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Dienstag, 8. April 2014

Sookee - "Lila Samt"

Teil 9 der Serie über deutschen Rap mit gewissen Ansprüchen. Diesmal wie in Teil 4 wieder über Sookee - und ihr neues Album "Lila Samt".

Album-Cover zu "Lila Samt".
Sookee, Bild von ???
Sookees neues Album "Lila Samt" erschien am 07. April 2014. "Lila Samt" verblüfft und enttäuscht zugleich, denn einerseits bleibt es auf dem unwahrscheinlich hohen Niveau, das typisch für Sookee ist, und es übertrifft andererseits nicht wirklich das Niveau des vorigen Albums "Bitches Butches Dykes & Divas". Insofern kann Mensch also mit "Lila Samt" typische Sookee-Mucke genießen.


Die "Intro"


Wenn man das Album von vorne bis hinten durchhört, wird man positiv überrascht. Denn die "Intro" ist bereits ein äußerst starkes Stück! Ein tranceartiger Rhythmus führt die Hörerschaft in eine lila-samtene Traumwelt, sofern die Hörerschaft die Augen schließt und sich von der Musik treiben lässt:

Ich tauch ein wie zwishen shenkel dieser traum findet niemals ein ende
Wabern zerfasern reich wieder hände sook wop will liebe entgrenzen
Vielleicht das ultimative ich genieß die momente
Alles gute und liebe wie wenn ich briefe beende
Shwäche und stärke sind keineswegs gegensatz shöpf neue lebenskraft
Ein gruß geht ins jenseits oder wohin auch immer connece is shemenhaft
Ich shieb tragik beiseite lass zeit und raum für entwicklung
Erarbeite freiheit vertrau genau dieser richtung

"Lass mich mal machen" (feat. form)


Sookee. Bild von: Flox Schoch.
Mit form hat Sookee mal wieder eine feine Kollaboration gebracht, in der es um Identitäten, Machismus in der (linken) Szene und Hip Hop geht. Der Track lässt sich wie so viele Stücke von Sookee wunderbar in Dauerschleife hören, wobei die kritische Message immer deutlicher werden sollte. Allerdings ist die postmoderne Anschauung hier allzu offenbar und daher ein wenig störend, wie z.B. auch schon in Tracks wie "Lernprozess 2".



"If I had a"


Auch "If I had a" ist stark postmodernistisch gefärbt. Das macht den ganzen Track einerseits enorm witzig und andererseits sehr erzieherisch. Mann wird das Gefühl nicht los, dass es hierbei vor allem um die Aufklärung der Männerwelt geht. Die Machos mögen den Track in Dauerschleife hören, um die "Erwartungen und Bilder" zu hinterfragen, "wie ein Schwanz sein muss" und ob "das Leistungsprinzip", das von beschwanzten Menschen gefordert wird, sinnvoll ist. Das machistische Schwänzeln soll durch ein gechilltes Schwänzen ausgetauscht werden: 
If i had a dick ich würd ihn lustig benenn
Versuchen zu shützen vor all dem druck und zwängen
Den erwartungen und bildern wie ein shwanz angeblich sein muss
Wie er zu funktionieren hat und wo er überall rein muss
... 
Aber das gequatshe über härter länger tiefer gagging gangbabanger
Ist alles dumme sheiße maskulisten wollen männer ändern
Er hätt kein bock auf machtspiele kein bockj auf hassliebe
Mein dick könnt erhobenen hauptes ab und an flachliegen
If i had a dick ich würd ihm ne mütze stricken
Ob mit dick puss händen dildos alle sollen nur glücklich ficken

"Menschen sind komisch" 


"Menschen sind komisch" ist zwar nicht so witzig, aber deutlich stärker. Denn zum Einen werden die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten in der heutigen Gesellschaft ebenso gut kritisiert wie in "If I had a", aber zugleich weniger in der Form eines postmodernen Erziehungsdiktats - man möge uns den Begriff verzeihen - verpackt. Auch ist der Beat kraftvoll und energisch. Der Track ist schön anzuhören, leicht verständlich und macht gute Laune. Sookee auf höchstem Niveau!

"Wenngleich zuweilen" (feat. Amewu)


"Wenngleich zuweilen" ist ein ultrageiles Feature mit Amewu. Musik, Stimmen und Inhalt passen absolut perfekt zusammen und müssen alles und jede/n beeindrucken. Sowohl Sookee wie auch Amewu sind hier absolut spitzenmäßig. Allerdings muss Mensch genau hinhören, was ausgesagt wird. Dauerschleife lohnt auch hier!

