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Mittwoch, 30. Dezember 2015

(Erfolgs-)Statistik zu Alexитhyмиan? Eine Bilanz zum Jahresende 2015

www.gettyimages.co.uk


Wie misst man den Erfolg eines Blogs?

  • An der Gesamtzahl an Aufrufen seit Beginn? 
  • An der durchschnittlichen Anzahl von Klicks pro Artikel? 
  • An der Erwähnung durch Promis? 
  • An der Kopie von Artikeln durch andere Blogs, etwa auch im Ausland? 
  • Am Reichtum des benutzten Wortschatzes? 
  • An der Schwierigkeit des Vokabulars?
  • Am inhaltlichen Niveau? 
  • Am Nachrichtenwert der Inhalte?
  • Oder am selbst gesetzten Ziel?

Die Gesamtzahl der Aufrufe betrug bis Ende 2015 über fünfundfünfzigtausend. Der am meisten gelesene Artikel ist ein Text über das uigurische Lamm... Das ist wahrscheinlich nicht allzu viel. Die bekannteren Blogger erzielen locker die dutzendfachen Quoten. Einige bekanntere Blogs und Webseiten wie diefreiheitsliebe.de, vineyardsaker.de, borotba.su und selbst die junge Welt (zumindest Mai 2014) und die DKP haben Artikel dieses Blogs zitiert oder ganz übernommen. Der Reichtum des Wortschatzes der deutschen Artikel mag nicht der größte sein, aber der Blog nutzt gelegentlich russisches und chinesisches Vokabular und es wurden diverse Übersetzungen ins Deutsche zuerst an keinem anderen Ort als diesem veröffentlicht. Das Niveau der Artikel schwankt sicherlich, aber es ist höher als das vieler professioneller Presseorgane, deren Nachrichtenwert konstant sinkt. Die Selbstbeschreibung des Blogs umriss seine zentrale Idee bis zum 30. Dezember 2015 noch so:

Dass die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft primär für solche zwischenmenschlichen Probleme die zentrale Ursache sein könnte, ist die zentrale Idee dieses Blogs.
[...]
In marxistisches Vokabular gefasst könnten Lesende dieses Blogs vermuten, dass es um die dialektisch gestellten Fragen von Basis und Überbau geht, die sich mannigfaltig ausdrücken in solch verschiedenen Phänomenen wie dem Ukraine-Konflikt, der Film-Industrie, der schönen Literatur oder den Klassenkämpfen im Nahen Osten.

Die meistgelesenen Artikel dieses Blogs repräsentieren gar nicht schlecht die verschiedenen Themen dieses Blogs, obwohl eher abseitige Texte - Filmkritiken, Anmerkungen zur marxistischen Klassen- oder Kunsttheorie oder futuristische Mythologie - weit weniger gelesen werden. Die tagespolitischen und musikalischen Themen ziehen definitiv am meisten Interessierte an.


  • Das uigurische Lamm wurde aus irgendeinem Grund am meisten geklickt. Ob der Blog wohl viele Veganer*innen oder doch eher viele Fleischfresser hat, ist damit nicht geklärt. Aber womöglich hat der exotische Titel oder das Bild vom Lamm die über viertausend Lesenden neugierig gemacht? 
  • Die praktisch unkommentierte Bebilderung der schiefen Vergleiche im Netz hat über zweitausend Klicks. Das ist nicht übel für so ein abstruses Thema.
  • Der Artikel über den genialen Rapper Cr7z hat ebenfalls über zweitausend Klicks erreicht. Die Hopper wissen ausführliche Besprechungen zu schätzen! Oder es gibt einfach mehr Hopper als Politinteressierte unter den Lesern und Leserinnen dieses Blogs.
  • Wiktor Schapinows Texte über die Ukraine haben zusammen fast viertausend Klicks erreicht. Das ist toll!
  • Paradoxerweise hat der Artikel über Jebsens Linkspopulismus ähnlich viele Leser wie die Besprechung zu Sookees Album "Lila Samt" - neigt Sookee doch eher dem antideutschen Lager zu.
  • Der übertrieben lange Text zu KenFM vom April 2014 hat keine tausend Klicks erreicht, ist aber gewiss einer der anspruchsvollsten Texte auf dem Blog. Sowohl linke wie rechte Köpfe explodieren da schon Mal beim Lesen. Dieser Artikel repräsentiert den Anspruch des Blogs besonders gut, da er zwar eindeutig dem linken Lager zugerechnet werden kann wie die meisten Texte, aber die deutsche Linke selbst scharf kritisiert, da Gerechtigkeit, Wahrheit und Parteilichkeit über gruppenbezogener Loyalität oder Cliquenmoral stehen müssen.
  • Die Rezension zum Deutschrapper Disarstar und der Text von Borotba über Terror durch die Faschisten in Kiew haben etwas über neunhundert Klicks angezogen. 

Ist dieser Blog nun eher erfolgreich oder doch eher irrelevant? Die Kommentare zum Blog liefern zumindest Indizien:

  • "Мы очень благодарны вам за перевод. Если есть такая возможность, переведите, пожалуйста и другие коммюнике, особенно последние. No pasaran!" - Borotba 
  • 【天哪,你中文超级好!!!】 - 中国人关于【ta 與 ta】的新诗 
  • "Deine Chinakenntnisse und deine Einordnung der chinesischen Kenntnisse finde ich sehr beeindruckend – richtig, richtig gut. Das kontrastiert aber m.E. mit einer völlig antiquierten Leninistischen Staatstheorie. Es kommt mir so vor, als schreibest du mit riesiger Wut im Bauch, und heraus kommt, dass der Staat sich darin erschöpfe, Unterdrückungsorgan der herrschenden Klasse zu sein. Heraus kommt dabei m.E. auch, dass deine brillanten Analysen über China ihre Strahlkraft im Rahmen dieser Staatstheorie verlieren." - Anonym über den Artikel "Menschenrechte und Klassenkämpfe in China heute
  • "Weitermachen!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Ihr seid gut." - Anonym über diesen Blog 
  • "Sehr gut!! Solch eine Berichterstattung brauchen wir im Rap und nicht immer dieses Pseudo wer is wie lang im Game gelaber." - Anonym über diesen Blog 
  • "Hey, bin über Cr7z hierher gekommen und habe mir nach seinem sofort die Einträge überMaeckes, Disarstar und JAW durchgelesen. Sehr guter Blog!" - Anonym über diesen Blog 
  • "Der ganze Blog scheint recht lesenswert zu sein" - Anonym über diesen Blog 
  • "Hab ich dir schon gesagt, dass dein Blog ziemlich cool ist? Vor allem gut begründete China-Analysen sind in unseren Kreisen selten und deshalb sehr interessant. Weiter so, auch im 2014!" - Anonym über den Blog 
  • "alter das design [...] ist wirklich nichts für meine augen" - Anonym über das Blog-Design


Im Jahr 2016 wird der Blog hoffentlich wieder mehr Artikel bringen, je nachdem, ob die Bloggergemeinschaft hinter ihm wieder total broke und perspektivlos ist oder endlich eine andere, sinnvolle Beschäftigung findet.

2016 ist das Jahr des Affen. Daher wird der freche Affenkönig, der sich keiner Autorität außer vielleicht der Wahrheit unterwirft, den Blog schmücken. Spannend in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Literatursoziologie des Sun Wukong. Kommentare dazu sind gern gesehen.

Auf ein Jahr 2016 mit all den anstehenden Kriegen, Bürgerkriegen, medialen Lügen, Komplotten, Verschwörungen und Verschwörungstheorien, die hoffentlich von vielen Kämpfen für sozialen Fortschritt begleitet werden!







Dienstag, 17. Juni 2014

Schmidt und Russland. Obsolet gewordene Worte des Altkanzlers Schmidt?

Der paffende Altkanzler
Eigentlich behält Helmut Schmidt immer Recht. Eigentlich. Manchmal hat Helmut Schmidt aber auch Unrecht. Manchmal. Keine Autorität ist fehlerfrei. Sogar Helmut Schmidt nicht.

In Bezug auf Russlands Lage hat sich der Altkanzler leider in einiger Hinsicht gewaltig getäuscht, auch wenn er in Vielem noch immer Recht behalten hat. In jedem Fall sind die Worte des paffenden Ex-Soldaten und Ex-Kanzlers überaus bemerkenswert.

Im Folgenden werden daher obsolet gewordene wie auch nach wie vor gültige Worte des Altkanzlers Schmidt in Bezug auf Russland dokumentiert. Die Zitate stammen aus seinem Büchlein "Die Mächte der Zukunft" (2004):

"Als ein Deutscher, der als Soldat am Zweiten Weltkrieg beteiligt war und auf russischem Boden gegen russische Soldaten gekämpft hat, bin ich besonders dankbar, daß heute kaum noch gegenseitiger Haß zu spüren ist und daß unsere beiden Regierungen eindeutig vom Willen zu fairer Partnerschaft geprägt sind."

"Die Zukunft des Landes wird in absehbarer Zukunft jedoch von keinem anderen Staat gefährdet. Niemand, der die Lage der Welt unvoreingenommen betrachtet und bewertet, kann zu einem anderen Ergebnis gelangen. Es kann keine Rede davon sein, daß Rußland einen Angriff durch einen anderen Staat oder gar durch eine Allianz von Staaten befürchten und sich dagegen wappnen müsse."

"Sofern die innenpolitische und die ökonomische Entwicklung in der Ukraine und in Weißrussland hinter derjenigen Rußlands weiterhin zurückbleiben sollte, kann es nach einer tausendjährigen gemeinsamen Geschichte, angesichts sprachlicher und kultureller Gemeinsamkeiten und wegen der engen gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit zu einer Wiedereingliederung kommen. Wenn ein solcher Prozeß selbstbestimmt und gewaltfrei verliefe, wäre ausländische Einmischung ein schwerer Fehler."

"Allerdings gibt es unter den Russen auch Stimmen, die einen militärischen Angriff auf ihr Land sehr wohl für möglich halten. Diese Furcht entspringt den aus sowjetischer Zeit und aus dem Kalten Krieg stammenden Denkgewohnheiten. Damals ging man davon aus, daß die eigene Hochrüstung das Gleichgewicht zwischen den beiden Giganten aufrechterhalte und daß dieses Gleichgewicht die entscheidende Voraussetzung für die Bewahrung des Friedens und der Sicherheit des eigenen Landes sei. Dieses im Grunde sehr einfache strategische Kalkül war nicht nur aus russischer Sicht plausibel, es wäre auch objektiv richtig gewesen, wenn nicht der bipolare Rüstungswettlauf mit den USA das Gleichgewicht immer wieder gefährdet hätte. Heute hat die militärische Potenz den einen Giganten zur globalen Supermacht werden lassen, die Rüstung des anderen dagegen ist zurückgegangen. Weil von einem globalen Gleichgewicht keine Rede mehr sein kann, so die Schlußfolgerung mancher Russen, sei Rußland bedroht."

"Tatsächlich haben sich zwar in den neunziger Jahren die Rüstungsgewichte erheblich verschoben, Rußland ist jedoch immer noch und auch künftig zum sicheren atomaren Gegenschlag fähig. Deshalb werden auch künftig weder die USA noch Rußland an einen atomaren Krieg gegeneinander auch nur denken können. Zu einem konventionellen Krieg gegeneinander sind beide jedoch nicht fähig; auch die NATO als Ganzes wäre zu einem konventionellen Angriff auf Rußland militärisch wie politisch außerstande. Ein entscheidender Unterschied zur Situation des Kalten Krieges, die man sich bildlich als zwei feindliche Skorpione in ein und derselben Flasche vorgestellt hat, liegt darin, daß Moskau heute nicht mehr weit über die Grenzen des eigenen Staates hinaus missionieren will. Das heutige Rußland ist kein Skorpion."

