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Donnerstag, 21. Januar 2016

Anmerkungen zur russlanddeutschen Ideologie


Ja, die Russlanddeutschen haben es mal schwer gehabt, was auch die obige Doku nicht schlecht zeigt. Sie wurden in Russland als Deutsche und Verräter und in Deutschland als Russen und Fremdkörper betrachtet. Alles das, obwohl sie oft zu vorbildlichem Fleiß und zur perfekten Anpassung an die Anforderungen des Marktes geneigt haben. Viel Unrecht wurde ihnen angetan. Die Russlanddeutschen haben tendenziell größere Probleme mit ihrer Identität als etwa Biodeutsche. Denn sie wurden aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit diskriminiert. Gegen diese Verurteilung als Spione, Verräter, Asipack oder Säufer mussten sie sich behaupten und haben sich oft gut integriert - nicht selten zu gut. Leider neigen sie daher zur russlanddeutschen Selbstgerechtigkeit.

Und die weniger integrierten unter ihnen haben es noch immer nicht leicht, zwischen berechtigter Dankbarkeit gegenüber der Regierung Kohl für die schnelle Einbürgerung und abscheulichem Chauvinismus zu unterscheiden. Die Rede ist von Großrussentum, von weißem Wohlstandschauvinismus und von männlichem Chauvinismus unter den gemeinen Russlanddeutschen. Das führt unter anderem dazu, dass sie sich umso mehr an ihre Vorrechte klammern und Bürgerrechte umso exklusiver betrachten als andere Deutsche. Denn nicht wenige dieser fiesen Exemplare kann man auch nach Jahrzehnten noch an ihrem Akzent oder an gewissen Sprachfehlern erkennen. Das ist zunächst nicht schlimm, wird aber schlimm, sobald sie sich und andere Wirtschaftsflüchtlinge mit zweierlei Maß beurteilen. Und das tun sie allzu oft.

Flüchtlinge und Ausländer, denen jetzt die selben Rechte gewährt werden, bedeuten nämlich für den gemeinen Halbdeutschen eine Herabstufung. Denn, wenn nun Ausländer oder Migranten, die ebenfalls die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschen, in den Medien rassistisch unter Generalverdacht gestellt werden, dann werden auch die Migranten aus Russland wieder verdächtig. Der psychologische Abwehrreflex ist daher der Rechtspopulismus unter Russlanddeutschen, Halbrussen und Deutschrussen, die sich so über die Neuankömmlinge erheben wollen.

Linke und radikale Demokraten findet man unter ihnen dagegen noch seltener als unter Biodeutschen, was wirklich schade ist, da sie kulturell und persönlich doch oft viel zu bieten haben. Aber ihr eigentümliches Kollektivgedächtnis lässt sie zu ihrer merkwürdigen Ideologie tendieren. Man könnte fast von der Russlanddeutschen Ideologie sprechen (vielleicht in einem späteren Artikel ausführlicher).

Es sollte auch nicht verwundern, dass es Russlanddeutsche in der NPD gibt oder dass viele von ihnen die AfD wählen oder bei Pegida, Hogesa, Endgame etc. mitlaufen. Diese Mitläufer bilden einen Teil des zukünftigen faschistischen Potenzials in Deutschland. Sie werden alles tun, um innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft zu verbleiben. Für sie werden der Burgfrieden und die Klassenversöhnung zum Ideal, der Krieg nach außen zur Notwendigkeit und der sozialistische Klassenkampf von unten zum Schreckgespenst werden. Wie in Russland werden sie nach einem starken Mann wie Putin rufen, aber ernten werden sie am Ende einen Naziführer, der sie doch nur als Slawen unterjochen, d.h. mit Terror in ihrem eigenen Land versklaven, wird.


Freitag, 20. November 2015

Boris Kagarlitzki: "Die russische Gesellschaft wird plötzlich aus ihrem Schlaf erwachen"

Der russische Sozialist und Soziologe Boris Kagarlitzki hat für Telepolis ein Interview über die Linke in Russland, Putin als Nationalsymbol, die russische Politik in Syrien und seine schillernden Ansichten über Europa gegeben. Es ist sehr lesenswert, selbst wenn man nicht allen Einschätzungen zustimmt.

http://m.heise.de/tp/artikel/46/46611/1.html

Boris Kagarlitzki 2013. Bild: www.facebook.com/kagarlitsky

Sonntag, 30. August 2015

Isoliert, zerstritten, elitär: Die Linken verweigern den Kampf um Hegemonie

Dieser Text von Christel Buchinger erschien bei aufstehn.wordpress.com und wird hier gespiegelt.

Die Linke und die Medien Teil 2


von Christel Buchinger

Ich wollte mit einer langen Erklärung mein Abonnement der Jungen Welt kündigen. Daraus wurde dieser Essay. Die Kündigung habe ich bereits aus anderen Gründen ausgesprochen, wegen völlig unkritischer Artikel zur Prostitution, in der die Meinungen der Prostitutionslobby platt und unkritisch wiedergegeben wurden. Aber das ist ein anderes Problem.

Ich habe die Junge Welt gekündigt, weil sie ausgerechnet an Brennpunkten der politischen Entwicklung versagt, wo es gerade heute bedeutsam ist, genau hinzuschauen, in die Tiefe zu gehen, zu recherchieren, zu diskutieren, zu fragen. Ich spreche damit neben der Berichterstattung zu Griechenland, das völlige Versagen beim Thema Geschlechterverhältnisse an, vor allem aber den Friedenswinter. Ich will den Umgang mit dem Friedenswinter, respektive mit den Montagsmahnwachen, kritisch beleuchten, wissend, dass die Junge Welt auch diese Meinungsäußerung dazu nicht ernst nehmen wird. Wer Rainer Rupp dermaßen abblitzen lässt1, schert sich um die Meinung einer ehemaligen Leserin nicht.

Bei Friedenswinter und Montagsmahnwachen deutete sich eine neue Entwicklung an, Bewegung und Aufruhr entstanden, ohne dass, wie es traditionell der Fall ist, die Linke ihre Finger im Spiel hatte. Im Gegenteil: die Bewegungen entstanden gerade auf diese Art und Weise, weil die Linke sich vor entscheidenden Auseinandersetzungen und Zuspitzungen drückt, den Kampf um Gegenhegemonie zum Neoliberalismus und zur Kriegstreiberei geradezu verweigert. Das betrifft die ganze Linke, nicht nur die gleichnamige Partei. An dem Eindruck, dass der Kampf um Gegenhegemonie verweigert wird, ändern auch die aufgeblasenen Backen von Monty Schädel und anderen Helden nichts. Weil ein Vorwurf und eine Begründung, warum man sich von den Veranstaltungen fernhalten muss, der auch von der Jungen Welt wiedergegeben wird, jener ist, unter den Demonstranten und Aktivisten des Friedenswinters und der Montagsmahnwachen befänden sich Verschwörungstheoretiker, beginne ich mit einer Verschwörungstheorie.

1.

Verschwörungstheorie im Selbstversuch

Größeren Katastrophen gehen oft Vorwarnungen voraus. Kleine Erdbeben kündigen große an, der Vulkan spuckt und raucht, bevor er ausbricht. Und so waren die Herrschenden gewarnt. Der erste Warnschuss hieß Stuttgart 21.

Viele Menschen aus Stuttgart und Umgebung engagierten sich gegen dieses Bahnprojekt, gingen auf die Straße, zogen nach Berlin, dachten sich phantasievolle Aktionen aus, gingen so weit, neue Aktionen des zivilen Ungehorsams zu erproben, zum Beispiel Bäume zu besetzen. Der Protest strahlte in das ganze Land aus. Er traf tief und breit in die Gesellschaft, erfasste viele Menschen, auch weit über die Region hinaus. Die Kritik war fundiert, sie berührte in Einzelfällen gar das Gesellschaftssystem als ganzes. Und der Prostest ist immer noch nicht zu Ende, kann jederzeit wieder ausbrechen, die Aktivisten sind noch nicht geschlagen.2

Dann kamen die Montagsmahnwachen. Der Protest entzündete sich an der Ukraine-Krise. Hier ging es nicht nur um einen Bahnhof.

Die Herrschenden sahen sich einer neuen Gegnerin gegenüber. Aus dem Nichts war eine Bewegung aufgetaucht, die üblichen Verdächtigen, Linke, Friedensgruppen waren nicht beteiligt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ähnlich empört wie die in Stuttgart, der Initiator politisch ein unbeschriebenes Blatt. Und es kam noch schlimmer: ohne organisatorischen Rückhalt durch gewachsene Strukturen, Parteien, Gewerkschaften breitete sich die Bewegung über das ganze Land aus. Es kamen einfach Leute aus allen Löchern, versammelten sich und protestierten. Zum Höhepunkt waren jeden Montag mehrere tausend Demonstranten auf den Beinen. Ähnlich wie bei den Occupy-Protesten durfte jede reden, die wollte. Und sie redeten. Gutes und Krauses. Unbekannte und Promis waren da. Auffallend viele Frauen gingen einfach ans offene Mikro und redeten los, was sie dachten und was sie erlebt hatten.

Man kann sich den Unmut vorstellen, den diese Friedensinitiative bei den Mächtigen, den Kriegstreibern, den Oligarchen, den Rüstungsgewinnlern und ihren Bütteln in Politik und Medien hervorrief. Die schöne Farbenrevolution, der Menschenrechtsaufstand wurden desavouiert. Der gut und von langer Hand vorbereitete Regimechange, das Herausbrechen der Ukraine aus dem Einfluss Moskaus war öffentliches Thema und wurde ungestüm kritisiert. Offen wurde gemacht, dass es um Krieg und Frieden ging, und das bunte Völkchen, das, wie sagt man doch gleich, aus der Mitte der Gesellschaft kam, verweigerte offen die Gefolgschaft. Dabei war alles so schön vorbereitet. Nicht dass die Herrschenden fürchten müssten, wirklich einen Fight zu verlieren, aber der Angriff ging auf den Kernbereich der Macht, aufs Ganze.

Die Herrschaft der staatsmonopolistischen Oligarchie ist selbstverständlich noch nicht angefochten, alle Herrschaftsinstrumente sind fest in ihrer Hand, sie sind waffenstarrend, sie bauen ihre Geheimdienste aus, die Polizei wird paramilitärisch aufgerüstet. Aber sie spüren, dass ihre Hegemonie, ihre Herrschaft über das Bewusstsein der Menschen, in Frage gestellt wird. Die logische Reaktion war, die Medienwalze in Bewegung zu setzen. Da kam Jutta Ditfurts Aufschlag gerade recht: da versammeln sich Antisemiten, glühende sogar, Verschwörungstheoretiker und Querfront-Anhänger und tarnen sich als Friedensbewegung! Damit gab sie die Stichworte für die Medien. Alle (fast alle) plapperten nach, kaum jemand bemühte sich hin und befragte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oder die Organisatoren, recherchierte und bewertete aufgrund von Kenntnis. Das Foto eines Nazis, der ohne Fahne oder Umhängeschild in der Menge stand, reichte. Ein Shitstorm der Medien brach los.

Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wiederum führte das zu neuer Erkenntnis der Manipulationsmacht der Medien. Viele Linke aber verjagte er gänzlich in die Mauselöcher. Um Gottes Willen nicht wieder Anlass für den Vorwurf des Anitsemitismus geben!

Ob Ditfurth wusste, wessen Geschäft sie da betrieb?

Weiter ging’s: Die Mahnwachen sind von der NPD initiiert, werden von ihr als Friedensbewegung 2.0 bezeichnet. Praktischerweise tauchte Elsässer als Redner auf, der Querfrontler, der mit Ultrarechten paktierte, dem die Nähe zu Nazis nichts ausmacht. Über Mährholz wurde enthüllt, dass er dereinst einer merkwürdigen Journalistenvereinigung angehörte, die von einem deutschnationalen Burschenschaftler gegründet worden war. Und Ken Jebsen wurde beim Rundfunk gefeuert, weil man ihm Antisemitismus vorwarf. Der Vorwerfende war damals Henryk Broder.

Antisemiten, Nähe zu Nazis, das ist normalerweise ein politisches Todesurteil. Aber die Bewegung gab nicht klein bei. Die Vorwürfe wurden zurückgewiesen, entkräftet, relativiert. Die Bewegung ging weiter, wurde größer. Die Hatz auch. Da blieben noch zwei scharfe Waffen für die Obrigkeit. Erstens die Spaltung und zweitens …

Zum ersten Punkt, der Spaltung wollen wir später kommen. Beginnen wir mit der zweiten Waffe: die Gründung einer neuen Bewegung, die geeignet ist, alle weiteren Bewegungen dieser Art zu diskreditieren und ganz nebenbei die vorhandene Wut der Menschen auf die Verhältnisse auf AusländerInnen und Muslime umzuleiten.

