Freitag, 29. November 2013

Klassenherrschaft und Technokratie (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 1)



"In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden"
Die "klugen Tiere" sind natürlich die Menschen, wir. Nietzsche könnte am Ende mit seinem Gedankenspiel über das Ende der Menschheit Recht behalten. Vielleicht wird die Menschheit einfach wieder verschwinden. Das wäre für das Universum so etwas wie der Tod einer Fliege. Wen würde es dann noch kümmern, was in der Welt so passiert? Das kann uns egal sein. Nicht egal sollte uns sein, wie es zum Ende der Menschheit kommen könnte.

Fiktive Existenzbedrohungen in der Zukunft


Jedes Jahr werden in Büchern, TV-Serien, Filmen etc. millionenfach in diversen Science Fiction-Szenarien die Gefahren der Zukunft beschworen: Da gibt es die Terminators, die uns den Krieg erklären und die Matrix, die uns zu lebenden Batterien verwandelt. Da gibt es die völlige Verelendung der arbeitenden Menschen auf der Erde, während die Reichen auf die paradiesische Weltraumstation Elysium umziehen. Oder den Exodus der Reichen auf einer hochmodernen High-Tech-Arche nach der Klimakatastrophe und Sintflut. Ebenso gibt es das Szenario der Vereisung des Globus oder die Bedrohung durch Asteroiden. Oder auch die Welt, die von Tornados verwüstet wird. Da gibt es weiterhin unzählige Varianten der Alien-Invasion, der Zombie-Apokalypse und des dritten Weltkrieges. Man darf natürlich die X-Men- und X-Women-Mutanten und die Gentechnik-Unfälle nicht vergessen, die es da so gibt. 

Diese Szenarien scheinen für naive Leser erstmal bloße "Fiction" zu sein, die mit "Science" nichts zu tun hat. Tatsächlich hat Science Fiction viel mehr mit Wissenschaft und Realität zu tun als uns lieb ist. All diese Szenarien kommen nämlich aus der kaputten Wirklichkeit von heute. Es werden nur aus realen Trends, die in die falsche Richtung gehen, mögliche katastrophale Endresultate künstlerisch und zugespitzt dargestellt. Auch gesellschaftskritische Aktivisten und Theoretiker weisen schon lange darauf hin, dass die fiktionalen Dystopien nicht so fern sind wie wir hoffen.

Reale Existenzbedrohungen in der Vergangenheit


Seitdem es die Atombombe und noch mehr seitdem es mehrere Atommächte gibt, haben die Mächtigen dieser Welt das Schicksal der Welt in der Hand. Schon mehrmals ist es fast zu Atomkriegen gekommen.

Nachdem die USA im 2. Weltkrieg Japan mit zwei Atombomben niedergestreckt hatten, kam es im Koreanischen Krieg beinahe zum ersten Atomkrieg. Psychopathen im amerikanischen Militär wollten gegen China, das in den Konflikt verwickelt war, Atombomben nutzen. Damals hatte Chinas Verbündeter, die Sowjetunion, bereits selbst Atombomben. Jahre später kam es zur Kuba-Krise, die ebenfalls knapp an einem Atomkrieg vorbeigeführt hat. Gegenwärtig gibt es Bürgerkrieg im Nahen Osten und mehrere Atommächte sind in diesen Krieg verwickelt. Der atomare Vernichtungskrieg droht uns also immer wieder. Die Gefahr wird nicht einmal geringer. Sie wird größer.

Die amerikanischen Atombomben von Hiroshima und Nagasaki waren nichts im Vergleich zu den Bomben, über die unsere herrschenden Herrschaften heute verfügen. Nicht nur gibt es einzelne Bomben, die das zigfache der Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe haben, sondern es gibt davon auch 1000 mal mehr.

Die Herren dieser Welt könnten alles Leben auf der Erde vernichten, wenn sie nur einen Teil dieser Bomben gleichzeitig zünden würden. Der Atomkrieg bedroht den Bestand der Menschheit, der Tier- und Pflanzenwelt, eigentlich sogar der ganzen uns bekannten Welt.

