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Donnerstag, 14. Dezember 2017
Montag, 20. März 2017
Freitag, 15. Januar 2016
AZAD - Weltbild feat. Schatten und Helden | LEBEN II (Official HD Video)
Wer nach diesem Track noch behauptet, Deutschrap könne nichts, hat von nun an einfach zu schweigen. Der Bozz ist zurück. Mehr muss man nicht sagen.
Mittwoch, 30. Dezember 2015
(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015
| www.gettyimages.co.uk |
Wie misst man den Erfolg eines Blogs?
- An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn?
- An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel?
- An der Erwähnung durch Promis?
- An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland?
- Am Reichtum des benutzten Wortschatzes?
- An der Schwierigkeit des Vokabulars?
- Am inhaltlichen Niveau?
- Am Nachrichtenwert der Inhalte?
- Oder am selbst gesetzten Ziel?
Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.
Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.
- Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht?
- Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
- Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
- Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
- Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
- Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
- Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen.
Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:
- "poah wahnsinns guter artikel, hut ab!" - Anonym über den Artikel Cr7z (Serie: Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7)
- "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba
- 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗
- "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute"
- "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog
- "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog
- "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog
- "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog
- "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog
- "ich find den beitrag sprachlich übrigens ziemlich gut!" - Anonym über den Artikel "Crème de la Crème und Abschaum"
- "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design
Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.
2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.
Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!
Samstag, 21. November 2015
Kaveh Ahangar: Der barbarische „IS“ Vs. fortschrittliche Selbstverteidigungskräfte im syrischen Rojava
Auf der facebook-Seite von Kaveh Ahangar findet man eine schöne Analyse des Kampfes zwischen "IS" und den progresssiven Kämpfern und Kämpferinnen in Rojava. Seine Analyse ist intelligenter als die meisten Gedankenflüge der üblichen Verdächtigen in den Massenmedien zum Thema, aber auch der deutschen Linken und der "anti"deutschen Ideologen. Man beachte, dass Kaveh Rapper ist. Es gibt also Menschen, die hinter hartem Sprechgesang solidere Analysen abliefern als hauptsächlich mit Ideologie beschäftigte "Wissenschaftler", "Journalisten", "Politiker" und "Theoretiker". Der ursprüngliche post findet sich hier.
von Kaveh
Der „Islamische Staat“ und Rojava repräsentieren zwei völlig entgegengesetzte Gesellschaftsmodelle. Aber sowohl „Daesh“ als auch die Selbstverteidigungskräfte in Nordsyrien ziehen Kämpfer*innen aus aller Welt an. Um es stark vereinfacht auszudrücken: Wenn radikalisierte Sunniten zu militanten Islamisten werden schließen sie sich häufig dem „IS“ an, während Rojava vor allem radikale Linke anzieht, die den Befreiungskampf der Kurd*innen, den Schutz unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gruppen, Frauenrechte und die Schaffung rätedemokratische Strukturen unterstützen.

Natürlich trägt jeder Mensch Verantwortung für seine Taten und muss dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. Um die menschenverachtenden Praktiken von Individuen, Gruppen oder Staaten verstehen zu können, sollte man sich nicht nur mit äußeren Faktoren zufrieden geben. Eigenschuld, interne politische und sozio-ökonomische Strukturen und zufällige Gegebenheiten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Dennoch: die Tatsache, dass Menschen im „Nahen- und Mittleren Osten“ zu militanten Islamisten überlaufen hängt insbesondere auch mit Bedingungen und Umständen zusammen, die außerhalb der Einflussmöglichkeiten von Muslim*innen liegen. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind mehr als 730 Salafisten von Deutschland aus in den Irak und die syrischen Kampfgebiete ausgereist – über 200 davon kehrten bereits zurück. Was macht aber den militanten Islamismus so attraktiv? Der „IS“ ist mittlerweile die reichste Terrorgruppe der Welt. Er kontrolliert eine Fläche, die so groß ist wie Großbritannien sowie einen Großteil der Ölfelder im Irak und Syrien. Er finanziert sich nicht nur durch Öleinnahmen, sondern auch durch Konfiszierungen, Raubzügen und Steuererhebungen.
Welche Rolle spielt dabei der Westen? Kritische Geister behaupten, dass, je nach Kräfteverhältnis, die USA entweder die eine Seite (z.B. Assad) oder die andere Seite (z.B. gewaltbereite Islamisten) unterstützen, damit kein Lager zu stark wird und die Kontrolle der Region, ihrer Märkte und wertvollen Ressourcen leichter zu gewährleisten sind. „Divide(nde) et Impera“ im Namen wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen von Staat und transnationalen Konzernen wie dem Militärisch-Industriellen Komplex bis es schließlich nur noch Satellitenstaaten gibt, die nach ihrer Pfeife tanzen? Nach neuen Schätzungen hat die Obama-Administration mehr Waffen verkauft als jeder andere US-Präsident seit dem 2. Weltkrieg. Obamas Deregulierung des Waffenexports hat dazu geführt, dass in den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit Kriegsgerät im Wert von 169 Milliarden Dollar verschachert wurde. Obamas Regierung hat also nicht nur sechs Mal mehr Menschen (ca. 2500) durch Drohnenangriffe getötet als Bush, sondern auch etwa 30 Milliarden Dollar mehr Einnahmen durch Waffenverkäufe erzielt. 60% der Waffen gingen an den „Nahen-und Mittleren Osten“. An der Spitze liegt einer der wichtigsten US-Verbündeten in der Region: Saudi Arabien mit 46 Milliarden Dollar. Ausgerechnet der Staat mit den schlimmsten Menschenrechtverletzungen weltweit hat also mit US-Waffen erst die Demonstranten in Bahrain blutig niedergeschlagen und nun tötet er Houthi-Rebellen und unschuldige Zivilsten im Jemen. Jetzt darf Saudi-Arabien - von wo aus militante Islamisten wie der „IS“ seit Jahren durch private Geldgeber unterstützt werden - für ihre Luftwaffe auch noch mehr als 19.000 Bomben im Wert von 1,29 Milliarden Dollar von den USA kaufen. Verfolgt das US-Imperium eine ethnische „Neuordnung“ des sog. „Nahen- und Mittleren Ostens“? Sollen durch die Auflösung von Nationalstaaten wie Irak und Syrien neue Grenzen entstehen, die nach Stammes- und Religionszugehörigkeit gebildet werden? Seit 2006 scheint dies die vorherrschende Strategie der Neokonservativen in den USA zu sein. Auch die deutsche Waffenindustrie profitiert prächtig vom Krieg und den Folgen des „konstruktiven Chaos“ (Condoleezza Rice).
Diese Entwicklungen, in Verbindung mit der uneingeschränkten westlichen Solidarität mit Israel, den ethnischen Säuberungen in Gaza, den ungeahndeten Massakern an Muslim*innen durch Drohnenangriffe und privaten Söldnerfirmen schüren bei den Betroffenen wiederum starke Ressentiments gegenüber dem Westen und erhöhen die Bereitschaft sich radikalen Gruppen anzuschließen. Letzteres betrifft auch die im Westen lebenden Menschen mit muslimischem Hintergrund oder westliche Konvertiten, die entweder familiär vom Krieg betroffen sind oder politische, kulturelle und religiöse Motive haben. Da islamistische Organisationen aufgrund der jahrelangen Unterstützung durch den Westen, die Golfstaaten oder Iran besser finanziert, ausgerüstet und vernetzt sind als z.B. linke und in vielen Ländern sogar liberale Organisationen, liegt es nahe, dass islamistische Gruppen mühelos vernachlässigte, diskriminierte, verarmte und arbeitslose oder von Krieg und der Ermordung von Angehörigen betroffene Menschen rekrutieren können. Sie geben ihnen körperliche und geistige Nahrung, eine Ausbildung, Arbeit und oftmals auch Waffen und Kriegsbeute. Sie bieten die Möglichkeit die aufgestaute Wut gegen diese Ungerechtigkeiten tatkräftig zu kanalisieren. Sie wollen sich beim US-Imperium und ihren Verbündeten für die seit Jahrzehnten stattfindende Demütigung und Dehumanisierung rächen. Das kann man an den Aussagen von „Jihadisten“ aus aller Welt beobachten. Einer der Attentäter von Charlie Hebdo z.B. wurde erst durch Bushs Irak-Krieg und die US-Folter im Abu Ghraib-Gefängnis radikalisiert. Mohamad Emwazi aka „Jihadi John“ scheint sich erst durch die Befragungen und die Überwachung des britischen Geheimdienstes MI5 radikalisiert zu haben. Einer der Attentäter von Boston kritzelte folgendes an die Wand des Bootes, in dem er sich versteckt hielt als die Polizei ihn jagte: "Die Regierung der Vereinigten Staaten tötet unschuldige Zivilisten. Wir Muslime sind eins, wenn man einen verletzt, verletzt man alle." In einem Verhör kritisiert er nach Angaben des FBI die Angriffe des US-Militärs auf Muslime im Irak und in Afghanistan. Wäre Saddam Hossein damals nicht unter falschen Vorwänden beseitigt worden, dann hätten wir heute wohl kaum den seit fast 10 Jahren anhaltenden Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden, die durch amerikanische „teile-und herrsche“ Politik und regelmäßigen Militärschlägen angeheizt werden, die gesamte Region destabilisieren, über 1.3 Millionen Menschen das Leben kosteten und Hundertausende Menschen in die Arme militanter Islamisten treiben. Die Hauptursachen für das Erstarken des militanten Islamismus sind also der US-Imperialismus, vor allem die Nato-Kriege in Afghanistan, Pakistan, Irak, Mali, Libyen und Syrien sowie die US-Finanzierung militanter islamistischer Gruppen – von den Mujaheddin bis zum „IS“ – das bis in die 1980er zurückreicht. Ein geheimes Pentagon-Dokument aus dem Jahr 2012, das Ende Mai in Teilen veröffentlicht wurde, hat zudem offiziell bestätigt, was Experten schon seit Jahren wissen: Dass vor allem die Unterstützung der USA, aber auch diejenige der Türkei und der Golfstaaten eine entscheidende Rolle in der Entstehung des „IS“ gespielt haben. Ein „Islamischer Staat“ sei wortwörtlich eine „strategische Chance“ für den Sturz der Assad-Regierung in Syrien und ein Mittel, um die schiitische Expansion im Irak durch Iran einzudämmen. Aber auch 2) strukturelle Diskriminierung und anti-muslimischer Rassismus in Staat und Gesellschaft – vor allem auf dem Arbeits-, Bildungs,- und Unterhaltungsmarkt – bieten dem militanten Islamismus im Westen einen fruchtbaren Nährboden. Im Alltag von der Mehrheitsgesellschaft zunehmend als das „Andere“ dämonisiert, für „kulturell andersartig“, „zivilisatorisch unterlegen“ oder als „minderwertig“ und „böser Moslem“ abgestempelt, sind viele traumatisiert und es wird ihnen immer mehr das Gefühl gegeben nicht zur Mehrheitsgesellschaft dazu zu gehören. Regelmäßige rechtsradikale Angriffe auf muslimische Kinder, Frauen und Männer spiegeln den rasanten Zustrom anti-muslimischer Rassisten wie PEGIDA und AfD wieder. Laut einer jüngsten Umfrage der Bertelsmann Stiftung sehen 57 Prozent der nicht-muslimischen Bürger der Bundesrepublik den Islam als Bedrohung und 61 Prozent sind der Meinung, der Islam “passe nicht in die westliche Welt”. Diese Befragung fand noch vor den Anschlägen in Paris statt und würde heute wohl noch krasser ausfallen. Menschen mit muslimischem Hintergrund sind häufig überproportional von Diskriminierung, Armut, Verdrängung, Arbeitslosigkeit und Bildungsdefiziten betroffen, was wiederum die Gewaltbereitschaft erhöht. Diskriminierungserfahrungen werden außerdem dadurch gesteigert, dass nicht-weiße Menschen häufiger von staatlicher Gewalt, Polizeiwillkür (z.B. „racial profiling“) und Polizeigewalt betroffen sind. Hinzu kommt der seit 9/11 zunehmende anti-muslimische Rassismus auf institutioneller Ebene, die Verschärfung rassistischer Gesetze und der Generalverdacht, der oftmals auf Muslim*innen lastet.