Man nehme: eine geklaute Idee (Mahnwachen) oder eine Idee, die im ersten Anlauf schief ging (Hogesa), ein paar V-Leute, Staatsknete, ein Thema (Angst vor Islamisten), lasse aber auch andere Themen zu, z.B. Kritik an den Medien.

Man suche sich einen Ort aus, am besten im Osten Deutschlands, dort ist die rechte Szene stark.

Über die sozialen Netzwerke wird der Aufruf lanciert. Erste Aufmärsche werden von der Presse hochgeschrieben, das ganze von Rundfunk und Fernsehen mit einer Mischung aus Grusel und Neugier übergossen. Immer mehr Demonstranten nahmen teil, tausende waren es schnell, die Zahl Zehntausend wurde überschritten. Es gibt genügend Unzufriedene. In anderen Städten ging’s weiter: wiederum ein paar V-Leute, Geld, Medienrummel. Die Vorwürfe von Medien und Politik waren die gleichen wie bei den Montagsmahnwachen: Rechtsradikale und Antisemiten, Rassisten und Fremdenhasser. Da die Nazis zu den Demos mobilisierten, war das stimmig. Was die Masse der Demonstrierenden wollte oder dachte, wer wusste das? Angereichert wurde noch durch Todesdrohungen durch Antideutsche gegen den sog. Initiator Bachmann.

Und dann der Knaller: Bachmann, einer der Strippenzieher erschien im Internet als Hitlerimitator und verbreitete auf seinem Facebook-Account bösartige, rassistische Sprüche gegen Flüchtlinge. Beweis erbracht. Beweis organisiert. Die Demonstranten wurden weniger, die Nazis übernahmen und bekräftigten damit den „Beweis“. Bachmann trat erst zurück, kam dann wieder.

Im Folgenden wurden Montagsmahnwachen mit Pegida und seinen Ablegern konsequent in einen Topf geworfen. Das war’s.

Das alles wäre leicht durchschaubar gewesen, wenn es nicht die Flankierung von links gegeben hätte. Sie verlieh dem Schmierentheater Glaubwürdigkeit. Wenn Bildzeitung, Welt, Zeit, Linke und Friedensaktivisten das gleiche sagen, muss es ja stimmen. Den Friedenswinter diskreditieren mittels Montagsmahnwachen, das kann nur die Linke selber leisten. Deshalb kommen wir jetzt zur ersten oben genannten Waffe, der Spaltung.

Auch hier stand am Beginn Jutta Ditfurth. Sie gilt als Linke. Ihr Angriff galt vordergründig Jürgen Elsässer. Sie zielte auf Elsässer, aber sie meinte die Friedensdemonstrantinnen und -demonstranten. Jürgen Elsässer hat seine politische Karriere ganz links begonnen, beim Kommunistischen Bund, er publizierte bei der linken Tageszeitung Junge Welt. Inzwischen ist sein Markenzeichen die Vermischung von linken und rechten Positionen. Er ist ein Rechter, aber kein Nazi. Ihn als „glühenden Antisemiten“ zu bezeichnen, war völlig überzogen. Wer es dennoch tut, will nicht kritisieren, sondern eine Kampagne eröffnen. Und das war dann auch der Fall. An ihr beteiligten sich Antideutsche, die sich selber als links bezeichnen, aber kaum dieser politischen Seite zugerechnet werden können, es beteiligten sich aber auch Linke aus der Partei DIE LINKE und aus der Friedensbewegung; es beteiligten sich ebenso linke Presseorgane wie das Neue Deutschland, die Junge Welt oder die linksliberale Wochenzeitung Freitag sowie die Zeitschrift konkret. In Facebook und in Blogs waren der Shitstorm kaum noch zu überschauen. Ein Grundmuster war das „In einen Topf werfen“. Pegida und Montagsmahnwachen, Elsässer und Jebsen, Pegida und Friedenswinter. Ein anderes war der Angriff auf alle, die es wagten, die Vorwürfe zu relativieren oder gar sich an den Montagsmahnwachen zu beteiligen. Die Jungle World schrieb: „Na, von wem ist hier die Rede? Vom Pegida-Mob oder vom Mahnwachen/Friedenswinter-Mob? Von beiden! So groß ist der Unterschied nicht. Der Friedenswinter ist Pegida für Linke und Pegida die Mahnwachenbewegung für Rechte.“ Die Partei DIE LINKE fasste schnellstens Unvereinbarkeitsbeschlüsse wie seinerzeit die alte Tante SPD: Wo Montagsmahnwachen drin sind, wird von der Partei nicht finanziell unterstützt. Einzelne Linke, die sich über den Bannfluch hinwegsetzten, waren Angriffen ausgesetzt. Es traf zum Beispiel Prinz Chaos II., Pedram Shahyar, Dieter Dehm und Heike Hänsel, die bei den Mahnwachen auftauchen, sowie Friedensaktivisten wie Reiner Braun, der das Gespräch und die Zusammenarbeit suchte. Wer sich den Montagsmahnwachen, und sei es auch nur interessiert, näherte, wurde sofort angegriffen. Viele zogen den Schwanz ein. Die Unvereinbarkeitsbeschlüsse von diversen Friedensinitiativen folgten.

Nun war es ein Leichtes den Friedenswinter in aller Gemütsruhe ebenfalls fertig zu machen. Das schafften Linke ganz allein. Da mussten die Medien gar nichts mehr tun. Die ersten Erklärungen zur Nichtteilnahme am Friedenswinter von VVN bis DKP verhallten medial, aber nach innen hatten sie Wirkung. Auch Tobias Pflügers Distanzierung war sicher wirksam. Im Ergebnis war die alte , linke Friedensszene gespalten, der Friedenswinter konnte nicht die notwendige Kraft entfalten. Das Spiel der Herrschenden war aufgegangen.

2.

Verschwörungen

In Deutschland ist „Verschwörungstheoretiker“ ein Schimpfwort. Warum ist das so? Und warum greift sogar die Linke auf diese Bezeichnung zurück? Auch unter Linken ist doch bekannt, dass es Verschwörungen gab und gibt. Große Verschwörungen, wie diejenige, Hitler an die Macht zu bringen. Den Tonkin-Zwischenfall, den die USA-Regierung erfand, um den Vietnamkrieg zu beginnen. Es waren Linke, die große Verschwörungen enthüllten. Die Enthüllungen um Gladio und die Stay Behind-Truppen der NATO haben Verschwörungen gegen die Nachkriegsdemokratien in schwindelerregendem Ausmaß gezeigt. Putsche und Putschversuche in Herzen Europas waren die Taten dieser Gladios. Hätten wir das in den Siebzigern behauptet, was wäre passiert?

Verschwörungstheorien gibt es, weil es Verschwörungen gibt. Viele Verschwörungstheorien wurden im Laufe der Zeit bestätigt. Dass Terror und Staat vom gemeinsamen Teller essen und gemeinsam Leichen im Keller haben, vermutete Hannes Wader in den Siebzigern. Wer hat darüber gelacht oder den Kopf geschüttelt? Spätestens seit 9/11 versuchen die Herrschenden und ihre Medien, jene Menschen zu verleumden, lächerlich zu machen, die der viel lächerlicheren offiziellen Erklärung zu den Anschlägen eigene Recherchen entgegenstellen. Sie nennen sie Verschwörungstheoretiker.

3.

Zweiter Selbstversuch einer Verschwörungstheorie

Etwas, was in Demokratien oder aufgrund des Völkerrechts nicht durchsetzbar ist, aber gewollt von Mächtigen, wird heimlich durchgezogen. Das nennt man eine Verschwörung. Es wird dazu eine Geschichte fabriziert, das ist die dazugehörige Verschwörungstheorie der Herrschenden. Das Problem an Verschwörungen ist, dass sie früher oder später auffliegen. Dann wird die bisher in Umlauf gebrachte Story, die alle Medien nachgebetet haben, in Frage gestellt und investigative Journalisten zum Beispiel arbeiten an einer neuen Geschichte. Diese werden nun von den Medien, von interessierten Kreisen, von Geheimdiensten, die in die Verschwörung verwickelt waren, ironischerweise als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Und damit das V-Wort auch ein Schimpfwort ist oder wird, beteiligen sich die „Dienste“ im Auftrag der Oberen an der Produktion von Verschwörungstheorien, verrückten und absurden oder glaubwürdigen. Beide Sorten kann man gut brauchen. Die glaubwürdigen, damit viele kritische Menschen, die den Oberen nicht mehr alles glauben, sich damit beschäftigen und verwirrt werden, wenn die Unglaubwürdigkeit der Theorien nachgewiesen wird und absurden, damit man dann die Verschwörungstheoretiker öffentlich und medienwirksam lächerlich machen kann.

Ich glaube also, dass die Geheimdienste des Westens und ihre Beauftragten das Internet mit Verschwörungstheorien überschwemmen, um die wirklichen Verschwörungen unsichtbar zu machen. Darauf fallen viele rein. Auch Linke. Auch die Junge Welt.

4.

Noch einmal zu den Montagsmahnwachen

Es waren ganz normale Menschen, mehrheitlich Männer. Das zeigen die Videos, die es in großer Zahl im Internet über die Montagsdemonstrationen, die sich Mahnwachen nannten, gibt. Es war der Durchschnittsbürger, der da hinging. Auch ein paar alternativ aussehende, buntere, langhaarige, auffälligen Schmuck tragende. Was sie dachten und sagten, dachten und sagten viele. Sie hatten die Nase voll. Sie wollten von den arroganten Medienfuzzis und deren Brötchengebern, den Medienmogulinnen und -moguln nicht mehr belogen werden. Sie wussten folglich, dass sie belogen wurden. Sie wussten, dass die Lüge vor allem Urständ feiert, wenn es um Krieg geht.

Sie informierten sich im Internet und vieles durchschauten sie, wenn auch nicht alles. Aber das ist kein Wunder. Wer durchschaut schon alles. Sie sahen, dass aus Putin ein Monster gemacht wurde, obwohl er sich im Ukraine-Konflikt ganz rational verhält, rationaler verhält sich kaum ein westlicher Regierungschef. Sie sahen, dass da ein Putsch stattgefunden hatte, der aber vom Westen gutgeheißen wurde. Sie sahen, dass dieser Putsch weitgehend von außen gesteuert worden war, von den Regierungen, den Stiftungen, den Geheimdiensten, dem Establishment der USA und Europas.

Sie merkten, dass die Kriegsgefahr, die in den letzten Jahrzehnten immer nur Asien und Afrika betraf, nun näherrückte. Sie wollten keinen Krieg, sie hielten Krieg für Irrsinn und sie hatten begriffen, dass die Medien und die Politik für die Propagierung dieses Irrsinns verantwortlich sind. Mehr noch: Sie erkannten, dass die Kriege nicht nur mit dem Rohstoffhunger des Westens zu tun haben, sondern mit seinem Wirtschaftssystem überhaupt, dem Kapitalismus.

Sie fingen an zu begreifen. Daran trägt die FED3 die Schuld, sagten einige. Die FED steht für das Bankensystem. Occupy nannte das Kürzel für das Finanzkapital „Wallstreet“. Mit Lenin wissen wir, dass das Finanzkapital die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist, unter der Hegemonie der Banken. Die Verquickung amerikanischen Kapitals mit Hitler und dem deutschen Faschismus ist mittlerweile gut dokumentiert, siehe z.B. „Kein Blitzkrieg ohne USA – Nicht nur die deutsche, auch die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten liebte Hitler und verlängerte profitträchtig den Zweiten Weltkrieg“ von Werner Rügemer4. Die Mahnwachler, die anfingen zu begreifen waren auf der richtigen Spur. Was taten Linke? Gingen sie hin und diskutierten mit? Nein! Sie mäkelten herum, dass nur die FED genannt wurde, nannten das strukturellen Antisemitismus, angeblich, weil dort viele in den Chefetagen Juden seien. Das wisse man im Prinzip und würde Kritik an der FED nutzen, um die Juden zu treffen. Die meisten MahnwachlerInnen hatten bis dahin wahrscheinlich keinen Gedanken darauf verwandt, dass in der FED vielleicht Juden sitzen.

Es gab unter all den Rednerinnen und Rednern, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch ganz absonderliches Gedankengut.Wie im Querschnitt der Gesellschaft auch. Allerlei Mythologisches, Spirituelles und Verschwörungstheoretisches. Wobei weder Mythologie noch Spiritualität oder Verschwörungstheorien per se absonderlich sind. Mythologien sind für das Begreifen der menschlichen Geschichte und der Ideengeschichte wichtig, Spiritualität ist für viele Menschen ein zentraler Lebensinhalt und Theorien zu Verschwörungen sind notwendig, weil es Verschwörungen gibt. Wie sich zuletzt in der Ukraine zeigte.