"Man wird gleichwohl für die russische Skepsis Verständnis haben müssen. Denn aus russischer Sicht ist nicht nur die EU, sondern auch die Nordatlantische Allianz weit nach Osten vorgerückt; Truppen der NATO stehen auch auf dem Boden des ehemaligen jugoslawischen Staates und in Afghanistan; in Kirgisistan und Usbekistan gibt es heute amerikanische militärische Stützpunkte. In den Augen eines russischen Generals nimmt sich dieses Bild nicht wie eine freundschaftliche Umarmung aus, und er wird sich fragen, welche unfreundlichen Absichten dahinter verborgen sein könnten."

"Die europäischen Regierungen haben sich ebenso wie auch Washington bemüht, diesem Eindruck der geopolitischen Einkreisung Rußlands entgegenzutreten"

"Weil die Europäer ihrerseits auf absehbare Zeit nicht zu einer gemeinsamen Außenpolitik finden, kann Rußland sich einstweilen nur wirtschaftlich, nicht aber bündnispolitisch an Europa binden."

"In Rußlands Verhältnis zu China könnten durch den heimlichen Wanderungsdruck aus dem chinesischen Nordosten Spannungen auftreten; wahrscheinlicher ist aber, daß beide Weltmächte ihr gegenwärtig gutes Verhältnis durch dergleichen nicht gefährden lassen."

"Aber gerade in der schwierigen Phase des Übergangs darf Rußland von seinen Partnern ein besonderes Einfühlungsvermögen erwarten."

"Auch wenn einige der Nachbarn in Europa und Asien argwöhnisch bleiben, sind doch Nachbarschaft und Zusammenarbeit der Europäer oder der Chinesen mit den Russen in einem besseren Zustand als jemals im 20. Jahrhundert."

"der Stolz des russischen Volkes und sein Patriotismus sind empfindlich."

"Rußland ist friedlich gestimmt. Das gilt auch für das Militär, für die Bürokratie und für die Diplomaten. Das Land braucht Zeit für den drigend nötigen Reformprozeß."

"Rußland braucht europäische Investitionen, die europäischen Volkswirtschaften brauchen Öl und Gas."

"Vor allem haben die Europäer ihren großen Respekt vor dem russischen Volk, vor Putin und den Reformanstrengungen zum Ausdruck gebracht. Das wird auch künftig nötig sein."

"Wegen seiner ungeheuren territorialen Ausdehnung, wegen der noch immer nicht vollständig explorierten Bodenschätze, aber auch wegen der großen Zahl unmittelbar benachbarter Staaten und schließlich wegen seiner umfangreichen atomaren Rüstung ist Rußland eine der drei strategischen Weltmächte. Das wird so bleiben, auch wenn das Land innenpolitisch und ökonomisch noch über einige Jahrzehnte geschwächt bleiben sollte."

"Ihre eingebildete globale Mission und ihr weltpolitisches Geltungsbedürfnis haben die sowjetischen Führer bis in die achtziger Jahre dazu verleitet, die Versorgung und das Wohlbefinden der eigenen Bevölkerung zurückzustellen hinter die vermeintlichen außenpolitischen, strategischen und militärischen Notwendigkeiten [...] Die innenpolitische und ökonomische Konsolidierung Rußlands wird im Gegenteil die bei weitem wichtigste Aufgabe der kommenden Jahrzehnte sein."

"Gleichwohl steht Rußland auch vor einer Reihe außenpolitischer Fragen. Dazu gehören an der Spitze die Beziehungen zu Amerika, zu China und zur Europäischen Union, sodann die Beziehungen zu den vielen kleineren Nachbarn in Europa und Asien. Wie die meisten europäischen Staaten ist auch Rußland von transnationalem Wanderungsdruck, von grenzüberschreitenden Seuchen und von internationalem Terrorismus bedroht."

Freitag, 30. Mai 2014

Widerspruch in Xinjiang/Ostturkestan

Xinjiang ist für die globale Geopolitik von großer Bedeutung. Allerdings genießt das Autonome Gebiet im Westen Chinas nicht die entsprechende Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erregen allenfalls separatistische Bestrebungen und entsprechende Gewaltakte zwischen Protagonisten "Ostturkestans" und Hütern der volksrepublikanischen Einheit. Doch was steckt hinter den gewaltsamen Auseinandersetzungen und ideologischen Zwistigkeiten um Xinjiang?

Xinjiang und China, Quelle: http://edition.cnn.com/

Spannungen aller Art in Xinjiang


Die mehrheitlich muslimischen Uiguren, die zu den Turkvölkern zählen, stehen in Xinjiang seit Jahrzehnten im Konflikt mit der volksrepublikanischen Staatsraison. Ausdruck dieses Konflikts sind ethnische, religiöse, ökonomische, kulturelle, und (geo-)politische Spannungen: ethnische Spannungen zwischen der Minderheit der Uiguren und der in China dominierenden Ethnie der Han-Chinesen; religiöse Spannungen zwischen Moslems und konfuzianisch-daoistischen Atheisten; kulturelle Spannungen zwischen einem Turkvolk, das sich als Teil der muslimischen Glaubensgemeinschaft in der Tradition des Osmanischen Reiches und des Pan-Turanismus begreift, und den großchinesischen Nationalisten und Han-Chauvinisten; ökonomische Spannungen zwischen dem nordwestlichen Hinterland und den wohlhabenden Küstengebieten Chinas; und schließlich (geo-)politische Spannungen im zentralasiatischen und ostasiatischen Raum. Die inneren und äußeren Spannungen des Autonomen Gebiets Xinjiang sind also durchaus bemerkenswert.


Spannungen zwischen Bevölkerung und Staatsmacht,
Quelle: http://www.uyghurcongress.org/

Ethnische Spannungen


In Xinjiang leben 21 Millionen Menschen, die in mehrere ethnische Gruppen einteilbar sind, wobei Uiguren und Han-Chinesen die größten Ethnien sind. Die Uiguren bilden mit knapp 50% noch immer die größte Ethnie in Xinjiang. Die Han machten vor 1949 weniger als 7% der Bevölkerung Xinjiangs aus, heute dagegen sind es bereits 40%. Die Han leben vermehrt im Gebiet der Hauptstadt Ürümqi, wo über 70% der Bewohner zu den Han gehören und nur knapp 12% zu den Uiguren. Im weniger industrialisierten Süden, bei Kashgar, machen die Uiguren hingegen über 90% und die Han nur ca. 7% aus.

Schon allein durch die vermehrte Bewohnung der industrialisierten Gebiete im Norden durch die Han sind deren Einkommen im Schnitt höher als die der Uiguren, die den wenig entwickelten Süden dominieren. Abgesehen von dieser rein statistischen Ungleichheit werden die Han aber auch gezielt gefördert. Nach 1949 wurden immer mehr Han nach Xinjiang umgesiedelt. Ein Großteil waren Soldaten der sogenannten Volksbefreiungsarmee. Jedenfalls stieg der Anteil der Han immer weiter an. Und natürlich erhielten viele von ihnen hohe Posten und Privilegien, was die uigurischen Einwohner notwendigerweise stören musste. Zwar ist es nicht so, dass die Uiguren von den Han allgemein rassistisch unterdrückt und gezielt attackiert würden, wie etwa die Palästinenser und arabischen Israelis durch die Zionisten Israels oder wie die Schwarzen durch die Buren in der südafrikanischen Apartheid. Aber es gibt durchaus ethnische Spannungen zwischen Han und Uiguren, die in Zusammenhang stehen mit Separatismus auf Seiten der Uiguren, Han-Chauvinismus auf Seiten der Han - und nationalistischem Terror auf beiden Seiten.

Der Weltkongress der Uiguren mit Sitz in München veranschaulicht, welche Ideen die uigurischen Separatisten vertreten. Auf der Internet-Präsenz des Weltkongresses findet sich folgende Selbstdarstellung:

Der World Uyghur Congress (WUC) ist eine internationale Organisation, welche die gemeinsamen Interessen der Uiguren sowohl in Ostturkestan (auch bekannt als The Xinjiang Uyghur Autonomous Region, VR China) als auch im Rest der Welt vertritt. Der WUC wurde am 16. April 2004 in München gegründet, nachdem der East Turkestan National Congress und der World Uyghur Youth Congress zu einer gemeinschaftlichen Organisation fusionierten.
[...]

Bevor Frau Rebiya Kadeer als Präsidentin des WUC gewählt wurde, hatte sie die Stiftung für Menschenrechte und Demokratie der Uiguren (Uyghur Human Rights and Democracy Foundation) gegründet und leitete die in Washington, DC ansässige Organisation Uigur-amerikanische Vereinigung (Uyghur American Association). Sie war die Rafto Preisträgerin und Kandidatin zur Nominierung des Friedensnobelpreises der Jahre 2005-2006-2007-2008-2009-2010 sowie 2011. Sie hatte 5 Jahre ihres Lebens in grausamer chinesischer Gefangenschaft verbracht. Nach ihrer Entlassung kämpfte sie für die Erlangung von Menschenrechten, von Freiheit und Demokratie für die Uiguren. Für ihre außergewöhnliche Arbeit wird sie als die Führerin und geistige Mutter der Uiguren anerkannt.

In der ersten Generalversammlung des WUC im Jahr 2004 wurde Herr Erkin Alptekin zum Präsident gewählt. Er hatte die Organisation bis zur zweiten Generalversammlung im Jahr 2006 geleitet. Herr Erkin Alptekin ist ein  bekannter Vertreter der Uiguren. Er hat sich seit Jahren um eine friedliche Lösung für die Ostturkestan-Frage bemüht. Er ist ehemaliger Generalsekretär der Organisation der nicht-repräsentierten Nationen und Völker („Unrepresented Nations and Peoples Organization-UNPO“) mit Sitz in Den Haag, Niederlande. Er besitzt beachtliche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen und Regierungen, wenn es darum geht, sich für das Selbstbestimmungsrecht der Uiguren einzusetzen. Darüber hinaus ist er ein enger Freund des Dalai Lama, des geistigen Führers des tibetanischen Volkes.

Der Weltkongress der Uiguren beansprucht also, die Interessenvertretung für alle Uiguren der Welt zu sein. Außerdem teilen Exil-Uiguren das Schicksal der separatistischen Exil-Tibeter. Sie müssen außerhalb Chinas für ihre Sache kämpfen. Die Frage ist, ob die beiden Gruppen tatsächlich die Interessen aller Tibeter oder aller Uiguren vertreten oder ob sie nicht vor allem eine eigene Agenda haben. Nachweislich wurden separatistische und Dissidenten-Gruppen Chinas von den USA unterstützt. Wieso sollte es nicht auch auf uigurische Separatisten zutreffen? Jedenfalls zählt der Weltkongress der Uiguren eine ganze Reihe von Vergehen des volksrepublikanischen Staates gegen die Uiguren auf:

  • Scheinautonomie
  • Geburtenkontrolle
  • willkürliche Festnahmen, Folter, Hinrichtungen, Mord
  • Behinderung der Religionsfreiheit
  • "Sinosierung von Ostturkestan"
  • wirtschaftliche Benachteiligungen
  • Schäden durch Atomwaffentests und Gesundheitsversorgung
  • Pressefreiheit
  • spezifische Ausbeutung von Frauen
  • "Gleichgültigkeit der Weltgemeinschaft"
  • das "Ürümqi-Massaker"

Über die "Scheinautonomie" des Gebiets schreibt der Kongress:

Obwohl Ostturkestan als „Xinjiang Uyghur Autonome Region“ bezeichnet wird, gibt es keine Selbstbestimmung oder Selbstverwaltung für die Uiguren. Mehr als 90% aller wichtigen politischen, administrativen und wirtschaftlichen Positionen in Ostturkestan werden durch chinesische Angestellte besetzt.

