, indem er behauptet, dass
"alle Gesetzgeber und Führer der Menschheit [...] ohne Ausnahme, Verbrecher waren, schon allein deswegen, weil sie durch die neuen Gesetze, die sie gaben, die alten, von den Vätern überkommenen und von der Gesellschaft für heilig erachteten Gesetze verletzten und natürlich auch vor Blutvergießen nicht zurückschraken, wenn allein dieses Blutvergießen [...] ihnen zur Durchführung ihrer Absichten helfen konnte. [...] Kurz, ich kam zu dem Ergebnis, daß nicht nur die eigentlich großen Männer, sondern auch diejenigen, die nur einigermaßen fähig sind, neue Bahnen einzuschlagen, daß heißt, die nur einigermaßen imstande sind, etwas Neues zu sagen, daß diese alle zufolge ihrer Natur Verbrecher sein müssen - selbstverständlich mehr oder weniger".
Raskolnikov erklärt also alle Gesetzgeber und politischen Führer zu Verbrechern. Das ist gar nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt. In der Klassengesellschaft sind die Reichen und Mächtigen nunmal Teil der Herrschenden, die mit staatlicher Gewalt und Verbrechen die große Mehrheit der Menschen ausbeuten und unterdrücken. Raskolnikov sieht in der Erkenntnis dieser Ungerechtigkeit aber keinen Grund, nun zum Revolutionär zu werden, sondern er will selbst in die Reihen der großen Männer und Verbrecher aufsteigen. Die Kraft zu beweisen, bestehende moralische Gebote für sich außer Kraft zu setzen und das auch noch mit Stolz zu tun wie ein Alexander der Große oder ein Napoleon Bonaparte, das ist die Prüfung, die sich der Student im philosophischen Wahn selbst auferlegt. Das ist zugleich die Rechtfertigung für sein geplantes und ausgeführtes Verbrechen an der erbärmlichen Pfandleiherin. Raskolnikov hätte auch eine beliebige andere Person ermorden können. Wichtig war ihm die moralische Grenzüberschreitung, um den eigenen Willen zur Macht zu bestätigen, woran er jedoch aufgrund seiner Gewissensbisse scheitert. Entsprechend erklärt er im Nachhinein, was die großen Männer und Verbrecher von ihm unterscheidet:
"Nein, jene Menschen waren aus anderem Stoff geschaffen wie ich. Ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, richtet in Paris ein Blutbad an, vergißt eine Armee in Ägypten, opfert eine halbe Million Menschen in dem Feldzug gegen Rußland und setzt sich in Wilna durch ein Wortspiel darüber hinweg; und ein solcher Mann wird nach seinem Tod wie ein Abgott verehrt; man sieht also auch alles, was er getan hat, für erlaubt an. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht von Fleisch und Blut, sondern von Erz".
Auch in Der Idiot von (1868) geht es Dostojevskij genau genommen um Schuld und Sühne. Zwar begeht diesmal nicht der absolut positive Held Fürst Myschkin das mörderische Verbrechen am Ende des Romans, aber auch hier wird die Verdorbenheit der städtischen und höheren Klassen großartig angeprangert. Myschkin, der "Idiot" im Roman, erscheint übertrieben positiv, fast schon übermenschlich gut und daher utopisch zu sein. Er verkörpert im Grunde Dostojevskijs christliche Utopie, die Utopie eines wirklich christlichen Menschen in einer gottlosen Welt. Der Autor selbst erklärte:
"Ich habe meine eigene Anschauung von der Wirklichkeit (in der Kunst); das, was die Mehrheit schon nahezu als phantastisch und außergewöhnlich bezeichnet, stellt für mich zuweilen das Wesen des Wirklichen dar. Alltäglichkeit der Erscheinungen und ihre schablonenhafte Betrachtung sind meines Erachtens noch kein Realismus, eher das Gegenteil. [...] Ist mein phantastischer Idiot nicht die Realität, und zwar die alltäglichste? Gerade jetzt brauchen wir in unseren vom Boden losgerissenen Schichten der Gesellschaft - Schichten, die in Wirklichkeit phantastisch werden - solche Charaktere".