Der Umgang von Staat, Justiz und Gesellschaft mit den Angehörigen der NSU-Opfer oder auch Phänomene wie die Gefangenenlager Guantánamo, Bagram usw. in denen auch aus Deutschland stammende Muslime, mit der Mitwisserschaft der deutschen Regierung, zu Unrecht gefangen gehalten und gefoltert wurden (z.B. Murat Kurnaz), sind dabei nur der Gipfel des anti-muslimischen Rassismus. Hinzu kommen 3) Die zerstörerischen Ausmaße des Neoliberalismus und Kapitalismus, die immer extremere Ausgrenzung, Entfremdung und Ungleichheit produzieren. Die neoliberale Wirtschaftspolitik, die in Großbritannien und den USA in den 70er und 80er Jahre ihren Anfang nahm und sich in Deutschland seit den letzten 15 Jahren immer stärker verbreitet, hat zu einem enormen Anstieg der Armut, einer nie dagewesenen Schere zwischen Arm und Reich, zunehmender Privatisierung von Industrie, Dienstleistungssektor und öffentlicher Güter, einer massiven Umverteilung von unten nach oben, einer globalen Finanzkrise und der Kürzung von Mitteln für Bildungs,- Kultur- und Jugendeinrichtungen geführt. TTIP bildet dabei nur den Zenit des global um sich greifenden Diktats des Freihandelsregimes. Weil es immer weniger Jugendfreizeitzentren gibt, fangen vor allem Neonazis oder religiöse Institutionen die Jugendlichen auf. Diese bieten ihnen kostenlose Freizeitangebote wie Sport usw. an. Da ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich so mancher Jugendlicher radikalisiert. Vor allem diejenigen, die regelmäßig mit Rechtsradikalen in Verbindung stehen oder Moscheen besuchen, die von extremistischem Gedankengut durchdrungen sind. Der Kern des Problems liegt aber nicht im heute vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsmodell, sondern im kapitalistischen System an sich. Kapitalismus meint diesbezüglich die spezifische Form der Ausbeutung, Entfremdung, Unterdrückung und Vereinzelung, der ungleiche Tausch wohlhabender und wirtschaftlich schwacher Nationalstaaten, der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, die Kommodifizierung von Natur und den gesellschaftlichen Verhältnissen, der ständige Zwang zum Konkurrenzkampf und zur Reinvestition des Profits, der Konsumwahn, die Zerstörung der Umwelt, die zunehmende Industrialisierung, Mechanisierung und Informatisierung, kurz: die kapitalistischen Eigentums,- Herrschafts,- Konsum,- Tausch,- Verteilungs,- und v.a. Produktionsverhältnisse. Diese haben dazu geführt, dass viele Menschen den inneren Drang verspüren der Sinnleere des kapitalistischen Daseins zu entkommen, indem sie sich etwas suchen, das ihrem Leben wieder Bedeutung, Halt, Glück, Stolz und Ehre verleiht. Die einen versuchen sich künstlerisch zu betätigen, manche werden religiös oder spirituell und andere wiederum schließen sich politischen Gruppen an. Schlimmstenfalls sind das Rechtsextremisten oder militante Islamisten, die unter dem Deckmantel einer bestimmten Religion oder Ideologie, nach Macht und Kapital lechzen. Letztendlich sind die Rekruten religiöser Extremisten und Faschisten sowohl Täter als auch Opfer des Kapitalismus sowie den damit verbundenen imperialen,- gesellschaftlichen- und innerstaatlichen Machtstrukturen. Die von der Sehnsucht nach einem Leben in Würde, Freiheit und Gerechtigkeit getriebenen „Gotteskrieger“ und Neonazis werden aus Verzweiflung oder religiöser und ideologischer Verblendung von fanatischen und machtbesessenen Gestalten rekrutiert und für ihre Zwecke missbraucht. Aber die Widersprüche des Kapitalismus stärken auch fortschrittliche und emanzipatorische Kräfte wie man in Rojava beobachten kann.
Das Machtvakuum, welches durch den Bürgerkrieg in Syrien 2011 entstand, hat es den Menschen in Rojava ermöglicht selbstverwaltete Strukturen unter dem Banner des „demokratischen Konföderalismus“ aufzubauen. Dies wurde ironischerweise nicht von Unten, sondern von Oben inspiriert, und zwar durch den PKK-Führer Abdullah Öcalan, der mittlerweile seit 16 Jahren in der Türkei im Gefängnis sitzt und sich dort unter dem Einfluss der Schriften des libertären Sozialisten und öko-Anarchisten Murray Bookchin allmählich von einem Stalinisten zu einem radikalen Demokraten entwickelt zu haben scheint.
Rojava befindet sich weiterhin im Krieg gegen militante Islamisten wie den „IS“. Dem türkischen Staat wird vorgeworfen, dass er mithilfe von Al-Nusra und Ahrar al-Scham syrische Gebiete unter seine Einflusssphäre bringen und dort eine Pufferzone errichten wolle. Darüber hinaus gibt es einige Indizien dafür, dass der „IS“ von der türkischen Regierung unterstützt wird. Rojava unterliegt einem Embargo durch die Türkei und auch durch Barzanis Peshmerga in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Kurdische Stellungen in Nordsyrien und der Türkei werden zudem massiv vom türkischen Militär angegriffen und bombardiert. Diese Politik wird in Teilen auch von den USA und von Saudi-Arabien unterstützt. Während die USA den Kurd*innen mit Luftschlägen gegen den „IS“ den Rücken freihält, werden gleichzeitig die Bombardierungen Rojavas durch die Türkei gebilligt. Die syrische Regierung wiederum ist damit beschäftigt, keine weiteren Gebietsverluste zu erleiden und die alevitischen Gebiete zu schützen.
Während der „IS“ Schiiten, Christen, Eziden und Atheisten massakriert, Andersdenkende Sunniten kaltblütig ermordet und die Frauen unterdrückt, wird der Kampf in Rojava gleichberechtigt von Männer und Frauen unterschiedlicher Nationen und Religionen geführt. Es sind hauptsächlich Kurd*innen, aber auch Araber*innen, Aramäer*innen, Assyrer*innen, Armenier*innen, Türk*innen, Turkmen*innen und Iraner*innen. Es kämpfen Muslim*innen, Zoroastrier*innen, Christ*innen und Atheist*innen. Nicht nur die Truppen des „IS“ bekommen aus dem Westen Verstärkung. Auch in Rojava kämpfen Europäer*innen wie der britische Hollywoodstar Michael Enright oder die im März in Rojava von IS-Truppen getötete Deutsch-Togolesin Ivana Hoffman.
Die nationalen und internationalen Kämpfer*innen in Rojava sind trotz Krieg gegen militante Islamisten, gerade bemüht in Nordsyrien die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung ganz Asiens aufzubauen. Neben der Naxalitenbewegung in Indien bildet es eines der wenigen emanzipatorischen Lichtblicke auf dem asiatischen Kontinent. Die kurdischen Selbstverteidigungskräfte, die zu 30% aus Frauen bestehen, haben in der Region bisher die erfolgreichste Bodenabwehr im Kampf gegen den „IS“ geleistet. Sowohl in Südkurdistan (Sengal) als auch in Nordsyrien (Al Hawl) wurden „IS“-Truppen von den Selbstverteidigungskräften zurückgedrängt. Wichtige Verbindungsstraßen zwischen Mossul und Raqqa wurden bereits von der YPG und den Peschmerga eingenommen. Rojava wird basisdemokratisch regiert und der Gesellschaftsvertrag garantiert die Gleichheit von Religionen, Sprachen, des Glaubens und der Geschlechter. Laut dem Gesellschaftsvertrag für Rojava haben Frauen „das Recht zur Selbstverteidigung und das Recht, jegliche Geschlechterdiskriminierung aufzuheben und sich ihr zu widersetzen.“ Folter, Kinderarbeit und die Todesstrafe sind verboten und die Verwaltungen „akzeptieren weder ein nationalstaatliches, militaristisches und religiöses Staatsverständnis, noch akzeptieren sie die Zentralverwaltung oder Zentralmacht.“ Gefängnisse sollen Bildungs- und Rehabilitationszentrum sein. Der Anteil von Frauen „darf in allen Institutionen, Vorsitzen und Ausschüssen nicht weniger als 40% betragen. Jede/r hat das Recht auf politisches Asyl. Keine/r, die/der Asyl beantragt, darf gegen ihren/seinen Willen abgeschoben werden.“ Umweltschutz und Behindertenrechte wurden eingeführt. Es gibt ein „Recht auf Bildung (gebührenfrei und verpflichtend); das Recht auf Arbeit, Unterkunft, Gesundheits- und Sozialversicherung.“ Jeglicher Grundbesitz und Boden sollen der Bevölkerung gehören und nationale Produktionsmittel sollen geschaffen werden usw. Natürlich geht in Rojava einiges nicht weit genug, nicht alles wird eingehalten und es wird auch von Menschenrechtsverletzungen berichtet. Aber es ist trotzdem erstaunlich, was für einen bewundernswerten Mut und Kampfwillen die Kurd*innen und ihre nationalen und internationalen Unterstützer*innen in Nordsyrien aufbringen und dass sie mit ihrem Blut für einen Gesellschaftsvertrag eintreten, der in wichtigen Teilen fortschrittlicher ist als die deutsche und andere westliche Verfassungen.
Was wir jetzt nach den jüngsten Anschlägen in Paris beobachten können, sind eine zunehmende Beschränkung der Bürgerrechte, mehr Überwachung, stärkere Grenzkontrollen, mehr Aufrüstung, mehr Anschläge und Angriffe auf Muslime, die nicht erst jetzt unter Generalverdacht stehen sowie die zunehmende Kriminalisierung von Geflüchteten. Und wer profitiert davon? Die NATO-Staaten nutzen die Anschläge als Vorwand, um noch aggressiver militärisch in der Region vorzugehen, der Militär-Industrielle-Komplex steigert seine Verkäufe und rechte Kräfte wie die Front National und AfD bekommen noch mehr Zustimmung. Der „IS“ hätte somit sein Ziel erreicht. Denn „Daesh“ will genauso wie Huntington, Bush & Co. einen Kampf der Kulturen heraufbeschwören. Nur wenn die Muslime im Westen noch weiter marginalisiert werden und die Perspektivlosigkeit im Orient durch die Bombardierungen wächst, gibt es auch weiterhin einen Nährboden für Terror. Die Unterstützung der stark unterfinanzierten Selbstverteidigungskräfte in Rojava bietet eine emanzipatorische, humanistische und säkulare Alternative zu den fanatischen Barbaren des „IS“. Um sie jedoch nachhaltig zu stärken, müsste die Kriminalisierung der PKK und kurdischer Politiker*innen im Westen beendet und die Türkei und Golfmonarchien unter Druck gesetzt werden, anstatt ihnen immer neue Waffenlieferungen zu gewähren. Vor allem das türkische Embargo gegenüber Rojava ist äußerst destruktiv und schwächt genau diejenigen Kräfte, die in den letzten Jahren die erfolgreichsten Bodenoffensiven gegen den „IS“ durchgeführt haben.
Der barbarische „IS“ Vs. fortschrittliche Selbstverteidigungskräfte im syrischen Rojava
von Kaveh
Der „Islamische Staat“ und Rojava repräsentieren zwei völlig entgegengesetzte Gesellschaftsmodelle. Aber sowohl „Daesh“ als auch die Selbstverteidigungskräfte in Nordsyrien ziehen Kämpfer*innen aus aller Welt an. Um es stark vereinfacht auszudrücken: Wenn radikalisierte Sunniten zu militanten Islamisten werden schließen sie sich häufig dem „IS“ an, während Rojava vor allem radikale Linke anzieht, die den Befreiungskampf der Kurd*innen, den Schutz unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gruppen, Frauenrechte und die Schaffung rätedemokratische Strukturen unterstützen.
Die Ursachen für den Militanten Islamismus

Natürlich trägt jeder Mensch Verantwortung für seine Taten und muss dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. Um die menschenverachtenden Praktiken von Individuen, Gruppen oder Staaten verstehen zu können, sollte man sich nicht nur mit äußeren Faktoren zufrieden geben. Eigenschuld, interne politische und sozio-ökonomische Strukturen und zufällige Gegebenheiten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Dennoch: die Tatsache, dass Menschen im „Nahen- und Mittleren Osten“ zu militanten Islamisten überlaufen hängt insbesondere auch mit Bedingungen und Umständen zusammen, die außerhalb der Einflussmöglichkeiten von Muslim*innen liegen. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind mehr als 730 Salafisten von Deutschland aus in den Irak und die syrischen Kampfgebiete ausgereist – über 200 davon kehrten bereits zurück. Was macht aber den militanten Islamismus so attraktiv? Der „IS“ ist mittlerweile die reichste Terrorgruppe der Welt. Er kontrolliert eine Fläche, die so groß ist wie Großbritannien sowie einen Großteil der Ölfelder im Irak und Syrien. Er finanziert sich nicht nur durch Öleinnahmen, sondern auch durch Konfiszierungen, Raubzügen und Steuererhebungen.
Welche Rolle spielt dabei der Westen? Kritische Geister behaupten, dass, je nach Kräfteverhältnis, die USA entweder die eine Seite (z.B. Assad) oder die andere Seite (z.B. gewaltbereite Islamisten) unterstützen, damit kein Lager zu stark wird und die Kontrolle der Region, ihrer Märkte und wertvollen Ressourcen leichter zu gewährleisten sind. „Divide(nde) et Impera“ im Namen wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen von Staat und transnationalen Konzernen wie dem Militärisch-Industriellen Komplex bis es schließlich nur noch Satellitenstaaten gibt, die nach ihrer Pfeife tanzen? Nach neuen Schätzungen hat die Obama-Administration mehr Waffen verkauft als jeder andere US-Präsident seit dem 2. Weltkrieg. Obamas Deregulierung des Waffenexports hat dazu geführt, dass in den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit Kriegsgerät im Wert von 169 Milliarden Dollar verschachert wurde. Obamas Regierung hat also nicht nur sechs Mal mehr Menschen (ca. 2500) durch Drohnenangriffe getötet als Bush, sondern auch etwa 30 Milliarden Dollar mehr Einnahmen durch Waffenverkäufe erzielt. 60% der Waffen gingen an den „Nahen-und Mittleren Osten“. An der Spitze liegt einer der wichtigsten US-Verbündeten in der Region: Saudi Arabien mit 46 Milliarden Dollar. Ausgerechnet der Staat mit den schlimmsten Menschenrechtverletzungen weltweit hat also mit US-Waffen erst die Demonstranten in Bahrain blutig niedergeschlagen und nun tötet er Houthi-Rebellen und unschuldige Zivilsten im Jemen. Jetzt darf Saudi-Arabien - von wo aus militante Islamisten wie der „IS“ seit Jahren durch private Geldgeber unterstützt werden - für ihre Luftwaffe auch noch mehr als 19.000 Bomben im Wert von 1,29 Milliarden Dollar von den USA kaufen. Verfolgt das US-Imperium eine ethnische „Neuordnung“ des sog. „Nahen- und Mittleren Ostens“? Sollen durch die Auflösung von Nationalstaaten wie Irak und Syrien neue Grenzen entstehen, die nach Stammes- und Religionszugehörigkeit gebildet werden? Seit 2006 scheint dies die vorherrschende Strategie der Neokonservativen in den USA zu sein. Auch die deutsche Waffenindustrie profitiert prächtig vom Krieg und den Folgen des „konstruktiven Chaos“ (Condoleezza Rice).