Zum Beispiel, das Regionale Ständige Komitee der Kommunistischen Partei, das oberste politische Organ der Region, hat 15 Mitglieder. Wovon nur 3 Postionen von Uiguren aber 10 Positionen von Chinesen besetzt werden. In allen anderen politischen Entscheidungspositionen besteht die gleiche Überrepresentierung durch Chinesen. Einige anscheinend wichtige Positionen wurden an Uiguren vergeben, allerdings wird ihre Autorität ständig untergraben.

Das chinesische Vorgehen „Teile und Herrsche“ hat dazu geführt, dass die einheimische Bevölkerung von Ostturkestan Uiguren, Kasachen, Usbekin, Mongolen und Tataren in unterschiedliche „Provinzen“, „Landkreise“ und „Städte“ geteilt worden. [sic!]

Die Überrepräsentanz von Han-Chinesen in führenden Positionen ist gewiss ein Problem und Ausdruck des Misstrauens gegenüber Uiguren. Unabhängig davon, ob das bewusst und gezielt gefördert wurde oder ob es sich "spontan" ergeben hat, sollte klar sein, dass die chinesischen Befürchtungen nicht unbegründet sind. Eine Autonomie des Gebiets kann mit friedlichen Mitteln nur unter der chinesischen Oberhoheit erreicht werden. Faktisch ist solch eine Autonomie daher äußerst beschränkt, auf die Felder der Sprache, Religion und Kultur etwa. Der chinesische Staatskapitalimus kann aber niemals zulassen, dass ein "Ostturkestan" sich von China politisch oder ökonomisch löst. Regionale Autonomie ist im Staatskapitalismus erst dann wirklich denkbar, sofern sie ihm geopolitische Vorteile versprechen kann.

Genau diese Beschränkung der Autonomie unter chinesischer Oberhoheit ist der allgemeine Grund für die ethnischen Spannungen zwischen Han und Uiguren. Denn durch die chinesische Hegemonie vermischen sich ethnische, sozioökonomische und geopolitische Konflikte. Dadurch werden sogar religiöse Spannungen weiter politisiert und ethnisiert.



Religiöse Spannungen


Während die Uiguren zu den Turkvölkern zählen und wie weitere Minderheiten in Xinjiang mehrheitlich Moslems sind, sind die Han zumindest zum größten Teil nicht Moslems. Ob sie als Atheisten, Kommunisten, Kapitalisten, Daoisten, Konfuzianer oder Buddhisten gezählt werden können, ist vielleicht mehr eine Glaubensfrage des jeweiligen Autoren denn eine klar definierbare Angelegenheit. In China kann das alles zugleich auf ein einziges Individuum zutreffen, wie es scheint. Entscheidend ist weniger der Aufprall zweier oder mehrerer Religionen, was oft weniger problematisch ist als viele Kreuzfahrer und geistige Brandstifter glauben - entscheidend ist der Aufprall sozialer Interessen, die einander widersprechen.

Da die Uiguren zumeist an Allah glauben und sich als Teil der muslimischen Glaubensgemeinschaft verstehen, haben sie ein völlig anderes Selbstverständnis als die meisten Han-Chinesen. Ihre höchsten Autoritäten sind der Koran und muslimische Prediger, nicht aber die KP Chinas oder die chinesische Staatsführung. Für gewöhnlich ist das kein Problem, da sich die Uiguren wie alle anderen nicht-korrupten Bürger des Landes mehr oder weniger an die Gesetze halten. Allerdings wird der latente Konflikt zwischen den beiden Autoritäten, dem Koran und chinesischem Pass, ab und an akut. Und in gewissen Bereichen mischt sich die religiöse Frage mit anderen Fragen, was zum andauernden Konflikt geführt hat.

Wie in Tibet mischt sich auch in Xinjiang die Frage der legitimen und souveränen Staatsmacht mit der religiösen Frage. In Tibet repräsentierte der Dalai Lama vor seiner Flucht aus Tibet nicht nur das religiöse Oberhaupt der Gelbmützensekte Tibets, sondern auch das faktisch dominierende weltliche Oberhaupt Tibets. Adel und Klerus des feudalen Tibets bis 1949 waren weltliche und religiöse Autoritäten zugleich und wurden in den 1950er Jahren entmachtet, was viele zuvor wirklich unterdrückte Tibeter begrüßten. Dazwischen liegt eine Periode, in der tibetische Separatisten der chinesischen Staatsmacht mit Hilfe westlicher Staaten bewaffnete Widerstandsgruppen und Terror entgegenwarfen und in der die Maoisten große Teile der tibetischen Kulturgüter in der "Kulturrevolution" vernichteten. Diese antireligiöse Kampagne weckte in vielen Tibetern die Abscheu vor der han-chinesischen Staatsraison. Der Dalai Lama repräsentiert heute eine separatistische, theokratische und nationalistische Clique im Exil, die zwar viel Aufmerksamkeit genießt, aber aufgrund ihrer religiösen Abgehobenheit und politischen Ohnmacht wenig Bedeutendes zur Beantwortung der tibetischen Frage beitragen kann.

In Xinjiang ist der Fall etwas anders, aber in Vielem ähnelt er der tibetischen Frage. Wie Tibet wurde Xinjiang der chinesischen Erzählung zufolge "befreit" und "entwickelt". "Entwicklung des Westens" nennt die Staatsführung dieses Projekt. Auch in Xinjiang mussten alte Machthaber fliehen und es bildeten sich ebenfalls separatistische, nationalistische und terroristische Exilgruppen, die eine Abspaltung Xinjiangs und die Gründung eines "Ostturkestan" fordern. Der chinesische Staat kann eine solche Abspaltung aber unmöglich zulassen und wird mit aller Gewalt eine derartige Perspektive verhindern. Das Gebiet ist bereits "autonom" und wird formhalber auch so behandelt. Es hat einen gewissen Sonderstatus im Vergleich zu anderen, nicht-"autonomen" Provinzen Chinas.

Allerdings wird in der Tat religiöse Praxis, die sich mit Separatismus, Panturanismus und Terrorismus mischt, unterdrückt. Dergleichen würde auch in beliebigen anderen Staaten passieren. Wenn sich Separatisten auf Religion und religiöse Unterdrückung durch die Chinesen berufen, so vertreten sie damit gewiss nicht alle Uiguren, sondern allenfalls eine bestimmte Gruppe unter den religiösen Separatisten. Die gewöhnliche religiöse Praxis der Moslems wird dagegen nicht großartig unterdrückt und es gibt eine sehr hohe Anzahl an Moscheen pro Kopf. Allenfalls wird die religiöse Gebetspraxis und Ähnliches durch Lohnarbeit behindert, aber das ist weniger die Verantwortung der Han-Chinesen als die der Kapitalisten im Allgemeinen. Das Kapital macht auch vor religiösen und kulturnationalistischen Gefühlen keinen Halt.

Mosche in Ürümqi, Quelle: http://news.bbc.co.uk/


Kulturelle Spannungen


Der uigurische Weltkongress kritisiert eine "Sinosierung von Ostturkestan" [sic!]:

Die chinesische Regierung ergriff scharfe Maßnahmen, um die uigurische Sprache zu unterdrücken und den Anteil der chinesischen Sprache in Ostturkestan zu erhöhen. Vor der chinesischen Besetzung von Ostturkestan enthielt die uigurische Sprache und Literatur keine chinesischen Lehnwörter. Heute ist eine große Zahl von chinesischen Wörtern in den uigurischen Wortschatz eingedrungen. Mehrere tausend uigurische Begriffe wurden aus dem Wortschatz gestrichen, weil sie angeblich „die nationale Einheit“ behindern oder nicht in die „sozialistische Gesellschaft“ passen.

Uigurische Schulen wurden entweder geschlossen oder mit chinesischen Schulen zusammengelegt. Chinesisch wurde als Unterrichtssprache eingeführt. Uigurische Kinder werden in inner-chinesische Städte verschickt, damit sie dort Chinesisch lernen. Im ganzen Land wurden tausende von uigurischen Büchern verbrannt.

Diese Kritik erinnert an die Kritik durch den Dalai Lama, der von einem "kulturellen Völkermord" an Tibet sprach. In beiden Fällen wird keine stichhaltige Argumentation gebracht. In beiden Fällen wird äußerst nationalistisch und provinziell argumentiert. Von einem Völkermord an der Kultur kann keinerlei Rede sein. Ebensowenig von einer angeblichen Ausrottung der uigurischen oder tibetischen Sprache. Was die Bücherverbrennungen angeht, so wird offenbar die Kulturrevolution in den 70er Jahren herangezogen, die aber in ganz China zu Vernichtung von Kulturgütern geführt hatte und lange vorbei ist.

Was das Versenden von Kindern angeht, so ist die Kritik noch viel weniger stichhaltig und äußerst rückschrittlich. Würde man den Umkehrschluss ziehen, so wäre das von den Exil-Uiguren offenbar geforderte Nicht-Unterrichten der uigurischen Kinder auch in chinesischer Sprache eine chauvinistische Diskriminierung und Chancenminderung für die Kinder. Will man mehr Chancen und Gleichberechtigung von Han und Uiguren oder will man den uigurschen Kindern weniger Chancen ermöglichen durch mangelnden Chinesischunterricht? Nur ein ausgemachter Bauer kann fordern, Kindern in China kein Chinesisch beizubringen...

Die Schulen in Xinjiang bringen allgemein Chinesisch und Uigurisch bei, damit die Kinder beide Sprachen sprechen können und Straßennamen etc. sind im Wesentlichen auf Uigurisch und Chinesisch beschrieben. Die muslimische Religion wird ebenso wenig unterdrückt wie die buddhistische oder christliche, solange sie sich nicht mit politischen Autoritäten gegen den chinesischen Staat verbinden. Das ist in Deutschland mit den Salafisten aber auch nicht anders.

Die Sinisierung Xinjiangs ist dennoch eine Tatsache. Aber das geschieht nicht durch Unterdrückung, Ausrottung oder Verbot der uigurisch-muslimischen Kultur, sondern durch den ansteigenden Anteil an Han-Chinesen und die wachsende Bedeutung der chinesischen Wirtschaft in Xinjiang.

Straße in Ürümqi, auf Chinesisch, Uigurisch und in Pinyin-Umschrift, Quelle: wikipedia.


Ökonomische Spannungen


Ökonomische Spannungen sind ein wichtiges Problem in Xinjiangs Staatskapitalismus. Die Modernisierung, Entwicklung und Indsutrialisierung Xinjiangs durch den chinesischen Staat brachte Vor- und Nachteile mit sich. Früher war Xinjiang wie Tibet noch ein weltfremdes und surreales Randgebiet. Es ist zwar immer noch eine der rückständigsten Provinzgebiete in China, aber hat durchaus eine rasante Entwicklung durchgemacht. Xinjiang ist nun modern, kapitalistisch und von einem wohlhabenden Bürgertum regiert. Die Mittelklassen in Xinjiang leben viel besser als vor Jahrzehnten. Sogar der Lebensstandard der unteren Klassen allgemein hat sich merklich gebessert. Insofern geht es allen Schichten in Xinjiang besser als zuvor.