Warum wurden die Herrschenden nun so nervös? Ganz einfach: Als die Occupy-Bewegung über den Globus rollte, waren das viele, aber es waren die üblichen Verdächtigen. Es waren Jugendliche, junge Menschen, Linke und Alternative. Leicht marginalisierbare Leute, die man nur in ein paar gewalttätige Auseinandersetzungen verwickeln musste, und schon war der gute Ruf hin.

Occupy hatte eine eigene Kultur entwickelt. Jeder Anwesende durfte reden. Man wollte Basisdemokratie, keine Hierarchien und keine Gurus. Das Links-Rechts-Schema wurde zunehmend in Frage gestellt oder ganz abgelehnt. Herkömmliche Politik und Politiker hatten bei ihnen verspielt. Und genau diese Kultur übernahmen die Montagsmahnwachen. Occupy war bei den Normalen und Durchschnittlichen angekommen. Und nun wurde es für die dauerhafte Hegemonie der Herrschenden eng.

Und noch etwas war anders. Es waren keine Demos, die Forderungen an die Politik stellten. Es waren Versammlungen, die Leute zusammen brachten, die selber etwas ändern wollten und überlegten, wie das gehen kann.

Klaus-Peter Kurch, ein kluger Linker, der den Opablog betreibt, beschreibt, was ich nur aus der Ferne über youtube sehen konnte, sehr schön: „Ganz ähnlich erlebe ich die Situation wöchentlich auf den Montagsmahnwachen. Außerhalb gewohnter Bahnen bewegen sich Informationen zwischen den Menschen, und zugleich sind die Menschen begierig, sich mit Informationen, auch “unüblichen”, auseinanderzusetzen. Das ist ein breiter Fluss, der auch trübe Bestandteile mit sich führt. Vieles passiert doppelt und dreifach, Informationen behindern sich gegenseitig, manchmal macht sich Abstruses breit. Doch ich glaube, dass das Äußerlichkeiten sind. Das Beständige, Innere, das sich auszuprägen scheint, ist ein Prozess komplexer Informationsverarbeitung zu Kernfragen, Grundfragen, Lebensfragen der Menschen durch die eigene Initiative der Menschen. Sie sind spontan und Viele durchaus aufmüpfig in den direkten wechselseitigen Austausch gegangen. Für die modernen Götterorakel, “Massenmedien” genannt, diese “Medien” die statt Mittler zwischen den Menschen und der Welt zu sein, in Wahrheit eher Irrgartenspiegel sind, für die wird der Platz plötzlich knapp. Da geschieht, allem Anschein nach, etwas Enormes.“ Schön gesagt und gut gesagt!

Aber nur wenige Linke reagierten wie Klaus-Peter Kurch und sahen sich das ganze selber an. Zeitungs- und Blogseiten wurden vollgeschrieben von Linken, die nie persönlich bei einer Montagsmahnwache waren oder mit einem Teilnehmer oder einer Teilnehmerin gesprochen hatten.

5.

Junge Welt drückt sich und entlarvt die Lüge nicht

Am 11. Oktober gelang überraschend der Schulterschluss, als Vertreterinnen und Vertreter der Montagsmahnwachen an der Aktionskonferenz der Kooperation für den Frieden in Hannover teilnahmen. Alte und neue Friedensbewegung redeten miteinander. Bis dahin war der Weg steinig. Einzelne Linke und ProtagonistInnen der traditionellen Friedensbewegung, die sich bei den Montagsdemonstrationen blicken ließen, dort gar redeten, wurden bezichtigt, Nazis auf den Leim zu gehen, Querfrontpolitik zu unterstützen, mindestens ernteten sie Kopfschütteln.

Die Wellen im linken Lager schlugen zeitweise hoch. In einer solchen Situation käme einer linken Tageszeitung wie der Jungen Welt die Rolle zu, analysierend, klärend, kommunizierend einzugreifen. Bezeichnet sich die Junge Welt doch selbst als eine Zeitung, die die Wahrheit sagt, wo andere lügen. Und diese Lügen dienen ja nicht selten der Hetze. Gegen Putin, gegen Russland, gegen die Armen, gegen Roma, gegen Muslime. Dienen auch der Kriegsvorbereitung. Der Feindbildproduktion. Und wenn die Junge Welt den Anspruch formuliert, dort die Wahrheit zu sagen, wo andere lügen, muss sie das dann nicht überall tun, wenn sie glaubwürdig sein will? Muss sie die Wahrheit nicht in allen Fragen suchen? Auch wenn es wehtut? Die TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen hatten im Übrigen einen ähnlichen Anspruch, nämlich die Mauer der Desinformation zu durchbrechen. Eigentlich also ein positiver Grund hin zu gehen.

Als allerdings die „Qualitätsmedien“ die Montagsmahnwachen eine Versammlung, von Spinnern, Neu-Rechten, Antisemiten und Verschwörungstheoretikern nannten, mischte die Junge Welt in diesem Chor mit. Die seltene Übereinstimmung, kam ihr nicht komisch vor. Was tat der zuständige Redakteur der Jungen Welt, Sebastian Carlens? Er gab die ganzen Vorwürfe von Ditfurth und den Mainstreammedien kritiklos und ohne den Aufwand von zusätzlicher Recherche weiter. Das war bequem vom Sessel in der Redaktion aus zu erledigen. Die Junge Welt, sonst Dokumentaristin noch des winzigsten Autonomenaufmarschs, ansässig in Berlin, große Reisekosten waren also kaum zu erwarten, hat noch nicht einmal verdeckte Aufklärer zu den Demos geschickt. Um die Ecke zum Brandenburger Tor zu gehen, war zu viel verlangt? Oder wollte man, da das Label des Antisemitismus schon angeheftet war, dort nicht gesehen werden? Ich halte das für einen möglichen Beweggrund für das Nichtdahinbewegen. Es ist natürlich feige.

Auch nachdem einige Linke neugierig geworden waren, aber auch besorgt und Kontakte aufnahmen, dort sprachen, auch in anderen Städten sprachen, änderte Sebastian Carlens seine Haltung nicht. Haben also die Leserinnen und Leser der Jungen Welt keinen Anspruch, diesbezüglich informiert zu werden?

Die Medien griffen sich einzelne Personen heraus. Die Junge Welt folgt ihnen.

Die Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Ulla Jelpke, die ich ansonsten schätze, verging sich an Ken Jebsen. Mit einer hanebüchenen „Beweiskette“ will sie ihn des Antisemitismus überführen:

„Mit dabei ist auch der frühere RBB-Moderator Ken Jebsen (…) Jebsen musste den RBB nach bis heute nicht ganz aufgeklärten Antisemitismus-Vorwürfen verlassen. Ob diese zutreffen, kann dahingestellt bleiben – in jedem Fall vertritt der Mann Positionen, die eine antisemitische Interpretation nahelegen. So weist er bezüglich der Schuld am Zweiten Weltkrieg auf seiner Homepage darauf hin, dass »Firmen wie Shell, die damals zu 40 Prozent in jüdischem Besitz waren, 40 Millionen Reichsmark an die NSDAP spendeten«“.

Die Vorwürfe sind also nicht ganz aufgeklärt, ihre Klärung kann aber unterbleiben? Jelpke weiß natürlich um die Finanzierung der Nazis durch amerikanisches Monopolkapital und auch um deren Sympathien für den Faschismus. Sie weiß natürlich um den Aberwitz, dass mit dieser Finanzierung auch Juden den deutschen Faschismus unterstützten, weil Kapital keine nationalen, religiösen oder kulturellen Grenzen kennt, wenn es um Profit und Herrschaft geht. Auch kein eigenes Volk.

Weiter schrieb sie:

„Medienvertreter, die kritisch über ihn berichten, fordert er auf: »Würdet ihr klassisches Pay-TV anbieten, könnte man euch schon kommenden Monat keine Löhne mehr zahlen. Oder muss man sagen, fiele der Judaslohn weg.«“

Ist – Teufel nochmal – die Benutzung des Begriffs Judaslohn Beweis einer antisemitischen Gesinnung? Und dann kommt es ganz bizarr:

„Da Jebsen zudem unaufhörlich vom »Fed-Imperium« spricht, kann man das nur als Unterstellung lesen, die Medien seien jüdisch kontrolliert, um im Auftrag der (jüdischen) Federal Reserve die Welt unter Kontrolle (des Judentums) zu behalten.“

Kann man das? Ich meine nein. Auch nur wenig genaueres Hinsehen, hätte den Aberwitz dieser „Beweiskette“ gezeigt. Ginge sie noch einen Schritt weiter, sie landete bei den Antideutschen, für die Kapitalismuskritik und Kritik am US-Imperialismus „strukturell antisemitisch“ sind.

Nachdem Ulla Jelpke sich mit den Montagsmahnwachen auseinandergesetzt hatte, nicht ohne die Vorwürfe ihrerseits ungeprüft zu wiederholen, aber immerhin mit dem Ziel, jetzt eine linke Debatte zu beginnen, schob die Junge Welt einen Artikel aus der Feder von Peter Strutinsky nach, in dem dieser ohne einen einzigen Beleg behauptete, die neue Friedensbewegung sei von der NPD ins Leben gerufen. Auf welche Erkenntnisse stützte er sich dabei? Wer sind seine Zeugen? War er da? Hat er mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesprochen? Er führte keinerlei Belege an. Er ist Wissenschaftler. Er weiß, was er tut, wenn er etwas behauptet, ohne es zu belegen. Der Artikel strotzte von Unterstellungen und von verletzter Eitelkeit des Autors. Traute sich da eine Friedensinitiative auf die Straße, ohne die Erlaubnis der erlauchten etablierten Friedensbewegung zu erbitten!

Der Geschäftsführer der Genossenschaft Junge Welt, Dieter Koschmieder, konnte ebenso nicht an sich halten, diese neuen Friedensinitiative zu verteufeln.

Auch er arbeitete sich an Ken Jebsen ab und warf ihn mal schnell in einen Topf mit Jürgen Elsässer und Pegida. Ist das gut recherchiert? Ist das die Wahrheit? Jebsen wird mit den anderen o.g. Verdächtigen vorgeworfen, er rede dafür, das gute nationale Kapital gegen das böse ausländische verteidigen, mittels christlichem Glauben die islamische Verrohung zu bekämpfen, abendländische Werte zu vertreten und nicht links oder rechts und oben und unten zu sehen sondern nur das deutsche Volk, zu fragen, wer uns vor Fremden schütze usw. Das ist infam!

Wieder die Frage: Wo sind dafür die Belege, wo ist der Beleg für auch nur einen der Punkte? Gibt es Zitate? All das gibt es nicht. Es bleibt dabei: Jede einzelne Behauptung ist üble Verleumdung. Dass er auf das Feindbild der Mainstreammedien reinfällt, wäre noch die freundlichste Unterstellung. Es könnte auch sein, dass er einen alten, miesen, kleinen Meinungsmachertrick anwendet, nämlich einen Unliebsamen in den Sack mit anderen Wüstlingen stecken, Beschuldigungen zu nennen, die auf die anderen zutreffen und dann draufzuschlagen.

Danach war wieder Funkstille bei der JW. Dabei wäre eine Analyse der Bewegung notwendig und hilfreich gewesen und für die Junge Welt auch nicht so sehr aufwändig. Am anderen Ende der Republik sitzend war es mir zumindest möglich, über die von den Versammlungen eingestellten Videos einen guten Eindruck davon zu erlangen, was sich dort abspielte. Natürlich waren da seltsame Gestalten dabei. Aber war das in den Achtzigern bei der damaligen Friedensbewegung nicht auch so? Wenn wir das damals abgeblasen hätten wegen der Esoteriker, der Spinner, der Rechten, hätte es eine große Friedensbewegung nicht gegeben. Da waren Generäle dabei. Mechtersheimer war eine zentrale Person in der Bewegung. Hat er sich wirklich erst danach als einer vom rechten Rand erwiesen?

Zurück zu den Mahnwachen. Ein soziologischer Schnelltest erbrachte kurz darauf, dass das ganze Geunke von der Nazi-Friedensbewegung wohl Quatsch war. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen verortete sich eher links. Das wurde von der Jungen Welt etwas pikiert zur Kenntnis genommen, aber Konsequenzen wurden keine gezogen.

