"Sergei Kirichuk from Borotba holds a meeting in Rome, 5 November 2014. For many years he fought against the oligarchic regime of Viktor Yanukovych. But today Kirichuk and his comrades are organizing resistance to the new authorities.
Subtitles SPA and ITA in progress."
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Freitag, 29. Januar 2016
Borotba in Italy: Truth about Ukraine
Mittwoch, 30. Dezember 2015
(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015
| www.gettyimages.co.uk |
Wie misst man den Erfolg eines Blogs?
- An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn?
- An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel?
- An der Erwähnung durch Promis?
- An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland?
- Am Reichtum des benutzten Wortschatzes?
- An der Schwierigkeit des Vokabulars?
- Am inhaltlichen Niveau?
- Am Nachrichtenwert der Inhalte?
- Oder am selbst gesetzten Ziel?
Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.
Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.
- Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht?
- Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
- Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
- Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
- Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
- Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
- Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen.
Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:
- "poah wahnsinns guter artikel, hut ab!" - Anonym über den Artikel Cr7z (Serie: Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7)
- "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba
- 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗
- "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute"
- "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog
- "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog
- "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog
- "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog
- "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog
- "ich find den beitrag sprachlich übrigens ziemlich gut!" - Anonym über den Artikel "Crème de la Crème und Abschaum"
- "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design
Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.
2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.
Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!
Donnerstag, 22. Oktober 2015
Freitag, 25. September 2015
Ischtschenko und Hufen über das linke Fiasko in der Ukrainefrage
Vor genau einer Woche wurde abseits der Kölner Musiknacht über das linke Fiasko in der Ukrainefrage diskutiert. Der ukrainische Soziologe Wolodimir Ischtschenko stand zusammen mit dem Kölner Russlandexperten Uli Hufen im Mittelpunkt der Verantstaltung über den Konflikt in Osteuropa. Die von der Akademie der Künste der Welt in Köln organisierte Veranstaltung fand unter dem vielsagenden Titel "The Crisis in Ukraine and the Crisis of European Left" (“Die Krise in der Ukraine und die Krise der europäischen Linken”) statt.
Die etwa 30 Besucher und Besucherinnen konnten dabei Einiges über die Schwäche und Ohnmacht der ukrainischen, aber auch der russischen und westlichen Linken erfahren. “Die Ukraine-Krise ist”, so Ischtschenko, “nicht nur für die Ukraine oder Osteuropa von Bedeutung, sondern auch für die Linke insgesamt.” Der selbst politisch engagierte Soziologe nehme in seinem Land eine unbequeme Position zwischen den Stühlen ein. Seiner Meinung nach - ganz im Gegensatz zur These von Wiktor Shapinow von der ukrainischen sozialistischen Organisation Borotba - sei es gar nicht so entscheidend, dass der westliche Block der stärkere sei, denn es gebe eine Analogie zum Ersten Weltkrieg, in dem rivalisierende Imperialismen aufeinander trafen. Die Vertreter Kiews begriff er ebenso wie die Donbass-Republiken als Marionetten dieser Mächte.
Die Linken gehen diesen Mächten auf den Leim, so Ischtschenko, indem sie sich zu einem der geopolitischen Blöcke bekennen. Ischtschenko machte auf Seiten Kiews eine “schwarz-braune” Koalition der Anarchisten und ukrainischen Nationalisten und im Donbass eine “rot-braune” Koalition der Kommunisten und russischen Nationalisten ausfindig. Deren Weltbilder seien ironischer Weise dieselben, nur spiegelverkehrt: Für die pro-russischen Kommunisten führe der amerikanische Imperialismus den globalen Kapitalismus an und Russlands Machtstreben sei das kleinere Übel. Die Maidan-Linken hingegen betrachten Russlands Herausforderung der US-Hegemonie als globale Gefahr. Ob man so nun zum Anhängsel Russlands oder des Westens werde, das mache für die Linke keinen Unterschied, so der Soziologe.
Es sei außerdem extrem schwer zu klären, wer in der Ukraine Unterdrücker und wer unterdrückt sei. Beide Seiten arbeiten mit Verklärung des eigenen Hintergrundes und verkennen dabei den wirklichen Antagonismus, der zwischen den ArbeiterInnen in Ost und West einerseits und den Oligarchen und Mächtigen andererseits bestehe. Die Spaltung in einen Maidan einerseits und einen Anti-Maidan anderersetis verhindere eine Klassensolidarität gegen den gemeinsamen Feind.
Beide Varianten seien keine Optionen, da sie die Priorität der Klassenfrage vergessen. Während die pro-westliche Seite das EU-Assoziierungsabkommen idealisiere und die Klassenfrage vernachlässige, tue die pro-russische Linke das selbe mit einer Annäherung der Ostukraine an Russland. Dabei bieten die Großmächte natürlich keine Lösung der sozialen Frage. Die Furcht der europäischen Linken vor einem Bruch mit den etablierten Institutionen in Europa müsse aber überwunden werden. Ischtschenko forderte daher “eine starke politische Klassenorganisation”, die den Bruch mit dem Status Quo sucht.
Uli Hufen ergänzte Ischtschenkos Vortrag mit einem Verweis auf die russische Linke anhand von Sachar Filipin, eines berühmten russischen Schriftstellers und Linken. Anfangs habe dieser den Maidan in Kiew unterstützt, ging jedoch bald auf die Seite der Separisten über. Die Politik des Donbass habe dieser offenbar als utopischen Versuch des Aufbaus einer proletarischen Republik oder dergleichen idealisiert. Die Bevölkerung des Donbass habe er mit Spenden unterstützt und die Menschen dort getroffen. Letztlich sah es so aus, als unterstütze der Regimekritiker Filipin auf diese Weise Putin und dessen Regime. Aber Putin selbst suche nun offenbar einen Bruch mit den Ostukrainern, die ihm nicht mehr nützen.
Im Laufe der Diskussion mit den ZuhörerInnen wurden diverse Fragen thematisiert, die auch die deutsche Linke betrifft. Ischtschenko kritisierte die Idealisierung der “kommunistischen” Geisterbrigade unter Alexej Mosgowoj. Die Realität sei, dass in der Ostukraine “reaktionäre Nationalisten” hegemonial seien. Und in Kiew habe sich die extreme Rechte als sichtbarste Kraft auf dem Maidan erwiesen. Als solche war sie viel stärker in den ukrainischen Medien und auf dem Maidan präsent als konservative, liberale oder linke Kräfte. 2.000 bis 4.000 bewaffnete Kämpfer seien mit der extremen Rechten verbunden. Trotz der ultrarechten Bedrohung trage die aktuelle Regierung in Kiew die Hauptverantwortung für die Eskalation des Bürgerkrieges. Das Gerede über die extreme Rechte lenke vom eigentlichen Problem der Kriegsführung ab. Uli Hufen ergänzte, dass man aus der Stärke der rechten Kräfte nicht ableiten sollte, dass die Ukraine nun faschistisch sei. Andererseits dürfe man nicht der westlichen Illusion erliegen, dass unter Poroschenko eine ukrainische Demokratie heranreife.
Die eigentliche Frage - das wurde immer wieder betont - sei aber: Wie politisiert man die bestehenden Proteste hin zu einem Klassenbewusstsein der Arbeiter und Arbeiterinnen? Wie verbindet man den Protest mit einer gemeinsamen politischen Perspektive für die gewöhnlichen Menschen des Landes, wenn schon ganz unpolitischer, sozioökonomischer Protest von den Kiewer Medien als Putinismus oder russischer Imperialismus verleumdet wird? Die Idealisierung der Ostukraine durch Filipin und andere Linke sei fatal und ein Teil der Krise der Linken im Allgemeinen. Sie vergessen in einem Konflikt schnell andere Unterdrückungsformen, sodass sie entweder Konservative im Donbass unterstützen oder die Nationalisten in Kiew. Die Schwäche der ArbeiterInnenklasse ermöglichte erst die Stärke der Nationalisten. Das zeige sich auch an den Kommunisten von Borotba, die aufgrund ihrer pro-separatistischen Haltung nicht nur in den Untergrund oder ins Exil getrieben wurden, sondern auch ihr ganzes Potenzial in der Westukraine verschenkt haben. Deren Klassenanalyse, wonach der Maidan vor allem bürgerlich, der Anti-Maidan hingegen proletarisch sei, bezeichnete Ischtschenko als “Wunschdenken”, das nicht auf guten statistischen Daten beruhe.
Trotz des linken Versagens im Ukraine-Konflikt gebe es aber Potenzial für einen linken Neuanfang. Denn sowohl im Donbass als auch auf der Krim gab es Graswurzelbewegungen innerhalb der Anti-Maidan-Proteste. Und obwohl Ischtschenko gegenüber dem Maidan skeptisch war, sehe er die sozialen Bedürfnisse der Protestierenden ein. Die Linken, die beim Maidan teilnahmen, nahmen später auch am Anti-Maidan teil. Auf beiden Seiten habe es ähnliche Sehnsüchte in Bezug auf die soziale Frage gegeben, die sich in der Ukraine stellt. Ischtschenko selbst wolle diese gemeinsamen Interessen in einer neuen Partei bündeln. Diese soll gemeinsame Klasseninteressen artikulieren und nicht die Ideologien eines Maidan oder Anti-Maidan.
Sonntag, 30. August 2015
Der 30. August - Gedenktag Andrej Braschewskis
Wir wenden uns an alle progressiven, kommunistischen und antifaschistischen Organisationen mit der Bitte, Akte des Gedenkens an den getöteten ukrainischen Antifaschisten durchzuführen.
Wir dürfen ihn und seinen Kampf nicht vergessen!
Andrej Braschewski wurde am 30. August 1987 geboren. Er war einer der aktivsten Teilnehmer der antifaschistischen und marxistischen Bewegung Odessas und einer der Gründer des Zusammenschlusses "Borotba" in Odessa. Er starb durch die Hand von Nazis am 2. Mai 2014 als er Ältere und Frauen im Gewerkschaftshaus beschützen wollte. Andrej war ein sehr ordentlicher und ehrlicher Mensch, ein wahrer Freund und Genosse in der ganzen Bedeutung des Wortes. Er trank und rauchte nie. Er beschäftigte sich mit Capoeira und Rope Jumping und studierte marxistische Literatur. Er arbeitete als Programmierer in einer odessiter Firma, nahm nicht nur an sämtlichen antifaschistischen und proletarischen Protestaktionen in Odessa teil, sondern auch in anderen Städten. Andrej war ein sehr bescheidener und gesitteter Mensch. Er bemühte sich immer, Genossen und seinen Engsten zu helfen. Er verriet niemals seine Prinzipien und Ideale. Der Tod Andrejs war eine Bestätigung seiner Ideenwelt. Er konnte nicht abseits stehen, konnte nicht schweigen als die Faschisten nach Odessa kamen. Er gab sein Leben im Kampf für eine neue, gerechtere Gesellschaft, in der mit der Ungleichheit, der Diskriminierung und der Ausbeutung des Menschen Schluss gemacht wird. Wir sind in tiefer Trauer um dich, Andrej! Wir versprechen, deine Sache weiterzuführen - die Sache des Kampfes für eine neue Welt!
Gedenken heißt kämpfen!
http://borotba.su/30_avgusta_-_den_pamyati_andreya_brazhevskogo.html
Wiktor Schapinow: Marxismus und der Krieg im Donbass
Der Text wurde hier erstmalig ins Deutsche übersetzt. Die englische und russische Version lassen sich auf der neuen Homepage von Borotba finden.
Marxismus und der Krieg im Donbass
Borotba wird oft dafür kritisiert, die Volksrepubliken im Donbass zu unterstützen und für die Tatsache, dass unsere Genossen in der Miliz mitkämpfen und die friedliche Nationenbildung in Lugansk und Donezk unterstützen. Diese Kritik hört man nicht nur seitens der früheren Linken, die der nationalistischen Inbrunst erlegen sind und die den ersten Maidan und dann Kiews Krieg zur Eroberung des Donbass unterstützt haben. Andere kritisieren uns vom Standpunkt eines "marxistischen Pazifismus" aus und nennen sich "das neue Zimmerwald".
1914 = 2014?