Wir gefährden uns selbst am meisten. Wir sind selbstzerstörerische Tiere. Wir sind die gefährlichste, grausamste und amoralischste Killermaschine, die die Welt je gekannt hat. E-Coli-Bakterien, Giftige Skorpione, wilde Raubtiere und das AIDS-Virus, die unzählige Menschen auf dem Gewissen haben, haben weit weniger Menschen getötet als wir.

Sie haben vielleicht auch mehr Gewissen als wir. Wer weiß? Immerhin gab es in der Menschheitsgeschichte so unfassbare Gräuel und Untaten, dass man sie für Horrorgeschichten halten könnte, um Kindern wie Erwachsenen Angst einzujagen. Aber keine fiktive Geschichte kann auch nur annähernd die Schrecken der Realität darstellen. Selbst entrüstende Dokumentationen oder Spielfilme über den Holocaust oder das Nanjing-Massaker kommen nicht im Geringsten an die Realität heran.

Es gibt fast kein Horrorszenario, das die reale Welt nicht bereit hält. Die fiktiven Szenarien können uns dafür aber ergreifen und prägen. Kommen wir daher zu einem der interessantesten Szenarien der Science Fiction.

Das Zestörungspotenzial im modernen Kapitalismus




"Am 29. August 1997 endeten drei Milliarden Leben. Die Überlebenden des nuklearen
Feuers nannten den Krieg den Tag des jüngsten Gerichts. Sie überlebten nur, um sich einem neuen Alptraum gegenüberzustehen: dem Krieg gegen die Maschinen."
Dieser Horror entstammt dem Action-Film "Terminator 2", der davon handelt, wie intelligente Killermaschinen entwickelt werden, die sich gegen ihren Herren, den Menschen, auflehnen und einen Vernichtungskrieg gegen ihn anfangen. Sie beginnen einen Atomkrieg, wobei die Hälfte der Menschen auf einen Schlag stirbt. Der Rest wird von den Maschinen per Hand eliminiert. Die Killermaschine Mensch trifft auf eine noch effizientere Killermaschine, die definitiv keinerlei Gewissensbisse hat. Zum Glück hat sich dieses Schreckensszenario bisher nicht bewahrheitet.

Die Bedrohung der Menschheit durch unkontrollierbare Technologien besteht aber noch immer und wird Jahr für Jahr gefährlicher. Denn der Kapitalismus konnte bisher keine Lösung für die größten gesellschaftlichen Probleme bieten. Er vertieft diese vielmehr, weil er offenbar ein unkontrollierbares und schwer berechenbares System ist. Und er war als sadistisches Kind schon scheiße. Als zynischer Greis ist er aber noch viel schlimmer geworden. 

Denn die Zuspitzung der internationalen Konkurrenz führt weiterhin zu Verelendung und Ohnmacht auf der einen Seite und zu mehr Reichtum und Macht auf der anderen Seite. Die Geopolitik der verschiedenen Staaten führt zu immer neuen Kriegen. Der Drang nach Profit führt zu unglaublichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und genialen Technologien auf der Seite der Reichen und Mächtigen zu einem umso krasser werdenden Ausschluss der Armen und Ohnmächtigen von diesen Früchten der Industriegesellschaft.

Diese Früchte werden von den Ausbeutern genüsslich konsumiert, während die Ausgebeuteten ihr Leben lang dreckige, monotone, sinnlose und schlecht entlohnte Lohnarbeit machen müssen. Während sich der Luxus für die Herrschenden immer weiter entwickelt, stagnieren die Beherrschten noch immer auf niedrigem Niveau. Was für die einen eine völlig fremde Welt ist, ist für die anderen Alltag und umgekehrt. Denn wer satt ist, wird nie einen Hungernden verstehen. Allerdings kontrollieren selbst die verantwortlichen Profiteure dieses Systems das System nicht. Es kontrolliert vielmehr sie. Der Teufel verändert dich, wenn du dich auf ihn einlässt.

