Posts mit dem Label Maoismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Maoismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 26. Mai 2014

Separatismus und Terrorismus bei Uiguren, Rassismus und Chauvinismus bei den Han




Das muslimische Turkvolk fühlt sich wirtschaftlich, politisch und kulturell von den herrschenden Han-Chinesen unterdrückt. Umgekehrt wirft Chinas Regierung uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

Das schreibt RP Online. Welche Seite hat nun Recht? Ist die Kritik an vermeintlicher Unterdrückung der Uiguren durch Han-Chauvinismus berechtigt? Oder sind Separatismus und Terrorismus die wirklichen Probleme der Region? Sind beide Seiten im Irrtum oder haben beide Seiten Recht? Was kann man glauben und was nicht?

Nach dem Terror vom April und Mai 2014, der mehreren Dutzend Menschen das Leben kostete, verschärft der chinesische Staat seine "Anti-Terror-Kampagne". RP Online schreibt dazu:

Auch landesweit sind die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden. Bewaffnete Polizisten mit schusssicheren Westen patrouillieren die U-Bahnen in den Metropolen, kontrollieren Reisende auf Bahnhöfen oder demonstrieren verstärkt Präsenz auf den Straßen. China erhöhe nicht nur zeitweise die Sicherheitsstufe, sondern mache den "Kampf gegen den Terror" zum Alltag, schrieb die Staatsagentur Xinhua. "Solche Bemühungen sind notwendig geworden, weil das Land anhaltend terroristische Angriffe erlebt."

Der "Kampf gegen den Terror" wird zum Alltag... In den USA, Europa und Israel hat solch ein "Alltag" dazu geführt, dass Bürgerrechte und Freiheiten stark beschränkt und der Willkür der Staatsmacht geopfert wurden. In vielen Ländern gibt es seit einigen Jahren "Anti-Terror"-Gesetze, die dieser Willkürherrschaft als legaler Tarnmantel dienen. Der Staat sorgt mit solchem "Recht" für die "Sicherheit" der Bevölkerung, indem er die eigene Bevölkerung allgemein unter "Terrorverdacht" stellt. Der Staat wird damit gegenüber den Bürgern ermächtigt und verselbständigt.

Unter Politologen spricht man seit einigen Jahren in diesem Sinne von "postdemokratischen" Zuständen, in denen nur noch die Hüllen demokratischer Verfahren bestehen, während der politische Inhalt in diesen Hüllen ein undemokratischer oder sogar antidemokratischer ist. Eine politologische Studie hat vor Kurzem entsprechend festgestellt, dass die USA keine Demokratie, sondern eine Oligarchie sind, dass also nicht das Volk herrsche, sondern eine kleine Minderheit von Superreichen. Ähnliches trifft auf die EU zu, die sogar von liberalen und konservativen Kritikern wegen mangelnder Legitimation und undemokratischer Prozesse kritisiert wird. Man schaue bloß, was Schmidt und Schünemann in ihrer Einführung zur Europäischen Union schreiben, obwohl sie ihr wohl gesonnen sind.

Wie die USA und die EU wurde China nach dem Anschlag vom 11. September 2001 in den paranoiden "Kampf gegen den Terror" gesogen. Schon damals wurde der Staat restriktiver. 2014 verschärft sich das jedoch noch. Der Terror bzw. die gefühlte Terrorgefahr wird zum Alltag, zumindest zum Alltag der Sicherheitsbeamten des Staates. Es ist zu erwarten, dass sie in Zukunft auf Bedrohung sensibler, d.h. aggressiver, reagieren werden als bisher. Man laufe bloß nicht mit nem langen Bart durch die Gegend und schreie "Allahu akbar!" oder dergleichen. Das könnte ungewollt böse enden. Xi Jinping, der Präsident der Volksrepublik, verlautbarte das entsprechende Ziel, "dass die Terroristen so unbeliebt werden wie Ratten, die über die Straße huschen und über die jeder sagt: 'Erschlagt sie!'"

Rassismus und Han-Chauvinismus sind in China keine Hirngespinste. Sogar Mao Zedong, der Gründervater der Volksrepublik, warnte wiederholt vor dem Überlegenheitsgefühl der Han-Chinesen gegenüber den ethnischen Minderheiten in China. So schrieb Mao 1953 mahnend:

In einigen Gebieten sind die Beziehungen zwischen den Nationalitäten bei weitem nicht so, wie sie sein sollten. Für Kommunisten ist das eine unerträgliche Situation. Wir müssen die unter vielen Mitgliedern und Kadern unserer Partei noch in einem ernstzunehmenden Maße existierenden groß-han-chauvinistischen Vorstellungen eingehend kritisieren, die nichts anderes sind als Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie, des für die Kuomintang charakteristischen Denkens im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Nationalitäten. Fehler in dieser Hinsicht müssen unverzüglich berichtigt werden. Delegationen unter der Führung von Genossen, die mit unserer Nationalitäten-Politik gut vertraut sind und tiefe Sympathie für die immer noch unter Diskriminierung leidenden Landsleute der Minderheiten hegen, sollten die von nationalen Minderheiten bewohnten Gebiete besuchen, sich dort ernsthaft der Untersuchungsarbeit und dem Studium widmen und den lokalen Partei- und Regierungsorganen bei der Aufdeckung und Lösung der Probleme helfen. Diese Besuche dürfen auf gar keinen Fall so aussehen, daß man "vom Pferderücken aus die Blumen bewundert".

Genau jener "Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie" ist ein großes Problem des heutigen China. Wie in anderen Ländern versuchen die bewussten Vertreter der herrschenden Klassen auch in China, die Bevölkerung zu spalten. Rassismus und Chauvinismus sind typische Spaltungswerkzeuge herrschender Eliten im Kampf gegen Rebellion und Widerstand der Massen gegen die Eliten. Rassismus und Chauvinismus spalten die Massen. Und sie töten. Den Herrschenden ist daran gelegen, diese Herrschaftsmittel zu kontrollieren. Wenn nötig, werden sie im Sinne der Herrschenden genutzt. Aber ein rassistischer Flächenbrand ist den Eliten meist nicht genehm, denn dann droht ihnen wiederum der Machtverlust. Ein Gleichgewicht von Rassismus und Egalitarismus ist genau das, was für eine stabile Herrschaft für gewöhnlich optimal ist. In umfassenden Krisenzeiten kann sich das ändern und die einseitige Ausrichtung mag den Mächtigen von Vorteil sein.

