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Donnerstag, 11. Februar 2016

Ich spucke auf dein Grab - ein Meisterwerk über feministische Selbstjustiz

Wie gerufen kommt der dritte Teil von "I spit on your grave" für die deutschen Zuschauer*innen nach Silvester 2015/16. Die Serie behandelt ein überaus makabres Thema: Rache infolge von Vergewaltigung. Anders als Teil 1 und 2 ist der dritte Teil jedoch nicht bloß ein weiterer "Rape and Revenge"-Splatterfilm. "I spit on your grave III" ist vielmehr ein surreales Meisterwerk ganz im Stile von "Fight Club".

Rachesequenz aus "I spit on your grave III"
Jennifer Hills (Sarah Butler) ist die bereits bekannte Protagonistin aus dem ersten Teil, in dem sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch einige Rednecks wurde, an denen sie sich im Anschluss brutal revanchierte. Im dritten Teil hat sie mit den psychischen Folgen der Ereignisse zu kämpfen: Sie ist allgemein äußerst misstrauisch geworden, hat Alpträume und Paranoia. Überall sieht sie potenzielle Vergewaltiger. Ihren Namen hat sie zu Angela umändern lassen, um mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Auch sucht sie eine Therapeutin auf und nimmt an Gruppensitzungen mit anderen Geschädigten teil.

Gleich eine der ersten Szenen ist perfekt. Angelas Kollege spricht sie unvermittelt an und löst damit die typische Situation aus, wenn eine Frau ungewollt angemacht wird:

"Hey, Angie. Warte doch."
"Bitte nenn mich nicht immer so. Ja?"
"Komm schon. Was ist denn mit dir los? Ich meine. Rieche ich? Habe ich faule Zähne?"
"Ich möchte nur nicht Angie genannt werden."
"Augenblick, was ist mit dir? Ich versuche doch nur, nett zu sein."
"Wieso?"
"Was ist falsch daran, nett zu sein?"
"Dann sei doch nett zu Gloria oder xyz§#ß."
"Du bist ja echt schwierig. Hör zu, nicht jeder will dir gleich an die Wäsche."
"Nicht jeder, aber du."

Eiskalt abgeblitzt, bemüht sich der wirklich nette Kollege immer wieder, aber hat im Grunde keine Chance, Angela zu treffen. In einer Therapiestunde erklärt Angela den Grund dafür, d.h. ihr Weltbild:

"Da draußen ist man Raubtier oder Beute. Man muss sich entscheiden."
"Eine etwas einseitige Sicht. Glauben sie nicht an Altruismus?"
"Sie meinen die Gutmenschen? Die kann ich echt nicht ausstehen." 

Bei ihren Gruppensitzungen lernt sie die hammerharte Marla (Jennifer Landon) kennen, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte eine Männerhasserin mit viel Humor und Selbstvertrauen ist. Bis dahin konnte Angela ihr Leben kaum genießen. Gemeinsam mit Marla ändert sie fortan jedoch ihre Einstellung. Sie bricht mehr und mehr mit der klassischen Opferrolle und wird zum agierenden Subjekt. Von Marla übernimmt Angela die radikalen Ansichten:

"Für diese Frauen gibt es nur eine Hoffnung und die heißt: Rache... Und die Cops helfen dir nicht. Niemand hilft dir. Du musst dir selbst helfen. Geh deinen Weg und schau nicht zurück. Wenn das nicht hilft, nimmst du ein Messer, schlizt ihn auf und nimmst ihn aus wie einen Fisch und schneidest ihm den verdammten Kopf ab." 

Marla spricht es aus, Angela begreift sofort. Die beiden ziehen also gemeinsam los in den Krieg gegen die Männer. Ob der Kollege, der Angela kennenlernen möchte, der unbekannte Frauenschläger aus der Kneipe oder der angehende Vergewaltiger - alle werden nun zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt der beiden Racheengel. Angela muss ihre fiktive Freundin (eine Anspielung auf Marla in "Fight Club"?) sogar mäßigen. Doch ist sie bald selbst nicht mehr zu halten.

Das Hauptmotiv des Plots ist abgesehen von der Verwandlung des Opfers zur Täterin das Fluktuieren unserer Heldin zwischen staatlichem Recht, feministischer Gerechtigkeit und sadistischer Selbstgerechtigkeit. Die Polizei wirkt machtlos oder unwillig, Angela bei der Aufklärung eines Mordes an einer Freundin zu helfen. Der Staat versagt also wie so oft darin, dem Recht die Gerechtigkeit folgen zu lassen. Einzig logische Konsequenz für unsere Rächerin ist die Selbstjustiz. Sie zieht los, um endgültig zu strafen, wo der Staat nicht einmal das öffentliche Recht durchzusetzen vermag. 

Die Zuschauer*innen werden nicht nur Mitgefühl für die Vergewaltigungsopfer empfinden, sondern auch sadistische Lust bei der Bestrafung der Täter. Das ist immer der intendierte Effekt bei diesem Filmgenre. Allein, das Geniale an diesem Film, das ihn außergewöhnlich macht, ist die Überspannung der Selbstjustiz. Die feministische Gerechtigkeit verschmilzt immer mehr mit sadistischer Selbstjustiz. Denn Angela rächt sich nicht bloß. Sie rastet aus und attackiert sogar unschuldige Männer und Frauen. Unterschiedslos rächt sie sich nun also an der ganzen Menschheit. Ihre zunächst gerecht wirkende Verwandlung in eine Rächerin schlägt in einen durch nichts zu rechtfertigenden Menschenhass um. Aus der zornigen Feministin wird so eine Sadistin, aus dem Racheengel ein gefallener. Ganz wunderbar lässt sich das im Kontrast zwischen der Szene im Gefängnis und der Szene in der Mitte des Films erkennen, in der sie sich auf einen kurzen Flirt mit dem Kollegen einlässt. Dort schien es einen Hoffnungsschimmer für die verzweifelte Kreatur gegeben zu haben. Doch der Film endet düster.

Angela selbst weiß um ihre Schuld, weshalb sie Gott um Vergebung bittet. Natürlich löst dieser ihre Probleme nicht. Darum geht es in dem Film. Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun errettet die Opfer von Gewalt. Sie müssen sich selbst retten, selbst wenn es so schwer fällt wie Angela. Und genau diese Spannung zwischen den Kontrasten erhebt den Film auf den Thron des Genres.


Mittwoch, 6. Januar 2016

Lemmansky: "Bloggen ist gesellschaftspolitisch irrelevant"

Mal eine schöne selbstkritische Betrachtung eines Blogger-Leidensgenossen Lemmansky, der die Einsamkeit des Bloggens kennt, die von DER FREITAG hier kopiert wird:

"Bloggen ist gesellschaftspolitisch irrelevant"


Politisches Bloggen ist auch nicht mehr als nur ein Hobby, so wie Segelfliegen oder Bogenschießen. Wer glaubt mit seinen Texten einen gemeinen Hurrikan der Entrüstung entfachen zu können, der irrt. Die realen Auswirkungen geistreicher Texte im Internet gehen gegen Null, da der Austausch meist ohnehin nur zwischen den bereits Aufgeklärten stattfindet. Es spielt sich alles nur in einem engen Kreis von Privilegierten ab, die über die nötige Zeit, den Intellekt und die Muße verfügen, ihre Entrüstung in intellektueller Form zu äußern.

Der Blogger schreibt in erster Linie für sich selbst. Mit der Veröffentlichung seiner Gedanken erhofft er sich für einen kurzen Moment das Gefühl von positiver Anerkennung. Doch dieses Glücksgefühl ist nicht von langer Dauer und so spekuliert er darauf, sich durch intensiven Austausch und intellektuelle Arbeit auch langfristig einen Namen zu machen - Man soll ihn ernst nehmen, er will gelesen werden. Wer das erreicht, der wird nachhaltiger von der Anerkennung profitieren und sein Glück langfristig steigern.

Der Weg zum Erfolg ist mit viel Grübelei verbunden. Es ist echte Arbeit gut zu schreiben, die aber auch eine Menge Spaß machen kann, wenn man denn dafür geboren ist. Wer dabei politisch wird, der darf sich allerdings nicht der Illusion hingeben, Bloggen wäre mehr als nur ein Hobby. Sicher es schult nebenbei die Fähigkeit zum analytischen Denken und auch die Schreiberei wird einem auf Dauer leichter fallen. Doch auch andere Hobbys haben positive Nebeneffekte, die im Alltag von Nutzen sein können. Dafür bloggt allerdings niemand. Die meisten fleißigen Schreiber würden wohl höhere Ziele, wie das von einer gerechteren Gesellschaft für ihre Motivation verantwortlich machen. Manch einer hebt sich dabei jedoch auf ein zu hohes moralisches Ross. Wer diesem Ziel in voller Ernsthaftigkeit näher kommen will, der muss auf die Straße, in die Linkspartei und der muss vor allen Dingen endlich damit aufhören neoliberale Pseudoargumentationen zur Grundlage seiner Empörung zu machen. Es sitzen uns keine neoliberalen CDU’ler oder SPD’ler gegenüber, die uns ernsthaft anhand von Argumenten überzeugen wollen. Sie haben überhaupt keine Argumente für ihre Politik und sie werden auch nicht dafür bezahlt, Politik zu machen, die ihnen welche liefern würde. Sie werden lediglich dafür entlohnt auch weiterhin so zutun als hätten sie welche. Allein aus diesem Grund ist es den Aufwand überhaupt nicht Wert, mit ihnen über ihre Aussagen zu diskutieren. Das ist so als würde man zwanghaft versuchen einem Psychopathen davon zu überzeugen, dass er krank ist. Zumal der einzelne Blogger als Teil einer winzigen Gegenöffentlichkeit medial nicht mal im Ansatz gegen die geplante Brustvergrößerung einer Gina Lisa ankommt. Es ist so, wie es Jens Berger sagt: „Mit Bloggerblumen gegen Medienpanzer“. Doch selbst wenn die BILD als Königstiger unter den Panzern wochenlang auf Seite drei und vier die kritischsten der kritischen Blogeinträge veröffentlichen würde, es würde sich nichts ändern. Möglichweise würden die Leser noch ihr Geld wegen zu viel unnötigem Text zurückverlangen.

Wer seine Zeit effizient im Kampf gegen Ungerechtigkeiten nutzen will, der darf nicht Bloggen, der muss aufstehen. Worte verändern in diesen Zeiten nichts mehr. Der Bürger den es zu überzeugen gilt, der liest nicht die Hinweise des Tages auf den NachDenkSeiten. Was eine Gegenöffentlichkeit braucht ist Macht und eine Partei, die ihre Interessen vertritt. Macht gewinnt man durch Radikalität. Keine linke oder rechte Radikalität, sondern eine Radikalität der bedingungslosen Ablehnung neoliberaler Politik. Ein Albrecht Müller weiß, wie korrupt und antidemokratisch wir regiert werden. Doch auch er leistet sich häufig noch einen gemäßigten Ton, denn wer zu konsequent und radikal verurteilt, verliert seinen Zuspruch von denen, die noch im Weichspüler festhängen und Angst vor der frontalen Realität haben. Der Realität von 99%iger Volksverdummung.