Zweidrittel bis dreiviertel der Deutschen sind gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr und für eine friedliche Politik. Da sind die nicht deutschen Menschen, die bei uns leben, noch gar nicht gerechnet. Die Junge Welt und andere Linke räsonierten jahrelang darüber, dass diese Friedensfreunde sich leider, leider nicht mobilisieren ließen. Das war offenbar Quatsch. Der Linken und der linken Friedensbewegung gelang es nicht, diese Leute zu mobilisieren. Dass sie mobilisierbar waren, haben die Montagsmahnwachen gezeigt. Offenbar waren einige Leute darüber so beleidigt, dass sie lieber in den Chor der Medien einfielen, als sich freuen zu können, dass es Bewegung gibt und dass man reden kann. Nein. Selbst die Junge Welt sprach von „Wutbürgern“. Geht’s noch?

Wich die Skepsis, als TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen und Teile der Friedensbewegung zum Friedenswinter mobilisierten? Machte der verantwortliche Redakteur Sebastian Carlens sich kundig? Wieder nicht! In der Schmollecke in der Redaktionsstube saß er und produzierte ein „manipulatives Traktat“ (Rainer Rupp) und nannte es „Formierte Gegenaufklärung“. Rupps Bezeichnung „manipulativ“ trifft das Wesen des Artikels gut. Sein lang geratener Einstieg ins Thema suggeriert marxistische Analyse. Ohne dass er den Leuten der Mahnwachen etwas konkretes nachsagen kann, außer dass sie die Fed verantwortlich machen für die Kriegsgefahr, spannt er einen suggestiven Bogen vom Friedenswinter über Pegida undAfd zu angeblich „neuen Inflationsheiligen“. Da gehört Elsässer dazu, dessen rechtsradikale Gesinnung wird genutzt, um auch Jebsen zu entlarven, auch diesmal ohne einen konkreten Vorwurf. Der Artikel erschien in der gleichen Ausgabe, wie ein Interview mit Monty Schädel, in dem dieser in der gleichen Art wie Carlens ohne Beweise die Montagsmahnwachenleute zum rechten Rand erklärt. Eine Breitseite der Jungen Welt gegen den Friedenswinter also. Schädel ist Vorsitzender der DFG/VK. Auf seiner Website steht geschrieben, er habe mit anderen Aktivisten zusammen die Proteste gegen den G8-Gipfel in, Heiligendamm organisiert. Hört sich etwas überheblich an. Dass Schädel im besten Falle ein Sempliciotto, im schlechteren Falle ein übler Provokateur ist, zeigt er, wenn er in dem Interview skandalisiert, der Journalist Ken Jebsen teile alle Meinungen seiner Interviewpartner von weit rechts bis weit links. Er findet, die Friedensbewegung solle sich wieder auf ihre bewährten Strukturen stützen und den „Friedenswinter“ beenden. Und das, obwohl er zugibt, in der Ukraine-Frage habe die Friedensbewegung versagt. Er sagt das so dahin, dabei handelt es sich um den für den Frieden in Europa gefährlichsten Konflikt gegenwärtig. Da hat die Friedensbewegung halt mal versagt. Und wenn die Montagsmahnwachen nicht stattgefunden hätten? Dann wäre es bei diesem Versagen geblieben, nicht wahr?

Der Friedenswinter habe mit der Friedensbewegung, wie er sie kenne, nichts zu tun, teilt der Ossi Schädel mit. Ja eben, die alte große, starke, breite Friedensbewegung, in der alle politischen Meinungen und Haltungen außer faschistischen willkommen waren, eine ohne Gesinnungsprüfung für die, die mitmachen wollten, eine die auch Militärs willkommen hieß und Kapitalisten, das kann sich Schädel nicht vorstellen. Weil er sich nicht vorstellen kann, was er nicht selber erlebt hat? Wahrcheinlich kann er nur eine Friedensbewegung gut finden, die ihm selber ein Podium ohne Konkurrenz für seine Selbstdarstellung bietet.

Reiner Rupp, der den Skandal dieser JW-Ausgabe benannte, wurde abgefertigt, seine Aufforderung, eine breite Debatte in der Jungen Welt zu führen, kaltschnäuzig abgelehnt. Dagegen darf ein Leander Sukov einen „Debattenbeitrag“ leisten – in welcher Debatte? And who the hell is Leander Sukov? Doch nicht der mit der angeblich „wuchtigen Sprache“? Und was hat nun ausgerechnet Leander Sukov befähigt, diese Zusammenfassung zu schreiben? Vielleicht eine Auftragsarbeit weil er Geld brauchte. Der Beitrag ist weniger als eine schmalbrüstige Zusammenfassung aller Vorurteile, die in der JW bereits serviert wurden.

Das alles Revue passieren lassend, könnte man auf eine neue Verschwörungstheorie kommen: Die Junge Welt ist vom Gegner gekapert.

6.

Zum Schluss

In der Jungen Welt ist der Zustand von Teilen der Linken abgebildet, jener Linken, die sich radikal oder marxistisch oder kommunistisch oder alles gleichzeitig wähnen. Kennzeichnend für diese Linke ist, dass sie gesellschaftlich isoliert ist. Dies führt sie selber gerne auf den noch immer wirkenden Antikommunismus und die Linkenhatz zurück. Aber der Antikommunismus hat viel von seiner Wirkung verloren, nicht nur bei jungen Menschen. Die radikale Linke betreibt vielmehr eine sehr effiziente Selbstisolierung. Sie wirkt nach außen unattraktiv. Attraktivität ist aber Teil der Fähigkeit, eine Gegenhegemonie gegen die neoliberalen Machteliten aufzubauen. Die radikale Linke aber ist abgeschottet von der Gesellschaft, zerstritten, misstrauisch, gibt sich elitär und teilweise rückwärtsgewandt, ist voller Vorurteile und wahrscheinlich durchsetzt von Agenten. Sie bietet reichlich Platz für Selbstdarsteller, Wichtigtuer, Halbgebildete und Looser, die sich durch ihr Dabeisein Bedeutung zu geben versuchen. Die Linke hat kein Charisma und sie findet das noch nicht einmal traurig. Sie sind stattdessen gerne graue Mäuse, Hauptsache, sie haben Recht.

Die Selbstisolation hat Folgen. Von Veränderungen in der Gesellschaft, die sich unter der Oberfläche vollziehen, bekommen sie nichts mit. Sie bemerken nicht, dass die Hegemoniefähigkeit der herrschenden neoliberalen Machteliten schwindet. Dass der gesellschaftliche Konsens brüchig wird. Dass die Menschen anfangen, selber zu denken, dass diese überall spürbare Aufmüpfigkeit Ausdruck von sich ändernden Verhältnissen ist. Es gibt einen Trend zur Selbstermächtigung. Immer mehr Menschen nehmen wahr, dass ihre Interessen, die Interessen der Mehrheit, von den Herrschenden ignoriert werden, was sich auch in sinkenden Wahlbeteiligungen äußert. Die radikale Linke hingegen lässt sich von 70 Prozent Zustimmung für Schäuble und Merkel in Umfragen blenden, obwohl sie um den Schwindel mit Umfragen weiß und übt sich lieber in Publikumsbeschimpfungen, als dass sie ihre Wichtigtuerecke verließe.

Und so hält sie die Gesellschaft auch nicht für würdig, dass sie ihr Vorschläge macht. Sie macht keine Angebote an jene Menschen, deren Misstrauen in den Kapitalismus wächst. Sie formuliert keine Zukunftsinteressen und -forderungen. Wo in der ach so radikalen Linken diskutiert jemand über den Ausweg aus dem Kapitalismus und wie es in Richtung Sozialismus gehen könnte?

Nehmen wir das Beispiel Gesundheitswesen. Lassen wir das Programm der Partei DIE LINKE beiseite, deren Worte zu dem Thema nur verdeutlichen, dass es ihr um die Verschönerung des Kapitalismus geht. Fragen wir, was an radikalen Analysen, solchen, die an die Wurzel gehen, geleistet werden. Wo werden aus der Analyse des Gesundheitssystems Forderungen, Ideen für die Zukunft und für notwendige Kämpfe abgeleitet? Die mehr sind als nur die Verteidigung des Bestehenden? Oder die bessere Bezahlung der dort Arbeitenden? Zum Beispiel, dass aus Krankheit überhaupt kein Profit geschlagen werden darf. Dass deshalb nur gemeinwirtschaftliche Krankenhäuser (außer für Schönheits-OPs) zu dulden sind, private in Gemeineigentum, egal welcher Art, umgewandelt werden müssen. Auch für Reha-Zentren, Alten- und Pflegeheime muss das gelten. Die Versorgung des ländlichen Raums mit Ärzten kann nicht durch PR-Kampagnen, sondern muss durch die Einrichtung öffentlicher Arztpraxen gesichert werden, besser noch: die gute Einrichtung aus dem Sozialismus, die Polykliniken, könnten wiederbelebt werden. Auch Ärzte müssen nicht auf der Krankheit von Menschen und den Beiträgen der Versicherten zu Millionären werden, aber sie müssen auch gut davon leben können, statt sich auf Lebenszeit zu verschulden.

Den größten Profit im Gesundheitswesen macht die Pharmaindustrie. Sie muss enteignet werden. Das ist das dickste Brett. Staatseigentum oder kommunales, gemischtes, Belegschaftseigentum oder Kasseneigentum, der Phantasie muss keine Grenze gesetzt sein. Das alles gehört nicht in Parteiprogramme, sondern in die Diskussion, muss propagiert werden. Aber das würde ja bedeuten, dass man mit Menschen reden muss, die zum Teil noch mit reaktionärem Gedankengut infiziert sind.

Ein weiteres Beispiel: Wo ist die linke Politik für die EU? Wieso wird nicht die Solidarität derer propagiert, die gezwungen sind, vom Verkauf ihrer Arbeitskraft zu leben? Wo wird von dem Gewinn berichtet, wenn man zusammenhält? Und zwar unabhängig davon, ob man nun raus aus der EU will oder drinbleiben oder für die Auflösung ist.

Weil die Menschen in Deutschland keine Zukunftsvorstellungen, keine Kämpfe mit der Linken verbinden, sind einige leichte Opfer für Rattenfänger von rechts, für Pegida, Nazis, Rechtspopulisten, Salafisten, fundamentalistische religiöse Sekten, Männlichkeitswahn und Chauvinismus.

Der Kampf für eine bessere Welt beginnt mit dem Kampf gegen die kulturelle und ideologische Hegemonie des Finanzkapitalismus und das ist der Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen.

„Wenn wir es nicht schaffen, all dies zu thematisieren, wird es die Rechte übernehmen.“

Oskar Lafontaine


1 http://www.rationalgalerie.de/schmock/junge-welt.html


2 Wie sich gerade zeigt, erhält die Bewegung gegen Suttgart 21 erneuten Schwung durch die Ergebnisse der Recherchen eines Journalisten.


3 Federal Reserve Bank; US-amerikanische Notenbank


4 http://www.jungewelt.de/2014/04-28/005.php

Dienstag, 17. Juni 2014

Schmidt und Russland. Obsolet gewordene Worte des Altkanzlers Schmidt?

Der paffende Altkanzler
Eigentlich behält Helmut Schmidt immer Recht. Eigentlich. Manchmal hat Helmut Schmidt aber auch Unrecht. Manchmal. Keine Autorität ist fehlerfrei. Sogar Helmut Schmidt nicht.

In Bezug auf Russlands Lage hat sich der Altkanzler leider in einiger Hinsicht gewaltig getäuscht, auch wenn er in Vielem noch immer Recht behalten hat. In jedem Fall sind die Worte des paffenden Ex-Soldaten und Ex-Kanzlers überaus bemerkenswert.

Im Folgenden werden daher obsolet gewordene wie auch nach wie vor gültige Worte des Altkanzlers Schmidt in Bezug auf Russland dokumentiert. Die Zitate stammen aus seinem Büchlein "Die Mächte der Zukunft" (2004):

"Als ein Deutscher, der als Soldat am Zweiten Weltkrieg beteiligt war und auf russischem Boden gegen russische Soldaten gekämpft hat, bin ich besonders dankbar, daß heute kaum noch gegenseitiger Haß zu spüren ist und daß unsere beiden Regierungen eindeutig vom Willen zu fairer Partnerschaft geprägt sind."

"Die Zukunft des Landes wird in absehbarer Zukunft jedoch von keinem anderen Staat gefährdet. Niemand, der die Lage der Welt unvoreingenommen betrachtet und bewertet, kann zu einem anderen Ergebnis gelangen. Es kann keine Rede davon sein, daß Rußland einen Angriff durch einen anderen Staat oder gar durch eine Allianz von Staaten befürchten und sich dagegen wappnen müsse."