"Die Kirche"


"Die Kirche" ist ebenso amüsant wie aggressiv und boshaft. Im Grunde ist es ein Spottlied gegenüber irgendeinem Anderen, vermutlich einem Mann. Wäre klar, dass irgend ein rechtsgerichteter Bauer oder CSU-Wähler gemeint ist, hätte es dem Lied nicht geschadet. In der Abstraktheit des Liedes aber erinnert es fatal an die typisch postmoderne Überheblichkeit, mit der linke, liberale, konservative, rechte, religidiotische und unpolitische Kontrahenten der Deleuze- oder Foucault-Anhänger*innenschaft konfrontiert und verwirrt werden. Inhaltlich ist der Track damit eher schwach.

"Who owns Hip Hop" (feat. Shirlette Ammons)


"Who owns Hip Hop" kommt leider nicht an den unfassbar guten "NK2NC", die andere Kollaboration mit Shirlette Ammons, heran. Und der Track wird zwar klar von Ammons dominiert, aber immerhin der zweite Part von Sookee in "Who owns Hip Hop" ist richtig stark:

Und jetzt zu mir wessen stimme erheb ich
Weiße uni deutsher pass doch geistig immer beweglich
Ich streue lila glitzer auf die früchte shwarzen widerstands
Die frage ist was ich kartoffel hiphop bieten kann
Also in dem sinne dass ich immer nur gast bin
Hiphop gehört mir nicht das ist sinnloser shwachsinn
Ich beobacht das noch genauer sobald ich dafür kraft find
Solang gestalten wir hiphop respektvoll lassen ihn wachsen
Es geht nicht darum dass manche hautfarben es mehr draufhaben
Sondern darum das weiße gekauft oder geklaut haben
Miley und robin twerken auf marvin gayes beat
Wer teilt hiphop mit wem weil diese frage nahe liegt

"Emoshit & Hippietum"


"Emoshit & Hippietum" ist eines der stärksten Lieder von Sookee. Es ist ein inhaltlich sehr schönes und relativ schnelles Lied, aber kein Stück aggressiv. Vielleicht ist es der Ausgleich für den inhaltlich schwachen, langsamen und ziemlich aggressiven Track "Die Kirche"? Ironischer Weise kommt gerade "Die Kirche" etwas dogmatisch rüber, während "Emoshit & Hippietum" wie ein gebetsähnliches Kirchenlied wirkt:

Liebe für zerbrechlichkeit rücksicht und gerechtigkeit
Liebe für kein zeitgefühl die erste oder letzte sein
Die oberen sind abgeshöpft liebe für den rest der bleibt
Liebe für entshleunigung ruhe und vergessenheit
Liebe für shweiß tränen sheitern und verstehen
Sogar liebe für sysiphos kein grund nicht weiterzugehen
Liebe für füreinander miteinander voneinander lernen
Keine liebe für die die nur kommen und sich beshweren
Liebe für viele perspektiven für den regenbogen
Liebe dafür frieden zu shließen für geglättete wogen
Liebe für entshuldigung für fehlerfreundlichkeit
Liebe für ermutigung leben ist nicht leicht
Liebe für jedes textblatt dafür dass ihr den text echt macht
Liebe dafür dass jede realität recht hat
Liebe dafür sich mitzuteilen bin ich mit all dem verständlich
Liebe für jedes urteil das ausbleibt nach diesem bekenntnis

"Kraftlos" und "Immer wenn es weh tut"


"Kraftlos" ist eine feine Ballade, die verdächtig nach den energischen Tracks von Tic Tac Toe und anderen Hofgesängen klingt. Das gilt auch für "Immer wenn es weh tut". Ist das ein Zufall? Mensch weiß es nicht. Aber ein Vergleich von Sookees "Kraftlos" und Tic Tac Toes "Keine Ahnung" oder "Warum" dürfte veranschaulichen, was gemeint ist. Auch Sookees "Emoshit & Hippietum", "Siebenmeilenhighheels", "Deine Hände" oder "Aua" könnten irgendwie an "Isch liebe disch" von Tic Tac Toe, "Keine ist" von Sabrina Setlur, "Sie sieht mich nicht" von Xavier Naidoo oder Tuas "Dein Lächeln" erinnern. "Kraftlos" ist in dieser Reihe der Hiphop-Balladen anzusiedeln. Klügere Köpfe mögen das bestätigen oder widerlegen.