Die Partei für mehr Gerechtigkeit, die gibt es bereits in Form der Linkspartei. Ihre Abgeordneten sind die einzigen, die an der Quelle sitzen und durch mehr Zustimmung wirklich etwas bewegen könnten. Auch die Linkspartei hat zweifellos Schwächen. Doch im Gegensatz zu den anderen Parteien, ist sie nicht Teil des Kasperletheaters um die Macht. Sie ist im Grunde die einzige demokratische Partei Deutschlands. Wer etwas ändern will, der muss hier ansetzen und der muss in der Realität beginnen. Hagen Rether merkt zu Recht an: "Nicht über RWE jammern und dann weiterhin dort Strom einkaufen. Einfach mal wechseln, das würde was ändern." Das gilt auch für die Blogger. Wer über den Datenschutz von facebook jammert, der sollte dort keinen Account haben, wer über die Ausbeutung der Rohstoffe von Entwicklungsländern jammert, der sollte sich nicht jeden Monat ein eines Smartphone zulegen oder jede noch so kleine Strecke mit dem Auto zurücklegen. Natürlich ist jeder neue Aufgeklärte ein Zugewinn, aber auch er ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Doch auch der der aufsteht und moralischer lebt, braucht nicht zu viel erwarten. Ob es nun die Linkspartei ist, ob es die Blogger sind - Alle samt verkennen einen entscheidenden Punkt. Die Medien sind nur solange vierte Gewalt, solange es den Menschen noch einigermaßen gut geht. Erst ab dem Zeitpunkt, von dem an die Unterschicht ums nackte Überleben kämpfen muss und der Mittelstand einen Großteil seines westlichen Lebensstandards eingebüßt hat, wird sich etwas ändern. Von da an ist es mehr oder weniger egal, was die Medien tun oder lassen. Solange wir noch nicht an diesem Punkt angelangt sind, wird sich auch nichts ändern, da können sich alle noch so die Finger wund schreiben.

Samstag, 12. Dezember 2015

Die Hetze ist gewaltig im Schlande oder: Solidarität mit vereinzelten Friedensaktivisten und Linkspopulisten

Die Hetze ist gewaltig im Schlande. Nach und nach werden Pazifisten und Friedensaktivisten diffamiert, um sie zu schwächen und zu isolieren. Denn die Bundeswehr wird seit Jahren auf Angriffskriege umgestellt und die Regierung braucht dafür die Rückendeckung der in Panik versetzten Bevölkerung. Es erinnert an das Vorgehen damals im Jugoslawien-Krieg als perfider Weise behauptet wurde, man müsse einen (Angriffs-)Krieg gegen einen neuen Hitler in Serbien (Milosevic) führen, um einen zweiten Holocaust in Europa zu verhindern. Damals ließen sich Sozialdemokraten und Grüne von dieser Wahnidee erfassen und legitimieren seither immer wieder eine aggressive Außenpolitik Deutschlands, der EU und der NATO. Ein Teil derjenigen, die sich als links verstehen, folgten dieser Argumentation. Und auch heute lassen sich Teile der Linken von den herrschenden Ideen voll und ganz aufs Glatteis führen, indem sie ebenso mithetzen - für Krieg oder zumindest gegen Friedensaktivisten. Und die Medien- und Meinungsmacher freuen sich gewiss. Dann unterstellt man auch noch einem deutschen Juden, der zufällig solidarisch und befreundet ist mit dem Sänger, Christen und pazifistischen Populisten Xavier Naidoo, dass er sich von ihm distanziert habe. Alles nur, um ehrliche Menschen medial auszuschalten.

Was sagt der Mann selber? Marek Lieberberg korrigiert die Darstellung der Medien über ihn und Naidoo:

Lieberberg: Ich distanziere mich überhaupt nicht von Xavier Naidoo. Das habe ich auch nie in irgendeiner Form geäußert. Er ist mein Künstler, mit dem ich seit mehr als zwanzig Jahren sehr vertrauensvoll und freundschaftlich kooperiere. Den ich nach wie vor sehr schätze, mit dem ich gerne weiter zusammenarbeite. Es wurden Dinge völlig aus dem Zusammenhang gerissen und in einen neuen Kontext gestellt. Und meine klaren Antworten falsch interpretiert.
... 
Ich habe mich an gewissen Textstellen gerieben. "Muslime tragen den neuen Judenstern", diese Aussage hat mich irritiert. Weil Xavier eine nach meiner Auffassung falsche Parallele zog.
... 
Wir haben in aller Ruhe und Freundschaft darüber diskutiert. Er hat meine Meinung zur Kenntnis genommen. Aber er sieht die Welt mit seinen Augen und seinem Glauben. Und er verspürt eine Verpflichtung, seine Wahrnehmung zum Ausdruck zu bringen. Er hat sich auf ermordete Muslime bezogen, seine Ansicht begründet er mit Forderungen des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der ja jüngst eine Kennzeichnung von Muslimen gefordert hat. Xavier und ich finden in diesem Punkt möglicherweise zu keinem Konsens. Aber es ändert nichts an meiner Gewissheit, dass Xavier weder homophob noch anti-jüdisch oder antisemitisch ist. Ja, es gibt einige wenige ambivalente Textstellen, z.B. als Xavier Naidoo in "Raus aus dem Reichstag" sang, dass "Baron Totschild" den Ton angibt.

Kriegs... eh, Verteidigungsministerin
von der Leyen (CDU) schwört uns auf
einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg
der Bundeswehr gegen Syrien und weitere
Maßnahmen gegen Störenfriede und
Friedensliebende ein
Nun gut. Ein kluger Mann, der selbst jüdischer Herkunft/Religion ist, unterstützt kritisch-solidarisch den Pazifisten, Liebesprediger und Christen Xavier Naidoo, dem man systematisch Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Homophobie, Menschenhass etc. nachzuweisen bemüht ist, aber doch irgendwie daran scheitert. Dass Nazis Naidoo nicht ab können, dürfte nicht wundern. Er ist schwarz, er tritt seit langem auf antifaschistischen Konzerten auf, macht offen linkspopulistische Lieder, kritisiert scharf den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft und und ist gegen Krieg. Klar hassen ihn Nazis. Dass ihn sogenannte "Antideutsche" hassen, ist auch klar, denn sie hassen jeden, der halbwegs verständliche Kapitalismuskritik formuliert und Massen politisiert und mobilisiert. Dass Grüne, Sozialdemokraten, Christdemokraten und so weiter Naidoo hassen, dürfte ebenfalls nicht wundern, sind ihre Führungen doch Kriegstreiber und keineswegs christlich motiviert. Meist sind sie auch noch biodeutsch und teils sogar rassistisch und antisemitisch wie etwa der überzeugte Sozialdemokrat Thilo Sarrazin, den die SPD auf keinen Fall rausschmeißen möchte. Innerhalb der SPD darf nämlich Rassismus und Antisemitismus vertreten werden, wenn man ein Bänker ist und der SPD dient. Wenn man aber Banken kritisiert und den allgemeinen Rassismus im Land, dann ist man für die SPD ein ganz Böser. Soweit so schlimm.

Aber auch innerhalb der Linkspartei und innerhalb linker Kreise wird Xavier Naidoo teils genauso platt betrachtet. Welche linken Kreise sind das? Eher die wohlsituierten, nicht-migrantischen, weißen, biodeutschen und an politischer Karriere orientierten Genossen und Genossinnen. Oder Linksradikale, Autonome, sogenannte "Antinationale" und theoretisch wenig geschulte Menschen, die bauchlinks sind, aber nicht couragiert genug, um jemanden wie Naidoo vor Verleumdung zu verteidigen. Man hetzt lieber mit, so als würde das die Popularität der Linken stärken. Man passt sich den herrschenden Ideen an, man biedert sich an. Das funktionierte schon 1914. Damals biederte sich die noch linke SPD den Herrschenden an und stimmte für die Kriegskredite. Nur die wirklich gut geschulten und proletarisch orientierten Milieus in der SPD bekämpften diesen Opportunismus. Heute gibt es nicht einmal solch eine Opposition von links, die eine neue linke Partei gründen könnte, wie etwa damals Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und ihre engsten Genossen und Genossinnen. Heute gibt es zwar die Linkspartei, die sich prinzipiell gegen den Krieg stellt, die aber von Kriegsfreunden und heimlichen SPD-Anhängern infiltriert ist und sich nicht traut, eine mutige und konsequente Friedensbewegung aufzubauen. Einige Teile dieser Partei wollen unbedingt regierungsfähig werden und Mehrheiten gewinnen, ohne den Kapitalismus dabei zu bekämpfen. Und sie geben die dominanten Ideen innerhalb der linken Szene in Deutschland vor. Damit prägen sie auch den linken Flügel der Linkspartei und die Gruppen links von dieser Partei, also die Linksradikalen und Marxistinnen.

Auch die besser geschulten Marxisten haben Abscheu vor Menschen wie Naidoo oder Ken Jebsen, die beide eine diffuse, linkspopulistische Kritik an der heutigen Gesellschaft und Politik formulieren und eine uneindeutige Perspektive fördern. Sie verkörpern eine Mischung aus Popularität und linker Kritik, die breite Massen erfassen kann. Das ist daher der Linkspopulismus, vor dem die Herrschneden in Europa große Angst haben müssen. Während der Rechtspopulismus nämlich keine Lösung bieten kann für die gesellschaftlichen Probleme und den Kapitalismus nicht ernsthaft angreifen kann, außer mit einem ausufernden Krieg vielleicht, kann der Populismus von links beides leisten, sofern er die Massen wirklich erfasst und von einer intelligenten Strategie begleitet wird. Die Ideen der Herrschenden würden einem linkspopulistischen Projekt schnell weichen, wenn die Linke im Land nicht so elitär, konservativ und sektiererisch wäre wie sie leider momentan noch ist. Unglücklicherweise verzichtet die deutsche Linke auf den Kampf um die Hegemonie.

Das Tragische ist dabei, dass gerade in einer Zeit, in der die Vernetzung von Teilen des Staates mit den Neonazis von der NSU immer offensichtlicher wird, in der die Hetze gegen Geflüchtete, gegen die Russen, Griechen, Moslems etc. eine lange nicht mehr gesehene Zuspitzung erfährt, sogar Antikapitalisten zu bewussten und unbewussten Anhängern der herrschenden Meinungen werden. Lächerlich wird es, wenn biodeutsche Parteimitglieder einer Partei, die Kriegstreiber und SPD-Liebhaber duldet, und die den Mittelschichten entstammen - ganz gleich, wie links sie vorgeben zu sein - gerade einem Pedram Shahyar, einem Ken Jebsen oder einem Xavier Naidoo - alle mit migrantischen Hintergrund und linkspopulistisch und friedenspolitisch engagiert - unterstellen, Rassisten, Neurechte oder Querfrontler zu sein. "Ist es nicht die eigentliche Krise, dass man sich auf seine eigenen Leute nicht mehr verlassen kann?", fragte Ken Jebsen mit Bezug auf die deutsche Linke. Ja, das ist die eigentliche Krise. Stimmt, lieber Ken.