"Sofern die innenpolitische und die ökonomische Entwicklung in der Ukraine und in Weißrussland hinter derjenigen Rußlands weiterhin zurückbleiben sollte, kann es nach einer tausendjährigen gemeinsamen Geschichte, angesichts sprachlicher und kultureller Gemeinsamkeiten und wegen der engen gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit zu einer Wiedereingliederung kommen. Wenn ein solcher Prozeß selbstbestimmt und gewaltfrei verliefe, wäre ausländische Einmischung ein schwerer Fehler."

"Allerdings gibt es unter den Russen auch Stimmen, die einen militärischen Angriff auf ihr Land sehr wohl für möglich halten. Diese Furcht entspringt den aus sowjetischer Zeit und aus dem Kalten Krieg stammenden Denkgewohnheiten. Damals ging man davon aus, daß die eigene Hochrüstung das Gleichgewicht zwischen den beiden Giganten aufrechterhalte und daß dieses Gleichgewicht die entscheidende Voraussetzung für die Bewahrung des Friedens und der Sicherheit des eigenen Landes sei. Dieses im Grunde sehr einfache strategische Kalkül war nicht nur aus russischer Sicht plausibel, es wäre auch objektiv richtig gewesen, wenn nicht der bipolare Rüstungswettlauf mit den USA das Gleichgewicht immer wieder gefährdet hätte. Heute hat die militärische Potenz den einen Giganten zur globalen Supermacht werden lassen, die Rüstung des anderen dagegen ist zurückgegangen. Weil von einem globalen Gleichgewicht keine Rede mehr sein kann, so die Schlußfolgerung mancher Russen, sei Rußland bedroht."

"Tatsächlich haben sich zwar in den neunziger Jahren die Rüstungsgewichte erheblich verschoben, Rußland ist jedoch immer noch und auch künftig zum sicheren atomaren Gegenschlag fähig. Deshalb werden auch künftig weder die USA noch Rußland an einen atomaren Krieg gegeneinander auch nur denken können. Zu einem konventionellen Krieg gegeneinander sind beide jedoch nicht fähig; auch die NATO als Ganzes wäre zu einem konventionellen Angriff auf Rußland militärisch wie politisch außerstande. Ein entscheidender Unterschied zur Situation des Kalten Krieges, die man sich bildlich als zwei feindliche Skorpione in ein und derselben Flasche vorgestellt hat, liegt darin, daß Moskau heute nicht mehr weit über die Grenzen des eigenen Staates hinaus missionieren will. Das heutige Rußland ist kein Skorpion."

"Man wird gleichwohl für die russische Skepsis Verständnis haben müssen. Denn aus russischer Sicht ist nicht nur die EU, sondern auch die Nordatlantische Allianz weit nach Osten vorgerückt; Truppen der NATO stehen auch auf dem Boden des ehemaligen jugoslawischen Staates und in Afghanistan; in Kirgisistan und Usbekistan gibt es heute amerikanische militärische Stützpunkte. In den Augen eines russischen Generals nimmt sich dieses Bild nicht wie eine freundschaftliche Umarmung aus, und er wird sich fragen, welche unfreundlichen Absichten dahinter verborgen sein könnten."

"Die europäischen Regierungen haben sich ebenso wie auch Washington bemüht, diesem Eindruck der geopolitischen Einkreisung Rußlands entgegenzutreten"

"Weil die Europäer ihrerseits auf absehbare Zeit nicht zu einer gemeinsamen Außenpolitik finden, kann Rußland sich einstweilen nur wirtschaftlich, nicht aber bündnispolitisch an Europa binden."

"In Rußlands Verhältnis zu China könnten durch den heimlichen Wanderungsdruck aus dem chinesischen Nordosten Spannungen auftreten; wahrscheinlicher ist aber, daß beide Weltmächte ihr gegenwärtig gutes Verhältnis durch dergleichen nicht gefährden lassen."

"Aber gerade in der schwierigen Phase des Übergangs darf Rußland von seinen Partnern ein besonderes Einfühlungsvermögen erwarten."

"Auch wenn einige der Nachbarn in Europa und Asien argwöhnisch bleiben, sind doch Nachbarschaft und Zusammenarbeit der Europäer oder der Chinesen mit den Russen in einem besseren Zustand als jemals im 20. Jahrhundert."

"der Stolz des russischen Volkes und sein Patriotismus sind empfindlich."

"Rußland ist friedlich gestimmt. Das gilt auch für das Militär, für die Bürokratie und für die Diplomaten. Das Land braucht Zeit für den drigend nötigen Reformprozeß."

"Rußland braucht europäische Investitionen, die europäischen Volkswirtschaften brauchen Öl und Gas."

"Vor allem haben die Europäer ihren großen Respekt vor dem russischen Volk, vor Putin und den Reformanstrengungen zum Ausdruck gebracht. Das wird auch künftig nötig sein."

"Wegen seiner ungeheuren territorialen Ausdehnung, wegen der noch immer nicht vollständig explorierten Bodenschätze, aber auch wegen der großen Zahl unmittelbar benachbarter Staaten und schließlich wegen seiner umfangreichen atomaren Rüstung ist Rußland eine der drei strategischen Weltmächte. Das wird so bleiben, auch wenn das Land innenpolitisch und ökonomisch noch über einige Jahrzehnte geschwächt bleiben sollte."

"Ihre eingebildete globale Mission und ihr weltpolitisches Geltungsbedürfnis haben die sowjetischen Führer bis in die achtziger Jahre dazu verleitet, die Versorgung und das Wohlbefinden der eigenen Bevölkerung zurückzustellen hinter die vermeintlichen außenpolitischen, strategischen und militärischen Notwendigkeiten [...] Die innenpolitische und ökonomische Konsolidierung Rußlands wird im Gegenteil die bei weitem wichtigste Aufgabe der kommenden Jahrzehnte sein."

"Gleichwohl steht Rußland auch vor einer Reihe außenpolitischer Fragen. Dazu gehören an der Spitze die Beziehungen zu Amerika, zu China und zur Europäischen Union, sodann die Beziehungen zu den vielen kleineren Nachbarn in Europa und Asien. Wie die meisten europäischen Staaten ist auch Rußland von transnationalem Wanderungsdruck, von grenzüberschreitenden Seuchen und von internationalem Terrorismus bedroht."

Sonntag, 15. Juni 2014

Виктор Шапинов: Классовый анализ украинского кризиса

Статъя Виктора Шапинова о социалъных причинах гражданской войны в сегодняшней Украине.

Текст Виктора Шапинова скопирован с этих сайтов:

http://liva.com.ua/class-analysis-ukraine.html 


http://www.borotba.org/klassovyj_analiz_ukrainskogo_krizisa.html

Виктор Шапинов: Классовый анализ украинского кризиса


Социально-классовые причины украинского кризиса плохо изучены. В основном обращают внимание на политическую сторону событий, упуская из виду их социально-экономическую основу. Какие классовые силы стояли за свержением режима Януковича, установлением новой власти в Киеве, возникновением АнтиМайдана и движения юго-востока?

Кризис украинского капитализма

Украинский кризис не является уникальным национальным явлением. Украина по ряду причин оказалась «слабым звеном» и стала первой жертвой распада экономической модели, основанной на господстве доллара в качестве мировой резервной валюты и кредитного стимулирования потребительского спроса, как механизма экономического роста1.

Украина была одной из наиболее уязвимых экономик в рамках глобального кризиса, что вызвало раскол правящего класса и острейшую политическую борьбу, которую мы наблюдаем уже на протяжении нескольких месяцев.

Экономика украинского капитализма сложилась в результате распада народнохозяйственного комплекса СССР, приватизации общенародной собственности и интеграции в мировой рынок. Эти процессы привели к деградации экономической структуры УССР, которая занимала десятое место в мире по экономическому развитию, обладая комплексно развитым народных хозяйством, ведущую роль в котором занимало машиностроение и изготовление продукции с высокой степенью переработки.

Интеграция в мировой рынок разрушила высокотехнологичные отрасли. «Если экономика СССР была ориентирована на удовлетворение производственного и личного потребления внутри страны и развивалась более или менее комплексно и всесторонне, то капиталистическая экономика Украины «форматируется» в соответствии с потребностями мирового разделения труда. Жертвой этого процесса, прежде всего, стали наукоемкие производства – машиностроение, легкая промышленность, станкостроение, приборостроение, радиоэлектроника, производство турбин, авиационное, автомобильное производства»2.

С разрушением сложных производств катастрофически возросла роль отраслей с низкой степенью передела и сырьевого сектора, ориентированного на экспорт. Владельцы предприятий этого сектора составили слой олигархии, которая контролирует большую часть экономики страны на протяжении почти всего периода «независимости». Этот слой ориентированный на производство экспортной сырьевой продукции занимался нещадной эксплуатацией доставшихся в наследство от СССР производственных мощностей. Украинская олигархия в силу своего экономического положения не только не была заинтересована в развитии внутреннего рынка, но и зачастую хищнически относилась к собственным производственным активам, предпочитая инвестициям в развитие производства вывод прибылей в оффшоры. Всего в оффшоры из Украины было выведено более 165 миллиардов долларов3.

Модель периферийной экспортной экономики изначально носила самоедский характер и строилась на проедании советского наследия. Черная металлургия, которая была «локомотивом» периферийной экономики Украины и давала до 40-50% экспорта, «еще до начала мирового экономического кризиса демонстрировала очевидные структурные недостатки – устаревшие технологии, большие трудозатраты (на производство одной тонны стали в Украине расходовалось 52,8 человеко-часа, тогда как в России – 38,1, а в Германии – 16,8), высокая энергоемкость и зависимость от иностранных (в основном, российских) энергоносителей. Если при высоких ценах эти недостатки не играли существенной роли, то при любом ухудшении конъюнктуры они становились серьезной угрозой.

Другие конкурентоспособные отрасли украинской экономики – сельскохозяйственное производство (в части технических культур), химическая промышленность (в основном – производство минеральных удобрений), добывающая промышленность (руда, уголь) – также в основном имели сырьевой характер и были ориентированы на экспорт.

Остальные отрасли производства (за исключением производства продуктов питания), в силу узости внутреннего рынка, развивались лишь в том отношении, в каком они обслуживают экспортно-ориентированные сектора. Как правило, в этих сегментах экономики более низкие заработные платы и нормы прибыли»4.

С деградацией отечественного производства за пределами экспортно-сырьевого сектора, росла зависимость от импорта. Доля товаров отечественного производства в структуре товарооборота постоянно падала, а доля импорта соответственно росла. С середины 2000-х годов импорт постоянно опережает экспорт5. Эта разница компенсировалась ростом внешнего долга, как государственного, так и корпоративного6.

В условиях глобального кризиса, который начался в 2008 году, проявилась тенденция падения спроса на украинский экспорт и рост цен на импорт при повышении зависимости от импорта. Модель украинского капитализма явным образом двигалась к собственному краху.

Кризис и раскол в правящем классе. «Партия миллиардеров» и «партия миллионеров»

Нарастание кризиса вызвало серьезную внутреннюю борьбу в правящем классе. Его верхушка – десяток миллиардеров – к тому времени уже была готова к интеграции в мировые элиты и искала путей «прописки» собственного капитала на Западе. Ими были накоплены капиталы достаточных объемов, чтобы эффективно перевести их в финансовые и промышленные активы на Западе, в то время как развивающийся системный кризис в Украине делал нашу страну не такой привлекательной для крупнейшего отечественного бизнеса.

Способом такой легализации стала так называемая «евроинтеграция», когда в обмен на отмену защиты внутреннего рынка и его фактическую «сдачу» международным монополиям, украинские миллиардеры получали европейское признание. То, что ценой этого станет разрушение ряда отраслей промышленности и новый виток деиндустриализации с неизбежным ростом безработицы и других социальных бед, верхушку правящего класса не волновало7.

Однако, средний и низший слои олигархии, которые все еще рассматривали Украину как площадку для ведения бизнеса и не имели достаточных капиталов для интеграции в мировые элиты оказывали вялое сопротивление этому процессу – они еще не использовали все возможности «независимого» украинского государства для выхода в «высшую лигу» миллиардеров, поэтому они не были настроены на полную сдачу внутреннего рынка европейским «партнерам»8.

Руководство страны в лице Януковича долгое время колебалась между «партией миллиардеров» и «партией миллионеров», стараясь выбрать такой способ «евроинтеграции», чтобы удовлетворить обе стороны. В результате Янукович был вынужден отказаться от запланированного подписания соглашения о Зоне Свободной Торговли в Вильнюсе в декабре 2013 года, поскольку оно угрожало экономическим интересам значительной части буржуазии, а также катастрофическими социальными последствиями. Необходимость «интеграционных» процессов была также обусловлена острой потребностью в кредитах, источниками получения которых могли быть либо международные финансовые организации (МВФ) либо Российская Федерация. В отличие от МВФ, Россия не ставила условием получения кредита антисоциальные реформы, что также склонило Виктора Януковича к тому, чтобы отложить подписание ассоциации и ЗСТ с ЕС.