Unkontrollierbare Herrschaftstechniken


Was hindert die Menschheit daran, das Horrorszenario aus "Terminator 2" in den nächsten Jahrzehnten wahr werden zu lassen? Ich denke, nicht allzu viel.

In Terminator 2 fragt ein Nachwuchswissenschaftler den führenden Kopf, der für das US-Militär die erste intelligente Killermaschine entwickeln soll, über dieses wahnsinnige Projekt aus. Die Antwort sollte den Zuschauer verstören: “Ich habe ihnen die selbe Frage gestellt. Und wissen sie, was man mir gesagt hat? Fragen Sie nicht!”

Im Film hat sogar der für den Krieg mit den Maschinen hauptsächlich verantwortliche Forscher keine Kontrolle über seine Erfindung. Er ist bloß eine Marionette mächtigerer Interessen. Zwar wendet er sich letztlich gegen diese Interessen, indem er seine eigene Erfindung zu zerstören versucht. Natürlich scheitert er jedoch, damit die Filmreihe weitergehen kann. Aber werden auch wir scheitern oder können wir sicher sein, eine bessere Zukunft zu erleben? Ich denke, die Zeit spielt jedenfalls gegen uns.

Um die zukünftige Gefahr abschätzen zu können, sollte man das heutige Kräfteverhältnis der zwei kämpfenden Seiten beachten. Wenn der kapitalistische Staat bisher alle sozialistischen Erhebungen besiegt hat, liegt das daran, dass seine Herrschaftstechniken unserem Widerstand überlegen sind. Abgesehen von der resignativen oder zustimmenden Haltung vieler Menschen zur herrschenden Ordnung gibt es weitere subtile und gewaltsame Herrschaftstechniken, die wir bisher nicht kontrollieren können.

Die leidenden Massen der Bevölkerung wehren sich zwar in regelmäßig ausbrechenden Massenbewegungen und -protesten. Manchmal stürzen diese irgendwelche Mubaraks, Gaddafis oder vielleicht auch Erdogans und Merkels. Aber bisher wurden revolutionäre Erhebungen immer wieder von der Staatsmacht unterdrückt. Am Ende hat der Staat sich immer retten können. Die Menschen kämpfen aber immer wieder von Neuem gegen die Repression durch den Staat.

Die Technik ist dabei nur ein Mittel im Kampf dieser beiden Seiten. Allerdings ist sie im kapitalistischen System wohl kaum kontrollierbar, denn der Kapitalismus ist ein anarchisches System blinder Konkurrenz.

Der technische Stand der Herrschaftstechniken heute


Nach der Fukushima-Katastrophe hat die Robotik weltweit einen gewaltigen Schub erfahren. Denn Roboter kann man auch ohne Gewissensbisse und vor allem ohne Geldverlust zur Reparatur in ein verseuchtes Kraftwerk schicken. Internationale Forscherteams haben bereits Roboter entwickelt, die klettern, sprinten, tanzen, Gesichter und Stimmen identifizieren und Fahrzeuge bedienen können. In Japan hat ein Künstler im Alleingang einen laufenden Panzer mit integrierter Schusswaffe entwickelt. Der technische Stand der von Präsident Obama so gerne benutzten Bomber-Drohnen ist damit schon überholt. Es gibt bereits fortschrittlichere Tötungsmaschinen.

Darüber hinaus gibt es Technologien, die als Mittel der kapitalistischen Staatsmacht für uns noch viel gefährlicher werden könnten. Das US-Militär erforscht etwa im Bereich der Nanotechnologie und der Biotechnologie neue Ausrüstungen wie z.B. ultraleichte und unsichtbare Anzüge und die Muskelkraft vervielfachende Exoskelette für Soldaten. Auch Laser-, Mikrowellen- und elektromagnetische Waffen werden bereits getestet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis es die ersten intelligenten Killermaschinen gibt. Im Film erobern die "Terminators" die Welt und unterdrücken die Menschen. Was sie da errichten, kann man im Grunde "Technokratie" nennen. Die Technik scheint zu herrschen, während der Mensch beherrscht wird. Das ist aber keine bloß fiktive Gefahr. Die Technokratie ist bereits eine jetzt bestehende Gefahr in der kapitalistischen Gesellschaft.