Diese Entwicklungen, in Verbindung mit der uneingeschränkten westlichen Solidarität mit Israel, den ethnischen Säuberungen in Gaza, den ungeahndeten Massakern an Muslim*innen durch Drohnenangriffe und privaten Söldnerfirmen schüren bei den Betroffenen wiederum starke Ressentiments gegenüber dem Westen und erhöhen die Bereitschaft sich radikalen Gruppen anzuschließen. Letzteres betrifft auch die im Westen lebenden Menschen mit muslimischem Hintergrund oder westliche Konvertiten, die entweder familiär vom Krieg betroffen sind oder politische, kulturelle und religiöse Motive haben. Da islamistische Organisationen aufgrund der jahrelangen Unterstützung durch den Westen, die Golfstaaten oder Iran besser finanziert, ausgerüstet und vernetzt sind als z.B. linke und in vielen Ländern sogar liberale Organisationen, liegt es nahe, dass islamistische Gruppen mühelos vernachlässigte, diskriminierte, verarmte und arbeitslose oder von Krieg und der Ermordung von Angehörigen betroffene Menschen rekrutieren können. Sie geben ihnen körperliche und geistige Nahrung, eine Ausbildung, Arbeit und oftmals auch Waffen und Kriegsbeute. Sie bieten die Möglichkeit die aufgestaute Wut gegen diese Ungerechtigkeiten tatkräftig zu kanalisieren. Sie wollen sich beim US-Imperium und ihren Verbündeten für die seit Jahrzehnten stattfindende Demütigung und Dehumanisierung rächen. Das kann man an den Aussagen von „Jihadisten“ aus aller Welt beobachten. Einer der Attentäter von Charlie Hebdo z.B. wurde erst durch Bushs Irak-Krieg und die US-Folter im Abu Ghraib-Gefängnis radikalisiert. Mohamad Emwazi aka „Jihadi John“ scheint sich erst durch die Befragungen und die Überwachung des britischen Geheimdienstes MI5 radikalisiert zu haben. Einer der Attentäter von Boston kritzelte folgendes an die Wand des Bootes, in dem er sich versteckt hielt als die Polizei ihn jagte: "Die Regierung der Vereinigten Staaten tötet unschuldige Zivilisten. Wir Muslime sind eins, wenn man einen verletzt, verletzt man alle." In einem Verhör kritisiert er nach Angaben des FBI die Angriffe des US-Militärs auf Muslime im Irak und in Afghanistan. Wäre Saddam Hossein damals nicht unter falschen Vorwänden beseitigt worden, dann hätten wir heute wohl kaum den seit fast 10 Jahren anhaltenden Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden, die durch amerikanische „teile-und herrsche“ Politik und regelmäßigen Militärschlägen angeheizt werden, die gesamte Region destabilisieren, über 1.3 Millionen Menschen das Leben kosteten und Hundertausende Menschen in die Arme militanter Islamisten treiben. Die Hauptursachen für das Erstarken des militanten Islamismus sind also der US-Imperialismus, vor allem die Nato-Kriege in Afghanistan, Pakistan, Irak, Mali, Libyen und Syrien sowie die US-Finanzierung militanter islamistischer Gruppen – von den Mujaheddin bis zum „IS“ – das bis in die 1980er zurückreicht. Ein geheimes Pentagon-Dokument aus dem Jahr 2012, das Ende Mai in Teilen veröffentlicht wurde, hat zudem offiziell bestätigt, was Experten schon seit Jahren wissen: Dass vor allem die Unterstützung der USA, aber auch diejenige der Türkei und der Golfstaaten eine entscheidende Rolle in der Entstehung des „IS“ gespielt haben. Ein „Islamischer Staat“ sei wortwörtlich eine „strategische Chance“ für den Sturz der Assad-Regierung in Syrien und ein Mittel, um die schiitische Expansion im Irak durch Iran einzudämmen. Aber auch 2) strukturelle Diskriminierung und anti-muslimischer Rassismus in Staat und Gesellschaft – vor allem auf dem Arbeits-, Bildungs,- und Unterhaltungsmarkt – bieten dem militanten Islamismus im Westen einen fruchtbaren Nährboden. Im Alltag von der Mehrheitsgesellschaft zunehmend als das „Andere“ dämonisiert, für „kulturell andersartig“, „zivilisatorisch unterlegen“ oder als „minderwertig“ und „böser Moslem“ abgestempelt, sind viele traumatisiert und es wird ihnen immer mehr das Gefühl gegeben nicht zur Mehrheitsgesellschaft dazu zu gehören. Regelmäßige rechtsradikale Angriffe auf muslimische Kinder, Frauen und Männer spiegeln den rasanten Zustrom anti-muslimischer Rassisten wie PEGIDA und AfD wieder. Laut einer jüngsten Umfrage der Bertelsmann Stiftung sehen 57 Prozent der nicht-muslimischen Bürger der Bundesrepublik den Islam als Bedrohung und 61 Prozent sind der Meinung, der Islam “passe nicht in die westliche Welt”. Diese Befragung fand noch vor den Anschlägen in Paris statt und würde heute wohl noch krasser ausfallen. Menschen mit muslimischem Hintergrund sind häufig überproportional von Diskriminierung, Armut, Verdrängung, Arbeitslosigkeit und Bildungsdefiziten betroffen, was wiederum die Gewaltbereitschaft erhöht. Diskriminierungserfahrungen werden außerdem dadurch gesteigert, dass nicht-weiße Menschen häufiger von staatlicher Gewalt, Polizeiwillkür (z.B. „racial profiling“) und Polizeigewalt betroffen sind. Hinzu kommt der seit 9/11 zunehmende anti-muslimische Rassismus auf institutioneller Ebene, die Verschärfung rassistischer Gesetze und der Generalverdacht, der oftmals auf Muslim*innen lastet.
Der Umgang von Staat, Justiz und Gesellschaft mit den Angehörigen der NSU-Opfer oder auch Phänomene wie die Gefangenenlager Guantánamo, Bagram usw. in denen auch aus Deutschland stammende Muslime, mit der Mitwisserschaft der deutschen Regierung, zu Unrecht gefangen gehalten und gefoltert wurden (z.B. Murat Kurnaz), sind dabei nur der Gipfel des anti-muslimischen Rassismus. Hinzu kommen 3) Die zerstörerischen Ausmaße des Neoliberalismus und Kapitalismus, die immer extremere Ausgrenzung, Entfremdung und Ungleichheit produzieren. Die neoliberale Wirtschaftspolitik, die in Großbritannien und den USA in den 70er und 80er Jahre ihren Anfang nahm und sich in Deutschland seit den letzten 15 Jahren immer stärker verbreitet, hat zu einem enormen Anstieg der Armut, einer nie dagewesenen Schere zwischen Arm und Reich, zunehmender Privatisierung von Industrie, Dienstleistungssektor und öffentlicher Güter, einer massiven Umverteilung von unten nach oben, einer globalen Finanzkrise und der Kürzung von Mitteln für Bildungs,- Kultur- und Jugendeinrichtungen geführt. TTIP bildet dabei nur den Zenit des global um sich greifenden Diktats des Freihandelsregimes. Weil es immer weniger Jugendfreizeitzentren gibt, fangen vor allem Neonazis oder religiöse Institutionen die Jugendlichen auf. Diese bieten ihnen kostenlose Freizeitangebote wie Sport usw. an. Da ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich so mancher Jugendlicher radikalisiert. Vor allem diejenigen, die regelmäßig mit Rechtsradikalen in Verbindung stehen oder Moscheen besuchen, die von extremistischem Gedankengut durchdrungen sind. Der Kern des Problems liegt aber nicht im heute vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsmodell, sondern im kapitalistischen System an sich. Kapitalismus meint diesbezüglich die spezifische Form der Ausbeutung, Entfremdung, Unterdrückung und Vereinzelung, der ungleiche Tausch wohlhabender und wirtschaftlich schwacher Nationalstaaten, der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, die Kommodifizierung von Natur und den gesellschaftlichen Verhältnissen, der ständige Zwang zum Konkurrenzkampf und zur Reinvestition des Profits, der Konsumwahn, die Zerstörung der Umwelt, die zunehmende Industrialisierung, Mechanisierung und Informatisierung, kurz: die kapitalistischen Eigentums,- Herrschafts,- Konsum,- Tausch,- Verteilungs,- und v.a. Produktionsverhältnisse. Diese haben dazu geführt, dass viele Menschen den inneren Drang verspüren der Sinnleere des kapitalistischen Daseins zu entkommen, indem sie sich etwas suchen, das ihrem Leben wieder Bedeutung, Halt, Glück, Stolz und Ehre verleiht. Die einen versuchen sich künstlerisch zu betätigen, manche werden religiös oder spirituell und andere wiederum schließen sich politischen Gruppen an. Schlimmstenfalls sind das Rechtsextremisten oder militante Islamisten, die unter dem Deckmantel einer bestimmten Religion oder Ideologie, nach Macht und Kapital lechzen. Letztendlich sind die Rekruten religiöser Extremisten und Faschisten sowohl Täter als auch Opfer des Kapitalismus sowie den damit verbundenen imperialen,- gesellschaftlichen- und innerstaatlichen Machtstrukturen. Die von der Sehnsucht nach einem Leben in Würde, Freiheit und Gerechtigkeit getriebenen „Gotteskrieger“ und Neonazis werden aus Verzweiflung oder religiöser und ideologischer Verblendung von fanatischen und machtbesessenen Gestalten rekrutiert und für ihre Zwecke missbraucht. Aber die Widersprüche des Kapitalismus stärken auch fortschrittliche und emanzipatorische Kräfte wie man in Rojava beobachten kann.
Der Befreiungskampf in Rojava
Das Machtvakuum, welches durch den Bürgerkrieg in Syrien 2011 entstand, hat es den Menschen in Rojava ermöglicht selbstverwaltete Strukturen unter dem Banner des „demokratischen Konföderalismus“ aufzubauen. Dies wurde ironischerweise nicht von Unten, sondern von Oben inspiriert, und zwar durch den PKK-Führer Abdullah Öcalan, der mittlerweile seit 16 Jahren in der Türkei im Gefängnis sitzt und sich dort unter dem Einfluss der Schriften des libertären Sozialisten und öko-Anarchisten Murray Bookchin allmählich von einem Stalinisten zu einem radikalen Demokraten entwickelt zu haben scheint.
Rojava befindet sich weiterhin im Krieg gegen militante Islamisten wie den „IS“. Dem türkischen Staat wird vorgeworfen, dass er mithilfe von Al-Nusra und Ahrar al-Scham syrische Gebiete unter seine Einflusssphäre bringen und dort eine Pufferzone errichten wolle. Darüber hinaus gibt es einige Indizien dafür, dass der „IS“ von der türkischen Regierung unterstützt wird. Rojava unterliegt einem Embargo durch die Türkei und auch durch Barzanis Peshmerga in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Kurdische Stellungen in Nordsyrien und der Türkei werden zudem massiv vom türkischen Militär angegriffen und bombardiert. Diese Politik wird in Teilen auch von den USA und von Saudi-Arabien unterstützt. Während die USA den Kurd*innen mit Luftschlägen gegen den „IS“ den Rücken freihält, werden gleichzeitig die Bombardierungen Rojavas durch die Türkei gebilligt. Die syrische Regierung wiederum ist damit beschäftigt, keine weiteren Gebietsverluste zu erleiden und die alevitischen Gebiete zu schützen.
Während der „IS“ Schiiten, Christen, Eziden und Atheisten massakriert, Andersdenkende Sunniten kaltblütig ermordet und die Frauen unterdrückt, wird der Kampf in Rojava gleichberechtigt von Männer und Frauen unterschiedlicher Nationen und Religionen geführt. Es sind hauptsächlich Kurd*innen, aber auch Araber*innen, Aramäer*innen, Assyrer*innen, Armenier*innen, Türk*innen, Turkmen*innen und Iraner*innen. Es kämpfen Muslim*innen, Zoroastrier*innen, Christ*innen und Atheist*innen. Nicht nur die Truppen des „IS“ bekommen aus dem Westen Verstärkung. Auch in Rojava kämpfen Europäer*innen wie der britische Hollywoodstar Michael Enright oder die im März in Rojava von IS-Truppen getötete Deutsch-Togolesin Ivana Hoffman.