"SLPC", "Links außen" und "Frauen mit Sternchen"


"SLPC und "Frauen mit Sternchen" sind technisch besonders stark und inhaltlich bemerkenswert. "Links außen" ist inhaltlich herausragend, aber auch vom Stil her anders als die meisten von Sookees Stücken, da Ben Dana und der Irié Revolté-Sänger Mal Élevé hier dominieren.

"Vorläufiger Abschiedsbrief" 


"Vorläufiger Abschiedsbrief" stellt eine Attacke gegen das Rap-Business und -Establishment dar. Die homophoben, sexistischen und pseudo-gangsta Raps werden hier schön auseinandergenommen. Allerdings ist auch hier wieder die aggressive Reaktion auf die machistische Kultur in Alltag und Medien nicht zu ignorieren. Im Grunde ist es ein Diss-Track, der dem kritisierten Machismus nicht völlig unähnlich ist. Sookee hat einige solcher Diss-Tracks, die manchmal mehr links, manchmal mehr postmodern sind. Oft sind sie deutlich schwächer als Stücke wie "Pro Homo", "Schluss jetzt", "Zeckenrapsupport", "Siebenmeilenhighheels", "Menschen sind komisch", "Bitches Butches Dykes & Divas" oder "SLPC", die Sookee zu den besten Rapper*innen in Deutschland machen.




Sonntag, 9. Februar 2014

Ein paar sehenswerte Videos über den "Nahostkonflikt" und demokratische Israelkritik

Bild von Fotolia

Eretz Nehederet / Wundervolles Land - Antizionismus in Israel


"72 min Hebräisch/Englisch/Deutsch mit deutschen Untertiteln
Was hat der Zionismus aus der israelischen Gesellschaft gemacht?
Die Frage scheint paradox und ist doch zentral für die israelische Linke: Der Zionismus hat die israelische Gesellschaft überhaupt erst erschaffen -- und zugleich ein Knäuel aus Militarismus, permanentem Ausnahmezustand und rassistischer Ausgrenzung hervorgebracht.
Im Dokumentarfilm «Eretz Nehederet / Wundervolles Land» nehmen Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener linker Organisationen jene Mythen auseinander, die die israelische Gesellschaft von Anfang an bestimmen, und stellen ihnen die politischen Realitäten des Landes gegenüber. Schnipsel aus Spiel-, Dokumentar- und Propagandafilmen zeigen, wie tief die herrschende Ideologie im medialen Bild verankert ist und von welchen Brüchen sie durchzogen ist.
Es entsteht ein Porträt der radikalen Linken in Israel und eine Hommage an die Subversiven des Landes."


Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust


"Die Araber und der Holocaust - Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" (http://www.juedische-stimme.de/) und die "Edition Nautilus" (http://www.edition-nautilus.de/progra...) laden ein zu Buchvorstellung, Lesung und Gespräch mit dem Autor Gilbert Achcar. Fanny Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, stellt das soeben auf Deutsch erschienene Buch vor.
In dem bereits auf Englisch, Arabisch und Französisch erschienenen Buch unternimmt Gilbert Achcar eine längst überfällige, umfassende und differenzierte Darstellung der unterschiedlichen arabischen Reaktionen auf den Holocaust. Er erörtert, wie ein Krieg der Narrative um den Holocaust und die Nakba entbrannte. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag gegen Vorurteile und Rassismus in jeder Form, seien sie antiarabisch, antimuslimisch oder antisemitisch, und eine Grundlage für die Verständigung im Nahost-Konflikt."


Israeli Leftist Antizionist Tikva Honig-Parnass on 60th anniversary of Israel


"Israeli Writer-Activist Tikva Honig-Parnass, Who Fought for Israel's Founding in 1948, on 60 Years of Palestinian Dispossession and Occupation
We continue our coverage of the sixtieth anniversary of the founding of the state of Israel, what Palestinians call the Nakba, or catastrophe. We begin with Tikva Honig-Parnass, an Israeli who fought with Jewish paramilitary units and the Israeli army, participating in the military operations that expelled over 750,000 Palestinians. Today, she's an anti-Zionist leftist writer and activist who has been involved with anti-occupation, women's, and Mizrahi movements in Israel since the 1960s."