In einer Gesellschaft wie der heutigen chinesischen kann eine praktische Schürung von Rassismus und Chauvinismus bei formellem Einsatz für Gleichberechtigung für die Eliten durchaus von großem Vorteil sein. Die Wirtschaft Chinas schwächelt im Vergleich zu den letzten drei Jahrzehnten: Es gibt eine Überakkumulation von Kapital und Waren auf der einen Seite und eine Unterversorung mit Gütern auf der anderen Seite. Es gibt nicht nur leer stehende Wohnungen und Häuser, sondern ganze Städte, die menschenleer sind. Die Immobilienblase in China droht ebenso wie in den USA zu platzen. Massenarbeitslosigkeit, niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die mangelnde politische Vertretung der arbeitenden Bevölkerung verbessern die Lage nicht gerade. 300 Millionen WanderarbeiterInnen leben in äußerst prekären Zuständen. Moderne Sklaverei, Kriminalität, Prostitution und Verelendung sind in den unteren und ehemals mittleren Schichten Chinas keine Seltenheit. Alle diese Missstände gefährden potenziell die Ordnung im Land der Mitte, denn der "Extremismus" des Elends kommt aus der Mitte des Landes. Es ist die gewöhnliche Bevölkerung (laobaixing 老百姓), vor der die chinesischen Eliten am meisten Angst haben.

Die Terrorgefahr am Rande Chinas, am Rande der chinesischen Gesellschaft und am Rande der geographischen Mitte des Landes, in Xinjiang etwa, kommt den so furchtsamen Eliten gelegen. Terror und Angst vor dem "Anderen" lenken die gesellschaftliche Mitte selbst von den Kernproblemen der Gesellschaft ab. Nicht mehr Korruption, Bestechung, Kriminalität, Ausbeutung und Unterdrückung durch Staat und Kapital geraten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Vielmehr lenken politische Reaktionen von Terroristen und Separatisten auf diese Kernprobleme die Bevölkerung ab. Die wenigen Sympathisanten von Terror und Abspaltung werden so zum kollektiven Feind der "Mitte". Dieser Feind wird damit zum Opfer des chinesischen Han-Chauvinismus, der es den gewöhnlichen Chinesen ermöglicht, unter sich solidarisch zu bleiben, aber die Probleme der Minderheiten zu bagatellisieren und sie zu diskreditieren.

Wem nützt es? Nicht den Han und nicht den Uiguren, zumindest nicht den gewöhnlichen Menschen unter ihnen. Es nützt den Gewinnern und aufstrebenden Eliten des Landes. Sie profitieren von der Ausbeutung und Unterdrückung, von Terror und Anti-Terror, von Angst und Hass zwischen den Massen, von den "Widersprüchen im Volke" (Mao). Ihre Herrschaft ist unter anderem auf dem Prinzip von "Teile und Herrsche" gebaut. Die Mitte, d.h. die gewöhnlichen Menschen im Land der Mitte, sollten sich nicht spalten lassen entlang von ethnischen oder religiösen Linien. Sie sollten sich zusammentun und das tun, wozu die Hymne der Volksrepublik Chinas sie auffordert...

Mittwoch, 26. Februar 2014

Über den Klassenkampf der Arbeiter in der VR China

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" und die Geschichte der Volksrepublik China ist ein besonders spannender Abschnitt dieser Geschichte. Die VR China heute ist ein Land mit den schärfsten Klassenkämpfen und und dem größten revolutionären Potenzial. Allerdings hält sich die Staatsmacht trotz dieser Klassenkämpfe am Leben und die herrschenden Klassen Chinas haben das Ruder noch immer fest im Griff. Einige Anmerkungen dazu im Folgenden.

Beispiele für einprägsame Klassenkampf-Ereignisse


Tiananmen-Revolution, 1989


1989 kam es faktisch zu einer revolutionären Situation in China. Arbeiter und die kleinbürgerliche Intelligenzija - vor allem Studierende, aber auch Professoren - besetzten und umringten in Peking wochenlang den Platz des Himmlischen Friedens (tiananmen guanchang 天安门广场).

Allein bei Peking sollen an die 5 Millionen Demonstranten beteiligt gewesen sein. Aber es kam zu weiteren ähnlichen Aktionen in anderen Teilen des Landes. Die Demonstanten stellten nicht nur ökonomische, sondern auch weitgehende politische Forderungen, die sich immer weiter zuspitzten. Es wurde u.a. eine Demokratisierung des Landes und die Absetzung so mächtiger Einzelpersonen wie Deng Xiaoping und Li Peng gefordert. 300.000 Soldaten wurden um Peking herum zusammengezogen, um die Stadt zu sichern. Ca. 30.000 Soldaten wurden dann am 4. Juni zum Tiananmen abkommandiert, um den Platz gewaltsam zu räumen. Dabei wurde vor allem die Arbeiterschaft brutal niedergemetzelt, während die Studierenden eher wenige Tote zu verzeichnen hatten. Denn die Arbeiter waren die gefährlichere Kraft und zugleich für den Staat entbehrbarer. Allerdings wurden die Führer beider Gruppen oft für Jahre inhaftiert oder gleich ermordet. Auch der so genannte "Tank Man", der sich am nächsten Tag vor die einrollenden Panzer stellte, wurde entsorgt. Damit ist die fatale Niederschlagung der Revolution vom Tiananmen erfolgt.

Soldaten räumen den Platz des himmlischen Friedens unfriedlich

Wenn ein Staat, der von Militärs, Bürokraten und Kapitalisten geleitet wird Arbeiter und Studierende gewaltsam unterdrückt, die sich in Massen organisieren, um Demokratie und soziale Forderungen durchzusetzen, dann kann das kaum etwas anderes sein als eine Konterrevolution.

