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Freitag, 30. September 2016

Des Pudels Kern – Marxens schillernde Begriffe von Arbeit und Spiel

Dass Marx den Menschen über den Arbeitsbegriff definierte, ist weitgehend bekannt. Dass dessen Gesellschaftskritik Friedrich Schillers Idee des "Spiels" zum Kern hat, ist weit weniger bekannt.

Denkt man an die marxistische Utopie, kommen einem stets zwei völlig gegensätzliche Bilder in den Sinn: Einerseits die barfüßigen, Mate trinkenden Studis mit Rastalocken und Guevara-Shirts, die vor der Unibibliothek chillen und "echte" Arbeit gar nicht kennen; andererseits die Arbeitssklaven in den Gulags und Fabriken des "totalitären" Ostblocks, denen keinerlei Muße gewährt wird – beides empörende Klischees. Die einen beneidet man für ihren Müßiggang, die anderen bemitleidet man wegen ihrer Plackerei. Beide verachtet man für die fehlende Abwechslung von Arbeit und Freizeit. Als normal und ideal gilt noch immer die "40-Stunden-Woche", d.h. der Genuss der Freizeit nur abseits von 40 Stunden Lohnarbeit in der Woche. Muße und Arbeit werden dabei als völlige Gegensätze verstanden, deren Vermischung entweder in der Arbeitswut eines Workaholic oder im Schlendrian enden muss. Wer sich hingegen ernsthaft mit Marx beschäftigt, wird ein anderes Ideal vor Augen haben: eine Assoziation freier Produzenten, die sich gegenseitig in ihrer Selbstentfaltung unterstützen und für die der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet.

Freiheitsutopien sind nichts Neues. Die deutschen Idealisten des 18. und 19. Jahrhunderts – namentlich Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Goethe und Schiller – spekulierten etwa über einen "schönen Staat" (Schiller) oder "die Freiheit des Menschen" (Fichte) jenseits der damaligen Gesellschaft. Die Menschen sollten von den bekannten äußeren Zwängen befreit werden. Goethes Ausspruch "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein" fasst die Sehnsucht der Idealisten zusammen. Allerdings konnten sie sich nicht vorstellen, wie ein freies und müßiges Leben für alle Menschen ermöglicht werden könnte. Es fehlte ihnen an Einsichten in die Bedingungen der Möglichkeit solch einer kollektiven Freiheit. Ihnen blieb nur eine abstrakte Wunschvorstellung bzw. beißender Spott gegen die "Brotgelehrten" und "Philister" übrig, die für Lohn arbeiten (müssen). Marx erwiderte den Spott: "Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusammenhange der deutschen Philosophie mit der deutschen Wirklichkeit, nach dem Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer eignen materiellen Umgebung zu fragen." An dieser Stelle setzt Marxens Verständnis von Arbeit und Spiel an.

Marx definiert Arbeit als die "produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw." Arbeit diene dem Menschen zunächst dazu, sich die äußere Natur zu unterwerfen und sie nach eigenem Ermessen zu verändern. Mit der bewussten Veränderung der Natur "verändert er zugleich seine eigene Natur". Dadurch, dass der Mensch sich selbst verändert, macht er eine Entwicklung durch, die ihn der äußeren Natur gegenüber immer souveräner macht. Aus dieser Naturbeherrschung entwickelte sich laut Marx im Laufe der Zeit die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Sobald die Gesellschaft einen Überschuss ansammeln konnte, wurde systematische Ungleichheit möglich. Die Gesellschaft spaltete sich von da an in arbeitende und ausbeutende Klassen. Während die arbeitenden Klassen vor allem für ihr bloßes Überleben malochen, üben sich die ausbeutenden Klassen aller Epochen vor allem im Müßiggang. Das ist das Grundprinzip der Klassengesellschaften. Die zunehmende Gewalt gegenüber der Natur emanzipiert zwar die Gesellschaft von den Naturzwängen, aber zugleich ist sie eine zunehmende Gewalt der Eliten gegenüber den Massen.

Des Pudels Kern ist bei Marx wie auch bei den Idealisten die Freiheit des Menschen. Nicht die Naturgewalten oder gesellschaftliche Zwänge sollen das Los der Individuen bestimmen, sondern ihre eigene, innere Natur sollte sich entfalten. "Und wie Schiller die freie Verfügungsgewalt des Individuums über die Vielfalt und Potenz seiner Kräfte und Anlagen in der Form ihrer ständigen Betätigung und Übung sehr treffend als Spieltrieb bezeichnet, so auch Marx", bemerkte der schillernde Marxist Leo Kofler einmal. Marx erhebt daher das "freie Spiel der geistigen und physischen Kräfte", die in der Natur des Menschen angelegt seien, zum Maß aller Dinge. Eine Gesellschaft lässt sich entsprechend daran messen, wie weit sie dieses "freie Spiel" für alle zulässt. Die Gesellschaft von heute, d.h. der Kapitalismus, schneidet da trotz aller Errungenschaften ziemlich schlecht ab. "In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert", und zwar – so betont der kommunistische Ökonom – "durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit."

Marx erklärt damit die kapitalistische Organisation der Arbeit zum Haupthindernis für eine Gesellschaft sich frei entwickelnder Menschen. Zugleich entdeckt er ausgerechnet im Kapitalismus selbst die Lösung des Problems: Das Anwachsen der Produktivität aufgrund der unternehmerischen Konkurrenz ermöglicht zumindest prinzipiell eine Verringerung der leidvollen Arbeitszeit zugunsten der Freizeit. Erst die hochmoderne Industrie schafft die Basis für eine Verwirklichung der idealistischen Utopie in einer Gesellschaft. Das marxistische Programm, zusammengefasst in den Worten von Friedrich Engels, klingt daher wie eine geniale Mischung aus idealistischer Philosophie und volkswirtschaftlicher Kalkulation: "Die allgemeine Assoziation aller Gesellschaftsmitglieder zur gemeinsamen und planmäßigen Ausbeutung der Produktionskräfte, die Ausdehnung der Produktion in einem Grade, daß sie die Bedürfnisse aller befriedigen wird, das Aufhören des Zustandes, in dem die Bedürfnisse der einen auf Kosten der andern befriedigt werden, die gänzliche Vernichtung der Klassen und ihrer Gegensätze, die allseitige Entwickelung der Fähigkeiten aller Gesellschaftsmitglieder durch die Beseitigung der bisherigen Teilung der Arbeit, durch die industrielle Erziehung, durch den Wechsel der Tätigkeit, durch die Teilnahme aller an den durch alle erzeugten Genüssen".

Es ist das Ideal einer Gesellschaft, die "die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." Jedoch sei dies im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft undenkbar, denn ihre treibende Kraft ist nicht die unbedingte Entfaltung aller Menschen, sondern bloß ihre Entfaltung im Rahmen und im Sinne der Kapitalakkumulation. Die Organisation der Arbeit im Sinne des Kapitals verhindert sowohl eine stetige Verkürzung von Arbeitszeit als auch eine stetige Verschmelzung von Arbeit und Muße. Die meisten Menschen empfinden daher die Trennung beider als völlig normal und ihre Vermischung als abnormal, weshalb "Workaholics" und überchillige "Hippies" schräg von der Seite angegafft werden.

Sonntag, 28. August 2016

Mehr Texte von Leo Kofler online!

Die Leo Kofler-Gesellschaft e.V. hat weitere Artikel von Leo Kofler hochgeladen und verkündet:

Leo Kofler
"Nach unserer erfolgreichen Etablierung auf Facebook haben wir nun auch wieder die Arbeit an unserer Gesellschafts-Homepage aufgenommen und insgesamt zehn neue Texte von Leo Kofler online gestellt. Weitere Texte von und zu Kofler sollen (in unregelmäßigen Abständen) folgen. Anregungen, Tipps und Kritiken zur besseren Gestaltung der Homepage oder zu Verbreitung der Arbeiten Leo Koflers sind uns willkommen. Besuchen Sie uns also einfach auf www.leo-kofler.de oder auf https://www.facebook.com/Leo-Kofler-218261621626134/ oder schreiben Sie uns: zentrale@leo-kofler.de."

Die Artikel von Leo Kofler finden sich hier. Es handelt sich um die folgenden Texte:


Das Copyright für alle Kofler-Texte liegt bei der Leo Kofler-Gesellschaft e. V.

Freitag, 26. August 2016

Luther - "ein deutscher Rebell"?