Die Hetze ist gewaltig im Schlande - und es ist Zeit, ihr etwas entgegenzusetzen, was über die linken Minizirkel hinausgeht: Eine populäre Massenbewegung, die sich gegen Krieg, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und den Kapitalismus als Ganzes stellt. Solange die Linke sich nicht von den Ideen der Herrschenden löst, wird sie diese Aufgabe nicht lösen können. Aber wenn das Herz links schlägt, dann stirbt auch die Hoffnung in die Linke zuletzt.



Donnerstag, 10. Dezember 2015

Die Hölle als Zuschauertribüne des Himmels




Populäre Rap-Musik kann provozieren. Die wunderbar provokative Hitler-Hymne von KIZ ist ein Beispiel dafür. Der Musik-Clip zum Track überragt den Text sogar noch.

Jedenfalls endet das Video damit, dass der auferstandene Hitler sich wieder selbst erschießt, aber an der Tür zum Himmel abgewiesen wird. Der Türsteher schließt das Tor und es wird wieder dunkel um den allein gelassenen Diktator. Fast könnte man Mitleid mit dem Ausgestoßenen bekommen. Fast. Oder auch nicht.

Diese letzte Szene regt den futuristischen Blogger dazu an, über eine mögliche Variante der Strafe für verstorbene Verbrecher zu spekulieren: Die Hölle als Zuschauerbank des Himmels.

Da sämtliche Verbrecher dazu neigen, ihre Verbrechen zu rechtfertigen, glauben sie sich sicher. Entweder erfinden sie legale oder moralische Rechtfertigungsgründe für ihre Straftaten, sodass sie als tragische Figuren in den Himmel oder nach dem Tod ins Nirvana eingehen können. Hitler dachte womöglich wirklich, dass er einen irgendwie gerechten Kampf gegen eine "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung" austragen musste. Sein feiger Selbstmord sollte ihn der Bestrafung durch das Weltgericht der Bolschewisten entziehen. Und in seinem kranken Hirn stellte er sich das Nachleben entweder als Himmel für Diktatoren oder als Nirvana-Nichts vor. So wäre er ja glimpflich davongekommen.

Aber vielleicht endet die Geschichte für die Terroristen-Verbrecher nach ihrem Ableben doch eher wie im Video von KIZ? Der Diktator erhofft Himmel oder Nirvana für sich, aber tatsächlich gelangt er auf die Zuschauertribüne des Himmels. Alle guten, unschuldigen Menschen und reuigen Sünder gehen an ihm vorbei und werden vom Türsteher des Himmels ins Paradies gelassen. Für alle Ewigkeit vergnügen sie sich wahlweise mit Daim, Bitterschokoladeneis, World of Warcraft oder ganz vielen Jungfrauen und -männern oder Trauben - oder was auch immer das sündige Herz der Himmelsbewohner so begehrt.

Der enttäuschte Aussetzige dagegen und seine Kameraden, die Schwule für ihre Liebe zu Männern zusammengeschlagen haben; seine Kollegen von ISIS, die echten Moslems Köpfe abgeschnitten haben; die Kolonialisten-Siedler, die anderen Völkern ihr Land mit teuflischer Gewalt geraubt haben; die Militaristen und Imperialisten, die ihr eigenes Land und andere Länder unterworfen und zerstört haben; die demokratisch gewählten Feinde der Demokratie - sie alle sammeln sich vor der Himmelstür und kommen für alle Ewigkeit nicht rein. Zugleich hören sie von weitem die freudigen Himmelsbewohner und können durch einen Türspalt oder das Schlüsselloch alle tausend Jahre mal einen Blick hineinwerfen. Ihre Strafe ist so vielleicht viel schmerzhafter als die gewöhnliche Vorstellung von Hölle.

Obwohl man ihnen durchaus einen Gang durch sämtliche Stufen der Höllenqualen im tibetischen Buddhismus wünschen kann. Oder noch besser: Das Weltgericht durch die Bolschewiki dieser Welt, solange man ihrer habhaft werden kann. Oder eine Neuauflage der Nürnberger Prozesse. Ja, das wäre wirklich eine angemessene Strafe, von der auch die Erdenbürger noch was hätten. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.


Donnerstag, 3. Dezember 2015

Der Alte und sein neuer Sohn

Nach dem Sport traf ich gestern Abend auf zwei Männer - einen jungen und einen alten. Der Junge betreute den Alten offenbar, kannte ihn aber erst seit wenigen Stunden. Sein Schützling habe etwas an der Seele. Der Alte war betrunken und nervlich offensichtlich am Ende. Auf meine Frage hin, ob man ihm helfen könne und alles ok sei, kam er aggressiv auf mich zu, wurde aber vom Jüngeren abgehalten. Ich möge bitte den Notruf anrufen, bat letzterer. Ich kam dem nach. Aber der Ältere lehnte ab, mit den Nothelfern mitzukommen. Ich bot an, ein Wasser oder Ähnliches für den Alten zu holen. Aber der Alkohol war gar nicht das Problem, sondern verschlimmerte die Katastrophe nur. Einige Stunden zuvor hatte er seinen Sohn beerdigt, der bloß 12 Jahre alt war. Das war sein dritter verstorbener Sohn, wie er später sagte... Ich schlug vor, dass wir uns in ein Café auf einen Tee hin setzen und ihm zuhören könnten bis es halbwegs besser sei. Beide wollten lieber Bier. Also lud ich sie in dem Dönerladen am Neumarkt auf ein Kölsch ein. Zum Glück bin ich diesen Monat nicht ganz so pleite wie sonst immer. Der Alte erzählte uns unter Tränen seine Geschichte, trug uns zur eigenen Aufmunterung Gedichte von irgendeinem Heinz Erhardt vor (u.a. "Pechmariechen) und wiederholte mehrfach, der Junge sehe wie sein verstorbener Sohn aus, der auch noch den selben Vornamen trage. Zumindest der Zweitname war der selbe wie der Vorname des Verstorbenen. Die Ähnlichkeit des Jüngeren mit dem verstorbenen Sohn sei kaum zu fassen, so der gebrochene Mann. Er schluchzte, mit dem demütig nach unten zum Tisch gesenktem Kopf, während der Junge dessen leicht verletzte Hand mit beiden Händen fest hielt. Dieser schlich irgendwann - offenbar völlig überfordert - unmerklich hinaus, während ich noch vor dem weinenden Mann saß, um ihn zu beruhigen. Aber er beruhigte sich kaum. Die Flucht seines neuen Sohnes ohne Verabschiedung machte ihm zu schaffen. Er sprach davon, abtreten zu wollen. Er halte sein Leben nicht mehr aus. Und er werde den Jungen, der wie sein Sohn aussehe, nie wieder sehen. Auf dem Weg zum HBF sang er mir ein Lied auf Hebräisch und eines auf Englisch vor - und kippte um. Ich rief wieder die Notärzte. Diesmal nahmen sie ihn mit.


Das Pechmariechen


Zu Ostern in Hersfeld die Mutter spricht:
"Bald ist es Zeit für's Festtagsgericht.
Drum geh' meine Tochter hinab in den Keller
und fülle mit Sauerkraut, hier, diesen Teller."
(Jetzt ist die Tochter dran.)
"Oh Mutter, oh Mutter mir träumte neulich
von einem Mann, der Mann war abscheulich.
Lass' uns den Keller vergessen,
woll'n wir was anderes essen."
(Wieder die Mutter)
"Mein Kind, mein Kind ich seh' es genau.
Du kommst in die Jahre, wirst langsam Frau.
Siehst überall Männer, die lauern.
Geh' hol' von dem Kraut, dem sauern."

Die Tochter tut es. Sie gehet hinab.
Hinab in den Keller, der finster wie's Grab.
Sie füllet den Teller, den Teller aus Blech;
doch solang' sie auch füllt, es kommt kein Mann
so'n Pech.....

(...drum Pechmariechen)


Sonntag, 30. August 2015

Isoliert, zerstritten, elitär: Die Linken verweigern den Kampf um Hegemonie

Dieser Text von Christel Buchinger erschien bei aufstehn.wordpress.com und wird hier gespiegelt.

Die Linke und die Medien Teil 2


von Christel Buchinger

Ich wollte mit einer langen Erklärung mein Abonnement der Jungen Welt kündigen. Daraus wurde dieser Essay. Die Kündigung habe ich bereits aus anderen Gründen ausgesprochen, wegen völlig unkritischer Artikel zur Prostitution, in der die Meinungen der Prostitutionslobby platt und unkritisch wiedergegeben wurden. Aber das ist ein anderes Problem.

Ich habe die Junge Welt gekündigt, weil sie ausgerechnet an Brennpunkten der politischen Entwicklung versagt, wo es gerade heute bedeutsam ist, genau hinzuschauen, in die Tiefe zu gehen, zu recherchieren, zu diskutieren, zu fragen. Ich spreche damit neben der Berichterstattung zu Griechenland, das völlige Versagen beim Thema Geschlechterverhältnisse an, vor allem aber den Friedenswinter. Ich will den Umgang mit dem Friedenswinter, respektive mit den Montagsmahnwachen, kritisch beleuchten, wissend, dass die Junge Welt auch diese Meinungsäußerung dazu nicht ernst nehmen wird. Wer Rainer Rupp dermaßen abblitzen lässt1, schert sich um die Meinung einer ehemaligen Leserin nicht.

Bei Friedenswinter und Montagsmahnwachen deutete sich eine neue Entwicklung an, Bewegung und Aufruhr entstanden, ohne dass, wie es traditionell der Fall ist, die Linke ihre Finger im Spiel hatte. Im Gegenteil: die Bewegungen entstanden gerade auf diese Art und Weise, weil die Linke sich vor entscheidenden Auseinandersetzungen und Zuspitzungen drückt, den Kampf um Gegenhegemonie zum Neoliberalismus und zur Kriegstreiberei geradezu verweigert. Das betrifft die ganze Linke, nicht nur die gleichnamige Partei. An dem Eindruck, dass der Kampf um Gegenhegemonie verweigert wird, ändern auch die aufgeblasenen Backen von Monty Schädel und anderen Helden nichts. Weil ein Vorwurf und eine Begründung, warum man sich von den Veranstaltungen fernhalten muss, der auch von der Jungen Welt wiedergegeben wird, jener ist, unter den Demonstranten und Aktivisten des Friedenswinters und der Montagsmahnwachen befänden sich Verschwörungstheoretiker, beginne ich mit einer Verschwörungstheorie.

1.

Verschwörungstheorie im Selbstversuch

Größeren Katastrophen gehen oft Vorwarnungen voraus. Kleine Erdbeben kündigen große an, der Vulkan spuckt und raucht, bevor er ausbricht. Und so waren die Herrschenden gewarnt. Der erste Warnschuss hieß Stuttgart 21.