Diese "Zimmerwalder" vergleichen ernsthaft den Krieg im Donbass mit dem Ersten Weltkrieg. Historische Parallelen sind immer riskant. Doch diese Parallele ist völlig sinnlos. Im Ersten Weltkrieg von 1914-1918 kämpften Blöcke imperialistischer Länder von ähnlicher Stärke um Märkte, Quellen für Rohstoffe und Kolonien. Der Sieg des anglo-französischen Blocks, was im Nachhinein leicht einzusehen ist, war für Zeitzeugen des Krieges nicht vorhersehbar, sogar für Marxisten nicht. Zum Beispiel hat Lew Kamenew, ein Anführer der Bolschewiken, einen deutschen Sieg vorhergesagt.
1914 waren zwei Zentren der Kapitalakkumulation, zwei Systeme der kapitalistischen Arbeitsteilung mit ihren Zentren in London und Berlin in einer mörderischen Schlacht miteinander konfrontiert. Diese Systeme hatten die Grenzen ihrer geographischen Expansion in den 1870ern erreicht und stießen auf die Grenzen des jeweils Anderen. Der letzte Akt dieser Expansion war die rasche Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter die Großmächte.
Der Kampf dieser Systeme der Arbeitsteilung (des deutsch-zentraleuropäischen, des anglo-französischen, des amerikanischen und des japanischen) war der ökonomische Grund für den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bloß ein solches System - angeführt von den USA. In den späten 1940ern verleibte es sich die europäischen Systeme und das japanische System ein, in den 1970ern absorbierte es die früheren Kolonien, in den 1980ern China und die osteuropäischen Volksrepubliken und in den 1990ern die Sowjetunion.
Die rechte, neoliberale Reaktion von Reagan-Thatcher gab diesem System seine vollendete, gegenwärtige Form. Im Herzen dieses System liegen die Federal Reserve als das Organ, das die Weltwährung produziert, der IWF, die WTO und die Weltbank.
Nach 2008 trat das System in eine Periode der systemischen Krise, deren Gründe ich an anderer Stelle untersucht habe, und des fortschreitenden Verfalls ein. Als eine Folge des Kollaps fingen die kapitalistischen Eliten einiger Länder damit an, die von Washington festgesetzten "Spielregeln" herauszufordern, weil das bestehende System nicht mehr länger die Attraktivität von vor der Krise hatte.
Daher haben wir nicht zwei Blöcke, die in einem tödlichen Showdown (wie 1914) aufeinander treffen, sondern eine brandneue Situation, - jenseits historischer Analogien - in der das System zusammenbricht und anfängt, in Teile zu zerbrechen, und einige kapitalistische Gruppen (organisiert in Nationalstaaten und transnationalen Formationen) versuchen, den bestehenden Rahmen des System zu revidieren, während andere Gruppen (Abhängige des Washingtoner "Oblast-Komitees"*) im Gegensatz dazu am Status Quo festhalten und jene strafen wollen, die an den heiligen Prinzipien des Systems rütteln.
Konflikte innerhalb des Systems hängen vielmehr mit seinen inneren Widersprüchen zusammen als mit einem Kampf zwischen einzelnen Zentren der Kapitalakkumulation und ihren Systemen der Arbeitsteilung wie 1914 und 1939.
Der moderne Imperialismus ist ein Weltsystem
Jene, die den heutigen Konflikt in der Ukraine als einen Kampf zwischen dem russischen und dem US-Imperialismus à la 1914 darstellen, haben analytische Fähigkeiten auf dem Niveau des Propagandisten Dmitri Kiseljow, der damit droht, Amerika zu "atomarem Staub" zu machen. Russland und die Vereinigten Staaten sind in Bezug auf ihre ökonomische Macht nicht zu vergleichen; sie kämpfen in verschiedenen Gewichtsklassen. Darüber hinaus gibt es keinen "russischen Imperialismus" und keinen "amerikanischen Imperialismus" im Sinne von 1914. Es gibt ein hierarchisch organisiertes imperialistisches Weltsystem mit den USA an der Spitze. Es gibt eine russische kapitalistische Klasse, die in dieser Struktur nicht auf der ersten und nicht eimal auf der zweiten Ebene verweilt, und die versucht hat, ihren "Status" in dieser Hierarchie anzuheben und die nun vor ihrem eigenen Hochmut zurückschreckt, nachdem sie auf den Widerstand des geeinten Westens stieß.
Man stelle sich einen Moment lang vor, Russland sei wirklich ein imperialistisches Land à la 1914, d.h. wie Italien mit seinem "Imperialismus der armen Leute". Solch ein Russland hätte wirklich imperialistische Interessen in der Ukraine, die primär mit dem Transport von Kohlenwasserstoffen zusammenhängen würden, und in weit geringerem Maß mit Industrieanlagen. Jedoch wären das keine Interessen, für die es vorsätzlich eine Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen riskieren würde.
In der ukrainischen Krise haben die russischen kapitalistischen Eliten keine bewusste imperialistische Strategie verfolgt, sie haben nur auf die Herausforderungen reagiert, welche die sich rasant entwickelnde Situation aufgeworfen hat. Sie haben halbherzig, widersprüchlich, inkonsequent reagiert und zeigten damit dem aufmerksamen Beobachter das Fehlen einer Strategie auf.
Mit der weiteren Entwicklung der Situation nach dem Putsch in der Ukraine und dem Anfang des Aufstands auf der Krim und im Südosten sah sich die russische Führung einem schwierigen Dilemma ausgesetzt. Nicht einzuschreiten und die Bevölkerung der Krim und des Südostens nicht zu unterstützen hätte einen Legitimationsverlust in den Augen der eigenen Bevölkerung bedeutet in einer sich verschlechternden ökonomischen Situation, die von einer politischen Krise begleitet wird, die viel tiefer ist als die Krise 2011. Intervenieren würde bedeuten, mit dem Westen zu brechen, mit unvorhersehbaren Nebenfolgen. Letztlich wählten sie den Mittelweg: Intervention in der Krim, aber nicht im Südosten.
Als jedoch der Aufstand im Donbass von einem friedlichen zu einem bewaffneten wurde, musste Russland Unterstützung anbieten. Es musste so handeln, da die militärische Unterdrückung der Rebellen mit stillschweigender Zustimmung Russlands eine Katastrophe für das Image der russischen Behörden innerhalb des Landes gewesen wäre. Aber diese Unterstützung wurde nur zögerlich geleistet. Putin rief die Menschen dazu auf, kein Referendum über die Unabhängigkeit der Donezker Volksrepublik und der Lugansker Volksrepublik abzuhalten und ein bedeutsamer Fluss militärischer Hilfen begann erst nach der Aufgabe von Slawjansk, als die Hauptstadt von Donezk von der Einnahme durch die ukrainische Armee bedroht war.
Solche Unterstützung erweckte den Unmut und Widerstand einer großen Fraktion der russischen Oligarchie, die nicht von einer Restauration des russischen Imperiums träumt, sondern von einer Partnerschaft mit dem Westen, die für beide Seiten vorteilhaft ist.
Historische Parallelen: Spanien 1936, Irland 1916, Rojava 2015
Ist es möglich, die Republiken zu unterstützen, wenn das russische Bourgeoisregime versucht, den Aufstand zu instrumentalisieren und ihn für die eigenen geopolitischen Interessen zu nutzen?
Lasst uns eine historische Analogie anführen. Sie scheint mir weit passender zu sein als die Analogie mit der Situation des Ersten Weltkriegs.
1936. Der Bürgerkrieg in Spanien. Stellen wir uns vor, die Sowjetunion hätte aus dem einen oder anderen Grund die Spanische Republik nicht unterstützen können oder es nicht gewollt und das bürgerliche Großbritannien und das bürgerliche Frankreich hätten im Gegensatz dazu Unterstützung geleistet, militärische Ausrüstung und humanitäre Hilfe geschickt, Kredite gewährt und sogar militärische Experten entsendet, um der republikanischen Armee und Miliz zu helfen. Natürlich hätten die kapitalistischen Eliten Großbritanniens und Frankreichs zugleich ihre eigenen Interessen verfolgt: Die Bewahrung Spaniens im eigenen System der Investition und des Handels im Kontext einer aufkommenden Konfrontation mit dem deutschen Block.
Hätte die Linke, auf dieser Grundlage, dem antifaschistischen Kampf der spanischen Republikaner ihre Unterstützung verwehrt? Natürlich nicht.
Ein anderes Beispiel: Der Osteraufstand der irischen Republikaner gegen das britische Imperium 1916. Alle, die sich selbst Linke nennen, würdigen diese heroische Episode im antiimperialistischen Kampf des irischen Volkes.
Unterdessen entschied eine der großen Fraktionen des Aufstandes - die Irish Republican Brotherhood - 1914 zu Anfang des Krieges, zu revoltieren und jede erdenkliche deutsche Unterstützung anzunehmen. Ein Vertreter der Brotherhood reiste nach Deutschland und erhielt eine Zusage für solch eine Unterstützung. Sie wurde nur deswegen nicht bereitgestellt, weil das deutsche Schiff mit den Waffen auf hoher See von einem britischen U-Boot abgefangen wurde.
Lenin unterstützte den irischen Aufstand unbedingt, trotz der Tatsache, dass er weit weniger "proletarisch" war als der Aufstand im Donbass. Und damals gab es Linke, die den irischen Aufstand einen "Putsch" schimpften, eine "rein städtische, kleinbürgerliche Bewegung, die, trotz der Sensation, die sie bewirkte, nicht viel sozialen Rückhalt hatte." Lenin antwortete auf sie: "Wer einen solchen Aufstand einen Putsch nennt, ist entweder der schlimmste Reaktionär oder ein hoffnungsloser Doktrinär, der unfähig ist, sich die soziale Revolution als eine lebendige Erscheinung vorzustellen." (1)
Trotz der offensichtlichen Unterstützung der Deutschen, geschweige denn der Tatsache, dass der Aufstand im Rücken des britischen Empire dem deutschen Imperialismus "in die Hände spielte", unterstützten echte Linke die irischen Republikaner. Sie unterstützen sie ungeachtet der Tatsache, dass der Sozialist James Connolly und seine Unterstützer gemeinsam mit den bürgerlichen und kleinbürgerlichen irischen Nationalisten kämpften. Natürlich sagte Connolly, dass eine Unabhängigkeitserklärung ohne die Bildung einer sozialistischen Republik für die Katz sein würde. Aber das sagt die Linke im Donbass ebenfalls.
Warum sollte das irische Beispiel nicht auch für das Donbass gelten, ein Beispiel aus der Ära des Ersten Weltkriegs, auf das die selbsternannten "Zimmerwalder" so stolz sind?
Oder nehmen wir ein modernes Beispiel. Es ist kein Geheimnis, dass die kurdische Miliz in Syrien, die gegen die Faschisten des IS kämpft, Unterstützung von den USA erhält. Auf dieser Grundlage soll die Linke eine Unterstützung für die Kurden von Rojava verwehren? Natürlich nicht.
Über die Jahre stütze sich der palästinensische Widerstand gegen die israelische Besatzung auch auf die Unterstützung bürgerlicher und undemokratischer Regimes im Nahen Osten und der Anteil der fortgeschrittenen und progressiven Elemente in der palästinensischen Führung war für gewöhnlich weit weniger günstig für die Kräfte des Fortschritts als er es im Donbass ist. Jedoch hat die Linke die palästinensische Befreiungsbewegung stets unterstützt.
Aber beim Donbass wenden manche Linke einen Doppelstandard an und suchen fleißig nach Ausflüchten, um die Donezker Volksrepublik und die Lugansker Volksrepublik zu verurteilen, sodass sie die Haltung des indifferenten Pazifismus einnehmen können. Wirkliche Linke nehmen solch eine Position niemals ein. "Gleichgültigkeit gegenüber dem Kampf ist daher in Wirklichkeit keineswegs Fernbleiben vom Kampf, Enthaltung vom Kampf oder Neutralität. Gleichgültigkeit ist stillschweigende Unterstützung desjenigen, der stark ist, desjenigen, der die Herrschaft hat", schrieb Lenin. (2) Die selbsternannten "Zimmerwalder" stellen sich, mit desinteressierter Miene abseits herumstehend, tatsächlich auf die Seite der Kiewer Behörden, die eine Strafexpedition gegen die Rebellen führen.
Krieg - die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln
"Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", schrieb der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. Diese Aussage wird von den Klassikern des Marxismus zustimmend anerkannt. (3) Welcher Art ist die Politik, die von Kiew und vom Donbass fortgesetzt wird? Um eine "neutrale" Position zu rechtfertigen, versuchen die imaginären "Zimmerwalder" zu beweisen, dass deren Politik dieselbe ist. "Alle Katzen sind grau" - das ihrer "marxistischen" Weisheit letzter Schluss.
Der Weltkrieg von 1914-1918 war wirklich die Fortsetzung derselben Politik Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands, Österreich-Ungarns und Russlands - die Politik der kolonialen Ausplünderung, des Kampfes um Kolonien und Märkte, des Kampfes zur Vernichtung der imperialistischen Konkurrenten. Der russisch-japanische Krieg von 1904-1905 war eine Fortsetzung derselben Politik.
Jedoch wäre es närrisch zu argumentieren, dass es einen Bürgerkrieg geben könnte, in dem die Parteien dieselbe Politik fortsetzen. Das Wesen des Bürgerkriegs ist es, dem Feind die eigene Politik aufzuzwingen, seine politische Macht zu brechen und die gesellschaftlichen Klassen oder Schichten zu unterdrücken, die seine Politik verfolgen. Nord- und Südvietnam führten eine unterschiedliche Politik durch, was in einen Bürgerkrieg mündete. Unterschiedliche Politik wird zum Beispiel auch vom Regime von Bashar al-Assad und vom IS, von Al-Kaida und anderen Islamisten in Syrien umgesetzt. Unterschiedliche Politik leitete die Spanische Republik und Franco in den Jahren 1936-1939. Unterschiedliche Politik wurde von Muammar Gaddafi und seinen Gegnern im Bürgerkrieg in Libyen von 2011 verfolgt.
Der Bürgerkrieg in der Ukraine ist also nicht die Fortsetzung derselben Politik. Was ist die unterschiedliche Politik Kiews und des Donbass?
Politik in Kiew
Die Politik Kiews im Bürgerkrieg ist eine logische Fortsetzung der Politik des Maidan. Da gibt es mehrere Komponenten:
1. Die "europäische Integration" und die Unterordnung unter den Imperialismus. Der erste Slogan des Maidan war die sogenannte "europäische Integration", die in Bezug auf die Ökonomie die Auslieferung der ukrainischen Märkte an die europäischen Unternehmen, die Transformation der Ukraine in eine Kolonie der Europäischen Union als Quelle für Rohstoffe und entrechtete migrantische Arbeitssklaven bedeutet. Heute, mehr als ein Jahr nach dem Sieg des Maidan, werden die ökonomischen Auswirkungen schon so tief gespürt, dass sie nicht einmal von den hartgesottensten "Euro-Optimisten" igoriert werden können. (4)
Das neue Regime in Kiew hat letztlich auch seine Souveränität abgestreift und ist zu einem Marionettenstaat geworden. Die Lösung des inneren Konflikts im Kiewer Regime zwischen dem Oligarchenpräsidenten Petro Poroschenko und dem Oligarchengouverneur Igor Kolomoiski erfolgte durch ein Gesuch an die US-Botschaft. Die Auslieferung der militärisch und logistisch strategischen Region von Odessa unter die direkte Kontrolle eines US-Zöglings, den früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, bezeugt das ganz klar.
2. Ultraliberalismus. Die Regierung nach dem Maidan hat durchgehend eine Politik verfolgt, die vom IWF diktiert wird. Und das ist kein "Betrug" an den Erwartungen des Maidan. All das wurde auf der Kanzel des Maidan erklärt und die politischen Kräfte, die die Bewegung anführten, haben lange und durchgehend den ökonomischen Neoliberalismus bevorzugt. Die Bewegung hin zur vollständigen Privatisierung und zur systematischen Vernichtung der Überreste des Wohlfahrtsstaates - das ist das Wesen der ökonomischen Politik des Poroschenko-Jazenjuk-Regimes. Linke Leser benötigen wahrscheinlich keine Erklärung meinerseits über die Schädlichkeit solcher Politik für die Arbeiterklasse und andere Volksschichten.
Daher wurde kam es zur Bildung der Allianz aus Neoliberalen und Nazis. Die Neoliberalen übernahmen das politische Programm der ukrainischen Faschisten und die Nazis stimmten der Durchführung der neoliberalen Linie in der Wirtschaft zu. Diese Allianz wurde von Vertretern des Imperialismus wie Catherine Ashton, Victoria Nuland und John McCain "geweiht". Ein anderer wichtiger Punkt bei der Faschisierung der Gesellschaft nach dem Maidan war die Legalisierung paramilitärischer Nazigruppen und die Integration der Nazis in die Staatsgewalt.
4. Die gewaltsame Unterdrückung politischer Gegner, Repression, Zensur der Medien, das Verbot der kommunistischen Ideologie. Es ist nicht notwenig, Beispiele zu geben, da dies allgemein bekannt ist.
Das sind die wesentlichen Züge der Politik des neuen Regimes in Kiew. Das ist die Klassenpolitik des transnationalen imperialistischen Kapitals und der ukrainischen kapitalistischen Oligarchie, die aus ihrer Krise auf Kosten der Arbeiterklasse zu entkommen versucht. Diese Politik basiert auf der Nutzung des Kleinbürgertums, der sogenannten "Mittelschicht", als ihre Fußtruppe. In den 1930ern nannte man diese Form der politischen Diktatur im Interesse des Großkapitals: Faschismus.
Die Politik im Donbass
Da die Staatlichkeit der von den Rebellen befreiten Gebiete der Regionen von Donezk und Lugansk gerade erst entsteht, ist es vermutlich noch zu früh, um letzte Schlussfolgerungen über die Politik der Donezker und Lugansker Volksrepubliken zu ziehen. Jedoch können wir einige Trends herausarbeiten:
1. Antifaschismus. Die Rebellen aller politischer Überzeugungen charakterisieren das Regime, das nach dem Maidan in Kiew entstanden ist, definitiv als faschistisch. Häufig ohne einen klaren wissenschaftlichen Begriff von Faschismus zu haben, lehnen sie dennoch die folgenden Merkmale des Kiewer Regimes ab: Extremen Nationalismus, chauvinistische Sprachenpolitik, Antikommunismus und Sowjetfeindlichkeit, Repression politischer Gegner, die Rehabilitierung von Naziverbrechern und Kollaborateuren mit den Nazis.
In dieser Hinsicht kann so argumentiert werden: Für die Rebellen des Donbass und die Massen, die im WIderstand gegen den Südosten invovliert sind, sind die antioligarchischen Slogans nicht bloßer "Populismus". Diese Massen, haben aus eigener Erfahrung die Rolle der Führung der herrschenden Klasse, der ukrainischen politischen Oligarchie, verstanden.
Das unterscheidet die progressive Massenbewegung im Südosten von der reaktionären Massenbewegung des Maidan. Einige milde antioligarchische Losungen waren ebenfalls auf dem Maidan zu hören. Allein, sie verließen niemals den bestehenden Rahmen, welcher der sozialen Demogogie und dem Populismus der rechten Bewegung inhärent war - der direkte Beweis dafür ist die Wahl des Oligarchenpräsidenten Petro Poroschenko durch die Massen des Maidan, wie auch die Zustimmung zur Aufstellung solcher Oligarchen wie Igor Kolomoiskis oder Sergej Tarutas auf Schlüsselposten.
3. Antineoliberale Politik. Ein wichtiges Merkmal des inneren Lebens der Donbassrepubliken ist der Trend zu sozialdemokratischen, keynesianischen Modellen der ökonomischen Entwicklung, der sozial ausgerichtete Staatskapitalismus. Während das nur ein Trend ist, wenn auch ein wichtiger, ist es das Gegenteil der ökonomischen Politik der Kiewer Behörden. Zaghafte Schritte in Richtung einer Verstaatlichung strategischer Anlagen (wie der Einzelhandel, Minen etc.) treffen auf das Wohlwollen der Bevölkerung. Alexander Borodai, der sich durch seine Aussage auszeichnete, dass "wir keine Verstaatlichungen durchführen werden, weil wir keine Kommunisten sind", hat die Führung der Volksrepublik Donezk verlassen. Im Gegensatz dazu macht die Führung der Republiken nicht nur Schritte hin zur Rückführung einiger Industrien, des Handels und der Infrastruktur in Staatseigentum, sondern wirbt für diese Maßnahmen aktiv innerhalb der Bevölkerung.
4. Völkerfreundschaft, Internationalismus und russischer Nationalismus. Jeder, der im Donbass war, bemerkt den internationalen Charakter der Region. Gefährliche Trends zum russischen Nationalismus als Antwort auf den ukrainischen Chauvinismus der neuen Kiewer Behörden haben sich nicht auf ernst zu nehmende Weise entwickelt (obwohl diese Gefahr von Gegnern der Volksrepubliken für Propagandazwecke ausgenutzt wurde). Im Gegenteil zeigt die Formalisierung der ukrainischen Sprache zur zweiten offiziellen Sprache in der fast völlig russischsprachigen Region die Intention, eine demokratische Nationalitäten- und Sprachenpolitik umzusetzen. Es war auch ein wichtiges Signal, dass der Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko in Donezk und Lugansk offiziell gefeiert wurde. Das zeigt, dass die Führung der Republiken die Bedeutsamkeit einer Alternative zur chauvinistischen und repressiven Sprachen- und Kulturpolitik Kiews versteht.
Ebenso wenig gab es eine ernst zu nehmende Entwicklung einer anderen Gefahr, der Klerikalisierung der Widerstandsbewegung. Ungeachtet der Tatsache, dass die orthodoxe Kirche in mehreren Dokumenten der Volksrepubliken erwähnt wird, spielen klerikale Kräfte keine entscheidende oder bedeutende Rolle im gesellschaftlichen Leben des Donbass. Die Widerstandsbewegung ist ihrer Natur nach mehrheitlich säkular und der Einfluss von Kirche und Religion geht nicht über den der Vorkriegsperiode in der Ukraine hinaus. Dies unterscheidet die Widerstandskräfte vom Maidan, bei dem die griechisch-katholische Kirche eine bedeutende Rolle spielte (mit täglichen Gebeten, die von der Kanzel des Maidan verlesen wurden, Kirchenhymnen etc.).
Das sind die wesentlichen Elemente der Politik der Volksrepubliken des Donbass. Natürlich ist diese Politik nicht sozialistisch. Aber sie lässt den Raum offen für die Linke, die Kommunisten, in solch einer Bewegung teilzunehmen unter dem eigenen Banner, mit eigenen Ideen und Losungen, ohne die eigenen Ansichten und das eigene Programm zu verwerfen. Die Bewegung des Maidan und das Regime nach dem Maidan konzentrierten sich von Anfang an auf militanten Antikommunismus, der solche Möglichkeiten nicht bietet.
Indem wir im Detail überprüft haben, welche Art der Politik der Bürgerkrieg für beide Seiten darstellt, müssen wir zur Schlussfolgerung kommen, dass aus Sicht linker, antikapitalistischer Kräfte diese Politik keine einheitliche ist. Die selbsternannten Zimmerwalder, die behaupten, beide Seiten seien ein und dasselbe, zeigen, dass sie entweder unfähig sind, eine Analyse der Politik Kiews und des Donbass durchzuführen oder - was wahrscheinlicher ist - Heuchler sind.
Gerechte und ungerechte Kriege
Die Haltung von Marxisten zum Krieg kann nicht auf das einzelne Beispiel des Ersten Weltkriegs reduziert werden. Marxisten haben immer Kriege der Unterdrückten gegen die Unterdrücker unterstützt und den Rückzug auf den Pazifismus und Gleichgültigkeit im Falle eines gerechten Krieges als bürgerliche Heuchelei und als heimliche Unterstützung für die Herrschaften betrachtet.
Ja, sogar im Ersten Weltkrieg waren jene Sozialisten, die sich nicht durch Verrat beschmutzt haben und die nicht in den Dienst der imperialistischen Regierungen eingetreten sind, nicht bloß für ein Ende des Bruderkrieges, in dem Arbeiter eines Landes die Arbeiter eines anderen Landes für die fremden Interessen der kapitalistischen Elite töteten; diese Sozialisten forderten die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg. Sie sagten, dass die Unterdrückten ihre Waffen auf ihre eigenen Unterdrücker richten sollten. Die Bewaffnung der Volksmassen sollte zum Mittel der sozialen Revolution werden.
Lenin schrieb, "daß es in der Vergangenheit, in der Geschichte Kriege (demokratische und revolutionäre Kriege) gegeben hat (und gewiß auch künftig geben wird und geben muß), die, obwohl sie für die Zeit des Krieges jedes 'Recht', jede Demokratie durch Gewalt ersetzen, ihrem sozialen Gehalt und ihren Folgen nach der Sache der Demokratie und folglich auch des Sozialismus dienten." (6) Es ist solch ein Krieg, den wir nun im Donbass haben. Das ist die Position von wirklichen, linken Zimmerwaldern. Die imaginären "Zimmerwalder" Kiews, die eine Entwaffnung beider Seiten des Konfliktes fordern, stellen zwischen die Rebellen einerseits und die neonazistischen Freiwilligenbatallione und regulären Truppen, die man an die Front zwingt, andererseits ein Gleichzeichen. Die Forderung nach der Entwaffnung der Rebellenmilizen ist die Forderung nach ihrer Kapitulation und es ist unwahrscheinlich, dass die selbsternannten Zimmerwalder dies nicht begreifen.
Natürlich bedeutet jeder Krieg Blut und Leid für die Menschen, aber diesen Krieg mit einer vollständigen Kapitulation des Aufstandes zu beenden, hieße, dass das Blut umsonst vergossen wurde. Außerdem hieße das Vergeltung und Repression durch die nationalistischen Kräfte gegen die Bevölkerung des Donbass.
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Anmerkungen:
(1) Lenin schrieb weiterhin in "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung" vom Juli 1916: "Denn zu glauben, daß die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung - das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen. Es soll sich wohl an einer Stelle das eine |364| Heer aufstellen und erklären: "Wir sind für den Sozialismus", an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: "Wir sind für den Imperialismus", und das wird dann die soziale Revolution sein! Nur unter einem solchen lächerlich-pedantischen Gesichtspunkt war es denkbar, den irischen Aufstand einen "Putsch" zu schimpfen.
Wer eine "reine" soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution.
Die russische Revolution von 1905 war eine bürgerlich-demokratische Revolution. Sie bestand aus einer Reihe von Kämpfen aller unzufriedenen Klassen, Gruppen und Elemente der Bevölkerung. Darunter gab es Massen mit den wildesten Vorurteilen, mit den unklarsten und phantastischsten Kampfzielen, gab es Grüppchen, die von Japan Geld nahmen, gab es Spekulanten und Abenteurer usw. Objektiv untergrub die Bewegung der Massen den Zarismus und bahnte der Demokratie den Weg, darum wurde sie von den klassenbewußten Arbeitern geführt.
Die sozialistische Revolution in Europa kann nichts anderes sein als ein Ausbruch des Massenkampfes aller und jeglicher Unterdrückten und Unzufriedenen. Teile des Kleinbürgertums und der rückständigen Arbeiter werden unweigerlich an ihr teilnehmen - ohne eine solche Teilnahme ist ein Massenkampf nicht möglich, ist überhaupt keine Revolution möglich -, und ebenso unweigerlich werden sie in die Bewegung ihre Vorurteile, ihre reaktionären Phantastereien, ihre Fehler und Schwächen hineintragen. Objektiv aber werden sie das Kapital angreifen, und die klassenbewußte Avantgarde der Revolution, das fortgeschrittene Proletariat, das diese objektive Wahrheit des mannigfaltigen, vielstimmigen, buntscheckigen und äußerlich zersplitterten Massenkampfes zum Ausdruck bringt, wird es verstehen, ihn zu vereinheitlichen und zu lenken, die Macht zu erobern, die Banken in Besitz zu nehmen, die allen (wenn auch aus verschiedenen Gründen!) so verhaßten Trusts zu expropriieren und andere diktatorische Maßnahmen durchzuführen, die in ihrer Gesamtheit den Sturz der Bourgeoisie und den Sieg des Sozialismus ergeben, einen Sieg, der sich durchaus nicht mit einem Schlag aller kleinbürgerlichen Schlacken "entledigen" wird."
(2) W.I. Lenin, "Sozialistische Partei und parteiloser Revolutionismus", Nov.-Dez. 1905.
(3) Zum Beispiel schrieb Lenin: "In Bezug auf Kriege ist die grundsätzliche Position der Dialektik … dass 'Krieg [...] eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln' ist. Das ist die Ausdrucksweise von Clausewitz.... Und das war immer der Standpunkt von Marx und Engels, die jeden Krieg als Fortsetzung der Politik der betreffenden Staatsmacht ansahen - und der verschiedenen Klassen innerhalb dieser - zu jener Zeit." W.I. Lenin, Gesammelte Werke (russische Ausgabe), 5. Ausgabe, Band 26, S. 224, (eigene Übersetzung des Übersetzers).
(4) Man erinnere sich daran, dass diese Linken, die sich heute als "Zimmerwalder" darstellen wollen, dieselbe Politik unterstützten, die als Krieg gegen den Donbass fortgesetzt wurde. Hier das, was der imaginäre Liebknecht schrieb: "Wir fordern die Unterzeichnung des Assoziationsabkommens mit der Europäischen Union und sind zuversichtlich, dass das die Demokratie stärken wird, die Transparenz in der Regierung erhöhen wird, zur Entwicklung eines fairen Rechtssystems führen und die Korruption begrenzen wird." (Link nicht mehr auffindbar: http://gaslo.info/?p=4541)
Schon damals schrieben wir: "Euro-Hysterie hat die politische Bewegung links von der KPU überflutet. Eine anarchistische Gruppe brachte einen Flyer heraus, der nicht erwähnt, dass die europäischen Anarchisten sich der EU aktiv entgegenstellen - nur die üblichen Mantras über 'Selbstorganisation'. Eine kleine trotzkistische Gruppe wurde am Rande der Maidan-Menge fotografiert, die 'Ehre der Nation! Tod den Feinden!' skandierte und eine Stellungnahme herausbrachte, die die Webseite einer beliebigen liberalen NGO zieren könnte:
'Wir fordern die Unterzeichnung des Assoziationsabkommens mit der Europäischen Union und sind zuversichtlich, dass das die Demokratie stärken wird' etc. pp.
Genossen, es ist Zeit, sich zu erinnern, was Opportunismus ist. Es ist nicht notwendigerweise die Teilnahme an Wahlen (das parlamentarische System kann auf revolutionäre Weise genutzt werden). Opportunismus ist - unter anderem - die Anpassung der eigenen Politik an die Stimmung der Menge, an den Mainstream und schließlich an fremde Klasseninteressen.
Auf dem Weg des Opportunismus befinden sich diejenigen ukrainischen Linken, die aus ihren Stellungnahmen die Slogans gegen die EU, die allen europäischen Linken eigen sind, entfernt haben. Sie haben sie entfernt, sodass sie am Straßenrand des 'Euromaidan' stehen konnten... dessen Sieg nicht nur nicht der Verbreitung der berüchtigten europäischen Werte stärken wird, sondern im Gegensatz dazu garantiert diejenigen Nationalisten an die Macht bringen wird, die uns heute attackieren.
Ist das wirklich linke Politik oder nur ein Spiel mit dem rechts-liberalen Block? Können sie ernsthaft jemanden in der Euromaidan-Menge überzeugen? Nein, im Gegenteil haben sie ihre Linie der Hysterie wegen der europäischen Integration angepasst, die die kleinbürgerlichen Massen in Kiew erfasst hat, wo 20 Jahre rechte Propaganda die 'demokratische' Menge zum 'demokratischen' Sprechgesang tanzen ließ: 'Wer nicht hüpft, der ist ein Russ.'** Sie entfernen alle Slogans gegen die imperialistische EU, um zu zeigen, dass sie zur liberal-nationalistischen Menge 'gehören' - obwohl nur die Linke den Ukrainern die Argumente gegen die EU, die die europäischen Linken und Gewerkschafter teilen, vermitteln kann. Sie sind der Stimmung ihrer nicht-linken Freunde erlegen. Und dann werden sie sich ihrer Handlungen schämen, so wie es beschämend war für die Unterstützer des "Volkspräsidenten" Juschtschenko einige Jahre nach dem vorherigen 'Maidan' - als einige wenige Linke ebenfalls eine Kampagne mit dem selben Erfolg geführt hatten.
Die Hysterie wird verfliegen, aber die Erinnerung wird bleiben, Genossen."
(5) http://borotba.su/sergei-kirichuk-uchastie-nacionalistov-factor-padeniya-populyarnosti-maidana.html
(6) W.I. Lenin: "Antwort an P. Kijewski (J. Pjatakow)", Aug.-Sept. 1916.
*Die KPdSU hatte ein sogenanntes "Oblast-Komitee", das für den Zusammenhalt der russischen Regionen zuständig war. Im Russischen dient das Wort in diesem Fall als Spott gegenüber den westlichen Vasallenstaaten der USA.
**Das ursprüngliche Wort москаль (Moskal) hat sich im Deutschen noch nicht verbreitet. Es ist abwertend und lässt sich grob mit "Russ" oder "Russki" übersetzen.
Von Wiktor Schapinow
Sonntag, 9. August 2015
Interview mit Wiktor Schapinow: “Die meisten russischen Faschisten kämpfen auf der Seite Kiews”
Der Autor von ukraina.ru, Alexander Tschalenko, sprach am 21. Juli 2015 mit einem aktiven Teilnehmer des “russischen Frühlings” in Charkow und Odessa, dem Koordinator der “Borotba”-Bewegung, Wiktor Schapinow. Hier eine erste Übersetzung des russischen Textes ins Deutsche.Interview mit Wiktor Schapinow: “Die meisten russischen Faschisten* kämpfen auf der Seite Kiews”
Tschalenko: Wiktor, du hast in Donezk und Lugansk Kontakt zu russischen Milizen, die zum Kämpfen ins Donez-Becken gekommen sind. Habt ihr im Gespräch das folgende Thema aufgegriffen: Als sie ins Donez-Becken kamen, stimmten da ihre Vorstellungen vom Aussehen der Russen in Donezk, Lugansk, Altschewsk und anderen Städten in der Region mit der Realität überein? Wie öffneten sie sich den Realitäten?
Ja, ich habe das Thema aufgegriffen. Wir lachten sogar darüber. Die russischen Milizionäre sagten zum Spaß: “Wir dachten, dass die Leute hier Russen sind, die von den Ukrainern unterdrückt werden, aber die hier im Donez-Becken sind richtige Ukrainer.” Tatsächlich stellt sich der durchschnittliche Russe den Ukrainer eher so vor wie einen Bewohner des Donez-Beckens und weniger wie einen Galizier. Viele kamen, um “die russische Welt” zu verteidigen, aber gerieten in einen Bürgerkrieg in der Ukraine, in dem es unter den Milizen Leute aus Iwano-Frankowsk gibt (solche habe ich selbst getroffen), während die Mehrheit im “Rechten Sektor” aus Russischsprachigen besteht, wobei viele sogar kaum Ukrainisch sprechen.
Weißt du, die heißblütigsten Feinde der DNR und LNR in der Ukraine sind Emigranten aus dem Donez-Becken, die den Maidan unterstützten und nach Kiew abgehauen sind. Es sind vor allem sie, die dazu auffordern, ihre Nachbarn umzubringen, welche sie als “Rindvieh” und “Schafsherde” ansehen. Dieser Bürgerkrieg ist also sozialer und politischer Natur. Die Fragen der Nationalität und der Sprache sind da zweitrangig.
Tschalenko: Du bist selbst Bürger Russlands. Du hast in Moskau gelebt. Und du hast lange in Kiew gelebt. Und nach dem Euromaidan hast du in Charkow und Odessa gelebt. Dann auf der Krim. Und nun im Donez-Becken, das sich im Krieg befindet. Welche Unterschiede gibt es zwischen Moskau, Kiew, Charkow, Odessa, der Krim und dem Donez-Becken? Kann man sagen, dass da überall ein und dasselbe Volk lebt: das russische Volk?
Wenn in all diesen Städten ein bestimmtes Volk lebt, dann ist es nicht das russische Volk, sondern das sowjetische. Der Kopf der DNR, Alexander Sachartschenko, sprach auf seine geradlinige Art im Fernsehen von der “sowjetischen Welt”, nicht von einer “russischen Welt”. Ja, diese “sowjetische Welt” stützte sich in vielem auf die russische Kultur und die russischen Sprache, die als internationale Sprache fungierte, und auf die Tradition der klassischen russischen Literatur und die russische Befreiungsbewegung - von den Dekabristen bis zu den Volkstümlern und Bolschewisten. Aber nicht nur das. Die sowjetische Welt vereinte in sich die besten progressiven Traditionen aller Völker der UdSSR.
Genau so war es mit der sowjetischen Küche, die unter der Anleitung des Volkskommissars Anastas Mikojan zu Zeiten Stalins begründet wurde, in der es den ukrainischen Borschtsch sowie den usbekischen Plow, den Schaschlik aus dem Kaukasus und die russische Suppe gab. Die Sowjetunion verfolgte eine gewaltige Modernisierungsmission. An die Stelle des spitzbärtigen Russen mit der Balalaika und russischer Tracht und des Ukrainers in ukrainischer Tracht traten der sowjetische Russe und der sowjetische Ukrainer.
Nun will man uns wieder in nationalistische Wildheit führen, den Einen ukrainische Hosen und den Anderen russisch-orthodoxe Gewänder anziehen. In der Ukraine hat solche Rohheit wirklich staatliche Formen angenommen, wogegen das Donez-Becken auch vielfach rebellierte. In Russland nimmt das leichtere Formen an, aber auch dort gibt es viele Kräfte, die sich etwas wie russisch-orthodoxe Taliban wünschen.
Unter den Menschen in Russland, die völlig zu Recht den ukrainischen Faschismus hassen, entwickelt sich zuweilen ein Hass auf alles Ukrainische. Sie leugnen die Existenz einer ukrainischen Sprache und fangen schon an, davon zu reden, die ukrainische Nation sei vom österreichischen Generalstab erfunden. Diese Leute verstehen nicht, dass sie damit den verhassten ukrainischen Faschisten gleichen. Solche Leute liegen absolut falsch.
Früher wurde Deutschland mit einer üblen Krankheit infiziert - dem Nazismus. Ein bedeutender Teil des deutschen Volkes stützte Hitler und ermordete die Völker Osteuropas. Aber als die Rote Armee diese neue Barbarei bis hinter die Grenze des Deutschen Reiches zurückdrängte, da sagten viele, dass man Deutschland als Staat völlig vernichten und die Deutschen anhand ihrer Nationalität erschlagen müsse.
1944 verfasste der berühmte sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg einen Artikel, in dem er die völlige Vernichtung Deutschlands forderte. Stalin antwortete ihm mit einem seither viel zitierten Ausspruch: “Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber, der deutsche Staat aber - bleibt.” Und genauso müssen wir, die Feinde der Kiewer Junta, sagen: “Die Poroschenko und Jarosch kommen und gehen, das ukrainische Volk aber - bleibt.”
Tschalenko: Kannst du zwischen einem Ukrainer und einem Russen den Unterschied benennen?
Das sind unterschiedliche, aber eng verwandte Völker. Aber sogar die ukrainische Variante der russischen Sprache unterscheidet sich gewissermaßen von der Variante, die in Russland gesprochen wird. Ich habe mich zwar in dieses Thema nicht sonderlich vertieft, aber man muss keine Schädel vermessen oder von “Blut und Boden” schwadronieren. Die Entwicklung in Form der Nation ist eine lange geschichtliche Epoche, aber sie nähert sich ihrem Ende. Früher oder später wird die Menschheit die Teilung in Nationen überwinden. Die Sowjetunion hat bedeutende Schritte in diese Richtung getätigt, indem sie ein “sowjetisches Volk” bildete. Ich meine, darin liegt die Zukunft und nicht in der Suche und Kultivierung nationaler Differenzen.
Tschalenko: Witja, noch einmal: Benenn doch die Unterschiede zwischen den Ukrainern und Russen. Komm, ich helfe dir. Benenn den Unterschied zwischen uns: Dir, dem gebürtigen Moskauer, und mir, dem gebürtigen aus Donezk, der 30 Jahre lang in Kiew gelebt hat und auf dessen Pass das Wort “Ukrainer” steht.
Der Unterschied liegt darin, dass du ein Ukrainer bist und ich ein Russe. Nochmal. Ich habe nicht vor, Schädel zu vermessen, aber hätte ich dich auf der Straße getroffen und nicht gekannt, dann hätte ich sofort gedacht, dass du Ukrainer bist. Mir scheint, man kann sich kaum einen typischeren Ukrainer - anhand des Aussehens, anhand des Charakters und anhand des Temperaments - vorstellen als dich.
Tschalenko: Verstehe ich das richtig: Ich spreche die “ukrainische Variante” der russischen Sprache und du sprichst die “russländische” Variante der russischen Sprache? Kannst du mir anhand meiner Worte oder meiner Artikel Beispiele dafür liefern, die du die “ukrainische Variante” der russischen Sprache nennst?
Ich habe bereits über 10 Jahre in der Ukraine gelebt und spreche selbst schon einen Mix aus beiden Varianten. Ich bin kein Linguist. Deswegen kann ich über dieses Thema nicht viel sagen, aber ich denke, dass alle, die in der Ukraine und in Russland gelebt haben, diesen Unterschied spüren. Ich verstehe schon, dass du aufzeigen willst, dass es keine Ukrainer gibt, aber so ist das nicht. Unter den Weißrussen z.B. Sprechen 90 Prozent und ihre Variante des Russischen ist näher an der Variante in Russland als es die ukrainische Variante ist. Allein, niemand leugnet die Existenz eines weißrussischen Volkes, aber die Ukrainer leugnet man.
Die Russischsprachigen im “Rechten Sektor”, die kaum Ukrainisch verstehen, von denen du sprachst - sind das deiner Meinung nach Ukrainer?
Unter ihnen befinden sich russischsprachige Ukrainer. Und im “Rechten Sektor” gibt es auch Russen. Nochmal: Ich glaube nicht, dass das in der Ukraine eine Auseinandersetzung zwischen Völkern ist. Diejenigen, die das meinen, müssen alle im “Rechten Sektor” zu den Ukrainern zählen und alle Milizen zu den Russen. In der Ukraine gibt es im Wesentlichen einen Bürgerkrieg, die alle Völker gespalten hat, die im Land leben.
Tschalenko: Du bist ein Marxist und Kommunist. Du glaubst an den Klassenkampf. Aber der Aufstand in Noworossija läuft hauptsächlich immer noch unter russischen Parolen, wie auch unter sowjetischen, die vielleicht nicht direkt, aber letztlich doch russische Parolen sind. Daher meine Frage: Warum unterstützt ihr Linken unter solchen Umständen den “russischen Frühling” und wertet diesen nicht als kleinbürlichen oder bürgerlichen, russischen Nationalismus?
Marxisten und Kommunisten unterstützen immer den Kampf gegen nationale Unterdrückung, weshalb wir auf der Seite des Donez-Beckens sind. Aber es gibt einen Kampf gegen nationale Unterdrückung und es gibt Nationalismus als Übermacht einer Nation und Unterdrückung anderer. Wir sind also auch gegen den russischen Nationalismus und wenn jemand im Donez-Becken Ukrainer unterdrücken sollte, oder Juden, Tataren oder irgendeine andere Nation, dann ist er ebenso unser Gegner, wie der ukrainische Faschist, der versucht, die russische Sprache und Kultur zu verbieten.
Aber soetwas habe ich im Donez-Becken nicht gesehen. Hingegen habe ich Tataren-Milizen und Aserbaidschaner gesehen und sogar Paschtunen-Milizen kennengelernt. Sie kämpfen dafür, dass ihr Gebiet so international und durchtränkt vom Geist der Völkerfreundschaft bleibt, wie das Donez-Becken immer schon war.
Diejenigen hingegen, die sich im Donez-Becken als russische Nationalisten verstehen - das sind eher Kämpfer gegen die nationale Unterdrückung wie etwa die irischen Republikaner oder nationale Befreiungsbewegungen der dritten Welt. Die meisten in die Ukraine gekommenen russischen Faschisten kämpfen jetzt auf der Seite Kiews, besonders nachdem man aus der DNR schließlich die Bande des Petersburger Faschisten Miltschakow vertrieben hat, welche die ganze Republik und die Milizen bedroht hatte.
Ich denke nicht, dass sowjetische Parolen in Wirklichkeit russische Parolen waren. Die sowjetischen Parolen tragen starke Züge sozialer Befreiung und Antikapitalismus in sich. Dieser Zug war im Verlauf des Aufstands im Donez-Becken von Anfang an stark. Wie der späte Alexej Mosgowoj sagte: “Der Hauptgegner - das ist der Oligarch und der Funktionär.” Dieses Testament des legendären Kommandeurs werden die Kämpfer nicht vergessen.
Schon die Bezeichnung “Volksrepublik” kommt aus der “sowjetischen Welt”, in der es die sozialistische Volksrepublik Polen, die Volksrepublik China und so weiter gegeben hat. Der Aufstand war nicht nur gegen Kiew gerichtet, sondern gegen die eigenen Oligarchen, gegen die Oligarchen von Donezk: Gegen Taruta, gegen Achmetow, der den Aufstand “mit Waffen ersticken” wollte und dann mit Kiew über die Übergabe von Donezk “vereinbaren” wollte.
Wir - die Linken, die Kommunisten - wir unterstützen diese anfängliche Ausrichtung des Aufstands und wir wollen, dass die Bezeichnung “Volksrepublik” nicht bloß zu einer Worthülse wird. Das Volk wird nicht für eine Wiedererrichtung des Imperiums der Romanows kämpfen. Dieser Schatten der Vergangenheit “bringt’s nicht”. Aber für die Errungenschaften, die dem Volk seit 1991 entrissen wurden, würde es kämpfen.
Tschalenko: Ihr Linken, was haltet ihr von Plünderungen, Kellergerichten und solchen Praktiken wie dem “Beinschuss”, die es unter den “Volkskommandeuren” gab, bevor sich die Exekutiven der DNR und LNR darum kümmern konnten?
Zu den Plünderungen. Es Marodeurtum, auf das Erschießen die Antwort ist. Es gibt aber auch Konfiszierungen des Eigentums von Überläufern auf die Seite Kiews unter den Bourgeois und Funktionären. Das ist etwas Anderes. Kellergerichte tauchten auf als die staatlichen Institutionen und das Rechtssystem zerfielen. Jeder Kommandeur wurde zum Richter, Ankläger, Milizionär und Gefängniswärter. Natürlich ist konnte so ein System, das spontan aus der Revolution erwuchs, nicht ohne Greuel und Exzesse sein. Und was “die Exekutiven in der DNR und LNR” angeht, die selbst aus den Volkskommandeuren kommen, so gab es unter ihnen nicht weniger Exzesse als unter anderen Miliztruppen. So weit ich weiß gibt es einen Kampf gegen diese Erscheinungen.
Tschalenko: In der Biographie von Alexej Borissowitsch Mosgowoj kamen solche Praktiken wie Plünderungen und Kellergerichte vor.
Das Kellergericht gab es überall. Wie soll man einen Delinquenten oder Kämpfer bestrafen, der auf seinem Posten betrinkt? Solche Leute hat man für eine gewisse Zeit “in den Keller” gesperrt, wo sie Sozialarbeit ableisten mussten wie z.B. Graben oder Müll wegbringen. Solch ein “Kellergericht” gab es bei Mosgowoj natürlich. Jetzt, wo ein Rechtssystem entsteht, entfällt die Notwendigkeit von solchen “Kellergerichten”. Alexej Mosgowoj selbst war, und meine Genossen in der “Geisterbrigade” bestätigten das, ein gedankenvoller und ehrlicher Mensch, unter dem es keinerlei Plünderungen gab.
Tschalenko: Was, meinst du, wollen die Leute im Donez-Becken: Die Überführung der DNR und LNR in die Struktur Russlands oder eigenständige sozialistische Republiken?
Schwer zu sagen. Aber ich denke, dass die Frage so nicht gestellt werden kann. Keiner hat vor, die DNR und LNR in die Struktur Russlands zu überführen, was schon letztes Jahr klar wurde. Den Sozialismus auf so kleinem Territorium bei einer exportabhängigen Wirtschaft aufzubauen ist praktisch unmöglich. Ich schätze, dass es hier bis zum Sturz des Kiewer Regimes unabhängige Regierungen mit gewissen Elementen des Sozialstaats, des staatlichen Sektors und der Verstaatlichung von Banken geben wird. Das ist das Höchste, auf das man hoffen kann. Wenn zumindest ganz Noworossija oder die ganze Ukraine befreit ist - dann kann man über den Austausch des kapitalistischen Modells durch ein weniger kannibalistisches nachdenken.
*In einer vorherigen Version wurde im Titel von russischen Nationalisten gesprochen, aber der russische Ausdruck war: Faschisten.
Donnerstag, 30. Juli 2015
Borotba: "Gemeinsame Front gegen Faschismus und Imperialismus - von Lugansk und Donezk bis Istanbul und Kobane!"
Die linke und antifaschistische ukrainische Gruppe "Borotba" hat sich mit den GenossInnen in der Türkei am 26. Juli 2015 solidarisch erklärt. Hier eine Übersetzung der gesamten Erklärung:
Der Zusammenschluss “Borotba” drückt seine Solidarität mit den türkischen und kurdischen Linken aus, die jetzt einen ungleichen Kampf auf zwei Fronten führen - gegen die Repression durch die Regierung und gegen den Terror der islamischen Faschisten.
Die barbarische Attacke auf das Jugendcamp sozialistischer Jugendlicher beendete das Leben von mehr als 30 Genossen und Genossinnen. Zudem erlitten mehr als Hundert Verletzungen. Die türkischen Linken antworteten auf diesen terroristischen Akt seitens des faschistischen Islamischen Staates mit Vergeltung an bekannten islamistischen Aktivisten des Islamischen Staates.
Die türkische Regierung hat nicht nur die Arbeit des Terrornetzwerks der islamischen Faschisten nicht verhindert, sondern sich tatsächlich sogar auf ihre Seite gestellt, indem sie auf die Kommunisten mit Unterdrückung antwortete. Die Gewaltakte gegen die linken Aktivisten in Istanbul und in anderen Städten und die Bombardierung Kurdistans provozierten eine Antwort unter den Kämpfern für den Sozialismus. Im Istanbuler Viertel Gazi führen nun kommunistische Partisanen und Bewohner des Viertels einen ungleichen Kampf mit militarisierten Einsatzkräften der Polizei und in Kurdistan haben sich Freiwillige dem Kampf gegen die türkische Armee angeschlossen.
Wir ukrainischen Kommunisten drücken unsere Solidarität mit dem Kampf der türkischen und kurdischen Genossen und Genossinnen aus. Wir haben am eigenen Leib die Situation erfahren, in der eine rechte Regierung mit Hilfe von Faschisten Linke und Andersdenkende vernichtet und die Bevölkerung in Schrecken versetzt. Der Kampf der Kommunisten in der Ukraine und der Kampf der Kommunisten in der Türkei und in Kurdistan - das ist ein und der selbe Kampf.
Gemeinsame Front gegen Faschismus und Imperialismus - von Lugansk und Donezk bis Istanbul und Kobane!
Der Zusammenschluss “Borotba”
Gemeinsame Front gegen Faschismus und Imperialismus - von Lugansk und Donezk bis Istanbul und Kobane!
Der Zusammenschluss “Borotba” drückt seine Solidarität mit den türkischen und kurdischen Linken aus, die jetzt einen ungleichen Kampf auf zwei Fronten führen - gegen die Repression durch die Regierung und gegen den Terror der islamischen Faschisten.
Die barbarische Attacke auf das Jugendcamp sozialistischer Jugendlicher beendete das Leben von mehr als 30 Genossen und Genossinnen. Zudem erlitten mehr als Hundert Verletzungen. Die türkischen Linken antworteten auf diesen terroristischen Akt seitens des faschistischen Islamischen Staates mit Vergeltung an bekannten islamistischen Aktivisten des Islamischen Staates.
Die türkische Regierung hat nicht nur die Arbeit des Terrornetzwerks der islamischen Faschisten nicht verhindert, sondern sich tatsächlich sogar auf ihre Seite gestellt, indem sie auf die Kommunisten mit Unterdrückung antwortete. Die Gewaltakte gegen die linken Aktivisten in Istanbul und in anderen Städten und die Bombardierung Kurdistans provozierten eine Antwort unter den Kämpfern für den Sozialismus. Im Istanbuler Viertel Gazi führen nun kommunistische Partisanen und Bewohner des Viertels einen ungleichen Kampf mit militarisierten Einsatzkräften der Polizei und in Kurdistan haben sich Freiwillige dem Kampf gegen die türkische Armee angeschlossen.
Wir ukrainischen Kommunisten drücken unsere Solidarität mit dem Kampf der türkischen und kurdischen Genossen und Genossinnen aus. Wir haben am eigenen Leib die Situation erfahren, in der eine rechte Regierung mit Hilfe von Faschisten Linke und Andersdenkende vernichtet und die Bevölkerung in Schrecken versetzt. Der Kampf der Kommunisten in der Ukraine und der Kampf der Kommunisten in der Türkei und in Kurdistan - das ist ein und der selbe Kampf.
Gemeinsame Front gegen Faschismus und Imperialismus - von Lugansk und Donezk bis Istanbul und Kobane!
Der Zusammenschluss “Borotba”
Sonntag, 22. März 2015
Der halbe Präsident eines halben Landes (von Alexej Albu)
Auf http://liva.com.ua gibt es bemerkenswerte Artikel ukrainischer Linker. Alexej Albus (ukr. Олексiй Албу) Artikel "Der halbe Präsident eines halben Landes" (Полупрезидент полустраны) gehört dazu. Hier liegt er mit reichlicher Verspätung, ohne jedoch seine Bedeutung im März 2015 verloren zu haben, leicht gekürzt auf Deutsch vor.
von Alexej Albu
Im Land geht ein Bürgerkrieg in großem Stil vonstatten. Er kostet jeden Tag Männern, Frauen, Kindern und Alten das Leben. In Gebrauch sind Flugzeuge wie Panzer. Die Städte werden von Artilleriesalven beschossen. Aber es scheint so als würde das niemanden in den Regierungsräumlichkeiten in Kiew interessieren. Der Leiter der zentralen Wahlkommission Ochendowskij erklärte selbstsicher, dass "die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine juristisch absolut unanfechtbar sein werden". Mag sein. Immerhin ist es unter dem neuen Wahlgesetz möglich, dass die Wahlen bei einer beliebigen Anzahl an Wahlteilnehmern für gültig erklärt werden. Das heißt, dass wenn nur Poroschenko, Timoschenko, Tjagnibok und Ljaschko kandidiert hätten, ihre Kandidaturen gültig gewesen wären.
Es muss zudem gesagt werden, dass dies die Elite der herrschenden Klasse der Ukraine zufriedenstellt, die die Amtseinführung des Präsidenten frenetisch feierte. Das bezeichnende Foto vom Kapitalisten Rinat Achmetow, auf dem er sich beim Präsidentenbankett freundschaftlich mit dem leidenschaftlichen Sprecher der Donezker Oligarchen und Maidan-Redner, Jurij Luzenko, unterhält, zeigt deutlich, in wessen Interessen diese Imitation einer Willensäußerung des Volkes organisiert wurde.
Es interessiert sie nicht, dass die Hälfte des Landes Poroschenko nicht unterstützt, dass die Wahlen unter der Bedingung eines Bürgerkrieges stattfanden, unter ständigen Attacken auf Aktivisten und Agitatoren, die mit dem "einzig möglichen" Kandidaten nicht einverstanden waren, was verdächtig selten gezeigt wurde. Um es klar zu sagen: Die Frage der Legitimation Poroschenkos wurde schon Ende Februar entschieden als die USA und die EU sich für den Schokoladen-Oligarchen entschieden und die ukrainische Bourgeoisie hörig die Entscheidung ihrer Meister im Namen der Rettung von Kapitalien und Privilegien akzeptierte.
Die Regionen in Opposition zum einzigen Kandidaten der Oligarchie waren bei den Wahlen überhaupt nicht vertreten. Um es klar zu sagen: Man ließ das Land zwischen dem Maidan und dem Maidan wählen. Das erinnert an die alte politische Anekdote über die Wahl eines lateinamerikanischen Diktators, bei denen auf den Anweisungen für die Wähler nur zwei Varianten angegeben sind:
-Ja, bin nicht dagegen!
-Nein, bin nicht dagegen!
Es lohnt sich, die offizielle Positionierung Moskaus zu beachten, die es rechtzeitig zur Amtseinführung des Präsidenten schaffte, ihren zuvor zurückgerufenen Botschafter zu entsenden, der eine äußerst ernste Anspielung in Richtung des Kiewer Regimes in Bezug auf das neue Staatsoberhaupt machte, das im Kreml aufmerksam beäugt wird. Es gibt keine Zweifel, dass der Schokoladen-Milliardär die Vertreter der russischen Eliten eher zufriedenstellt als die Rebellen im proletarischen Donbass, die gegen diese Handlungen Russlands protestierten. Aber ungeachtet der so freundschaftlichen Unterstützung seitens der ukrainischen Eliten und der Hauptakteure im großen Spiel zwischen den Imperialisten wird der Status des Oligarchen-Präsidenten stets politisch makelhaft und illegitim bleiben. Er ist und bleibt eine Übergangslösung, die von den Protestwellen hinweggeschwemmt wird, die aufgrund der sozioökonomischen Krise auf uns zukommen werden. Und das Foto von der Amtseinführung Petro Poroschenkos mit den feiernden Oligarchen und mit korrumpierten nationalistischen Politikern wird in späteren Geschichtslehrbüchern auf der selben Seite zu finden sein wie die Fotos von der sterbenden Frau aus Lugansk ohne Beine und die Fotos von getöteten Kindern beim Beschuss von Slawjansk.
Man wird sich an ihn als eines halben Präsidenten eines halben Landes erinnern, ganz wie in den Gedichten Puschkins, dessen Andenken man einige Tage vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten so schändlich entweihte:
Halb-Lord, Halb-Wucher,
Halb-Weiser, Halb-Ignorant,
Halb-Bösewicht, doch es gibt Hoffnung,
Dass er letztlich einem Ganzen weiche.
Alexej Albu
von Alexej Albu
Der halbe Präsident eines halben Landes
Im Land geht ein Bürgerkrieg in großem Stil vonstatten. Er kostet jeden Tag Männern, Frauen, Kindern und Alten das Leben. In Gebrauch sind Flugzeuge wie Panzer. Die Städte werden von Artilleriesalven beschossen. Aber es scheint so als würde das niemanden in den Regierungsräumlichkeiten in Kiew interessieren. Der Leiter der zentralen Wahlkommission Ochendowskij erklärte selbstsicher, dass "die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine juristisch absolut unanfechtbar sein werden". Mag sein. Immerhin ist es unter dem neuen Wahlgesetz möglich, dass die Wahlen bei einer beliebigen Anzahl an Wahlteilnehmern für gültig erklärt werden. Das heißt, dass wenn nur Poroschenko, Timoschenko, Tjagnibok und Ljaschko kandidiert hätten, ihre Kandidaturen gültig gewesen wären.
Es muss zudem gesagt werden, dass dies die Elite der herrschenden Klasse der Ukraine zufriedenstellt, die die Amtseinführung des Präsidenten frenetisch feierte. Das bezeichnende Foto vom Kapitalisten Rinat Achmetow, auf dem er sich beim Präsidentenbankett freundschaftlich mit dem leidenschaftlichen Sprecher der Donezker Oligarchen und Maidan-Redner, Jurij Luzenko, unterhält, zeigt deutlich, in wessen Interessen diese Imitation einer Willensäußerung des Volkes organisiert wurde.
Es interessiert sie nicht, dass die Hälfte des Landes Poroschenko nicht unterstützt, dass die Wahlen unter der Bedingung eines Bürgerkrieges stattfanden, unter ständigen Attacken auf Aktivisten und Agitatoren, die mit dem "einzig möglichen" Kandidaten nicht einverstanden waren, was verdächtig selten gezeigt wurde. Um es klar zu sagen: Die Frage der Legitimation Poroschenkos wurde schon Ende Februar entschieden als die USA und die EU sich für den Schokoladen-Oligarchen entschieden und die ukrainische Bourgeoisie hörig die Entscheidung ihrer Meister im Namen der Rettung von Kapitalien und Privilegien akzeptierte.
Die Regionen in Opposition zum einzigen Kandidaten der Oligarchie waren bei den Wahlen überhaupt nicht vertreten. Um es klar zu sagen: Man ließ das Land zwischen dem Maidan und dem Maidan wählen. Das erinnert an die alte politische Anekdote über die Wahl eines lateinamerikanischen Diktators, bei denen auf den Anweisungen für die Wähler nur zwei Varianten angegeben sind:
-Ja, bin nicht dagegen!
-Nein, bin nicht dagegen!
Es lohnt sich, die offizielle Positionierung Moskaus zu beachten, die es rechtzeitig zur Amtseinführung des Präsidenten schaffte, ihren zuvor zurückgerufenen Botschafter zu entsenden, der eine äußerst ernste Anspielung in Richtung des Kiewer Regimes in Bezug auf das neue Staatsoberhaupt machte, das im Kreml aufmerksam beäugt wird. Es gibt keine Zweifel, dass der Schokoladen-Milliardär die Vertreter der russischen Eliten eher zufriedenstellt als die Rebellen im proletarischen Donbass, die gegen diese Handlungen Russlands protestierten. Aber ungeachtet der so freundschaftlichen Unterstützung seitens der ukrainischen Eliten und der Hauptakteure im großen Spiel zwischen den Imperialisten wird der Status des Oligarchen-Präsidenten stets politisch makelhaft und illegitim bleiben. Er ist und bleibt eine Übergangslösung, die von den Protestwellen hinweggeschwemmt wird, die aufgrund der sozioökonomischen Krise auf uns zukommen werden. Und das Foto von der Amtseinführung Petro Poroschenkos mit den feiernden Oligarchen und mit korrumpierten nationalistischen Politikern wird in späteren Geschichtslehrbüchern auf der selben Seite zu finden sein wie die Fotos von der sterbenden Frau aus Lugansk ohne Beine und die Fotos von getöteten Kindern beim Beschuss von Slawjansk.
Man wird sich an ihn als eines halben Präsidenten eines halben Landes erinnern, ganz wie in den Gedichten Puschkins, dessen Andenken man einige Tage vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten so schändlich entweihte:
Halb-Lord, Halb-Wucher,
Halb-Weiser, Halb-Ignorant,
Halb-Bösewicht, doch es gibt Hoffnung,
Dass er letztlich einem Ganzen weiche.
Alexej Albu
Mittwoch, 10. September 2014
Lauffeuer - Die Gräueltaten von Odessa am 02.Mai 2014 [Trailer]
"In Odessa starben bei einem Brand am 2. Mai mindestens 48 Menschen. Ein
rechter Mob warf Molotow-Cocktails auf das Gewerkschaftshaus, in das
sich regierungskritische Aktivisten geflüchtet hatten.
Doch was genau passierte am 2. Mai in Odessa? Wer waren die Organisatoren? Und was bezweckten sie? – Nun entsteht eine Dokumentation über dieses Schlüsselereignis des ukrainischen Bürgerkrieges - und Wir bitten um Ihre Unterstützung."
Hier der Trailer dazu:
https://www.youtube.com/watch?v=DH_Wwd1bASU
Doch was genau passierte am 2. Mai in Odessa? Wer waren die Organisatoren? Und was bezweckten sie? – Nun entsteht eine Dokumentation über dieses Schlüsselereignis des ukrainischen Bürgerkrieges - und Wir bitten um Ihre Unterstützung."
Hier der Trailer dazu:
https://www.youtube.com/watch?v=DH_Wwd1bASU
Sonntag, 22. Juni 2014
Wiktor Schapinow: Klassenanalyse der ukrainischen Krise
Der folgende Artikel des Sozialisten Wiktor Schapinow behandelt die sozialen Ursachen des Bürgerkrieges in der heutigen Ukraine. Schapinow hat damit einen bemerkenswerten Beitrag zur Erklärung des Ukraine-Konflikts abgeliefert.
Der Originaltext ist auf folgenden Seiten abrufbar:
![]() |
| Ein vielfach gespaltenes Land |
- http://liva.com.ua/class-analysis-ukraine.html
- http://www.borotba.org/klassovyj_analiz_ukrainskogo_krizisa.html
- http://alexithymian.blogspot.de/2014/06/blog-post.html
Schapinow führt auch einen eigenen Blog, der beachtenswert ist:
Die "Klassenanalyse der ukrainischen Krise" von W. Schapinow wurde auf www.alexithymian.blogspot.de erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht.
Klassenanalyse der ukrainischen Krise
Die klassenmäßig-sozialen Ursachen der ukrainischen Krise sind schlecht erforscht. Hauptsächlich konzentriert man sich auf die politische Seite der Ereignisse, wobei ihre sozial-ökonomische Grundlage aus den Augen gelassen wird. Welche Klassenkräfte standen hinter dem Sturz des Janukowitsch-Regimes, der Installation der neuen Machthaber in Kiew und dem Auftreten der Anti-Maidan-Bewegung und der Bewegung des Südostens?
Die Krise des ukrainischen Kapitalismus
Die ukrainische Krise ist keine Ausnahmeerscheinung eines Landes. Die Ukraine hat sich aus mehreren Gründen als das "schwächste Glied" erwiesen und wurde zum ersten Opfer des Zerfalls eines ökonomischen Modells, dessen Mechanismus für wirtschaftliches Wachstum auf der Dominanz des Dollars als der Weltleitwährung und auf dem Kredit als Anreiz für Verbraucherkonsum basiert.1 Die Ukraine war eine der am stärksten betroffenen Ökonomien im Verlauf der globalen Krise. Das führte dazu, dass es zu einer Spaltung der herrschenden Klasse und zu verschärftem politischem Kampf kam, dessen Zeugen wir nun schon seit Monaten sind.
Die Ökonomie des ukrainischen Kapitalismus resultierte aus dem Zerfall des Volkseigentums der UdSSR, der Privatisierung öffentlicher Güter und der Integration in den Weltmarkt. Diese Prozesse trugen zur Unterminierung der ökonomischen Struktur der UdSSR bei, die weltweit in der ökonomischen Entwicklung Platz zehn belegte und über ein komplexes Volkseigentum verfügte, für das Maschinenbau und Produktion mit hohem Verarbeitungsgrad eine große Rolle spielten.
Die Integration in den Weltmarkt machte eine High-Tech-Industrie möglich. "Wenn die Ökonomie der UdSSR sich an der Befriedigung der Produktion und individuellen Konsumtion des Landes orientierte und sich mehr oder weniger vielschichtig in alle Richtungen entwickelt hat, so wird die kapitalistische Ökonomie der Ukraine gemäß den Bedürfnissen der globalen Arbeitsteilung 'formatiert'. Diesem Prozess zum Opfer gefallen sind vor allem forschungsintensive Branchen: Maschinen-, Werkzeug- und Gerätebau, Leichtindustrie, Elektrotechnik, Turbinenbau, Flugzeug- und Fahrzeugbau."2
Mit der Zerstörung der Leichtindustrie nahmen die Industrien mit niedrigem Verarbeitungsgrad und der Rohstoffsektor mit Exportorientierung katastrophale Ausmaße an. Die Eigentümerschaft der Unternehmen dieses Sektors bestand aus einer Oligarchenschicht, die einen Großteil der Wirtschaft des Landes fast während der gesamten Periode der "Unabhängigkeit" kontrollierte. Diese Schicht, die sich am Export von Rohstoffen orientierte, beutete die von der UdSSR ererbten Produktionskapazitäten unbarmherzig aus. Die ukrainische Oligarchie hatte aufgrund ihrer ökonomischen Lage nicht bloß kein Interesse an einer Entwicklung des Binnenmarktes, sondern hat sogar häufig auf räuberische Weise die eigenen Produktionsvermögen verscherbelt, indem sie lieber Investitionen in Offshoring getätigt hat als in die Entwicklung der Produktion. Insgesamt flossen 164 Milliarden Dollar aus der Ukraine in Offshores.3
Das Modell der peripheren Exportwirtschaft hatte zunächst einen selbstmörderischen Charakter und nährte sich von der Aufzehrung des sowjetischen Erbes. Die Eisenverhüttung, die die "Lokomotive" der peripheren Wirtschaft der Ukraine war und 40-50% des Exports ausmachte, "wies noch bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise augenfällige strukturelle Mängel auf - veraltete Technologien, massive Arbeitskraftverschwendung (auf die Produktion einer Tonne Stahl kamen in der Ukraine 52,8 Menschen in der Stunde, während es in Russland 38,1 und in Deutschland 16,8 waren), hoher Energieverbrauch und Abhängigkeit ausländischer Energielieferanten (hauptsächlich Russland). Solange die Preise für die Exporte hoch waren, waren diese Mängel nicht von großer Bedeutung, aber bei einer Verschlechterung der Konjunktur wurden sie zu einer ernsthaften Gefahr.
Andere wettbewerbsfähige Sektoren der ukrainischen Wirtschaft - die Agrarwirtschaft (im Bereich des industrieller Kulturen), die Chemiewirtschaft (hauptsächlich die Herstellung von Düngemitteln), Bergbau (Erz und Kohle) - hatten im Grunde den Charakter von Rohstoffindustrien und waren auf Export ausgerichtet.
Die restlichen Industriebranchen (mit Ausnahme der Nahrungsmittelproduktion), haben sich aufgrund des kleinen Binnenmarktes nur insoweit entwickelt wie sie dem exportorientierten Sektor dienten. In der Regel gab es in diesen Wirtschaftssegmenten eher niedrige Löhne und Profite".4
Mit der Unterminierung der heimischen Produktion außerhalb des Export- und Rohstoffsektors wuchs die Abhängigkeit vom Import. Ein Anteil der Waren aus der heimischen Produktion an der Handelsbilanz sank ständig, während der Anteil des Imports entsprechend anstieg. Seit Mitte der 2000er Jahre übersteigt der Import ständig den Export.5 Diese Differenz wurde mit einem Anwachsen der Auslandsverschuldung kompensiert, sowohl staatlicherseits wie auch unternehmerischerseits.6
Im Rahmen der globalen Krise, die 2008 begann, ist es zu einer Tendenz fallender Nachfrage nach ukrainischem Export und steigender Preise für Importe sowie wachsender Abhängigkeit von den Importen gekommen.
Die Krise und die Spaltung in der herrschenden Klasse. "Die Partei der Milliardäre und "die Partei der Millionäre"
Die Zuspitzung der Krise hat einen ernsthaften Zwist innerhalb der herrschenden Klasse heraufbeschworen. Ihre Führungsspitze - ein Dutzend Milliardäre - war schon für eine Integration in die Weltelite bereit und suchte nach Wegen, um das eigene Kapital im Westen "anzumelden". Sie hatten genug Kapitalvolumen akkumuliert, um es auf effektive Weise für finanzielle und industrielle Anlagen im Westen zu nutzen, als gerade die Systemkrise unseres Landes dem heimischen Großkapital nicht gerade entgegen kam.
Zum Mittel der Legalisierung dieses Prozesses wurde die sogenannte "Europäische Integration", womit im Austausch für eine Aufhebung des Binnenmarktprotektionismus und seine faktische "Aufgabe" an Global Players die ukrainischen Milliardäre die Anerkennung Europas erhielten. Dass der Preis dafür die Zerstörung einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen und eine neue Runde der Deindustrialisierung sein würde, mit einem unvermeidlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und anderen sozialen Nebenfolgen, kümmerte die Führungsspitze der herrschenden Klasse nicht weiter.7
Die mittleren und unteren Schichten der Oligarchie, die in der Ukraine noch immer ein Plätzchen für Geschäfte gesehen und nicht genügend Kapital für eine Integration in die Weltelite besessen haben, leisteten diesem Prozess allerdings halbherzig Widerstand. Sie hatten noch nicht alle Möglichkeiten des "unabhängigen" ukrainischen Staates für einen Aufstieg in die "höhere Liga" der Milliardäre ausgenutzt, sodass sie nicht auf eine vollständige Auslieferung des Binnenmarktes an die europäischen "Partner" ausgerichtet waren.8
Die Führung des Landes in der Person Janukowitschs lavierte lange Zeit zwischen der "Partei der Milliardäre" und der "Partei der Millionäre". Sie bemühte sich, einen Weg zur "europäischen Integration" zu finden, der beiden Seiten genügen würde. Das Resultat war, dass Janukowitsch sich genötigt sah, im Dezember 2013 die geplante Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens in Wilnius zu verweigern, da es die ökonomischen Interessen eines beträchtlichen Teils der Bourgeoisie gefährdet und katastrophale soziale Nebenfolgen bedeutet hätte. Die Notwendigkeit "integrativer" Prozesse war auch darin begründet, dass es einen Bedarf an Krediten gab, deren Quelle entweder der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Russländische Föderation sein konnte. Im Gegensatz zum IWF forderte Russland als Bedingung für Kredite keine antisozialen Reformen, was Wiktor Janukowitsch dann auch dazu veranlasste, die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens und die Freihandelszone mit der EU abzulehnen.
Die Antwort der "Partei der Milliardäre", die auf die europäische Integration gesetzt hatte, war der Euro-Maidan.
Hintermänner, Kern und soziale Basis des Euro-Maidan
In der Anfangsetappe des Euro-Maidan blieb die Teilnahme der Volksmassen minimal. In den ersten Tagen waren im Wesentlichen Mitarbeiter und Aktivisten pro-westlicher NGOs und neonazistische Gruppen (im Umfeld der "Swoboda"-Partei und des dann formierten Rechten Sektors) zugegen. Eine echte Massenbasis gewann der Euro-Maidan erst, nachdem er in der Nacht vom 30. November auseinandergetrieben wurde. Diese Attacke wurde live auf allen Sendern der Oligarchen ausgestrahlt. Seitdem wurden in den Nachrichten ständig Bilder von zusammengeschlagenen Menschen, blutenden Köpfen und so weiter wiederholt. Es kam zu einer infomationellen "Abrichtung" der Gesellschaft. Ständig brachen irgendwelche Infos durch, die die Bürger zur Teilnahme an den Protesten bewegen sollten. Zum Beispiel kam die Nachricht einer angeblich von der Polizei im Verlauf der Attacke vom 30. November getöteten Studentin. Wie sich später herausstellte, ruhte sich die Studentin nur einige Tage in Gesellschaft ihrer nationalistischen Freunde aus und hatte die Familie bloß nicht kontaktiert. Solche informationellen Provokationen kamen wiederholt durch und jedes Mal wurden sie von den Massenmedien der Oligarchen aufgeschnappt.
Um die Massen der Kiewer um die sonntäglichen "Wetsche"-Versammlungen zu mobilisieren, wurden nicht nur Fernsehkanäle genutzt, die von Oligarchen kontrolliert werden. Es wurde eine breite und kostspielige Propaganda eingesetzt, einschließlich der Verbreitung von Flugblättern mit einer Einladung zum Maidan an alle (!) Briefkästen der Vier-Millionen-Stadt Kiew.
Zur führenden Kraft, die ständig anwesend war und an den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften teilnahm, wurden auf dem Maidan neonazistische Kämpfer (hauptsächlich aus den Reihen von Fußballfans) und Menschen ohne einen bestimmten Beruf, die aus den westlichen und zentralukrainischen Teilen des Landes kamen. Diese Leute lebten im Verlauf mehrerer Monate auf dem Maidan, wo man ihnen kostenlos Nahrung und Geldspenden gewährte. All das zeugt von der gut organisierten Finanzierung des Maidan von Anfang an seitens der ukrainischen Oligarchie. Diese Finanzierung lief ebenso über drei parlamentarische Parteien aus dem Block der Opposition wie auch über NGOs und sogar direkt über paramilitärische Gruppen aus dem neonazistischen Lager.
Noch im Dezember war die nationalistische Ausrichtung des Maidan deutlich wahrnehmbar. Der Zusammenschluss "Borotba" merkte damals in einer Verlautbarung an:
"Es war ein zweifellos ein Erfolg der Nationalisten, dass es ihnen dank großer Aktivität gelungen ist, dem Maidan ihre ideologische Führung aufzudrücken. Davon zeugen die Losungen, die zu eigentümlichen "Parolen" für die Zusammenrottung der Massen und Aktivisten auf dem Maidan wurden: So z.B. "Heil der Ukraine - Heil den Helden!", das zusammen mit dem gehobenen rechtem Arm und ausgestreckter Hand der Parteigruß der Organisation der ukrainischen Nationalisten vom April 1941 war. So auch "Heil der Nation - Tod den Feinden!", "Ukraine über alles!" (wie mit dem wohlbekannten deutschen "Deutschland über alles!") und "Wer nicht hüpft, der ist ein Russ." Bei den anderen oppositionellen Parteien gab es schlicht keine eindeutige ideologische Linie und kein Inventar an Losungen, sodass der liberale Teil der Opposition die nationalistischen Losungen und die nationalistischen Order übernahm. (...) Der schwerfällige Versuch des liberalen Protestflügels, sich von der nationalistischen Führung frei zu machen, z.B. indem der Ausruf "Tod den Feinden" durch etwas politisch Korrekteres ersetzt wurde, ist größtenteils gescheitert. Das geschah nicht nur deswegen, weil nur die nationalistischen Organisationen Vorstellungen von einer angespannten und aktiven Massenbewegung haben, und weil die liberale Mehrheit des Protests keinerlei klare Handlungsanweisungen vorschlug. In dieser Situation gewannen die Nationalisten als die aktiveren und radikaleren Demonstranten das Image einer "Avantgarde" der ganzen Bewegung."9
Zum Ausdruck der Dominanz der Ultrarechten wurde auch die Zerstörung des Denkmals zu Ehren W. I. Lenins auf dem Bessarabischen Platz durch Aktivisten des Euro-Maidan. Dieser barbarische Akt wurde vom liberalen Flügel des Maidan nicht verurteilt und abgebrochene Stücke des Denkmals wurden von einer jubelnden Menge des Maidan vorgeführt.10
Die antilinke und antikommunistische Ausrichtung des Maidan äußerte sich in der Gewalt gegen Aktivisten der "Borotba", den Lewin-Brüdern, die unweit des Maidan einen gewerkschaftlichen Streikposten betreuten. Vom Maidan aus rief man dazu auf, sich um sie zu kümmern, da sie angeblich unter einer roten Fahne standen.11 Die Abrechnung mit ihnen leitete der Abgeordnete der "Swoboda" Miroschitschenko.
Im Januar war der ideologische und politische Gehalt des Maidan für jeden unvoreingenommenen Betrachter offensichtlich.12 Schon damals haben wir das Geschehen charakterisiert als "liberal-nationalistische Revolte mit stark bemerkbarem Anteil offen nazistischer Elemente des 'Rechten Sektors'".13
Auf diese Weise bildeten neonazistische Schläger und Aktivisten oppositioneller politischer Parteien den Kern des Euro-Maidan. Wer bildete nun die äußere Schicht des Euro-Maidan? Wer waren die tausenden von Menschen, die die Bewegung unterstützten?
Die Hälfte der Versammlungsteilnehmern bestand aus entsendeten Aktivisten der verschiedenen Regionen. Eine Umfrage ergab, dass 50% aus Kiewern und 50% aus Zugereisten aus anderen Regionen bestanden. Unter den Zugereisten waren 52% aus der Westukraine, 31% aus der Zentralukraine und nur 17% aus dem Südosten des Landes.14 Unter denen, die sich ständig auf dem Maidan befanden, gab es mit 17% unverhältnismäßig viele Unternehmer und mit 16% unverhältnismäßig wenige Russischsprachige (in der Gesamtgesellschaft etwa 40-50%).15 Ein eindeutiges Bild über die soziale "Physiognomie" des Maidan liefert die Tatsache, dass sich unter den Toten der "Himmlischen Hundertschaft" kein einziger Arbeiter befand.16
So ist also der Euro-Maidan eine Bewegung, die von den höchsten Oligarchen initiiert und kontrolliert wird, deren soziale Wurzel Rechtsradikale und in geringerem Maße pro-westliche Liberale sind, und deren soziale Basis die Kleinbourgeoisie und deklassierte Elemente sind.
Im Gegensatz dazu ist der Widerstand im Südosten eher von proletarischer Zusammensetzung wie von unabhängigen Beobachtern vermerkt wurde. Auch nicht zufällig ist, dass sich der Widerstand gegen die Junta der Oligarchen und Nazis, die im Gefolge des Maidan an die Macht kamen, vor allem in den am meisten industrialisierten Regionen mit einer vorwiegend aus der Arbeiterklasse stammenden Bevölkerung formiert hat.
Wiktor Schapinow
__________________________
1 Vgl. unsere Analyse im Bericht "Weltweite Krise und der ukrainische periphere Kapitalismus", der noch vor dem Maidan verfasst wurde: http://liva.com.ua/crisis-report.html
2 Wiktor Schapinow. Die neoliberale Sackgasse für die Ukraine: http://liva.com.ua/dead-end.html
3 90% der Direktinvestitionen aus der Ukraine gehen nach Zypern. Von dort stammen auch 80-90% der Direktinvestitionen in die Ukraine, die im Grunde keine "ausländischen Investitionen" sind, sondern einfach Rückführungen sind, die der Ukraine entstammen. In den 2000er Jahren wurde zypriotisches Offshoring zur bequemen Möglichkeit der Steuerflucht für ukrainische Oligarchen. So betrug die Summe der ausländischen Investitionen im Jahr 2012 etwa 6 Milliarden Dollar, während in der selben Zeit individuelle Geldüberweisungen (hauptsächlich Überweisungen durch Gastarbeiter an ihre Familien) 7,5 Milliarden betrugen. Also haben Lohnarbeiter mehr in die Wirtschaft des Landes investiert als die Bourgeoisie (vgl. z.B.: http://dt.ua/ECONOMICS/suma-groshovih-perekaziv-zarobitchan-vpershe-perevischila-obsyag-inozemnih-investiciy-119740_.html).
4 Wiktor Schapinow. Die neoliberale Sackgasse für die Ukraine: http://liva.com.ua/dead-end.html
5 Ebenda.
6 Die Dynamik der ukrainischen Zahlungsbilanz:
1999: +1.658 $ Mrd.
2000: +1.481 $ Mrd.
2001: +1.402 $ Mrd.
2002: +3.173 $ Mrd.
2003: +2.891 $ Mrd.
2004: +6.909 $ Mrd.
2005: +2.531 $ Mrd.
2006: -1.617 $ Mrd.
2007: -5.272 $ Mrd.
2008: -12.763 $ Mrd.
2009: -1.732 $ Mrd.
2010: -3.018 $ Mrd.
2011: -10.245 $ Mrd.
2012: -14.761 $ Mrd.
1. Halbjahr 2013: -3.742 $ Mrd.
Dynamik der Bruttoschulden der Ukraine beim Ausland (staatliche und private in der Summe):
01.01.2004: 23.811 $ Mrd.
01.01.2005: 30.647 $ Mrd.
01.01.2006: 38.633 $ Mrd.
01.01.2007: 54.512 $ Mrd.
01.01.2008: 82.663 $ Mrd.
01.01.2009: 101.654 $ Mrd.
01.01.2010: 103.396 $ Mrd.
01.01.2011: 117.345 $ Mrd.
01.01.2012: 126.236 $ Mrd.
01.01.2013: 135.065 $ Mrd.
01.04.2013: 136.277 $ Mrd.
7 Über die Folgen der europäischen Integration vgl. den Bericht "Weltweite Krise und der ukrainische periphere Kapitalismus", der noch vor dem Maidan verfasst wurde: http://liva.com.ua/crisis-report.html
8 http://glagol.in.ua/2014/01/23/dmitriy-vyidrin-evromaydan-bunt-milliarderov-protiv-millionerov/#ixzz2yHYP6PXR
9 Sergej Kiritschuk: Die aktive Teilnahme der Nationalisten: http://borotba.org/sergei-kirichuk-uchastie-nacionalistov-factor-padeniya-populyarnosti-maidana.html
10 Vgl. http://borotba.org/oni-mogut-unichtojit-pamyatnik-no-ne-ideyu.html. Der Abgeordnete der ultrarechten Partei "Swoboda" Andrej Iljenko demonstrierte dort bei dieser Gelegenheit. http://podrobnosti.ua/society/2013/12/08/946901.html?cid=5408279.
11 Vgl. http://borotba.org/napadenie-nacistov-na-levyh.html, http://revizor.ua/news/evromaidan/20131210_levin und http://jungle-world.com/artikel/2014/02/49128.html
12 Vgl. z.B., die Publikation des einflussreichen Journals The Nation: "The Ukrainian Nationalism at the Heart of 'Euromaidan'". http://www.thenation.com/article/178013/ukrainian-nationalism-heart-euromaidan#, russische Übersetzung: http://borotba.org/nacionalizm-yadro-evromaidana.html
13 http://borotba.org/noviy-etap-politicheskogo-protivistoyania.html
14 Umfrage des Fonds "Demokratische Initiativen" vom 6 Februar: http://www.dif.org.ua/ua/polls/2014_polls/vid-maidanu-taboru-do-maidan.htm
15 Ebenda.
16 "Es gibt noch eine Besonderheit bei der Liste der Gestorbenen: Unter den Gestorbenen gibt es fast keine Vertreter der Arbeiterklasse, die in den großen Unternehmen arbeiteten. (…) Der Umstand, dass an der Spitze der revolutionären Gewalt auf dem Euro-Maidan Sub-Proletarier standen, Vertreter der Intelligenzija ("der kreativen Klasse") und sich ihnen angeschlossen Provinzler aus dem Inland, verdeutlicht den prinzipiellen Unterschied der Sozialstrukturen des Westens und Ostens der Ukraine, der die mentale Spaltung zwischen den zwei Teilen des Landes überlagert." http://kavpolit.com/articles/litso_pogibshego_majdana-1526/
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