Technokratie in der kapitalistischen Gesellschaft


Wissenschaft und Technik sind im Kapitalismus einerseits dem Bewusstsein und Interesse der Herrschenden unterworfen und damit teils steuerbar. Andererseits sind sie der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Aber weder der Staat noch der Markt können die Technik kontrollieren. Die Technik droht vielmehr, sich zu verselbständigen, da das Resultat am Ende offen ist.

Wir wissen nicht, ob es einen Atomkrieg geben wird, ob die Killermaschinen der Zukunft sich gegen die gesamte Menschheit wenden werden oder ob die Gentechnik die Menschheit auslöschen wird. Was wir aber jetzt schon wissen können, ist, dass die Technik den Herrschenden dient. Sie investieren in die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, neuer Technologien und neuer Herrschaftstechniken.

Ihre Profitlogik hat bereits zur Entwicklung nicht-intelligenter Maschinen in der industriellen Revolution geführt. Es kam in den letzten Jahrzehnten bereits zur Revolution des Informationszeitalters. Die Revolutionen der Nano-Technik, der Quantenphysik, der Genmanipulation und der Robotik stehen noch an. Sie alle sind unter den Bedingungen der kapitalistischen Klassengesellschaft Teil dessen, was ich hier "technokratische Revolution" nennen will. Es ist eine technologische, soziale, ökonomische und politische Revolution, die dem Ausbau der bestehenden Klassenherrschaft dient.

Die Herrschenden im Kapitalismus sind die Kapitalisten. Ihr Denken und Handeln dreht sich um ihre Klassenlage. Ihre Klassenlage ist die von abgehobenen Herren dieser Welt. Ihnen sind unsere menschlichen Situationen so gut wie fremd. Unser Wohlbefinden ist natürlich nicht ihre Priorität. Natürlich sind Weltfrieden, Freude und Eierkuchen auch nicht gerade die Probleme, die diesen Herrschaften den Kopf zerbrechen. Krieg und Frieden sind höchstens Mittel für ihre mehr oder weniger bewusste Herrschaft.

Aber selbst wo die Herrschenden bewusst globale Entwicklungen beeinflussen, wie es z.B. George Soros ganz eindrücklich tut, kontrollieren sie ihr Herrschaftssystem nicht. Sie sind zwar die kapitalistischen Herren dieser Welt. Aber auch der Befehl der Herren geht im lauten Gewirr und der bunten Hektik der kapitalistischen Welt unter.

Die in Klassen und Klassenfraktionen gespaltene kapitalistische Gesellschaft lässt sich nicht kontrollieren, weil es an einem zentralen oder kollektiven Kommandoposten fehlt. Denn die Interessen der einzelnen konkurrierenden Fraktionen verhindern solche Entscheidungsfindung. Statt dessen zerstreiten sich die politischen und wirtschaftlichen Fraktionen immer wieder.

Selbst in solchen Gremien wie im Bundestag, in der Bundesregierung, im EU-Parlament, in der kommunistischen Partei Chinas, im US-Senat oder in der UNO treffen die verschiedensten Interessen aufeinander, sodass gemeinsame Entscheidungen stets auf Kompromissen zwischen den Mächtigen beruhen. Das lässt erahnen, dass noch viele unerwartete Ereignisse und Gefahren auf uns zukommen werden.

Und wir können ahnen, dass die unkontrollierte Technik einer demokratischen Kontrolle durch die ganze Gesellschaft bedarf. Eine solche demokratisch kontrollierte Technik könnte allen Menschen dienen. Dafür brauchen wir aber eine Demokratisierung und soziale Umgestaltung von Staat und Wirtschaft, die den Kern unseres Systems in Frage stellen würde.

Aber wir dürfen auch hoffen, dass sich keines der Horrorszenarien als Folge der technokratischen Revolution durchsetzen wird, sondern die demokratische und soziale Revolution, denn:

"Alle Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzigen Kerze nicht auslöschen."