Wie auch Dostojevskij selbst leidet der gutmütige und gottgefällige Fürst Myschkin an der "heiligen Krankheit" Epilepsie. Zurück aus einem Sanatorium in der Schweiz gerät der etwas naive und kindliche Myschkin in einen abstoßenden Sumpf aus Lügen und Intrigen. Die "gute Gesellschaft" entpuppt sich als Gesellschaft verdorbener Ungetüme, die den "Mammon" und alles Äußerliche anbeten. Selbst die sympathischeren Charaktere erscheinen irgendwie hinterhältig. Alles "Gute" in der "guten Gesellschaft" ist mehr Schein als Sein. Myschkin dagegen ist zwar kindlich-naiv, aber er erkennt intuitiv die ganze Heuchelei hinter den freundlichen Gesten seiner Umgebung. Auch das rettet ihn nicht vor der völligen Verzweiflung an den Menschen und vor dem epileptischen Schwachsinn, der ihn zugleich von den Intrigen seines Umfelds erlöst.
In Die Dämonen von (1870/71), also ausgerechnet in den Jahren der revolutionären Pariser Kommune, rechnet Dostojevskij mit seinen früheren Dämonen, den radikalen und aufklärerischen Ideen im Umfeld von Belinskij, ab. Der Romantitel verweist auf die biblisch inspirierte Handlung: Das altersschwache Mütterchen Russland des 19. Jahrhunderts wird von "Dämonen" heimgesucht. Verkörpert werden diese bösen Geister durch einen sektiererischen Zirkel von Studenten im sakrosankten Petersburg. Deren Ziel scheint zunächst die Umwälzung Russlands mit verworrenen utopischen Vorstellungen zu sein. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die Studenten vor allem nihilistische Terroristen sind, die nichts als Chaos und Unheil über die sowieso schon geplagten und verzweifelten Russen bringen wollen.
Im Unglauben sah Dostojevskij den Grund für den elenden Zustand des russischen Volkes. Der Autor wollte den Roman zur Sirene gegen die lauter werdenden revolutionären Ideen im orthodoxen Russland machen. Deswegen lässt er die Figuren über "Gott und die Welt" diskutieren, wobei christliche Erlösungsutopien mit faschistoiden Wahnvorstellungen und Forderungen nach Menschenrechten gegeneinander antreten. Aus den ideologischen Differenzen erwächst ein Komplott gegen einen abtrünnigen Studenten, was zu (Selbst-)Mord und Totschlag ausufert.
In einer Szene planen die Studenten den Aufstand: "Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht", sagt der zynische Antiheld Verchovenskij. Sein Mitverschwörer Stavrogin beklagt, heutzutage gäbe es furchtbar wenige "selbständig denkende Köpfe" – und folgert daraus ziemlich elitär und chauvinistisch, es reichten schon diese beiden für den nötigen Umsturz.
Verchovenskij verkörpert den Alptraum der Besitzenden: "Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein." Dieser Individualismus müsse ausgemerzt werden: "Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen." Indem die Verschwörer "unmittelbar ins Volk" eindringen und ihr dämonisches Gedankengut umsetzen, soll alles Heilige in Russland (Familie, Liebe, Individualität, Eigentum) dem Erdboden gleichgemacht werden.
Obwohl Dostojevskij solchermaßen versucht, die radikale Jugend in Russland zu verunglimpfen, gelingt es ihm nicht wirklich. Denn das extreme Abgleiten der "Revolutionäre" in Menschenhass wirkt unglaubwürdig. Man ist zwar entsetzt, wenn die Abgründe ihrer dämonischen Seelen beleuchtet werden, aber man fühlt mit, sobald ihre innere Zermürbung offenbar wird. Dostojevskij beschreibt auch in diesem Roman wieder Männer und Frauen, die verzweifelt einen Ausweg aus ihrer menschlichen Misere suchen. Das macht sie sympathisch. So lässt er eine Figur seine eigene Liebe zum Nächsten und christliche Überzeugung ausdrücken:
"Ich
habe mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen
gewundert, das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit in seiner
Seele hegen zu können, und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit."