Nach dieser Konterrevolution folgte eine längere Phase der Demotivation. Vor allem wurden die Intellektuellen davon abgeschreckt, sich offen den Angriffen durch den Staat auszusetzen. Die ganze Kultur Chinas wurde davon betroffen. Es ist kein Wunder, dass die "Müll-Literatur", wie Professor Kubin sie nennt, seither einen Aufschwung aufwies. Denn große gesellschaftspolitische Themen waren zu brisant für die kleinbürgerliche Intelligenzija, die ihre neuen Privilegien in der Phase nach Mao nicht umsonst opfern wollten.

Aber auch um die Arbeiterklasse wurde es eine Weile lang still. Die Ruhe endete jedoch mit den Reformen des staatlichen Sektors. Denn es sollte die Hälfte der Arbeiterschaft in den Staats- und Kollektivbetrieben - im so genannten "sozialistischen Sektor" - wegrationalisiert werden.

Die staatlichen Arbeiter, die offiziell noch als "herrschende Klasse" gehandelt wurden, waren empört von dieser Behandlung. Ihre Privilegien wollten sie nicht verlieren. Massive Proteste nahmen in den Jahren rund um die Millenniumswende extrem zu. Eines der bedeutendsten Ereignisse war die Daqing-Rebellion 2002.





Daqing-Rebellion, 2002


2002 kam es zu einer massenhaften Rebellion, die revolutionäres Potenzial hatte. Es kam zur Entlassung von Ölfeld-Arbeitern beim berühmten Ölfeld von Daqing. Die Arbeiter protestierten zunächst gegen „unfaire“ Abfindungen nach massiven Entlassungen und die Unfähigkeit und Böswilligkeit der staatlichen Bürokraten der Ölförderung. Drei Wochen Straßenprotest von ca. 50.000 Arbeitern alarmierten die Herrschenden. Es kam wie in Peking 1989 zur Abriegelung der Stadt, auf die wiederum eine gewaltsame Niederschlagung der Rebellion folgte. Weitere Proteste im Gefolge dieser Rebellion in anderen Örtlichkeiten und Provinzen wurden ebenfalls unterdrückt. Aber das hinderte das Proletariat nicht daran, später erneut zu rebellieren, wie die Liaoyang-Unruhen von 2002 und 2003 zeigten.

Liaoyang-Unruhen, 2002-2003 


Lohnrückstände, Entlassungen, Renten-Streichungen, bekannte Fälle von Korruption durch die staatlichen Vertreter und Polizeigewalt verleiteten die Arbeiter von Liaoyang im Nordosten Chinas zu Protesten, die sich über ein Jahr lang hinzogen. In der Hochphase der Unruhen kamen bis zu 30.000 Arbeiter auf die Straßen der Stadt. Versprechungen und Einschüchterungen durch die KPCh-Bürokraten reichten zur Beendigung der Unruhen nicht aus, sodass es schließlich wieder zur gewalttätigen Repression durch die Staatsmacht kam. Auch hier kam es damit zur Niederlage der Bewegung. Zwei der Rädelsführer wurden für 7 und 4 Jahre inhaftiert. Der China Labour Bulletin verfolgte die ungerechte Klassenjustiz des chinesischen Staates aufmerksam. Aber auch diese staatliche Unterdrückung verhinderte weitere Proteste keineswegs. In der Streikwelle von 2010 zeigten die chinesischen Arbeiter erneut, was sie drauf haben.

Streikwelle, Mai-Juli 2010


Arbeitskräftemangel war ein relativ neues Problem im bevölkerungsreichen China. Im Süden des Landes gibt es aber seit Jahren tatsächlich eine wachsende Arbeitslosigkeit und andererseits einen Mangel an benötigten Arbeitern. Zugleich war der Umsatzzuwachs in der Automobilindustrie enorm, während die Mindestlöhne, die es in China formal gibt, nur minimal gestiegen oder faktisch sogar gesunken sind. Anfang 2010 kam es daher zu Protesten, die durch Auslagerungen, Kündigungen, versteckte Lohnkürzungen und eine Selbstmordwelle beim Apple-Zulieferer Foxconn ausgelöst wurden. Es kam zu einer enormen Ausbreitung der Streiks im Süden. Die Streiks waren hierbei auffällig offensive Lohnkämpfe, die ökonomische mit politischen Forderungen wie Demokratisierung der Betriebsstrukturen verbanden. Zudem war die Streikwelle äußerst erfolgreich, denn es kam zu Lohnzuwächsen von sagenhaften 30%! Es gibt wohl kein anderes Land der Welt, wo es solche erfolgreichen Lohnkämpfe gibt. Aber wieso war diese Streikwelle so erfolgreich? Die Arbeiter in der Automobilindustrie hatten seit einiger Zeit an Macht gewonnen, weil sie gut vernetzt waren und weil die Produktionsweise im Automobilsektor sich gewandelt hatte. Es gibt dort nämlich die für Arbeitsstops sehr anfällige Just-in-time-Produktion, die flexibel und spontan auf Aufträge reagiert. Das macht ermöglicht es den Arbeitern, ebenso flexibel die Just-in-time-Produktion just im rechten Augenblick zu verhindern, was enorme Kosten verursacht und den Kapitalisten besonders weh tut. Sie haben daher furchtbare Angst vor einem derartig flexiblen und selbstbewussten Proletariat.

Erklärung der Klassenkämpfe


Wie kann man diese Klassenkämpfe, ihre Ursachen, ihre Form, ihren Verlauf und ihre Wirkung erklären? Wieso laufen die Kämpfe so anders ab als z.B. in Deutschland?