Ответом «партии миллиардеров», которая сделала ставку на евроинтеграцию, стал Евромайдан.

Евромайдан: заказчики, ядро и социальная база

На начальном этапе Евромайдана участие народных масс было минимальным. В первые дни там присутствовали в основном сотрудники и активисты прозападных НГО и неонацистских групп (вокруг ВО «Свобода» и составившие потом Правый Сектор). Подлинную массовость Евромайдан получил только после ночного разгона 30 ноября. Этот разгон показывали в прямом эфире все олигархические телеканалы, затем постоянно повторяя в своих новостных сюжетах кадры с избитыми людьми, окровавленными головами и т.п. Происходила информационная «раскачка» общества. Постоянно вбрасывалась некая информация, которая должна побуждать граждан к участию в протестах. Примером может быть сообщение о якобы убитой милицией в ходе разгона 30 ноября студентке. Как потом выяснилось, студентка просто несколько дней отдыхала в компании своих друзей-националистов и не выходила на связь с родными. Такие информационные провокации вбрасывались неоднократно и всякий раз подхватывались олигархическими СМИ.

Чтобы мобилизовать массы киевлян на воскресные собрания-«вече» на Майдане использовались не только телеканалы, подконтрольные олигархам. Была развернута широкая и дорогостоящая агитация, включая разноску листовок-флаеров с приглашением на Майдан в каждый (!) почтовый ящик четырёхмиллионного Киева.

Ведущей силой Майдана, которая постоянно присутствовала там и участвовала в боевых действиях с правоохранителями, стали неонацистские боевики (в основном из числа футбольных фанатов) и люди без определенных занятий из Западной и Центральной части страны. Эти люди в течении нескольких месяцев жили на Майдане, где им было обеспечено питание и денежное довольствие. Все это свидетельствует об изначально хорошо организованном финансировании Майдана со стороны украинской олигархии. Это финансирование шло как через три парламентские партии оппозиционного блока, так и через НГО и напрямую парамилитарным группам неонацистского толка.

Еще в декабре была отчетливо видна националистическая идейная направленность Майдана. Объединение «Боротьба» в своем заявлении отмечало тогда: «Несомненным успехом националистов стало то, что им, благодаря высокой активности, удалось навязать Евромайдану свое идейное лидерство. Об этом свидетельствуют лозунги, ставшие своеобразным «паролем» для собирающихся на Майдане масс и активистов. Это и «Слава Украине – героям слава!», которое вместе с поднятием правой руки с распрямленной ладонью стало партийным приветствием Организации Украинских Националистов в апреле 1941 года. Это и «Слава нации – смерть врагам!», и «Украина превыше всего» (калька с печально известного немецкого Deutchland uber alles), и «Кто не скачет – тот москаль». У остальных оппозиционных партий просто не оказалось внятной идеологической линии и набора лозунгов, в результате чего либеральная часть оппозиции приняла националистические лозунги и националистическую повестку. (…) Неуклюжие попытки либерального крыла протеста избавиться от идейного руководства националистов, например кричать вместо «смерть врагам» что-то более политкорректное, по большому счету провалились. Это произошло не только потому, что лишь националистические организации обладают идейно заряженной и активной массовкой, но и потому, что либеральное большинство протеста не предложило никакой внятной программы действий. В этой ситуации националисты как более активные и радикальные обрели имидж «авангарда» всего движения»9.

Проявлением доминирования ультраправых стало также разрушение активом Евромайдана памятника В.И.Ленину на Бессарабской площади. Этот варварский акт не был осужден либеральным крылом Майдана, отбитые куски памятника демонстрировалась со сцены Майдана под одобрительные возгласы толпы10.

Антилевая и антикоммунистическая направленность Майдана проявилась в избиении активистов «Боротьбы» братьев Левиных, которые стояли недалеко от Майдана с профсоюзным агит-пикетом. Со сцены Майдана звучали призывы расправиться с ними, так как они якобы стояли под красным флагом11. Расправой руководил депутат ВО «Свобода» Мирошниченко.

В январе идеологическое и политическое содержание Майдана было очевидно любому непредвзятому наблюдателю12. Уже тогда мы охарактеризовали происходящее как «либерально-националистический мятеж со все более заметным участием откровенно нацистских элементов «Правого сектора»»13.

Таким образом ядро Евромайдана составляли неонацистские боевики и актив оппозиционных политических партий. Кто же был «мясом» Евромайдана, кто эти тысячи людей поддержавшие движение?

Среди участников митингов половину составляли свезенные активисты из регионов. Среди участников одного из опросов 50 % оказались киевлянами и 50 % — приехавшими на майдан из регионов. При этом среди приезжих 52 % было людей, приехавших с Западной Украины, 31 % — с Центральной Украины и только 17 % — с Юго-востока страны14. Среди тех, кто постоянно находился на Майдане непропорционально много предпринимателей – 17% и непропорционально мало русскоязычных – 16% (в обществе около 40-50%)15. Определенное представление о социальной «физиономии» Майдана дает тот факт, что среди погибших «Небесной Сотни» не было ни одного рабочего16.

Таким образом, Евромайдан — это движение инициированное и контролируемое крупнейшими олигархами, его политической основой являлся радикальные националисты и в меньшей степени прозападные либералы, социальной базой – мелкая буржуазия и деклассированные элементы.

Напротив, движение сопротивления юго-востока является более пролетарским по своему составу, что отмечается независимыми наблюдателями. Не случайно также и то, что сопротивление хунте олигархов и нацистов, пришедшей к власти в результате Майдана, развернулось прежде всего в наиболее индустриально развитых регионах с преобладанием рабочего класса в населении.

Виктор Шапинов

__________________________


1 Подробнее см. наш анализ в докладе «Мировой кризис и украинский периферийный капитализм», написанный еще до Майдана http://liva.com.ua/crisis-report.html

2 Виктор Шапинов. Неолиберальный тупик для Украины. http://liva.com.ua/dead-end.html


3 90% прямых иностранных инвестиций из Украины уходит на Кипр. Оттуда же приходит и 80-90% ПИИ в Украину, которые являются на деле не «иностранными инвестициями», а простым возвратом средств, вывезенных из Украины. В 2000-е годы кипрский оффшор стал удобным способом ухода от уплаты налогов для украинской олигархии. При этом сумма прямых иностранных инвестиций составляла в 2012 году около 6 миллиардов долларов, в то же время сумма денежных переводов частных лиц (это в основном переводы гастарбайтеров-заробитчан своим семьям дома) – 7,5 миллиардов. Таким образом, на деле наемные работники инвестировали в экономику страны больше, чем буржуазия (см., напр. http://dt.ua/ECONOMICS/suma-groshovih-perekaziv-zarobitchan-vpershe-perevischila-obsyag-inozemnih-investiciy-119740_.html).


4 Виктор Шапинов. Неолиберальный тупик для Украины. http://liva.com.ua/dead-end.html


5 Там же.


6 Динамика платежного баланса Украины:


1999: +1.658 $ млрд.
2000: +1.481 $ млрд.
2001: +1.402 $ млрд.
2002: +3.173 $ млрд.
2003: +2.891 $ млрд.
2004: +6.909 $ млрд.
2005: +2.531 $ млрд.
2006: -1.617 $ млрд.
2007: -5.272 $ млрд.
2008: -12.763 $ млрд.
2009: -1.732 $ млрд.
2010: -3.018 $ млрд.
2011: -10.245 $ млрд.
2012: -14.761 $ млрд.
1-е полугодие 2013: -3.742 $ млрд.

Динамика валового внешнего долга Украины (совокупно государственный и частный).
01.01.2004: 23.811 $ млрд.
01.01.2005: 30.647 $ млрд.
01.01.2006: 38.633 $ млрд.
01.01.2007: 54.512 $ млрд.
01.01.2008: 82.663 $ млрд.
01.01.2009: 101.654 $ млрд.

01.01.2010: 103.396 $ млрд.
01.01.2011: 117.345 $ млрд.
01.01.2012: 126.236 $ млрд.
01.01.2013: 135.065 $ млрд.

01.04.2013: 136.277 $ млрд.


7 О последствиях экономической интеграции с ЕС см. доклад «Мировой кризис и украинский периферийный капитализм», написанный еще до Майдана http://liva.com.ua/crisis-report.html


8 «На протяжении длительного времени олигархи формировали внутренний строй государства. Однако на определённом этапе они пришли к выводу, что всё, что можно было взять с независимой Украины, они уже взяли и состоялись как сверхбогатые люди мирового уровня. Тогда у них возник вопрос – как сохранить «нажитое непосильным трудом»? Сделать это в собственной стране им казалось нереальным, поскольку к власти в любой момент могли прийти решительный, непредсказуемый, харизматический вождь или партия, которые объявят реприватизацию (...) С целью недопущения подобного развития событий олигархи негласно условились между собой «сдать» суверенитет Украины на «хранение» в евроструктуры – в обмен на действие на её территории тех законов социальной и экономической защиты, которые обеспечивают неприкосновенность собственности на территории Европы. И собирались это сделать через подписание соглашения об ассоциации с Евросоюзом». Дмитрий Выдрин. Евромайдан – бунт миллиардеров против миллионеров. http://glagol.in.ua/2014/01/23/dmitriy-vyidrin-evromaydan-bunt-milliarderov-protiv-millionerov/#ixzz2yHYP6PXR

9 Сергей Киричук. Активное участие националистов – ключевой фактор падения популярности Майдана. http://borotba.org/sergei-kirichuk-uchastie-nacionalistov-factor-padeniya-populyarnosti-maidana.html


10 «Известие о варварском уничтожении памятника В.И.Ленину не встретило осуждения у вождей Майдана, напротив, - оппозиционеры-либералы поддерживают своих неонацистских побратимов. Мы видим, что идейный облик Майдана определяет не либеральная часть оппозиции, а крайне правые неонацистские силы», писала «Боротьба» в те дни. http://borotba.org/oni-mogut-unichtojit-pamyatnik-no-ne-ideyu.html. Со сцены отбитые части памятника демонстрировал депутат ультраправой партии «Свобода» Андрей Ильенко http://podrobnosti.ua/society/2013/12/08/946901.html?cid=5408279.


11 См. http://borotba.org/napadenie-nacistov-na-levyh.html, http://revizor.ua/news/evromaidan/20131210_levin и http://jungle-world.com/artikel/2014/02/49128.html


12 См. например, публикацию влиятельного журнала The Nation «Национализм – ядро Евромайдана». http://www.thenation.com/article/178013/ukrainian-nationalism-heart-euromaidan#, русский перевод: http://borotba.org/nacionalizm-yadro-evromaidana.html


13 http://borotba.org/noviy-etap-politicheskogo-protivistoyania.html


14 Опрос фонда «Демократические инициативы» 6 февраля http://www.dif.org.ua/ua/polls/2014_polls/vid-maidanu-taboru-do-maidan.htm


15 Там же.


16 «И еще одна важная особенность списка погибших: среди его жертв почти отсутствуют представители рабочего класса, трудящиеся крупных промышленных предприятий. (…) То обстоятельство, что на острие революционного насилия на Евромайдане стояли субпролетарии, представители интеллигенции («креативного класса») и примкнувшие к ним провинциалы из глубинки, отражает принципиальное различие социальной структуры востока и запада Украины, которое накладывается на ментальный раскол между двумя частями страны.» http://kavpolit.com/articles/litso_pogibshego_majdana-1526/

Donnerstag, 12. Juni 2014

Boris Kagarlitzki: "Die Fahne des proletarischen Widerstands ist rot"

Boris Kagarlitzki,
Foto von www.borotba.org
Am 09.04.2014 hat die ukrainische sozialistische Organisation "Borotba" eine Aussage des russischen Sozialisten Boris Kagarlitzki veröffentlicht.

In dem kurzen Absatz geht es um den sich entwickelnden Klassenkampf des post-sowjetischen Proletariats mit anderen Klassen. Kagarlitzki nimmt die Kämpfe in der ukrainischen Stadt Charkow als Beispiel für seine These, dass in Osteuropa die Konfrontation der Klassen bereits unübersehbar ist.

Im Folgenden eine Übersetzung der Aussage Kagarlitzkis ins Deutsche durch die Bloggerschaft von alexithymiaN.blogspot.de, die dem Proletariat in Osteuropa noch mehr Klassenbewusstsein wünscht.