Allerdings kamen mit Chinas kapitalistischer Wirtschaft auch neue Disparitäten und Widersprüche hinzu. Die Ungleichheit in Xinjiang ist enorm. Die Ärmsten sind Arbeitslose, Hirten oder Deklassierte, die kaum Aufstiegsmöglichkeiten haben und auch kaum wohlfahrtsstaatliche Leistungen genießen und sich mit der Armut in Ländern der dritten Welt messen könnten. Die Reichsten können sich mit der Luxus-Bourgeoisie der entwickelten Länder messen.

Die Klassenkonflikte zwischen den verschiedenen Klassen sind wie überall auf der Welt ein Ausdruck der Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten im Kapitalismus. Die lange schon bestehende Ungleichheit zwischen dem wohlhabenden Osten und dem unterentwickelten Westen Chinas hat sich sogar noch verschärft. Außerdem kommt es seit vielen Jahren zu einem "brain drain" der am besten ausgebildeten Bewohner Xinjiangs gen Osten. Die Uiguren spüren diese Ungleichheiten am schärfsten, vor allem die wenig gebildeten, die aus ländlichen Gebieten stammenden und die weiblichen. Der uigurische Weltkongress schreibt dazu:

Die ständig wachsende chinesische Bevölkerung in Ostturkestan hat zu einer weitverbreiteten Arbeitslosigkeit unter den Uiguren geführt. Chinesen haben weitgehend die Kontrolle über politische und wirtschaftliche Einrichtungen übernommen. Daher ist die Arbeitslosigkeit unter Chinesen sehr gering, während sie bei den Uiguren alarmierende Ausmaße angenommen hat. Obwohl Ostturkestan über große Mengen an Bodenschätzen verfügt, leben nahezu 80% der Uiguren vom Existenzminimum und sogar unter der Armutsgrenze.

Nach einem Bericht der Xinjiang Provinz Regierung vom Oktober 2004 beträgt das Prokopfeinkommen der chinesischen Siedler in Ostturkestan das 4 Fache von dem Einkommen der Uiguren. Nahezu 85% der Uiguren sind Bauern. Derselbe offizielle Bericht bestätigt, dass das Durchschnittseinkommen eines uigurischen Bauern 820 Yuan (ca. 82 Euro) beträgt, während ein chinesischer Bauer in Ostturkestan ein Jahreseinkommen von 3.000 Yuan (ca. 300 Euro) erreicht.

Die größte Zahl der Aufträge wird an Chinesen vergeben. Die großen Bodenschätze von Ostturkestan einschließlich Öl, Gas, Uran, Gold und Silber werden von China ausgebeutet. Die chinesische Zentralregierung übt eine strenge Kontrolle über den Abbau der Bodenschätze aus. Uiguren haben keine Kontrolle über die Bodenschätze. Sie haben keinen Zugang zu Informationen über den Gewinn der aus den Bodenschätzen erzielt wird. Sie haben keine Möglichkeit an dem Ertrag aus ihren eigenen Bodenschätzen teilzuhaben.

Die Kritik des Weltkongresses ist teils sehr berechtigt, teils aber auch weltfremd und zutiefst rückschrittlich. Weltfremd ist diese Kritik, weil sie die Kräfteverhältnisse und Interessen nicht angemessen begreift und artikuliert, indem es die diversen Spaltungen und verschiedensten Interessen auf einen umfassenden Konflikt der Uiguren mit den Han reduziert. Das entspricht keinesfalls der Realität. Die realen Verhältnisse ähneln eher einem vielschichtigen Flickenteppich verschiedenster sozialer Interessen, die sich gegenseitig widersprechen und verschiedene Tendenzen repräsentieren. Klassen und Klassenfraktionen, Milieus und Verbände haben widersprüchliche Ansichten und Ziele. Die Reduktion dieser Widersprüche auf einen abstrakten Widerspruch zwischen zwei Ethnien ist im Kern unterkomplex und reaktionär, und teilweise sogar rassistisch.

Die volksrepublikanische Klassengesellschaft produziert und reproduziert immer wieder nicht nur ökonomische Spaltungen und Klassenkämpfe. Die Klassenkämpfe werden auch in Form sexistischer, nationalistischer und rassistischer Spaltungen ausgetragen oder von ihnen überdeckt. Sexismus, Chauvinismus und Rassismus dienen allgemein den Interessen der herrschenden Klassen, da sie die Mehrheit der Bevölkerung spalten, künstlich neue Interessen schaffen und Solidarität verhindern. Im Gegenteil dienen diese Herrschaftsmittel also der Unterdrückung der schon unterdrückten Klassen und Klassenfraktionen.

Ein uigurischer Nationalismus muss nicht notwendiger Weise den Herrschenden dienen. Ein Nationalismus kann der Befreiungsnationalismus oder auch der Chauvinismus einer bestimmten Gruppe sein. Der tibetische und der uigurische Nationalismus ist zum großen Teil mehr Chauvinismus als Befreiungsnationalismus. Trotz aller Betonung von Freiheit und Menschenrechten bei Exilanten und Separatisten werden damit weniger emanzipatorische Ziele gestärkt als der Eindruck erwecken könnte. Denn eine "Autonomie" Xinjiangs ohne soziale Revolution kann nur zur vertieften Unterwerfung des Gebietes durch imperialistische und großkapitalistische Kräfte führen und antichinesischen Nationalisten und Rassisten in die Hände spielen. Eine wünschenswerte Entwicklung Xinjiangs kann nur gestützt auf kapitalismuskritische Bewegungen der unteren Klassen erfolgen. Nur eine radikaldemokratische Republik als Produkt sozialer Kämpfe kann das Versprechen von Freiheit und Emanzipation der Uiguren auch wirklich umsetzen. Dafür ist aber kein antichinesisches Ressentiment notwendig, sondern Sozialismus und Solidarität und der Bruch mit dem autoritären Kapitalismus.

Der chinesische Staatskapitalismus kann es in seiner großen Abhängigkeit von Bodenschätzen und weiteren Produktivkräften natürlich nicht dem Zufall überlassen, wie die Ressourcen seines Territoriums genutzt werden. Es ist nur natürlich, dass der chinesische Staat den Uiguren die Kontrolle über die wirtschaftliche Entwicklung nicht einfach überlässt. Denn eine eigenständige Entwicklung der uigurischen Wirtschaft im Widerspruch zur Gesamtentwicklung Chinas könnte Instabilität und Abhängigkeit des Staates bedeuten. Und der chinesische Staat wird bereits durch viele Unzulänglichkeiten existenziell bedroht, sodass er unnötige Risiken mit allen Mitteln vermeiden will, vor allem geopolitisch brisante Risiken.

Nächtliches Stadtbild in Ürümqi, Quelle: http://images.chinahighlights.com/


Geopolitische Spannungen


Es ist ausgeschlossen, dass die Volksrepublik China unter kapitalistischen Bedingungen ihrem Autonomen Gebiet Xinjiang nationalstaatliche Unabhängigkeit gewährt. Die chinesischen Spitzenpolitiker werden, wenn sie den amerikanischen und europäischen Geopolitikern überlegen bleiben wollen, dergleichen nie und nimmer friedlich zulassen. Dafür ist Xinjiang für die klassenbewussten Kapitalisten der Welt geopolitisch zu bedeutsam.

Ein solches Staatsgebilde würde im selben Maß, in dem es von China unabhängig würde, von anderen Staaten in neue Abhängigkeiten geraten. Gerade die Geopolitiker der USA, die China als großen Rivalen betrachten müssen und rechte Kräfte wie auch Separatisten in China oft unterstützten, sind zu bedenken. Sie würden selbstverständlich sofort ihre Einflüsse geltend machen und "Ostturkestan" de facto zu einer Provinz der Westmächte umbauen... Das selbe gilt für ein "unabhängiges" Tibet. China kann dergleichen unter kapitalistischen Zuständen nicht zulassen.

Eine derartig dilettantische Politik, eine ungewollte Politik der Selbstzerstörung, können europäische oder amerikanische Politiker betreiben, nicht aber chinesische, die kulturell bedingt Großmeister des Subtilen und Anausgesprochenen sind. Zugleich sind der chinesischen Geopolitik um Xinjiang enge Grenzen gesetzt. Die Innenpolitik kann allenfalls die inneren Spannungen in Xinjiang durch kluge sozialpolitische und kulturpolitische Maßnahmen dämpfen. Außerdem kommen zu den weichen Methoden noch polizeistaatliche Maßnahmen in Betracht.

Tatsächlich wurden seit dem 11. September 2001, nach dem Massaker von 2009 und den Anschlägen von April und Mai 2014 die polizeistaatlichen Repressalien ausgeweitet. Polizisten werden vermehrt und gezielt für den Gegen-Terror ausgebildet. Racial Screening, d.h. gezielte Repressalien gegen uigurisch aussehende Menschen auf den Straßen, ist nur eine problematische Nebenwirkung. Das Misstrauen zwischen Han-Chinesen und Uiguren wird durch die Agitation gegen "Separatismus, Radikalismus und Terrorismus" und durch den rassistischen und anti-muslimischen "War on Terror" gewiss nicht verringert.

Nach außern hin kann China ebenfalls - man verzeihe den bildlichen Ausdruck - eine Politik aus Nudelsuppe und Drachenkralle anwenden. Den großen geopolitischen Rivalen und ihren Verbündeten wird daher klar gemacht, dass Xinjiang kein Sandkasten für alle ist. Die Ordnung Xinjiangs droht im Streit zwischen den Mächten auseinanderzufallen, zerrissen zu werden von der eigenen multipolaren Stellung innerhalb einer multipolaren Welt. Ein Auseinanderfallen der staatlichen Ordnung in Xinjiang würde aber ganz China destabilisieren und auch im Rest des Landes die Ordnung gefährden. Chinesen und vor allem die chinesischen Eliten lieben aber die Ordnung im Reich der Mitte. "Ordnung muss sein" ist das Mantra der Han-Chinesen ebenso wie das der Eliten Chinas, die sich nur mit der staatlichen Ordnung halten können.

Eine Sezession des nordwestlichen Gebiets wäre für den chinesischen Staat nicht weniger als Selbstmord. Denn geopolitische Konkurrenten Chinas würden einem solchen "Ostturkestan" natürlich ebensowenig Ünabhängigkeit gewähren wie China. Der uigurische Separatismus würde notwendigerweise mit dem Imperialismus anderer Staaten verschmelzen. Allen voran die USA würden selbstverständlich, ganz ohne Zweifel, sofort ihren Einfluss geltend machen und ein "unabhängiges" Ostturkestan zur neuen Operationsbasis machen. China hätte damit die 5. Kolonne seines größten geopolitischen Konkurrenten direkt auf dem ehemals eigenen Territorium, sozusagen direkt vor der Nase, oder sogar wie ein Pickel auf der Nase.