Viele Menschen aus Stuttgart und Umgebung engagierten sich gegen dieses Bahnprojekt, gingen auf die Straße, zogen nach Berlin, dachten sich phantasievolle Aktionen aus, gingen so weit, neue Aktionen des zivilen Ungehorsams zu erproben, zum Beispiel Bäume zu besetzen. Der Protest strahlte in das ganze Land aus. Er traf tief und breit in die Gesellschaft, erfasste viele Menschen, auch weit über die Region hinaus. Die Kritik war fundiert, sie berührte in Einzelfällen gar das Gesellschaftssystem als ganzes. Und der Prostest ist immer noch nicht zu Ende, kann jederzeit wieder ausbrechen, die Aktivisten sind noch nicht geschlagen.2

Dann kamen die Montagsmahnwachen. Der Protest entzündete sich an der Ukraine-Krise. Hier ging es nicht nur um einen Bahnhof.

Die Herrschenden sahen sich einer neuen Gegnerin gegenüber. Aus dem Nichts war eine Bewegung aufgetaucht, die üblichen Verdächtigen, Linke, Friedensgruppen waren nicht beteiligt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ähnlich empört wie die in Stuttgart, der Initiator politisch ein unbeschriebenes Blatt. Und es kam noch schlimmer: ohne organisatorischen Rückhalt durch gewachsene Strukturen, Parteien, Gewerkschaften breitete sich die Bewegung über das ganze Land aus. Es kamen einfach Leute aus allen Löchern, versammelten sich und protestierten. Zum Höhepunkt waren jeden Montag mehrere tausend Demonstranten auf den Beinen. Ähnlich wie bei den Occupy-Protesten durfte jede reden, die wollte. Und sie redeten. Gutes und Krauses. Unbekannte und Promis waren da. Auffallend viele Frauen gingen einfach ans offene Mikro und redeten los, was sie dachten und was sie erlebt hatten.

Man kann sich den Unmut vorstellen, den diese Friedensinitiative bei den Mächtigen, den Kriegstreibern, den Oligarchen, den Rüstungsgewinnlern und ihren Bütteln in Politik und Medien hervorrief. Die schöne Farbenrevolution, der Menschenrechtsaufstand wurden desavouiert. Der gut und von langer Hand vorbereitete Regimechange, das Herausbrechen der Ukraine aus dem Einfluss Moskaus war öffentliches Thema und wurde ungestüm kritisiert. Offen wurde gemacht, dass es um Krieg und Frieden ging, und das bunte Völkchen, das, wie sagt man doch gleich, aus der Mitte der Gesellschaft kam, verweigerte offen die Gefolgschaft. Dabei war alles so schön vorbereitet. Nicht dass die Herrschenden fürchten müssten, wirklich einen Fight zu verlieren, aber der Angriff ging auf den Kernbereich der Macht, aufs Ganze.

Die Herrschaft der staatsmonopolistischen Oligarchie ist selbstverständlich noch nicht angefochten, alle Herrschaftsinstrumente sind fest in ihrer Hand, sie sind waffenstarrend, sie bauen ihre Geheimdienste aus, die Polizei wird paramilitärisch aufgerüstet. Aber sie spüren, dass ihre Hegemonie, ihre Herrschaft über das Bewusstsein der Menschen, in Frage gestellt wird. Die logische Reaktion war, die Medienwalze in Bewegung zu setzen. Da kam Jutta Ditfurts Aufschlag gerade recht: da versammeln sich Antisemiten, glühende sogar, Verschwörungstheoretiker und Querfront-Anhänger und tarnen sich als Friedensbewegung! Damit gab sie die Stichworte für die Medien. Alle (fast alle) plapperten nach, kaum jemand bemühte sich hin und befragte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oder die Organisatoren, recherchierte und bewertete aufgrund von Kenntnis. Das Foto eines Nazis, der ohne Fahne oder Umhängeschild in der Menge stand, reichte. Ein Shitstorm der Medien brach los.

Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wiederum führte das zu neuer Erkenntnis der Manipulationsmacht der Medien. Viele Linke aber verjagte er gänzlich in die Mauselöcher. Um Gottes Willen nicht wieder Anlass für den Vorwurf des Anitsemitismus geben!

Ob Ditfurth wusste, wessen Geschäft sie da betrieb?

Weiter ging’s: Die Mahnwachen sind von der NPD initiiert, werden von ihr als Friedensbewegung 2.0 bezeichnet. Praktischerweise tauchte Elsässer als Redner auf, der Querfrontler, der mit Ultrarechten paktierte, dem die Nähe zu Nazis nichts ausmacht. Über Mährholz wurde enthüllt, dass er dereinst einer merkwürdigen Journalistenvereinigung angehörte, die von einem deutschnationalen Burschenschaftler gegründet worden war. Und Ken Jebsen wurde beim Rundfunk gefeuert, weil man ihm Antisemitismus vorwarf. Der Vorwerfende war damals Henryk Broder.

Antisemiten, Nähe zu Nazis, das ist normalerweise ein politisches Todesurteil. Aber die Bewegung gab nicht klein bei. Die Vorwürfe wurden zurückgewiesen, entkräftet, relativiert. Die Bewegung ging weiter, wurde größer. Die Hatz auch. Da blieben noch zwei scharfe Waffen für die Obrigkeit. Erstens die Spaltung und zweitens …

Zum ersten Punkt, der Spaltung wollen wir später kommen. Beginnen wir mit der zweiten Waffe: die Gründung einer neuen Bewegung, die geeignet ist, alle weiteren Bewegungen dieser Art zu diskreditieren und ganz nebenbei die vorhandene Wut der Menschen auf die Verhältnisse auf AusländerInnen und Muslime umzuleiten.

Man nehme: eine geklaute Idee (Mahnwachen) oder eine Idee, die im ersten Anlauf schief ging (Hogesa), ein paar V-Leute, Staatsknete, ein Thema (Angst vor Islamisten), lasse aber auch andere Themen zu, z.B. Kritik an den Medien.

Man suche sich einen Ort aus, am besten im Osten Deutschlands, dort ist die rechte Szene stark.

Über die sozialen Netzwerke wird der Aufruf lanciert. Erste Aufmärsche werden von der Presse hochgeschrieben, das ganze von Rundfunk und Fernsehen mit einer Mischung aus Grusel und Neugier übergossen. Immer mehr Demonstranten nahmen teil, tausende waren es schnell, die Zahl Zehntausend wurde überschritten. Es gibt genügend Unzufriedene. In anderen Städten ging’s weiter: wiederum ein paar V-Leute, Geld, Medienrummel. Die Vorwürfe von Medien und Politik waren die gleichen wie bei den Montagsmahnwachen: Rechtsradikale und Antisemiten, Rassisten und Fremdenhasser. Da die Nazis zu den Demos mobilisierten, war das stimmig. Was die Masse der Demonstrierenden wollte oder dachte, wer wusste das? Angereichert wurde noch durch Todesdrohungen durch Antideutsche gegen den sog. Initiator Bachmann.

Und dann der Knaller: Bachmann, einer der Strippenzieher erschien im Internet als Hitlerimitator und verbreitete auf seinem Facebook-Account bösartige, rassistische Sprüche gegen Flüchtlinge. Beweis erbracht. Beweis organisiert. Die Demonstranten wurden weniger, die Nazis übernahmen und bekräftigten damit den „Beweis“. Bachmann trat erst zurück, kam dann wieder.

Im Folgenden wurden Montagsmahnwachen mit Pegida und seinen Ablegern konsequent in einen Topf geworfen. Das war’s.

Das alles wäre leicht durchschaubar gewesen, wenn es nicht die Flankierung von links gegeben hätte. Sie verlieh dem Schmierentheater Glaubwürdigkeit. Wenn Bildzeitung, Welt, Zeit, Linke und Friedensaktivisten das gleiche sagen, muss es ja stimmen. Den Friedenswinter diskreditieren mittels Montagsmahnwachen, das kann nur die Linke selber leisten. Deshalb kommen wir jetzt zur ersten oben genannten Waffe, der Spaltung.

Auch hier stand am Beginn Jutta Ditfurth. Sie gilt als Linke. Ihr Angriff galt vordergründig Jürgen Elsässer. Sie zielte auf Elsässer, aber sie meinte die Friedensdemonstrantinnen und -demonstranten. Jürgen Elsässer hat seine politische Karriere ganz links begonnen, beim Kommunistischen Bund, er publizierte bei der linken Tageszeitung Junge Welt. Inzwischen ist sein Markenzeichen die Vermischung von linken und rechten Positionen. Er ist ein Rechter, aber kein Nazi. Ihn als „glühenden Antisemiten“ zu bezeichnen, war völlig überzogen. Wer es dennoch tut, will nicht kritisieren, sondern eine Kampagne eröffnen. Und das war dann auch der Fall. An ihr beteiligten sich Antideutsche, die sich selber als links bezeichnen, aber kaum dieser politischen Seite zugerechnet werden können, es beteiligten sich aber auch Linke aus der Partei DIE LINKE und aus der Friedensbewegung; es beteiligten sich ebenso linke Presseorgane wie das Neue Deutschland, die Junge Welt oder die linksliberale Wochenzeitung Freitag sowie die Zeitschrift konkret. In Facebook und in Blogs waren der Shitstorm kaum noch zu überschauen. Ein Grundmuster war das „In einen Topf werfen“. Pegida und Montagsmahnwachen, Elsässer und Jebsen, Pegida und Friedenswinter. Ein anderes war der Angriff auf alle, die es wagten, die Vorwürfe zu relativieren oder gar sich an den Montagsmahnwachen zu beteiligen. Die Jungle World schrieb: „Na, von wem ist hier die Rede? Vom Pegida-Mob oder vom Mahnwachen/Friedenswinter-Mob? Von beiden! So groß ist der Unterschied nicht. Der Friedenswinter ist Pegida für Linke und Pegida die Mahnwachenbewegung für Rechte.“ Die Partei DIE LINKE fasste schnellstens Unvereinbarkeitsbeschlüsse wie seinerzeit die alte Tante SPD: Wo Montagsmahnwachen drin sind, wird von der Partei nicht finanziell unterstützt. Einzelne Linke, die sich über den Bannfluch hinwegsetzten, waren Angriffen ausgesetzt. Es traf zum Beispiel Prinz Chaos II., Pedram Shahyar, Dieter Dehm und Heike Hänsel, die bei den Mahnwachen auftauchen, sowie Friedensaktivisten wie Reiner Braun, der das Gespräch und die Zusammenarbeit suchte. Wer sich den Montagsmahnwachen, und sei es auch nur interessiert, näherte, wurde sofort angegriffen. Viele zogen den Schwanz ein. Die Unvereinbarkeitsbeschlüsse von diversen Friedensinitiativen folgten.