Das Gemeinsame der Klassenkämpfe in China


Was sind nun die Gemeinsamkeiten dieser verschiedenen Beispiele? Es kommt immer wieder zu politischen Forderungen, die weit über die begrenzten Anliegen der Lohnerhöhnung etc. hinausgehen. Es kommt scheinbar spontan zur Organisation der Proteste. Oft gibt es ungewollte Auslöser durch die Staatsmacht oder die Kapitalseite, die dann spontan Empörung auslösen. Es kommt immer wieder auch zur Gründung autonomer Gewerkschaften oder Arbeiterräte, die eine flexible und demokratisch gewählte Führung der Arbeiterklasse darstellen, während die offizielle Staatsgewerkschaft ACFTU hauptsächlich ein staatlicher Apparat zur Kontrolle des Proletariats ist. Die auffälligen Tendenzen zur Ausbreitung der Aktionen sind ebenso bemerkenswert. Allerdings ist genauso wenig zu missachten, dass die staatliche Gewalt sich stets darum bemüht, die Ausbreitung der Proteste zu verhindern. Es ist ohnehin eines der bemerkenswertesten Charakteristiken der chinesischen Klassenkämpfe, dass der Staat sich ständig einmischt. Der chinesische Kapitalismus ist immerhin ein bürokratischer Staatskapitalismus, der sich seit Jahrzehnten rasant liberalisiert, aber die staatliche Bürokratie nicht aufzulösen beabsichtigt und dem Markt auch keineswegs völlige "Handlungsfreiheit" gewährt. Wie in anderen Ländern soll der Markt ja vor allem den herrschenden Klassen dienen. Ein freier Markt, in dem es zu autonomen Aushandlungen zwischen Kapital und Arbeit kommt, liegt nicht im Interesse der Kapitalseite. Der chinesische Staat ist nicht viel mehr als ein notwendiges Immunsystem oder ein Organ des Kapitals, damit es funktionieren kann. Ohne die Staatsmacht wäre das Kapital bald eine kränkliche Hülle, die von den Arbeitern ordentlich bearbeitet würde. Es wäre ein wehrloses Prügelopfer gegenüber der proletarischen Faust.

Wirtschaftsdaten


Die Urbanisierung erreichte in China erst in den letzten Jahren 50%-Quote. Die Hälfte der Chinesen gehört damit zur städtischen Bevölkerung. Zu Maos Zeiten war die Quote noch weitaus geringer. In einem so bevölkerungsreichen Land wie China heißt das: in den letzten paar Jahrzehnten kam es zur rasantesten Urbanisierung, die die Menschheit bisher erlebt hat. Hunderte von Millionen von rural lebenden Menschen sind urbane Bewohner geworden. Damit einher ging die Verwandlung von weit über 200 Millionen Bauern in Wanderarbeiter.

Die Wanderarbeiter markieren zudem die Industrialisierung Chinas, die ebenfalls einen einmaligen Prozess in der Geschichte darstellt. Industrie ersetzt immer mehr die primitive Kleinstproduktion in Handwerk und Landwirtschaft. Damit einher geht die Ersetzung des hunderte Millionen zählenden alten ruralen Kleinbürgertums in China durch das moderne Proletariat.

Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft ist ebenfalls ein Superlativ. Noch nie gab es in der Weltgeschichte eine so rasant verlaufende Vervielfachung eines nationalen Bruttoinlandsprodukts. Andere Staaten können davon nur träumen und tun es tatsächlich auch. Das chinesische Modell wird überall auf der Welt eifrig studiert, um es nachzuahmen, was allerdings nicht so einfach ist. In demokratischen Ländern müssen dafür zunächst die demokratischen Verhältnisse abgebaut werden und in anderen zurückgebliebenen Ländern müssen erst einmal die staatlichen und internationalen Handels- und Investitionsbedingungen geschaffen werden, die China so begünstigten. Nicht einmal Indien, ein vergleichbares Land, kann China nachahmen.

Allerdings sind die westlichen Staaten bereits eifrig dabei, die demokratischen Errungenschaften abzubauen, die in China die Kapitalakkumulation nicht behindern. Europa bricht auch deswegen auseinander. Denn ein Europa des reinen Kapitals ist unsolidarisch und muss in Chaos auseinanderfallen. Genau das ist der gegenwärtige Prozess. Entweder wird er durch eine soziale Union der europäischen Staaten zurückgenommen oder er wird in eine autoritäre, autokratische europäische Staatsmacht münden, die alle Proteste seiner Bevölkerung im Keim erstickt, so wie es auch in China versucht wird.

Die Lohnsteigerungen in China kamen trotz ihres Wachstum nicht im Geringsten dem Wachstum der Produktivität, der Warenproduktion, der Kapitalakkumulation und den Profiten der Kapitalisten nach. Die moralische Entrüstung der chinesischen Bevölkerung darf nicht verwundern. Die unglaublichen Reichtümer, die sich in China ansammeln, sind so gewaltig, dass man damit einen Großteil der Weltprobleme beseitigen könnte. Allerdings haben die Kapitalisten daran momentan kein Interesse. Es ist für sie günstiger, dreckig, asozial und antidemokratisch zu wirtschaften. Erst wenn die sozialpolitische und ökologische Krise in China solche Ausmaße angenommen hat, dass sie die Existenz des Kapitals an sich bedroht durch den Aufstand einer proletarischen Klasse für sich wird es zu einer radikalen Wandlung der kapitalistischen Produktionsweise in China kommen. Und die historischen Beispiele zeigen, dass dieser revolutionäre Ausbruch nicht allzu fern ist.

Entlassungen und Unterbeschäftigung sind ein Teil des Arbeitslosigkeitsproblems in China. Offiziell liegt sie bei unter 10%, in der Realität dürfte sie eher zwischen 20 und 30% liegen. 30% Arbeitslosigkeit in China sind über 200 Millionen Menschen, die kaum einer geregelten Arbeit nachgehen können. Natürlich sind das zumeist Wanderarbeiter, die gerade so überleben. Aber auch unter den städtischen Bewohnern mit städtischer Wohnerlaubnis und Anbindung ("hukou" 户口) gibt es prekarisierte Elemente, die sich als Tagelöhner, Bettler, "Müllmenschen", Prostituierte, Kleinkriminelle etc. durchschlagen müssen. Die elenden Verhältnisse dieser Menschen werfen ein schlechtes Licht auf den "Sozialismus mit chinesischen Merkmalen", der nie ein Sozialismus war, sondern immer schon ein bürokratischer Staatskapitalismus.

Klassenkampf-Superlative


In China gibt es lauter Klassenkampf-Superlative, die kaum zu schlagen sind. Es gibt die größten Klassen in diesem Land: die größte Arbeiterklasse, die größte Klasse an Wanderarbeitern und die größte Bauernklasse, sofern man die Wanderarbeiter dazuzählt. Es kam mit der den angeblich fünf Millionen Protestlern in der Tiananmen-Revolution zum größten streikartigen Vorfall in einer einzigen Stadt, in Peking. Es gibt in China die längsten Schichten, die längsten Wochenarbeitszeiten, die längsten Lohnrückstande, die über Jahr gehen können, die größten Lohnerkämpfungen von bis zu 30% und den rasantesten Anstieg kollektiver Aktionen und Petitionen.