Die nationalen und internationalen Kämpfer*innen in Rojava sind trotz Krieg gegen militante Islamisten, gerade bemüht in Nordsyrien die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung ganz Asiens aufzubauen. Neben der Naxalitenbewegung in Indien bildet es eines der wenigen emanzipatorischen Lichtblicke auf dem asiatischen Kontinent. Die kurdischen Selbstverteidigungskräfte, die zu 30% aus Frauen bestehen, haben in der Region bisher die erfolgreichste Bodenabwehr im Kampf gegen den „IS“ geleistet. Sowohl in Südkurdistan (Sengal) als auch in Nordsyrien (Al Hawl) wurden „IS“-Truppen von den Selbstverteidigungskräften zurückgedrängt. Wichtige Verbindungsstraßen zwischen Mossul und Raqqa wurden bereits von der YPG und den Peschmerga eingenommen. Rojava wird basisdemokratisch regiert und der Gesellschaftsvertrag garantiert die Gleichheit von Religionen, Sprachen, des Glaubens und der Geschlechter. Laut dem Gesellschaftsvertrag für Rojava haben Frauen „das Recht zur Selbstverteidigung und das Recht, jegliche Geschlechterdiskriminierung aufzuheben und sich ihr zu widersetzen.“ Folter, Kinderarbeit und die Todesstrafe sind verboten und die Verwaltungen „akzeptieren weder ein nationalstaatliches, militaristisches und religiöses Staatsverständnis, noch akzeptieren sie die Zentralverwaltung oder Zentralmacht.“ Gefängnisse sollen Bildungs- und Rehabilitationszentrum sein. Der Anteil von Frauen „darf in allen Institutionen, Vorsitzen und Ausschüssen nicht weniger als 40% betragen. Jede/r hat das Recht auf politisches Asyl. Keine/r, die/der Asyl beantragt, darf gegen ihren/seinen Willen abgeschoben werden.“ Umweltschutz und Behindertenrechte wurden eingeführt. Es gibt ein „Recht auf Bildung (gebührenfrei und verpflichtend); das Recht auf Arbeit, Unterkunft, Gesundheits- und Sozialversicherung.“ Jeglicher Grundbesitz und Boden sollen der Bevölkerung gehören und nationale Produktionsmittel sollen geschaffen werden usw. Natürlich geht in Rojava einiges nicht weit genug, nicht alles wird eingehalten und es wird auch von Menschenrechtsverletzungen berichtet. Aber es ist trotzdem erstaunlich, was für einen bewundernswerten Mut und Kampfwillen die Kurd*innen und ihre nationalen und internationalen Unterstützer*innen in Nordsyrien aufbringen und dass sie mit ihrem Blut für einen Gesellschaftsvertrag eintreten, der in wichtigen Teilen fortschrittlicher ist als die deutsche und andere westliche Verfassungen.
Fazit
Was wir jetzt nach den jüngsten Anschlägen in Paris beobachten können, sind eine zunehmende Beschränkung der Bürgerrechte, mehr Überwachung, stärkere Grenzkontrollen, mehr Aufrüstung, mehr Anschläge und Angriffe auf Muslime, die nicht erst jetzt unter Generalverdacht stehen sowie die zunehmende Kriminalisierung von Geflüchteten. Und wer profitiert davon? Die NATO-Staaten nutzen die Anschläge als Vorwand, um noch aggressiver militärisch in der Region vorzugehen, der Militär-Industrielle-Komplex steigert seine Verkäufe und rechte Kräfte wie die Front National und AfD bekommen noch mehr Zustimmung. Der „IS“ hätte somit sein Ziel erreicht. Denn „Daesh“ will genauso wie Huntington, Bush & Co. einen Kampf der Kulturen heraufbeschwören. Nur wenn die Muslime im Westen noch weiter marginalisiert werden und die Perspektivlosigkeit im Orient durch die Bombardierungen wächst, gibt es auch weiterhin einen Nährboden für Terror. Die Unterstützung der stark unterfinanzierten Selbstverteidigungskräfte in Rojava bietet eine emanzipatorische, humanistische und säkulare Alternative zu den fanatischen Barbaren des „IS“. Um sie jedoch nachhaltig zu stärken, müsste die Kriminalisierung der PKK und kurdischer Politiker*innen im Westen beendet und die Türkei und Golfmonarchien unter Druck gesetzt werden, anstatt ihnen immer neue Waffenlieferungen zu gewähren. Vor allem das türkische Embargo gegenüber Rojava ist äußerst destruktiv und schwächt genau diejenigen Kräfte, die in den letzten Jahren die erfolgreichsten Bodenoffensiven gegen den „IS“ durchgeführt haben.
Sonntag, 8. November 2015
Musik kann eine kraftvolle Waffe des Widerstands sein – Im Gespräch mit Kaveh
In den Medien tobte in den letzten Wochen die Debatte um den neuen Song von Bushido, in dem dieser verschiedene PolitikerInnen beleidigt. Während es Bushido um „Stress ohne Grund“ ging, machen Musiker wie Kaveh Stress mit Grund, ohne Politiker zu beleidigen. Kaveh setzt sich in seinen Songs mit den Problemen der herrschenden Wirtschaftsordnung auseinander und versucht musikalischen Aufklärungsarbeit zu leisten, wir haben mit ihm über seine musikalischen Hintergründe, Rassismus und Krieg gesprochen.
Interview übernommen von Freiheitsliebe.de
Die Freiheitsliebe: Wie bist du zum Rap gekommen?
| Kaveh |
Kaveh: Ich bin zuerst mit Gruppen wie Public Enemy und Boogie Down Productions (BDP) in Berührung gekommen. Durch diese Inspiration habe ich begonnen Texte zu schreiben, zunächst auf Englisch und dann auch relativ schnell auf Deutsch und Französisch. Später kam auch Persisch mit dazu.
Die Freiheitsliebe: Du machst relativ viele politische Songs. Gibt es eine Verbindung zwischen Politik und Musik?
Kaveh: Auf jeden Fall! Wenn man in die Geschichte zurückschaut, kann man sehen, dass politische und sozialkritische Rap-Musik – neben dem Party-Entertainment-Rap – von Anbeginn mit am Start war. Es waren vor allem Musiker mit politischem Bewusstsein wie Last Poets und Gil Scott-Heron, die in den 70ern mit zu den Urvätern des Hip Hop gehörten. Sie wurden stark beeinflusst von den Black Panthers, Malcolm X und Martin Luther King, der Bürgerrechtsbewegung, der anti-Kriegsbewegung und den 68ern im Allgemeinen. Da die ersten Hip Hop Gruppen und Artists, die ich hörte, also Public Enemy oder KRSone, unmittelbar von der Protestbewegung und ihrem musikalischen Soundtrack der 70er und frühen 80er Jahre beeinflusst wurden, war es auch für mich von Anfang an klar, dass ich politischen Hip Hop machen würde.
Die Freiheitsliebe: Du sprichst dich in dem Song „Iran Update (2012)“, gemeinsam mit B-Lash und anderen RapperInnen, gegen eine Intervention im Iran aus. Hast du das Gefühl, dass diese in nächster Zeit droht und ist Musik ein Weg dagegen zu agieren?
Kaveh: Die Gefahr eines Krieges ist auf jeden Fall vorhanden. Ob er jetzt unmittelbar bevorsteht, ist natürlich eine andere Frage. Ich denke, dass die USA und ihre Verbündeten sich momentan aus vielen Gründen nicht auf eine Intervention einlassen werden. In Zukunft kann sich das aber schnell ändern. Wir haben ja leider schon erleben müssen, wie Afghanistan, Ex-Jugoslawien und Irak bombardiert wurden, während die verheerenden Auswirkungen für die Menschen in diesen Regionen bis heute schwer zu spüren sind. Musik kann einen Krieg natürlich nicht verhindern. Man kann aber durch ihre relativ weite Verbreitung die Aufmerksamkeit auf diese wichtigen Themen lenken, vor allem bei Menschen, die nicht so politisch interessiert sind. Unser Song beabsichtigt sozusagen einen musikalischen Ansporn dafür zu liefern, dass sich mehr Menschen, und vor allem Jugendliche, mit den Gefahren eines möglichen Angriffskrieges gegen den Iran auseinandersetzen. Wir wollten auch die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen betonen, die im Gegensatz zu den Menschenrechten, die wahren Motive des Westens darstellen. Musik kann in der Tat eine kraftvolle Waffe des Widerstands sein, da sie den Stimmlosen – von der Politik und Wirtschaft ignorierten – eine Stimme verleiht und somit entscheidend zum Protest und der Mobilisierung gegen Unterdrückung, Imperialismus und des Primats des Kapitals beitragen kann.
Die Freiheitsliebe: Du hast auch einen Song (Mehr als nur ein 16er) zur Solidarität mit den Protesten in der Türkei. Siehst du auch andere KünstlerInnen, außer die mit denen du zusammenarbeitest, die versuchen Politik und Rap zu verbinden.
Kaveh: Ich habe keinen Song über die Proteste in der Türkei, sondern habe den eben genannten Track den Demonstranten von Istanbul bis Sao Paolo gewidmet. Ich denke, dass man Proteste, egal ob sie nun zivilgesellschaftlicher oder revolutionärer Natur sind, mit Musik und anderen Protest- und Solidaritätsformen unterstützen sollte. Ich weiß nicht, ob es in Deutschland auch andere Künstler gibt, die sich zu den Ereignissen positioniert haben.
Die Freiheitsliebe: Du versuchst mit deiner Musik auch Kritik am Rassismus zu äußern, ein Thema, welches im Rap häufiger Musik als Widerstand vorkommt. Glaubst du, dass insbesondere auch für den anti-muslimischen Rassismus, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat, ein Bewusstsein geschaffen werden kann und wie denken die Jugendlichen, die von dem Rassismus betroffen sind?
Kaveh: Es ist für mich schwer zu sagen, was die betroffenen Jugendliche im Allgemeinen über den zunehmenden Rassismus denken und vor allem wie sie darauf reagieren. Ich bekomme immer mal wieder Mails, in denen Leute mir schreiben, dass ich ihnen aus der Seele spreche. Besonders bei Songs wie Sarrazynismus oder der Antwort auf Harris. Für einige können die Lieder sicher ihre Gefühle widerspiegeln und ein Sprachrohr sein. Wie jeder einzelne mit Rassismus umgeht, ist jedoch schwer zu beantworten. Ich kann das nur aus meinem eigenen Umfeld heraus beurteilen. Manche reagieren aggressiv, andere schotten sich ab. Einige entwickeln ein schärferes Bewusstsein und stärken ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität aufgrund der notgedrungenen und immer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit Diskriminierung. Andere wiederum lassen sich auf die hohlen Argumente der Rassisten ein und reproduzieren sie sogar. Wichtig war es mir zu betonen, dass Rassismus nicht nur ein Alltagsphänomen ist – sogar in seiner Alltagsform ist er „mehr als nur ein Augenblick.“ Er ist in der U-Bahn, bei alltäglichen Begegnungen oder im Supermarkt anzutreffen und darüber hinaus gibt es noch den strukturellen Rassismus. Er ist auf Behördengängen, bei der Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnungssuche oder auch vor Diskotheken anzutreffen, in die man als Kanake oder Schwarzkopf nur selten reinkommt. Er ist also auf unterschiedlichsten Ebenen anzutreffen. Der strukturelle Rassismus ist eine große Last, die das Leben der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund erschwert, wie auch das Zusammenleben mit Menschen, die davon weniger betroffen sind. Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art, gegen Frauen, Homosexuelle etc. ist fast überall tief verwurzelt in den Gesellschaften. Was leider viel zu wenig angesprochen wird, ist die Frage der Identität – also inwiefern die gängige Definition von Identität in Frage gestellt werden sollte. Im Mainstream wird kaum die Ansicht vertreten, dass es möglich sein sollte mehrere Identitäten zu besitzen, oder dass die Identitäten sich hier verändert haben und nicht mehr so homogen daherkommen wie noch vor 60 Jahren. Der deutschen Mehrheitsgesellschaft fällt es immer noch sehr schwer das zu akzeptieren. Dies sind sozusagen die Nachwehen der Blut und Boden Mentalität, die in Deutschland bis ins 19. Jhdt. zurückreichen und während der Nazizeit ihre konsequente Vollendung gefunden haben. In Deutschland wird oft von der vorbildhaften Aufarbeitung des Faschismus gesprochen. Was dabei meiner Meinung nach aber leider zu kurz kommt ist, dass Deutschland während der Kaiserzeit und Weimarer Republik durchaus kosmopolitische Züge aufzuweisen hatte, diese jedoch während der Nazizeit durch Ausrottung und Vertreibung einen herben Rückschlag erleben mussten. Eine völlig übertriebene Angst und der zunehmende Hass gegenüber dem vermeintlich Fremden und Anderen gehören heute vielleicht zu den bedrückendsten Kontinuitäten des europäischen und vor allem deutschen Faschismus. Besonders Menschen die heikle Aufenthaltstitel haben, wie Flüchtlinge, Sinti und Roma etc. haben am stärksten unter dem EU weiten Rassismus zu leiden. In Deutschland sind die schändliche Residenzpflicht, Lagerunterbringung und Abschiebung der beste Beweis dafür.
Die Freiheitsliebe: Du hast Harris, ein Rapper aus Berlin, schon angesprochen. Dieser rappt in einem Song: „Schäm dich schlecht über Deutschland zu reden!“ Wie kommt es, dass jemand der selber Erfahrung mit Rassismus gemacht hat, nun eine Position vertritt, die sich quasi der Mehrheit unterordnet?