Nach außen hin muss sich China zugleich bemühen, nicht zu viel Widerspruch zu provozieren. Entsprechend werden geopolitische Bündnisse angestrebt, um nicht aneinander zu geraten. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist das wichtigste Beispiel für solche Bündnispolitik, wobei das Zweckbündnis Chinas und Russlands alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch die zentralasiatischen Staaten sind von Bedeutung. Xinjiang ist umgeben von muslimisch geprägten Staaten wie Afghanistan, Pakistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Damit ist Xinjiangs die Brücke Chinas nach Zentralasien, aber auch der zentralasiatische Zugang zu China. Westliche Truppen könnten bei einem heißen Konflikt mit China über Xinjiang in das Land eindringen. Ein "unabhängiges" Ostturkestan als Teil eines imaginären türkischen Großreiches oder als Operationsbasis westlichen Militärs wäre noch viel anfälliger für eine geopolitische Ausnutzung des Gebiets durch dritte Staaten.

Die Widersprüche der sozialen Interessen in Xinjiang bzw. einem zukünftigen "Ostturkestan" sind also von großer geopolitischer Bedeutung. Sowohl für China wie auch für konkurrierende Mächte ist das Gebiet vom entsprechendem Interesse. Das staatskapitalistische China wird es daher unter keinen Umständen friedlich abgeben. Die uigurischen Separatisten stehen auf verlorenem Posten und ihre einzige Perspektive für das Gebiet kann eine Zerstückelung und Zerstörung der Lebensgrundlagen der Uiguren vor Ort sein. Sie täten gut daran, die einzige echte Alternative für den Status Quo zu fördern: die radikale Umwälzung des Staatensystems durch fortschrittlich gesinnte Bewegungen der unteren Klassen.

Die Brücke Zentralasien-China, Quelle: http://www.chinatravelca.com

Dienstag, 27. Mai 2014

Das uigurische Lamm zwischen den Raubtieren der Welt

Ein Propagandatext über Xinjiang und die globalen Rivalitäten im heutigen Kapitalismus.

Es ist ausgeschlossen, dass die Volksrepublik China unter kapitalistischen Bedingungen ihrem Autonomen Gebiet Xinjiang nationalstaatliche Unabhängigkeit gewährt. Die chinesischen Spitzenpolitiker werden, wenn sie den amerikanischen und europäischen Geopolitikern überlegen bleiben wollen, dergleichen nie und nimmer friedlich zulassen. Dafür ist Xinjiang für die klassenbewussten Kapitalisten der Welt geopolitisch zu bedeutsam.

Lamm, von rohkost.de
Eine Sezession des Gebiets wäre für den chinesischen Staat nicht weniger als Selbstmord. Denn geopolitische Konkurrenten Chinas würden einem solchen "Ostturkestan" natürlich ebensowenig Ünabhängigkeit gewähren wie China. Der uigurische Separatismus würde notwendigerweise mit dem Imperialismus anderer Staaten verschmelzen. Allen voran die USA würden selbstverständlich, ganz ohne Zweifel, sofort ihren Einfluss geltend machen und ein "unabhängiges" Ostturkestan zur neuen Operationsbasis machen. China hätte damit die 5. Kolonne seines größten geopolitischen Konkurrenten direkt auf dem ehemals eigenen Territorium, sozusagen direkt vor der Nase, oder sogar wie ein Pickel auf der Nase.

Eine derartig dilettantische Politik, eine ungewollte Politik der Selbstzerstörung, können europäische oder amerikanische Politiker betreiben, nicht aber chinesische, die kulturell bedingt Großmeister des Subtilen und Unausgesprochenen sind. Zugleich sind der chinesischen Geopolitik um Xinjiang enge Grenzen gesetzt. Die Innenpolitik kann allenfalls die inneren Spannungen in Xinjiang durch kluge sozialpolitische und kulturpolitische Maßnahmen dämpfen. Außerdem kommen zu den weichen Methoden noch polizeistaatliche Maßnahmen in Betracht.

Tatsächlich wurden seit dem 11. September 2001, nach dem Massaker von 2009 und den Anschlägen von April und Mai 2014 die polizeistaatlichen Repressalien ausgeweitet. Polizisten werden vermehrt und gezielt für den Gegen-Terror ausgebildet. Racial Screening, d.h. gezielte Repressalien gegen uigurisch aussehende Menschen auf den Straßen, ist nur eine problematische Nebenwirkung. Das Misstrauen zwischen Han-Chinesen und Uiguren wird durch die Agitation gegen "Separatismus, Radikalismus und Terrorismus" und durch den rassistischen und anti-muslimischen "War on Terror" gewiss nicht verringert.

Nach außen hin kann China ebenfalls - man verzeihe den bildlichen Ausdruck - eine Politik aus Nudelsuppe und Drachenkralle zusammenbrauen. Den großen geopolitischen Rivalen und ihren Verbündeten wird daher klar gemacht, dass Xinjiang kein Sandkasten für alle ist. Die Ordnung Xinjiangs droht im Streit zwischen den Mächten auseinanderzufallen, zerrissen zu werden von der prekären Stellung innerhalb einer multipolaren Welt. Ein Auseinanderfallen der staatlichen Ordnung in Xinjiang würde aber ganz China destabilisieren und auch im Rest des Landes die Ordnung gefährden. Chinesen und vor allem die chinesischen Eliten lieben aber die Ordnung im Reich der Mitte. "Ordnung muss sein" ist das Mantra der Han-Chinesen ebenso wie das der Staatsführung Chinas. 

Nach außen hin muss sich China zugleich bemühen, nicht zu viel Widerspruch zu provozieren. Entsprechend werden geopolitische Bündnisse angestrebt, um nicht aneinander zu geraten. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist das wichtigste Beispiel für solche Bündnispolitik, wobei das Zweckbündnis Chinas und Russlands alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch die zentralasiatischen Staaten sind von Bedeutung.

*Der Text wurde im Nachhinein stark gekürzt, da er futuristisch-mythologische Elemente enthielt, die für die meisten LeserInnen womöglich ganz unverständlich waren.

Der hässliche Leviathan, von CherryflavouredAcid, http://fc03.deviantart.net



Montag, 26. Mai 2014

Separatismus und Terrorismus bei Uiguren, Rassismus und Chauvinismus bei den Han




Das muslimische Turkvolk fühlt sich wirtschaftlich, politisch und kulturell von den herrschenden Han-Chinesen unterdrückt. Umgekehrt wirft Chinas Regierung uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

Das schreibt RP Online. Welche Seite hat nun Recht? Ist die Kritik an vermeintlicher Unterdrückung der Uiguren durch Han-Chauvinismus berechtigt? Oder sind Separatismus und Terrorismus die wirklichen Probleme der Region? Sind beide Seiten im Irrtum oder haben beide Seiten Recht? Was kann man glauben und was nicht?

Nach dem Terror vom April und Mai 2014, der mehreren Dutzend Menschen das Leben kostete, verschärft der chinesische Staat seine "Anti-Terror-Kampagne". RP Online schreibt dazu:

Auch landesweit sind die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden. Bewaffnete Polizisten mit schusssicheren Westen patrouillieren die U-Bahnen in den Metropolen, kontrollieren Reisende auf Bahnhöfen oder demonstrieren verstärkt Präsenz auf den Straßen. China erhöhe nicht nur zeitweise die Sicherheitsstufe, sondern mache den "Kampf gegen den Terror" zum Alltag, schrieb die Staatsagentur Xinhua. "Solche Bemühungen sind notwendig geworden, weil das Land anhaltend terroristische Angriffe erlebt."

Der "Kampf gegen den Terror" wird zum Alltag... In den USA, Europa und Israel hat solch ein "Alltag" dazu geführt, dass Bürgerrechte und Freiheiten stark beschränkt und der Willkür der Staatsmacht geopfert wurden. In vielen Ländern gibt es seit einigen Jahren "Anti-Terror"-Gesetze, die dieser Willkürherrschaft als legaler Tarnmantel dienen. Der Staat sorgt mit solchem "Recht" für die "Sicherheit" der Bevölkerung, indem er die eigene Bevölkerung allgemein unter "Terrorverdacht" stellt. Der Staat wird damit gegenüber den Bürgern ermächtigt und verselbständigt.

Unter Politologen spricht man seit einigen Jahren in diesem Sinne von "postdemokratischen" Zuständen, in denen nur noch die Hüllen demokratischer Verfahren bestehen, während der politische Inhalt in diesen Hüllen ein undemokratischer oder sogar antidemokratischer ist. Eine politologische Studie hat vor Kurzem entsprechend festgestellt, dass die USA keine Demokratie, sondern eine Oligarchie sind, dass also nicht das Volk herrsche, sondern eine kleine Minderheit von Superreichen. Ähnliches trifft auf die EU zu, die sogar von liberalen und konservativen Kritikern wegen mangelnder Legitimation und undemokratischer Prozesse kritisiert wird. Man schaue bloß, was Schmidt und Schünemann in ihrer Einführung zur Europäischen Union schreiben, obwohl sie ihr wohl gesonnen sind.

Wie die USA und die EU wurde China nach dem Anschlag vom 11. September 2001 in den paranoiden "Kampf gegen den Terror" gesogen. Schon damals wurde der Staat restriktiver. 2014 verschärft sich das jedoch noch. Der Terror bzw. die gefühlte Terrorgefahr wird zum Alltag, zumindest zum Alltag der Sicherheitsbeamten des Staates. Es ist zu erwarten, dass sie in Zukunft auf Bedrohung sensibler, d.h. aggressiver, reagieren werden als bisher. Man laufe bloß nicht mit nem langen Bart durch die Gegend und schreie "Allahu akbar!" oder dergleichen. Das könnte ungewollt böse enden. Xi Jinping, der Präsident der Volksrepublik, verlautbarte das entsprechende Ziel, "dass die Terroristen so unbeliebt werden wie Ratten, die über die Straße huschen und über die jeder sagt: 'Erschlagt sie!'"

Rassismus und Han-Chauvinismus sind in China keine Hirngespinste. Sogar Mao Zedong, der Gründervater der Volksrepublik, warnte wiederholt vor dem Überlegenheitsgefühl der Han-Chinesen gegenüber den ethnischen Minderheiten in China. So schrieb Mao 1953 mahnend:

In einigen Gebieten sind die Beziehungen zwischen den Nationalitäten bei weitem nicht so, wie sie sein sollten. Für Kommunisten ist das eine unerträgliche Situation. Wir müssen die unter vielen Mitgliedern und Kadern unserer Partei noch in einem ernstzunehmenden Maße existierenden groß-han-chauvinistischen Vorstellungen eingehend kritisieren, die nichts anderes sind als Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie, des für die Kuomintang charakteristischen Denkens im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Nationalitäten. Fehler in dieser Hinsicht müssen unverzüglich berichtigt werden. Delegationen unter der Führung von Genossen, die mit unserer Nationalitäten-Politik gut vertraut sind und tiefe Sympathie für die immer noch unter Diskriminierung leidenden Landsleute der Minderheiten hegen, sollten die von nationalen Minderheiten bewohnten Gebiete besuchen, sich dort ernsthaft der Untersuchungsarbeit und dem Studium widmen und den lokalen Partei- und Regierungsorganen bei der Aufdeckung und Lösung der Probleme helfen. Diese Besuche dürfen auf gar keinen Fall so aussehen, daß man "vom Pferderücken aus die Blumen bewundert".