Die Massenvorfälle zwischen 1993 und 2005 sind gemäß offiziellen Zahlen in 12 Jahren auf das Zehnfache angestiegen, tatsächlich sind sie vermutlich aber noch rasanter gestiegen. Zudem werden die staatlichen Statistiken zu solchen Zahlen nicht mehr öffentlich zugänglich gemacht.








 

Daten zur Arbeiterklasse


Wie sieht die Arbeiterklasse in China aus? Von 1,3 Mrd. Chinesen sind etwa 650 Mio. Städter (50%), 761 Mio. Beschäftigte (56%), 350-400 Mio. sind Arbeiter (-30%), 250 Mio. Wanderarbeiter meist im privaten Sektor (18%) und 65 Mio. Staatsarbeiter (5%). Die Zahlen sind nur ein ungefährer Richtwert. Es gibt scharfe Diskussionen über die Gültigkeit solcher Zahlen. Zudem muss man für eine ordentliche Klassenanalyse Chinas eigentlich eine leistungsstärkere Klassentheorie nutzen als sie bisher existiert. Die bisherigen Klassentheorien sind oft zu schematisch, zu analytisch oder zu diffus. Es fehlt ihnen an Dialektik, um es mal so auszudrücken. Aber dazu später mal mehr.

Politik in der Reform-Ära


Das Problem der Revolution durch die chinesische Arbeiterklasse ist wie in anderen Ländern vielschichtig, aber durchschaubar. Es gibt den Mechanismus der Verbürgerlichung der Arbeiter, aber ebenso auch die Spaltung, Fragmentierung und Isolierung der Arbeiter. Zudem kommt es zu verschiedensten Unterdrückungsmaßnahmen durch den Staat und andere Klassen und Klassenfraktionen.

Die hegemoniale Ideologie im neuen China ist von Konsum-Wahn, Individualismus, Sozialdarwinismus und Entpolitisierung geprägt. Die Arbeiter werden zunehmend aus der alten maoistischen Einbindung im Betrieb herausgelöst und ihrem Schicksal überlassen. Zugleich schaffen sie es meist nicht, sich von einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich zu wandeln. Die bürgerliche Gesellschaft in China verhindert das weitgehend. Und sobald die Arbeiter zur Klasse für sich werden, zu selbstbewussten Mitgliedern einer sozialen Schicksalsgemeinschaft, die im Widerspruch zum Kapital steht, wird sie durch die Klassenfeinde bekämpft.

Die Politik wird von "Technokraten" geführt, die die chinesische Bevölkerung im Grunde als formbare Masse, als Instrument und Menschenmaterial betrachten, mit dem zwar nicht zu spaßen ist, das aber geschickt gelenkt werden kann. Die Biomasse der chinesischen Bevölkerung wird somit von einer "Biopolitik" der Technokraten den technokratischen Ansprüchen des chinesischen Kapitals entsprechend bearbeitet. Die chinesische Technokratie ist einerseits äußerst rückständig und andererseits ziemlich fortgeschritten. Auf den "eisernen Sesseln" in China sitzen die geschicktesten Politiker, die die Welt je gesehen hat. Allerdings sind sie noch gezwungen, die "eisernen Reisschalen" der chinesischen Bevölkerung mit plumpen Methoden zu zerschlagen. Sobald Chinas Gesellschaft den sozialen Standard des heutigen Westens aufgeholt hat, wird die chinesische Technokratie womöglich der eleganteste Herrschaftsapparat der Weltgeschichte sein. Aber vielleicht wird das auch von inneren oder äußeren Konflikten verhindert werden. Kommen wir zu den inneren Konflikten zurück.

Die zwei großen Protest-Regionen in China


In China gibt es zwei Regionen, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch sozial, kulturell, politisch und ökonomisch auffällig unterscheiden. Die wunderbare Chinaforscherin Ching Kwan Lee hat den Unterschied der beiden Regionen in Bezug auf die Arbeiterklasse meisterlich nachgezeichnet. Ching Kwan Lee zufolge gibt es die Region des nordöstlichen "Rustbelt" einerseits und die südöstliche Region des "Sunbelt" andererseits.

Im Nordosten ist traditionell die staatliche Schwerindustrie mit ihren schwerfälligen Staatsbetrieben und den fest angestellten Arbeitern angesiedelt. Die Staatsarbeiter wurden lange Zeit als die "herrschende Klasse" in China stilisiert. Das hatte natürlich mit der Realität nur sehr wenig gemein, aber diente der Ruhighaltung dieser gefährlichen Fraktion der Arbeiterklasse. Die Abwicklung großer Teile der staatlichen Industrie war daher der Hauptgrund für die Arbeiterproteste im Nordosten. Die Staatsarbeiter im Norden argumentieren gerne mit ihrer traditionellen Bevorzugung als "herrschende Klasse" und als "Führer des Betriebs" im chinesischen "Sozialismus", um sozialen Kahlschlag zu verhindern. Dabei genießen sie oft die Sympathie aus der Bevölkerung.

Im Südosten ist die private Leichtindustrie chinesischer und ausländischer Konzerne beheimatet. Rasantes Wachstum der exportorientierten Privatwirtschaft sorgte für den ebenso rasanten Aufstieg der südöstlichen Arbeiterschaft, die zum großen Teil aus Wanderarbeitern vom Land besteht. In den letzten Jahren sind diese Arbeiter immer selbstbewusster geworden. Anders als die Staatsarbeiter argumentieren die Wanderarbeiter weniger mit Privilegien in der Mao-Zeit, die sie ja nicht hatten, zumal diese Klasse relativ jung ist. Sie argumentieren eher mit Rechtsstaatlichkeit und unerträglichen Zuständen. Anders als die Staatsarbeiter genießen die Wanderarbeiter, die im Grunde innerchinesische Migranten sind, nicht allzu viel Respekt vom Rest der Bevölkerung. Sie werden oft diffamiert, diskriminiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Oft haben sie keine Erlaubnis, in den Städten dauerhaft zu verbleiben. Der "hukou", die rurale Anbindung dieser Menschen durch den Staat, ist eine Form der Apartheid gegenüber den Arbeitern vom Land. Damit wird die chinesische Bevölkerung auf diskriminierende Weise gespalten. Der Sozialchauvinismus oder -darwinismus der nunmehr unpolitischen und neoliberal gesinnten Chinesen tut sein Übriges.


China. Diagonal nordöstlich von Yinchuan, Zhengzhou und Nanjing ist der Nordosten Chinas. Diagonal südöstlich von Qufu, Wuhan und Kunming ist der Südosten Chinas. Diese beiden Linien markieren die zwei großen Protestregionen des Landes.























Donnerstag, 16. Januar 2014

Aufhebung oder Ausborgung des Bürgertums?

Nur die Linksradikalen können das Bürgertum einer Wurzelbehandlung unterziehen. Was heißt es aber, linksradikal zu sein und was heißt hier Bürgertum? Und was soll dieser irre machende Titel Aufhebung oder Ausborgung des Bürgertums?!?

Einstellungen zum Bürgertum


Es gibt verschiedene, mehr oder weniger fortschrittliche Haltungen zum Bürgertum: Von Konservativen wird die bürgerliche Gesellschaft aufbewahrt, von Liberalen wird sie entfesselt, von Linksliberalen wird sie als sozial und demokratisch verkauft, von Bauchlinken wird sie schlecht verdaut, von Linken wird sie bekämpft und vorangetrieben und von Linksradikalen wird sie hoffentlich mal entwurzelt.* Radikal sein heißt ja bekanntlich, die Sache an der Wurzel (lat. radix) zu fassen. Ärgerlich ist, dass die Wurzel des Bürgertums viel tiefer reicht als uns lieb sein sollte.

Verwurzelung des Bürgertums


Eines der unzähligen Probleme der bürgerlichen Gesellschaft ist, das sie in sämtlichen Köpfen ihrer "Bürger" Wurzeln schlägt. Nicht nur die Angehörigen der bürgerlichen Klassen, Schichten oder Milieus sind bürgerlich. Auch die proletarische Klasse und andere scheinbar nicht-bürgerliche Gruppen sind in der bürgerlichen Gesellschaft verwurzelt und damit "Bürger" oder "Staatsbürger". Es ist also nicht so, dass sich prinzipiell bürgerliche Gruppen und prinzipiell antibürgerliche Klassen gegenüberstehen.

Sämtliche Gruppen in der bürgerlichen Gesellschaft sind bürgerlich. Das gilt auch und in besonderem Maße für die Arbeiterklasse. Die Frage ist also nicht (mehr), ob die Arbeiterklasse verbürgerlicht. Sie ist schon lange verbürgerlicht. Die Frage ist viel mehr, ob die Verbürgerlichung der Arbeiterklasse, ob die Verwurzelung des Bürgertums in der Arbeiterklasse aufgehoben werden kann. Es geht um Aufhebung von Staat, Kapital, Nation, Bürokratie, Herrschaft und Klassengeschichte.

Und die noch wichtigere Frage ist, wie aufgehoben werden kann. Denn diverse bisherige Versuche der Aufhebung des Bürgertums scheiterten jämmerlich. Bisher wurde nur ausgeborgt und nicht aufgehoben. Die verbrecherische, physische Liquidierung des Bürgertums ist ein Beispiel dafür, da sie nur zur Ausborgung** des Bürgertums durch staatliche Bürokratien geführt hat.

Verbrecherische Liquidierung des Bürgertums


Der Versuch der physischen Liquidierung des Bürgertums durch "roten" Terror kann nichts als Vernichtung von Leben und Produktivkräften bringen. Einen großen Fortschritt bedeutet das nicht. Im Gegenteil. Physische Liquidierung des Bürgertums ist ein kleiner Schritt für den roten Bürokraten, aber ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Denn der Bürokrat ist definitionsgemäß
  1. "jemand, der in der Anwendung und Auslegung von Bestimmungen einem starren Formalismus verhaftet ist" (Duden)
  2. jemand, der "sich pedantisch und übergenau an Vorschriften" klammert bzw. "auf die Einhaltung von Vorschriften" pocht.
  3. ein "Beamter oder Angestellter, der einem Unterordnungsprinzip, eindeutig geregelten Entscheidungsbefugnissen sowie einer Reihe von verhaltensreglementierenden Vorschriften unterliegt. Als abgeleiteter Begriff der Bürokratie wird damit die infolge der zahlreichen Regeln sich ergebende Inflexibilität der Bürokrat im Sinn einer negativen Wortbedeutung unterstellt." (sic! Gabler Wirtschaftslexikon)

Und laut Meyers Konversationslexikon sei die "Schreibstubenherrschaft" eine 

"Bezeichnung für eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das Verständnis für die praktischen Bedürfnisse des Volkes gebricht. Auch eine solche Beamtenschaft und ihre Angehörigen nennt man Büreaukratie. Der Boden der Büreaukratie ist der Absolutismus. Das bürokratische Regiment kennzeichnet die Zeit des Polizeistaates, der polizeilichen Bevormundung des Volkes während des 19. Jahrhunderts. Die Begründung der konstitutionellen Regierungsform, das freie Vereins- und Versammlungsrecht, die Bedeutung der Presse für die öffentliche Erörterung der Staatsangelegenheiten, die Anerkennung des Selbstverwaltungsrechts der Gemeinden und höheren Gemeindeverbände sind Momente, welche ein bürokratisches Regiment in der Gegenwart ausschließen. Die Ausdrücke Büreaukratie und Büreaukratismus werden auch als gleichbedeutend mit der Bezeichnung 'büreaukratisches System' gebraucht."

Diese Definitionen treffen auf die Herrschaft der bürokratischen Klasse des ehemaligen Ostblocks ganz gut zu, um nicht zu sagen: so gut wie die proletarische Faust auf das Auge des Bürokraten. Die roten Bürokratien des Ostblocks waren spätestens ab den 1930er Jahren im Grunde immer rückschrittliche Formen der bürgerlichen Herrschaft. Es waren "Staatsbourgeoisien" oder "Staatskapitalisten", deren Herrschaft ebenso unmenschlich war wie die der Bourgeoisien und Kapitalisten andernorts. 

Oder sind Stalin, Mao oder die Kims für ihre hochmodernen und humanen Gesellschaftssysteme bekannt geworden? Eher nicht. Pol Pot ließ sogar Brillenträger ermorden, weil sie so bürgerlich-intellektuell wirkten. Hätte dieser erbärmliche Pisser meine krasse Brille nur anfassen können! Dem hätte ich 'ne Schelle verpasst, die er nicht überstanden hätte. Egal. Kommen wir zurück zur Hauptidee dieses Artikels: verbrecherische, physische Liquidierung des Bürgertums reicht nicht zur Überwindung des Bürgertums, sondern ist bloß eine Form der Ausborgung des Bürgertums. Es ist im Grunde der Versuch des in die Ecke getriebenen Köters, den Angreifer mit roher Gewalt zu besiegen, wobei der Angreifer eben nicht ein Einzelner ist, sondern eine große Gruppe. So ein Hund wird leider eingeschläfert, weil er gemeingefährlich geworden ist. Er hätte gar nicht erst in die Ecke getrieben werden dürfen.

Aufhebung und Ausborgung des Bürgertums


Die bürgerliche Gesellschaft, das Bürgertum und die Bürgerlichkeit lassen sich mit Gewalt nicht in Frieden, Freude und Eierkuchen verwandeln. Zwar hatte Mao Zedong irgendwie schon Recht als er feststellte:

"Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken; sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt."

Aber auch Mao, den großen Lehrmeister der östlichen Bürokraten, hätte ich sehr gerne physisch bestraft für seine Übertreibungen. Immerhin: Solange die Herrschenden sich gegen die Revolution mit Gewalt wehren, stimmt Maos Feststellung sogar. Und das tun sie bisher immer. Sobald ein "großer Sprung nach vorne" in Form einer sozialen Revolution droht, in dem die Menschheit mehr Freiheit erlangen kann, reagieren die Herrschenden darauf, indem sie sich in Form einer gegenrevolutionären Klasse formieren, um den drohenden Fortschritt aufzuhalten. Sie "ver- und zertreten" die Bevölkerung dann noch mehr als ohnehin schon.

So 1848, als eine radikaldemokratische Revolutionswelle ganz Europa erfasste und die alten Könige, Tyrannen und Diktatoren durch demokratische Systeme zu ersetzen drohte. Oder wie 1871, als im preußisch-französischen Krieg die die französische Hauptstadt von ihrer radikalisierten Bevölkerung in die legendäre "Pariser Kommune" verwandelt wurde, die den ersten ernsthaften Versuch darstellte, eine sozialistische Staatsmacht aufzubauen. Oder auch 1905 in Russland, als die radikalen Arbeiter und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen und die linksradikalen Intellektuellen ohne Geschlecht drohten, den erzreaktionären Zaren und den Adel zu entmachten.

In diesen und vielen, vielen, wirklich sehr vielen anderen Fällen haben die Herrschenden den Fortschritt der Menschheit mit Blutvergießen und Terror zurückgeschlagen. Das tun sie praktisch immer. Und sie haben damit bislang immer Erfolg gehabt - sonst würden wir schon in einer besseren Welt leben, die keine systematische Unterdrückung und Ausbeutung kennt. Es sind immer nur neue Klassengesellschaften mit neuen herrschenden Klassen entstanden, die dann auch wieder Terror nutzten, um ihr Bürgertum zu retten. Die kernigeren Stalinisten und diejenigen unter den Linken, die zum irrationalen Klassenhass und zu Gewaltexzessen neigen, rufen daher im Grunde immer nur:

"Der Bürger-König ist tot! Es lebe der Borger-König!"

Sie schickten den Bürger an und für sich also bislang immer nur aufs Schafott, unter die Guillotine oder zum Schießstand, um ihn durch irgendwelche Marats oder Rasstrelnikows zu liquidieren. Stalin und Mao sind die bisherigen Rekordhalter dabei. Und sie benötigten dafür nicht einmal die Hilfe der Arbeiterklasse. Bravo! Welche Leistung! Wozu brauchen wir da noch das Proletariat? Das ist nämlich genau das, was die Bauern seit Jahrtausenden mit den Königen und Kaisern gemacht haben: physisch ersetzt. Haben sie damit die Klassen und die Klassengesellschaft abgeschafft? Nein, leider nicht. Sie haben sich nur eine Klassenposition ausgeborgt. Das Resultat war nicht die Aufhebung, sondern die Ausborgung der Klassenherrschaft. Denn man muss die Herrschaft strukturell ersetzen durch "die freie Assoziation freier Individuen" (Marx) und nicht bloß personell neu besetzen.

Aber der "rote" Terror, so notwendig er manchmal erscheint, konnte die bürgerliche Gesellschaft nicht an der Wurzel packen und ausreißen. Denn Stalin und Mao waren nicht einmal halb so radikal wie es ihre etwas naiven Epigonen, die Stalinisten und Maoisten, behaupten. Ja, liebe Genoss*nnen, wenn ihr jetzt des Sternchens oder der Entlarvung wegen sauer seid, kommt mich heimsuchen. Ich zeige gerne, wie sehr meine radikale Linke weh tun kann. ;-)

Jedenfalls enthaupten die Anhänger des staatsbürokratischen Sozialismus, die Stalinitos und xiao Mao*** mit größtem Klassenhass den Bürger-König, nur um einen bürokratischen Borg-König auf den Thron einer Bürokratenklasse zu setzen. Damit sind Staaten entstanden, die sich dann "Arbeiterstaat", "real existierender Sozialismus", "Sozialismus in einem Land", "Volksdemokratie" oder "Volksrepublik" nannten. Praktisch keine dieser Gesellschaften war klassenlos oder staatenlos, dafür aber gefesselt. Es waren sozusagen gefesselte bürgerliche Gesellschaften.

Deswegen werden solche Gesellschaften auch von den Liberalen so gehasst. Liberale wollen die bürgerliche Gesellschaft ja entfesseln. Das ist überhaupt die Macke des liberalen Bürgers, der das Bürgertum mit allen Mitteln entfesseln und damit wie der stalinistische Bürger für die bürgerliche Gesellschaft über Leichen geht. Wo der stalinistische Bourgeois aber erschießt, ins Lager steckt oder Nahrung vernichtet, da lässt der liberale Bourgeois für gewöhnlich die Schusswaffen produzieren, erhöht Preise oder spekuliert mit Nahrung. Alles das kann eine mehr oder minder subtile Art von Mord sein, denn: "Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet." (Jean Ziegler)

Die Aufhebung der Bürgerlichkeit und damit der ganzen Klassengeschichte ist zwar auch eine Frage der Gewalt, wie Mao und die anderen Terroristen immer betonten. Terroristen sind ja ohnehin Menschen, die den Terror überschätzen und entsprechend anwenden, wie etwa Stalin, Mao, George W. Bush, Osama bin Laden, Obama oder Oberst Klein, der für seinen verbrecherischen Terroranschlag in Afghanistan auch noch zum General befördert wurde. Aber: Wie Nigel Harris in seinem Buch Die Ideologien in der Gesellschaft so schön herausgearbeitet hat, gilt für die Gewalt als Mittel des Fortschritts:

"'Bewaffneter Kampf' ist nur eines von vielen möglichen Mitteln, ist nicht das 'höchste' oder 'reale' Mittel. Tatsächlich war [im Marxismus] impliziert, daß die Anwendung offener oder militärischer Gewalt (sei sie nun traditioneller Art oder die der Guerillas) wenn möglich nur das allerletzte Stadium sein sollte, wenn die meisten Ergebnisse bereits erreicht waren, nicht aber das erste; das Guerillakriegswesen geht zurück auf das Gedankengut der Narodniks, der revolutionären Minderheit, die im Namen und trotz des Volkes die Macht ergreift, es geht eher auf den traditionellen Staatsstreich als auf die soziale Revolution zurück."

Gewalt kann, muss aber kein herausragendes Mittel des Fortschritts sein. Wenn die herrschenden Klassen die Weltverbesserung mal nicht mit Gewalt unterdrückten, würden wir eine friedliche Revolution erleben können. Das wird vermutlich aber auch in Zukunft nicht geschehen. Auch in Nordafrika, in Erdogans Türkei, in Putins Russland und in Merkels Deutschland wird Fortschritt mit brutaler Polizei- und Militärgewalt und modernster Technik unterdrückt.

Überall ist die Gewalt ein technokratisches Mittel, um die Freiheit der Menschen zu beschränken und um ihr Streben nach Glück zu dämpfen. Streber sind gut und gewollt, aber sie sollen ja nur nach "Erfolg" und Geld etc. streben. Wer zu sehr nach Freiheit, Frieden und Freude strebt und daher die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, um zu fliehen. Oder er darf die Allwissenheit des Großen Bruders erfahren. Der weiß nämlich alles. Er beobachtet ja seine Bürgerbrüder ganz genau. Die könnten ja Ärger machen. Und zur Not liquidiert der Große Bruder den Bürgerbruder auch durch Einschüchterung, Erpressung, Einbuchtung oder Ermordung.

Wer darauf keinen Bock mehr hat, muss seinen Arsch in Bewegung setzen und Teil einer Bewegung werden, an der sich die Wänste von Staat, Kapital und Nation abarbeiten müssen. Marx hat es auch so formuliert:

"Während es [gilt], die bloß unterdrückenden Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden, sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über der Gesellschaft zu stehn [beansprucht], entrissen und den verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurückgegeben werden. Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen. Und es ist bekannt genug, daß Gesellschaften ebensogut wie einzelne, in wirklichen Geschäftssachen gewöhnlich den rechten Mann zu finden und, falls sie sich einmal täuschen, dies bald wieder gutzumachen wissen. Andrerseits aber konnte nichts dem Geist der Kommune fremder sein, als das allgemeine Stimmrecht durch hierarchische Investitur zu ersetzen. [...] Die [kommunistische] Kommune [macht] das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen - wohlfeile Regierung - zur Wahrheit, indem sie [...] die Armee und das Beamtentum [aufhebt]."

Klartext


Ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinaus will. Sonst kann ich auch Klartext texten und euch den ganzen vorangegangenen Text im Nachhinein sparen:

Wie kommen wir zur menschlichen Gesellschaft? Durch Aufhebung der Bürgerlichkeit oder durch physische Liquidierung? Durch Aufhebung der Bürgerlichkeit natürlich! Das kann und muss wohl teils mit Gewalt geschehen, aber besser wäre es ohne. Dafür müssten die herrschenden Klassen aber einfach mal in ihren Sesseln und Thrönen sitzen bleiben, ohne uns ihre Schergen (Bürokraten, Volkszertreter, Polizisten, Militärs, Agents provocateurs etc.) auf den Hals zu hetzen, überhaupt ohne zu hetzen, ohne Rassismus, Sexismus, Klassismus und so weiter. Da dieses Szenario utopischer ist als jede kommunistische Utopie, müssen wir Menschen wohl oder übel in gewissem Maße die Unterdrücker maßregeln, z.B. mit guten Büchern, tiefsinnigen Gesprächen, viel Arbeit (an sich) und vielen "radikalen Linken", wenn nötig...

Oder, um Marx mal wieder zu zitieren:

"Man muß sich nicht darüber täuschen. Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse. In England ist der Umwälzungsprozeß mit Händen greifbar. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehn, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen."

Anmerkungen


* 
Linksliberale = Menschen, die als Sozialdemokraten, Freidemokraten oder Christdemokraten gelten können?
Bauchlinke = Menschen, die merken, wie beschissen die bürgerliche Welt ist, aber keine Perspektive haben?
Linke = Menschen, die bauchlinks sind und eine gewisse soziale Perspektive haben
Linksradikale = Menschen, die von Kopf bis zum Fuß links sind und nicht nur in der Bauchgegend oder im Kopf

**
"Ausborgung" ist wie Aufhebung ein mehrdeutiger Begriff. Ich lasse ihn hier absichtlich etwas schleierhaft. Aber zur Annäherung siehe: http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/idg/deutsch/b/borgen.htm.

***
(chin. "kleine Maos", "kurze Körperbehaarung" oder "Kätzchen")