Ironischerweise schafft der Autor es also nicht, seine Antihelden völlig unmenschlich zu gestalten. Das liegt nicht an fehlendem Talent, sondern an der realistischen Darstellung der Figuren. Die künstlerisch-realistische Seite des Autors kämpft mit seiner antikommunistischen. Den größenwahnsinnigen Revoluzzer Verchovenskij lässt er offenbaren: "Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha!" Der reaktionäre Angriff Dostojevskijs auf die rebellierende Jugend Mitte des 19. Jahrhunderts misslingt also, obwohl zugleich ein großes Kunstwerk der Revolution gelungen ist!
Spannender als die relativ schlichten Handlungen seiner Romane sind also die
gedanklichen Abgründe und Höhenflüge, die seine Figuren eindrücklich
aussprechen und die Darstellung menschlicher und gesellschaftlicher Probleme. In einem typischen Gespräch redet der atheistische Chaot Stavrogin mit dem schwankenden Christen Kirillov über "Gott und die Welt":
»Ja. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist; nur darum. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird sogleich glücklich, augenblicklich. Diese Schwiegermutter wird sterben, und das kleine Mädchen wird zurückbleiben, – alles ist gut. Ich habe das auf einmal entdeckt.«
»Aber wenn jemand Hungers stirbt, oder wenn jemand ein Mädchen beleidigt und entehrt, – ist das auch gut?«
»Ja, es ist gut. Und wenn jemand einem kleinen Kinde den Kopf zerschmettert, so ist auch das gut, und wenn er ihn nicht zerschmettert, ist es ebenfalls gut. Alles ist gut, alles. All denen geht es gut, welche wissen, daß alles gut ist. Wenn die Menschen wüßten, daß es ihnen gut geht, dann würde es ihnen gut gehen; aber solange sie nicht wissen, daß es ihnen gut geht, wird es ihnen schlecht gehen. Das ist der ganze Gedanke, der ganze; weiter gibt es keinen!«
»Wann haben Sie denn erkannt, daß Sie so glücklich sind?«
»In der vorigen Woche, am Dienstag; nein, es war am Mittwoch; denn es war schon Mittwoch, in der Nacht.«
»Bei welchem Anlaß denn?«
»Ich erinnere mich nicht; ohne besonderen Anlaß; ich ging im Zimmer auf und ab ... es ist ja ganz egal. Ich hielt die Uhr an; es war zwei Uhr siebenunddreißig Minuten.«
»Das sollte wohl symbolisch bedeuten, daß die Zeit stehen bleiben muß.«
Kirillow schwieg eine Weile.
»Die Menschen sind nicht gut,« begann er dann auf einmal wieder, »weil sie nicht wissen, daß sie gut sind. Sobald sie das erkennen werden, werden sie kein Mädchen mehr vergewaltigen. Sie müssen erkennen, daß sie gut sind, und alle werden sofort gut werden, alle, ohne Ausnahme.«
»Also Sie selbst, Sie haben erkannt, daß Sie gut sind?«
»Ja, ich bin gut.«
»Darin stimme ich Ihnen übrigens bei,« murmelte Stawrogin finster.
»Wer da lehren wird, daß alle gut sind, der wird die Welt zur Vollendung führen.«
»Den, der das gelehrt hat, hat man gekreuzigt.«
»Er wird kommen, und sein Name wird Menschgott sein.«
»Gottmensch?«
»Menschgott; das ist ein Unterschied.«
»Zünden Sie selbst schon das Lämpchen vor dem Heiligenbilde an?«
»Ja, diesmal habe ich es angezündet.«
»Sind Sie gläubig geworden?«
»Die alte Frau hat es gern, daß das Lämpchen brennt ... und heute hatte sie keine Zeit,« murmelte Kirillow.