Shlomo Sand: Challenging notions of a Jewish People


"Israeli Professor Shlomo Sand talks up the ideas of his new book, The Invention of the Jewish People, challenging the underlying logic of the State of Israel as a homeland for the Jewish People.
He argues those who claim to be of the Jewish People cannot claim a blood connection with the original Jewish inhabitants of the Holy Land, but converts along the way. His book was a best-seller in Israel for 19 weeks in 2009."


Norman Finkelstein: The Coming Breakup of American Zionism



Amira Hass: Israel - Palestine - Fear of the Future


"Award winning Israeli human rights journalist Amira Hass spoke in Winnipeg on September 30, 2011 about the need to end Israel's occupation of Palestinian territory. Her visit was sponsored by Canadians for Justice and Peace in the Middle East and KAIROS: Canadian Ecumenical Justice Initiatives.
Camera: Paul S. Graham and Harold Shuster
Editing and production: Paul S. Graham, http://paulsgraham.ca"



Noam Chomsky: US Israeli Crimes Against Palestine


"Noam Chomsky Speaks at Brown University Filmed by Paul Hubbard Additional camera - Robert Malin Sponsored by Common Ground - Apr-20-2010"


Moshe Machover: Completing the Arab revolution


"This video was taken at the Communist Party of Great Britain’s annual school, the Communist University, which took place from August 9 – 16 2008 in south London. For more info, reports and comments visit www.cpgb.org.uk"


Moshe Machover - Iran, Israel, and nuclear weapons


"Moshe Machover discusses the tensions between Iran and Israel and the effect of nuclear weapons on the region at the Hopi weekend school (June 14-15)."







Montag, 25. November 2013

Die Araber und der Antizionismus, Teil 1

Eine jede Betrachtung des Nahostkonfliktes ist überschattet vom arabisch-israelischen Krieg der Geschichtsschreibungen. Gilbert Achcar, Professor für Entwicklungspolitik und Internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London, hat dem Thema ein Buch gewidmet. Achcars Buch “Die Araber und der Holocaust” (2012 bei Edition Nautilus erschienen) ist ein wertvoller Beitrag, der dabei hilft, “die Logik des Krieges der Narrative zu beleuchten”, wie Achcar selbst hofft.

Achkars humanistische und wissenschaftliche Perspektive


Achcar schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches über seine Motivation:

So hoffe ich, dass die deutsche Ausgabe meines Werks dazu beitragen wird, Licht in die Finsternis zu bringen, die der Instrumentalisierung dieses Konflikts Vorschub leistet, und all jenen Argumente zu liefern, die allein von dem beseelt sind, was die deutsche Geschichte an Wertvollstem hervorgebracht hat – Humanismus und Internationalismus.

Achcar schreibt also ganz im Sinne der humanistischen Ideen solcher Denker wie Karl Marx. Einseitige Parteinahme für die eine oder andere Bevölkerung lehnt er ebenso ab wie die verschiedenen mehr oder weniger versteckten Formen von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus oder religiösem Fanatismus. Einerseits kritisiert er all die Vertreter der Israelkritik und des Antizionismus, die nicht zugleich am Humanismus und Wohl aller Menschen orientiert sind.

Er kritisiert andererseits auch reaktionäre Vertreter der pro-israelischen Seite, des Zionismus, die das Wohl des israelischen Staates über das Wohl der Menschen im Nahen Osten stellen. An solchen Zionisten kritisiert er vor allem auch, dass sie sogar den Völkermord an den Juden wie auch üble Antisemitismus-Vorwürfe instrumentalisieren, nur um jede Politik des israelischen Staates heilig zu sprechen.

Immer wieder kommt Achcar auch auf die zionistisch motivierte Propaganda zu sprechen, die die arabische und antizionistische Seite völlig verzerrt und einseitig darstellt. Wissenschaftler wie Benny Morris oder Bernard Lewis, die es eigentlich besser wissen müssten, werden für Falschdarstellungen oder zynische Positionen zu Recht gebrandmarkt. Morris z.B. sieht nach seinem Rechtsruck hin zum antimuslimischen Rassismus in allen Moslems grundsätzlich Antisemiten. Achcar bedauert das:

Morris, ein Historiker, der immer darauf bestanden hat, dass für ihn nur “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege zählen, hat sich also zu einem ideologischen Diskurs hinreißen lassen, der im beginnenden 21. Jahrhundert allzu üblich geworden ist: einer Mischung aus Neokonservatismus made in the USA und Neozionismus, beides unterfüttert mit Islamophobie.