Im Deutschlandfunk konnte man heute vernehmen, dass Martin Luther (1483-1546) "ein deutscher Rebell" gewesen sei, ein "konservativer Revolutionär", ein Individualist und nicht zuletzt ein gewöhnlicher Mensch mit den Schwächen, die ein Mensch nunmal so habe - Völlerei, Trunksucht, Antisemitismus. Der da interviewte Autor der neuen Lutherbiographie, Willi Winkler, betreibt mit dieser Darstellung eine ungeheuerliche Geschichtsklitterung. Zwar war Luther in der Tat ein Antisemit, aber er war noch viel mehr ein Konterrevolutionär und Feind der Demokratie. Um das zu verstehen, muss man nicht einmal das Buch gelesen haben. Schon der Klappentext des Buches, das bei Rowohlt erscheint, ist anstößig:

"Er war der größte Rebell, den die deutsche Geschichte aufzuweisen hat – und wollte doch nichts weniger sein. Martin Luther hat mit den sagenhaften Hammerschlägen, mit denen er seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, das Mittelalter beendet und ein neues Zeitalter begründet: das, in dem wir heute leben. Die von ihm angestoßene Reformation wirkte wie ein ungeheurer Modernisierungsschub, auf Kunst und Alltagsleben, Literatur, Wissenschaft und Publizistik; Luthers Bibelübersetzung ist der Grundtext für das heutige Deutsch. Vor allem aber gab der entlaufene Augustinermönch den Deutschen zum ersten Mal einen Begriff von der Individualität des Menschen: Du allein verfügst über dich, nicht der Kaiser, nicht der Papst, niemand außer Gott. Luther ist eine einzigartige Figur in der europäischen Geschichte. Ohne ihn wäre die Welt ärmer – auf jeden Fall eine andere.Willi Winkler geht es darum, den ganzen Luther in den Blick zu nehmen, ihn als den Mann zu zeigen, der seine Welt vom Kopf auf die Füße gestellt hat, vor dem Hintergrund des aufregenden 16. Jahrhunderts, in dem die Neuzeit beginnt. Rechtzeitig zum Reformationsjahr erscheint diese große Biographie, die alle Anlagen zum Klassiker hat."
Thomas Münzer, der protestantische Revolutionär
und Bauernführer

Luther mag Individualist und Anhänger eines entstehenden Kapitalismus gewesen sein. Er hat auch das Papsttum und den katholischen Seelenhandel herausgefordert. Aber ein Rebell und Revolutionär war er keinesfalls. Im Gegenteil! Luther war ein geistiger Brandstifter und Teilnehmer eines Kreuzzugs gegen echte Rebellen und Revolutionäre. Ausgerechnet ein Schüler und Anhänger von Luther entlarvte die reaktionäre Gesinnung des Reformators. Und ausgerechnet eine wirkliche Rebellion und Revolution zwang Luther, sich zu Mord und Totschlag an einfachen Menschen zu bekennen. 

Als der Pfarrer Thomas Münzer (1489-1525), der zunächst ein begeisterter Protestant im Sinne Luthers war, mit diesem brach, spiegelte das den größeren Bruch zwischen Bauern und städtischem Bürgertum wieder. Münzer hatte mit Luther gebrochen, weil Luther in Wirklichkeit weder demokratisch noch radikal war. Die damalige deutsche Gesellschaft brodelte. Adel und Klerus unterdrückten die demokratischen Neigungen der Bauernmassen, während das neu entstehende städtische Bürgertum sich bereits anschickte, eigene Interessen geltend zu machen. Die Bauern auf dem Land und die Kleinbürger in den Städten wollten mehr vom Kuchen abbekommen und sich geistig nicht mehr an die Mächtigen fesseln lassen. Es kam daher zum Klassenkampf: 

"Außer Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Papstes. Wir haben gesehen, wie schwerfällig, unvollständig und je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Interessen sich schließlich in drei große Gruppen formierten; wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen die der nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen opponierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen mußte. So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den meisten Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege."

Luthers Reformation schien zunächst die passende Ideologie für diese revolutionäre Bewegung darzustellen. Aber sobald die Massen sich radikalisiert hatten, erkannte Luther, dass sie die gesamte Gesellschaft hätten sprengen müssen. So weit wollte er nicht gehen. Während Münzer die Bauernmassen Deutschlands tatsächlich vom Joch durch den katholischen Aberglauben und die Reichen befreien wollte, ruderte Luther also schnell zurück, sobald seine Lehre wirklich revolutionär wirkte. Daher musste sich der Prediger des evangelischen Gewissens entscheiden und er entschied sich dazu, ohne jegliche Gewissensbisse die Seite der Konterrevolution zu ergreifen und Münzer, den echten Revolutionär dieser Zeit, zu vernichten. Friedrich Engels beschrieb Münzer in seinem Werk über "Die deutschen Bauernkriege" so:

"Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebejischen Revolutionär Münzer gegenüber. Thomas Münzer war geboren zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498. Sein Vater soll, ein Opfer der Willkür der Stolbergschen Grafen, am Galgen gestorben sein. Schon in seinem fünfzehnten Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund gegen den Erzbischof von Magdeburg und die römische Kirche überhaupt.Seine Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle als Kaplan in einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und Ritus der Kirche mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ er die Worte der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm erzählt, die Herrgötter ungeweiht. Sein Hauptstudium waren die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen Schriften Joachims des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das Strafgericht über die entartete Kirche und die verderbte Welt, das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Reformation und der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbeigekommen.Er predigte in der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er als erster evangelischer Prediger nach Zwickau . Hier fand er eine jener schwärmerischen chiliastischen Sekten vor, die in vielen Gegenden im stillen fortexistierten, hinter deren momentaner Demut und Zurückgezogenheit sich die fortwuchernde Opposition der untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden Zustände verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation immer offener und beharrlicher ans Tageslicht hervortraten."

Münzer forderte nun also die katholische Kirche ebenso heraus wie Luthers Reformationsbewegung. Er ging aber noch weiter. Sein Christentum war plebejisch, demokratisch und irdisch. Erlösung war für ihn nichts, das nach dem Tod erst beginnt. Erlösung war für Münzer im Grunde die Befreiung der leidenden Massen von der feudalen Unterjochung. "Nach Müntzers theologischer Überzeugung forderte die Heilige Schrift die Freiheit des Menschen. Er wurde von den Fürsten misstrauisch beäugt und geriet immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit. Als 1524 der Deutsche Bauernkrieg ausbrach, schlug Müntzer sich auf die Seite der Landleute. Bald wurde er zu einer Leitfigur des Aufstands", so schreibt sogar das ZDF. Münzer war dank seiner demokratischen Ideologie zum Anführer der bäuerlich-demokratischen Bewegung geworden. Und die Bauern wollten sich nicht mit Luthers bescheidenen Reformen abspeisen lassen. Das musste zum Bürgerkrieg führen. Engels beschrieb Münzers Rolle im anstehenden Bauernkrieg:

"Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in den vorliegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war.Dabei aber blieb er an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen.Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten atmen einen revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen früheren Schriften in Erstaunen setzt.Der naive jugendliche Humor der revolutionären Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwunden; die ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war, kommt nicht mehr vor. Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf und spricht nur noch in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu wirken hatte.Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsischen Herzogtümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im Vogtland standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen Bewegung anerkannt".

Während die Bauern Ländereien konfiszierten und sich gegen Adel und Klerus bewaffneten, forderte Luther den Bürgerkrieg gegen die Ärmsten der Gesellschaft:

"Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform, den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse der Städte war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht widerstehn.Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung entfremden und ließ nur die Chance entweder der Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebejer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die katholische Restauration.Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege erfochten haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon haben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt. Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren mußten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr unter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten.Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte. Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich riet er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden und wuchs der bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster Nähe, in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmflut der bäurisch-plebejischen Revolution.Da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige Kinder Gottes; und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich 'wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern'."Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther. 'Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.'"

Die "lieben Herren" stachen, schlugen und würgten die Bauern in der Tat. Sie richteten furchtbare Massaker an ihren revoltierenden Knechten an und stellten die Lage vor dem Aufstand weitgehend wieder her. Engels fasste das Resultat der besiegten Bauernrevolution zusammen:

"Die Bauern waren überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste Revolutionsversuch des deutschen Volks endigte mit schmählicher Niederlage".

Nicht Luther war der deutsche Rebell und Revolutionär, sondern sein abtrünniger Schüler und Konkurrent Thomas Münzer war der wirkliche Held der damaligen Zeit. Münzer bleibt auch heute noch ein glänzendes Beispiel für volkstümliche, linkspopulistische Politik, während Luther mehr den feigen Rechtspopulisten und korrupten Politikern von heute ähnelte.


Sonntag, 8. Mai 2016

Warum das bürgerliche Trauerspiel lächerlich ist

Das bürgerliche Trauerspiel ist lächerlich geworden. Man sollte es abschaffen und den Bonzen nur noch das Lustspiel gönnen, über sie lachen. Böhmermanns vulgärer Spott gegen den Erdowahn geht in diese Richtung, die Anstalt mit Max Utthoff und Claus von Wagner ebenfalls. Die Heute Show und extra3 reihen sich auch in diese Reihe ein. Dem Bürgertum soll der ganze Spott gelten.

Die Prolltragödie ist die einzig echte.
Wenn dem Proll z.B. zuerst die Mutter und dann die Oma in Folge typisch proletarischer Lebensweise durch Krebs wegstirbt und damit eine Katastrophe für die gesamte Familie eintritt, dann ist das wirklich dramatisch und vernichtend. Der Höhenfall ist unvermeidbar. Eine Katharsis gelingt nicht mit Sicherheit.

Wenn Ähnliches dem Reichen passiert, ist es vielleicht eine Episode der Trauer, wenn überhaupt. Aber ein Trauerspiel dazu wäre lächerlich. Denn der Bourgeois hat kein Recht mehr auf Erhabenheit, weil er Fabriken besitzt und Krieg finanziert. Wer Millionen von Menschen aushungert und zerbombt, der verdient kein Mitgefühl, sondern Enteignung im Sinne des Grundgesetzes und Spottgedichte.

www.seite360.de


Mittwoch, 2. März 2016

Leo Kofler über die "bürgerliche Bildung"

Der österreichisch-deutsche Marxist Leo Kofler (1907-1995) widmete sich in diversen Schriften und Vorträgen dem Thema der Bildung, wie sie die drei großen Klassen im Kapitalismus - Proletariat, Kleinbürgertum und Großbürgertum - mehr oder wenig selbstverständlich kultivieren. Seine Ideen verbreitete dieser Autodidakt und Pädagoge, der durch Größe beeindruckte, an Volkshochschulen, Universitäten, vor Gewerkschaftern, Studierenden und einfachen Arbeitern. Auch heute noch sind seine Ansichten beachtenswert.

Im Folgenden Auszüge, wie sie in Koflers fast völlig vergriffenen Publikationen immer wieder zu finden sind. In diesem Fall zitiert aus Leo Kofler: "Der asketische Eros", Wien/Frankfurt/Zürich 1967, S. 249-254. Teil 3 der Reihe zur Frage der Bildung bei Kofler und x-ter Teil von Klasse-is-muss.

Leo Kofler über die "bürgerliche Bildung"


Herrschaft als Monopolisierung des Genusses


Leo Kofler 01.jpg
Leo Kofler im Interview.
Bild: www.zeitzeugen-tv.com
Spricht man vom Bürger, so muß gesagt werden, welchen Bürger man meint. Vom liberalen Bürger sind noch Reste übriggeblieben. Der moderne Bürger ist der Bürger der hochbürgerlichen Dekadenz. Seine schärfste und klarste Ausprägung erhält er in seiner großbürgerlichen Elite, die das inkarniert, was man unter dem Bürgerlichen im eigentlichen und engeren Sinne versteht. Verwischen sich die Grenzen vom Kleinbürgerlichen zum Bürgerlichen über das Mittelständische, so besagt das für die Analyse des eigentlichen Bürgers wenig, da er sich von beiden durch ideologische Besonderheiten scharf unterscheidet.

Zunächst unterscheidet sich das führende Bürgertum von allen übrigen Klassen und Schichten durch seine Beziehung zum Eros. Der erotische Lebensgenuß prägt wie bei allen herrschenden Klassen sein Wesen. Askese ist ihm unbekannt, er lebt außerhalb des asketischen Eros. Der Gegensatz zwischen dem asketischen und dem erfüllten Eros bildet die Scheidewand zwischen den herrschenden und den beherrschten Klassen in der hochbürgerlichen Gesellschaft. Das schließt nicht aus, daß das herrschende Bürgertum als Erscheinung einer antagonistisch geprägten Gesellschaft eine komplizierte und widerspruchsvolle Wesenheit aufweist.

Das Schicksalserleben des Bürgertums


Auch das Bürgertum kennt einen Schicksalsbegriff, der für es charakteristisch ist. Schicksal bedeutet ihm das völlig Äußere, das das Innere des Seelischen und des Intellekts in seinem eigentlichen Bereich nicht berührt. Es ist deshalb auch nicht das im unmittelbaren Leben Wesentliche, sondern das Profane, mit dem man wie mit einem Naturereignis rechnet. Genau besehen, ist das Schicksal hier keins, sondern der Inbegriff des Zufälligen, dem das geordnete Ich als der wahre Raum des Lebens unvermittelt einem gefährlichen Partner, mit dem man rechnet, den man aber klug zu übertölpeln vermag. Das Bürgertum kann sich ein solches Schicksalserlebnis erlauben, weil seine gesellschaftliche Stellung ihm einen großen Raum individueller Freiheit gewährt, in dem es sich der freien Lebensgestaltung und dem Genuß hingeben kann und demgegenüber die äußeren Einflüsse als allgemeine, gleichsam naturhafte Bedingungen des Lebens gelten, jedoch nicht als bestimmende Merkmale des Lebens selbst. Diese scharfe Entgegensetzung von innerem freiem und äußerem naturhaftem Geschehen hängt soziologisch mit der ideologischen Entwertung des realen geschichtlichen Prozesses infolge der tiefgehenden historischen und geistigen Krisenerscheinungen, des allgemeinen Einbruchs der Dekadenz seit Beginn der Epoche des Imperialismus, zusammen. Der Glaube an den historischen Fortschritt, von dem noch liberale Bürger des vorigen Jahrhunderts durchdrungen war, ist verlorengegangen. Die menschlich-geschichtliche Welt scheint nicht fähig, echte und den Menschen tragende Werte hervorzubringen. Wenn sie überhaupt noch zu finden sind, so reflektiert der moderne Bürger die heutige Situation bei gleichzeitiger Übertragung dieser Reflexion ins Weltanschauliche, dann nur im Inneren des einzelnen, im esoterischen Subjekt.

Großbürger-Idylle.
Foto: Bavaria Film/Falke

Dieser, als einer allgemein zu beobachtenden, gefühlsmäßigen und ideologischen Tendenz der Trennung von Objektivem und Subjektivem bei sehr verschiedener Einschätzung beider, bemächtigt sich nun das Bürgertum in der denkbar konsequentesten Weise, weil sie ihm in der Zeit seiner Dekadenz am besten entgegenkommt. Der Nihilismus in seiner neuartigen und gewisse innere Werte - besonders den Wert der subjektiven Freiheit - bejahenden, höchst widerspruchsvollen und schillernden Gestalt wird zur Ideologie dieses Bürgertums. Die nihilistische Entwertung der äußeren Welt bleibt aber nicht ohne Einfluß auf die subjektive innere. Diese erscheint trotz ihrer Entsprechung zur Freiheit hin als eine düstere und von Schuld erfüllte. Es ist dies die vom bürgerlichen Bewußtsein so erlebte unheimliche äußere Welt, die unbewußt die innere beherrscht und ihr selbst den Schein des Unheimlichen verleiht. Begegnet die bürgerliche Reflexion der äußeren Welt als einer von ihr bloß naturgesetzlich-schicksalhaft begriffenen, die es aber zu beherrschen und auszunützen gilt, so wird sie mit ihrer inneren Welt, die sie irrtümlich als von der äußeren völlig unabhängig wähnt, nicht fertig. Die äußeren Einflüsse formen die inneren Erlebnisse und drücken ihnen das Merkmal des Bedrohlichen auf. In Verbindung mit dem erotischen Genuß ziehen sie diesen ins Morbide. Die heitere und freie Sinnlichkeit, die ihm seiner Natur nach eigen ist, wird zerstört. Das mit dem Anspruch auf subtile Pflege der subjektiven Innenwelt, der auf sich gestellten "Persönlichkeit", eng zusammenhängende Bildungs- und Kulturbewußtsein wird von dieser Stimmung erfaßt und erhält gleichfalls einen Zug ins Morbide. Über verschiedene hier nicht weiter zu behandelnde Vermittlungen, aber auch schon seiner eigenen Wesenheit gemäß bleibt dieses Bewußtsein der zweiten Stufe der Bildung verhaftet. Die bürgerlich-elitäre Überzeugung, über eine "höhere" Geistigkeit zu verfügen, enthüllt sich als eine tiefe Selbsttäuschung.

Vergleicht man die faktische Fülle und Konkretheit der objektiven Realität mit ihrem verinnerlichten und abgeblaßten Spiegelbild im Reflexionsbereich des extrem subjektivistisch orientierten bürgerlichen Eliteindividuums, dann erscheint dieses Spiegelbild wegen seiner eigenwilligen Transformationen äußerer Erscheinungen zu abgründigen seelischen Erlebnissen als von aller objektiven Konkretheit gereinigt und völlig selbständig. In diesem Schein wurzelt die Einbildung von der Bezugslosigkeit der inneren zur äußeren Welt. Georg Lukacs spricht in einem ähnlichen Zusammenhang geradezu von einem "leer-abstrakten Fließen" der von "aller Gegenstandswelt befreiten Zeit". Treffend verweist er auf die Dialektik von leer-abstraktem Fließen und Starrheit - er sagt "Zuständlichkeit" - im rein inneren Zeiterleben, und er fügt hinzu, daß aus dieser Erstarrung das Schrekkenauslösende und Unheimlich-Weltlose der inneren Zeit sich erklärt. Wir würden eher sagen, daß diese Haltung der Leere und Reinheit von aller konkreten Beeinflussung durch die reale Außenwelt gerade die Voraussetzung bildet für das unbewußte und widerstandslose, weil nicht reflektierte Eindringen der Angst- und Schicksalserlebnisse, wie sie in der hochbürgerlichen Epoche die ganze Gesellschaft beunruhigen. Eine wirklich leer-abstrakte, eine wirklich von aller Objektivität gereinigte Erlebniswelt gibt es nicht, denn sie ist einfach nicht möglich. Aber die Illusion der reinen Verinnerlichung erfüllt die Aufgabe, eine gesellschaftlich wirkungsvolle Ideologie abzugeben im Sinne der unvermittelten Entgegensetzung von wertentleerter objektiver Welt und subtiler Höherwertigkeit der subjektiven Erlebniswelt, mit all den Folgen, die sich daraus für die Haltung, das Tun und die Kultur- wie Bildungsauffassung des heutigen Bürgers ergeben. Das Stehenbleiben auf der zweiten, dem falschen Bewußtsein der bürgerlichen Klassenordnung dienenden Stufe der Bildung hüllt sich hier entsprechend der abgewandelten Weltansicht und Erlebnisform in einen Ästhetizismus, wie er gleichfalls aus der extrem subjektivistisch-nihilistischen Richtung der ideologischen Reflexion erfließt.

Selbsttäuschung des Bürgers


Wir sagten, daß es eine wirklich leer-abstrakte, eine wirklich von aller objektiven Dinglichkeit gereinigte Innerlichkeit gar nicht geben kann, daß sie ausschließlich dem illusionären verinnerlichten Bewußtsein des dekadenten Bürgers angehört. Aber das Verblassen dieser objektiven Welt, die Abschwächung ihres Objektivitätscharakters bewirkt allein schon ein Verhalten, das sich nicht nur die Illusion der reinen Innerlichkeit erlaubt, sondern darüber hinaus noch weitere Folgen nach sich zieht. Eine solche Folge ist das genießerische und kontemplative Zeiterlebnis, das mit dem erwähnten Ästhetizismus zusammenfällt. Dieser Ästhetizismus erlaubt es dem Bürger zu glauben, daß er sich in der Verfügungsgewalt über die schöpferisch-erfüllte Zeit befindet, welcher Glaube unterstützt wird durch die Verfügbarkeit über fast unbegrenzte materielle Mittel. Daß er sich hier einer tiefen Täuschung hingibt, haben wir im Abschnitt Das Apollinische und das Dionysische gezeigt.

Im Bewußtsein seiner Vorrangstellung und in der Einbildung seiner menschlichen Besonderheit glaubt der Bürger, sich in der Verfügung über die schöpferische und lebendige Zeit zu befinden. Es entsteht so der Schein eines unendlichen Gegensatzes zur sterbenden Zeit des Arbeiters, die als eine unerfüllte gleichzeitig eine solche der mechanischen Hast und Ausgefülltheit ist, das heißt trotz der Trauer und der Langeweile dem Arbeiter keine Zeit zur Langweile läßt.

Bürgerliche Elite? Bild: SZ
Der Bürger hat nämlich Zeit zur Langeweile, was sich darin äußert, daß er - im Zusammenhang mit seiner subjektivistischen und ästhetizistischen Erlebniswelt - Zeit und Langweile, oder was für ihn dasselbe bedeutet, Tätigkeit und Langweile, Kultur und Langweile, Bildung und Langweile gleichsetzt. Im Gegensatz zum Arbeiter entspringt hier aber nicht die Langweile aus der Tätigkeit, sondern die Tätigkeit aus der Langweile. Hierbei wird das Bedürfnis von entscheidender Bedeutung, dem in der äußeren, als "naturgesetzlich" erlebten Zeit, der geschichtlichen, den Rücken zu kehren und sich einen nach rein subjektiven Maßstäben abgegrenzten Raum der Betätigung, subtiler Bildung und des genießerischen Ausschöpferns der gruselig-schönen Abgründe des Seelischen, worin ihm Kunst und Literatur Schützenhilfe leisten, zu reservieren. Freiheit bedeutet hier neben der ungebundenen äußeren als Voraussetzung dieser so viel wie Flucht in die verinnerlichte und ästhetische Kontemplation, in die scheintätig genießerische Untätigkeit. Die Langweile weicht daher auch nicht, wenn diese Untätigkeit irgendeine Form der hektischen Scheintätigkeit annimmt - es sei denn, daß sie sich am Rande auf das dem subjektiven und als dem eigentlichen erlebten Privatleben entgegengesetzten Gebiet der ökonomischen und rein der Nützlichkeit dienenden Praxis richtet, die der elitär-ideologisch entwerteten und daher ihrerseits nicht zur Erfüllung führenden Welt angehört. Der verfehlte Versuch der Aufhebung der Zeit in der Zeit, das Verbleiben im Bereich der ziellos-gelangweilten Kontemplation, vermag weder die aus der Außenwelt eindringenden Momente der Angst und der Bedrohung zu sistieren noch das Gefühl der Sinnlosigkeit und der Verzweiflung abzuwenden, das aus eben diesem verfehlten Versuch entsteht. Die Stimmung bleibt letztlich eine solche der sterbenden Zeit in der Gestalt einer gelangweilt-morbiden.

Das pessimistische Weltbild des dekadenten Bürgertums


Ist die zweite Stufe der Bildung, der auch das Bewußtsein des Bürgers angehört, gleichzeitig die Stufe der spekulativen Philosophie und der undialektischen Wissenschaften, so spiegelt sich in ihnen nicht nur das Sein der ganzen Gesellschaft scheinhaft-verkehrt wider, sondern in einer gewissen Verteilung der Gewichte zugunsten der herrschenden und kraft Herrschaft die allgemeine Ideologie stark prägenden Denkweise das spezielle Sein des Bürgers. Daß diese ideologische Widerspiegelung der bürgerlichen Existenz als eine allgemein gültige ausgegeben werden kann, erklärt sich daraus, daß bestimmte Züge der Entfremdung tatsächlich allgemeine, alle Schichten der Gesellschaft erfassende Geltung besitzen. Dies wird an dem folgenden Hinweis deutlich.

Wir haben gesehen, daß es ungeachtet der grundsätzlichen inhaltlichen Verschiedenheit zu einer überraschenden Annäherung zwischen dem Zeiterleben des Bürgers und des Arbeiters in der Gestalt der sterbenden unschöpferischen Zeit kommt. Denn auch für den Bürger ist die Zeit, zwar als genossene, so doch aus anderen Gründen eine unerfüllte, gejagt von Augenblick zu Augenblick, auf die (subjektive und nicht gesellschaftlich objektive) Zukunft gerichtet, dem Tode ausgeliefert. Sofern also unter dem Druck der entfremdeten Existenz in der antagonistischen und zudem heute dekadenten Gesellschaft eine Annäherung zwischen den verschiedenen Zeit- und damit Seinserlebnissen stattfindet, kann das herrschende Bewußtsein sich in der Philosophie dieser Erlebnisse bemächtigen und ohne Schwierigkeit als "überhaupt menschlich" wie das Leben im ganze als "existenziell dem Tode unterworfen" interpretieren. Nicht mehr die historisch gewordenen und daher auch historisch überwindbaren Herr-Knecht-Verhältnisse und ihre Konsequenzen erscheinen als die Wurzeln des entfremdeten Zeitbewußtseins, sondern in verinnerlicht-verjenseitigter Weise der Mensch schlechthin. Die sterbende Zeit der entfremdeten Arbeit und die sterbende Zeit der ebenso entfremdeten genießerischen Kontemplation erscheinen so unterschiedslos als allgemeine und ewige Ausdrucksformen des sterbenden Lebens. Die nihilistisch-morbide Dekadenz interpretiert das Leben nicht als Leben, sondern zieht es in ihre weltanschauliche Ideologie hinein, um es zu entwerten. Im Lichte dieser Entwertung erscheint dann jede historische und gesellschaftliche Veränderung als eine nichtige Äußerlichkeit und als irrelevant für das wirkliche Leben der Menschen. Die dekadente Philosophie - auch Wissenschaft und vornehmlich Literatur - hat ihr Ziel auf dem Wege des Auseinanderreißens von Subjektivität und Totalität, soziologisch betrachtet ermöglicht durch das Auseinanderreißen von Denken und Sein, erreicht; sie hat eine dem hochbürgerlichen Antagonismus angemessene philosophische Ideologie geschaffen, jedoch nicht ohne sich der eigenartigen Bewußtseinslage des herrschenden dekadenten Bürgertums zu akkommodieren und sich ihrer zu bedienen.

Das Bewußtsein des Bürgers erweist sich somit gleichfalls als ein falsches Bewußtsein. Nur der Arbeiter verfügt, wenn auch nur in den mittelbarsten Bereichen seiner Selbstreflexion, über ein richtiges Bewußtsein, über ein Klassenbewußtsein. Dieses nüchterne Ergebnis zeigt, daß nicht die "Radikalen" zu einer Idealisierung des Arbeiters neigen, sondern umgekehrt die Konservativen zu einer Idealisierung des Bürgers. An der Armseligkeit des Arbeiters gibt es nichts zu idealisieren. Das schließt nicht aus, daß gerade sie es ist, die ihm ideologisch einen gewissen Vorzug verleiht.


Sonntag, 24. Januar 2016

Leo Kofler über die "kleinbürgerliche Bildung"

Leo Kofler
Der österreichisch-deutsche Marxist Leo Kofler (1907-1995) widmete sich in diversen Schriften und Vorträgen dem Thema der Bildung, wie sie die drei großen Klassen im Kapitalismus - Proletariat, Kleinbürgertum und Großbürgertum - mehr oder wenig selbstverständlich kultivieren. Seine Ideen verbreitete dieser Autodidakt und Pädagoge, der durch Größe beeindruckte, an Volkshochschulen, Universitäten, vor Gewerkschaftern und Studierenden und einfachen Arbeitern. Auch heute noch sind seine Ansichten beachtenswert.

Im Folgenden Auszüge, wie sie in Koflers fast völlig vergriffenen Publikationen immer wieder zu finden sind. Auszug aus Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, 1975, S. 55-60. Teil 2 der Reihe zur Frage der Bildung bei Kofler und x-ter Teil von Klasse-is-muss.

Leo Kofler über die "kleinbürgerliche Bildung"


Bürgerlichkeit des Kleinbürgers


Gründet sich ein gewisser Stolz des Arbeiters auf seine Hand- und technischen Fertigkeiten, so hat der Kleinbürger keinen Grund zu einem solchen Stolz, denn seine Arbeit ist zumeist formale und abstrakte Manipulation, die an der Sachwelt nichts ändert. Den Kern des Kleinbürgertums bildet die Angestelltenschaft in ihren verschiedenen Formen. Das Schicksal kleinbürgerlicher Arbeit ist die nicht die Produktivität, sondern die Sterilität. Von der kollektiven Einordnung des Arbeiters in einem Arbeitsprozeß unterscheidet sich der arbeitsmäßige Individualismus des Angestellten grundsätzlich. Besonders seinem Bewußtsein nach. Die relative Entfernung dieser Arbeit vom produktiven Prozeß verstärkt diese individualistische Tendenz. Damit hängt auch zusammen das Gefühl des Bewahrtbleibens von den Unbilden der körperlichen Arbeit und deshalb des Anders- und Besserseins im Vergleich zum Arbeiter. Interessant an dieser Haltung ist auch, daß trotz der üblichen verbalen Ableugnung der Existenz eines Proletariertums in unserer Zeit diese Existenz zugleich durch ein fanatisch zu nennendes Bemühen, sich von diesem Proletariertum abzugrenzen, zugegeben wird. Daraus ergibt sich die Neigung des Kleinbürgers, es dem Bürger gleichzutun, die Neigung zur Verbürgerlichung. Was dem Arbeiter nur äußerlich bleibt, ist hier echt; von einer Verbürgerlichung des Kleinbürgertums kann durchaus gesprochen werden.

Kleinbürger Steinbrück in der SPD:
Demokratie und Gerechtigkeit
als Kapital
Trotzdem bleibt eine unaufgelöste Differenz zwischen dem Bürger und dem Kleinbürger, die dem gewissenhaften Beobachter nicht entgehen kann - z.B. beim Studium der "bürgerlichen" Wohnung des Kleinbürgers, die stets einen eigenen, eben kleinbürgerlichen Geschmack hinterläßt. Mag in Kleidung und Gestik, in der Rede und in der Weltansicht die Nachahmung mehr oder weniger als gelungen erscheinen, es bleibt ein "auf den ersten Blick" erkannbarer Unterschied. Das ist zunächst die kleinbürgerliche Unsicherheit, die durch das "Gehabe" durchscheint und sich von der Sicherheit des echten Bürgers abhebt. Der Kleinbürger hat mit dem Arbeiter ungeachtet aller darin liegenden unterschiedlichen Nuancen das Inferioritätsgefühl gemeinsam. Vom Bürger unterscheidet er sich durch die Unfähigkeit, der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit der gleichen Distanz zu begegnen wie jener. Der Bürger beherrscht die Realität, aber er unterliegt ihr - wenigstens in seinem subjektiven Bewußtsein - nicht, während der Kleinbürger bis in seine subtilsten seelischen Erlebnisse hinein dem Gefühl, von den äußeren Mächten abhängig zu sein und sich ihnen "geschickt" anpassen zu müssen, nicht entrinnt. Auch dies ist geeignet, die Kluft von bürgerlicher Sicherheit und kleinbürgerlicher Inferiorität zu vertiefen. Was daraus noch folgt, weist auf die verfeinerte Versubjektivierung des Bürgers auf der einen Seite und auf das gleichzeitig manische wie mißlungene Bemühen des Kleinbürgers zur Aneignung dieser versubjektivierten Technik der Lebens- und Erlebensgestaltung. Was beim Kleinbürger herauskommt, ist ein Surrogat, das mehr die Sehnsucht nach verinnerlicht-verfeinertem Leben verrät als das Gelingen.

Pauperismus des Kleinbürgers


Wir haben es mit einer Dialektik des Widerspruchs zwischen der gereizt-fanatischen Neigung zur Nachahmung des Bürgerlichen und dem Versagen, dem äußeren Gelingen und dem grundsätzlichen Mißlingen dieser Nachahmung in den zentralsten Belangen des eigentlich Bürgerlichen zu tun. Sehen wir näher zu, so läßt sich erkennen, daß diese Dialektik nur die Kehrseite einer anderen ist, nämlich der Dialektik der fanatischen Neigung zur Abgrenzung gegen alles Proletarische und des im letzten nicht zu vermeidenden ständigen Rückfalls auf dessen menschlich-pauperisierte Position, wenn auch mit den entsprechenden Unterschieden, die aus der stärkeren Verbürgerlichung des Kleinbürgers resultieren. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß in einer, wenn auch nuancenmäßig abgewandelten, Gestalt die aufgewiesenen fünf Momente der menschlichen Tragik des Arbeiters auch für den Kleinbürger gelten, was sich am leichtesten am Angestellten demonstrieren läßt:

Erstens die Pauperisierung der menschlichen Totalität als Folge von Beruf, Spezialistentum, Inferiorität und Integration in das allgemeine entfremdete Bewußtsein. Zweitens der notwendige Schutz durch die Sozialgesetzgebung, denn nur der Schwache und Abhängige muß geschützt werden. Drittens die Bindung an das "Eigentum", das in Wahrheit keines ist, denn es gewährt nicht Freiheit im Sinne der bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern fesselt im Sinne des "Realitätsprinzips" den einzelnen an die Notwendigkeit der Reproduktion dieses "Eigentums". Viertens die sterbende Zeit, die sich von jener des Arbeiters kaum unterscheidet. Fünftens die Funktion der Freizeit als eine Funktion der zweiten Stufe der Bildung, der Einordnung in das Schema verdinglichter Kultur. Von besonderer Bedeutung wird für den Kleinbürger der fünfte Punkt der Freizeit und Kultur, der sich in der kleinbürgerlichen Denkweise zum Problem der Bildung verdichtet. Um da zu verstehen, müssen wir auf das Problem des Schicksals zurückgreifen.

Das kleinbürgerliche Bewusstsein


Gorki lachte über die Kleinbürger
Wir haben gesehen, der Arbeiter erlebt das Schicksal als eine gesellschaftliche Macht. Daraus resultiert sein praktischer Bildungsbegriff und das bewußte Aufsichnehmen der Unbildung. Der Arbeiter, der sich seiner Inferiorität und ihres gesellschaftlichen Grundes bewußt ist, hat Minderwertigkeitsgefühle, aber keine Schuldgefühle. Der Schuldige ist für ihn die Gesellschaft. Daraus entspringt seine offene oder, wie heute, in Westdeutschland, verborgene Haltung gegen die Gesellschaft. Der Kleinbürger dagegen hat nicht nur Minderwertigkeits-, sondern auch ihn zutiefst beunruhigende Schuldgefühle. Sie entstehen dadurch, daß er in ideologischer Abwehr der kollektivistischen proletarischen - "gewerkschaftlichen", hört man ihn oft sagen - Denkweise und in Zuneigung zum bürgerlichen Subjektivismus die gesellschaftliche Bedingtheit seiner menschlichen Misere nicht oder nicht primär gelten läßt und in weiterer Folge die subjektivistische, durch den allgemeinen bürgerlichen Individualismus zuätztlich genährte, Neigung entwickelt, diese Misere aus dem eigenen Versagen zu erklären. Er verlegt die vom objektiven Sein ihm aufgezwungene Schicksalsfrage in den Bereich des Individuellen, wo er sie zu bewältigen und zu lösen versucht.

Eingeklemmt zwischen die Pole der bürgerlich-individualistischen Anreizung zur Ausnützung der "freien Konkurrenz", "aus sich etwas zu machen", auf der einen Seite, der tragischen Gebundenheit an die erwähnten Momente des menschlichen Pauperismus und der Entfremdung auf der anderen Seite, findet der Kleinbürger aus diesem verhexten Kreis nicht heraus. Da er dem kleinbürgerlichen Indidivualismus zuneigt, der einzelne eher schuldig erscheint als das Ganze, schlagen die aus dieser widerspruchsvollen Situation emporwachsenden Gefühle der Verzweiflung leicht in subjektive Schuldgefühle um.

Die Neigung, "etwas aus sich zu machen", mündet in das bekannte kleinbürgerliche Bildungsstreben aus. Erscheint das Schicksal dem Kleinbürger in doppelten irrational-"mystischen" Gestalt: als objektiv-undurchdringliches und als subjektiv-verschuldetes, so gibt beides Anlaß zur Fortsetzung der grundsätzlich individualistischen Haltung in einem "Tun"; nicht etwa die Gesellschaft zu verändern, denn das scheint angesichts der undurchdringlichen objektiven Mächte und des Aufrufs zur subjektiven Selbsterlösung irrelevant oder von sekundärer Bedeutung, sondern sich von seinem Schuldgefühl zu befreien durch "Bewährung" im Sinne des individualistischen Aufrufs zur Entfaltung der Persönlichkeit. Das Heil liegt in der Selbsterlösung. Der Weg dahin kann aber nur der sein, der dem Kleinbürger zur Verfügung steht, der der Bildung. Da aber unter den gegebenen pauperisierten Lebensbedingungen dieses Ziel nur relativ, nur sehr unbefriedigend zu erreichen ist, wird das Schuldgefühl nicht getilgt, sondern es verstrickt sich nur noch mehr in die bedrückende subjektive Problematik und bedrängt den einzelnen, je ernster er sich nimmt und je bemühter um die Selbsterlösung er ist, desto schwerer.

Der mit Hilfe der Bildung zu erzwingende Durchbruch durch die dem Kleinbürger eigene Welt des Scheins wird erschwert und verhindert durch die Tatsache, daß die erstrebte Bildung im gegebenen geschichtlichen Stadium nur die Bildung der zweiten Stufen sein kann, der Stufe des Scheins und der spekulativen Philosophie. Umgekehrt kann der Kleinbürger diese Stufe nicht überwinden, weil alle seine geschilderten situationsbedingten und habituellen Eigenschaften ihn auf diese Stufe verweisen, ihn an sie fesseln.

Der kleinbürgerliche Utopismus


"Sozialismus für Kleinbürger",
ein Buch über Proudhon und die Nazis
Die unerfüllte Sehnsucht weist in die Utopie, die aber nicht wie beim Arbeiter einen wesentlich realen Charakter annimmt, sondern einen subjektivistisch-irrealen. Vorläufig, im "Diesseits", soll die Verbesserung der materiellen Besitzlage zu erhöhtem Prestige verhelfen. Prestige und Sicherheit erfordern ein gesteigertes materielles Streben. Aber da im Vergleich zum nachgeahmten Bürger die "Erlösung" durch materiellen Genuß nur halb gelingt, ergänzt das kleinbürgerliche Bewußtsein dieses Streben durch das Gegenteil davon, nämlich durch die sehnsuchtsvolle utopische Hoffnung auf eine künftige Erlösung sowohl in materieller als auch in persönlicher Beziehung. Dieser kleinbürgerliche Utopismus ist der typischen kleinbürgerlichen Mentalität entsprechend verschwommener und widerspruchsvoller Natur. Seinem eigenen Utopismus begegnet der Kleinbürger bald mit gläubigem Ernst, bald mit höhnender Ironie, je nach den gesellschaftlichen und persönlichen Umständen. Zeigt der Utopismus des Arbeiters eine deutliche Realitätsbezogenheit und Konstanz, wobei er sich besonders im Umkreis des Sozialen und Technischen bewegt, so steht der kleinbürgerliche Utopismus auf einer bestimmten, schwankenden Grundlage.

Das "Träumen" des Kleinbürgers ist haltloser und verschwommener als das des Arbeiters. So wenig es aus der seelisch-geistigen Welt des Kleinbürgers weggedacht werden kann, und so wahr es ist, daß er sich in diesem Träumen selbst verwirklicht, weil sein ganzes Leben auf illusionärer Grundlage basiert, was sich aus seiner Zwischenstellung zwischen Proletariat und Bürgertum und aus seinem ungefestigten Subjektivismus erklärt, so wahr ist es aber auch, daß er unvermittelt in eine Stimmung ironischens [sic! Alexithymian] Verneinens gerät, wenn man ihm seine traumhaft-utopischen Neigungen vorhält. Er schämt sich seines "kritischen" Utopismus, der an den proletarischen erinnert und der Utopielosigkeit des Bürgers widerspricht, um desto zäher an dem utopischen Selbsterlösungsbedürfnis festzuhalten. Es bleibt jedoch kennzeichnend, daß der Kleinbürger infolge der ihm eigenen subjektivistischen Tendenzen auch seinen Utopismus versubjektiviert, d.h. aus dem Bereich des Real-Zukunftsgerichteten ins Irrational-Subjektive ausbricht und unter Zukunft nur sekundär die soziale versteht, primär die persönliche Zukunft, grundsätzlich eine Zukunft innerhalb der vorhandenen Beziehungen und Verhältnisse.

Jap.
Es ist nicht leicht, diesen verschwommenen und ambivalenten Utopismus genau zu beschreiben. Wie der Kleinbürger zwischen allen Extremen hin und her schwankt, so schwankt auch sein Utopismus zwischen der Hoffnung auf materielle Sicherstellung und der Befriedigung des Bedürfnisses nach Erhöhung seiner Individualität mittels der Zugänglichmachung aller Bildungsmöglichkeiten. Der kleinbürgerliche Bildungsphilister, ein Produkt der Verbindung von verbürgerlichtem Individualismus und der zweiten Stufe der Bildung, sieht die Erfüllung seiner Sehnsucht nach Prestige und subjektivem Glanz zeitweilig auch in einer neuen sozialen Ordnung, von der er sich aber einen mehr sentimentalen Begriff macht, und wird "revolutionär". Man unterschätze aber andererseits diese Haltung nicht, denn sie macht unter günstigen Umständen gewisse kleinbürgerliche Schichten zugänglich für ernste humanistische Parolen, deren Anliegen gleichfalls, wenn auch nicht aus Gründen des Prestiges, sondern aus Gründen der Emanzipation durch die Wiederherstellung der Einheit von Mensch und "Spiel", die individuelle "Persönlichkeit" ist. Der Kleinbürger hat sich stets von einer kraftvollen und nicht integrierten, von einer humanistischen und nicht "ethisch" verwässerten, von einer mit kritischer Theorie gesättigten, vor allem aus allen diesen Gründen selbstbewußt auftretenden gesellschaftlichen Bewegung imponieren lassen. Die Diskussion darüber, wie der Kleinbürger in seiner Masse für den Humanismus zu gewinnen sei, findet in diesem Aspekt ihre Antwort. Allerdings hat der ambivalente Habitus des Kleinbürgers auch seine gefährliche Seite. Geneigt, jedem zu folgen, der in irgendeiner Weise seinem sehnsuchtsvollen Utopismus entgegezukommen bereit ist, geht er leicht auch dem Faschismus, dessen hohl-deklamatorischen Revolutionarismus nicht durchschauend, auf den Leim.

Die eigentliche Tragik des Kleinbürgers


Die eigentliche Tragik des Kleinbürgers ist zu suchen im Widerspruch zwischen seiner Neigung zur Anpassung an die vorhandenen gesellschaftlichen Lebensbedingungen und der gleichzeitigen Neigung zur Revolutionierung seiner subjektiven, insbesondere intellektuellen Existenz. Die kleinbürgerlichen Minderwertigkeitsgefühle, die den subjektiven Bildungsbegriff des Kleinbürgers provozieren - und der ihm anhaftet wie die Lüge dem Sophisten -, zwingen ihm die Vorliebe dafür auf, etwas zu scheinen, was er nicht ist. Vergleicht man ihn mit dem Arbeiter und dem Bürger, so ergibt sich eine subjektiv ganz verschiedene Haltung. Der Arbeiter will nicht mehr scheinen als er faktisch ist, weil er aus seinem mehr oder weniger klaren Wissen um seine menschliche Inferiorität heruas sich keiner Illusion hinsichtlich der Realisierbarkeit eines prestigeerzeugenden Scheins hingibt. Was er ist, das will er auch solange zu sein scheinen, solange unter den für ihn unabdingbar geltenden Lebensbedingungen seine armselige Gestalt durch die ideologischen Manöver, die ihm das auszureden versuchen, sich unverkennbar zu erkennen gibt.

Auszug aus:


Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, 1975, S. 55-60.

Interessante Links rund um Kofler


Leo Kofler über die "proletarische Bildung"

Leo Kofler über die "bürgerliche Bildung"


Dienstag, 5. Januar 2016

Nachdenkseiten über Klassismus, Öffentlichkeit und Gewalt

"Meist spielen sich solche Vorfälle jedoch in 'No-Go-Areas' ab und die Opfer gehören zur gleichen sozialen Schicht wie Täter. So etwas interessiert dann weder die Politik, noch die Öffentlichkeit oder die Medien. Im aktuellen Beispiel spielten sich die Taten jedoch an einer sehr öffentlichen Stelle ab, die auch von Angehörigen der Mittel- oder gar Oberschicht häufig frequentiert wird. Und schon spricht die Politik von einer „neuen Dimension organisierter Kriminalität“ und eine ganze Stadt ist 'schockiert'. Das ist nicht neu. Kriminalität ist immer nur dann 'schockierend', wenn ausnahmsweise einmal nicht die Unterschicht, sondern die Mittel- und Oberschicht zu den potentiellen Opfern gehören." - http://www.nachdenkseiten.de/?p=29932

Mittwoch, 30. Dezember 2015

(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015

www.gettyimages.co.uk


Wie misst man den Erfolg eines Blogs?

  • An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn? 
  • An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel? 
  • An der Erwähnung durch Promis? 
  • An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland? 
  • Am Reichtum des benutzten Wortschatzes? 
  • An der Schwierigkeit des Vokabulars?
  • Am inhaltlichen Niveau? 
  • Am Nachrichtenwert der Inhalte?
  • Oder am selbst gesetzten Ziel?

Die Gesamtzahl der Aufrufe betrug bis Ende 2015 über fünfundfünfzigtausend. Der am meisten gelesene Artikel ist ein Text über das uigurische Lamm... Das ist wahrscheinlich nicht allzu viel. Die bekannteren Blogger erzielen locker die dutzendfachen Quoten. Einige bekanntere Blogs und Webseiten wie diefreiheitsliebe.de, vineyardsaker.de, borotba.su und selbst die junge Welt (zumindest Mai 2014) und die DKP haben Artikel dieses Blogs zitiert oder ganz übernommen. Der Reichtum des Wortschatzes der deutschen Artikel mag nicht der größte sein, aber der Blog nutzt gelegentlich russisches und chinesisches Vokabular und es wurden diverse Übersetzungen ins Deutsche zuerst an keinem anderen Ort als diesem veröffentlicht. Das Niveau der Artikel schwankt sicherlich, aber es ist höher als das vieler professioneller Presseorgane, deren Nachrichtenwert konstant sinkt. Die Selbstbeschreibung des Blogs umriss seine zentrale Idee bis zum 30. Dezember 2015 noch so:

Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.

Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.


  • Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht? 
  • Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
  • Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
  • Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
  • Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
  • Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
  • Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen. 

Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:

  • "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba 
  • 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗 
  • "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute
  • "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog 
  • "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog 
  • "Hey, bin über Cr7z hierher gekommen und habe mir nach seinem sofort die Einträge überMaeckes, Disarstar und JAW durchgelesen. Sehr guter Blog!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog 
  • "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog 
  • "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design


Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.

2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.

Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!







Freitag, 18. Dezember 2015

Leo Kofler über die "proletarische Bildung"

Leo Kofler
Der österreichisch-deutsche Marxist Leo Kofler (1907-1995) widmete sich in diversen Schriften und Vorträgen dem Thema der Bildung, wie sie die drei großen Klassen im Kapitalismus - Proletariat, Kleinbürgertum und Großbürgertum - mehr oder wenig selbstverständlich kultivieren. Seine Ideen verbreitete dieser Autodidakt und Pädagoge, der durch Größe beeindruckte, an Volkshochschulen, Universitäten, vor Gewerkschaftern und Studierenden und einfachen Arbeitern. Auch heute noch sind seine Ansichten beachtenswert.

Im Folgenden Auszüge, wie sie in Koflers fast völlig vergriffenen Publikationen immer wieder zu finden sind. Teil 1 der Reihe zur Frage der Bildung bei Kofler und x-ter Teil von Klasse-is-muss.

Leo Kofler über die "proletarische Bildung"


Die Idealisierung des Arbeiters


Individuelle Tragödien wird es immer geben. Unglückliche Liebe ist auch in harmonischen Gesellschaften denkbar. Aber Tragödien ganzer Schichten, Klassen und Gesellschaften sind eine Erscheinung antagonistischer Ordnungen und treten, sonst latent verborgen, besonders in krisenhaften Niedergangsepochen hervor. Von den heute in die tragische Situation geratenen drei gesellschaftlichen Klassen des Bürgertums, des Kleinbürgertums und der Arbeiterschaft trifft sie die letztere am schwersten. Daß dies bei dieser in einem besonderen Sinne geschieht, wodurch sie sich in einer eigenartigen Weise über die beiden übrigen Klassen erhebt, werden wir später zeigen. Das in dialektischer Umkehrung des Loses des Arbeiters hervortretende Besondere in seiner Wesenheit hat schon Hegel bemerkt und analysiert. Allerdings hat Hegel noch den Adeligen als Herrn und den noch halb in Traditionen der Leibeigenschaft steckenden Knecht vor Augen gehabt. Das Herr-Knecht-Verhältnis bot sich ihm noch rein als das Verhältnis von Müßiggang und Tätigkeit dar. Indem Kojève und Sartre die Hegelsche Dialektik des Herr-Knecht-Verhältnisses unkritisch auf die moderne Zeit übertragen, gelangen sie zu Schlüssen, die in ihrer den Arbeiter idealisierenden Gestalt nicht haltbar sind.


In Aknüpfung an Hegel bemerkt Sartre folgendes: Der Arbeiter ist zwar der negativste, der abhängigste Teil der Gesellschaft. Aber indem er als einziger die Dingwelt durch seine Arbeit beherrscht, sie umgestaltet, mit seiner Geschicklichkeit umzubilden in der Lage ist, sie in den Griff bekommt und verändert, hat er in seiner Weise "Bildung". Zwar schreibt ihm der Herr vor, was er zu tun hat, manchmal bis in alle Einzelheiten hinein. Jedoch macht ihn gerade wiederum diese aufgezwungene Regelmäßigkeit seiner Arbeit auch freier, denn er muß nicht mehr wie der Angestellte auf die Eigenarten, die Psychologie des Herrn Rücksicht nehmen, er braucht ihm nicht zu schmeicheln; es genügt, wenn er der inneren und vorgeschriebenen Gesetzmäßigkeit der Arbeit folgt. - Wir müssen uns mit diesen wenigen Hinweisen begnügen, aber sie zeigen bereits, daß angesichts der wirklichen Lage des Arbeiters im Kapitalismus die zugunsten des Arbeiters kritisch sein wollenden Analysen Sartres nichts als eine Art Sophisterei ausmachen, die, wenn auch ungewollt, fast auf eine Art Beschönigung der Lage des Arbeiters hinausläuft. Als Sophisterei entpuppt sich vor allem die These von der Bildung des Arbieters, weil er die gegenständliche Welt umbildet. So sinnvoll eine solche dialektische, weil den Umschlag der tiefsten Abhänigkeit Und [sic!] Unbildung in eine Art von Bildung nachweisende Perspektive noch in Hegels Philosophie sein mochte, so wenig verweisen ihre Resultate auf die soziologische Wahrheit gegenwärtiger Zustände. Der Arbeiter läßt sich nicht begreifen aus der einfachen Beziehung zur Dingwelt, die er bearbeitet, sondern aus den allgemeinen zwischenindividuellen Verhältnisse betrachtet, läßt sich diese Dingbezogenheit in genau entgegengesetzter als der von Sartre herausgestellten Wirkung einsehen: als verdinglichte Versachlichung der Individualität des Arbeiters, als eine Form der Unterwerfung seiner menschlichen Eigenschaften unter dinglich-sachliche Erfordernisse des kapitalistischen Produktionsprozesses. Daß ein Gran Wahrheit in der These liegt, der Arbeiter würde die dingliche Welt im Griff haben, sie und damit in seinem wohlverstandenen Sinne sich selbst "bilden", was oft seinen berechtigten Stolz ausmacht, haben wir oben aufgewiesen, ist aber eine andere Sache und verliert innerhalb des allgemeinen kapitalistischen Entfremdungsprozesses seinen bis zur Verkehrung ins Gegenteil ihm in der isolierten Betrachtung zukommenden Sinn.


Fünf Symptome der proletarischen Tragik


Fünf konkrete Symptome sind es, die die Tragik des heutigen Arbeiters erkennen lassen.

Erstens die totale menschliche Verarmseligung, der proletarische Pauperismus, der völlig unabhängig von der Lohnhöhe unverändert bleibt. Er ergreift das emotionale Leben des Arbeiters bis hin zur Erotik, ebenso sein Bewußtsein, das jene auffallende dialektische Form zeigt, wonach bei steigender Verbürgerlichung der Arbeiterorganisation er zwar hinsichtlich der Anpassung an die bürgerlichen Lebensformen - hoffnungslos - mitzumachen versucht, jedoch sich stets ein klares Wissen um seine proletarische Situation und Wesenheit erhält (auch wenn er es selten ohne äußeren Anstoß artikuliert).

Zweitens ist die Bindung an das "Eigentum" zu erwähnen. Wir meinen hier nicht die Gebundenheit an das kapitalistische Eigentum in der Weise, daß der Arbeiter genötigt ist, seine Arbeitskraft anzubieten, um leben zu können und damit in Abhängigkeit vom kapitalistischen Eigentum gerät. Wir meinen im Gegentail das Eigentum des Arbeiters selbst, das, um in seiner Beengtheit und Armseligkeit erhalten oder um weniges vermehrt zu werden, die ständige Anforderung zu rastloser Tätigkeit und Aufopferung der Arbeiterindividualität stellt. Dieses Eigentum erfüllt jene gesellschaftliche Aufgabe, die seit Freud unter den Begriff des repressiven "Realitätsprinzips" subsumiert wird. Indem es zum autonomen Ziel im Arbeiterleben wurde, wirkt es als treibende dynamische Kraft, die dem einzelnen einredet, im Dienste seines Glücks dieses Ziel erreichen zu müssen, um ihn am Ende seines Lebens wissen zu lassen, daß er ein Opfer eines ideologischen Phantoms geworden ist.

Drittens ist ein zuverlässiges Kennzeichen des proletarischen Pauperismus der Schutz, der ihm durch die Sozialgesetzgebung gewährt wird. Nur der Gefährdete und Schwache bedarf eines solchen Schutzes. Der Bürger bedarf seiner nicht. Schon die Sprache verrät diesen Tatbestand, wenn gesagt wird, daß sich der Arbeiter etwas "leistet", während der Bürger z.B. einen Wagen "erwirbt".

Viertens haben scharfsinnige Beobachter bemerkt, daß die wichtigste Zeit im Leben des Arbeiters, die Arbeitszeit, eine "sterbende Zeit" ist. Sie ist unschöpferisch und von Langweile erfüllt, so daß auf den Europäischen Gesprächen der Gewerkschaften in Recklinghausen Kasnacich-Schmid unter Zitierung von Walter Rathenau sagen konnte:

"Das Arbeitsleid ist eine sehr reale Gegebenheit. Wer mechanische Arbeit am eigenen Leib kennengelernt hat, wer das Gefühl kennt, das sich ganz und gar in einen schleichenden Minutenzeiger einbohrt, das Grauen, wenn ein verflossene Ewigkeit sich auf einen Blick auf die Uhr als eine Spanne von zehn Minuten erweist, wer das Sterben eines Tages nach einem Glockenzeichen mißt, wer Stunde um Stunde seiner Lebenszeit tötet, mit dem einzigen Wusch, daß sie rascher sterbe, der wird das Märchen von der Arbeitslust mit Hohn beiseite schieben..."

Fünftens verweisen wir auf das vieldiskutierte Problem der Freizeit und der "Kultur", auf jene heute herrschende und für den Arbeiter in seiner großen Mehrzahl geltende Kultur, die sich bei genauer Prüfung als ein verdinglichtes Schema erkennen läßt, ausgestattet mit dem Zweck, das Individuum nicht durch Befreiung aus seiner menschlichen Entfremdung zu wandeln, sondern umgekehrt es in den entfremdeten Prozeß einzuordnen.

Bei diesem Punkt setzt die eigentliche Frage der Bildung in ihrer Beziehung zum Arbeiter ein. Auf der pauperisierten Lebensebene ist Bildung entweder nicht möglich oder bestenfalls als Bildung der zweiten Stufe beobachtbar. Jedoch lehnt der Arbeiter diese Bildung konsequent ab, er zieht die völlige Unbildung der Scheinbildung, die er überraschenderweise als solche - wenigstens gefühlsmäßig - durchschaut, vor. Vielleicht liegt in diesem ahnungsweisen Durchschauen der Scheinbildung seine eigentliche 'Bildung', oder besser, die Grundlage zu einer künftigen echten Bildung.

Die drei Formen des Schicksalserlebens


Wie Philosophie, Theologie, Literatur und Alltagsbewußtsein beweisen, kann Schicksal in dreifacher Weise erlebt und aufgefaßt werden: als gesellschaftlich-kollektives Schicksal, dem der einzelne unterworfen ist, mehr oder weniger ohne seine eigene Schuld; als individuelles Schicksal, wobei der gesellschaftliche Hintergrund nicht geleugnet wird, aber die Verantwortung für die Begegnung mit diesem Schicksal dem Individuum aufgelastet wird; als subjektives (versubjektiviertes) Schicksal, dessen Normen voll und ganz von den Bedingungen der objektiven Welt abgetrennt und in das Innere des Menschen verlegt werden. Der allgemeinen Tendenz nach läßt sich sagen, daß die erste Form des Schicksalserlebens für den Arbeiter, die zweite für den Kleinbürger,  die dritte für den Bürger charakteristisch ist - wobei stets hinzugefügt werden muß: in der Epoche der bürgerlichen "Dekadenz", in der sich diese drei Formen schärfer als sonst voneinander abgrenzen. Übrigens ist die dritte bürgerliche Form eine Neuerscheinung der Dekadenz selbst, dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts noch fremd. - So wenig dies auf den ersten Blick einleuchtet, so muß doch unterstrichen werden, daß mit diesen verschiedenen Formen des Schicksalserlebens die verschiedenen Formen der Bildungsauffassung eng zusammenhängen, und in weiterer Folge die verschiedenen geistigen Tragödien, die sich den sozialen anschließen und die sich im Bildungsproblem, wie es sich als ideologisches Problem darbietet, widerspiegeln.

Vom Arbeiter wird entsprechend seiner kollektivistischen Arbeits- und Lebenssituation das Schicksal als von objektiven gesellschaftlichen Mächten begriffen. Von unserem Standpunkt des dialektischen Totalitätsdenkens sind wir geneigt, dem zuzustimmen, wenngleich sich theoretisch die Vermittlungen zwischen dem Individuellen und dem Objektiven komplizierter darstellen, als dies dem naiven Bewußtsein des Arbeiters zugänglich sein mag.


Die proletarische Bildung


Erscheint dem Arbeiter das Schicksal als objektive gesellschaftliche Macht, dann folgt für ihn daraus, daß Wissen und Bildung keine andere Aufgabe zu erfüllen haben als die, diesem Schicksal, das er als bedrückend empfindet, kritisch und verändernd gegenüberzutreten, was nichts anderes als eine praktische Aufgabe. Bildung ist ihm nichts anderes als ein praktisches Werkzeug. Daraus resultiert eine eigenartige Dialektik im Denken des Arbeiters, die als eine tragische zu erkennen ist. Dies äußert sich darin, daß der Arbeiter den Träger des Wissens und der Bildung, den Intellektuellen, hoch einschätzt und achtet, ihm gleichzeitig aber als dem gefährlichen "Verführer" des Menschen im Dienste etwaiger Konservierung der schicksalhaften sozialen Verhältnisse mißtraut. Aber diese Dialektik geht weiter. Gerade weil der Arbeiter in der Bildung eine praktische Einrichtung erblickt, bekümmert er sich um sie nur so weit und nur zu jenen Zeiten, als er die Überzeugung gewinnen kann, sie praktisch-politisch auswerten zu können; er resigniert und wendet sich von ihr ab in Zeiten des Versagens seiner 'Bewegung', wobei sich das Mißtrauen gegen die sonst von ihm geschätzten Intellektuellen steigert. Einerseits ist er gerade wegen seiner praktischen Ausrichtung den andern Klassen insofern überlegen, als er in seiner naiven, ja primitiven Weltansicht und aus seinem unmittelbaren Erleben heraus das heutige gesellschaftliche Verhältnis als ein Herr-Knecht-Verhältnis durchschaut; dieses Durchschauen, das gleichfalls der ersten, unmittelbar empirischen Stufe der Bildung angehört, macht seine Bildung aus. Andererseits lehnt er wegen seiner praktischen Einschätzung aller Bildung im heutigen Zustand der resignierten Dekadenz die Bildung im gegebenen historischen Augenblick als für ihn irrelevant ab, zieht er ganz bewußt die Unbildung vor. Das ist die Lösung des vieldiskutierten Geheimnisses, weshalb der Arbeiter sich weigert, die bereitstehenden Bildungsinstitute auszunützen (z.B. die Volkshochschulen).

                                       
Das bewußte Aufsichnehmen der Unbildung, so sehr sie die Tragik des Arbeiters kennzeichnet, hat eines für sich: Er gibt sich keiner Illusion hin. Das Wissen um die ideologische Gebundenheit des Wissens und das Wissen um die eigene Primitivität verleiht dem Arbeiter eine illusionslose Klarheit, die bewirkt, daß er, besonders im Gegensatz zum Kleinbürger, keine subjektiven Minderwertigkeitsgefühle kennt, sondern nur solche, die aus einer gesellschaftlichen Lage, seiner sozialen Inferiorität kommen, also durch die objektive Realität veranlaßt sind. Deshalb kennt der Arbeiter keine subjektiven Schuldgefühle, was ihm jenen eigenartigen Gleichmut verleiht, der oft beobachtet worden ist. Illusionslos, versucht natürlich auch der Arbeiter sich vom allgemeinen Brotlaib ein Stück abzuschneiden und verlegt seine Träume, die sich in einem krassen Widerspruch zu seiner resignierten Anpassung an die gegebene Ordnung befinden und deshalb bewußtseinsmäßig mehr oder weniger zurückgedrängt werden, in eine ferne Zukunft. Aber diese beiden Momente: das klare Wissen um die eigene gesellschaftliche Inferiorität und der Hang zum Sozialutopischen, der unter Ablehnung der Bildung für sich selbst ihr trotzdem für die tätige Veränderung der Welt in der Zukunft einen hohen Wert zuspricht, bilden die Grundlage für die Ermöglichung jenes dialektischen Umschlags der resignierten Passivität in Aktivität, die noch heute gefürchtet wird, die Grundlage für den Widerstand, wenn die Umstände dies erlauben.


Die Mentalität des Arbeiters und die Mentalität der Arbeiterbewegung


Bei der Einschätzung der Mentalität des Arbeiters wird diese oft mit der Mentalität der Arbeiterbewegung verwechselt. Beide sind keinesfalls identisch. Das resignierte Aufsichnehmen der Unbildung, die geschichtliche und erfahrungsmäßige Gründe hat, hatte zwei vernichtende Folgen: das Verschwinden des in der Arbeiterbewegung unentbehrlichen und einst großartigen Volkstribunentums und die Beseitigung der direkten und indirekten Kontrolle der Organisationen seitens der Mitgliedschaft. Das Ergebnis war die Bürokratisierung der Arbeiterbewegung. An die Stelle der Bewußtseinsbildung trat der Praktizismus, an die Stell der Theorie, die zu befragen war, die Bürokratie, die ungefragt entschied. Die Bewegung und die Mitgliedschaft wurden nicht mehr durch Ideen, sondern durch Manipulation geleitet. Bewirkte der ideelle Einfluß die zustimmende geistige Gefolgschaft, so setzt die bürokratische Manipulation die resignierte Gleichgültigkeit voraus. Auf dieser Basis wird selbst jenes Maß von Bildung überflüssig, das früher unabdingbare Voraussetzung der Gefolgschaft der Arbeiter gewesen ist. Verstärkt der Bürokratismus die Resignation, so erlaubt diese Resignation den bildungsfeindlichen Bürokratismus. Und da aus dem kollektiven, objektivistischen Bewußtsein der Arbeiter heraus Bildung nur den Sinn gewinnt, wenn sie praktisch relevant wird, so lehnt er auch aus diesem zusätzlichen Grunde der Bedeutungslosigkeit der Bildung in den bürokratischen Organisationen sie ab. Ihrerseits bedürfen diese auf bürokratischem Wege gesellschaftlich integrierten Organisationen keiner Bildung, denn Bildung würde infolge ihrer kritisch-tätigen Wirkung diese Integration stören. Selbst als gängige Bildung der zweiten Stufe hat sie für den Bürokratismus nicht einmal den aufgezeigten illusorischen Sinn, denn aller Bürokratismus ist seiner Natur nach bildungsfeindlicher Praktizismus.

Spricht man, wie oft zu hören, von der Verbürgerlichung der heutigen Arbeiter, so steckt zumeist die Verwechslung mit der fortschreitenden Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung dahinter; wobei die Tatsache zur täuschenden Beurteilung beiträgt, daß tatsächlich im unvermeidlichen Anpassungsprozeß an verschiedene Lebensformen der heutigen Gesellschaft gewisse äußerliche Züge der Verbürgerlichung den Habitus des Arbeiters mitformen. Äußerliche, weil eine genaue Beobachtung zeigt, daß es zu einem als tragisch zu beurteilenden Widerspruch zwischen diesen Tendenzen zur Verbürgerlichung und der verbleibenden innersten Wesenheit des Arbeiters kommt.




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