»Aber Sie selbst beten noch nicht?«
»Ich bete zu allem. Sehen Sie, da kriecht eine Spinne an der Wand; ich sehe sie an und bin ihr dankbar dafür, daß sie da kriecht.«
Seine Augen brannten wieder. Er sah seinem Gaste mit festem, unverwandtem Blicke gerade ins Gesicht. Dieser hörte ihm mit finsterer, widerwilliger Miene zu, in der jedoch kein Spott lag.
»Ich möchte darauf wetten: wenn ich wieder herkomme, werden Sie schon auch an Gott glauben,« sagte er, indem er aufstand und nach seinem Hute griff.
»Warum?« fragte Kirillow, der sich ebenfalls erhob.
»Wenn Sie erkennten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn glauben; aber da Sie noch nicht wissen, daß Sie an Gott glauben, so glauben Sie auch nicht an ihn,« antwortete Nikolai Wsewolodowitsch lächelnd.
»Das ist doch etwas anderes,« erwiderte Kirillow, nachdem er ein Weilchen nachgedacht hatte. »Sie haben meinen Gedanken verdreht. Ein weltmännischer Scherz. Erinnern Sie sich, was Sie in meinem Leben für eine bedeutende Rolle gespielt haben, Stawrogin!«
»Leben Sie wohl, Kirillow.«
Derartige Gespräche häufen sich bei Dostojevskij in Massen und Gott, die gottgefällige Welt und die gottlose Welt sind die ewigen Themen seiner Figuren. Auch verwies Die Dämonen prophetisch auf eine Gefahr, die unter den stalinistischen Diktaturen noch zur Realisierung kommen sollten. Der dämonische Theoretiker Schigalev entwickelt seine schaurige Dystopie von der neuen Klassengesellschaft nach der geplanten Umwälzung durch die terroristischen Verschwörer und Verchovenskij, der verrückte Terrorist, stellt sie so fantastisch dar, dass man diese Zukunftsvision für eine Beschreibung von Stalins Russland oder Maos China halten könnte:
"Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in diesem Sklavenzustande untereinander gleich. In extremen Fällen kommen Verleumdung und Mord zur Anwendung; aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Das erste, was geschehen wird, ist, daß sich das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente senken wird. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und der Talente ist nur höher Begabten erreichbar; aber wir brauchen keine höher Begabten! Die höher Begabten haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Die höher Begabten müssen notwendigerweise Despoten sein und haben immer mehr zur Demoralisation beigetragen als Nutzen gebracht; die werden vertrieben oder hingerichtet. Einem Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, einem Kopernikus werden die Augen ausgestochen; ein Shakespeare wird gesteinigt: da haben Sie den Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben; aber in einer Herde muß Gleichheit herrschen, und das ist der Schigalewismus!"
In Der Jüngling von 1875 und in Die Brüder Karamazov von (1878/80) ist ein deutlicher Wandel in Dostojevskijs slavophiler Ideologie zu vermerken. Wie die Romane zuvor, sind auch diese Romane zum Sprachrohr seiner Weltanschauung geworden. Die Feindschaft gegenüber den Ideen aus dem Westen lässt merklich nach. Sozialismus, Liberalismus und Atheismus des 19. Jahrhunderts sind für ihn nicht mehr Wurzeln allen Übels, sondern bloß Ausdruck und Versuche der Bewältigung des jämmerlichen Lebens in einer ungerechten Gesellschaft. Aber dennoch muss es für ihn Ziel aller Menschen werden, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst eine allumfassende Menschlichkeit würde eine wahrhaft menschliche Gesellschaft ermöglichen. Entsprechend ist die Anprangerung der Ideen aus dem Westen der Betonung der Einheit aller Menschen gewichen. Dostojevskij wird deutlich nachsichtiger und sein früherer Hinweis, dass es keine völlig bösen Menschen gäbe, fand in den letzten zwei Romanen einen vollendeten Ausdruck. Der weise Makar in Der Jüngling erklärt in diesem Sinne:
"einem wirklichen Gottlosen bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen begegnet, - siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Darunter gibt es die verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang und suchen es auszudeuten, so sie sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr bemerkt. Manch einer ist in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von gärenden Träumen".