Boris Kagarlitzki: "Die Fahne des proletarischen Widerstands ist rot"


Der Direktor des Instituts für Globalisierung und soziale Bewegungen Boris Kagarlitzki über die neuesten Ereignisse in Charkow:

"Nichts sagt so viel über den Klassencharakter der sich entwickelnden Konfrontation in der Ukraine aus wie die zwei Menschenmengen, die sich am 7. April in Charkow gegenüberstanden. Auf der einen Seite stand unter den gelb-blauen Nationalfahnen die gut angezogene, gepflegte und wohlhabende Mittelklasse, die Intelligenzija, Studierende. Ihnen gegenüber versammelten sich mit roten Standarten, den russischen Trikoloren und Sankt-Georgs-Bändern ärmlich und schlecht angezogene Leute, Arbeiter, die Vorstadtjugend. Es war klar, dass diese Leute oft grob waren, ungebildet und keine Erfahrung hatten im politischen Kampf, dass sie weder gelernt hatten, in der ukrainischen "Sprache des Staates" schöne Reden zu halten, noch in der eigenen russischen Muttersprache, die auf dem Gebiet des alten Imperiums noch immer die Sprache der Arbeiterklasse war. Noch gestern hatten sie keinerlei Vorstellung von Politik und kein Interesse an ihr. Aber die Ereignisse holten sie ein. Sie begriffen, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte. Die Wut packte sie. Sie betraten den Platz. Sie machen die ersten Schritte bei der kollektiven Verteidigung ihrer Interessen. Sie antworten auf Schläge mit Schlägen, auf Aggressionen mit Aggressionen, auf Übles mit Üblem. Genau das ist Klassenkampf. Nicht der Klassenkampf in den Erzählungen für romantische Jünglinge, sondern der echte, praktische Klassenkampf. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hat zum ersten Mal seit vielen Jahren die Arbeiterklasse begonnen, tätig zu werden. Von Klassenbewusstsein zu sprechen ist natürlich noch zu früh. Sein Niveau ist umgekehrt proportional zur Anzahl der russischen Trikoloren in den Händen der Demonstanten. Aber sogar in der kurzen Erklärung der Republik von Donezk wurde von Kollektiveigentum, Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Interesse geredet. Die Fahne des proletarischen Widerstands ist rot. So war es und so wird es immer sein. Es gibt kein vorgefertigtes Klassenbewusstsein. Klassenbewusstsein formiert und entwickelt sich im Prozess des Kampfes. Es wird von politischen Handlungen geformt. Aber auch wenn es noch zu früh ist, von Klassenbewusstsein zu sprechen, so ist die Konfrontation der Klassen bereits Wirklichkeit geworden."

Montag, 26. Mai 2014

Separatismus und Terrorismus bei Uiguren, Rassismus und Chauvinismus bei den Han




Das muslimische Turkvolk fühlt sich wirtschaftlich, politisch und kulturell von den herrschenden Han-Chinesen unterdrückt. Umgekehrt wirft Chinas Regierung uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

Das schreibt RP Online. Welche Seite hat nun Recht? Ist die Kritik an vermeintlicher Unterdrückung der Uiguren durch Han-Chauvinismus berechtigt? Oder sind Separatismus und Terrorismus die wirklichen Probleme der Region? Sind beide Seiten im Irrtum oder haben beide Seiten Recht? Was kann man glauben und was nicht?

Nach dem Terror vom April und Mai 2014, der mehreren Dutzend Menschen das Leben kostete, verschärft der chinesische Staat seine "Anti-Terror-Kampagne". RP Online schreibt dazu:

Auch landesweit sind die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden. Bewaffnete Polizisten mit schusssicheren Westen patrouillieren die U-Bahnen in den Metropolen, kontrollieren Reisende auf Bahnhöfen oder demonstrieren verstärkt Präsenz auf den Straßen. China erhöhe nicht nur zeitweise die Sicherheitsstufe, sondern mache den "Kampf gegen den Terror" zum Alltag, schrieb die Staatsagentur Xinhua. "Solche Bemühungen sind notwendig geworden, weil das Land anhaltend terroristische Angriffe erlebt."

Der "Kampf gegen den Terror" wird zum Alltag... In den USA, Europa und Israel hat solch ein "Alltag" dazu geführt, dass Bürgerrechte und Freiheiten stark beschränkt und der Willkür der Staatsmacht geopfert wurden. In vielen Ländern gibt es seit einigen Jahren "Anti-Terror"-Gesetze, die dieser Willkürherrschaft als legaler Tarnmantel dienen. Der Staat sorgt mit solchem "Recht" für die "Sicherheit" der Bevölkerung, indem er die eigene Bevölkerung allgemein unter "Terrorverdacht" stellt. Der Staat wird damit gegenüber den Bürgern ermächtigt und verselbständigt.

Unter Politologen spricht man seit einigen Jahren in diesem Sinne von "postdemokratischen" Zuständen, in denen nur noch die Hüllen demokratischer Verfahren bestehen, während der politische Inhalt in diesen Hüllen ein undemokratischer oder sogar antidemokratischer ist. Eine politologische Studie hat vor Kurzem entsprechend festgestellt, dass die USA keine Demokratie, sondern eine Oligarchie sind, dass also nicht das Volk herrsche, sondern eine kleine Minderheit von Superreichen. Ähnliches trifft auf die EU zu, die sogar von liberalen und konservativen Kritikern wegen mangelnder Legitimation und undemokratischer Prozesse kritisiert wird. Man schaue bloß, was Schmidt und Schünemann in ihrer Einführung zur Europäischen Union schreiben, obwohl sie ihr wohl gesonnen sind.

Wie die USA und die EU wurde China nach dem Anschlag vom 11. September 2001 in den paranoiden "Kampf gegen den Terror" gesogen. Schon damals wurde der Staat restriktiver. 2014 verschärft sich das jedoch noch. Der Terror bzw. die gefühlte Terrorgefahr wird zum Alltag, zumindest zum Alltag der Sicherheitsbeamten des Staates. Es ist zu erwarten, dass sie in Zukunft auf Bedrohung sensibler, d.h. aggressiver, reagieren werden als bisher. Man laufe bloß nicht mit nem langen Bart durch die Gegend und schreie "Allahu akbar!" oder dergleichen. Das könnte ungewollt böse enden. Xi Jinping, der Präsident der Volksrepublik, verlautbarte das entsprechende Ziel, "dass die Terroristen so unbeliebt werden wie Ratten, die über die Straße huschen und über die jeder sagt: 'Erschlagt sie!'"

Rassismus und Han-Chauvinismus sind in China keine Hirngespinste. Sogar Mao Zedong, der Gründervater der Volksrepublik, warnte wiederholt vor dem Überlegenheitsgefühl der Han-Chinesen gegenüber den ethnischen Minderheiten in China. So schrieb Mao 1953 mahnend:

In einigen Gebieten sind die Beziehungen zwischen den Nationalitäten bei weitem nicht so, wie sie sein sollten. Für Kommunisten ist das eine unerträgliche Situation. Wir müssen die unter vielen Mitgliedern und Kadern unserer Partei noch in einem ernstzunehmenden Maße existierenden groß-han-chauvinistischen Vorstellungen eingehend kritisieren, die nichts anderes sind als Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie, des für die Kuomintang charakteristischen Denkens im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Nationalitäten. Fehler in dieser Hinsicht müssen unverzüglich berichtigt werden. Delegationen unter der Führung von Genossen, die mit unserer Nationalitäten-Politik gut vertraut sind und tiefe Sympathie für die immer noch unter Diskriminierung leidenden Landsleute der Minderheiten hegen, sollten die von nationalen Minderheiten bewohnten Gebiete besuchen, sich dort ernsthaft der Untersuchungsarbeit und dem Studium widmen und den lokalen Partei- und Regierungsorganen bei der Aufdeckung und Lösung der Probleme helfen. Diese Besuche dürfen auf gar keinen Fall so aussehen, daß man "vom Pferderücken aus die Blumen bewundert".

Genau jener "Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie" ist ein großes Problem des heutigen China. Wie in anderen Ländern versuchen die bewussten Vertreter der herrschenden Klassen auch in China, die Bevölkerung zu spalten. Rassismus und Chauvinismus sind typische Spaltungswerkzeuge herrschender Eliten im Kampf gegen Rebellion und Widerstand der Massen gegen die Eliten. Rassismus und Chauvinismus spalten die Massen. Und sie töten. Den Herrschenden ist daran gelegen, diese Herrschaftsmittel zu kontrollieren. Wenn nötig, werden sie im Sinne der Herrschenden genutzt. Aber ein rassistischer Flächenbrand ist den Eliten meist nicht genehm, denn dann droht ihnen wiederum der Machtverlust. Ein Gleichgewicht von Rassismus und Egalitarismus ist genau das, was für eine stabile Herrschaft für gewöhnlich optimal ist. In umfassenden Krisenzeiten kann sich das ändern und die einseitige Ausrichtung mag den Mächtigen von Vorteil sein.

In einer Gesellschaft wie der heutigen chinesischen kann eine praktische Schürung von Rassismus und Chauvinismus bei formellem Einsatz für Gleichberechtigung für die Eliten durchaus von großem Vorteil sein. Die Wirtschaft Chinas schwächelt im Vergleich zu den letzten drei Jahrzehnten: Es gibt eine Überakkumulation von Kapital und Waren auf der einen Seite und eine Unterversorung mit Gütern auf der anderen Seite. Es gibt nicht nur leer stehende Wohnungen und Häuser, sondern ganze Städte, die menschenleer sind. Die Immobilienblase in China droht ebenso wie in den USA zu platzen. Massenarbeitslosigkeit, niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die mangelnde politische Vertretung der arbeitenden Bevölkerung verbessern die Lage nicht gerade. 300 Millionen WanderarbeiterInnen leben in äußerst prekären Zuständen. Moderne Sklaverei, Kriminalität, Prostitution und Verelendung sind in den unteren und ehemals mittleren Schichten Chinas keine Seltenheit. Alle diese Missstände gefährden potenziell die Ordnung im Land der Mitte, denn der "Extremismus" des Elends kommt aus der Mitte des Landes. Es ist die gewöhnliche Bevölkerung (laobaixing 老百姓), vor der die chinesischen Eliten am meisten Angst haben.

Die Terrorgefahr am Rande Chinas, am Rande der chinesischen Gesellschaft und am Rande der geographischen Mitte des Landes, in Xinjiang etwa, kommt den so furchtsamen Eliten gelegen. Terror und Angst vor dem "Anderen" lenken die gesellschaftliche Mitte selbst von den Kernproblemen der Gesellschaft ab. Nicht mehr Korruption, Bestechung, Kriminalität, Ausbeutung und Unterdrückung durch Staat und Kapital geraten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Vielmehr lenken politische Reaktionen von Terroristen und Separatisten auf diese Kernprobleme die Bevölkerung ab. Die wenigen Sympathisanten von Terror und Abspaltung werden so zum kollektiven Feind der "Mitte". Dieser Feind wird damit zum Opfer des chinesischen Han-Chauvinismus, der es den gewöhnlichen Chinesen ermöglicht, unter sich solidarisch zu bleiben, aber die Probleme der Minderheiten zu bagatellisieren und sie zu diskreditieren.

Wem nützt es? Nicht den Han und nicht den Uiguren, zumindest nicht den gewöhnlichen Menschen unter ihnen. Es nützt den Gewinnern und aufstrebenden Eliten des Landes. Sie profitieren von der Ausbeutung und Unterdrückung, von Terror und Anti-Terror, von Angst und Hass zwischen den Massen, von den "Widersprüchen im Volke" (Mao). Ihre Herrschaft ist unter anderem auf dem Prinzip von "Teile und Herrsche" gebaut. Die Mitte, d.h. die gewöhnlichen Menschen im Land der Mitte, sollten sich nicht spalten lassen entlang von ethnischen oder religiösen Linien. Sie sollten sich zusammentun und das tun, wozu die Hymne der Volksrepublik Chinas sie auffordert...

Montag, 5. Mai 2014

Geburt, Beerdigung und Schändung des Futurismus

Teil 6 der Serie über Marxismus und Kunst. In diesem Artikel geht es um den Leidensweg des Futurismus. In Italien und Russland geboren, verstarb er noch recht jung an Faschismus und Stalinismus. Heute wird er von postmodernen Ideologen und staubtrockenen Professoren geschändet. Der Futurismus ist tot. Es lebe der Futurismus!