Nun war es ein Leichtes den Friedenswinter in aller Gemütsruhe ebenfalls fertig zu machen. Das schafften Linke ganz allein. Da mussten die Medien gar nichts mehr tun. Die ersten Erklärungen zur Nichtteilnahme am Friedenswinter von VVN bis DKP verhallten medial, aber nach innen hatten sie Wirkung. Auch Tobias Pflügers Distanzierung war sicher wirksam. Im Ergebnis war die alte , linke Friedensszene gespalten, der Friedenswinter konnte nicht die notwendige Kraft entfalten. Das Spiel der Herrschenden war aufgegangen.

2.

Verschwörungen

In Deutschland ist „Verschwörungstheoretiker“ ein Schimpfwort. Warum ist das so? Und warum greift sogar die Linke auf diese Bezeichnung zurück? Auch unter Linken ist doch bekannt, dass es Verschwörungen gab und gibt. Große Verschwörungen, wie diejenige, Hitler an die Macht zu bringen. Den Tonkin-Zwischenfall, den die USA-Regierung erfand, um den Vietnamkrieg zu beginnen. Es waren Linke, die große Verschwörungen enthüllten. Die Enthüllungen um Gladio und die Stay Behind-Truppen der NATO haben Verschwörungen gegen die Nachkriegsdemokratien in schwindelerregendem Ausmaß gezeigt. Putsche und Putschversuche in Herzen Europas waren die Taten dieser Gladios. Hätten wir das in den Siebzigern behauptet, was wäre passiert?

Verschwörungstheorien gibt es, weil es Verschwörungen gibt. Viele Verschwörungstheorien wurden im Laufe der Zeit bestätigt. Dass Terror und Staat vom gemeinsamen Teller essen und gemeinsam Leichen im Keller haben, vermutete Hannes Wader in den Siebzigern. Wer hat darüber gelacht oder den Kopf geschüttelt? Spätestens seit 9/11 versuchen die Herrschenden und ihre Medien, jene Menschen zu verleumden, lächerlich zu machen, die der viel lächerlicheren offiziellen Erklärung zu den Anschlägen eigene Recherchen entgegenstellen. Sie nennen sie Verschwörungstheoretiker.

3.

Zweiter Selbstversuch einer Verschwörungstheorie

Etwas, was in Demokratien oder aufgrund des Völkerrechts nicht durchsetzbar ist, aber gewollt von Mächtigen, wird heimlich durchgezogen. Das nennt man eine Verschwörung. Es wird dazu eine Geschichte fabriziert, das ist die dazugehörige Verschwörungstheorie der Herrschenden. Das Problem an Verschwörungen ist, dass sie früher oder später auffliegen. Dann wird die bisher in Umlauf gebrachte Story, die alle Medien nachgebetet haben, in Frage gestellt und investigative Journalisten zum Beispiel arbeiten an einer neuen Geschichte. Diese werden nun von den Medien, von interessierten Kreisen, von Geheimdiensten, die in die Verschwörung verwickelt waren, ironischerweise als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Und damit das V-Wort auch ein Schimpfwort ist oder wird, beteiligen sich die „Dienste“ im Auftrag der Oberen an der Produktion von Verschwörungstheorien, verrückten und absurden oder glaubwürdigen. Beide Sorten kann man gut brauchen. Die glaubwürdigen, damit viele kritische Menschen, die den Oberen nicht mehr alles glauben, sich damit beschäftigen und verwirrt werden, wenn die Unglaubwürdigkeit der Theorien nachgewiesen wird und absurden, damit man dann die Verschwörungstheoretiker öffentlich und medienwirksam lächerlich machen kann.

Ich glaube also, dass die Geheimdienste des Westens und ihre Beauftragten das Internet mit Verschwörungstheorien überschwemmen, um die wirklichen Verschwörungen unsichtbar zu machen. Darauf fallen viele rein. Auch Linke. Auch die Junge Welt.

4.

Noch einmal zu den Montagsmahnwachen

Es waren ganz normale Menschen, mehrheitlich Männer. Das zeigen die Videos, die es in großer Zahl im Internet über die Montagsdemonstrationen, die sich Mahnwachen nannten, gibt. Es war der Durchschnittsbürger, der da hinging. Auch ein paar alternativ aussehende, buntere, langhaarige, auffälligen Schmuck tragende. Was sie dachten und sagten, dachten und sagten viele. Sie hatten die Nase voll. Sie wollten von den arroganten Medienfuzzis und deren Brötchengebern, den Medienmogulinnen und -moguln nicht mehr belogen werden. Sie wussten folglich, dass sie belogen wurden. Sie wussten, dass die Lüge vor allem Urständ feiert, wenn es um Krieg geht.

Sie informierten sich im Internet und vieles durchschauten sie, wenn auch nicht alles. Aber das ist kein Wunder. Wer durchschaut schon alles. Sie sahen, dass aus Putin ein Monster gemacht wurde, obwohl er sich im Ukraine-Konflikt ganz rational verhält, rationaler verhält sich kaum ein westlicher Regierungschef. Sie sahen, dass da ein Putsch stattgefunden hatte, der aber vom Westen gutgeheißen wurde. Sie sahen, dass dieser Putsch weitgehend von außen gesteuert worden war, von den Regierungen, den Stiftungen, den Geheimdiensten, dem Establishment der USA und Europas.

Sie merkten, dass die Kriegsgefahr, die in den letzten Jahrzehnten immer nur Asien und Afrika betraf, nun näherrückte. Sie wollten keinen Krieg, sie hielten Krieg für Irrsinn und sie hatten begriffen, dass die Medien und die Politik für die Propagierung dieses Irrsinns verantwortlich sind. Mehr noch: Sie erkannten, dass die Kriege nicht nur mit dem Rohstoffhunger des Westens zu tun haben, sondern mit seinem Wirtschaftssystem überhaupt, dem Kapitalismus.

Sie fingen an zu begreifen. Daran trägt die FED3 die Schuld, sagten einige. Die FED steht für das Bankensystem. Occupy nannte das Kürzel für das Finanzkapital „Wallstreet“. Mit Lenin wissen wir, dass das Finanzkapital die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist, unter der Hegemonie der Banken. Die Verquickung amerikanischen Kapitals mit Hitler und dem deutschen Faschismus ist mittlerweile gut dokumentiert, siehe z.B. „Kein Blitzkrieg ohne USA – Nicht nur die deutsche, auch die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten liebte Hitler und verlängerte profitträchtig den Zweiten Weltkrieg“ von Werner Rügemer4. Die Mahnwachler, die anfingen zu begreifen waren auf der richtigen Spur. Was taten Linke? Gingen sie hin und diskutierten mit? Nein! Sie mäkelten herum, dass nur die FED genannt wurde, nannten das strukturellen Antisemitismus, angeblich, weil dort viele in den Chefetagen Juden seien. Das wisse man im Prinzip und würde Kritik an der FED nutzen, um die Juden zu treffen. Die meisten MahnwachlerInnen hatten bis dahin wahrscheinlich keinen Gedanken darauf verwandt, dass in der FED vielleicht Juden sitzen.

Es gab unter all den Rednerinnen und Rednern, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch ganz absonderliches Gedankengut.Wie im Querschnitt der Gesellschaft auch. Allerlei Mythologisches, Spirituelles und Verschwörungstheoretisches. Wobei weder Mythologie noch Spiritualität oder Verschwörungstheorien per se absonderlich sind. Mythologien sind für das Begreifen der menschlichen Geschichte und der Ideengeschichte wichtig, Spiritualität ist für viele Menschen ein zentraler Lebensinhalt und Theorien zu Verschwörungen sind notwendig, weil es Verschwörungen gibt. Wie sich zuletzt in der Ukraine zeigte.

Warum wurden die Herrschenden nun so nervös? Ganz einfach: Als die Occupy-Bewegung über den Globus rollte, waren das viele, aber es waren die üblichen Verdächtigen. Es waren Jugendliche, junge Menschen, Linke und Alternative. Leicht marginalisierbare Leute, die man nur in ein paar gewalttätige Auseinandersetzungen verwickeln musste, und schon war der gute Ruf hin.

Occupy hatte eine eigene Kultur entwickelt. Jeder Anwesende durfte reden. Man wollte Basisdemokratie, keine Hierarchien und keine Gurus. Das Links-Rechts-Schema wurde zunehmend in Frage gestellt oder ganz abgelehnt. Herkömmliche Politik und Politiker hatten bei ihnen verspielt. Und genau diese Kultur übernahmen die Montagsmahnwachen. Occupy war bei den Normalen und Durchschnittlichen angekommen. Und nun wurde es für die dauerhafte Hegemonie der Herrschenden eng.

Und noch etwas war anders. Es waren keine Demos, die Forderungen an die Politik stellten. Es waren Versammlungen, die Leute zusammen brachten, die selber etwas ändern wollten und überlegten, wie das gehen kann.

Klaus-Peter Kurch, ein kluger Linker, der den Opablog betreibt, beschreibt, was ich nur aus der Ferne über youtube sehen konnte, sehr schön: „Ganz ähnlich erlebe ich die Situation wöchentlich auf den Montagsmahnwachen. Außerhalb gewohnter Bahnen bewegen sich Informationen zwischen den Menschen, und zugleich sind die Menschen begierig, sich mit Informationen, auch “unüblichen”, auseinanderzusetzen. Das ist ein breiter Fluss, der auch trübe Bestandteile mit sich führt. Vieles passiert doppelt und dreifach, Informationen behindern sich gegenseitig, manchmal macht sich Abstruses breit. Doch ich glaube, dass das Äußerlichkeiten sind. Das Beständige, Innere, das sich auszuprägen scheint, ist ein Prozess komplexer Informationsverarbeitung zu Kernfragen, Grundfragen, Lebensfragen der Menschen durch die eigene Initiative der Menschen. Sie sind spontan und Viele durchaus aufmüpfig in den direkten wechselseitigen Austausch gegangen. Für die modernen Götterorakel, “Massenmedien” genannt, diese “Medien” die statt Mittler zwischen den Menschen und der Welt zu sein, in Wahrheit eher Irrgartenspiegel sind, für die wird der Platz plötzlich knapp. Da geschieht, allem Anschein nach, etwas Enormes.“ Schön gesagt und gut gesagt!

Aber nur wenige Linke reagierten wie Klaus-Peter Kurch und sahen sich das ganze selber an. Zeitungs- und Blogseiten wurden vollgeschrieben von Linken, die nie persönlich bei einer Montagsmahnwache waren oder mit einem Teilnehmer oder einer Teilnehmerin gesprochen hatten.

5.

Junge Welt drückt sich und entlarvt die Lüge nicht

Am 11. Oktober gelang überraschend der Schulterschluss, als Vertreterinnen und Vertreter der Montagsmahnwachen an der Aktionskonferenz der Kooperation für den Frieden in Hannover teilnahmen. Alte und neue Friedensbewegung redeten miteinander. Bis dahin war der Weg steinig. Einzelne Linke und ProtagonistInnen der traditionellen Friedensbewegung, die sich bei den Montagsdemonstrationen blicken ließen, dort gar redeten, wurden bezichtigt, Nazis auf den Leim zu gehen, Querfrontpolitik zu unterstützen, mindestens ernteten sie Kopfschütteln.