Der ganz späte Dostojevskij vertrat im Grunde keine romantische Slavophilie, sondern einen romantischen und christlichen Universalismus und Antikapitalismus, auch wenn er nicht mehr zu seinen alten revolutionär-demokratischen Ursprüngen zurückkehrte. In seiner brillanten Puschkin-Rede erklärte er seine absolut bemerkenswerte Überzeugung nunmehr so:
"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"
Mit seinem universalistischen Bekenntnis näherte er sich dem großen Feind, dem marxistischen Sozialismus, stark an. Natürlich wäre es Unsinn, in ihm einen Sozialisten, Kommunisten oder Marxisten zu sehen. Dennoch ist gerade die Verbindung von ernst gemeintem christlichem Universalismus und scharfer Gesellschaftskritik nicht weit entfernt vom marxistischen Radikalismus, der nach Dostojevskijs Tod die bürgerlich-demokratischen und sozialdemokratischen Ideen hinter sich ließ und in der Organisation der russischen Kommunisten, der Bolschewiki, seinen höchsten Ausdruck fand. Das Studium Dostojevskijs, seiner Ideen und des sozialen Kontexts, in dem diese heranwuchsen, verweist zum Einen auf die würdige Nachfolge dieser Ideen in der proletarischen Revolution, die von den russischen Kommunisten angeführt wurde, und zum Anderen auf die von Dostojevskij befürchtete gottlose und wertelose Staatsmacht unter Stalin.
Zwischen Dostojewskij und 2Pac liegen Welten. Und dennoch ist der Abstand zwischen diesen beiden Menschen viel geringer als es scheint.
Dostojewskij war Schriftsteller, 2Pac war Rapper.
Dostojewskij war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, 2Pac einer des 20. Jahrhunderts.
Dostojewskij war weißer Russe, 2Pac war schwarzer Amerikaner.
Dostojewskij war entschieden orthodoxer Christ und russischer Nationalist, 2Pac war mehr oder weniger Atheist und kam aus der Szene der Black Panthers.
Dostojewskij war adliger Abstammung und verarmte im Laufe der Zeit, 2Pac kam aus dem Ghetto und stieg als Parvenu zu Ruhm und Reichtum auf.
Die Gegensätze scheinen unüberbrückbar zu sein. Das stimmt aber nicht. Die Welten, die diese zwei Persönlichkeiten von einander trennen, können nicht verschleiern, dass es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Dostojewskij und 2Pac einen viele Gemeinsamkeiten:
Dostojewskij und 2Pac machten erstaunliche Wandlungen durch.
Beide waren zutiefst entwurzelte Menschen, die letztlich trotz aller Hindernisse Wurzeln schlagen konnten.
Beide saßen im Gefängnis und hatten ein feines Gespür für die Nöten und Leiden der unteren Schichten.
Beide hassten ganz besonders die Ungerechtigkeiten in ihrem Land.
Beide verpackten ihre Messages in ihrer Sprachkunst.
Beide befragten ihre Klientel auf ihren Glauben und Glaubwürdigkeit
Beide forderten die Menschenwürde für alle Menschen.
Vielleicht mag das an der Nase herbeigezogen klingen. Aber es gab zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt empörten und zum Sprachrohr der Armen, Elenden, Verdächtigten und Verachteten machten. Dostojewskij und 2Pac gehören zu den Ikonen dieser ausgeschlossenen Menschen. Denn sie konnten auf ihre Art mit den Unterdrückten dieser Welt mitleiden und mitfühlen. Und sie konnten dies Mitgefühl in Worte fassen, die auf ewig unsterblich sind.