Genau jener "Ausdruck des reaktionären Denkens der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie" ist ein großes Problem des heutigen China. Wie in anderen Ländern versuchen die bewussten Vertreter der herrschenden Klassen auch in China, die Bevölkerung zu spalten. Rassismus und Chauvinismus sind typische Spaltungswerkzeuge herrschender Eliten im Kampf gegen Rebellion und Widerstand der Massen gegen die Eliten. Rassismus und Chauvinismus spalten die Massen. Und sie töten. Den Herrschenden ist daran gelegen, diese Herrschaftsmittel zu kontrollieren. Wenn nötig, werden sie im Sinne der Herrschenden genutzt. Aber ein rassistischer Flächenbrand ist den Eliten meist nicht genehm, denn dann droht ihnen wiederum der Machtverlust. Ein Gleichgewicht von Rassismus und Egalitarismus ist genau das, was für eine stabile Herrschaft für gewöhnlich optimal ist. In umfassenden Krisenzeiten kann sich das ändern und die einseitige Ausrichtung mag den Mächtigen von Vorteil sein.

In einer Gesellschaft wie der heutigen chinesischen kann eine praktische Schürung von Rassismus und Chauvinismus bei formellem Einsatz für Gleichberechtigung für die Eliten durchaus von großem Vorteil sein. Die Wirtschaft Chinas schwächelt im Vergleich zu den letzten drei Jahrzehnten: Es gibt eine Überakkumulation von Kapital und Waren auf der einen Seite und eine Unterversorung mit Gütern auf der anderen Seite. Es gibt nicht nur leer stehende Wohnungen und Häuser, sondern ganze Städte, die menschenleer sind. Die Immobilienblase in China droht ebenso wie in den USA zu platzen. Massenarbeitslosigkeit, niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die mangelnde politische Vertretung der arbeitenden Bevölkerung verbessern die Lage nicht gerade. 300 Millionen WanderarbeiterInnen leben in äußerst prekären Zuständen. Moderne Sklaverei, Kriminalität, Prostitution und Verelendung sind in den unteren und ehemals mittleren Schichten Chinas keine Seltenheit. Alle diese Missstände gefährden potenziell die Ordnung im Land der Mitte, denn der "Extremismus" des Elends kommt aus der Mitte des Landes. Es ist die gewöhnliche Bevölkerung (laobaixing 老百姓), vor der die chinesischen Eliten am meisten Angst haben.

Die Terrorgefahr am Rande Chinas, am Rande der chinesischen Gesellschaft und am Rande der geographischen Mitte des Landes, in Xinjiang etwa, kommt den so furchtsamen Eliten gelegen. Terror und Angst vor dem "Anderen" lenken die gesellschaftliche Mitte selbst von den Kernproblemen der Gesellschaft ab. Nicht mehr Korruption, Bestechung, Kriminalität, Ausbeutung und Unterdrückung durch Staat und Kapital geraten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Vielmehr lenken politische Reaktionen von Terroristen und Separatisten auf diese Kernprobleme die Bevölkerung ab. Die wenigen Sympathisanten von Terror und Abspaltung werden so zum kollektiven Feind der "Mitte". Dieser Feind wird damit zum Opfer des chinesischen Han-Chauvinismus, der es den gewöhnlichen Chinesen ermöglicht, unter sich solidarisch zu bleiben, aber die Probleme der Minderheiten zu bagatellisieren und sie zu diskreditieren.

Wem nützt es? Nicht den Han und nicht den Uiguren, zumindest nicht den gewöhnlichen Menschen unter ihnen. Es nützt den Gewinnern und aufstrebenden Eliten des Landes. Sie profitieren von der Ausbeutung und Unterdrückung, von Terror und Anti-Terror, von Angst und Hass zwischen den Massen, von den "Widersprüchen im Volke" (Mao). Ihre Herrschaft ist unter anderem auf dem Prinzip von "Teile und Herrsche" gebaut. Die Mitte, d.h. die gewöhnlichen Menschen im Land der Mitte, sollten sich nicht spalten lassen entlang von ethnischen oder religiösen Linien. Sie sollten sich zusammentun und das tun, wozu die Hymne der Volksrepublik Chinas sie auffordert...

Donnerstag, 24. April 2014

Zerrissen zwischen Yin und Yang - eine Filmkritik zu "Man of Tai Chi"

Man of Tai Chi (2014) ist endlich wieder ein innovativer Kampfkunst-Film mit bemerkenswerter Handlung und Besetzung.

Die Handlung


Die Handlung von Man of Tai Chi ist typisch für asiatische Kampfkunstfilme: der begabte, aber ungestüme Kampfkunst-Schüler hat einen weisen Meister, der dem Jüngling noch viel über das Leben und alles Gute beibringen muss. Der Bösewicht ist natürlich selbst ein Kampfkunst-Meister, der aber seine Kampfkunst für niedere Zwecke missbraucht. Das Gute und das Böse treffen im körperlichen und im mentalen Kampf auf einander und das Gute gewinnt. So weit so gut.

Tai Chi im Sog der modernen Gesellschaft


Aber Man of Tai Chi geht unendlich viel weiter über dieses typische Schema hinaus. Es bietet eine tiefere Einführung in die chinesische Philosophie ebenso wie in die modernsten Techniken des heutigen Action-Films. Es gibt eine höchst bemerkenswerte Moral von der Geschichte und eine ebenso erstaunliche filmische Umsetzung dieser Moral. 

Der talentierte Tiger Chen (Tiger Hu Chen) trainiert bei einem weisen Meister (Hai Yu) des Tai Chi. Abgesehen von seinen traditionellen Atemübungen zur Stärkung von Körper und Geist erprobt Tiger Chen sein Können auch in Kampfsport-Wettkämpfen. Auf diese Weise kommt er auch in Kontakt zum Bösewicht Donaka Mark (Keanu Reeves). Mark ist nicht nur ein extrem guter Kämpfer, sondern auch ein extrem böser Unternehmer. Als Kapitalist richtet er illegale Wettkämpfe aus, um durch die Schaulust der Konsumenten an brutalen Kämpfen möglichst viel Geld zu verdienen. Tiger Chen wird kurzerhand zum "Bewerbungsgespräch" beim Bösewicht eingeladen. Die finanziellen Probleme des Klosters, in dem er trainiert, sind der finale Anreiz für Tiger Chen, um sich auf die Kämpfe einzulassen. Denn wie in allen guten Filmen vermischen sich gute Motive mit schlechten Motiven. Tiger Chen will einerseits das Kloster seines Meisters mit den Kampfgewinnen retten. Andererseits will der ehrgeizige Kämpfer auch beweisen, dass sein Tai Chi mehr als Show ist.

Entsprechend begrüßt ihn ein Gegner mit den Worten: "Tai Chi ist nichts als Show". Tiger Chen beweist jedoch immer wieder, dass sein Tai Chi allen möglichen Kampfsportarten weit überlegen ist. Ob Judo, Ringen, Mixed Martial Arts oder hartes Kungfu - Tiger Chens Tai Chi erscheint immer überlegen. Was Tiger Chen nicht ahnt ist, dass die illegalen Kämpfe live übertragen werden, um auf ihm einen Star zu machen. "Und jetzt, Tiger, bist du ein Star!" sagt man ihm. "Ist es nicht das, wofür du gekämpft hast?", fragt ihn der Böse. 

Tiger Chens Erfolg führt ihn jedoch, wie in fast allen Filmen besseren Kampfkunstfilmen, auf den falschen Weg. Sein großes Talent wird so zum Mittel übler Tendenzen. Denn es wird deutlich, dass ihm der Erfolg zu Kopf steigt und er übermütig und überheblich wird. Er lässt sich immer mehr auf die zwielichtigen Machenschaften seines Kontrahenten Mark ein und wird dadurch zum Komplizen des Bösen. Gekämpft wird nun nicht mehr für die Rettung eines Klosters, sondern für Ruhm und Ehre. Tiger bleibt zwar gegenüber seinen ultrareichen "Fans" skeptisch, aber zugleich genießt er die Aufmerksamkeit der High Society.

Tiger gerät also in den Sog der modernen Gesellschaft. Der Kapitalismus verschlingt auch die größten Talente, um daraus letztlich Profit zu schlagen. Tiger und seine Fähigkeiten werden zur bloßen Ware degradiert, um zahlungskräftigen Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Die Deformierung von Tigers Persönlichkeit durch die Verführung "von oben" geht so weit, dass er seine Wurzeln vergisst. Der Schüler wendet sich, wie in so vielen Kampfkunstfilmen, gegen den Meister. Es kommt zum Kampf zwischen Altersweisheit und jugendlicher Explosivkraft. Tiger ist sogar versucht, seine Kontrahenten zu töten. Der gewissenlose Bösewicht Mark fragt ihn daher: "Hast du Angst davor, was du ihnen antun könntest? Das musst du nicht." Profit geht im Kapitalismus eben über Moral.

Natürlich wird Tiger Chen nicht einfach zum Bösewicht. Seine Begabung verhindert ein völliges Abdriften in die tiefsten Tiefen der menschlichen Moral. Es kommt, wie es kommen musste: die böse Seite des Schülers kämpft mit der guten Seite, indem es zum Kampf mit dem guten Meister und mit dem bösen Meister kommt. Genug gespoilert. Welche Moral steckt weiterhin im Film?

Extremitäten, Extreme und Exzentrik


Tai Chi bzw. Taiji (太极) bedeutet wörtlich übersetzt ungefähr "die höchsten Extreme", "die größten Gegensätze" oder "allerhöchste Polarität". Taijiquan (太极拳), die chinesische Kampfkunst, ist in der chinesischen Philosophie der Gegensätze im Grunde das körperliche und geistige Mittel des Menschen, um Harmonie zu erreichen. Harmonie wird durch das angemessene Verhältnis von körperlichen und geistigen Kräften erreicht. Die körperlichen Extreme, vor allem die "Extremitäten", d.h. die Gliedmaßen des Menschen, sind in diesem Sinne ebenso ein Teil der Harmonie wie die geistigen Extreme. Die geistigen Extreme, die Gefühle, Motive, Gedanken und unbewussten Prozesse im Körper sind der andere Teil der Harmonie. Taijiquan soll diese zwei sehr unterschiedlichen Seiten in Form von Meditation, Atemübung, Betätigung der Gliedmaßen und geistige Prozesse zusammenbringen. Die Harmonisierung der verschiedensten Kräfte ist das Ziel.

Im Film Man of Tai Chi geht es genau um das Thema der Harmonisierung der verschiedensten Kräfte, die im Gegensatz zu einander zu stehen scheinen. Körper und Geist, Gefühle und Intellekt, Ruhe und Bewegung, Moral und Interesse, Yin und Yang etc. sollen mit einander in Einklang gebracht werden - das lehrt der Meister von Tiger. Aber Tiger ist selbst noch kein Meister. Also begreift er diese tiefere Wahrheit des Tai Chi nicht und verstößt gegen die chinesische Philosophie.

Tiger lässt sich auf die westliche Ideologie, auf das Recht des Stärkeren, auf das Faustrecht und auf den Kapitalismus ein. Nicht die östliche Weisheit, sondern die westliche Arroganz treibt ihn an. Der Gegensatz von West und Ost spiegelt so auch den Gegensatz von jung und alt, von gut und böse wieder. Das Gute ist aus dieser Perspektive heraus aber nicht die Schwarz-Weiß-Sicht, die von den Predigern der "Achse des Guten" oder der "Achse des Bösen" gefeiert wird. Das Gute ist vielmehr die angemessene Behandlung der Gegensätze.

Die westliche Philosophie und Ideologie ist zum großen Teil analytisch, auf die Einzelheit, auf das Besondere und das Ego bezogen. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Westens ebenso wie die Alltagsphilosophie der Menschen im Westen. Sie konzentriert sich auf Symptome, auf einzelne Krisenherde und Erscheinungen. Sie ist im Kern extremistisch und exzentrisch. Für alle Probleme der Welt scheint sie spezielle Wundermittel zu haben - ob für Krankheiten, Unglück oder gesellschaftliche Probleme.