Dagegen ist es Achcars erklärtes Ziel, dabei zu helfen, "einen Dialog zwischen Arabern und Israelis auf der Grundlage gemeinsamer humanistischer Werte" aufzubauen. Er tut das, indem er zu allererst Humanismus und Wissenschaftlichkeit verbindet. 

Dazu gehört die Fähigkeit, zu differenzieren. Anders als viele zionistische Wissenschaftler wie etwa Bernard Lewis, der alle Araber unter einen Kamm schert und zwischen ihren diversen Ansichten nur einen einzigen antisemitischen Sumpf sehen kann, beweist Achcar tatsächlich mit seinem Buch, wie wichtig ihm die “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege sind. Sein Buch ist daher nicht bloß eine politische Abwehr gegen menschenfeindliche Politik im Nahen Osten, sondern auch ein solider wissenschaftlicher Beitrag zum Thema.

Im ersten Teil seines Buches unterscheidet er im Wesentlichen zwischen den vier großen politischen Strömungen im arabischen Raum: westlich orientierten Liberalen, Kommunisten, Nationalisten und reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten. 

Diese untersucht er im Detail auf ihre Einstellungen und Beziehungen zum nationalsozialistischen Völkermord an den Juden, zum Antisemitismus und zum Zionismus in der Zeit von 1933 bis 1947. Den zweiten Teil des Buches über diese Einstellungen ab der Nakba von 1948, also nach der Vertreibung von über 700.000 Palästinensern aus Palästina durch die zionistischen Siedler, ordnet er eher chronologisch. 

Er zeigt, wie der arabische Nationalismus im Stile des ägyptischen Nasserismus nach der Nakba zur dominanten Strömung wurde, dann aber vom Befreiungsnationalismus der PLO und schließlich vom Panislamismus ersetzt wurde. Dabei belegt er, wie sich die antizionistischen Einstellungen der Araber veränderten.

Arabische Reaktionen auf den Nationalsozialismus und den Antisemitismus (1933-1947)


Die arabischen Liberalen


Die westlich orientierten Liberalen unter den Arabern bis 1947 werden heutzutage gerne von neokonservativen Politikern des Westens ignoriert oder sogar kategorisch verleumdet. Rassistische Moslemhasser unterstellen den Arabern, als Moslems immer auch Feinde der Demokratie und Antisemiten zu sein. Gerade die arabischen Liberalen jener Zeit bewiesen aber eine weitaus menschenfreundlichere, tolerantere und demokratischere Haltung als angeblich aufgeklärte und liberale Politiker in Europa, indem sie deren inkonsequente Haltung und deren christlich geprägten Antisemitismus und Rassismus konsequent kritisierten. Achcar schreibt:


Die von einer demokratischen, humanistischen Kultur geprägten liberalen Westler unter den Unabhängigkeitsbefürwortern in der arabischen Welt lehnten den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Das hinderte sie nicht daran, aus ihrer antikolonialistischen Gesinnung heraus gegen den Zionismus zu sein. Für die zionistische Bewegung stellten die westlich orientierten Liberalen ein großes Ärgernis dar, da sie am glaubwürdigsten unter Verweis auf die Werte der antifaschistischen westlichen Kultur die Grundlagen des Zionismus kritisieren konnten.

Liberale Demokraten konnten also sowohl Antifaschisten als auch Antizionisten sein, indem sie die rassistische, nationalistische und kolonialistische Natur sowohl des Faschismus wie auch des Zionismus sahen.

Die nahöstlichen Kommunisten


Die Kommunisten waren ebenso von vornherein erklärte Gegner des Antisemitismus und Nationalsozialismus:

Aus ideologischen Gründen lehnten die Marxisten in der arabischen Welt, darunter viele einheimische oder eingewanderte Juden, den Nationalsozialismus durchweg entschieden ab. [...] Die Marxisten waren es vor allem, die den Zionismus als rassistische Bewegung verurteilten, sie waren aber auch für die fragwürdige Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus verantwortlich – deren wichtigste logische Konsequenz war, was oft vergessen wird, dass sie beiden Ideologien gleich ablehnend gegenüberstanden.