Aber wozu braucht es solch einer Analogie zwischen einem Romanautor und einem Rapper? Ganz einfach. Auch die größten Unterschiede können Menschen einen, wenn sie Menschlichkeit in Ehren halten. Staatsbürgerliche, ethnische, religiöse, sprachliche und politische Grenzen können angesichts eines echten Humanismus verblassen. Sofern nicht das Trennende betont wird, sondern das Einende, kann menschliche Einheit hergestellt werden. Das gilt auch für Klassengesellschaften, die ja immer von Klassengegensätzen durchzogen sind. Der Kapitalismus wird immer die Gesellschaft bleiben, in der das Kapital die Arbeit ausbeutet und unterdrückt. Aber über den Klassenkampf hinweg kann eine Form der Solidarität hergestellt werden, die auch den berechtigten Klassenhass überwindet. Es wäre naiv zu glauben, dass politische und ökonomische Grenzen unerheblich sind. Keineswegs. Die sind von größter Bedeutung und müssen es auch sein. Links ist nicht gleich rechts. Und Gleichgültigkeit ist nicht Leidenschaft. Nazis, Faschisten, Ultrarechte, Rassisten und Chauvinisten sind natürlich Feinde der menschlichen Einheit. Da kann es keine Diskussion drüber geben. Und Linke müssen selbstverständlich die Einheit der Arbeiterklasse anstreben und die erklärten Feinde von Sozialismus und Demokratie kritisieren, und - wenn nötig -bekämpfen. Dennoch muss es Ziel aller Menschen sein, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst wenn die Menschheit von Menschlichkeit erfüllt ist, können wir davon sprechen, eine menschliche Gesellschaft erreicht zu haben. Bis dahin ist das, was wir Gesellschaft nennen, nur ein barbarisches und brutales Chaos, ein Kampf aller gegen alle, ein allgemeiner Kriegszustand zwischen den Einzelnen.
Dostojewskij und 2Pac sahen das nicht anders. Aber was bringt uns diese Feststellung? Die Klassenkämpfe und Kriege wüten weiter. Die Kapitalisten bekämpfen weiterhin die Armen. Die Linken bekämpfen weiterhin das Kapital. Die Rassisten und Faschisten hetzen weiter. Die Sozialisten und Demokraten kritisieren weiterhin das System. Es gibt also überall Spaltungen und Spaltungstendenzen. Und die sind notwendig und unausweichlich. Also was bringt die Feststellung, dass Dostojewskij und 2Pac liebe Menschen waren, Friede, Freude und Schnaps forderten?
Wir befinden uns heute, im Jahr 2014, in einer höchst gefährlichen Phase, in einer für die gesamte Menschheit höchst gefährlichen Phase, in einer Phase, die an die Zeit vor den großen Kriegen im 20. Jahrhundert erinnert. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, dessen Ausmaße kaum ein Mensch erwartet hatte. Die Krieg führenden Parteien, ob Deutsche oder Franzosen, erwarteten einen schnellen Krieg. Statt dessen kam es zu vier Jahren der brutalsten Materialschlacht, in der die jungen Menschen wie Schießpulver verschossen wurden, in der sie zum reinsten Kanonenfutter wurden, in der sie wie Schlachtvieh reihenweise abgeschlachtet wurden. 2015, nächstes Jahr, jähren sich viele weitere Jubileen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Abwurf der ersten Atombombe auf einen Feind und die Aufdeckung der beispiellosen Verbrechen der Nazis an der europäischen Bevölkerung. Wir dürfen nie vergessen, was in den großen Kriegen angerichtet wurde. Ken Jebsen hat völlig Recht, wenn er Mark Twain darin zitiert, dass Krieg furchtbar einfach ist: Alte Männer, die sich persönlich kennen, schicken junge Männer (und Frauen) gegen ihre eigenen Interessen in den Kampf auf Leben und Tod gegen andere junge Frauen und Männer, um die Interessen von alten Männern (und Frauen) zu bedienen. Das ist Krieg.
Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, droht erneut ein Krieg in Europa. Auch diesmal drohen die alten Männer (und Frauen) in Deutschland den alten Männern (und Frauen) in Russland. Auch diesmal drohen die Herrschaften in Russland zurück. Was droht, wenn zwei Seiten sich gegenseitig bedrohen? Es droht eine Eskalation! Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind die Folgen solch eines neuen Krieges in Europa nicht abzusehen. Naja, Albert Einstein, der geniale Denker und Sozialist, meinte zwar ganz klar:
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."
Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.
Dostojewskij und 2Pac betonen dagegen die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Dinge können sich ändern! Dostojewskij forderte den "neuen Menschen", der in christlicher Nächstenliebe und Gottgefälligkeit alle Unterschiede der Herkunft und des Standes vergessen sollte. 2Pac betonte die Verwandlung des Menschen mit seinen Umstanden. Nicht umsonst heißt eins seiner besten Lieder "Changes" (zu Deutsch: Verwandlungen). 2Pac fragte in seinem Song "Who do u believe in?" auch nach dem Glauben und der Einheit der Menschen:
Who do you believe in?Is it Buddah, Jehovah, or Jah? Or Allah?Is it Jesus? Is it God? Or is just yourself?Definately not to be imposed, being a demonBecause this is the joy of believing!Men, to believe in yourselvesBut for sure, the higher powerResides only to ride in the heart of the trueFrom the soul, of the man; for truth never has an alibiIn the poetry, or in it's realmThat's what pulls all words togetherJust to understand, that every man, is his OWN manAnd only man can satisfy the manOnly the soul of the man, the feelings of the manThe for realness of the manYou can't shake the man when you feel the man you know the manAnd you gotta call yourself because you are that man
Wenn heute also wieder ein großer Konflikt der Nationen ansteht, der in einen großen Krieg ausufern könnte, dann sollte man vielleicht ausnahmsweise Mal nicht den Lügenmärchen der herrschenden Barbaren glauben. Vielleicht sollte man auf Einstein hören oder auf den eigenen Überlebensinstinkt. Denn die Herrschenden werden gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen. Verbalradikal vielleicht, ja, klar. Da bekriegen sie sich in aller Konsequenz. Aber die Konsequenzen ihres Verbalradikalismus "kriegen" dann wir zu spüren. Die Herren und Damen "da oben" werden sich vielleicht sogar auf irgendwelchen entfernten Inseln in Freundschaft zum Bacardi-Cola oder zum Puschkin-Wodka treffen. Das war schon mit dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser so ähnlich, nur dass sie keine Cola tranken. Es war auch zwischen dem britischen Premier Churchill und Stalin nicht anders. Es war schon immer so, dass die Differenzen der Herrschenden untereinander beim Essen und Puschkin-Wodka am Abend verschwunden waren. Allerdings würden sie heute damit den Namen Puschkins in den Schmutz ziehen.
Dostojewskij hielt 1880, auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, eine brillante Rede zu Ehren Puschkins und über die unversellen Ideale der Menschlichkeit. Er sagte:
"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"
Man muss kein Russe oder Christ sein, um nachzuempfinden, was Dostojewskij meinte. Man muss einfach ein wenig Verstand und Herz mitbringen. Die Rede von Dostojewskij hat sogar seinen persönlichen Feind, den Schriftsteller Turgenjew, dazu gebracht, Dostojewskij in Freundschaft zu küssen. Dostojewskijs Frau überlebte ihn übrigens um 38 Jahre. Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sie kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, auf der Krim-Halbinsel starb, auf der nun der heutige Konflikt zwischen Deutschland und Russland eskaliert?
Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen!