Posts mit dem Label Kapitalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kapitalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Mobilfunk-Betrug: „Mobilcom-Debitel“ fällt besonders negativ auf

Die Verbraucherzentrale Hamburg warnt vor Kostenfallen und Kundenbetrug durch Mobilfunkanbieter und sogenannte „Drittanbieter“. 

Debitel ist ein Drecksladen. Isso. Kündigt und geht da nie mehr hin,
es sei denn, ihr macht dem Gesindel fett Stress!
Bildquelle: https://www.rathauscenter-ludwigshafen.de/

Seit vielen Jahren ist das Problem bekannt: Kunden von Mobilfunkanbietern bemerken plötzlich viel zu hohe Rechnungen, die sie sich nicht erklären können. Die Mobilfunkanbieter berechnen oft nicht nur die Kosten, die sie selbst mit dem Kunden vereinbart haben, sondern auch Forderungen sogenannter „Drittanbieter“.

Drittanbieter sind in der Mobilfunk-Branche Unternehmen, die dem Kunden mit Hilfe des Mobilfunkanbieters diverse Angebote und Dienstleistungen anbieten dürfen. Den Kunden können durch Drittanbieter ungewollte Kosten für ungewollte Angebote entstehen. Dabei handelt es sich etwa um Abonnements von Info- und Unterhaltungsdiensten oder kostenpflichtige Serviceleistungen, Hotlines und Ansagedienste.

Die Forderungen der Drittanbieter an den Kunden werden üblicherweise nicht seitens des Drittanbieters selbst gestellt, sondern auf der monatlichen Rechnung des Mobilfunkanbieters mit aufgelistet. Daraus ergibt sich dann eine plötzlich erhöhte monatliche Rechnung für den Kunden, wobei nicht immer deutlich werden muss, dass ein Teil der Forderung von Drittanbietern kommt.

Wollen sich die Kunden beim Mobilfunkanbieter über die höhere Rechnung informieren, verweisen diese üblicherweise auf die Auskunft durch die Drittanbieter. Die Drittanbieter können wiederum eine undurchsichtige Dienstleistung in Rechnung stellen, die kaum Auskunft liefert. Eine Unterschrift oder mündliche Vereinbarung muss es nicht gegeben haben. Außerdem können die Anbieter im Prinzip Rechnungen in beliebiger Höhe ausstellen.

Wenn sich Kunden weigern, die Drittanbieter-Rechnung zu bezahlen, schaltet sich der Mobilfunkanbieter ein, aber eher nicht im Sinne der Kunden. Die Kunden werden vielmehr genötigt, die gesamte Forderung aller Anbieter zu begleichen.

Berüchtigt: Mobilcom-Debitel

Einige Unternehmen wie z.B. Mobilcom-Debitel sind berüchtigt geworden. Die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt:

„Mobilcom-Debitel fällt in Sachen Drittanbieter besonders negativ auf: Rund ein Viertel der Verbraucherbeschwerden, die in der ersten Hälfte des Jahres 2016 bei den Verbraucherzentralen bundesweit eingingen, betrafen diesen Mobilfunkprovider.“

Tom Janneck, Teamleiter des Marktwächters „Digitale Welt“ in der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein: „Der Anteil an Beschwerden zu mobilcom-debitel ist dabei geradezu alarmierend hoch. Werden die vier großen Mobilfunkprovider betrachtet, entfielen im vergangenen Mai und Juni allein auf mobilcom-debitel über 40 Prozent der Beschwerden“.

Während andere Anbieter noch einen Funken an Anstand bewahren, legt Debitel sich besonders gerne mit den eigenen Kunden an. Der Konzern lockt seine Kunden regelmäßig in undurchsichtige Kostenfallen. Weigert man sich zu zahlen, wird das Unternehmen schnell aggressiv: „Mobilcom-Debitel setzt seinen Kunden die Pistole auf die Brust: Entweder sie zahlen den Rechnungsbetrag oder der Telefonanschluss wird gesperrt“, so die Verbraucherzentrale Hamburg.

Weigern sie sich weiterhin, kommen nicht nur Mahngebühren auf sie zu, sondern auch Drohungen mit Inkasso-Diensten oder mit einem Gerichtsprozess. Debitel schüchtert so die eigene Kundschaft ein.

#abzocke #Debitel #Handy #Handyvertrag #Mobilcom #Rechnungen #Verbraucherschutz

https://perspektive-online.net/2017/12/mobilfunk-betrug-mobilcom-debitel-faellt-besonders-negativ-auf/

Montag, 15. Februar 2016

Tödliche Langeweile und "sterbende Zeit"


Fast jeder Mensch kennt die tödliche Langeweile.  Man ist unterfordert oder überfordert und weiß nicht, was mit sich anzustellen ist. Das ist nicht nur geist- und nervtötend. Es ist in der Tat auch ungesund, geradezu tödlich. Eine 3sat-Doku berichtet darüber.

Die Lösung für das Problem kann für die meisten Menschen vermutlich nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft gefunden werden. Denn der Kapitalismus kann seine Gier nach Profit nicht abstellen. Aus dieser folgen immer wieder die physische und psychische Zerstörung menschlichen Lebens, Tierquälerei und Umweltzerstörung. Bescheuerte Tätigkeiten, die von Maschinen erledigt werden sollten, werden von Arbeitern erledigt, weil sie billiger als Maschinen sind. Dass dafür vierzig, fünfzig oder noch mehr volle Jahre draufgehen, ist das Leid des typischen Proleten. Er lebt vor allem für die blinden (Ge)Triebe des Kapitals und vergisst dabei die eigenen Bedürfnisse, sofern sie über das Routineprogramm hinausgehen. Damit wird er zum bloßen Anhängsel der kapitalistischen Maschinerie.

Leo Kofler, ein Humanist und Faschismus-Flüchtling aus Ostgalizien, sprach in diesem Zusammenhang von der "sterbenden Zeit". So würdigt Kofler, dass andere scharfsinnige Beobachter bemerkt hätten,

"daß die wichtigste Zeit im Leben des Arbeiters, die Arbeitszeit, eine 'sterbende Zeit' ist. Sie ist unschöpferisch und von Langweile erfüllt, so daß auf den Europäischen Gesprächen der Gewerkschaften in Recklinghausen Kasnacich-Schmid unter Zitierung von Walter Rathenau sagen konnte: 
'Das Arbeitsleid ist eine sehr reale Gegebenheit. Wer mechanische Arbeit am eigenen Leib kennengelernt hat, wer das Gefühl kennt, das sich ganz und gar in einen schleichenden Minutenzeiger einbohrt, das Grauen, wenn ein verflossene Ewigkeit sich auf einen Blick auf die Uhr als eine Spanne von zehn Minuten erweist, wer das Sterben eines Tages nach einem Glockenzeichen mißt, wer Stunde um Stunde seiner Lebenszeit tötet, mit dem einzigen Wusch, daß sie rascher sterbe, der wird das Märchen von der Arbeitslust mit Hohn beiseite schieben...'"

Foto von: zahnraeder-netzwerk.de
Die sterbende Zeit des eigentlichen Proletariers ist auch heute noch durchaus verschieden von der des kleinbürgerlichen Lohnabhängigen, des Angestellten, Bürokraten oder prekarisierten Intellektuellen mit Hochschulabschluss. Wieso? Der Kleinbürger kann sich meist noch in gewissem Maße in seiner Abhängigkeit verwirklichen und einen gewissen Status genießen. Der eigentliche Prolet dagegen genießt nur den Konsum, den ihm sein Lohn ermöglicht. Auf der Arbeit langweilt er sich meist genauso wie daheim vor dem Fernseher oder in unbefriedigenden familiären Verhältnissen - es sei denn, er entwickelt besondere Überlebenstechniken gegen die tödliche Langeweile. Der eine macht unanständige Witze, der andere hat nur Frauen im Kopf. Die nächste hat wiederum Make-Up oder Haushalt im Sinn, während wieder eine überlegen muss, wie sie den einen Macker vor dem anderen geheim hält und beide vor dem Vater, der wiederum die Mutter besänftigen muss, die aber selbst gerne mal ohne Mann verreisen würde etc. pp. Das sind die "Lösungen" der meisten Proleten, um aus der sterbenden Zeit eine leidenschaftliche zu machen.

Hätten sie nur mal Kofler live erlebt...

Interessante Links rund um Kofler






Marxists Internet Archive (mit Texten von Marx, Engels, Lenin, Lukács, Hegel, Feuerbach etc.)

Sonntag, 15. November 2015

Was ist mit "diegesellschafter.de" passiert?


Vor etwa zehn Jahren wurde von "Aktion Mensch" ein Projekt mit dem Namen "Die Gesellschafter" ins Leben gerufen. Es wurde mit einem netten Werbespot beworben und einem wunderschönen Lied von Klee unterlegt. Hauptbestandteil des Projekts war die Homepage www.diegesellschafter.de. Das Projekt lief einige Jahre lang, sammelte fleißig Beiträge und wurde immer interessanter. Die Homepage existiert sogar noch immer. Die etlichen Millionen hochinteressanten Beiträge des Diskussionsforums auf der Seite sind aber nicht mehr zu finden. Auf der Homepage wurde lapidar angemerkt:

"In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Mit dieser Frage startete die Aktion Mensch im März 2006 die Gesellschafter-Initiative. Seitdem haben fast eine Million Menschen die Internet-Seite dieGesellschafter.de besucht. Ihre Antworten und Diskussionsbeiträge würden ausgedruckt mehr als 10.000 Buchseiten füllen.
Nach fast fünf Jahren ist jetzt Zeit für Neues. Das Gesellschafter-Projekt endet.
[...]
Die Aktion Mensch bedankt sich bei allen Gesellschaftern: Bei tausenden Nutzern, die in den Foren von dieGesellschafter.de diskutiert haben, bei allen Ideengebern und Unterstützern für ihr großes Interesse und Engagement. Bleiben Sie uns verbunden – im Internet, mit Ihrem Engagement, mit Ihrem Interesse. Denn die Fragen bleiben.
Ihre Aktion Mensch"

Wieso hat man ein überreiches Forum mit unglaublich interessanten Visionen für eine bessere Gesellschaft einfach geschlossen und dem öffentlichen Zugang verweigert? Was könnte es dafür für Gründe geben? Doch nicht etwa die zu mindestens 90% radikaldemokratischen, antikapitalistischen, sozialistischen und kommunistischen Ansichten, die dort vertreten wurden? Oder die vielleicht 10% finanzkritischen und dubiosen, freigeld-orientierten Gesellschaftsutopien?

Soll die Öffentlichkeit vor diesem Radikalismus beschützt werden? Diente das Projekt etwa von Anfang an den Geheimdiensten? Wurde das Projekt im Laufe der Zeit erst für Geheimdienste interessant? Wollte "Aktion Mensch" einfach Informationen sammeln und sie dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit für sich selbst nutzen? Oder was könnte der Grund dafür sein, eine sehr aktive Gemeinschaft von diskutierenden Menschen aus allen Schichten und diversen Lagern plötzlich voneinander abzutrennen?

Man weiß es nicht. "Aktion Mensch" hätte das erklären können. Auch auf Anfrage per Email kam bisher keine Antwort. Aber nicht jeder Mensch auf dem Planeten vergisst so leicht. Insofern war es notwendig, einen Blog-Eintrag dazu zu machen und sich zu überlegen, was es denn heißt, wenn "Aktion Mensch" schreibt: "Doch vieles, was während des Projektes entstanden ist, bleibt." Ja, was bleibt denn und für wen?


Sonntag, 30. August 2015

Isoliert, zerstritten, elitär: Die Linken verweigern den Kampf um Hegemonie

Dieser Text von Christel Buchinger erschien bei aufstehn.wordpress.com und wird hier gespiegelt.

Die Linke und die Medien Teil 2


von Christel Buchinger

Ich wollte mit einer langen Erklärung mein Abonnement der Jungen Welt kündigen. Daraus wurde dieser Essay. Die Kündigung habe ich bereits aus anderen Gründen ausgesprochen, wegen völlig unkritischer Artikel zur Prostitution, in der die Meinungen der Prostitutionslobby platt und unkritisch wiedergegeben wurden. Aber das ist ein anderes Problem.

Ich habe die Junge Welt gekündigt, weil sie ausgerechnet an Brennpunkten der politischen Entwicklung versagt, wo es gerade heute bedeutsam ist, genau hinzuschauen, in die Tiefe zu gehen, zu recherchieren, zu diskutieren, zu fragen. Ich spreche damit neben der Berichterstattung zu Griechenland, das völlige Versagen beim Thema Geschlechterverhältnisse an, vor allem aber den Friedenswinter. Ich will den Umgang mit dem Friedenswinter, respektive mit den Montagsmahnwachen, kritisch beleuchten, wissend, dass die Junge Welt auch diese Meinungsäußerung dazu nicht ernst nehmen wird. Wer Rainer Rupp dermaßen abblitzen lässt1, schert sich um die Meinung einer ehemaligen Leserin nicht.

Bei Friedenswinter und Montagsmahnwachen deutete sich eine neue Entwicklung an, Bewegung und Aufruhr entstanden, ohne dass, wie es traditionell der Fall ist, die Linke ihre Finger im Spiel hatte. Im Gegenteil: die Bewegungen entstanden gerade auf diese Art und Weise, weil die Linke sich vor entscheidenden Auseinandersetzungen und Zuspitzungen drückt, den Kampf um Gegenhegemonie zum Neoliberalismus und zur Kriegstreiberei geradezu verweigert. Das betrifft die ganze Linke, nicht nur die gleichnamige Partei. An dem Eindruck, dass der Kampf um Gegenhegemonie verweigert wird, ändern auch die aufgeblasenen Backen von Monty Schädel und anderen Helden nichts. Weil ein Vorwurf und eine Begründung, warum man sich von den Veranstaltungen fernhalten muss, der auch von der Jungen Welt wiedergegeben wird, jener ist, unter den Demonstranten und Aktivisten des Friedenswinters und der Montagsmahnwachen befänden sich Verschwörungstheoretiker, beginne ich mit einer Verschwörungstheorie.

1.

Verschwörungstheorie im Selbstversuch

Größeren Katastrophen gehen oft Vorwarnungen voraus. Kleine Erdbeben kündigen große an, der Vulkan spuckt und raucht, bevor er ausbricht. Und so waren die Herrschenden gewarnt. Der erste Warnschuss hieß Stuttgart 21.

Viele Menschen aus Stuttgart und Umgebung engagierten sich gegen dieses Bahnprojekt, gingen auf die Straße, zogen nach Berlin, dachten sich phantasievolle Aktionen aus, gingen so weit, neue Aktionen des zivilen Ungehorsams zu erproben, zum Beispiel Bäume zu besetzen. Der Protest strahlte in das ganze Land aus. Er traf tief und breit in die Gesellschaft, erfasste viele Menschen, auch weit über die Region hinaus. Die Kritik war fundiert, sie berührte in Einzelfällen gar das Gesellschaftssystem als ganzes. Und der Prostest ist immer noch nicht zu Ende, kann jederzeit wieder ausbrechen, die Aktivisten sind noch nicht geschlagen.2

Dann kamen die Montagsmahnwachen. Der Protest entzündete sich an der Ukraine-Krise. Hier ging es nicht nur um einen Bahnhof.

Die Herrschenden sahen sich einer neuen Gegnerin gegenüber. Aus dem Nichts war eine Bewegung aufgetaucht, die üblichen Verdächtigen, Linke, Friedensgruppen waren nicht beteiligt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ähnlich empört wie die in Stuttgart, der Initiator politisch ein unbeschriebenes Blatt. Und es kam noch schlimmer: ohne organisatorischen Rückhalt durch gewachsene Strukturen, Parteien, Gewerkschaften breitete sich die Bewegung über das ganze Land aus. Es kamen einfach Leute aus allen Löchern, versammelten sich und protestierten. Zum Höhepunkt waren jeden Montag mehrere tausend Demonstranten auf den Beinen. Ähnlich wie bei den Occupy-Protesten durfte jede reden, die wollte. Und sie redeten. Gutes und Krauses. Unbekannte und Promis waren da. Auffallend viele Frauen gingen einfach ans offene Mikro und redeten los, was sie dachten und was sie erlebt hatten.

Man kann sich den Unmut vorstellen, den diese Friedensinitiative bei den Mächtigen, den Kriegstreibern, den Oligarchen, den Rüstungsgewinnlern und ihren Bütteln in Politik und Medien hervorrief. Die schöne Farbenrevolution, der Menschenrechtsaufstand wurden desavouiert. Der gut und von langer Hand vorbereitete Regimechange, das Herausbrechen der Ukraine aus dem Einfluss Moskaus war öffentliches Thema und wurde ungestüm kritisiert. Offen wurde gemacht, dass es um Krieg und Frieden ging, und das bunte Völkchen, das, wie sagt man doch gleich, aus der Mitte der Gesellschaft kam, verweigerte offen die Gefolgschaft. Dabei war alles so schön vorbereitet. Nicht dass die Herrschenden fürchten müssten, wirklich einen Fight zu verlieren, aber der Angriff ging auf den Kernbereich der Macht, aufs Ganze.

Die Herrschaft der staatsmonopolistischen Oligarchie ist selbstverständlich noch nicht angefochten, alle Herrschaftsinstrumente sind fest in ihrer Hand, sie sind waffenstarrend, sie bauen ihre Geheimdienste aus, die Polizei wird paramilitärisch aufgerüstet. Aber sie spüren, dass ihre Hegemonie, ihre Herrschaft über das Bewusstsein der Menschen, in Frage gestellt wird. Die logische Reaktion war, die Medienwalze in Bewegung zu setzen. Da kam Jutta Ditfurts Aufschlag gerade recht: da versammeln sich Antisemiten, glühende sogar, Verschwörungstheoretiker und Querfront-Anhänger und tarnen sich als Friedensbewegung! Damit gab sie die Stichworte für die Medien. Alle (fast alle) plapperten nach, kaum jemand bemühte sich hin und befragte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oder die Organisatoren, recherchierte und bewertete aufgrund von Kenntnis. Das Foto eines Nazis, der ohne Fahne oder Umhängeschild in der Menge stand, reichte. Ein Shitstorm der Medien brach los.

Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wiederum führte das zu neuer Erkenntnis der Manipulationsmacht der Medien. Viele Linke aber verjagte er gänzlich in die Mauselöcher. Um Gottes Willen nicht wieder Anlass für den Vorwurf des Anitsemitismus geben!

Ob Ditfurth wusste, wessen Geschäft sie da betrieb?

Weiter ging’s: Die Mahnwachen sind von der NPD initiiert, werden von ihr als Friedensbewegung 2.0 bezeichnet. Praktischerweise tauchte Elsässer als Redner auf, der Querfrontler, der mit Ultrarechten paktierte, dem die Nähe zu Nazis nichts ausmacht. Über Mährholz wurde enthüllt, dass er dereinst einer merkwürdigen Journalistenvereinigung angehörte, die von einem deutschnationalen Burschenschaftler gegründet worden war. Und Ken Jebsen wurde beim Rundfunk gefeuert, weil man ihm Antisemitismus vorwarf. Der Vorwerfende war damals Henryk Broder.

Antisemiten, Nähe zu Nazis, das ist normalerweise ein politisches Todesurteil. Aber die Bewegung gab nicht klein bei. Die Vorwürfe wurden zurückgewiesen, entkräftet, relativiert. Die Bewegung ging weiter, wurde größer. Die Hatz auch. Da blieben noch zwei scharfe Waffen für die Obrigkeit. Erstens die Spaltung und zweitens …

Zum ersten Punkt, der Spaltung wollen wir später kommen. Beginnen wir mit der zweiten Waffe: die Gründung einer neuen Bewegung, die geeignet ist, alle weiteren Bewegungen dieser Art zu diskreditieren und ganz nebenbei die vorhandene Wut der Menschen auf die Verhältnisse auf AusländerInnen und Muslime umzuleiten.

Man nehme: eine geklaute Idee (Mahnwachen) oder eine Idee, die im ersten Anlauf schief ging (Hogesa), ein paar V-Leute, Staatsknete, ein Thema (Angst vor Islamisten), lasse aber auch andere Themen zu, z.B. Kritik an den Medien.

Man suche sich einen Ort aus, am besten im Osten Deutschlands, dort ist die rechte Szene stark.

Über die sozialen Netzwerke wird der Aufruf lanciert. Erste Aufmärsche werden von der Presse hochgeschrieben, das ganze von Rundfunk und Fernsehen mit einer Mischung aus Grusel und Neugier übergossen. Immer mehr Demonstranten nahmen teil, tausende waren es schnell, die Zahl Zehntausend wurde überschritten. Es gibt genügend Unzufriedene. In anderen Städten ging’s weiter: wiederum ein paar V-Leute, Geld, Medienrummel. Die Vorwürfe von Medien und Politik waren die gleichen wie bei den Montagsmahnwachen: Rechtsradikale und Antisemiten, Rassisten und Fremdenhasser. Da die Nazis zu den Demos mobilisierten, war das stimmig. Was die Masse der Demonstrierenden wollte oder dachte, wer wusste das? Angereichert wurde noch durch Todesdrohungen durch Antideutsche gegen den sog. Initiator Bachmann.

Und dann der Knaller: Bachmann, einer der Strippenzieher erschien im Internet als Hitlerimitator und verbreitete auf seinem Facebook-Account bösartige, rassistische Sprüche gegen Flüchtlinge. Beweis erbracht. Beweis organisiert. Die Demonstranten wurden weniger, die Nazis übernahmen und bekräftigten damit den „Beweis“. Bachmann trat erst zurück, kam dann wieder.

Im Folgenden wurden Montagsmahnwachen mit Pegida und seinen Ablegern konsequent in einen Topf geworfen. Das war’s.

Das alles wäre leicht durchschaubar gewesen, wenn es nicht die Flankierung von links gegeben hätte. Sie verlieh dem Schmierentheater Glaubwürdigkeit. Wenn Bildzeitung, Welt, Zeit, Linke und Friedensaktivisten das gleiche sagen, muss es ja stimmen. Den Friedenswinter diskreditieren mittels Montagsmahnwachen, das kann nur die Linke selber leisten. Deshalb kommen wir jetzt zur ersten oben genannten Waffe, der Spaltung.

Auch hier stand am Beginn Jutta Ditfurth. Sie gilt als Linke. Ihr Angriff galt vordergründig Jürgen Elsässer. Sie zielte auf Elsässer, aber sie meinte die Friedensdemonstrantinnen und -demonstranten. Jürgen Elsässer hat seine politische Karriere ganz links begonnen, beim Kommunistischen Bund, er publizierte bei der linken Tageszeitung Junge Welt. Inzwischen ist sein Markenzeichen die Vermischung von linken und rechten Positionen. Er ist ein Rechter, aber kein Nazi. Ihn als „glühenden Antisemiten“ zu bezeichnen, war völlig überzogen. Wer es dennoch tut, will nicht kritisieren, sondern eine Kampagne eröffnen. Und das war dann auch der Fall. An ihr beteiligten sich Antideutsche, die sich selber als links bezeichnen, aber kaum dieser politischen Seite zugerechnet werden können, es beteiligten sich aber auch Linke aus der Partei DIE LINKE und aus der Friedensbewegung; es beteiligten sich ebenso linke Presseorgane wie das Neue Deutschland, die Junge Welt oder die linksliberale Wochenzeitung Freitag sowie die Zeitschrift konkret. In Facebook und in Blogs waren der Shitstorm kaum noch zu überschauen. Ein Grundmuster war das „In einen Topf werfen“. Pegida und Montagsmahnwachen, Elsässer und Jebsen, Pegida und Friedenswinter. Ein anderes war der Angriff auf alle, die es wagten, die Vorwürfe zu relativieren oder gar sich an den Montagsmahnwachen zu beteiligen. Die Jungle World schrieb: „Na, von wem ist hier die Rede? Vom Pegida-Mob oder vom Mahnwachen/Friedenswinter-Mob? Von beiden! So groß ist der Unterschied nicht. Der Friedenswinter ist Pegida für Linke und Pegida die Mahnwachenbewegung für Rechte.“ Die Partei DIE LINKE fasste schnellstens Unvereinbarkeitsbeschlüsse wie seinerzeit die alte Tante SPD: Wo Montagsmahnwachen drin sind, wird von der Partei nicht finanziell unterstützt. Einzelne Linke, die sich über den Bannfluch hinwegsetzten, waren Angriffen ausgesetzt. Es traf zum Beispiel Prinz Chaos II., Pedram Shahyar, Dieter Dehm und Heike Hänsel, die bei den Mahnwachen auftauchen, sowie Friedensaktivisten wie Reiner Braun, der das Gespräch und die Zusammenarbeit suchte. Wer sich den Montagsmahnwachen, und sei es auch nur interessiert, näherte, wurde sofort angegriffen. Viele zogen den Schwanz ein. Die Unvereinbarkeitsbeschlüsse von diversen Friedensinitiativen folgten.

Nun war es ein Leichtes den Friedenswinter in aller Gemütsruhe ebenfalls fertig zu machen. Das schafften Linke ganz allein. Da mussten die Medien gar nichts mehr tun. Die ersten Erklärungen zur Nichtteilnahme am Friedenswinter von VVN bis DKP verhallten medial, aber nach innen hatten sie Wirkung. Auch Tobias Pflügers Distanzierung war sicher wirksam. Im Ergebnis war die alte , linke Friedensszene gespalten, der Friedenswinter konnte nicht die notwendige Kraft entfalten. Das Spiel der Herrschenden war aufgegangen.

2.

Verschwörungen

In Deutschland ist „Verschwörungstheoretiker“ ein Schimpfwort. Warum ist das so? Und warum greift sogar die Linke auf diese Bezeichnung zurück? Auch unter Linken ist doch bekannt, dass es Verschwörungen gab und gibt. Große Verschwörungen, wie diejenige, Hitler an die Macht zu bringen. Den Tonkin-Zwischenfall, den die USA-Regierung erfand, um den Vietnamkrieg zu beginnen. Es waren Linke, die große Verschwörungen enthüllten. Die Enthüllungen um Gladio und die Stay Behind-Truppen der NATO haben Verschwörungen gegen die Nachkriegsdemokratien in schwindelerregendem Ausmaß gezeigt. Putsche und Putschversuche in Herzen Europas waren die Taten dieser Gladios. Hätten wir das in den Siebzigern behauptet, was wäre passiert?

Verschwörungstheorien gibt es, weil es Verschwörungen gibt. Viele Verschwörungstheorien wurden im Laufe der Zeit bestätigt. Dass Terror und Staat vom gemeinsamen Teller essen und gemeinsam Leichen im Keller haben, vermutete Hannes Wader in den Siebzigern. Wer hat darüber gelacht oder den Kopf geschüttelt? Spätestens seit 9/11 versuchen die Herrschenden und ihre Medien, jene Menschen zu verleumden, lächerlich zu machen, die der viel lächerlicheren offiziellen Erklärung zu den Anschlägen eigene Recherchen entgegenstellen. Sie nennen sie Verschwörungstheoretiker.

3.

Zweiter Selbstversuch einer Verschwörungstheorie

Etwas, was in Demokratien oder aufgrund des Völkerrechts nicht durchsetzbar ist, aber gewollt von Mächtigen, wird heimlich durchgezogen. Das nennt man eine Verschwörung. Es wird dazu eine Geschichte fabriziert, das ist die dazugehörige Verschwörungstheorie der Herrschenden. Das Problem an Verschwörungen ist, dass sie früher oder später auffliegen. Dann wird die bisher in Umlauf gebrachte Story, die alle Medien nachgebetet haben, in Frage gestellt und investigative Journalisten zum Beispiel arbeiten an einer neuen Geschichte. Diese werden nun von den Medien, von interessierten Kreisen, von Geheimdiensten, die in die Verschwörung verwickelt waren, ironischerweise als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Und damit das V-Wort auch ein Schimpfwort ist oder wird, beteiligen sich die „Dienste“ im Auftrag der Oberen an der Produktion von Verschwörungstheorien, verrückten und absurden oder glaubwürdigen. Beide Sorten kann man gut brauchen. Die glaubwürdigen, damit viele kritische Menschen, die den Oberen nicht mehr alles glauben, sich damit beschäftigen und verwirrt werden, wenn die Unglaubwürdigkeit der Theorien nachgewiesen wird und absurden, damit man dann die Verschwörungstheoretiker öffentlich und medienwirksam lächerlich machen kann.

Ich glaube also, dass die Geheimdienste des Westens und ihre Beauftragten das Internet mit Verschwörungstheorien überschwemmen, um die wirklichen Verschwörungen unsichtbar zu machen. Darauf fallen viele rein. Auch Linke. Auch die Junge Welt.

4.

Noch einmal zu den Montagsmahnwachen

Es waren ganz normale Menschen, mehrheitlich Männer. Das zeigen die Videos, die es in großer Zahl im Internet über die Montagsdemonstrationen, die sich Mahnwachen nannten, gibt. Es war der Durchschnittsbürger, der da hinging. Auch ein paar alternativ aussehende, buntere, langhaarige, auffälligen Schmuck tragende. Was sie dachten und sagten, dachten und sagten viele. Sie hatten die Nase voll. Sie wollten von den arroganten Medienfuzzis und deren Brötchengebern, den Medienmogulinnen und -moguln nicht mehr belogen werden. Sie wussten folglich, dass sie belogen wurden. Sie wussten, dass die Lüge vor allem Urständ feiert, wenn es um Krieg geht.

Sie informierten sich im Internet und vieles durchschauten sie, wenn auch nicht alles. Aber das ist kein Wunder. Wer durchschaut schon alles. Sie sahen, dass aus Putin ein Monster gemacht wurde, obwohl er sich im Ukraine-Konflikt ganz rational verhält, rationaler verhält sich kaum ein westlicher Regierungschef. Sie sahen, dass da ein Putsch stattgefunden hatte, der aber vom Westen gutgeheißen wurde. Sie sahen, dass dieser Putsch weitgehend von außen gesteuert worden war, von den Regierungen, den Stiftungen, den Geheimdiensten, dem Establishment der USA und Europas.

Sie merkten, dass die Kriegsgefahr, die in den letzten Jahrzehnten immer nur Asien und Afrika betraf, nun näherrückte. Sie wollten keinen Krieg, sie hielten Krieg für Irrsinn und sie hatten begriffen, dass die Medien und die Politik für die Propagierung dieses Irrsinns verantwortlich sind. Mehr noch: Sie erkannten, dass die Kriege nicht nur mit dem Rohstoffhunger des Westens zu tun haben, sondern mit seinem Wirtschaftssystem überhaupt, dem Kapitalismus.

Sie fingen an zu begreifen. Daran trägt die FED3 die Schuld, sagten einige. Die FED steht für das Bankensystem. Occupy nannte das Kürzel für das Finanzkapital „Wallstreet“. Mit Lenin wissen wir, dass das Finanzkapital die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist, unter der Hegemonie der Banken. Die Verquickung amerikanischen Kapitals mit Hitler und dem deutschen Faschismus ist mittlerweile gut dokumentiert, siehe z.B. „Kein Blitzkrieg ohne USA – Nicht nur die deutsche, auch die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten liebte Hitler und verlängerte profitträchtig den Zweiten Weltkrieg“ von Werner Rügemer4. Die Mahnwachler, die anfingen zu begreifen waren auf der richtigen Spur. Was taten Linke? Gingen sie hin und diskutierten mit? Nein! Sie mäkelten herum, dass nur die FED genannt wurde, nannten das strukturellen Antisemitismus, angeblich, weil dort viele in den Chefetagen Juden seien. Das wisse man im Prinzip und würde Kritik an der FED nutzen, um die Juden zu treffen. Die meisten MahnwachlerInnen hatten bis dahin wahrscheinlich keinen Gedanken darauf verwandt, dass in der FED vielleicht Juden sitzen.

Es gab unter all den Rednerinnen und Rednern, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch ganz absonderliches Gedankengut.Wie im Querschnitt der Gesellschaft auch. Allerlei Mythologisches, Spirituelles und Verschwörungstheoretisches. Wobei weder Mythologie noch Spiritualität oder Verschwörungstheorien per se absonderlich sind. Mythologien sind für das Begreifen der menschlichen Geschichte und der Ideengeschichte wichtig, Spiritualität ist für viele Menschen ein zentraler Lebensinhalt und Theorien zu Verschwörungen sind notwendig, weil es Verschwörungen gibt. Wie sich zuletzt in der Ukraine zeigte.

Warum wurden die Herrschenden nun so nervös? Ganz einfach: Als die Occupy-Bewegung über den Globus rollte, waren das viele, aber es waren die üblichen Verdächtigen. Es waren Jugendliche, junge Menschen, Linke und Alternative. Leicht marginalisierbare Leute, die man nur in ein paar gewalttätige Auseinandersetzungen verwickeln musste, und schon war der gute Ruf hin.

Occupy hatte eine eigene Kultur entwickelt. Jeder Anwesende durfte reden. Man wollte Basisdemokratie, keine Hierarchien und keine Gurus. Das Links-Rechts-Schema wurde zunehmend in Frage gestellt oder ganz abgelehnt. Herkömmliche Politik und Politiker hatten bei ihnen verspielt. Und genau diese Kultur übernahmen die Montagsmahnwachen. Occupy war bei den Normalen und Durchschnittlichen angekommen. Und nun wurde es für die dauerhafte Hegemonie der Herrschenden eng.

Und noch etwas war anders. Es waren keine Demos, die Forderungen an die Politik stellten. Es waren Versammlungen, die Leute zusammen brachten, die selber etwas ändern wollten und überlegten, wie das gehen kann.

Klaus-Peter Kurch, ein kluger Linker, der den Opablog betreibt, beschreibt, was ich nur aus der Ferne über youtube sehen konnte, sehr schön: „Ganz ähnlich erlebe ich die Situation wöchentlich auf den Montagsmahnwachen. Außerhalb gewohnter Bahnen bewegen sich Informationen zwischen den Menschen, und zugleich sind die Menschen begierig, sich mit Informationen, auch “unüblichen”, auseinanderzusetzen. Das ist ein breiter Fluss, der auch trübe Bestandteile mit sich führt. Vieles passiert doppelt und dreifach, Informationen behindern sich gegenseitig, manchmal macht sich Abstruses breit. Doch ich glaube, dass das Äußerlichkeiten sind. Das Beständige, Innere, das sich auszuprägen scheint, ist ein Prozess komplexer Informationsverarbeitung zu Kernfragen, Grundfragen, Lebensfragen der Menschen durch die eigene Initiative der Menschen. Sie sind spontan und Viele durchaus aufmüpfig in den direkten wechselseitigen Austausch gegangen. Für die modernen Götterorakel, “Massenmedien” genannt, diese “Medien” die statt Mittler zwischen den Menschen und der Welt zu sein, in Wahrheit eher Irrgartenspiegel sind, für die wird der Platz plötzlich knapp. Da geschieht, allem Anschein nach, etwas Enormes.“ Schön gesagt und gut gesagt!

Aber nur wenige Linke reagierten wie Klaus-Peter Kurch und sahen sich das ganze selber an. Zeitungs- und Blogseiten wurden vollgeschrieben von Linken, die nie persönlich bei einer Montagsmahnwache waren oder mit einem Teilnehmer oder einer Teilnehmerin gesprochen hatten.

5.

Junge Welt drückt sich und entlarvt die Lüge nicht

Am 11. Oktober gelang überraschend der Schulterschluss, als Vertreterinnen und Vertreter der Montagsmahnwachen an der Aktionskonferenz der Kooperation für den Frieden in Hannover teilnahmen. Alte und neue Friedensbewegung redeten miteinander. Bis dahin war der Weg steinig. Einzelne Linke und ProtagonistInnen der traditionellen Friedensbewegung, die sich bei den Montagsdemonstrationen blicken ließen, dort gar redeten, wurden bezichtigt, Nazis auf den Leim zu gehen, Querfrontpolitik zu unterstützen, mindestens ernteten sie Kopfschütteln.

Die Wellen im linken Lager schlugen zeitweise hoch. In einer solchen Situation käme einer linken Tageszeitung wie der Jungen Welt die Rolle zu, analysierend, klärend, kommunizierend einzugreifen. Bezeichnet sich die Junge Welt doch selbst als eine Zeitung, die die Wahrheit sagt, wo andere lügen. Und diese Lügen dienen ja nicht selten der Hetze. Gegen Putin, gegen Russland, gegen die Armen, gegen Roma, gegen Muslime. Dienen auch der Kriegsvorbereitung. Der Feindbildproduktion. Und wenn die Junge Welt den Anspruch formuliert, dort die Wahrheit zu sagen, wo andere lügen, muss sie das dann nicht überall tun, wenn sie glaubwürdig sein will? Muss sie die Wahrheit nicht in allen Fragen suchen? Auch wenn es wehtut? Die TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen hatten im Übrigen einen ähnlichen Anspruch, nämlich die Mauer der Desinformation zu durchbrechen. Eigentlich also ein positiver Grund hin zu gehen.

Als allerdings die „Qualitätsmedien“ die Montagsmahnwachen eine Versammlung, von Spinnern, Neu-Rechten, Antisemiten und Verschwörungstheoretikern nannten, mischte die Junge Welt in diesem Chor mit. Die seltene Übereinstimmung, kam ihr nicht komisch vor. Was tat der zuständige Redakteur der Jungen Welt, Sebastian Carlens? Er gab die ganzen Vorwürfe von Ditfurth und den Mainstreammedien kritiklos und ohne den Aufwand von zusätzlicher Recherche weiter. Das war bequem vom Sessel in der Redaktion aus zu erledigen. Die Junge Welt, sonst Dokumentaristin noch des winzigsten Autonomenaufmarschs, ansässig in Berlin, große Reisekosten waren also kaum zu erwarten, hat noch nicht einmal verdeckte Aufklärer zu den Demos geschickt. Um die Ecke zum Brandenburger Tor zu gehen, war zu viel verlangt? Oder wollte man, da das Label des Antisemitismus schon angeheftet war, dort nicht gesehen werden? Ich halte das für einen möglichen Beweggrund für das Nichtdahinbewegen. Es ist natürlich feige.

Auch nachdem einige Linke neugierig geworden waren, aber auch besorgt und Kontakte aufnahmen, dort sprachen, auch in anderen Städten sprachen, änderte Sebastian Carlens seine Haltung nicht. Haben also die Leserinnen und Leser der Jungen Welt keinen Anspruch, diesbezüglich informiert zu werden?

Die Medien griffen sich einzelne Personen heraus. Die Junge Welt folgt ihnen.

Die Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Ulla Jelpke, die ich ansonsten schätze, verging sich an Ken Jebsen. Mit einer hanebüchenen „Beweiskette“ will sie ihn des Antisemitismus überführen:

„Mit dabei ist auch der frühere RBB-Moderator Ken Jebsen (…) Jebsen musste den RBB nach bis heute nicht ganz aufgeklärten Antisemitismus-Vorwürfen verlassen. Ob diese zutreffen, kann dahingestellt bleiben – in jedem Fall vertritt der Mann Positionen, die eine antisemitische Interpretation nahelegen. So weist er bezüglich der Schuld am Zweiten Weltkrieg auf seiner Homepage darauf hin, dass »Firmen wie Shell, die damals zu 40 Prozent in jüdischem Besitz waren, 40 Millionen Reichsmark an die NSDAP spendeten«“.

Die Vorwürfe sind also nicht ganz aufgeklärt, ihre Klärung kann aber unterbleiben? Jelpke weiß natürlich um die Finanzierung der Nazis durch amerikanisches Monopolkapital und auch um deren Sympathien für den Faschismus. Sie weiß natürlich um den Aberwitz, dass mit dieser Finanzierung auch Juden den deutschen Faschismus unterstützten, weil Kapital keine nationalen, religiösen oder kulturellen Grenzen kennt, wenn es um Profit und Herrschaft geht. Auch kein eigenes Volk.

Weiter schrieb sie:

„Medienvertreter, die kritisch über ihn berichten, fordert er auf: »Würdet ihr klassisches Pay-TV anbieten, könnte man euch schon kommenden Monat keine Löhne mehr zahlen. Oder muss man sagen, fiele der Judaslohn weg.«“

Ist – Teufel nochmal – die Benutzung des Begriffs Judaslohn Beweis einer antisemitischen Gesinnung? Und dann kommt es ganz bizarr:

„Da Jebsen zudem unaufhörlich vom »Fed-Imperium« spricht, kann man das nur als Unterstellung lesen, die Medien seien jüdisch kontrolliert, um im Auftrag der (jüdischen) Federal Reserve die Welt unter Kontrolle (des Judentums) zu behalten.“

Kann man das? Ich meine nein. Auch nur wenig genaueres Hinsehen, hätte den Aberwitz dieser „Beweiskette“ gezeigt. Ginge sie noch einen Schritt weiter, sie landete bei den Antideutschen, für die Kapitalismuskritik und Kritik am US-Imperialismus „strukturell antisemitisch“ sind.

Nachdem Ulla Jelpke sich mit den Montagsmahnwachen auseinandergesetzt hatte, nicht ohne die Vorwürfe ihrerseits ungeprüft zu wiederholen, aber immerhin mit dem Ziel, jetzt eine linke Debatte zu beginnen, schob die Junge Welt einen Artikel aus der Feder von Peter Strutinsky nach, in dem dieser ohne einen einzigen Beleg behauptete, die neue Friedensbewegung sei von der NPD ins Leben gerufen. Auf welche Erkenntnisse stützte er sich dabei? Wer sind seine Zeugen? War er da? Hat er mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesprochen? Er führte keinerlei Belege an. Er ist Wissenschaftler. Er weiß, was er tut, wenn er etwas behauptet, ohne es zu belegen. Der Artikel strotzte von Unterstellungen und von verletzter Eitelkeit des Autors. Traute sich da eine Friedensinitiative auf die Straße, ohne die Erlaubnis der erlauchten etablierten Friedensbewegung zu erbitten!

Der Geschäftsführer der Genossenschaft Junge Welt, Dieter Koschmieder, konnte ebenso nicht an sich halten, diese neuen Friedensinitiative zu verteufeln.

Auch er arbeitete sich an Ken Jebsen ab und warf ihn mal schnell in einen Topf mit Jürgen Elsässer und Pegida. Ist das gut recherchiert? Ist das die Wahrheit? Jebsen wird mit den anderen o.g. Verdächtigen vorgeworfen, er rede dafür, das gute nationale Kapital gegen das böse ausländische verteidigen, mittels christlichem Glauben die islamische Verrohung zu bekämpfen, abendländische Werte zu vertreten und nicht links oder rechts und oben und unten zu sehen sondern nur das deutsche Volk, zu fragen, wer uns vor Fremden schütze usw. Das ist infam!

Wieder die Frage: Wo sind dafür die Belege, wo ist der Beleg für auch nur einen der Punkte? Gibt es Zitate? All das gibt es nicht. Es bleibt dabei: Jede einzelne Behauptung ist üble Verleumdung. Dass er auf das Feindbild der Mainstreammedien reinfällt, wäre noch die freundlichste Unterstellung. Es könnte auch sein, dass er einen alten, miesen, kleinen Meinungsmachertrick anwendet, nämlich einen Unliebsamen in den Sack mit anderen Wüstlingen stecken, Beschuldigungen zu nennen, die auf die anderen zutreffen und dann draufzuschlagen.

Danach war wieder Funkstille bei der JW. Dabei wäre eine Analyse der Bewegung notwendig und hilfreich gewesen und für die Junge Welt auch nicht so sehr aufwändig. Am anderen Ende der Republik sitzend war es mir zumindest möglich, über die von den Versammlungen eingestellten Videos einen guten Eindruck davon zu erlangen, was sich dort abspielte. Natürlich waren da seltsame Gestalten dabei. Aber war das in den Achtzigern bei der damaligen Friedensbewegung nicht auch so? Wenn wir das damals abgeblasen hätten wegen der Esoteriker, der Spinner, der Rechten, hätte es eine große Friedensbewegung nicht gegeben. Da waren Generäle dabei. Mechtersheimer war eine zentrale Person in der Bewegung. Hat er sich wirklich erst danach als einer vom rechten Rand erwiesen?

Zurück zu den Mahnwachen. Ein soziologischer Schnelltest erbrachte kurz darauf, dass das ganze Geunke von der Nazi-Friedensbewegung wohl Quatsch war. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen verortete sich eher links. Das wurde von der Jungen Welt etwas pikiert zur Kenntnis genommen, aber Konsequenzen wurden keine gezogen.

Zweidrittel bis dreiviertel der Deutschen sind gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr und für eine friedliche Politik. Da sind die nicht deutschen Menschen, die bei uns leben, noch gar nicht gerechnet. Die Junge Welt und andere Linke räsonierten jahrelang darüber, dass diese Friedensfreunde sich leider, leider nicht mobilisieren ließen. Das war offenbar Quatsch. Der Linken und der linken Friedensbewegung gelang es nicht, diese Leute zu mobilisieren. Dass sie mobilisierbar waren, haben die Montagsmahnwachen gezeigt. Offenbar waren einige Leute darüber so beleidigt, dass sie lieber in den Chor der Medien einfielen, als sich freuen zu können, dass es Bewegung gibt und dass man reden kann. Nein. Selbst die Junge Welt sprach von „Wutbürgern“. Geht’s noch?

Wich die Skepsis, als TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen und Teile der Friedensbewegung zum Friedenswinter mobilisierten? Machte der verantwortliche Redakteur Sebastian Carlens sich kundig? Wieder nicht! In der Schmollecke in der Redaktionsstube saß er und produzierte ein „manipulatives Traktat“ (Rainer Rupp) und nannte es „Formierte Gegenaufklärung“. Rupps Bezeichnung „manipulativ“ trifft das Wesen des Artikels gut. Sein lang geratener Einstieg ins Thema suggeriert marxistische Analyse. Ohne dass er den Leuten der Mahnwachen etwas konkretes nachsagen kann, außer dass sie die Fed verantwortlich machen für die Kriegsgefahr, spannt er einen suggestiven Bogen vom Friedenswinter über Pegida undAfd zu angeblich „neuen Inflationsheiligen“. Da gehört Elsässer dazu, dessen rechtsradikale Gesinnung wird genutzt, um auch Jebsen zu entlarven, auch diesmal ohne einen konkreten Vorwurf. Der Artikel erschien in der gleichen Ausgabe, wie ein Interview mit Monty Schädel, in dem dieser in der gleichen Art wie Carlens ohne Beweise die Montagsmahnwachenleute zum rechten Rand erklärt. Eine Breitseite der Jungen Welt gegen den Friedenswinter also. Schädel ist Vorsitzender der DFG/VK. Auf seiner Website steht geschrieben, er habe mit anderen Aktivisten zusammen die Proteste gegen den G8-Gipfel in, Heiligendamm organisiert. Hört sich etwas überheblich an. Dass Schädel im besten Falle ein Sempliciotto, im schlechteren Falle ein übler Provokateur ist, zeigt er, wenn er in dem Interview skandalisiert, der Journalist Ken Jebsen teile alle Meinungen seiner Interviewpartner von weit rechts bis weit links. Er findet, die Friedensbewegung solle sich wieder auf ihre bewährten Strukturen stützen und den „Friedenswinter“ beenden. Und das, obwohl er zugibt, in der Ukraine-Frage habe die Friedensbewegung versagt. Er sagt das so dahin, dabei handelt es sich um den für den Frieden in Europa gefährlichsten Konflikt gegenwärtig. Da hat die Friedensbewegung halt mal versagt. Und wenn die Montagsmahnwachen nicht stattgefunden hätten? Dann wäre es bei diesem Versagen geblieben, nicht wahr?

Der Friedenswinter habe mit der Friedensbewegung, wie er sie kenne, nichts zu tun, teilt der Ossi Schädel mit. Ja eben, die alte große, starke, breite Friedensbewegung, in der alle politischen Meinungen und Haltungen außer faschistischen willkommen waren, eine ohne Gesinnungsprüfung für die, die mitmachen wollten, eine die auch Militärs willkommen hieß und Kapitalisten, das kann sich Schädel nicht vorstellen. Weil er sich nicht vorstellen kann, was er nicht selber erlebt hat? Wahrcheinlich kann er nur eine Friedensbewegung gut finden, die ihm selber ein Podium ohne Konkurrenz für seine Selbstdarstellung bietet.

Reiner Rupp, der den Skandal dieser JW-Ausgabe benannte, wurde abgefertigt, seine Aufforderung, eine breite Debatte in der Jungen Welt zu führen, kaltschnäuzig abgelehnt. Dagegen darf ein Leander Sukov einen „Debattenbeitrag“ leisten – in welcher Debatte? And who the hell is Leander Sukov? Doch nicht der mit der angeblich „wuchtigen Sprache“? Und was hat nun ausgerechnet Leander Sukov befähigt, diese Zusammenfassung zu schreiben? Vielleicht eine Auftragsarbeit weil er Geld brauchte. Der Beitrag ist weniger als eine schmalbrüstige Zusammenfassung aller Vorurteile, die in der JW bereits serviert wurden.

Das alles Revue passieren lassend, könnte man auf eine neue Verschwörungstheorie kommen: Die Junge Welt ist vom Gegner gekapert.

6.

Zum Schluss

In der Jungen Welt ist der Zustand von Teilen der Linken abgebildet, jener Linken, die sich radikal oder marxistisch oder kommunistisch oder alles gleichzeitig wähnen. Kennzeichnend für diese Linke ist, dass sie gesellschaftlich isoliert ist. Dies führt sie selber gerne auf den noch immer wirkenden Antikommunismus und die Linkenhatz zurück. Aber der Antikommunismus hat viel von seiner Wirkung verloren, nicht nur bei jungen Menschen. Die radikale Linke betreibt vielmehr eine sehr effiziente Selbstisolierung. Sie wirkt nach außen unattraktiv. Attraktivität ist aber Teil der Fähigkeit, eine Gegenhegemonie gegen die neoliberalen Machteliten aufzubauen. Die radikale Linke aber ist abgeschottet von der Gesellschaft, zerstritten, misstrauisch, gibt sich elitär und teilweise rückwärtsgewandt, ist voller Vorurteile und wahrscheinlich durchsetzt von Agenten. Sie bietet reichlich Platz für Selbstdarsteller, Wichtigtuer, Halbgebildete und Looser, die sich durch ihr Dabeisein Bedeutung zu geben versuchen. Die Linke hat kein Charisma und sie findet das noch nicht einmal traurig. Sie sind stattdessen gerne graue Mäuse, Hauptsache, sie haben Recht.

Die Selbstisolation hat Folgen. Von Veränderungen in der Gesellschaft, die sich unter der Oberfläche vollziehen, bekommen sie nichts mit. Sie bemerken nicht, dass die Hegemoniefähigkeit der herrschenden neoliberalen Machteliten schwindet. Dass der gesellschaftliche Konsens brüchig wird. Dass die Menschen anfangen, selber zu denken, dass diese überall spürbare Aufmüpfigkeit Ausdruck von sich ändernden Verhältnissen ist. Es gibt einen Trend zur Selbstermächtigung. Immer mehr Menschen nehmen wahr, dass ihre Interessen, die Interessen der Mehrheit, von den Herrschenden ignoriert werden, was sich auch in sinkenden Wahlbeteiligungen äußert. Die radikale Linke hingegen lässt sich von 70 Prozent Zustimmung für Schäuble und Merkel in Umfragen blenden, obwohl sie um den Schwindel mit Umfragen weiß und übt sich lieber in Publikumsbeschimpfungen, als dass sie ihre Wichtigtuerecke verließe.

Und so hält sie die Gesellschaft auch nicht für würdig, dass sie ihr Vorschläge macht. Sie macht keine Angebote an jene Menschen, deren Misstrauen in den Kapitalismus wächst. Sie formuliert keine Zukunftsinteressen und -forderungen. Wo in der ach so radikalen Linken diskutiert jemand über den Ausweg aus dem Kapitalismus und wie es in Richtung Sozialismus gehen könnte?

Nehmen wir das Beispiel Gesundheitswesen. Lassen wir das Programm der Partei DIE LINKE beiseite, deren Worte zu dem Thema nur verdeutlichen, dass es ihr um die Verschönerung des Kapitalismus geht. Fragen wir, was an radikalen Analysen, solchen, die an die Wurzel gehen, geleistet werden. Wo werden aus der Analyse des Gesundheitssystems Forderungen, Ideen für die Zukunft und für notwendige Kämpfe abgeleitet? Die mehr sind als nur die Verteidigung des Bestehenden? Oder die bessere Bezahlung der dort Arbeitenden? Zum Beispiel, dass aus Krankheit überhaupt kein Profit geschlagen werden darf. Dass deshalb nur gemeinwirtschaftliche Krankenhäuser (außer für Schönheits-OPs) zu dulden sind, private in Gemeineigentum, egal welcher Art, umgewandelt werden müssen. Auch für Reha-Zentren, Alten- und Pflegeheime muss das gelten. Die Versorgung des ländlichen Raums mit Ärzten kann nicht durch PR-Kampagnen, sondern muss durch die Einrichtung öffentlicher Arztpraxen gesichert werden, besser noch: die gute Einrichtung aus dem Sozialismus, die Polykliniken, könnten wiederbelebt werden. Auch Ärzte müssen nicht auf der Krankheit von Menschen und den Beiträgen der Versicherten zu Millionären werden, aber sie müssen auch gut davon leben können, statt sich auf Lebenszeit zu verschulden.

Den größten Profit im Gesundheitswesen macht die Pharmaindustrie. Sie muss enteignet werden. Das ist das dickste Brett. Staatseigentum oder kommunales, gemischtes, Belegschaftseigentum oder Kasseneigentum, der Phantasie muss keine Grenze gesetzt sein. Das alles gehört nicht in Parteiprogramme, sondern in die Diskussion, muss propagiert werden. Aber das würde ja bedeuten, dass man mit Menschen reden muss, die zum Teil noch mit reaktionärem Gedankengut infiziert sind.

Ein weiteres Beispiel: Wo ist die linke Politik für die EU? Wieso wird nicht die Solidarität derer propagiert, die gezwungen sind, vom Verkauf ihrer Arbeitskraft zu leben? Wo wird von dem Gewinn berichtet, wenn man zusammenhält? Und zwar unabhängig davon, ob man nun raus aus der EU will oder drinbleiben oder für die Auflösung ist.

Weil die Menschen in Deutschland keine Zukunftsvorstellungen, keine Kämpfe mit der Linken verbinden, sind einige leichte Opfer für Rattenfänger von rechts, für Pegida, Nazis, Rechtspopulisten, Salafisten, fundamentalistische religiöse Sekten, Männlichkeitswahn und Chauvinismus.

Der Kampf für eine bessere Welt beginnt mit dem Kampf gegen die kulturelle und ideologische Hegemonie des Finanzkapitalismus und das ist der Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen.

„Wenn wir es nicht schaffen, all dies zu thematisieren, wird es die Rechte übernehmen.“

Oskar Lafontaine


1 http://www.rationalgalerie.de/schmock/junge-welt.html


2 Wie sich gerade zeigt, erhält die Bewegung gegen Suttgart 21 erneuten Schwung durch die Ergebnisse der Recherchen eines Journalisten.


3 Federal Reserve Bank; US-amerikanische Notenbank


4 http://www.jungewelt.de/2014/04-28/005.php

Dienstag, 27. Mai 2014

Das uigurische Lamm zwischen den Raubtieren der Welt

Ein Propagandatext über Xinjiang und die globalen Rivalitäten im heutigen Kapitalismus.

Es ist ausgeschlossen, dass die Volksrepublik China unter kapitalistischen Bedingungen ihrem Autonomen Gebiet Xinjiang nationalstaatliche Unabhängigkeit gewährt. Die chinesischen Spitzenpolitiker werden, wenn sie den amerikanischen und europäischen Geopolitikern überlegen bleiben wollen, dergleichen nie und nimmer friedlich zulassen. Dafür ist Xinjiang für die klassenbewussten Kapitalisten der Welt geopolitisch zu bedeutsam.

Lamm, von rohkost.de
Eine Sezession des Gebiets wäre für den chinesischen Staat nicht weniger als Selbstmord. Denn geopolitische Konkurrenten Chinas würden einem solchen "Ostturkestan" natürlich ebensowenig Ünabhängigkeit gewähren wie China. Der uigurische Separatismus würde notwendigerweise mit dem Imperialismus anderer Staaten verschmelzen. Allen voran die USA würden selbstverständlich, ganz ohne Zweifel, sofort ihren Einfluss geltend machen und ein "unabhängiges" Ostturkestan zur neuen Operationsbasis machen. China hätte damit die 5. Kolonne seines größten geopolitischen Konkurrenten direkt auf dem ehemals eigenen Territorium, sozusagen direkt vor der Nase, oder sogar wie ein Pickel auf der Nase.

Eine derartig dilettantische Politik, eine ungewollte Politik der Selbstzerstörung, können europäische oder amerikanische Politiker betreiben, nicht aber chinesische, die kulturell bedingt Großmeister des Subtilen und Unausgesprochenen sind. Zugleich sind der chinesischen Geopolitik um Xinjiang enge Grenzen gesetzt. Die Innenpolitik kann allenfalls die inneren Spannungen in Xinjiang durch kluge sozialpolitische und kulturpolitische Maßnahmen dämpfen. Außerdem kommen zu den weichen Methoden noch polizeistaatliche Maßnahmen in Betracht.

Tatsächlich wurden seit dem 11. September 2001, nach dem Massaker von 2009 und den Anschlägen von April und Mai 2014 die polizeistaatlichen Repressalien ausgeweitet. Polizisten werden vermehrt und gezielt für den Gegen-Terror ausgebildet. Racial Screening, d.h. gezielte Repressalien gegen uigurisch aussehende Menschen auf den Straßen, ist nur eine problematische Nebenwirkung. Das Misstrauen zwischen Han-Chinesen und Uiguren wird durch die Agitation gegen "Separatismus, Radikalismus und Terrorismus" und durch den rassistischen und anti-muslimischen "War on Terror" gewiss nicht verringert.

Nach außen hin kann China ebenfalls - man verzeihe den bildlichen Ausdruck - eine Politik aus Nudelsuppe und Drachenkralle zusammenbrauen. Den großen geopolitischen Rivalen und ihren Verbündeten wird daher klar gemacht, dass Xinjiang kein Sandkasten für alle ist. Die Ordnung Xinjiangs droht im Streit zwischen den Mächten auseinanderzufallen, zerrissen zu werden von der prekären Stellung innerhalb einer multipolaren Welt. Ein Auseinanderfallen der staatlichen Ordnung in Xinjiang würde aber ganz China destabilisieren und auch im Rest des Landes die Ordnung gefährden. Chinesen und vor allem die chinesischen Eliten lieben aber die Ordnung im Reich der Mitte. "Ordnung muss sein" ist das Mantra der Han-Chinesen ebenso wie das der Staatsführung Chinas. 

Nach außen hin muss sich China zugleich bemühen, nicht zu viel Widerspruch zu provozieren. Entsprechend werden geopolitische Bündnisse angestrebt, um nicht aneinander zu geraten. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist das wichtigste Beispiel für solche Bündnispolitik, wobei das Zweckbündnis Chinas und Russlands alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch die zentralasiatischen Staaten sind von Bedeutung.

*Der Text wurde im Nachhinein stark gekürzt, da er futuristisch-mythologische Elemente enthielt, die für die meisten LeserInnen womöglich ganz unverständlich waren.

Der hässliche Leviathan, von CherryflavouredAcid, http://fc03.deviantart.net



Mittwoch, 5. Februar 2014

Menschen, Recht und Menschenrecht

In diesem Artikel geht es um das Verhältnis von Rechten und speziell Menschenrechten zu ihren Schöpfern, den Menschen. Teil 1 der Serie über Menschenrechte und Klassenkämpfe.

Menschen, Rechte und Menschenrechte


Es existiert kein Recht und kein Menschenrecht ohne Menschen. Menschen machen sich ihre Rechte. Menschenrechte sind daher nicht angeboren, sondern sozial konstruiert. Sie entstehen im Kopf der Menschen und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne Menschen, die für Recht und Menschenrechte eintreten, gibt es keine Rechte und keine Menschenrechte. Der Mensch ist also die Wurzel des Rechts. Das Recht an seiner Wurzel zu erfassen, am Menschen, ist radikal sein in Bezug auf Recht und Ordnung.

"Recht", "Recht haben", "Recht behalten" usw. sind also soziale Konstrukte, Erfindungen der Menschen. Es sind im Grunde Ideen oder Werte, die das Handeln der Menschen anleiten sollen, damit es nicht zu unnötigen zwischenmenschlichen Problemen, d.h. zu Unrecht, kommt. Unrecht ist ebenfalls eine soziale Konstruktion, aber das ändert nichts daran, dass Recht und Unrecht äußerst real sind. Überall auf der Welt gibt es Recht und Unrecht in ganz großem und in ganz kleinem Maßstab. Zum einen gibt es bereits Unterdrückung zwischen zwei Menschen, familiäre Unterdrückung, häusliche Gewalt, Mobbing, Kriminalität und strukturelle Gewalt auch in den aller modernsten Gesellschaften. Diese müssen im Sinne des Rechts bekämpft werden, wenn nötig auch mit Hilfe staatlichen Rechtes oder mit kleinen, persönlichen Aufständen. Zum anderen gibt es ganz großes Unrecht auf höchster Ebene.

Aber alles echte Recht der Welt steht auf Seiten der Unterdrückten und entlarvt ausnahmslos alle Unterdrücker und Tyrannen dieser Welt. Insofern sind Ausdrücke wie "Recht haben" oder "Recht behalten" absolut treffend. Recht haben, Rechte, Anerkennung und Achtung der Menschenrechte, Wahrheit, Ehrlichkeit, Ehrwürdigkeit, Würde und Kampf für Menschenrechte gehören ohne Zweifel zusammen. "Unrecht haben" und "bloß gestellt sein" sind ebenso treffend. Denn Unrecht haben, Unrecht, "Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte", Lug, Trug, Würdelosigkeit, Heuchelei und Tyrannei gehören ohne Zweifel ebenfalls zusammen


Das Problem ist, dass sich Unrecht stets als Recht tarnt. Auch die größten Tyrannen schämen sich nicht, Worte wie "Wahrheit", "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Gleichheit", "Demokratie", "Recht" usw. mit ihrer Heuchelei zu beschmutzen. Solche Heuchelei dient immer der Verkleidung von Egoismus, Partikularinteressen und Unrecht im strahlenden Kleid des Rechts. Tyrannen schmücken sich nicht umsonst immer mit den Insignien und Reliquien von Heiligen, Märtyrern und Freiheitskämpfern.

Gerade die Staatsmacht und die sogenannte "Herrschaft des Rechtes", gleich wie modern die jeweilige Gesellschaft ist, dienen ja vor allem den Interessen des jeweiligen Staates und den Herrschenden. Durch "die Herrschaft des Rechts" behalten die Herrschenden Recht. Das herrschende Recht ist in der Klassengesellschaft an sich stets das Recht der Herrschenden, der herrschenden Kapitalisten, der stärkeren Klassen, des Stärkeren. Wie die herrschenden Gedanken die Gedanken im Sinne der Herrschenden sind, ist das herrschende Recht im Sinne der Herrschenden.

In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wird der "Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung" als "letztes Mittel" zum Zweck der Durchsetzung von Menschenrechten benannt:

"[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen [...]"

Da Aufstände nie völlig friedlich sein können, wurde damit also die Gewalt als legitimes Mittel gegen Tyrannei und Unterdrückung durch die Unterzeichnerstaaten der Erklärung anerkannt. Die Erklärung wurde also im Sinne von Staaten unterzeichnet, die sich die internationale Durchsetzung der Menschenrechte auf die Fahne geschrieben haben. Das geschah nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des bisher barbarischten und tyrannischsten Menschenmordes der Weltgeschichte, was ausgerechnet vom hochmodernen deutschen Staat und seinen Verbündeten und den Alliierten umgesetzt wurde. Nach dem Massenmorden kam die späte Erkenntnis, dass man durch internationales Recht oder frühzeitigen Aufstand viele unnötige Todesopfer hätte verhindern können. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 diente also vor allem der Beruhigung der Gewissensbisse der Herrschenden und der Legitimation der damals herrschenden Staatsmächte.

"Demokratie"? Die Herrschaften ("Kratie") pissen auf das Volk ("Demo(s)"), Karikatur von Oliver Schopf: http://www.oliverschopf.com/img/pol_kar/welt/w603x486/demokratie_protest.jpg





Woher kann man wissen, dass nicht die Rettung echter Menschenleben und echtes Recht die oberste Priorität bei der Erklärung einnahmen? Ganz einfach. Im selben Jahr als die Erklärung proklamiert wurde, 1948, wurde z.B. mit Hilfe einiger Unterzeichner-Staaten jegliches Menschenrecht mit Füßen getreten und mit ihm gleich hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und unzählige ermordet, misshandelt und vergewaltigt, um den Staat Israel auf ehemals palästinensischem Boden zu sichern.

Als Antwort auf die Gründung Israels kam es in den umliegenden arabischen Staaten zu einem gewaltsamen Aufstand gegen das, was sie als ungeheuerliches Unrecht und als Heuchelei einiger Unterzeichner-Staaten auffassten: die Beraubung und Vertreibung hunderttausender Menschen von ihrem "rechtmäßigen" Territorium. Die Zionisten, die mit allen Mitteln für die Gründung eines jüdischen Staates kämpften, sahen das natürlich anders. Für viele von ihnen war Palästina das "rechtmäßige" Territorium der Juden.

Dass dieser Zwist um Recht und Unrecht bis heute anhält und den Weltfrieden nicht nur bedroht, sondern völlig unmöglich macht, zeigt wie wichtig es den Menschen ist, "Recht zu behalten", "Recht zu haben". Dass der Konflikt erst ein Ende nehmen kann, wenn ein sogenannter "Rechtsstaat" in diesem Gebiet gegründet wird, der allen seinen Anwohnern, Einwohnern und Bürgern gleiches Recht zugesteht, ist den linken Antizionisten und linken Postzionisten schon lange klar. Aber Nationalisten und Zionisten diverser Länder wollen solch eine Lösung offenbar nicht, weil es ihre Herrschaft oder ihre Privilegien bedrohen würde.

Wenig später kam es 1950-1953 zum Korea-Krieg, in dem die zwischen Nordkorea, der UdSSR und China einerseits und Südkorea und den USA andererseits ein weiterer katastrophaler Krieg ausbrach, in dem allein über eine Million Chinesen, eine Million Südkoreaner und zwei einhalb Millionen Nordkoreaner starben, nur um beim Eroberungskrieg die selben Grenzen wie zuvor wiederherzustellen und bis heute die militarisierteste Region der Welt zu schaffen. Man darf daran zweifeln, ob es den Kriegsführern um Menschenrechte ging.

Die USA bekleckerten sich schon seit den 50er Jahren nicht mit Ruhm als sie in der "McCarthy-Ära" Kommunisten, Sozialisten, Radikale, Demokraten und unpolitische Bürger verfolgten. Presse- und Gewissensfreiheit sind offenbar ohnehin nicht das Ding des amerikanischen Staates. Aber der amerikanische Vietnam-Krieg von 1965-1975 überbot alle bisherigen Schandtaten der USA noch bei weitem. Wie der Korea-Krieg war auch der Vietnam-Krieg ein Stellvertreter-Krieg zwischen der westlichen und der östlichen Supermacht und wieder ging es um ein geopolitische Aufteilung eines Landes nach politischen Sympathien. Diesmal siegten jedoch die Stellvertreter des Ostblocks, indem sie ganz Vietnam eroberten und dem amerikanischen Kriegsterror zehn Jahre lang Widerstand leisteten. Die Bilanz des Krieges schloss bis zu vier Million tote Zivilisten und Soldaten ein, aber auch hunderttausende Verletzte, Traumatisierte und Deklassierte. Es ging hier nicht um Menschenrecht, sondern um Klassenkampf und Geopolitik.

Die Liste der Verbrechen der Unterzeichner-Staaten kann beliebig lang weitergeführt werden. Der staatlichen Untaten und Gräuel gibt es unzählige. In der Klassengesellschaft erfolgen Tyrannei und Unterdrückung mehrheitlich durch staatliche Bürokratien und die Herrschenden, da die Macht der herrschenden Klassen und die Staatsmacht zusammen die mächtigsten Gruppen auf diesem Planeten sind. Aber selbst die modernsten Staaten sind heute nicht frei von Tyrannei und Unterdrückung.

Der deutsche Staat unterdrückt seine Bevölkerung auf subtile und offensichtliche Weisen. Außerdem unterdrückt er gewisse Gruppen der Gesellschaft kaum, während er andere in hohem Maße zu unterwerfen versucht. Seine unterdrückerischen Methoden umfassen zum einen subtile Maßnahmen wie strukturelle Gewalt, systematische und tolerierte Diskriminierungen und staatliche Ideologieproduktion durch Medien, Zensur und Desinformation. Zum anderen schließen seine Methoden auch erbärmliche Diffamierungskampagnen, brutale Polizeigewalt und Militäreinsätze ein.

Auf fast jeder antifaschistischen Aktion, sei sie noch so friedlich, schlagen die Bullen zu oder sprühen zumindest aus Spaß ein wenig Pfefferspray raus. Oft werden jugendliche Aktivisten gedemütigt und misshandelt, wenn sie nach einer Aktion unrechtmäßig inhaftiert werden für begrenzte Dauer. Die Polizeigewalt bei den Nazi-Blockaden gegen Demokraten und in Stuttgart gegen die bürgerlichen Demonstranten werden niemals vergessen werden. Die Polizei ist dafür da, um zuzuschlagen. Sie ist der tollwütige Pitbull des Staates.

Dieser Staat ist ein Staat, der die Menschheit hasst. Sogar einen Großteil seiner eigenen Bevölkerung behandelt er wie Abschaum, aber andere Völker behandelt er noch viel schlimmer. Oberst Klein, der für die Ermordung von Zivilisten in Afghanistan auch noch zum General befördert worden ist, ist nur ein Beispiel für die Menschenverachtung durch den bundesrepublikanischen Staat.

Aber wenn sogar so moderne Staaten wie die BRD noch immer zutiefst repressiv sind, was bringen dann Rechte, Menschenrechte und andere Errungenschaften? Sind Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dergleichen dann nicht nutzlos und bloße Fassade im Sinne der Herrschenden? Nein. Die Errungenschaften, die über Jahrhunderte und Jahrzehnte erkämpft worden waren, sind neben dem Leben selbst das größte Gut für die Menschheit. Aber sind die Errungenschaften nicht automatisch gekommen? Immerhin entwickelt sich die Gesellschaft ja stets weiter. Nein. Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren. Alles andere ist schlecht gewordener Quark.

Die Erkämpfung von Menschenrechten in weltweiten Klassenkämpfen


Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind also Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren? Ist dem so? Was ist denn mit der Demokratie, mit der Gleichheit vor dem Gesetz, mit der Pressefreiheit, mit der Krankenversicherung, mit dem Verbot der Kinderarbeit, mit der Schulbildung, mit der Aufklärungsphilosophie, mit der Emanzipation der Frau und dem Ende der Sklaverei? Sind das etwa im Klassenkampf errungene soziale Errungenschaften? Kamen diese Dinge an sich nicht automatisch zustande? Waren sie nicht ein an sich natürliches Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung? Sind sie nicht Teil der menschlichen Natur?

Nein, allein schon die Idee ist zum Totlachen lächerlich. An sich wurden all diese Dinge von unterdrückten Menschen für sich errungen, mit viel Mühen und im Klassenkampf, d.h. sie sind soziale Konstrukte, die den Herrschenden aller Zeiten mit Gewalt abgezwungen wurden. Denn die Herrschenden hatten an sich zunächst keinerlei Interesse an diesen Dingen. Aber sobald die Dinge sich durchgesetzt hatten und es nicht mehr normal war, Kinder zur Arbeit zu schicken oder Bürger vor dem Gesetz offenbar ungleich zu behandeln, war es im Interesse der herrschenden Klassen, diese Errungenschaften in gewissem Maße für sich zu vereinnahmen und sie in gewisser Weise nicht anzuzweifeln.

Die Ideale der französischen Revolution mussten im Klassenkampf durchgesetzt werden.

Denn das Verbot von Kinderarbeit, von Sklaverei, von Vergewaltigung in der Ehe etc. und die selbstverständlich erscheinenden Rechte der Frau, wählen zu können, nach eigenem Gewissen abtreiben zu können, sich scheiden zu können etc. sind ebenso Früchte des schärfsten Klassenkampfes wie die Proklamation der Menschenrechte in der französischen Revolution von 1789 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.

Das Recht auf Klassenkampf ist das Recht der Menschen


Unser Fazit kann lauten: Das Recht auf Klassenkampf ist das ureigenste Recht der Menschen. Die Menschheit ist in höchstem Maße an Klassenkampf interessiert. Ohne Klassenkampf käme die Menschheit keinen Schritt voran. Es gibt aber, seit es die Klassengesellschaft gibt, an sich ohnehin keinen Moment, in dem es nicht zum Klassenkampf kam. Klassenkampf und Klassengesellschaft sind im Grunde das selbe. Das eine ist daher ohne das Andere nicht denkbar. Die Utopie einer kapitalistischen Klassengesellschaft ohne Klassenkampf ist bloßes Fantasieprodukt wie das Schlaraffenland auch. Es kann keine Klassengesellschaft ohne Klassengesellschaft geben. 

Allerdings kann Klassenkampf zurückgedrängt, gedämpft und verschleiert werden. Es kann, wie heute in Deutschland z.B., dazu kommen, dass Klassenkampf fast nur von einer Seite betrieben wird. Es kann zu einer relativen Dominanz des Klassenkampfes von oben kommen. Es kann passieren, dass sich die unterdrückten Klassen kaum wehren, stumm und passiv bleiben, während zugleich ihre innersten Klasseninteressen mit Füßen getreten werden. Die Schlangenlederstiefel der Herrschenden können unter Umständen auf die Pantoffeln der Beherrschten treten, ohne das letztere aufschreien, protestieren oder rebellieren. Das ist in Deutschland im Grunde in den letzten Jahrzehnten passiert. In Griechenland passiert dagegen zur Zeit etwas ganz Anderes. Da wird geschrien, protestiert und rebelliert was das Zeug hält. Allerdings reicht der Protest der griechischen Arbeitenden nicht aus, um die Menschenfeind-Clique des dunklen Lords Angelo Merte zu verscheuchen, die mit Klassenkampf von oben ganz Europa verwüstet.

In der französischen Revolution von 1789, in der russischen Revolution von 1917, in der deutschen Revolution von 1918, in der chinesischen Revolution von 1925-1927, in der spanischen Revolution der 30er Jahre und so weiter kam es dagegen zur Dominanz des Klassenkampfes von unten. Die unterdrückten Klassen wurden selbstbewusst und wagemutig. Daher nahmen sie sich das Recht, mit dem "letzten Mittel", dem Aufstand, die Herrschenden und Tyrannen dieser Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Dem Menschen wäre mehr von diesem "Schrecken" zu wünschen, damit überall auf der Welt die Menschenrechte durchgesetzt werden.


Sonntag, 2. Februar 2014

Cr7z

Wenn es so etwas wie ein Genie gibt, dann ist Cr7z ein Rap-Genie. Gelesen wird Cr7z wie Chris oder auch einzeln ausbuchstabiert: C R 7 Z. Sein bürgerlicher Name ist Christoph Hess. Ja, er ist wohl verwandt mit der Nazi-Größe Hess, was er in vielen Liedern auch durchklingen lässt. Idioten haben ihm bereits Nazi-Symboliken an die Wand geschmiert deswegen. Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7.

Vielleicht ist Cr7z auch deswegen so melancholisch. Er hat bestimmt nicht wenig nachgedacht über die Höhen und Tiefen des Mensch-Seins. Daher ist sein musikalisches Talent von aller größter Leidenschaft und Leid erfüllt. Weltschmerz ist allgegenwärtig in seinem bisherigen Schaffen. Dennoch ist er kein Emo.

Er kennt Hoffnung und Liebe, sogar Respekt von Amewu, Chefket und Absztrakkt, die seine Mentoren waren. Und er war ihr genialer Schüler, ein großartiges Talent. Allerdings erwartet die talentiertesten Schüler ja immer das selbe Schicksal. Ob das auch auf Cr7z zutrifft?

Ein Genie akzeptiert keine künstlichen Schranken


Entsprechend spiegelt sich das in seiner Musik wider. Wie ein Genie stellt Cr7z eigene Regeln für die Rap-Poetik auf. Er unterwirft sich den bisherigen Regeln nur dort, wo sein Talent es für nötig hält. Wo formale Schranken ihn aufhalten, da walzt er sie nieder. Jedenfalls wendet er sich gegen Reimzwang, Gangstergehabe, Kommerzmotive und Vereinnahmung durch Andere. Er hat seinen ganz eigenen Stil und seine ganz eigene Message, was in jedem einzelnen Lied rüberkommt. Er unterwirft sich die Kunst. Sein Rap ist wie ein elegant geschwungener Degen, mit dem er ein Herz in den Sand malen oder Kehlen aufschneiden kann. Je nach Laune.

Cr7z hat offenbar ein klares Ziel vor Augen. Oder zumindest fährt er wie ein Hochgeschwindigkeitszug in eine ganz bestimmte Richtung. Man hat den Eindruck, dass er bereits hunderte Tracks auf dem Weg zum Ziel veröffentlicht hat. Jedenfalls findet man Unmengen an Titeln kostenlos online. Cr7z, sag mal, wie viele sind es denn etwa? 200, 300, 400? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es ihm darum geht, der riesigen Masse an Menschen eine entsprechende Masse an Liedern zu widmen, was er in einem Lied sogar wörtlich so sagt. Wenn er sich nur nicht so sehr von dieser Masse abgrenzte.

Wie schätzt er selbst sein Genie ein? Über seine Tätigkeiten rappt er, "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln", "es ist kein Witz, wenn man sagt, dass ich überlegen bin; guck dir an, was du machst - dann geh in die Ecke und schäme dich. Rap' die Wahrheit mit eisernem Willen. Ansonsten guck' ich P.S. Ich liebe dich und wein' bei dem Film."



"Das Biest" und die Gefahren der Menschheit


Die dumpfe, einförmige und seelenlose Masse ist für Cr7z ein Anstoß der Empörung. Er scheint die Geist- und Lieblosigkeit der Menschen zutiefst zu verachten. In fast jedem Lied kommt dieser Eindruck rüber. Im Grunde ist Cr7z eine Art einsamer Ronin, der gegen etwas Dunkles, Unbekanntes, Beängstigendes ankämpft. Er selbst nennt es "das Biest".

Das Biest ist aber kein einfaches Feindbild. Es ist vielmehr ein dialektischer Gegensatz zu Cr7z. Es ist ein Teil seines Ichs und zugleich etwas, was er von sich fern halten muss, ein bisschen wie ein weißer Hai aus Deep Blue Sea, der den Taucherkäfig mit aller Gewalt zu demolieren versucht. Ein noch passenderes Bild ist vielleicht der Hulk. Cr7z ist ein wenig wie der Hulk. Solange er sich kontrollieren kann und seine Kunst ihm als Ventil dient, kann er friedlich sein. Aber reize ihn nicht zu sehr, denn sonst "hast du ein Messer an der Kehle".

Das Biest ist also in Cr7z selbst und es umgibt ihn zugleich. Es liegt nahe: dieses "Biest" ist nichts anderes als die Menschheit. Cr7z liebt und hasst dieses Biest. Er kann sich von diesem Biest trotz aller Mühen nicht abtrennen. Dafür müsste er schon vor die Bahn springen. Aber solange er Leben in sich hat, muss er also ein Teil dieses Biestes bleiben. Wie der unbesiegbare Hulk ist auch dieses Biest unbesiegbar. Anders als der Hulk ist es aber sterblich. Löscht sich die Menschheit aus, ist auch das Biest ausgelöscht. Genau darum geht es bei Cr7z, dessen überragende Kunst vor den drohenden Gefahren der technokratischen Revolution warnt. Oder in seinen eigenen Worten: "Drecksversager, Drecksvisagen, Drecksgelaber, Drecks-gewalttätiges-Pack macht seit Tag 1 unsere Kinder krank, vergiftet die Flüsse".

Eines der stärksten Lieder von Cr7z ist "Neue Welt". Epischer Chorgesang begleitet den dystopischen Sprachgesang von Cr7z. Obwohl er Alltagswörter und vulgäre Sprache nutzt, klingt alles, was er sagt dadurch wie die letzte Predigt eines reuigen Papstes vor dem jüngsten Gericht. Dann kann es nämlich nicht mehr um Lug und Trug, um Ausbeutung und Auspeitschung durch die Kirche gehen, sondern ausnahmsweise Mal wirklich um das Seelenheil auch des aller letzten Sünders. In diesem Duktus warnt Cr7z also die Menschheit vor dem endgültigen Aus:

Yeah, der Verfall unserer Gesellschaft schreitet weiter fort
Die Zukunft war noch weit entfernt
Erinnert ihr euch? Wir sprachen wie's einmal wird
Und wenn man nachdenkt, merkt man, dass es bereits soweit ist
Aber irgendwie hat den Switch keiner so richtig mitgekriegt
Damals hab ich dich besucht, als es mir nicht gut ging
Heute schreib ich das Wort über das Internet
Plötzlich bist du offline und bevor ich zu dir hintercheck
Haben mir andere schon wieder 'nen Link geschickt
Und ich nick besoffen mit
Wir haben uns schon so daran gewöhnt und finden's nicht mal zum Kotzen
Denn die Informationen stehen uns in ihrer Schönheit offen
Wir können uns ansehen wie im Osten wieder 'n Kind verreckt
Und wieder rüberklicken, wo es Mittel gibt die Pipe zu stopfen
Gefühl verworren, wir machen die Boxen an und tanzen
Lachend geht die Welt zugrunde, lieber noch 'ne Runde zocken
Alle tun es und keiner warnt mehr zur Vorsicht
Mich warnt schon allein ein Junge, der alleine auf ein Tor schießt

Ein wichtiges Motiv ist dabei die Betäubung, die Unbewusstheit, die Schläfrigkeit. Menschen denken, die unkontrollierbaren Gefahren und bösen Machenschaften aus Filmen und Spielen gäbe es nicht in der Realität. Die Realität wird vielmehr als "ganz gleichgültig und grau" aufgefasst. "Am Anfang merkt man noch nicht viel davon". Aber irgendwann sitzt man mit "heiligen Augen" vor bunten Bildschirmen, um vor dem eigenen Grau zu fliehen.

Oder man ist an den Arbeitstagen ein untotes Stück Fleisch. Man dient als Erweiterung für Maschinen und Computer, um am Wochenende die herrliche Illusion der Lebendigkeit zu genießen. "Zombies" und "Cyborgs" bevölkern jetzt schon die neue Welt. Alko-Pops, Wodka-E, Tequila sind zu Lebenselixieren geworden, die für kurze Zeit die trägen Zombies quicklebendig machen. Und die Cyborgs müssen monotone, mechanische, geradezu maschinelle Tätigkeiten im Fitness-Studio und beim Lohnarbeiten machen. Beide dienen im Grunde dem Herren der "toten Arbeit", der kapitalistischen Maschinerie.

Dass sie ironische Sendungen, urkomische Filme und sarkastische Witzchen machen können ist kein Beweis für Leben. Leben ist nicht einfach eine biologische Eigenschaft von Materie. Leben ist eine geistige Haltung, die Lebewesen zelebrieren oder in sich selbst abtöten können. "Das Biest" von Cr7z ist nichts anderes als die Selbsttötung der Menschen, die einander in blinder Wut abschlachten oder "tanzend und lachend" "dem Untergang geweiht" sind.

In "Neue Welt" wird erklärt, der Mensch habe sich selbst bereits betäubt, um sich nun schmerzfrei sezieren zu können. In der Hook von "Neue Welt" wird der technokratische Charakter der kommenden Gefahren deutlich unterstrichen:

Wie betäubt, wir bekommen kaum noch mit, was uns hier hält
Digitalisiertes Freuen, wir finden alles, was gefällt
Und was einmal begann mit dem Teufel und dem Geld
Ist heute die Wand die herrunterfällt, betreten wir die neue Welt
Und stehen wir einmal da, wo sie uns sehen, gibt es kein Zurück
Der Mensch wird gläsern, Bequemlichkeit gibt uns einen Chip
Kein Science Fiction, ja, wir sind daran teils selber Schuld
Ich hab dich so geliebt und werd dich nie vergessen, alte Welt

"Kali Yuga" ist eine okkultistische Warnung der Menschheit vor dem Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Besonders okkulte Quellen behaupten über dieses dekadente Zeitalter:

"Als solches wurde es oftmals zu dem von Hesiod in der Theogonie geschilderten griechischen „Eisernen Zeitalter“ in Beziehung gesetzt und auch "Eisernes Zeitalter" genannt. [...] Herr über diese Zeit ist der schwarze apokalyptische Dämon Kali, laut Vishnu Purana die negative Manifestation von Vishnu, der in dieser Form für die Zerstörung des Universums zuständig ist. Kaliyuga wird (fälschlicherweise) auch oft mit der Göttin Kali (kālī) assoziiert, die generell für dunkle, materielle Aspekte steht. Kali bezeichnet auch die mit einem Punkt bezeichnete Verliererseite des Spielwürfels. Nach der buddhistischen Kosmologie bezeichnet ein solches finsteres Zeitalter die vierte und letzte größere Zeitperiode eines Zeitabschnitts von zirka 3.000 Jahren, nach der Geburt eines Buddhas bis zum Erscheinen eines neuen Buddhas."



"Das Kind" und die Hoffnung der Menschheit


Das Gegenteil vom "Biest" ist das "Kind". Es ist ebenso in Cr7z und umgibt ihn (wohl) auch. Das Kind ist im Grunde die ursprüngliche Naivität, die kindliche Unschuld und Reinheit der Menschen. Verkörpert wird es tatsächlich von Kindern. Cr7z betont, er verstehe sich "nur mit Alten und mit Kindern", aber nicht mit der grauen Masse dazwischen. Wieso wohl?

Kinder und Alte sind vielleicht etwas einfältig wie Cr7z selbst. Aber sie haben entweder noch keine Schandtaten begangen oder bereuen sie aufrichtig. Entweder sind sie aus Naivität gut oder aus Weisheit. Die Menschen dazwischen dagegen sind zum großen Teil Anhänger des "Biestes", der Selbstvernichtung der Menschheit. Während also jung und alt die Menschlichkeit repräsentieren, vertreten die "Erwachsenen" Un-Menschlichkeit.

Während unausgewachsene Kinder und senile Alte sich dem Zustand von liebenswerten Tieren annähern, nähern sich die selbstständigen Erwachsenen hassenswerten Un-Tieren, d.h. dem Biest. Cr7z hat sogar ein Album "Zurück zum K7nd" genannt. In seinem Track "33°" stellt er klar:


Mir ist das Wichtigste das Kind, viele haben es verloren. Klar, du freust dich über'n Porsche. Ach, wie soll ich's dir erklär'n? Schlaf dich erstmal aus. Vielleicht kapierst du's morgen. Es gibt dafür kaum 'ne Formel. Ich glaub', es kommt aus dem Bauch und aus dem Herz, und mit etwas Glück wohl auch aus dem Verstand. [...] Hat keiner Lust, mit mir mit zukommen, um das Leben zu ergründen? Was weiß ich, vielleicht gibt es auch nichts zu finden, aber immer noch besser als hechelnd zu dürsten in der Dürre.


"Hoffnungsschimmer" illustriert diese Haltung zum Leben am klarsten. Es lohnt sich auch, das Video dazu zu genießen. Es gibt nur wenige Rap-Videos, die auch nur annähernd die Schönheit dieser Vorstellung erreichen können. Auch die skits aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin" sind wunderbar gewählt, wenn Cr7z Ichi sagen lässt: "Wir sehen einfach nicht die Grenze. Und deswegen haben wir Angst." Wie so oft bei Cr7z geht es in diesem Stück um Blindheit für das Gute und Böse, das in der Welt passiert. Ichi sagt daher passend: "Ich weiß nicht wer böse ist und wer es nicht ist. Ich hab kein Gespür dafür, wie weit ich gehen kann. Ich sehe keine Grenzen, kann nichts unterscheiden. Ich hab nicht mal ein richtiges Gefühl, dafür, ob ich noch lebe oder schon tot bin."

Ichi - die blinde Schwerkämpferin, www.arte.tv

Offenbar hat die Blindheit der Menschen für Cr7z also wirklich mit ihrem untoten Dasein zu tun. Blindheit für die Welt ist bei Cr7z das selbe wie das Fehlen von moralischen Maßstäben und Lebendigkeit. Der geniale Dreh im Film mit der blinden Schwertkämpferin ist, dass sie in Wirklichkeit weniger blind ist als die sehenden Schergen, von denen sie ständig attackiert und misshandelt wird. Wer den Film kennt, kennt vielleicht auch die Anspielung von Cr7z auf Ichis Beziehung zu den Kindern. Auf die Frage, ob sie Kinder möge, antwortet Ichi ganz und gar im Sinne von Cr7z:

"Ich hasse sie. Sie sind lästig, sind mir zu laut. Aber: Sie sind unverdorben. Man kann ihnen mehr trauen als den Erwachsenen."

Die Schwertkämpferin Ichi steht insofern für den Kampf des unverdorbenen "Kindes" mit dem völlig verdorbenen "Biest" im Menschen. Die ganze Symbolik von Cr7z ist durchzogen von diesem konfliktreichen Dualismus. Es geht ihm stets um die Einheit der Gegensätze, um Dialektik. Gerade die Dialektik lässt einen Hoffnungsschimmer selbst in der tiefsten Finsternis übrig. Denn der Kampf gegen die Finsternis ist die eigentliche Realität, fast wie im Film oder Spiel. Zugleich ist der Kampf gegen die Umnachtung das einzige Mittel, um vielleicht wach und am Leben zu bleiben, sei es noch so schwer. Denn "wer kämpft kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren." 




Ein weiterer Dialog zwischen Ichi und ihrem Freund Toma nähert uns der Problematik von Cr7z an. Toma will in den Kampf ziehen. "Es wird wohl bald zum Krieg kommen...". Ichi kommentiert: "Wer da mit macht, bringt sich in Gefahr, ob er es will oder nicht." Toma reagiert empört:

"Ich kann mich nicht raushalten, so wie du es bei deiner Freundin neulich getan hast. So gut wie du mit dem Schwert umgehst, hättest du doch der anderen Blinden zur Seite stehen können. Ich weiß nicht, was du erlebt hast. Aber wieso hast du so Angst davor, dich auf jemanden einzulassen?"

Die Antwort von Ichi ist der obige skit zur Frage von Leben und Tod, Moral und Unmoral. Aber Cr7z lässt eine Sache aus, die Ichi sagt: "Allerdings hänge ich auch nicht am Leben. So wertvoll ist es nicht." Ob das auch auf unseren Rapper zutrifft? Ich glaube schon. Wenn man sich die Elegie "Mir tut es so Leid" von ihm hört, nicht Mal eben so anhört, sondern wirklich hört, dann versteht man genau, was er meint.

Was genau tut Cr7z Leid? Der Verlust der Kindlichkeit. Menschen "erwachsen" und verkümmern zugleich, wenn sie ihre Kindlichkeit verlieren. Aus unverdorbenen, lebenfrohen Menschen werden verdorbene, jämmerliche Kreaturen. Von Natur aus schöne Menschenkinder werden zu hässlichen Kreaturen, zu menschlichem Staub, zu stinkendem Abschaum gemacht. Aus dem siebenmilliardenfachen Smeagol wird der siebenmilliardenfache Gollum. Cr7z beweint daher die Verkrüppelung des Menschenkindes durch das Menschenbiest. Für Cr7z ist also "das Kind" eine Art Rückbesinnung auf die guten Anlagen im Menschen, auf die kindliche Freude, auf das Kuschel- und Liebesbedürfnis des Menschen. Aber was ist mit Cr7z selbst? Er sagt ja: "Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich."

Einsamkeit und Eremitentum


Cr7z ist ein Eremit. Und Ichis Eremitenleben hat Parallelen zum Eremitentum von Cr7z. Zwar wandert er nicht mit einem Schwert umher und tötet Menschen, die ihm in die Quere kommen. Aber er ist offenbar oft alleine. Mit Sicherheit kennt er quälende Einsamkeit, selbst in Gesellschaft. Und ganz bestimmt sind die meisten Menschen blind für sein Wesen. Für gewöhnlich ist er friedlich. Das glaube ich ihm aufs Wort. Aber man sollte ihm besser auch glauben, dass er einem nicht nur verbal im Rap die Kehle durchschneidet, wenn man ihn belästigt wie die Schergen es mit Ichi ständig tun.


Toma reicht Ichi die Hand, aus dem Film "Ichi"
Er ist aber nicht genau wie Ichi. Ichis Freund Toma teilt auch einige Merkmale mit Cr7z. Eine traumatische Erinnerung an eine Verletzung seiner Mutter, an der er Schuld trug verhindert, dass der meisterhafte Schwertkämpfer sein Schwert ziehen kann. Also kämpft er bloß mit einem Stock. Er wird somit daran gehindert, sein Potenzial voll auszuschöpfen, weil er von den eigenen Gewissensbissen gehemmt wird. Ähnlich scheint es unserem Rap-Genius zu gehen: "Ich hab' so viel gesehen und das in viel zu jungen Jahr'n. Meine Schotten sind so ausgesprochen dicht." Und "bin zu sehr sensibel."

Cr7z hat wohl den Wert von Familie begriffen. Konflikte mit der Familie sind zwar unvermeidbar. Denn "ich bin wie ich bin" trifft auf jeden Menschen zu. Und "Menschen wir unsereins behandelt man nie so, wie es sich gehört. Wir werden nur verachtet und müssen irgendwo im Stillen krepieren" auch. Ja. So ist es wirklich. Ichi wurde sogar vergewaltigt und danach dafür auch noch verstoßen. Gegen sowas muss man ankämpfen. Und jeder Mensch muss alleine für sich das verteidigen, was das wachsende Kind in ihm ausmacht. Aber dennoch muss man für die Familie, ob verwandt oder nicht, Feuer und Flamme sein und sie zur Not mit dem Schwert verteidigen. An sich sollte das Putzen oder Müll-Heraustragen der geringste Dienst sein. Oder? ;-)

Über sich sagt Cr7z z.B., er sei "kein Cyborg der Maschinerie", habe "niemals eine Crew gebildet", "er hat sie alle Backstage abserviert", "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln." Er ist offenbar ein Zerrissener und Getriebener. Wohin er will, wird erst klar, wenn man viele seiner Stücke studiert und sich einen Reim auf seine oft reimlose Lyrik gemacht hat. Cr7z hat seinen eigenen Film. Jeder Mensch hat seinen eigenen Film. Es ist genau wie mit Ichi. Erst am Ende ihres Films wird klar, wo sie überhaupt hin wollte, was sie überhaupt wollte. Wie Ichi sehnt sich auch Cr7z schlicht, "man würde mich mal drücken, das ist alles." Stattdessen muss ohne Ende angekämpft werden gegen brutale Schergen, lebende Tote und Maschinenmenschen. Aber träumen reicht nicht:

Scheiße Criz, reiß dich zusammen, dieses Leid zerfickt dich.Wir sind hier nicht bei 'Wünsch dir was', sondern bei 'So ist es'.Nix mit Chillen, nix mit Flaschengeistern, Alter, trink nicht.Du weißt es bringt nix, es drückt dich nur einmal zurück.

Cr7z hat offenbar seine eigenen Mittel entwickelt, mit dem Leid umzugehen. Abgesehen vom "silbernen Feuer" im Glas und "silber, grün und grauem Schimmer" in den Augen, die "heilige Wut" spiegeln, hat er seine Kunst und sein Eremitentum. Alkohol hilft nur kurzfristig. Hass und Rache lösen das Problem bestimmt nicht. Die Kunst ist eine Form, die Wut loszuwerden. Das Eremitentum ist sicherlich der beste Schutz und Selbstschutz vor dem "Biest". "Es geht nicht darum, was dort jenseitig des Himmels moved. Es geht um die Rotation des eigenen Wirbelsturms."




Die Sehnsucht nach Zweisamkeit


"Ich hätte mir gewünscht, man würde mich mal drücken" ist ein Satz aus "Lass mich gehen", dem Stück von Cr7z, das wohl am konzentriertesten auf das Motiv der Zweisamkeit eingeht. Diese Elegie ist eines seiner ergreifendsten Werke. Er sagt darin zwar "ich will nicht klagen", aber im Grunde ist es reine Nostalgie, die er da erdichtet hat:

Wieso scheitert die schönste Sache der Welt
in der heutigen Zeit an Kleinigkeiten, das würde ich gern begreifen.
Wahrscheinlich, weil wir zu verpeilt sind und das Ego Nummer 1 ist
Sieben ist davon nicht grad begeistert, aber weißt' was?
Ich bin auch nicht grad ein Heiliger
Ist wohl nur der Lauf der Dinge, dass das ganze hier am scheitern war.
Also weiter Bar für Bar, um mich bloß zu erinnern:
Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich.



"Heut' ist wieder 'ne Trennung, weil ich eh nie meine Liebe find'", "ich such' nach meinem Ebenbild und das zu finden geht nicht wirklich" sind typische Sätze von Cr7z, der sein ewiges Liebesunglück durch den Rap verewigt. Auch "Wie sie tanzt" geht auf gestörte Zweisamkeit ein:

Was ist los? Wir haben uns angezogen, abgestoßen.
Hast mich angelogen, lass mich los.
Ich hab' genug von dir und deiner Angewohnheit
zu ficken mit Angspsychosen.

"Silbernes Feuer" vertieft dieses deprimierende Bild der ewigen Einsamkeit und des "unendlichen Leids" noch:

Mein Album schneidet bis ins Fleisch. Hier wird nichts beschönigt.Deine Haltung dazu solltest du überdenken, ich schwör's dir.Du hast mich nicht gesehen, wie die Faust an meine Wand schlag,wie das Blut herunterrinnt und meine Tränen vom Gesicht in Strömen laufen wie ein Wasserfall.Mein Herz wurde gebranntmarkt und es sticht in meiner Brust, als hätte ich dauernd 'nen Anfall.Zeige Anstand, respektier' mich. Wärst du so ich ich vom Schicksal gevögelt, wärst du nicht handzahm, sondern schmeißt dich vor 'ne Trambahn.

Ichi und Toma Arm in Arm,
aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin"

Die Perspektive der 7


Völlig hoffnungslos ist der Junge aber nicht. Daher hat er auch die Hymne "Hoffnungsschimmer" verfasst, in der er seine optimistische Seite am klarsten darstellt:

Mir ist aufgefallen in dem Auf und Ab bleib ich auf Kurs. Ich weiß, dass es sich lohnt Zähne zusammenbeißen und durch. Und auch wenn das für die meisten nicht logisch klingt, bin ich von Zeit zu Zeit überglücklich selbst wenn ich so melancholisch bin. Klar, ich schreibe vieles hin was einen runter reißt, es stimmt, nur müsst ihr verstehen ich reinig mich damit so gesehen. Es ist etwas Gutes für mich, somit bleibt das Licht noch bestehen und scheint genauso für die, denen es nicht so gut geht.

Auch die zuvor deprimierenden Aussagen über die Wertlosigkeit des Lebens werden relativiert. Erst durch diese "Wiedergutmachung" ist ein halbwegs vollständiges Bild von Cr7z gegeben. Dass er die Schlechtigkeit der Welt feststellt und nicht wie ein Blinder oder ein Zombie durch die Welt irrt, heißt nicht, dass er kein Licht sieht. Im Gegenteil.

Da er die Dunkelheit genau kennt, kann er die "Hoffnungsschimmer am Horizont" sicher mehr schätzen als die Cyborgs mit ihren rosaroten Visieren. Dabei spielt offenbar Familie eine große Rolle, die eine viel größere Bedeutung hat, als es die meisten Menschen im Lande eingestehen würden:

Bedenke immer, dass es bei mir auch die Kehrseite gibt. Wenn ich von den Schmerzen schreibe dann nähere ich mich dem Licht. Warum sollt ich auch die Dunkelheit verneinen. Setz ich mich mit ihr nicht auseinander, kommt sie noch stärker zurück. Wie eine Mutter für die Kleinen. Schuftet wie ein Schwein und lächelt in Kriesenmomenten, egal wie schwer sie auch sind. Und wie die Jahre so vergehen, irgendwann bekommt sie eine Krankheit und das heißt, das hat sie nicht verdient. Ist kein Wunder wenn man weiß, wie es wirklich für sie ist. Sie freut sich über jedes Küsschen und zieht sich in die Küche zurück. Wünscht sich vielleicht auch mal eine Blume, einfach so. Nicht nur an ihrem Geburtstag, sondern weil man ihre Leistung lobt. Möchte vielleicht auch mal Ruhe und alleine sein und nicht ständig untergebuttert werden in den Streitereien. Deshalb Augen auf. Ich spreche aus Erfahrung, egal ob Gutes oder Schlechtes geschieht. Vielleicht warst es du.

Und weiter:

Jeder macht Fehler, doch die Wenigsten lernen. Hören wir auf uns etwas vorzuwerfen, das Leben ist‘s wert. In der dunkelsten Stunde verstehst du sicher, was ich mein. Lass es nicht erst soweit kommen, sondern sehe es jetzt ein. Lang genug war unser Ego Nummer 1, es wird Zeit für die 2, vielleicht erleben wir die 3. Eine gemeinsame Seele. Es gibt keinen, der perfekt ist. Hoffnungsschimmer am Horizont. Vergebung und Verständnis.

Die 7 Milliarden Menschen auf der Welt haben durchaus eine Perspektive. Sie haben sogar sieben Milliarden davon. Kann man so oder so sehen. "Das Biest" hat im Grunde nur eine: das Zeitalter der Dekadenz. Cr7z formuliert es in "33°" so:

Ich sehe keine Wandlung und das seit Ewigkeit.Klar sind Viele wach, aber das sind halt zu wenig, weißte?Würd' mich freuen, wenn du mir mal Beachtung schenkst, denn ich begreife mittlerweile, wie 'ne Loge einen Schachzug lenkt.
Wichtig ist: wir bleiben von einander abgetrennt.
Denn wenn wir uns verbünden, ist es es ein Witz,
was sie machtvoll nennen.
Ich bin selbst im Widerspruch mit mir,
mein Aszendent ist Waage, Mond, Stier, Sonne, Fische.
Das ist lachhaft, echt. 

Die Perspektive der 7 ist im Grunde eine einzige, obwohl sie die Perspektive von sieben Milliarden ist: "V wie Vendetta. V wie Variation."




Achso, Chris, wenn du meinen Standpunkt wirklich begreifen willst, lies dir die anderen Artikel auf diesem Blog durch und diskutier' mal 'ne Runde mit mir. ;-)

Infos