Die Gründer des Futurismus: Majakowski, Krutschenych,
Burljuk und Chlebnikow, http://900igr.net

Geburt des Futurismus in Italien und Russland


Die Ursprünge des russischen Futurismus sind nicht allein in Russland zu finden, sondern unter anderem auch in Italien. Beide Länder waren im Vergleich zu den mächtigen Industrienationen England, Frankreich, USA und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg relativ rückständig. Zugleich wurden auch sie bereits von der kapitalistischen Industrialisierung und der bürgerlich-demokratischen Philosophie und Kultur erfasst. In Italien und Russland fand das statt, was "ungleiche und kombinierte Entwicklung" genannt wurde. Beide Länder waren zwar in vielerlei Hinsicht einige Jahrzehnte gegenüber den führenden Nationen im Rückstand, weshalb sie "ungleich" waren. Aber gerade diese Ungleichheit und Zurückgebliebenheit machte Investitionen und neue kulturelle Trends in beiden Ländern attraktiv und lukrativ. Damit sind bei scheinbar ungünstigen Umständen tatsächlich äußerst günstige Zustände geschaffen worden, um einerseits die kapitalistische Industrie und die modernen Klassen im Kapitalismus zu schaffen und um andererseits die neue bürgerlich-demokratische Ideen und moderne Kunst für die bürgerliche Gesellschaft aufblühen zu lassen.

Futuristische Stadtplanung, http://wikipedia.ru

Der Futurismus in Russland wie auch in Italien war eine künstlerische Antwort auf die Fragen der ungleichen und kombinierten Entwicklung beider Länder. Dennoch war der italienische Futurismus zeitlich gesehen dem russischen voraus. 1909 wurde von Filippo Marinetti das erste Manifest des Futurismus veröffentlicht, worauf der russische Futurismus natürlich mehr oder weniger reagiert hat. Schmidt-Bergmann schreibt in seinem Werk über den Futurismus:

denn der italienische Futurismus war zuallererst die ästhetische Manifestation der industriellen Zivilisationsdynamik, die das tradierte Wahrnehmungspotential und "Weltgefühl" zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollständig umzugestalten begann. Damit kam der Futurismus den sozialen Forderungen, die sich aus der Umgestaltung der Industriegesellschaft ergeben hatten, mit als erster entgegen: Die Apotheose von Beschleunigung und Bewegung ist auch ein unmittelbarer Reflex auf die notwendige Veränderung der tradierten Lebensgewohnheiten, das Verschwinden der gewohnten Lebensräume und die sich ankündigende universelle Mobilität. Das daraus sich entwickelnde "Weltgefühl" mußte sich aus dem kontinuierlichen Fluß der Zeit verabschieden und den Sprung aus der Geschichte propagieren. Erinnerung und Tradition sollten eliminiert werden, allein das "Neue" und die Zukunft relevant sein.

Wie drückte der italienische Futurismus dieses Weltgefühl aus? Das Futuristische Manifest von Marinetti erklärt:

... 
7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefaßt werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen. 
8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. 
9. Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes. 
10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht. 
11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrünstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.

Von Italien aus schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den "Futurismus" gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien.
Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern. Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien, die es wie zahllose Friedhöfe über und über bedecken.
... 

Die martialische und ungestüme Sprache der Futuristen entsprach ihrem Drang nach Umwälzung. Zerstörung des Alten und Schwachen und Aufbau des Neuen und Starken waren die tiefsten Bedürfnisse dieser extremen Künstler. Aber was ist alt und was ist schwach? Wieso sollte das Alte und Schwache zerstört werden? Das wird im Manifest nicht wirklich geklärt. Es ist keine tiefgehende philosophische Schrift, keine treffliche Analyse. Es ist bloß der Ausdruck eines Lebensgefühls und einer willkürlichen Zielsetzung. Die Tiraden gegen Akademiker, museale Kunst, Sitten und Gebräuche, Feminismus, Feigheit und Moralismus und die Verherrlichung der Gewalt, der Zerstörung, des Krieges im industriellen Zeitalter zeigen aber, in welche politische Richtung der italienische Futurismus tendierte. Der italienische Futurismus sollte bald ein Bündnis mit dem italienischen Faschismus eingehen.

Anders war die Lage in Russland. Trotzki schrieb über den Zusammenhang von Nation und Kunst:

Es ist kein Zufall und kein Mißverständnis, sondern völlig gesetzmäßig, daß der italienische Futurismus im Strom des Faschismus aufgegangen ist. Der russische Futurismus wurde in einer Gesellschaft geboren, die [...] sich auf die demokratische Februarrevolution vorbereitete. Schon dies brachte unserem Futurismus Vorteile. Er fing die noch unklaren Rhythmen der Aktivität, des Handelns, Ansturms und der Zerstörung ein. Den Kampf um seinen Platz an der Sonne führte er schärfer und entschiedener, vor allem aber lärmender als die ihm vorangegangenen Schulen in Übereinstimmung mit seinem aktivistischen Weltempfinden. Der junge Futurist ging natürlich nicht in die Werke und Fabriken, sondern polterte in den Cafés herum, trommelte mit der Faust auf Rednerpulte, zog sich eine gelbe Bluse an, färbte sich die Backen und drohte wer weiß wem mit der Faust.

Abgesehen von der gesellschaftlichen Lage Russlands und dem künstlerischen Einfluss aus Italien war die künstlerische Welt in Russland in eine Sackgasse geraten. Aber anders als im realen Leben ist eine einfache Rückkehr in der Kunst ausgeschlossen. Die Künstler Russlands vor dem Ersten Weltkrieg mussten einen Ausweg aus der ideologischen Sackgasse finden. Hinter ihnen lagen Puschkins romantischer Realismus ebenso wie Dostojewskis chrislicher Erlösungsutopismus. Links von den Futuristen führte eine Tür in die Richtung des sozialistischen Realismus eines Gorki. Rechts von ihnen gab es den Naturalismus eins Boborykin, den Akmeismus Achmatowas und Gumiljows, den Symbolismus Belys, Bloks und Balmonts, und den Neo-Primitivismus Gontscharowas, Rozanowas und Chlebnikows.

So innovativ die meisten Richtungen teils noch waren, so sinnfrei und dekadent mussten sie angesichts der anstehenden russischen Revolution bleiben. Ihre Sackgasse bestand nicht darin, dass sie keine kreativen Schöpfungen mehr vorweisen konnten. Das konnten sie durchaus. Die Sackgasse bestand darin, dass die Kunst in der revolutionären Situation des damaligen Russland entweder in einem Gulli verschwinden oder zu neuen Höhen aufsteigen musste. Im Gulli der Irrelevanz verschwand die Kunst der Feinde des Sozialismus. Ihre Kunst musste lächerlich und dekadent wirken in einer großartigen Epoche der sozialen Umwälzung.

Die Leiter aus der Gasse heraus roch einem Großteil der Futuristen aber besser. Mit der sozialistischen Leiter verließen die Futuristen die künstlerische Sackgasse. Auf den Dächern der Stadt gewannen sie eine neue Perspektive auf die Welt: Aus hohlen Ansagen wurde ein Programm mit reichem sozialem Gehalt. Aus der trockenen musealen Kunst wurde sozial orientierte Lebenskunst. Aus den russischen Futuristen wurden kommunistische Futuristen. Chlebnikow, Krutschonych, Majakowski, die Gebrüder Burljuk und einige weitere bunte Gestalten können zu dieser sozialistisch-futuristischen Avantgarde gezählt werden.

"Schlag die Weißen mit dem roten Keil!",
http://www.crestock.com/

Die Beerdigung des Futurismus


Die kommunistischen Futuristen, die die russische Revolution begrüßt hatten, machten sich für die bolschewistische Regierung nach 1917 nützlich. Allen voran war Majakowski ein lauter Schreihals der Revolution geworden und produzierte ein Werk nach dem anderen für die revolutionäre Sache. Auch die anderen Futuristen beteiligten sich an der ideologischen Arbeit. Sie nahmen ihre gesellschaftliche Aufgabe als fortschrittliche Künstler sehr ernst. Zu ernst. Als Lenin 1924 starb, verfasste Majakowski ein pompöses marxistisch-leninistisches Pamphlet zu Ehren Lenins. Damit wurde aber auch der Personenkult um Lenin unter seinen Nachfolgern eingeleitet.

Stalin stieg mehr und mehr zum Diktator auf und nutzte die Kunst aus, um seine Herrschaft zu sichern. Die kommunistischen Futuristen wurden so zu nützlichen Idioten der stalinistischen Herrschaft. Die Bürokraten, die nun regierten, interessierten sich zwar nicht für die futuristischen Utopien, aber sie nutzten sie aus, um ihre eigenen Interessen als herrschender Klasse zu verschleiern. Als Majakowski sich dessen bewusst wurde, beging er 1930 Selbstmord. Stalin erwirkte auch einen Personenkult um Majakowski.

Wie der Politiker Lenin wurde auch der Künstler Majakowski zum "marxistisch-leninistischen" Säulenheiligen. Damit endete im Grunde der russische Futurismus, auch wenn die Idee einer vollkommenen Umgestaltung und Ästhetisierung des gesellschaftlichen Lebens gerade von Stalin umgesetzt wurde. Die futuristische Utopie wurde von der stalinistischen Dystopie erdolcht. Ihr Kadaver wurde ausgestopft. Die lebendige Kraft des Futurismus war damit zum musealen Ausstellungsobjekt geworden - etwas, was die Futuristen über alles hassten.

Dass die sozialistischen und futuristischen Utopien in der stalinistischen Dystopie verschwanden, ist eines der tragischsten und komischsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Denn einerseits sind die Ideale von Futuristen und Sozialisten im Stalinismus völlig vernichtet worden, was äußerst tragisch ist. Andererseits wurden Kernforderungen beider im Sinne des Stalinismus zur utopisch-dystopischen Karikatur weiterentwickelt. Nach Krieg, Invasion und Bürgerkrieg hatte zwar der sozialistische Staat überlebt, aber er war unter den Bürokraten unter Stalin nur noch ein Schatten seiner selbst und kein Stück mehr revolutionär, sondern wurde ein bloßes Instrument der Bürokraten.

"Vorwärts zur völligen Vernichtung des Feindes",
http://www.russianartandbooks.com/

In Italien hatte sich der Futurismus früh dem Faschismus zugewandt und Marinetti wurde einer der prominentesten Faschisten. Die Grundideen des italienischen Futurismus wurden unter Mussolinis Herrschaft zum ästhetisch-politischen Minimalprogramm der Faschisten. Wie auch der Stalinismus ästhetisierte der italienische Faschismus die Politik und das gesamte gesellschaftliche Leben. Auch der Hitlerismus in Deutschland ästhetisierte seine verbrecherische Politik in höchstem Maße. Allerdings war der Futurismus in Deutschland bedeutungslos.

Das zeigt auch, wie problematisch die These von einer prinzipiellen Seelenverwandtschaft von Futurismus und Totalitarismus ist. Boris Groys vertritt die These, dass Stalin die Utopie der russischen Futuristen umgesetzt habe. Das ist Blödsinn. Stalin hat bloß eine besonders euphorische und pompöse Darstellung seiner bürokratischen Politik betrieben. Die Farblosigkeit des Bürokraten sollte durch bunte Ausstaffierung verdeckt werden. Lebensfrohe Phrasendrescherei über die Revolution sollte die trockene Sprache des Bürokraten musikalischer machen. Die bornierten Interessen der Bürokratenklasse sollten mit der stalinistischen Hagiographie heilig gesprochen werden. Die Natur des ganzen stalinistischen Regimes war der absolute Gegensatz dessen, was die russische Revolution erreicht hatte. Die futuristische Utopie war in  Gegenteil verkehrt worden.

Der Fortschrittsoptimismus in architektonischer Form

Die Schändung des Futurismus


"Der Blick auf die Avantgarden hat sich verändert", scheibt Schmidt-Bergmann. In der Tat! Das großartige Projekt des Futurismus ist im postmodernen Zeitalter einerseits "dekonstruiert" und andererseits dem neoliberalen Zeitgeist einverleibt worden.

Werbung, Agitation, Design und allgemein die Einheit von Kunst und Leben - genuin futuristische Ideale - dienen heute den kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen, gegen die sich die kommunistischen Futuristen aufgelehnt hatten. In postmoderner Manier wird zudem der soziale Gehalt des Futurismus geleugnet und von seinem sozialen Entstehungshintergrund abgelöst.

Es wird so getan als wäre es Zufall, dass gerade in einer Phase der Revolution und Konterrevolution in Russland und in Italien die futuristische Ästhetik, der italienische Futurismus und der kommunistische Futurismus entstanden. Damit wird das futuristische Projekt nach seiner Ermordung und Beerdigung durch die Bürokraten auch noch von den Professoren geschändet.

Wie traurig! Wie komisch! Wie tragikomisch!

R.I.P. ФУТУРИЗМ.


Bilder von: Leyton Jay, Superpunch and Drawn!,
http://weburbanist.com/.