Trotz der dummen Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus waren die arabischen (und jüdischen) Kommunisten grundsätzlich nicht Judenfeinde, sondern verteidigten sowohl Juden wie auch Araber vor Rassismus und Kolonialismus. Was man den Kommunisten dieser Zeit aber vorwerfen sollte, ist, dass sie keinerlei internationale Kampagne zur Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge aus Europa gestartet hatten und dass sie nach dem Völkermord an den Juden wiederum nicht mehr konsequent genug gegen den rassistischen Kolonialismus der Zionisten vorgingen, sondern Israels Staatsgründung unterstützten. Das brachte sie für längere Zeit in Verruf, sodass die Nationalisten als die konsequenten Vertreter der arabischen Unabhängigkeitskämpfe erscheinen konnten.

Die arabischen Nationalisten


Die arabischen Nationalisten hatten ein weit problematischeres Verhältnis zu NS, Holocaust und Juden. Hier gab es durchaus Antisemiten und Rassisten, die einen gewissen Einfluss hatten. Es gab unter den arabischen Nationalisten durchaus auch Sympathisanten und Nachahmer des europäischen Faschismus. Aber diese Minderheit innerhalb der Nationalisten war selten und kaum von religiös und rassistisch motiviertem Antisemitismus geprägt. 

Achcar sieht die Tendenzen zum Ultranationalismus und Faschismus eher als reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus und die politischen Konkurrenten im arabischen Raum. Achcar geht im Detail auf die wirren Ansichten solcher Reaktionäre ein und kritisiert sie ausgiebig. Achcar differenziert hier aber:

Es gilt zu unterscheiden zwischen jenen, die vorübergehend und in Abwägung ihrer Interessen gehandelt, aber ihre Distanz zum Faschismus gewaht haben, und denen, die sich zu ihrer ideologischen Übereinstimmung mit Rom und/oder Berlin bekannten und es mit ihrer Bindung an die Achsenmächte ernst meinten.

Außerdem zeigt sich in Achcars Untersuchungen, dass die arabischen Nationalisten die Juden vor antisemitischen Pogromen eher geschützt haben als es die europäische Bevölkerung tat. Auch lehnte der Großteil der Nationalisten die Nachahmung, Stärkung und Bewunderung des europäischen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Imperialismus ab. Er vermerkt weiterhin

dass der schlimmste Antisemitismus, den [der Irak] in den 1940er Jahren erlebte, nichtnationalistischen Regierungen zuzuschreiben ist, sondern auf das Konto jenes Mannes geht, den die Nationalisten und generell die Bevölkerung am meisten hassten: des englandfreundlichen Nuri al-Sa’id, der 1949 in seiner Amtszeit als Premierminister drohte, die irakischen Juden massenweise zu vertreiben.

Die rechten Panislamisten


Was die “reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten” angeht, so gab und gibt es wie bei den Nationalisten auch hier eine breite Palette an Einstellungen. Der düsterste Antisemitismus samt Verschwörungstheorien, Zuschreibung überzeitlicher Merkmale, mangelnder Differenzierung zwischen Juden und Zionisten und rigidester Ablehnung der westlichen Kultur konkurriert mit der traditionell islamischen Toleranz gegenüber friedlichen Juden und Christen. Solch Panislamismus kann beides beinhalten. Er war aber eine reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus des Westens:

[Diesem Panislamismus] sollte die Rolle eines islamischen Bollwerks gegen den Westen zukommen. Dieser Panislamismus neigte stets zur fanatischen Ablehnung der kulturellen Moderne des Westens. Reaktionäre und fundamentalistische, gegen den Westen und westliche Einflüsse eingestellte Muslime griffen daher das Banner des Panislamismus auf und verbündeten sich mit den arabischen Nationalisten in einem Kampf gegen die gemeinsamen Feinde. Je rechter die Einstellungen dieser Nationalisten, desto stärker waren die Bande zwischen den beiden Strömungen [...] Sie trafen sich in einer Mischform von arabisch-islamischem Nationalismus.

Nicht der Islam per se, nicht einmal der islamische Fundamentalismus oder politische Islam per se, sondern nur bestimmte Strömungen und Einzelpersonen innerhalb dieser waren antisemitisch oder nazifreundlich. 

Der Mufti von Jerusalem, die widerlichste Gestalt in diesem Zusammenhang, pendelte zwischen Rom und Berlin, um seine engen Kontakte zu den italienischen und deutschen Faschisten zu pflegen. Er übernahm sogar weite Teile der Naziideologie und machte arabischsprachige Propaganda für den NS-Staat. Aber seine Nähe zum deutschen Rassenantisemitismus entwickelte sich erst spät, als er nach einem Scheitern in der arabischen Welt dort sein eh nicht besonders großes Ansehen fast völlig verloren hatte. 