Die Wellen im linken Lager schlugen zeitweise hoch. In einer solchen Situation käme einer linken Tageszeitung wie der Jungen Welt die Rolle zu, analysierend, klärend, kommunizierend einzugreifen. Bezeichnet sich die Junge Welt doch selbst als eine Zeitung, die die Wahrheit sagt, wo andere lügen. Und diese Lügen dienen ja nicht selten der Hetze. Gegen Putin, gegen Russland, gegen die Armen, gegen Roma, gegen Muslime. Dienen auch der Kriegsvorbereitung. Der Feindbildproduktion. Und wenn die Junge Welt den Anspruch formuliert, dort die Wahrheit zu sagen, wo andere lügen, muss sie das dann nicht überall tun, wenn sie glaubwürdig sein will? Muss sie die Wahrheit nicht in allen Fragen suchen? Auch wenn es wehtut? Die TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen hatten im Übrigen einen ähnlichen Anspruch, nämlich die Mauer der Desinformation zu durchbrechen. Eigentlich also ein positiver Grund hin zu gehen.

Als allerdings die „Qualitätsmedien“ die Montagsmahnwachen eine Versammlung, von Spinnern, Neu-Rechten, Antisemiten und Verschwörungstheoretikern nannten, mischte die Junge Welt in diesem Chor mit. Die seltene Übereinstimmung, kam ihr nicht komisch vor. Was tat der zuständige Redakteur der Jungen Welt, Sebastian Carlens? Er gab die ganzen Vorwürfe von Ditfurth und den Mainstreammedien kritiklos und ohne den Aufwand von zusätzlicher Recherche weiter. Das war bequem vom Sessel in der Redaktion aus zu erledigen. Die Junge Welt, sonst Dokumentaristin noch des winzigsten Autonomenaufmarschs, ansässig in Berlin, große Reisekosten waren also kaum zu erwarten, hat noch nicht einmal verdeckte Aufklärer zu den Demos geschickt. Um die Ecke zum Brandenburger Tor zu gehen, war zu viel verlangt? Oder wollte man, da das Label des Antisemitismus schon angeheftet war, dort nicht gesehen werden? Ich halte das für einen möglichen Beweggrund für das Nichtdahinbewegen. Es ist natürlich feige.

Auch nachdem einige Linke neugierig geworden waren, aber auch besorgt und Kontakte aufnahmen, dort sprachen, auch in anderen Städten sprachen, änderte Sebastian Carlens seine Haltung nicht. Haben also die Leserinnen und Leser der Jungen Welt keinen Anspruch, diesbezüglich informiert zu werden?

Die Medien griffen sich einzelne Personen heraus. Die Junge Welt folgt ihnen.

Die Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Ulla Jelpke, die ich ansonsten schätze, verging sich an Ken Jebsen. Mit einer hanebüchenen „Beweiskette“ will sie ihn des Antisemitismus überführen:

„Mit dabei ist auch der frühere RBB-Moderator Ken Jebsen (…) Jebsen musste den RBB nach bis heute nicht ganz aufgeklärten Antisemitismus-Vorwürfen verlassen. Ob diese zutreffen, kann dahingestellt bleiben – in jedem Fall vertritt der Mann Positionen, die eine antisemitische Interpretation nahelegen. So weist er bezüglich der Schuld am Zweiten Weltkrieg auf seiner Homepage darauf hin, dass »Firmen wie Shell, die damals zu 40 Prozent in jüdischem Besitz waren, 40 Millionen Reichsmark an die NSDAP spendeten«“.

Die Vorwürfe sind also nicht ganz aufgeklärt, ihre Klärung kann aber unterbleiben? Jelpke weiß natürlich um die Finanzierung der Nazis durch amerikanisches Monopolkapital und auch um deren Sympathien für den Faschismus. Sie weiß natürlich um den Aberwitz, dass mit dieser Finanzierung auch Juden den deutschen Faschismus unterstützten, weil Kapital keine nationalen, religiösen oder kulturellen Grenzen kennt, wenn es um Profit und Herrschaft geht. Auch kein eigenes Volk.

Weiter schrieb sie:

„Medienvertreter, die kritisch über ihn berichten, fordert er auf: »Würdet ihr klassisches Pay-TV anbieten, könnte man euch schon kommenden Monat keine Löhne mehr zahlen. Oder muss man sagen, fiele der Judaslohn weg.«“

Ist – Teufel nochmal – die Benutzung des Begriffs Judaslohn Beweis einer antisemitischen Gesinnung? Und dann kommt es ganz bizarr:

„Da Jebsen zudem unaufhörlich vom »Fed-Imperium« spricht, kann man das nur als Unterstellung lesen, die Medien seien jüdisch kontrolliert, um im Auftrag der (jüdischen) Federal Reserve die Welt unter Kontrolle (des Judentums) zu behalten.“

Kann man das? Ich meine nein. Auch nur wenig genaueres Hinsehen, hätte den Aberwitz dieser „Beweiskette“ gezeigt. Ginge sie noch einen Schritt weiter, sie landete bei den Antideutschen, für die Kapitalismuskritik und Kritik am US-Imperialismus „strukturell antisemitisch“ sind.

Nachdem Ulla Jelpke sich mit den Montagsmahnwachen auseinandergesetzt hatte, nicht ohne die Vorwürfe ihrerseits ungeprüft zu wiederholen, aber immerhin mit dem Ziel, jetzt eine linke Debatte zu beginnen, schob die Junge Welt einen Artikel aus der Feder von Peter Strutinsky nach, in dem dieser ohne einen einzigen Beleg behauptete, die neue Friedensbewegung sei von der NPD ins Leben gerufen. Auf welche Erkenntnisse stützte er sich dabei? Wer sind seine Zeugen? War er da? Hat er mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesprochen? Er führte keinerlei Belege an. Er ist Wissenschaftler. Er weiß, was er tut, wenn er etwas behauptet, ohne es zu belegen. Der Artikel strotzte von Unterstellungen und von verletzter Eitelkeit des Autors. Traute sich da eine Friedensinitiative auf die Straße, ohne die Erlaubnis der erlauchten etablierten Friedensbewegung zu erbitten!

Der Geschäftsführer der Genossenschaft Junge Welt, Dieter Koschmieder, konnte ebenso nicht an sich halten, diese neuen Friedensinitiative zu verteufeln.

Auch er arbeitete sich an Ken Jebsen ab und warf ihn mal schnell in einen Topf mit Jürgen Elsässer und Pegida. Ist das gut recherchiert? Ist das die Wahrheit? Jebsen wird mit den anderen o.g. Verdächtigen vorgeworfen, er rede dafür, das gute nationale Kapital gegen das böse ausländische verteidigen, mittels christlichem Glauben die islamische Verrohung zu bekämpfen, abendländische Werte zu vertreten und nicht links oder rechts und oben und unten zu sehen sondern nur das deutsche Volk, zu fragen, wer uns vor Fremden schütze usw. Das ist infam!

Wieder die Frage: Wo sind dafür die Belege, wo ist der Beleg für auch nur einen der Punkte? Gibt es Zitate? All das gibt es nicht. Es bleibt dabei: Jede einzelne Behauptung ist üble Verleumdung. Dass er auf das Feindbild der Mainstreammedien reinfällt, wäre noch die freundlichste Unterstellung. Es könnte auch sein, dass er einen alten, miesen, kleinen Meinungsmachertrick anwendet, nämlich einen Unliebsamen in den Sack mit anderen Wüstlingen stecken, Beschuldigungen zu nennen, die auf die anderen zutreffen und dann draufzuschlagen.

Danach war wieder Funkstille bei der JW. Dabei wäre eine Analyse der Bewegung notwendig und hilfreich gewesen und für die Junge Welt auch nicht so sehr aufwändig. Am anderen Ende der Republik sitzend war es mir zumindest möglich, über die von den Versammlungen eingestellten Videos einen guten Eindruck davon zu erlangen, was sich dort abspielte. Natürlich waren da seltsame Gestalten dabei. Aber war das in den Achtzigern bei der damaligen Friedensbewegung nicht auch so? Wenn wir das damals abgeblasen hätten wegen der Esoteriker, der Spinner, der Rechten, hätte es eine große Friedensbewegung nicht gegeben. Da waren Generäle dabei. Mechtersheimer war eine zentrale Person in der Bewegung. Hat er sich wirklich erst danach als einer vom rechten Rand erwiesen?

Zurück zu den Mahnwachen. Ein soziologischer Schnelltest erbrachte kurz darauf, dass das ganze Geunke von der Nazi-Friedensbewegung wohl Quatsch war. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen verortete sich eher links. Das wurde von der Jungen Welt etwas pikiert zur Kenntnis genommen, aber Konsequenzen wurden keine gezogen.

Zweidrittel bis dreiviertel der Deutschen sind gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr und für eine friedliche Politik. Da sind die nicht deutschen Menschen, die bei uns leben, noch gar nicht gerechnet. Die Junge Welt und andere Linke räsonierten jahrelang darüber, dass diese Friedensfreunde sich leider, leider nicht mobilisieren ließen. Das war offenbar Quatsch. Der Linken und der linken Friedensbewegung gelang es nicht, diese Leute zu mobilisieren. Dass sie mobilisierbar waren, haben die Montagsmahnwachen gezeigt. Offenbar waren einige Leute darüber so beleidigt, dass sie lieber in den Chor der Medien einfielen, als sich freuen zu können, dass es Bewegung gibt und dass man reden kann. Nein. Selbst die Junge Welt sprach von „Wutbürgern“. Geht’s noch?

Wich die Skepsis, als TeilnehmerInnen der Montagsmahnwachen und Teile der Friedensbewegung zum Friedenswinter mobilisierten? Machte der verantwortliche Redakteur Sebastian Carlens sich kundig? Wieder nicht! In der Schmollecke in der Redaktionsstube saß er und produzierte ein „manipulatives Traktat“ (Rainer Rupp) und nannte es „Formierte Gegenaufklärung“. Rupps Bezeichnung „manipulativ“ trifft das Wesen des Artikels gut. Sein lang geratener Einstieg ins Thema suggeriert marxistische Analyse. Ohne dass er den Leuten der Mahnwachen etwas konkretes nachsagen kann, außer dass sie die Fed verantwortlich machen für die Kriegsgefahr, spannt er einen suggestiven Bogen vom Friedenswinter über Pegida undAfd zu angeblich „neuen Inflationsheiligen“. Da gehört Elsässer dazu, dessen rechtsradikale Gesinnung wird genutzt, um auch Jebsen zu entlarven, auch diesmal ohne einen konkreten Vorwurf. Der Artikel erschien in der gleichen Ausgabe, wie ein Interview mit Monty Schädel, in dem dieser in der gleichen Art wie Carlens ohne Beweise die Montagsmahnwachenleute zum rechten Rand erklärt. Eine Breitseite der Jungen Welt gegen den Friedenswinter also. Schädel ist Vorsitzender der DFG/VK. Auf seiner Website steht geschrieben, er habe mit anderen Aktivisten zusammen die Proteste gegen den G8-Gipfel in, Heiligendamm organisiert. Hört sich etwas überheblich an. Dass Schädel im besten Falle ein Sempliciotto, im schlechteren Falle ein übler Provokateur ist, zeigt er, wenn er in dem Interview skandalisiert, der Journalist Ken Jebsen teile alle Meinungen seiner Interviewpartner von weit rechts bis weit links. Er findet, die Friedensbewegung solle sich wieder auf ihre bewährten Strukturen stützen und den „Friedenswinter“ beenden. Und das, obwohl er zugibt, in der Ukraine-Frage habe die Friedensbewegung versagt. Er sagt das so dahin, dabei handelt es sich um den für den Frieden in Europa gefährlichsten Konflikt gegenwärtig. Da hat die Friedensbewegung halt mal versagt. Und wenn die Montagsmahnwachen nicht stattgefunden hätten? Dann wäre es bei diesem Versagen geblieben, nicht wahr?

Der Friedenswinter habe mit der Friedensbewegung, wie er sie kenne, nichts zu tun, teilt der Ossi Schädel mit. Ja eben, die alte große, starke, breite Friedensbewegung, in der alle politischen Meinungen und Haltungen außer faschistischen willkommen waren, eine ohne Gesinnungsprüfung für die, die mitmachen wollten, eine die auch Militärs willkommen hieß und Kapitalisten, das kann sich Schädel nicht vorstellen. Weil er sich nicht vorstellen kann, was er nicht selber erlebt hat? Wahrcheinlich kann er nur eine Friedensbewegung gut finden, die ihm selber ein Podium ohne Konkurrenz für seine Selbstdarstellung bietet.

Reiner Rupp, der den Skandal dieser JW-Ausgabe benannte, wurde abgefertigt, seine Aufforderung, eine breite Debatte in der Jungen Welt zu führen, kaltschnäuzig abgelehnt. Dagegen darf ein Leander Sukov einen „Debattenbeitrag“ leisten – in welcher Debatte? And who the hell is Leander Sukov? Doch nicht der mit der angeblich „wuchtigen Sprache“? Und was hat nun ausgerechnet Leander Sukov befähigt, diese Zusammenfassung zu schreiben? Vielleicht eine Auftragsarbeit weil er Geld brauchte. Der Beitrag ist weniger als eine schmalbrüstige Zusammenfassung aller Vorurteile, die in der JW bereits serviert wurden.

Das alles Revue passieren lassend, könnte man auf eine neue Verschwörungstheorie kommen: Die Junge Welt ist vom Gegner gekapert.

6.

Zum Schluss

In der Jungen Welt ist der Zustand von Teilen der Linken abgebildet, jener Linken, die sich radikal oder marxistisch oder kommunistisch oder alles gleichzeitig wähnen. Kennzeichnend für diese Linke ist, dass sie gesellschaftlich isoliert ist. Dies führt sie selber gerne auf den noch immer wirkenden Antikommunismus und die Linkenhatz zurück. Aber der Antikommunismus hat viel von seiner Wirkung verloren, nicht nur bei jungen Menschen. Die radikale Linke betreibt vielmehr eine sehr effiziente Selbstisolierung. Sie wirkt nach außen unattraktiv. Attraktivität ist aber Teil der Fähigkeit, eine Gegenhegemonie gegen die neoliberalen Machteliten aufzubauen. Die radikale Linke aber ist abgeschottet von der Gesellschaft, zerstritten, misstrauisch, gibt sich elitär und teilweise rückwärtsgewandt, ist voller Vorurteile und wahrscheinlich durchsetzt von Agenten. Sie bietet reichlich Platz für Selbstdarsteller, Wichtigtuer, Halbgebildete und Looser, die sich durch ihr Dabeisein Bedeutung zu geben versuchen. Die Linke hat kein Charisma und sie findet das noch nicht einmal traurig. Sie sind stattdessen gerne graue Mäuse, Hauptsache, sie haben Recht.

Die Selbstisolation hat Folgen. Von Veränderungen in der Gesellschaft, die sich unter der Oberfläche vollziehen, bekommen sie nichts mit. Sie bemerken nicht, dass die Hegemoniefähigkeit der herrschenden neoliberalen Machteliten schwindet. Dass der gesellschaftliche Konsens brüchig wird. Dass die Menschen anfangen, selber zu denken, dass diese überall spürbare Aufmüpfigkeit Ausdruck von sich ändernden Verhältnissen ist. Es gibt einen Trend zur Selbstermächtigung. Immer mehr Menschen nehmen wahr, dass ihre Interessen, die Interessen der Mehrheit, von den Herrschenden ignoriert werden, was sich auch in sinkenden Wahlbeteiligungen äußert. Die radikale Linke hingegen lässt sich von 70 Prozent Zustimmung für Schäuble und Merkel in Umfragen blenden, obwohl sie um den Schwindel mit Umfragen weiß und übt sich lieber in Publikumsbeschimpfungen, als dass sie ihre Wichtigtuerecke verließe.

Und so hält sie die Gesellschaft auch nicht für würdig, dass sie ihr Vorschläge macht. Sie macht keine Angebote an jene Menschen, deren Misstrauen in den Kapitalismus wächst. Sie formuliert keine Zukunftsinteressen und -forderungen. Wo in der ach so radikalen Linken diskutiert jemand über den Ausweg aus dem Kapitalismus und wie es in Richtung Sozialismus gehen könnte?

Nehmen wir das Beispiel Gesundheitswesen. Lassen wir das Programm der Partei DIE LINKE beiseite, deren Worte zu dem Thema nur verdeutlichen, dass es ihr um die Verschönerung des Kapitalismus geht. Fragen wir, was an radikalen Analysen, solchen, die an die Wurzel gehen, geleistet werden. Wo werden aus der Analyse des Gesundheitssystems Forderungen, Ideen für die Zukunft und für notwendige Kämpfe abgeleitet? Die mehr sind als nur die Verteidigung des Bestehenden? Oder die bessere Bezahlung der dort Arbeitenden? Zum Beispiel, dass aus Krankheit überhaupt kein Profit geschlagen werden darf. Dass deshalb nur gemeinwirtschaftliche Krankenhäuser (außer für Schönheits-OPs) zu dulden sind, private in Gemeineigentum, egal welcher Art, umgewandelt werden müssen. Auch für Reha-Zentren, Alten- und Pflegeheime muss das gelten. Die Versorgung des ländlichen Raums mit Ärzten kann nicht durch PR-Kampagnen, sondern muss durch die Einrichtung öffentlicher Arztpraxen gesichert werden, besser noch: die gute Einrichtung aus dem Sozialismus, die Polykliniken, könnten wiederbelebt werden. Auch Ärzte müssen nicht auf der Krankheit von Menschen und den Beiträgen der Versicherten zu Millionären werden, aber sie müssen auch gut davon leben können, statt sich auf Lebenszeit zu verschulden.

Den größten Profit im Gesundheitswesen macht die Pharmaindustrie. Sie muss enteignet werden. Das ist das dickste Brett. Staatseigentum oder kommunales, gemischtes, Belegschaftseigentum oder Kasseneigentum, der Phantasie muss keine Grenze gesetzt sein. Das alles gehört nicht in Parteiprogramme, sondern in die Diskussion, muss propagiert werden. Aber das würde ja bedeuten, dass man mit Menschen reden muss, die zum Teil noch mit reaktionärem Gedankengut infiziert sind.

Ein weiteres Beispiel: Wo ist die linke Politik für die EU? Wieso wird nicht die Solidarität derer propagiert, die gezwungen sind, vom Verkauf ihrer Arbeitskraft zu leben? Wo wird von dem Gewinn berichtet, wenn man zusammenhält? Und zwar unabhängig davon, ob man nun raus aus der EU will oder drinbleiben oder für die Auflösung ist.

Weil die Menschen in Deutschland keine Zukunftsvorstellungen, keine Kämpfe mit der Linken verbinden, sind einige leichte Opfer für Rattenfänger von rechts, für Pegida, Nazis, Rechtspopulisten, Salafisten, fundamentalistische religiöse Sekten, Männlichkeitswahn und Chauvinismus.

Der Kampf für eine bessere Welt beginnt mit dem Kampf gegen die kulturelle und ideologische Hegemonie des Finanzkapitalismus und das ist der Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen.

„Wenn wir es nicht schaffen, all dies zu thematisieren, wird es die Rechte übernehmen.“

Oskar Lafontaine


1 http://www.rationalgalerie.de/schmock/junge-welt.html


2 Wie sich gerade zeigt, erhält die Bewegung gegen Suttgart 21 erneuten Schwung durch die Ergebnisse der Recherchen eines Journalisten.


3 Federal Reserve Bank; US-amerikanische Notenbank


4 http://www.jungewelt.de/2014/04-28/005.php

Dienstag, 6. Mai 2014

KenFM über: Klarstellung zu den Friedensmahnwachen


Ken Jebsen, Mitarbeiter und Frontmann von KenFM, antwortet auf die Diffamierungen, Lügen und Auslassungen in der Presselandschaft und in der politischen Landschaft Deutschlands gegen Ken Jebsen, KenFM und die Friedensmahnwachen.

Montag, 28. April 2014

Zwischen Dostojewskij und 2Pac

Zwischen Dostojewskij und 2Pac liegen Welten. Und dennoch ist der Abstand zwischen diesen beiden Menschen viel geringer als es scheint.

  • Dostojewskij war Schriftsteller, 2Pac war Rapper.
  • Dostojewskij war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, 2Pac einer des 20. Jahrhunderts.
  • Dostojewskij war weißer Russe, 2Pac war schwarzer Amerikaner.
  • Dostojewskij war entschieden orthodoxer Christ und russischer Nationalist, 2Pac war mehr oder weniger Atheist und kam aus der Szene der Black Panthers.
  • Dostojewskij war adliger Abstammung und verarmte im Laufe der Zeit, 2Pac kam aus dem Ghetto und stieg als Parvenu zu Ruhm und Reichtum auf.

Die Gegensätze scheinen unüberbrückbar zu sein. Das stimmt aber nicht. Die Welten, die diese zwei Persönlichkeiten von einander trennen, können nicht verschleiern, dass es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Dostojewskij und 2Pac einen viele Gemeinsamkeiten:

  • Dostojewskij und 2Pac machten erstaunliche Wandlungen durch. 
  • Beide waren zutiefst entwurzelte Menschen, die letztlich trotz aller Hindernisse Wurzeln schlagen konnten.
  • Beide saßen im Gefängnis und hatten ein feines Gespür für die Nöten und Leiden der unteren Schichten. 
  • Beide hassten ganz besonders die Ungerechtigkeiten in ihrem Land.
  • Beide verpackten ihre Messages in ihrer Sprachkunst.
  • Beide befragten ihre Klientel auf ihren Glauben und Glaubwürdigkeit 
  • Beide forderten die Menschenwürde für alle Menschen.