Die östliche, namentlich die chinesische Philosophie ist im Gegensatz dazu tendenziell holistisch, auf die Gesamtheit, auf das Gemeinsame und gegen das Ego gerichtet. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Ostens noch immer, während der Alltag der Menschen im Osten sich immer mehr dem des Westens annähert. Die chinesische Philosophie betont dennoch die Ursachen, die Zusammenhänge und Mechanismen von Mängeln, Krankheiten, Krisen und Erscheinungen.

Dieser Gegensatz von östlicher und westlicher Philosophie wird in wenigen Filmen so brillant dargestellt wie in Man of Tai Chi. Denn der Sog der modernen, kapitalistischen Konsumgesellschaft korrumpiert nicht nur in der Realität immer mehr das Denken in Zusammenhängen und die internationale Solidarität, sondern der Sog des Kapitalismus zerstört auch den Charakter, die Persönlichkeit und die Integrität des Einzelnen. Tiger Chen im Film Man of Tai Chi ist die individuelle Verkörperung dieses Verfallsprozesses, in dem der Kapitalismus auch den letzten Rest von Kultur seinem Gebot unterwirft.

Das Gebot der Stunde, das höchste Gebot des Kapitalismus ist der Kampf "jeder gegen jeden", der allgemeine Konkurrenzkampf, die kapitalistische Konkurrenz, die Akkumulation um der Akkumulation willen. Das Gebot des Taiji ist die Harmonie der Menschen untereinander, die allgemeine Liebe zu Mensch und Natur, die harmonische Gesellschaft, die "große Einheit" (大同).

"Die große Einheit" ist eine immer wiederkehrende Idee in der chinesischen Philosophie. So idealistisch und irrig sie sein mag, so viel besser ist sie im Vergleich zur katastrophalen neoliberalen Ideologie, die die gesamte Menschheit bedroht. Der Neoliberalismus ist unter Führung der westlichen, vor allem US-amerikanischen Hegemonie, zur mächtigsten und gefährlichsten Ideologie der Geschichte geworden. Der rücksichtslose Kampf der Nationen und Gesellschaften ist im Neoliberalismus zum Dogma erstarrt und verhindert nicht nur den Weltfrieden, sondern zerstört die Grundlage aller Harmonie auf dem Planeten. Insofern spiegelt der Film Man of Tai Chi viel mehr wieder als bloß den klischeehaften Kampf von Gut und Böse oder von West und Ost. Der epische Kampf des aufstrebenden chinesischen Tai Chi-Schülers gegen das niederträchtige amerikanische Kapitalistenschwein symbolisiert den Aufstieg Chinas im Verlauf des Abstiegs der USA im globalen Maßstab.

Allerdings sollte man den Westen auch nicht völlig einseitig schlecht reden. Die besten Ideen über die Einheit der Gegensätze kommen immerhin von Deutschen. Hegel, die Hegelianer, Marx und die Marxisten brachten "die Lehre von der Einheit der Gegensätze" auf das höchste Niveau. Auch die Einheit von Theorie und Praxis, von Körper und Geist und von Absicht und Tat wurden in dieser Tradition des Denken, im dialektischen Denken, aufs höchste Level gebracht. Hegel sagte nicht umsonst ganz im Sinne der Moral von Man of Tai Chi: Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.

Fazit


Man of Tai Chi vereint die typische trashige Story vom übermütigen Helden im Kampf mit dem weisen Meister und dem abgrundtief bösen Antihelden mit einer bemerkenswerten Moral und großartiger filmischer Umsetzung in Bild und Akkustik. Der Film ist also sehenswert und wird im Laufe der Jahre zweifellos immer wertvoller werden. Chinas globale Bedeutung steigt ebenso an wie die Aktualität der östlichen Philosophie in einer multipolaren Welt voller Konflikte.


Freitag, 18. April 2014

Thesen zur deutschen Innen- und Außenpolitik im neuen Ost-West-Konflikt

1. "Arabischer Frühling" und "europäischer Frühling" sind Teil eines weltweiten Frühlings "von unten".


Die Linke war weltweit vom "arabischen Frühling" beeindruckt. Viele waren überrascht, dass ausgerechnet in den arabischen bzw. muslimischen Ländern die größten Volksaufstände unserer Epoche geschahen. Die Aufstände können mit Recht Revolutionen genannt werden, wobei zugleich die verheerenden Folgen durch die Konterrevolution beachtet werden müssen. Libyen, Ägypten, Tunesien, Jemen und Syrien sind z.B. noch immer keine Vorzeigedemokratien nach europäischem Vorbild geworden. Nordafrika und Zentralasien sind noch immer nicht sonderlich demokratisiert oder liberalisiert worden. Es braucht wohl einen verlängerten "Frühling".

Der "arabische Frühling" wurde durch rückschrittliche Kräfte eingedämmt, aber in Europa kam es zu ähnlich bemerkenswerten Bewegungen. In Russland haben Zigtausende gegen Putins Autokratie protestiert. Erfolgreicher wurde gegen seinen ukrainischen Lakaien Janukowitsch vorgegangen. Sogar gegen die Mächtigen in Deutschland, Frankreich oder Tschechien kam es zu bedeutenden Protesten. In der Ukraine sprach man von einer "orangenen Revolution". Die Weiterführung dieser Bewegung führte zum Sturz von Janukowitsch und zum Aufstieg äußerst rechtsgerichteter Konterrevolutionäre, die nun die West-Ukraine kontrollieren. Die ganzen politischen Proteste in Europa zusammengenommen könnten "europäischer Frühling" genannt werden.

Der "Frühling" im nordafrikanischen und europäischen Raum kann als Teil einer größeren Widerstandsbewegung im globalen Maßstab begriffen werden. Zwar sind die Proteste nicht sonderlich koordiniert, geplant oder zentral angeführt, außer in der Ukraine, in welcher EU- und US-Agenten die Bewegung gezielt finanziert und nach rechts gedrängt haben. Allerdings haben sie den selben politökonomischen Gehalt: Widerstand gegen die Politik und Wirtschaft der Reichen und Mächtigen dieser Welt. Oder in marxistischen Worten: Was zurzeit passiert ist die unausweichliche Aufbäumung der Produktivkräfte gegen die Produktionsverhältnisse im Rahmen des kapitalistischen Weltmarktes.

2.. Der neoliberale Spätherbst seit den 70ern ist eine präventive Konterrevolution "von oben".


Nun ist die Konterrevolution nicht bloß eine Reaktion auf den globalen "Frühling". Die Konterrevolution wurde schon in den 70er Jahren ziemlich bewusst und bemerkenswert synchron von den Eliten der Staaten und Kapitalien begonnen. Die neoliberale Wende von damals ist als Prävention "von oben" gegen die erwartete Macht "von unten" begreifbar. Sie war zugleich eine Reaktion der Herrschenden in den verschiedensten Ländern auf die Krise des Weltmarktes und der kapitalistischen Staatsmacht. Die Macht der arbeitenden Massen wurde geschwächt und die Macht der Herrschenden wurde restauriert, wie David Harvey betont.

Dieser neoliberale Rollback verwandelte sich spätestens nach der Abwahl von US-Präsident Clinton in den Aufstieg der Neokonservativen. Die "Neocons" setzten ihre kranken Ideen von einer permanenten konservativen "Revolution" in aller Welt um. Diese "Revolution" der durchgeknallten Konservativen war aber nichts Anderes als ein neues Projekt zur kolonialen, imperialistischen und chauvinistischen Unterwerfung politökonomischer Widersacher.

3. Der Ukraine-Konflikt ist Ausdruck von Fraktionskämpfen zwischen westlichem und östlichem Kapital.


China und Russland sind momentan die größten politökonomischen und geopolitischen Widersacher von EU und USA. Die US- und EU-Strategen reagieren schlicht auf die Konkurrenz durch diese zwei Herausforderer. Kurzfristig wären zwar völlig friedliche und harmonisch erscheinende zwischenstaatliche Beziehungen möglich. Allerdings planen die Geostrategen langfristiger. Kurzfristige Machterweiterungen durch Russland oder China können langfristig enorme Folgen haben.

Der Ukraine-Konflikt ist die Folge solcher Geostrategie. Unter Präsident Juschtschenko war die Ukraine EU-freundlich und sie tendierte sie zum Westen. Unter seinem Nachfolger Präsident Janukowitsch wurde sie in den Augen der westlichen Geostrategen zum Vasallenstaat Russlands. Unter Turtschinow und co. tendiert zumindest die West-Ukraine zum Westen, während ein größer werdender Teil der Ost-Ukraine sich lieber Russland anzuschließen scheint. 

Russland betreibt auch im Ukraine-Konflikt wie EU und USA ordinäre Geopolitik im eigenen Interesse. Beide Seiten des Konflikts sind vor allem Ausdruck von Fraktionskämpfen des Kapitals. Die Kapitalisten des Westens profitieren vor allem von der EU-Politik, während die östlichen Kapitalisten eher von der erstarkten Hegemonie Russlands profitieren dürften. Die chinesischen Geopolitiker wiederum haben eher ein Interesse an einem starken Russland als an einer überstarken EU unter der Hegemonie der USA. Daher gibt es ein pragmatisches Bündnis Chinas und Russlands in Fragen der russischen Außenpolitik. Aber Chinas "Solidarität" ist ebenso von eigenen Interessen bestimmt und kann schnell ein Ende finden, wie man immer wieder feststellen wird.

Es ist absehbar, dass die ukrainische Bevölkerung, vor allem die der östlichen Landesteile, unter russländischer Hegemonie besser wegkommt als unter dem Spardiktat der EU. Die westlich orientierten Ultraliberalen, Ultrarechten und Faschisten in der West-Ukraine werden die Probleme des Landes nicht lösen können. Die Lösung der sozialen Probleme ist auch gar nicht das Ziel russischer, ukrainischer oder westlicher Geopolitik. Es geht um Zugriff auf Ressourcen, Bevölkerungen und Landstriche. Bei einem Anschluss an die EU wird die arme Bevölkerung des Westens eher noch ärmer werden und die liberalen Reichen und rechten Neureichen noch reicher werden. 

4. Der Ukraine-Konflikt ist Ausdruck von Klassenkämpfen zwischen der Revolution "von unten" und der Konterrevolution "von oben".


Der Ukraine-Konflikt ist aber auch ein Ausdruck von Kämpfen zwischen "oben" und "unten". In Russland, der Ukraine und in der EU kam es seit dem Zerfall des Ostblocks zu einer Verschärfung der Verarmungspolitik. Russland und andere Ostblock-Staaten verwandelten sich in den 90ern zu großen Teilen in Länder der dritten Welt. Die Erfahrung der 90er prägt noch immer die Politik dieser Staaten im Osten. In den zentral-, west- und südeuropäischen Ländern sah es aber auch nicht gut aus. Auch dort wurden hart erkämpfte Sozialstandards in einer erneuten Offensive der Reichen und Mächtigen eingestampft. 

Die Bevölkerungen Europas wehrten sich jedoch. Es kam zu globalisierungskritischen, finanzmarktfeindlichen und neuen sozialen Bewegungen. Auch die Gründung neuer Linksparteien ist Teil dieser Bewegung "von unten". In Westeuropa sind diese linken Bewegungen teilweise wirklich prominent und bedeutsam geworden. Die neoliberal gewordenen "sozialdemokratischen" Parteien unter Führung der britischen Labour Party und der deutschen SPD haben an Anhängern verloren und werden sie voraussichtlich auch kaum wieder gewinnen. Die Linksparteien wiederum müssen entweder kluge Oppositionspolitik "von unten" betreiben oder sich in Koalitionen mit den neoliberalen Fraktionen "von oben" schlucken lassen. 