Kaveh: Dies dürfte mehrere Gründe haben. Zum einen hängt es mit seiner Biographie zusammen. Er ist in Kreuzberg aufgewachsen, wo er weniger Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat, als jemand der in anderen Bezirken, Städten oder gar auf dem Land aufgewachsen ist. Auf der anderen Seite hängt es mit seiner politisch-gesellschaftlichen Entwicklung und Sozialisation zusammen. Da kann man nämlich ganz klar sehen, dass er ein durch und durch konservatives Denken vertritt. Er hat eine Sendung auf Jam FM, die sich der „Patriot“ nennt, in der die Gäste nur deutsche Wörter verwenden sollen. Ähnlich wie sein Kollege Sido steht er dem Denken Sarrazins ziemlich nahe. Er hat in einem Interview zu Guttenberg als sein politisches Idol bezeichnet. Er hat sogar ein Deutschland-Tattoo auf der Brust. Er spricht zwar von einem „neuen Deutschland“, in dem diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund auch dazu gehören, wodurch er sich von einigen konservativen Strömungen abgrenzt. Im Grunde genommen vertritt er aber ein ziemlich nationalistisches Denken, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass keine Kritik an der Mehrheitsgesellschaft und der deutschen Nation akzeptiert wird, die von sogenannten Ausländern stammt. Eines seiner fragwürdigsten Positionen liegt also darin, dass er Menschen mit Migrationshintergrund, die sogar hier geboren oder aufgewachsen sind als Ausländer bezeichnet und ihnen dadurch jegliche Kritik an den ‘‘wahren Deutschen‘‘ oder Deutschland verwehrt.
Die Freiheitsliebe: Du kritisiert auch, dass er Themen wie Zwangsehe auf alle herunterbricht, was auch in Gesamtdeutschland ein Problem ist. So liest man in Zeitungen, dass dies ein alltägliches türkisch/arabisch/kurdisches Problem sei. Siehst du eine eher internationalistische Gesellschaft als Ziel, in der der Nationalismus gänzlich aus dem Geist vertrieben wurde oder sagst du, dass dieser auch in Teilen nachvollziehbar sein kann?
Kaveh: Es kommt auf den Kontext an. Im Kampf gegen Kolonialismus war der Nationalismus ein wichtiges Mittel, um die Unabhängigkeit gegen Kolonialmächte zu erlangen. Das konnte man in Südamerika, Asien und auch Afrika beobachten. In einigen Ländern mag es sein, dass der Nationalismus immer noch eine wichtige Form des Widerstands darstellt. Im europäischen Kontext jedoch ist der Nationalismus größtenteils überkommen, denn er entspricht nicht mehr den multikulturellen Lebensrealitäten vieler Menschen. In Deutschland trägt er in keinster Weise zu einem besseren Zusammenleben bei. Ich denke daher, dass das nationalstaatliche Denken der Vergangenheit angehören sollte. Ein internationalistisch/kosmopolitisches Denken ist meiner Meinung nach die einzige Alternative, weil sie ein menschlicheres Miteinander ermöglicht und durch ihre offenen und beweglichen Identitätsmuster auch dazu in der Lage ist von den unterschiedlichen Einflüssen zu lernen. Natürlich hat Multikulturalität aber auch seine Grenzen, und zwar wenn die universellen Menschenrechte verletzt werden.
Die Freiheitsliebe: Ich danke dir für das Interview.
Sonntag, 28. Juni 2015
"Kontraste" von Disarstar
| "Kontraste"-DVD-Cover |
Das Album greift die für ihn typischen Themen wieder gekonnt auf: Die linksradikalen Hoffnungen ebenso wie zerschlagene Träume, den Klassenkampf genau wie die Enttäuschung in der Liebe, die gekränkte Seele wie auch die kranke Klassengesellschaft und - den obligatorischen Diss gegen inhaltslose Rapper. Die vielen Kontraste, die "der Straßenjunge" (DIE ZEIT) in seinem Leben erlebt hat, prägen also auch dieses Album. Mit Hagen Stoll, Teesy und Mohammed Ali Malik bietet uns Disarstar drei features an. Der Stil des Albums beweist in mehrfacher Hinsicht einen Reifungsprozess. Das ganze Album erinnert stark an den fantastischen Titel "Demontage" aus dem Album "Tausend in einem", der schon seinerzeit einen qualitativen Sprung markierte. Auch die härteren Tracks wie "Bis zum Hals", "Ausser Rand und Band" und "Nahdistanz" sind weniger hektisch als einige der älteren Titel, die eine Widerspiegelung der inneren Hektik des Künstlers waren. Titel wie "Lange isses her", "Therapiestunde" und "Kosmologie" haben zudem etwas zutiefst Beruhigendes. Die Seelenruhe, die bei Disarstar spätestens mit "Tausend in einem" eingekehrt ist, erfährt hier eine schöne Vertiefung. Dennoch ist die alte Empörung über gesellschaftliche Verhältnisse das treibende Moment auch dieses Albums. Etwas schade ist, dass die früher häufigeren Referenzen der Titel aufeinander (O-Ton: "aus dem Herzen" oder "tausend in einem") weniger geworden sind. Zugleich wirkt diese Änderung wie ein innovativer Gegensatz gegenüber dem früheren Stil. Alles in allem hat Disarstar mit "Kontraste" wieder einen großen Coup gelandet.
Jeder Fan wird sich über das Zubehör in der Fanbox freuen. (Naja, nicht jeder. Nur die mit der Fanbox.) Neben der "Kontraste"-DVD werden einem auch eine Bonus-DVD mit drei sehr guten Bonus-Tracks und Acapella-Versionen, eine Fahne (für Demos mit einem eigenen Disarstar-Block?), ein Poster, Sticker, Aufnäher und Armband geboten. Wer die Fanbox nicht hat, kann aber auch die einfache DVD genießen.
Die "Kontraste"-DVD gibt es für 15,99 €, die Limitierte Fanbox gab es zumindest mal für den doppelten Preis.
Hier die Tracklist:
1. Vision (Intro)
2. Bis zum Hals
3. Außer Rand und Band
4. Kaleidoskop (feat. Hagen Stoll)
5. Therapiestunde
6. Wer ich bin
7. 100 Jahre
8. Halb so wild
9. Nahdistanz
10. Capitis Deminutio Maxima
11. Anno 2300
12. Mein Palast (feat. Teesy)
13. Lange isses her
14. Kosmologie (feat. Mohammed Ali Malik)
Bonustracks der Fanbox:
15. Feuerrot
16. Schauspielerin
17. Auf und ab
Freitag, 2. Mai 2014
Juice Rap News: Israel vs. Palestine (ft. Kerry, Bibi & Norman Finkelstein)
Sehr kreative, informative und amüsante Darstellung des Nahost-Konflikts in Form von Rap.
Montag, 28. April 2014
Zwischen Dostojewskij und 2Pac
Zwischen Dostojewskij und 2Pac liegen Welten. Und dennoch ist der Abstand zwischen diesen beiden Menschen viel geringer als es scheint.
Dostojewskij und 2Pac sahen das nicht anders. Aber was bringt uns diese Feststellung? Die Klassenkämpfe und Kriege wüten weiter. Die Kapitalisten bekämpfen weiterhin die Armen. Die Linken bekämpfen weiterhin das Kapital. Die Rassisten und Faschisten hetzen weiter. Die Sozialisten und Demokraten kritisieren weiterhin das System. Es gibt also überall Spaltungen und Spaltungstendenzen. Und die sind notwendig und unausweichlich. Also was bringt die Feststellung, dass Dostojewskij und 2Pac liebe Menschen waren, Friede, Freude und Schnaps forderten?
Wir befinden uns heute, im Jahr 2014, in einer höchst gefährlichen Phase, in einer für die gesamte Menschheit höchst gefährlichen Phase, in einer Phase, die an die Zeit vor den großen Kriegen im 20. Jahrhundert erinnert. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, dessen Ausmaße kaum ein Mensch erwartet hatte. Die Krieg führenden Parteien, ob Deutsche oder Franzosen, erwarteten einen schnellen Krieg. Statt dessen kam es zu vier Jahren der brutalsten Materialschlacht, in der die jungen Menschen wie Schießpulver verschossen wurden, in der sie zum reinsten Kanonenfutter wurden, in der sie wie Schlachtvieh reihenweise abgeschlachtet wurden. 2015, nächstes Jahr, jähren sich viele weitere Jubileen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Abwurf der ersten Atombombe auf einen Feind und die Aufdeckung der beispiellosen Verbrechen der Nazis an der europäischen Bevölkerung. Wir dürfen nie vergessen, was in den großen Kriegen angerichtet wurde. Ken Jebsen hat völlig Recht, wenn er Mark Twain darin zitiert, dass Krieg furchtbar einfach ist: Alte Männer, die sich persönlich kennen, schicken junge Männer (und Frauen) gegen ihre eigenen Interessen in den Kampf auf Leben und Tod gegen andere junge Frauen und Männer, um die Interessen von alten Männern (und Frauen) zu bedienen. Das ist Krieg.
Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, droht erneut ein Krieg in Europa. Auch diesmal drohen die alten Männer (und Frauen) in Deutschland den alten Männern (und Frauen) in Russland. Auch diesmal drohen die Herrschaften in Russland zurück. Was droht, wenn zwei Seiten sich gegenseitig bedrohen? Es droht eine Eskalation! Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind die Folgen solch eines neuen Krieges in Europa nicht abzusehen. Naja, Albert Einstein, der geniale Denker und Sozialist, meinte zwar ganz klar:
Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.
Man muss kein Russe oder Christ sein, um nachzuempfinden, was Dostojewskij meinte. Man muss einfach ein wenig Verstand und Herz mitbringen. Die Rede von Dostojewskij hat sogar seinen persönlichen Feind, den Schriftsteller Turgenjew, dazu gebracht, Dostojewskij in Freundschaft zu küssen. Dostojewskijs Frau überlebte ihn übrigens um 38 Jahre. Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sie kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, auf der Krim-Halbinsel starb, auf der nun der heutige Konflikt zwischen Deutschland und Russland eskaliert?
Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen!
- Dostojewskij war Schriftsteller, 2Pac war Rapper.
- Dostojewskij war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, 2Pac einer des 20. Jahrhunderts.
- Dostojewskij war weißer Russe, 2Pac war schwarzer Amerikaner.
- Dostojewskij war entschieden orthodoxer Christ und russischer Nationalist, 2Pac war mehr oder weniger Atheist und kam aus der Szene der Black Panthers.
- Dostojewskij war adliger Abstammung und verarmte im Laufe der Zeit, 2Pac kam aus dem Ghetto und stieg als Parvenu zu Ruhm und Reichtum auf.
Die Gegensätze scheinen unüberbrückbar zu sein. Das stimmt aber nicht. Die Welten, die diese zwei Persönlichkeiten von einander trennen, können nicht verschleiern, dass es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Dostojewskij und 2Pac einen viele Gemeinsamkeiten:
- Dostojewskij und 2Pac machten erstaunliche Wandlungen durch.
- Beide waren zutiefst entwurzelte Menschen, die letztlich trotz aller Hindernisse Wurzeln schlagen konnten.
- Beide saßen im Gefängnis und hatten ein feines Gespür für die Nöten und Leiden der unteren Schichten.
- Beide hassten ganz besonders die Ungerechtigkeiten in ihrem Land.
- Beide verpackten ihre Messages in ihrer Sprachkunst.
- Beide befragten ihre Klientel auf ihren Glauben und Glaubwürdigkeit
- Beide forderten die Menschenwürde für alle Menschen.
Vielleicht mag das an der Nase herbeigezogen klingen. Aber es gab zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt empörten und zum Sprachrohr der Armen, Elenden, Verdächtigten und Verachteten machten. Dostojewskij und 2Pac gehören zu den Ikonen dieser ausgeschlossenen Menschen. Denn sie konnten auf ihre Art mit den Unterdrückten dieser Welt mitleiden und mitfühlen. Und sie konnten dies Mitgefühl in Worte fassen, die auf ewig unsterblich sind.
Aber wozu braucht es solch einer Analogie zwischen einem Romanautor und einem Rapper? Ganz einfach. Auch die größten Unterschiede können Menschen einen, wenn sie Menschlichkeit in Ehren halten. Staatsbürgerliche, ethnische, religiöse, sprachliche und politische Grenzen können angesichts eines echten Humanismus verblassen. Sofern nicht das Trennende betont wird, sondern das Einende, kann menschliche Einheit hergestellt werden. Das gilt auch für Klassengesellschaften, die ja immer von Klassengegensätzen durchzogen sind. Der Kapitalismus wird immer die Gesellschaft bleiben, in der das Kapital die Arbeit ausbeutet und unterdrückt. Aber über den Klassenkampf hinweg kann eine Form der Solidarität hergestellt werden, die auch den berechtigten Klassenhass überwindet. Es wäre naiv zu glauben, dass politische und ökonomische Grenzen unerheblich sind. Keineswegs. Die sind von größter Bedeutung und müssen es auch sein. Links ist nicht gleich rechts. Und Gleichgültigkeit ist nicht Leidenschaft. Nazis, Faschisten, Ultrarechte, Rassisten und Chauvinisten sind natürlich Feinde der menschlichen Einheit. Da kann es keine Diskussion drüber geben. Und Linke müssen selbstverständlich die Einheit der Arbeiterklasse anstreben und die erklärten Feinde von Sozialismus und Demokratie kritisieren, und - wenn nötig -bekämpfen. Dennoch muss es Ziel aller Menschen sein, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst wenn die Menschheit von Menschlichkeit erfüllt ist, können wir davon sprechen, eine menschliche Gesellschaft erreicht zu haben. Bis dahin ist das, was wir Gesellschaft nennen, nur ein barbarisches und brutales Chaos, ein Kampf aller gegen alle, ein allgemeiner Kriegszustand zwischen den Einzelnen.