Auch der Wandel Rashid Ridas, einer wichtigen Person im Zusammenhang mit dem Wahabismus bzw. Salafismus, vom relativ toleranten Verteidiger der Juden zum wilden Antisemiten zeigt, dass selbst die reaktionärsten islamischen Strömungen nicht notwendiger Weise antisemitisch sein müssen. 

Achcar besteht darauf, dass die konkrete Betrachtung der sozialen Gründe für Antisemitismus und andere Einstellungen entscheidend ist:
Diese unerlässliche Kontextualisierung der arabischen Einstellungen gegenüber den Juden und dem Holocaust macht den entscheidenden Unterschied aus zwischen einer berechtigten und begründeten Verurteilung dessen, was tatsächlich verurteilenswert ist – wohl wissend, dass die arabischen Einstellungen breit gefächert und oft untadelig, wenn nicht sogar vorbildlich waren -, und jener unterschiedslosen Dämonisierung, die nur in araberfeindlichen Rassismus und Islamophobie münden kann.

Alles Reaktionäre?


Aus Achcars Ausführungen wird deutlich, dass im Grunde alle wichtigen politischen Strömungen im arabischen Raum antizionistisch waren. Zugleich wird klar, dass sich Liberale und Kommunisten ziemlich konsequent gegen den Faschismus und Antisemitismus engagiert haben, während Nationalisten und Panislamisten von relativ linken und demokratischen Einstellungen, die sich denen der Liberalen und Kommunisten annäherten, bis hin zu extremem Antisemitismus und bis hin zur Nähe zum Faschismus alle Varianten kannten. 

Allen Arabern von damals oder auch nur der Mehrheit zu unterstellen, sie seien Islamisten, Judenfeinde, Reaktionäre, Faschisten oder dergleichen gewesen, ist wissenschaftlich nicht haltbar und eine Art des Eurozentrismus bzw. Rassismus. Die arabische Bevölkerung scheint bis 1947 trotz ihres Antizionismus insgesamt weit weniger rassistisch und antisemitisch gewesen zu sein als die europäische Bevölkerung insgesamt. 

Das darf nie vergessen werden, wenn den Arabern oder Moslems unterstellt wird, sie seien wegen ihrer Kultur von Grund auf Antisemiten oder Antidemokraten. Solche Pauschalisierung ist bloß ein Mittel der Kriegsvorbereitung und der Unterdrückung. Das sollten sich auch pseudolinke Neokonservative und Rassisten merken. Vielmehr muss selbst bei Reaktionären unter den Arabern und Moslems anhand ihres Lebenslaufs differenziert werden, wenn man ihre Einstellungen zu den Juden wirklich ernsthaft betrachten will. 

Auch muss zwischen Juden, Zionisten, Israelis und den entsprechenden Einstellungen unterschieden werden. Gerade aber viele Zionisten in Israel und z.B. auch die pseudolinken Zionisten und Kriegstreiber in Deutschland unterscheiden selten ausreichend. Für sie sind israelische Juden und israelische Zionisten ebenso das selbe wie Araber, Moslems, fanatische arabische Nationalisten und fanatische antisemitische Panislamisten. 

Achcar zeigt, dass gewissenhafte politische Kritik nur mit gewissenhafter Differenzierung funktioniert.

Montag, 18. November 2013

Bei Dao: "Ramallah"


In Ramallah

(Leseprobe aus: Das Buch der Niederlage, Gedichte, 2009, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser - Übertragung Wolfgang Kubin).

In Ramallah
spielen die Alten am Sternenhimmel Schach
Ihre letzten Züge sind mal hell, mal dunkel
Ein Vogel springt aus dem Uhrengehäuse
und kündet die Stunde 
In Ramallah
steigt die Sonne den Alten gleich über die Mauern
Sie durchstreift die Flohmärkte
und erhellt sich selbst
auf rostigen Kupfertellern 
In Ramallah
trinken die Götter Wasser aus Tonkrügen
Bögen befragen einzelne Saiten nach dem Weg
Ein Knabe geht zum Horizont
das Meer zu beerben 
In Ramallah
sät mittags der Tod
Vor meinem Fenster beginnt es zu blühen
Die Bäume trotzen dem Wirbelsturm
der ursprünglichen Form alles Ungestümen