Die Ukraine ist genauso entlang von Klassenlinien gespalten. Die Reichen und Mächtigen, Politik- und Wirtschaftseliten, beuten die mittleren und unteren Klassen aus. Ob Janukowitsch, Juschtschenko oder Turtschinow - sie alle vertreten und bedienen die Interessen der europäischen, russischen und ukrainischen Ausbeuter. Sowohl die "orangene Revolution" gegen Janukowitsch als auch die heutige "Maidan-Bewegung" sind vor allem soziale Proteste gewesen. Auch einfache Menschen protestierten gegen die Politik der Ausbeuter. Aber sowohl die "orangene" wie auch die Maidan-"Revolution" wurden von neoliberalen, neokonservativen oder neofaschistischen Cliquen dominiert. Die Proteste der Maidan-Bewegung waren zunächst zwar bunt und breit gefächert. Allerdings übernahmen bald die rechten Sektoren die Führung der Bewegung. Namentlich der "Rechte Sektor" und "Swoboda" stiegen als Führer des Maidan-Platzes auf und eroberten die Regierungsmacht. Aber sie sind keine soziale Alternative zur Politik der neoliberalen Ausbeuter, sondern nur die Verschärfung dieser Politik. Die Ukraine-Krise wird daher weitergehen.

5. Innerdeutsche Diskurse hängen mit der Konterrevolution zusammen.


Die Geopolitik eines Staates kann zunächst ganz außenpolitische Ziele haben, aber man darf davon ausgehen, dass Außenpolitik immer auch mit der Innenpolitik eines Staates zusammenhängt. Die deutsche Außenpolitik hängt mit der deutschen Innenpolitik zusammen. Die BRD führt die EU an und ist im Ukraine-Konflikt der größte Widersacher Russlands. Der Konflikt mit Russland um die Ukraine hat in Deutschland eine ideologische Offensive "von oben" notwendig gemacht. Die deutsche Geopolitik muss ja nach innen und außen gerechtfertigt werden, weil die ohnehin schon gereizten Bevölkerungen nicht nur hellhörig geworden sind, was Kriegsgründe angeht, sondern auch völlig entnervt sind von der Heuchelei der Ausbeuter. Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien erscheinen als Beispiele für die bankrotte Geopolitik der "konservativen Revolution" außerhalb Europas. Die Kriegsgründe überzeugen zumindest im Nachhinein kaum noch.

Griechenland, Spanien, Portugal, Italien, Zypern und die Ukraine erscheinen als Beispiele für die bankrotte Geopolitik der "konservativen Revolution" innerhalb Europas. Die Spardiktate, Drohungen und Verleumdungen durch die Herrschenden sind nicht gern gesehen bei den Ärmeren. Aber die rechte Hetze "von oben" schafft es dennoch, beachtliche Teile der Bevölkerungen Europas entlang fiktiver Linien zu spalten. Die medialen Diskurse über die Innenpolitik in Europa sind auch Reaktionen auf die Geopolitik Europas.

6. Die Hetze gegen Linke und Friedensaktivisten in Sammelbewegungen ist auch ein Mittel der Konterrevolution.


Nur radikaldemokratische, konsequent linke und friedenspolitische Bewegungen können effektiv eine politische Wende in Europa anstreben. Das ist den bewussteren Vertretern der "höheren" Gesellschaft natürlich klar. Daher ist die Spaltung dieser Bewegungen und Sammelbewegungen mit Potenzial von aller größter Bedeutung für das Aufgehen der europäischen Geostrategien. 

Auch im Konflikt mit dem Osten sind mediale Diskurse über die Innenpolitik westlicher Staaten von großer Bedeutung. Denn tausendfach gespaltene Bevölkerungen, die die Politik der Heuchler und Egozentriker "da oben" nicht mehr ertragen, können keinen effektiven Widerstand leisten. "Teile und herrsche" ist wie immer die beste und sicherste Strategie der Herrschaften. 

Die Innenpolitik Deutschlands ist von ganz besonderer Wichtigkeit für die ganze europäische Politik. Ohne starke deutsche Friedensbewegung, ohne starke deutsche Sozialproteste und ohne eine starke Linke können die deutschen Ausbeuter weiterhin eine Politik der eisernen Hand gegenüber Ost und West durchsetzen. Die Proteste in Griechenland, Spanien, Portugal etc. sind zwar bedeutsam, aber aufgrund ihrer peripheren Stellung in der europäischen Staatlichkeit haben sie kaum eine Gewalt über die Richtung der EU-Geopolitik. Größere deutsche Bewegungen dagegen, die internationale Solidarität mit den Bevölkerungen anderer Staaten und mit den Armen und Schwachen dieser Welt beweisen, sind von aller größter Bedeutung. Antikapitalismus in Deutschland ist unendlich viel entscheidender für die Möglichkeit einer neoliberalen und neokonservativen Politik als sonstige Proteste in Europa. 

Aber ausgerechnet in Deutschland gibt es kaum Streiks, keine gewaltige antikapitalistische Bewegung und noch dazu eine auffällig verwirrte Linke. Die Linke in Deutschland zerfetzt sich mit Vorliebe, sodass die deutschen Ausbeuter ganz wunderbar auf die Alternativlosigkeit der deutschen Politik hinweisen können. Der Mangel an glaubwürdigen und greifbaren Alternativen ist der letzte Grund für die Ohnmacht der Unterdrückten und Ausgebeuteten in Deutschland. Die Linke müsste über die einzige soziale Alternative zur heutigen Katastrophenpolitik aufklären, d.h. glaubwürdig für den Sozialismus agitieren. 

Doch wie es der Zufall so will gibt es im innerdeutschen Diskurs bestimmte Themen, die eine glaubwürdige Agitation für die soziale Alternative immer wieder zunichte machen. Der Nahost-Konflikt, der Zweite Weltkrieg, innerdeutsche Probleme mit rechten Gruppierungen, rechte Tendenzen in allen möglichen politischen Lagern usw. sind vorzüglich dazu geeignet, die deutsche radikale Demokratie, Friedensbewegung und die sozialistische Bewegung zu schwächen.

Gerade aus der Unglaubwürdigkeit etablierter Gruppierungen am linken Rand heraus entstand eine sich weder als links noch rechts verstehende kapitalismuskritische Bewegung. Sogenannte "Montagsdemos" für den Frieden, die Internet-Plattform "KenFM" und diverse Individuen sind Teil davon. Der ideologische Kopf von KenFM, Ken Jebsen, gibt immer wieder zu erkennen, dass er ideologisch weit links steht und einen Großteil der klassischen linken Ideen und Forderungen teilt. Allerdings nennt er sich eher nicht explizit "links" und lehnt auch linke Parteien pauschal ab, wie es scheint. Er agitiert vielmehr für eine individualistische und anarchische Bewegung der Empörten. 

Nun haben aber diverse Kritiker aus dem linken Lager angefangen, ausgerechnet vor dieser anarchischen Bewegung zu warnen. Rechte Elemente und Führer nutzen demnach die Bewegung aus. Ken Jebsen wird einfach so, ohne allzu stichhaltige Belege, mit Leuten wie Jürgen Elsässer gleichgesetzt, obwohl ihre Ansichten überaus unterschiedlich sind. Dann gibt es noch die Gleichsetzung dieser beiden mit dem Namen Mährholz, der wohl Kontakte zu faschistischen Organisationen hat. Mährholz rief in einem sonderbaren Flugblatt zu den Montagsdemos auf. Ken Jebsen spricht regelmäßig auf diesen Demos, die von Anarcho-Wutbürgern dominiert sind.

Jedenfalls wurde aus dem linken Lager unterstellt, alle diese Individuen seien nicht nur Teil einer Bewegung, in der auch rechte Elemente herumschwimmen, sondern sie seien selbst alle "neurechts", hätten zumindest rechte Tendenzen oder seien einfach passive Opfer rechter Rattenfänger. Von Jutta Ditfurth, Attac, den Nachdenkseiten und weiteren wurde nicht nur gewarnt, sondern zum Teil die ganze Sammelbewegung als rechts verleumdet. Dass in der Bewegung auch überzeugte Linke sein mögen, ist diesen Angreifern offenbar gleichgültig. Es geht offenbar nicht um die Gewinnung kapitalismuskritischer Menschen, die sich von größeren Organisationen nicht vereinnahmen lassen wollen, sondern um die Abschreckung von unkontrollierbaren Protesten, die sich den linken Organisationen nicht unterordnen.

Zudem wird sehr unplausibel und irrational argumentiert. Allen offenbar linken Bekundungen und Kritiken rechter Ansichten durch Ken Jebsen zum Trotz wurde der selbe durchweg als rechts verunglimpft. Außerdem wird die Sammelbewegung der unorganisierten Menschen, die für Frieden, Demokratie und Transparenz protestieren, damit als "neurechts" abgestempelt, dass es in ihr einzelne rechte Ideologen gibt, die zum Teil auch klar in rechten Organisationen organisiert sind. 

Aber bisher wurde nicht beantwortet, wieso die SPD dann keine Nazi-Partei ist. Immerhin wurde Thilo Sarazzin, der extreme Rassist, Antisemit, Antidemokrat und Ideologe der oberen Zehntausend, nicht aus der "sozialdemokratischen" Partei ausgeschlossen. Außerdem macht die SPD seit genau 100 Jahren immer wieder gerne bei den deutschen Angriffskriegen mit. Ist die zugegeben jämmerliche SPD daher eine Nazi-Partei? Was ist mit der FDP, die sehr lange Zeit einige Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg als Mitglieder hatte und vielleicht noch hat? Was ist mit der CDU, deren rassistische und menschenfeindliche Rhetorik der offen faschistischer und rechtspopulistischer Parteien oft in nichts nachsteht? Auch in den Unionsparteien gab und gibt es äußerst rechte Mitglieder. Sind die Unionsparteien also keine Nazi-Parteien? Was ist mit den Grünen, die immerhin äußerst viele Ex-Maoisten, 68er oder Hippies beinhalten? Ist Bündnis 90 also eine maoistische K-Gruppe oder doch eher ein Kiffer-Verein? 

Nein, die teils kruden und rechten Ideen in einigen Köpfen einer breiten, bunten und pluralen Sammelbewegung, die ansonsten klar links dominiert ist, ist kein Beleg dafür, dass diese Bewegung rechts ist. Wenn gegen solch eine Bewegung von links geschossen wird, dann sollte es auch eine linke Kritik sein. Es sollte aber auf gar keinen Fall eine "Kritik" sein, die zu Diffamierung, Verschwörungstheorie, Irrationalismus, Heuchelei, Doppelstandards und nach maoistisch wirkender Gesinnungsdiktatur greifen muss. Solch eine "Kritik" und "Selbstkritik" führt nur zur Unterstützung der Konterrevolution "von oben" und zur Schwächung der revolutionären Kräfte "von unten". Linke Kritik an breiten Sammelbewegungen sollte es anpeilen, rational, plausibel, sauber recherchiert, wissenschaftlich und solidarisch zu sein. Das führt zur siebten These.



7. Der Slogan und die Praxis der Linken muss lauten: Hoch die (internationale) Solidarität! Punkt.