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."
Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.
Dostojewskij und 2Pac betonen dagegen die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Dinge können sich ändern! Dostojewskij forderte den "neuen Menschen", der in christlicher Nächstenliebe und Gottgefälligkeit alle Unterschiede der Herkunft und des Standes vergessen sollte. 2Pac betonte die Verwandlung des Menschen mit seinen Umstanden. Nicht umsonst heißt eins seiner besten Lieder "Changes" (zu Deutsch: Verwandlungen). 2Pac fragte in seinem Song "Who do u believe in?" auch nach dem Glauben und der Einheit der Menschen:
Who do you believe in?Is it Buddah, Jehovah, or Jah? Or Allah?Is it Jesus? Is it God? Or is just yourself?Definately not to be imposed, being a demonBecause this is the joy of believing!Men, to believe in yourselvesBut for sure, the higher powerResides only to ride in the heart of the trueFrom the soul, of the man; for truth never has an alibiIn the poetry, or in it's realmThat's what pulls all words togetherJust to understand, that every man, is his OWN manAnd only man can satisfy the manOnly the soul of the man, the feelings of the manThe for realness of the manYou can't shake the man when you feel the man you know the manAnd you gotta call yourself because you are that man
Wenn heute also wieder ein großer Konflikt der Nationen ansteht, der in einen großen Krieg ausufern könnte, dann sollte man vielleicht ausnahmsweise Mal nicht den Lügenmärchen der herrschenden Barbaren glauben. Vielleicht sollte man auf Einstein hören oder auf den eigenen Überlebensinstinkt. Denn die Herrschenden werden gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen. Verbalradikal vielleicht, ja, klar. Da bekriegen sie sich in aller Konsequenz. Aber die Konsequenzen ihres Verbalradikalismus "kriegen" dann wir zu spüren. Die Herren und Damen "da oben" werden sich vielleicht sogar auf irgendwelchen entfernten Inseln in Freundschaft zum Bacardi-Cola oder zum Puschkin-Wodka treffen. Das war schon mit dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser so ähnlich, nur dass sie keine Cola tranken. Es war auch zwischen dem britischen Premier Churchill und Stalin nicht anders. Es war schon immer so, dass die Differenzen der Herrschenden untereinander beim Essen und Puschkin-Wodka am Abend verschwunden waren. Allerdings würden sie heute damit den Namen Puschkins in den Schmutz ziehen.
Dostojewskij hielt 1880, auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, eine brillante Rede zu Ehren Puschkins und über die unversellen Ideale der Menschlichkeit. Er sagte:
"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"
Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen!
Dienstag, 8. April 2014
Sookee - "Lila Samt"
Teil 9 der Serie über deutschen Rap mit gewissen Ansprüchen. Diesmal wie in Teil 4 wieder über Sookee - und ihr neues Album "Lila Samt".
Sookees neues Album "Lila Samt" erschien am 07. April 2014. "Lila Samt" verblüfft und enttäuscht zugleich, denn einerseits bleibt es auf dem unwahrscheinlich hohen Niveau, das typisch für Sookee ist, und es übertrifft andererseits nicht wirklich das Niveau des vorigen Albums "Bitches Butches Dykes & Divas". Insofern kann Mensch also mit "Lila Samt" typische Sookee-Mucke genießen.
Mit form hat Sookee mal wieder eine feine Kollaboration gebracht, in der es um Identitäten, Machismus in der (linken) Szene und Hip Hop geht. Der Track lässt sich wie so viele Stücke von Sookee wunderbar in Dauerschleife hören, wobei die kritische Message immer deutlicher werden sollte. Allerdings ist die postmoderne Anschauung hier allzu offenbar und daher ein wenig störend, wie z.B. auch schon in Tracks wie "Lernprozess 2".
"Menschen sind komisch" ist zwar nicht so witzig, aber deutlich stärker. Denn zum Einen werden die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten in der heutigen Gesellschaft ebenso gut kritisiert wie in "If I had a", aber zugleich weniger in der Form eines postmodernen Erziehungsdiktats - man möge uns den Begriff verzeihen - verpackt. Auch ist der Beat kraftvoll und energisch. Der Track ist schön anzuhören, leicht verständlich und macht gute Laune. Sookee auf höchstem Niveau!
"Wenngleich zuweilen" ist ein ultrageiles Feature mit Amewu. Musik, Stimmen und Inhalt passen absolut perfekt zusammen und müssen alles und jede/n beeindrucken. Sowohl Sookee wie auch Amewu sind hier absolut spitzenmäßig. Allerdings muss Mensch genau hinhören, was ausgesagt wird. Dauerschleife lohnt auch hier!
"Kraftlos" ist eine feine Ballade, die verdächtig nach den energischen Tracks von Tic Tac Toe und anderen Hofgesängen klingt. Das gilt auch für "Immer wenn es weh tut". Ist das ein Zufall? Mensch weiß es nicht. Aber ein Vergleich von Sookees "Kraftlos" und Tic Tac Toes "Keine Ahnung" oder "Warum" dürfte veranschaulichen, was gemeint ist. Auch Sookees "Emoshit & Hippietum", "Siebenmeilenhighheels", "Deine Hände" oder "Aua" könnten irgendwie an "Isch liebe disch" von Tic Tac Toe, "Keine ist" von Sabrina Setlur, "Sie sieht mich nicht" von Xavier Naidoo oder Tuas "Dein Lächeln" erinnern. "Kraftlos" ist in dieser Reihe der Hiphop-Balladen anzusiedeln. Klügere Köpfe mögen das bestätigen oder widerlegen.
"SLPC und "Frauen mit Sternchen" sind technisch besonders stark und inhaltlich bemerkenswert. "Links außen" ist inhaltlich herausragend, aber auch vom Stil her anders als die meisten von Sookees Stücken, da Ben Dana und der Irié Revolté-Sänger Mal Élevé hier dominieren.
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| Album-Cover zu "Lila Samt". |
| Sookee, Bild von ??? |
Die "Intro"
Wenn man das Album von vorne bis hinten durchhört, wird man positiv überrascht. Denn die "Intro" ist bereits ein äußerst starkes Stück! Ein tranceartiger Rhythmus führt die Hörerschaft in eine lila-samtene Traumwelt, sofern die Hörerschaft die Augen schließt und sich von der Musik treiben lässt:
Ich tauch ein wie zwishen shenkel dieser traum findet niemals ein ende
Wabern zerfasern reich wieder hände sook wop will liebe entgrenzen
Vielleicht das ultimative ich genieß die momente
Alles gute und liebe wie wenn ich briefe beende
Shwäche und stärke sind keineswegs gegensatz shöpf neue lebenskraft
Ein gruß geht ins jenseits oder wohin auch immer connece is shemenhaft
Ich shieb tragik beiseite lass zeit und raum für entwicklung
Erarbeite freiheit vertrau genau dieser richtung
"Lass mich mal machen" (feat. form)
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| Sookee. Bild von: Flox Schoch. |
"If I had a"
Auch "If I had a" ist stark postmodernistisch gefärbt. Das macht den ganzen Track einerseits enorm witzig und andererseits sehr erzieherisch. Mann wird das Gefühl nicht los, dass es hierbei vor allem um die Aufklärung der Männerwelt geht. Die Machos mögen den Track in Dauerschleife hören, um die "Erwartungen und Bilder" zu hinterfragen, "wie ein Schwanz sein muss" und ob "das Leistungsprinzip", das von beschwanzten Menschen gefordert wird, sinnvoll ist. Das machistische Schwänzeln soll durch ein gechilltes Schwänzen ausgetauscht werden:
If i had a dick ich würd ihn lustig benenn
Versuchen zu shützen vor all dem druck und zwängen
Den erwartungen und bildern wie ein shwanz angeblich sein muss
Wie er zu funktionieren hat und wo er überall rein muss
...
Aber das gequatshe über härter länger tiefer gagging gangbabanger
Ist alles dumme sheiße maskulisten wollen männer ändern
Er hätt kein bock auf machtspiele kein bockj auf hassliebe
Mein dick könnt erhobenen hauptes ab und an flachliegen
If i had a dick ich würd ihm ne mütze stricken
Ob mit dick puss händen dildos alle sollen nur glücklich ficken
"Menschen sind komisch"
"Menschen sind komisch" ist zwar nicht so witzig, aber deutlich stärker. Denn zum Einen werden die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten in der heutigen Gesellschaft ebenso gut kritisiert wie in "If I had a", aber zugleich weniger in der Form eines postmodernen Erziehungsdiktats - man möge uns den Begriff verzeihen - verpackt. Auch ist der Beat kraftvoll und energisch. Der Track ist schön anzuhören, leicht verständlich und macht gute Laune. Sookee auf höchstem Niveau!
"Wenngleich zuweilen" (feat. Amewu)
"Die Kirche"
"Die Kirche" ist ebenso amüsant wie aggressiv und boshaft. Im Grunde ist es ein Spottlied gegenüber irgendeinem Anderen, vermutlich einem Mann. Wäre klar, dass irgend ein rechtsgerichteter Bauer oder CSU-Wähler gemeint ist, hätte es dem Lied nicht geschadet. In der Abstraktheit des Liedes aber erinnert es fatal an die typisch postmoderne Überheblichkeit, mit der linke, liberale, konservative, rechte, religidiotische und unpolitische Kontrahenten der Deleuze- oder Foucault-Anhänger*innenschaft konfrontiert und verwirrt werden. Inhaltlich ist der Track damit eher schwach.
"Who owns Hip Hop" (feat. Shirlette Ammons)
"Who owns Hip Hop" kommt leider nicht an den unfassbar guten "NK2NC", die andere Kollaboration mit Shirlette Ammons, heran. Und der Track wird zwar klar von Ammons dominiert, aber immerhin der zweite Part von Sookee in "Who owns Hip Hop" ist richtig stark:
Und jetzt zu mir wessen stimme erheb ich
Weiße uni deutsher pass doch geistig immer beweglich
Ich streue lila glitzer auf die früchte shwarzen widerstands
Die frage ist was ich kartoffel hiphop bieten kann
Also in dem sinne dass ich immer nur gast bin
Hiphop gehört mir nicht das ist sinnloser shwachsinn
Ich beobacht das noch genauer sobald ich dafür kraft find
Solang gestalten wir hiphop respektvoll lassen ihn wachsen
Es geht nicht darum dass manche hautfarben es mehr draufhaben
Sondern darum das weiße gekauft oder geklaut haben
Miley und robin twerken auf marvin gayes beat
Wer teilt hiphop mit wem weil diese frage nahe liegt
"Emoshit & Hippietum"
"Emoshit & Hippietum" ist eines der stärksten Lieder von Sookee. Es ist ein inhaltlich sehr schönes und relativ schnelles Lied, aber kein Stück aggressiv. Vielleicht ist es der Ausgleich für den inhaltlich schwachen, langsamen und ziemlich aggressiven Track "Die Kirche"? Ironischer Weise kommt gerade "Die Kirche" etwas dogmatisch rüber, während "Emoshit & Hippietum" wie ein gebetsähnliches Kirchenlied wirkt:
Liebe für zerbrechlichkeit rücksicht und gerechtigkeit
Liebe für kein zeitgefühl die erste oder letzte sein
Die oberen sind abgeshöpft liebe für den rest der bleibt
Liebe für entshleunigung ruhe und vergessenheit
Liebe für shweiß tränen sheitern und verstehen
Sogar liebe für sysiphos kein grund nicht weiterzugehen
Liebe für füreinander miteinander voneinander lernen
Keine liebe für die die nur kommen und sich beshweren
Liebe für viele perspektiven für den regenbogen
Liebe dafür frieden zu shließen für geglättete wogen
Liebe für entshuldigung für fehlerfreundlichkeit
Liebe für ermutigung leben ist nicht leicht
Liebe für jedes textblatt dafür dass ihr den text echt macht
Liebe dafür dass jede realität recht hat
Liebe dafür sich mitzuteilen bin ich mit all dem verständlich
Liebe für jedes urteil das ausbleibt nach diesem bekenntnis
"Kraftlos" und "Immer wenn es weh tut"
"SLPC", "Links außen" und "Frauen mit Sternchen"
"SLPC und "Frauen mit Sternchen" sind technisch besonders stark und inhaltlich bemerkenswert. "Links außen" ist inhaltlich herausragend, aber auch vom Stil her anders als die meisten von Sookees Stücken, da Ben Dana und der Irié Revolté-Sänger Mal Élevé hier dominieren.
"Vorläufiger Abschiedsbrief"
"Vorläufiger Abschiedsbrief" stellt eine Attacke gegen das Rap-Business und -Establishment dar. Die homophoben, sexistischen und pseudo-gangsta Raps werden hier schön auseinandergenommen. Allerdings ist auch hier wieder die aggressive Reaktion auf die machistische Kultur in Alltag und Medien nicht zu ignorieren. Im Grunde ist es ein Diss-Track, der dem kritisierten Machismus nicht völlig unähnlich ist. Sookee hat einige solcher Diss-Tracks, die manchmal mehr links, manchmal mehr postmodern sind. Oft sind sie deutlich schwächer als Stücke wie "Pro Homo", "Schluss jetzt", "Zeckenrapsupport", "Siebenmeilenhighheels", "Menschen sind komisch", "Bitches Butches Dykes & Divas" oder "SLPC", die Sookee zu den besten Rapper*innen in Deutschland machen.
Samstag, 8. März 2014
Absztrakkt
Teil 8 der Serie über Deutschrapper mit Anspruch, diesmal über Absztrakkt.
Absztrakkt ist der reinste Rapper der Leere. Das mag zwar scheiße klingen, ist aber ein großes Kompliment. Mit "Leere" sind nämlich nicht "leere Phrasen" gemeint wie sie bei so unendlich vielen "Rappern" der leeren Phrasen üblich sind.
Gemeint ist Nichtigkeit, Bedeutungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Leidlosigkeit, Glücklosigkeit, Gemeint sind Eigenschaften oder Nicht-Eigenschaften erleuchteter Wesen. Erleuchtete Wesen sind Buddhas, wie die Buddhisten sie nennen. Sie sind, ob tot oder lebendig, bereits in ganz anderen Sphären des Seins oder Nicht-Seins. Dieses Andere ist nichts anderes als das Nirwana.
Das Nirwana ist ein Begriff aus dem Buddhismus. Und Absztrakkt rappt buddhistisch. Wer sich mit dieser Philosophie beschäftigt hat, ahnt vielleicht, was das heißt: schlichte Aussagen, in denen viele Ansagen stecken; gerappte Koans, die einen verrückt machen könnten; Sinnlossätze; Reflexionen über Sein und Nicht-Sein; die kalte, nasse Unterhose, die sich Wahrheit nennt, im Gesicht; sprachliche Schädelbohrungen; Shaolin-Kampfansagen; östliche Weisheiten, dialektische Widersprüche, Mir-egal-Humor und so weiter.
Als geistiger Vater von Cr7z hat Absztrakkt mit diesem einige Kollaborationen abgeliefert. Wie auch Cr7z hat Absztrakkt vor allem beim Label 58Muzik ziemlich gute Arbeit geleistet. Auch kann man trotz unterschiedlicher Stilistik und Wortwahl die innere, geistige Verwandtschaft der beiden Rapper erahnen. Die Inhalte dieser beiden Seelengucker ähneln sich stark. Natürlich wirkt Absztrakkt eher mystisch-religiös und abgeklärt zugleich, während Cr7z eher okkult und abgefuckt wirkt. Aber beide teilen scheinbar einen knallharten menschlichen Maßstab gegenüber der menschlichen Gesellschaft.
"Karma" ist auch ein witziges Selbstlob und zugleich eine Belehrung über buddhistische Logik:
Wie Cr7z hat auch Absztrakkt eine dezidierte Kritik an der heutigen, bürgerlichen Gesellschaft. Sein Maßstab ist zwar kein explizit linker oder sozialistischer, sondern ein eher "absztrakkt"-menschlicher Maßstab, aber er liefert auch damit eine scharfe antikapitalistische Kritik, wie etwa in "Photosynthese":
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| Absztrakkt, Bild von: http://58muzik |
Gemeint ist Nichtigkeit, Bedeutungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Leidlosigkeit, Glücklosigkeit, Gemeint sind Eigenschaften oder Nicht-Eigenschaften erleuchteter Wesen. Erleuchtete Wesen sind Buddhas, wie die Buddhisten sie nennen. Sie sind, ob tot oder lebendig, bereits in ganz anderen Sphären des Seins oder Nicht-Seins. Dieses Andere ist nichts anderes als das Nirwana.
Das Nirwana ist ein Begriff aus dem Buddhismus. Und Absztrakkt rappt buddhistisch. Wer sich mit dieser Philosophie beschäftigt hat, ahnt vielleicht, was das heißt: schlichte Aussagen, in denen viele Ansagen stecken; gerappte Koans, die einen verrückt machen könnten; Sinnlossätze; Reflexionen über Sein und Nicht-Sein; die kalte, nasse Unterhose, die sich Wahrheit nennt, im Gesicht; sprachliche Schädelbohrungen; Shaolin-Kampfansagen; östliche Weisheiten, dialektische Widersprüche, Mir-egal-Humor und so weiter.
Als geistiger Vater von Cr7z hat Absztrakkt mit diesem einige Kollaborationen abgeliefert. Wie auch Cr7z hat Absztrakkt vor allem beim Label 58Muzik ziemlich gute Arbeit geleistet. Auch kann man trotz unterschiedlicher Stilistik und Wortwahl die innere, geistige Verwandtschaft der beiden Rapper erahnen. Die Inhalte dieser beiden Seelengucker ähneln sich stark. Natürlich wirkt Absztrakkt eher mystisch-religiös und abgeklärt zugleich, während Cr7z eher okkult und abgefuckt wirkt. Aber beide teilen scheinbar einen knallharten menschlichen Maßstab gegenüber der menschlichen Gesellschaft.
Tracks wie "Egoszhooter" sind meditativ und ähneln Gebeten, vor allem, wenn so schön buddhistisch getextet wird:
Überall kann der Ort sein, wo das Ego zerschossen wird. Aus absztrakkt wird konkkret. Alles, was man im Außen erlebt, ist nur Spiegel eigener, innerer Realitätwie beim Straßenkampf: einer sieht aus wie 'n schmaler Hans, aber boxt dich weg mit 'nem harten Punch.
"Karma" ist superwitzig und spielt gleichzeitig mit den üblichen Klischees über Buddhismus und Rap, wobei Rapper-Egozentrik, Buddhisten-Esoterik und ein eigenartiger Rap-Buddhisten-Sexismus zusammenfinden:
Ey, wer Absztrakkt hört oder sieht oder beides
beweist schon mal den richtigen Weitblick.
Und entweder heißt es:
du hast schon genug Karma bereinigt
oder dass es dafür jetzt an der Zeit ist.
Du entscheidest.
Und wer den Diamantgeiszt in ihm
hört oder sieht oder beides
zeigt schon mal die richtige Einsicht
und entweder heißt es:
du hast schon genug Karma bereinigt,
dass die Natur des Geisztes nicht mehr weit ist
oder dass du selbst schon befreit bist.
Besonders witzig ist diese buddhistisch-sarkastische Stelle:
Aber komm mir nicht dumm, du Arsch. Ich hab schon so viel Karma bereinigt, dass ich dich ungestraft umbringen darf!
"Karma" ist auch ein witziges Selbstlob und zugleich eine Belehrung über buddhistische Logik:
Wer Absztrakkt hört oder sieht oder beides,zeigt schon mal den richtigen Weitblick,und entweder heißt es: du hast schon genug Karma bereinigtoder dass es dafür jetzt für dich an der Zeit ist. DU entscheidest!
Wer den Diamantgeiszt in ihm hört oder sieht oder beides,zeigt schon mal die richtige Einsicht,und entweder heißt es: du hast schon genug Karma bereinigt,dass die Natur des Geistes nicht mehr weit ist,oder dass du selbst schon befreit bist.
Wie Cr7z hat auch Absztrakkt eine dezidierte Kritik an der heutigen, bürgerlichen Gesellschaft. Sein Maßstab ist zwar kein explizit linker oder sozialistischer, sondern ein eher "absztrakkt"-menschlicher Maßstab, aber er liefert auch damit eine scharfe antikapitalistische Kritik, wie etwa in "Photosynthese":
Dummes Gelaber hat ihr Hirn komplett zermartert.Für Viele ist die Mattscheibe wie ein Vater,den sie niemals hinterfragt haben.[Ich dagegen denk mit sieben Heads]und fiel aus der bürgerlichen Realität, könnt ich würgen,bei dem was sie erzähl'nDas hier sind nur arme Seelen die nichts kapiert haben,und wie Zombies ausgeliefert sindder Eiseskälte der WirtschaftEs sind immer noch die selben Methoden,der Geistesverblendung und das, was für mich wichtig ist,ist für mich immer noch Zeitverschwendung.
"Seelenjuwelen" veranschaulicht die antibürgerliche Kritik und buddhistische Utopie dieses Rappers der menschlichen Leere besonders klar:
"Beautiful" ist offenbar vor allem die Verarbeitung einer schönen Liebe und/oder Freundschaft, die ihre hässliche Fratze im Laufe der Zeit gezeigt hat. Der Track wirkt wenig erleuchtet, dafür aber sehr zornig und leidenschaftlich:
"Der Tempel" ist eine sozialistisch-buddhistische Utopie, in der es um "tiefe Versenkung", das "Brechen geistiger Begrenzungen, von massiver Entfremdung", um die "geistige Revolution" und eine neue Zivilisation "ohne Religionen und politische Richtungen" geht.
Mit seiner "absztrakkt"-menschlichen Utopie kommt Absztrakkt vielleicht an seine geistigen Grenzen. Vielleicht ist es auch eine konkrete Handlungsanweisung für die Hörer dieses großartigen Künstlers. Jedenfalls lohnt es sich, ihn sich immer mal wieder reinzuziehen!
Es ist alles nur in der Schriftrolle niedergeschrieben, und wir spielen alle nur unsere Rolle in der Maschine. Ich bin Herbstkind, aber Frühlingsrapper,tanze mitten des Kosmos mit einem Kranz aus Blütenblättern.
Meditation heißt nicht alles schön zu finden,sich so und so hinzusetzen und die ganze Zeit blöd zu grinsen.Es bleibt nur die Einfachheit des Seins und die wahre Natur des Geistes, die einem Diamanten gleicht. Es bricht gerade ein Licht durch die Härte des Eisens,und entzündet eine Flamme, reinen Herzens und Geistes.Weder der pfeifende Wind in den Hängen, noch das Wasser aller Ozeane könnte sie dran hindern zu brennen.Schlimm das zu sehen, ich sprech' mein Gebet.Der Himmel öffnet sich, die Luft knistert vor Elektrizität. Absztrakkt ist back und ihr seht Deutschland hat ihn wahrgenommen.Ich leb Untergrund-Buddhismus im Babylon.
Das Bild, was ich vorm geistigen Auge sehe, in der materiellen Welt zu manifestieren dauert LEBEN!
"Beautiful" ist offenbar vor allem die Verarbeitung einer schönen Liebe und/oder Freundschaft, die ihre hässliche Fratze im Laufe der Zeit gezeigt hat. Der Track wirkt wenig erleuchtet, dafür aber sehr zornig und leidenschaftlich:
Ich zieh' am Splith und merk ich bin wie eine Ziege:Ich brauch' nur eine Wiese, was zum Grasen und viel Liebe.Spiel Spiele, aber nicht mit mir.Ich bin 'ne gute Seele. Mach mich nicht zum Tier.Ich seh', nur hab ich Wut wie Kehle.
Mit seiner "absztrakkt"-menschlichen Utopie kommt Absztrakkt vielleicht an seine geistigen Grenzen. Vielleicht ist es auch eine konkrete Handlungsanweisung für die Hörer dieses großartigen Künstlers. Jedenfalls lohnt es sich, ihn sich immer mal wieder reinzuziehen!
Samstag, 8. Februar 2014
Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit einer Freundin in der Bahn über Politik geredet habe. Wir waren uns einig, dass Politik und Liebe zusammengehören. Sie meinte sogar wörtlich: "Politik ist Liebe!" Jemand, der uns lauschte, spottete aus der Entfernung über dieses Gespräch oder diese geniale Idee. Ja, die Idee ist wirklich merkwürdig. Zugegeben. Aber ich halte an ihr fest.
Doch was soll solch ein Wandel bringen? Fromm stellt fest: "Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen." Die meisten Menschen, die ganzen Horden von "Zombies" und "Cyborgs" da draußen, haben keine Motivation zum Leben. Sie vegetieren wie Gemüse vor sich hin. Da hilft auch lautes Kichern, Saufen, Abtanzen und wilder Sex nichts. Sie bleiben dennoch lebende Tote. Denn es fehlt ihnen an echter Motivation. Christoph Hess, ein moderner Philosoph von heute, hat in vielen seiner Texte diese Idee ausformuliert. In einem Text über die Unendlichkeit sagt er: "Ich entschuldige mich bei dir, dass ich träume, denn deine Euphorie für das Sein wurde endgültig abgeführt." Er provoziert damit natürlich. Aber zugleich erklärt er, was er unter Motivation versteht:
Liebe ist Motivation. Liebe treibt Menschen wirklich an. Fromm sagt "Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt." Fromm geht noch weiter. Er reduziert Liebe nicht auf die erotisch-sexuelle Liebe, sondern versteht sie weit umfassender. Fromm insistiert darauf, "daß sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis." Eine Definition Fromms von Liebe ist besonders beachtenswert:
Es gibt natürlich auch andere Motive und andere Motivationen, aber im Grunde handelt jeder Mensch mehr oder weniger aus Liebe und Motivation. Sogar die schlechtesten Menschen sind im Grunde von einer Abart der Liebe getrieben. Auch in diesen Menschen steckt irgendwo, so darf man annehmen, ein guter und liebenswerter Kern, denn sie sind Menschen, selbst wenn sie "Zombies" oder "Cyborgs" der kapitalistischen Maschine sind.
Auch der jämmerlichste Nazi-Köter ist trotz seiner Unbarmherzigkeit im Geiste ein kleines Kind, das nur gedrückt und geliebt werden will. Aber keiner liebt Nazis. Deswegen hat man keine Toleranz für Nazis und keinen Sex mit Nazis. Da hilft ihnen ihr "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) auch wenig. Nazis sollen aufhören, Nazis zu sein. Dann kuschelt man auch mehr mit ihnen. Natürlich "kuscheln" Nazis auch viel miteinander. Es soll ja auch eine homosexuelle Untergrund-Szene im Nazi-Untergrund geben, in der sich Menschen ganz besonders nach Liebe sehnen und vielleicht auch deswegen Nazis geworden sind, weil unsere Gesellschaft sie diskriminiert. Aber das "Kuscheln" von Nazis ist natürlich nicht wirkliches Kuscheln, sondern bloß die Imitation zärtlicher Verhaltensweisen, damit sie sich nicht wie die völligen Schwachköpfe und lieblosen Zombies fühlen, die sie sind. Jedenfalls sehnen sich auch Nazis in ihrem tiefsten Inneren nach einer liebenswerten Politik und nach politisierter Liebe.
Liebenswerte Politik und politisierte Liebe sind im Grunde das selbe. Solche Politik und Liebe sind der "Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat" (Fromm). Aber da solch eine Gesellschaft noch fern ist, müssen Politik und Liebe darauf hinarbeiten, die gewünschte Gesellschaft zu erreichen. Politik und Liebe gehören untrennbar zusammen, sofern man liebenswerte Politik machen will, sofern man als Politiker und Nicht-Politiker geliebt werden will.
Politik und Politikverdrossenheit
Ein Großteil der Weltbevölkerung ist politikverdrossen. In Deutschland ist das Problem seit vielen Jahren bekannt. Die Leute haben keinen Bock mehr auf Politik. Sie erwarten von ihr nichts mehr. Oder sie erwarten, nur noch verarscht zu werden. Fast allen Menschen ist klar, das Politik ein dreckiges Geschäft ist, in dem man sich kaum mit Ruhm bekleckern kann, aber mit viel Schmutz. Die real existierende Politik ist moralisch verkommen und intellektuell bankrott. Sie ist unredlich und verlogen. Sie dient ganz offenbar nicht den Interessen der Weltbevölkerung, sondern einer verschwindend winzigen Minderheit. Die 99% stehen gegen 1%, zu dem die politische und wirtschaftliche Elite der Welt gehört. Die Elite ist unser Feind. Wir sind der Feind der Elite. Das wissen die meisten von uns und daher kümmern wir uns meist nicht um das, was die da oben machen.
Politik und Politisierung
Obwohl ein Großteil der Bevölkerung zum großen Teil politikverdrossen ist, ist doch nie die ganze Bevölkerung ganz politikverdrossen. Irgendjemand will bestimmt auch in der tiefsten Umnachtung noch Politik machen. Und das ist kaum zu vermeiden. Leute sind ja noch nicht völlig kontrollierbar, sondern bloß manipulierbar. Das wissen auch die politischen und wirtschaftlichen Eliten, deren Privilegien von Politik abhängen.
Da die Bevölkerung nicht völlig kontrolliert werden kann, muss sie zumindest in Schach gehalten und in gewissem Rahmen gelenkt werden. Sie muss, wenn sie zu verdrossen ist, wieder für Politik mobilisiert werden. Politisierung ist also ein politisches Mittel der Politiker, um ihre Ziele zu erreichen. Die Ziele sind vor allem ein hohes Gehalt, eine gesicherte Rente, Bankkonten in der Schweiz, Ruhm und Ehre, Macht, Weltherrschaft usw. Das Übliche eben. Andererseits können einige Ziele auch realen Menschen außerhalb des Politikbetriebs angehören.
Politisierung funktioniert deswegen, weil den Menschen nichts anderes übrig bleibt als sich mit Politik zu beschäftigen. Wenn sie extrem ausgenommen und verarscht werden, müssen sie irgendwann das kleinere Übel wählen, damit es nicht noch schlimmer wird. Protest-Wähler wählen dann auch mal Parteien und Politiker am Rande des Establishments, also okkulte, spiritualistische, knallrechte oder völlig absurde Wahlmöglichkeiten wie die FDP und die AfD. Andere wählen aus grotesken Gründen solche Parteien wie die CDU, die Grünen oder die SPD, die sich mehr oder weniger sozial und demokratisch geben, um ihren antisozialen und elitären Charakter zu tarnen. Manche wählen vielleicht auch wirklich demokratische und soziale Parteien wie DIE LINKE.
Die Medien helfen den Eliten für gewöhnlich aber dabei, dass nicht allzu viele Wähler die Linkspartei wählen. Sie erwähnen sie seltener. Sie machen sie lächerlich. Sie gehen nicht auf ihre Inhalte ein. Wenn sie sie erwähnen, dann meist mit negativer Konnotation oder mit Konzentration auf das Unpolitische. Politiker anderer Parteien werden dagegen weit mehr thematisiert, ernst genommen und gefeiert. Und selbst wenn die Politik oder der Stil der nicht-linken Politiker kritisiert wird, dann lenkt es dennoch von den Inhalten der Linkspartei ab. Denn DIE LINKE kann nur punkten, wenn man sich ernsthaft mit ihren Positionen auseinandersetzt, während Merkel auch dann schon punktet, wenn man Mitleid für sie hat oder sich über sie aufregt, nur um dann niemanden mehr zu wählen. Nicht-Wählen stärkt die rechten und elitären Parteien, weil deren Wähler auch dann wählen, wenn gute Leute aus Protest nicht wählen. Politikverdrossenheit kann also den Hass und die Massenverachtung in der Politik schüren. Aber es geht auch anders.
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| Erich Fromm |
Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe
Erich Fromm hat in seinem Klassiker Die Kunst des Liebens den Kern der Sache getroffen. Der Marxist hat in seinen Büchern die kranke Natur des Kapitalismus und des durchschnittlichen Lebens trefflich und verständlich herausgearbeitet.
So schrieb er über die Politikverdrossenheit der Menschen:
Ein Satz ist besonders eindeutig, was Politik im Kapitalismus und die Liebe angeht:
Fromm sagt also, es gibt zwei Prinzipien, die sich gegenseitig ausschließen. Der Kapitalismus ist der Feind aller Liebe. Er ist ein liebloses, kaltes System "toter Arbeit", die die Liebesfähigkeit der Menschen unterdrückt und in Zynismus und Nihilismus verwandelt. Wo auch immer Liebe auftaucht, da stört der Kapitalismus den oder die Liebenden daran, die Liebe zu verwirklichen.
So schrieb er über die Politikverdrossenheit der Menschen:
"Tatsächlich steckt er [Zynismus] hinter der Auffassung des Durchschnittsbürgers, der das Gefühl hat: 'Ich wäre ja recht gern ein guter Christ - aber wenn ich damit ernst machte, müßte ich verhungern.' Dieser 'Radikalismus' läuft aber auf einen moralischen Nihilismus hinaus. Ein solcher 'radikaler Denker' ist genau wie der Durchschnittsbürger ein liebesunfähiger Automat, und der einzige Unterschied zwischen beiden ist der, daß letzterer es nicht merkt, während ersterer es weiß und darin eine 'historische Notwendigkeit' sieht. Ich bin der Überzeugung, daß die absolute Unvereinbarkeit von Liebe und 'normalem' Leben nur in einem abstrakten Sinn richtig ist."
Ein Satz ist besonders eindeutig, was Politik im Kapitalismus und die Liebe angeht:
"Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrunde liegende Prinzip und das Prinzip der Liebe."
Auch deswegen ist heute die romantische Vorstellung von Liebe in den Liebesfilmen so attraktiv. Im echten Leben ist so eine Liebe so gut wie unmöglich. Sie wird immer wieder von den Realitäten zunichte gemacht. Hegel sagte: "der Konflikt zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse sowie dem Zufalle äußerer Umstände" sei typisch für die moderne Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft.
Hegel hatte Recht. Denn in den Liebesfilmen wird nur aufgegriffen, was sich die durchschnittlichen Bürger der bürgerlichen Gesellschaft bloß erträumen oder eben in Form von Kunst genießen können. Die "Prosa der Verhältnisse", das graue alltägliche Leben, zieht auch die höchsten Höhenflüge der Liebe in den graubraunen Sumpf des kapitalistischen Alltags. Dieser Alltag besteht aus monotoner Arbeit, monotoner Freizeit und illusionären Träumen. Es ist doch absolut natürlich und menschlich, dass die Leute dann zu Drogen, Gewalt, Kriminalität, Hass, Zerstörung und Selbstzerstörung greifen, um in solch einem prosaischen Leben ihre eigene Lyrik auszudrücken. Allerdings wäre es wiederum zynisch und nihilistisch, diesen status quo einfach hinzunehmen. Es ist ein inakzeptabler und absolut bekämpfenswerter Zustand.
Wer will, dass seine oder ihre Kinder in so einer gottlosen und gottverdammten Welt aufwachsen müssen? Gibt es völlig gewissenlose Maschinen, denen es gleichgültig ist, wie ihre Nachfahren leben müssen? Schämen sich diese Menschen nicht, wenn sie existieren? Wahrscheinlich gibt es völlig verkommene Kreaturen, denen all das egal ist. Es sind lebende Tote oder "Cyborgs der Maschinerie" (Cr7z), die daher keine Moral und keine Scham kennen. Sie machen einfach.
So machen sie auch Politik. Die Politik für solche Menschen und von solchen Menschen ist Politik in den Abgrund, Politik in die Selbstauslöschung, Politik, deren Damoklesschwert nicht nur über das seelische Überleben der Menschlichkeit, sondern auch über das physische Überleben der Menschheit urteilt. Fromm drückte das so aus: "Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen Veränderung des Herzens ab." Radikale Veränderung des Herzens? Yoga? Meditation? Ja, auch. Aber es geht vor allem darum, die eigene Einstellung zum Leben radikal zu ändern, indem das "Wesen des Menschen" anders aufgefasst wird als bisher:
"Das Wesen der Liebe zu analysieren, heißt ihr allgemeines Fehlen heute aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen Kritik zu üben, die dafür verantwortlich sind. Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet."
"Liebe braucht keine Motive, Liebe ist Motivation".
Liebe ist Motivation. Liebe treibt Menschen wirklich an. Fromm sagt "Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt." Fromm geht noch weiter. Er reduziert Liebe nicht auf die erotisch-sexuelle Liebe, sondern versteht sie weit umfassender. Fromm insistiert darauf, "daß sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis." Eine Definition Fromms von Liebe ist besonders beachtenswert:
"Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben."
Es gibt natürlich auch andere Motive und andere Motivationen, aber im Grunde handelt jeder Mensch mehr oder weniger aus Liebe und Motivation. Sogar die schlechtesten Menschen sind im Grunde von einer Abart der Liebe getrieben. Auch in diesen Menschen steckt irgendwo, so darf man annehmen, ein guter und liebenswerter Kern, denn sie sind Menschen, selbst wenn sie "Zombies" oder "Cyborgs" der kapitalistischen Maschine sind.
Auch der jämmerlichste Nazi-Köter ist trotz seiner Unbarmherzigkeit im Geiste ein kleines Kind, das nur gedrückt und geliebt werden will. Aber keiner liebt Nazis. Deswegen hat man keine Toleranz für Nazis und keinen Sex mit Nazis. Da hilft ihnen ihr "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) auch wenig. Nazis sollen aufhören, Nazis zu sein. Dann kuschelt man auch mehr mit ihnen. Natürlich "kuscheln" Nazis auch viel miteinander. Es soll ja auch eine homosexuelle Untergrund-Szene im Nazi-Untergrund geben, in der sich Menschen ganz besonders nach Liebe sehnen und vielleicht auch deswegen Nazis geworden sind, weil unsere Gesellschaft sie diskriminiert. Aber das "Kuscheln" von Nazis ist natürlich nicht wirkliches Kuscheln, sondern bloß die Imitation zärtlicher Verhaltensweisen, damit sie sich nicht wie die völligen Schwachköpfe und lieblosen Zombies fühlen, die sie sind. Jedenfalls sehnen sich auch Nazis in ihrem tiefsten Inneren nach einer liebenswerten Politik und nach politisierter Liebe.
Liebenswerte Politik und politisierte Liebe sind im Grunde das selbe. Solche Politik und Liebe sind der "Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat" (Fromm). Aber da solch eine Gesellschaft noch fern ist, müssen Politik und Liebe darauf hinarbeiten, die gewünschte Gesellschaft zu erreichen. Politik und Liebe gehören untrennbar zusammen, sofern man liebenswerte Politik machen will, sofern man als Politiker und Nicht-Politiker geliebt werden will.
Aber erst die "menschliche Gesellschaft" (Marx) ist eine Gesellschaft, die von liebenswerter Politik und politisierter Liebe dominiert wird. Bis dahin ist es noch weit. Bis dahin werden wohl noch viele ultrarechte, konservative, liberale, linksliberale, GroKo-mäßige und pseudosozialistische Regierungen gestürzt. Erst eine Regierung, die im Grunde schon keine Regierung mehr ist, weil sie nicht mehr systematisch unterdrückt und ausbeutet, wird eine liebenswerte Regierung sein, die auf eine liebenswerte Gesellschaft zusteuert, indem sie die Liebe politisiert und liebenswerte Politik macht. Sowas gab es bisher nur sehr selten. Und immer, wenn es das gab, wurde der Versuch niedergemacht von hasserfüllten Menschen...
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