Vielleicht mag das an der Nase herbeigezogen klingen. Aber es gab zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt empörten und zum Sprachrohr der Armen, Elenden, Verdächtigten und Verachteten machten. Dostojewskij und 2Pac gehören zu den Ikonen dieser ausgeschlossenen Menschen. Denn sie konnten auf ihre Art mit den Unterdrückten dieser Welt mitleiden und mitfühlen. Und sie konnten dies Mitgefühl in Worte fassen, die auf ewig unsterblich sind. 

Aber wozu braucht es solch einer Analogie zwischen einem Romanautor und einem Rapper? Ganz einfach. Auch die größten Unterschiede können Menschen einen, wenn sie Menschlichkeit in Ehren halten. Staatsbürgerliche, ethnische, religiöse, sprachliche und politische Grenzen können angesichts eines echten Humanismus verblassen. Sofern nicht das Trennende betont wird, sondern das Einende, kann menschliche Einheit hergestellt werden. Das gilt auch für Klassengesellschaften, die ja immer von Klassengegensätzen durchzogen sind. Der Kapitalismus wird immer die Gesellschaft bleiben, in der das Kapital die Arbeit ausbeutet und unterdrückt. Aber über den Klassenkampf hinweg kann eine Form der Solidarität hergestellt werden, die auch den berechtigten Klassenhass überwindet. Es wäre naiv zu glauben, dass politische und ökonomische Grenzen unerheblich sind. Keineswegs. Die sind von größter Bedeutung und müssen es auch sein. Links ist nicht gleich rechts. Und Gleichgültigkeit ist nicht Leidenschaft. Nazis, Faschisten, Ultrarechte, Rassisten und Chauvinisten sind natürlich Feinde der menschlichen Einheit. Da kann es keine Diskussion drüber geben. Und Linke müssen selbstverständlich die Einheit der Arbeiterklasse anstreben und die erklärten Feinde von Sozialismus und Demokratie kritisieren, und - wenn nötig -bekämpfen. Dennoch muss es Ziel aller Menschen sein, die Einheit des Menschengeschlechts zu erreichen. Erst wenn die Menschheit von Menschlichkeit erfüllt ist, können wir davon sprechen, eine menschliche Gesellschaft erreicht zu haben. Bis dahin ist das, was wir Gesellschaft nennen, nur ein barbarisches und brutales Chaos, ein Kampf aller gegen alle, ein allgemeiner Kriegszustand zwischen den Einzelnen. 

Dostojewskij und 2Pac sahen das nicht anders. Aber was bringt uns diese Feststellung? Die Klassenkämpfe und Kriege wüten weiter. Die Kapitalisten bekämpfen weiterhin die Armen. Die Linken bekämpfen weiterhin das Kapital. Die Rassisten und Faschisten hetzen weiter. Die Sozialisten und Demokraten kritisieren weiterhin das System. Es gibt also überall Spaltungen und Spaltungstendenzen. Und die sind notwendig und unausweichlich. Also was bringt die Feststellung, dass Dostojewskij und 2Pac liebe Menschen waren, Friede, Freude und Schnaps forderten? 

Wir befinden uns heute, im Jahr 2014, in einer höchst gefährlichen Phase, in einer für die gesamte Menschheit höchst gefährlichen Phase, in einer Phase, die an die Zeit vor den großen Kriegen im 20. Jahrhundert erinnert. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, dessen Ausmaße kaum ein Mensch erwartet hatte. Die Krieg führenden Parteien, ob Deutsche oder Franzosen, erwarteten einen schnellen Krieg. Statt dessen kam es zu vier Jahren der brutalsten Materialschlacht, in der die jungen Menschen wie Schießpulver verschossen wurden, in der sie zum reinsten Kanonenfutter wurden, in der sie wie Schlachtvieh reihenweise abgeschlachtet wurden. 2015, nächstes Jahr, jähren sich viele weitere Jubileen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Abwurf der ersten Atombombe auf einen Feind und die Aufdeckung der beispiellosen Verbrechen der Nazis an der europäischen Bevölkerung. Wir dürfen nie vergessen, was in den großen Kriegen angerichtet wurde. Ken Jebsen hat völlig Recht, wenn er Mark Twain darin zitiert, dass Krieg furchtbar einfach ist: Alte Männer, die sich persönlich kennen, schicken junge Männer (und Frauen) gegen ihre eigenen Interessen in den Kampf auf Leben und Tod gegen andere junge Frauen und Männer, um die Interessen von alten Männern (und Frauen) zu bedienen. Das ist Krieg. 

Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, droht erneut ein Krieg in Europa. Auch diesmal drohen die alten Männer (und Frauen) in Deutschland den alten Männern (und Frauen) in Russland. Auch diesmal drohen die Herrschaften in Russland zurück. Was droht, wenn zwei Seiten sich gegenseitig bedrohen? Es droht eine Eskalation! Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind die Folgen solch eines neuen Krieges in Europa nicht abzusehen. Naja, Albert Einstein, der geniale Denker und Sozialist, meinte zwar ganz klar: 

"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Aber was hat schon ein Sozialist und ein Genie noch dazu überhaupt zu melden? Die alten Idioten an den Schalthebeln der Macht bestimmen die Politik und nicht irgendwelche Ikonen der Weisheit oder Menschen mit Herz und Verstand. Nein, gewissenlose Menschen beherrschen uns heute, Menschen mit sehr beschränktem Horizont und sehr flexibler Moral. Es sind die Heuchler, die Lügner, die Mörder und Verbrecher, die uns beherrschen. Die Guten werden diffamiert, ausgegrenzt, inhaftiert und sogar ermordet. Es ist ja schon fast wie in einem Politthriller, wie in Staatsfeind Nr. 1, in Shooter oder Inside WikiLeaks. Aber diese Filme spiegeln einen guten Teil der Realität wieder. Man braucht nicht einmal eine Verschwörungstheorie. Jeder, der sich mit der hohen Politik näher beschäftigt hat, weiß, dass dort kaum hehre Ziele, sondern eher niedrige Instinkte antreiben. Wir werden von hungrigen und blutdurstigen Bestien beherrscht. Zugegeben: Sie tragen Anzüge oder Abendkleider. Sie können manchmal sogar nett lächeln (außer Merkel vielleicht). Manche wie Berlusconi können sogar tanzen (Obama ausgenommen) und andere können ebenso hart austeilen wie einstecken (wie Putin). Aber das macht diese Herrschaften nicht zu zivilisierten Menschen. Die Herrschenden sind Barbaren, die uns für unsere Empörung gegen sie Barbarei vorwerfen. Sie bringen die typischen Argumente aller herrschenden Klassen an: Der Mensch sei nunmal niedrig, böse und barbarisch. Daher brauche er eben eine Regierung, die seine schlechte Natur zügele und so weiter und so fort.


Dostojewskij und 2Pac betonen dagegen die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Dinge können sich ändern! Dostojewskij forderte den "neuen Menschen", der in christlicher Nächstenliebe und Gottgefälligkeit alle Unterschiede der Herkunft und des Standes vergessen sollte. 2Pac betonte die Verwandlung des Menschen mit seinen Umstanden. Nicht umsonst heißt eins seiner besten Lieder "Changes" (zu Deutsch: Verwandlungen). 2Pac fragte in seinem Song "Who do u believe in?" auch nach dem Glauben und der Einheit der Menschen:

Who do you believe in?Is it Buddah, Jehovah, or Jah? Or Allah?Is it Jesus? Is it God? Or is just yourself?Definately not to be imposed, being a demonBecause this is the joy of believing!Men, to believe in yourselvesBut for sure, the higher powerResides only to ride in the heart of the trueFrom the soul, of the man; for truth never has an alibiIn the poetry, or in it's realmThat's what pulls all words togetherJust to understand, that every man, is his OWN manAnd only man can satisfy the manOnly the soul of the man, the feelings of the manThe for realness of the manYou can't shake the man when you feel the man you know the manAnd you gotta call yourself because you are that man

Wenn heute also wieder ein großer Konflikt der Nationen ansteht, der in einen großen Krieg ausufern könnte, dann sollte man vielleicht ausnahmsweise Mal nicht den Lügenmärchen der herrschenden Barbaren glauben. Vielleicht sollte man auf Einstein hören oder auf den eigenen Überlebensinstinkt. Denn die Herrschenden werden gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen. Verbalradikal vielleicht, ja, klar. Da bekriegen sie sich in aller Konsequenz. Aber die Konsequenzen ihres Verbalradikalismus "kriegen" dann wir zu spüren. Die Herren und Damen "da oben" werden sich vielleicht sogar auf irgendwelchen entfernten Inseln in Freundschaft zum Bacardi-Cola oder zum Puschkin-Wodka treffen. Das war schon mit dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser so ähnlich, nur dass sie keine Cola tranken. Es war auch zwischen dem britischen Premier Churchill und Stalin nicht anders. Es war schon immer so, dass die Differenzen der Herrschenden untereinander beim Essen und Puschkin-Wodka am Abend verschwunden waren. Allerdings würden sie heute damit den Namen Puschkins in den Schmutz ziehen. 
Dostojewskij hielt 1880, auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, eine brillante Rede zu Ehren Puschkins und über die unversellen Ideale der Menschlichkeit. Er sagte:

"Einem echten Russen [ist] Europa ... ebenso teuer wie Rußland selbst, weil unser Schicksal eben Universalität ist, und nicht die mit dem Schwert erworbene, sondern die Kraft der Brüderlichkeit und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen... Und späterhin werden wir, d.h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen russischen Menschen, alle bis zum letzten begreifen, daß ein wahrer Russe werden eben dies heißt: danach streben, endgültig Versöhnung in die europäischen Widersprüche zu bringen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen und allvereinenden, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und letzten Endes, vielleicht, auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Harmonie nach dem Gesetz des Evangeliums [der Nächstenliebe] Christi!"

Man muss kein Russe oder Christ sein, um nachzuempfinden, was Dostojewskij meinte. Man muss einfach ein wenig Verstand und Herz mitbringen. Die Rede von Dostojewskij hat sogar seinen persönlichen Feind, den Schriftsteller Turgenjew, dazu gebracht, Dostojewskij in Freundschaft zu küssen. Dostojewskijs Frau überlebte ihn übrigens um 38 Jahre. Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sie kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, auf der Krim-Halbinsel starb, auf der nun der heutige Konflikt zwischen Deutschland und Russland eskaliert?

Im Grunde ist das, was Dostojewskij, 2Pac, Einstein und die anderen großen Geister aller Zeiten forderten, das eine große Ziel des Menschen: Die Einheit der Menschheit unter menschenwürdigen Bedingungen! 

Donnerstag, 24. April 2014

Zerrissen zwischen Yin und Yang - eine Filmkritik zu "Man of Tai Chi"

Man of Tai Chi (2014) ist endlich wieder ein innovativer Kampfkunst-Film mit bemerkenswerter Handlung und Besetzung.

Die Handlung


Die Handlung von Man of Tai Chi ist typisch für asiatische Kampfkunstfilme: der begabte, aber ungestüme Kampfkunst-Schüler hat einen weisen Meister, der dem Jüngling noch viel über das Leben und alles Gute beibringen muss. Der Bösewicht ist natürlich selbst ein Kampfkunst-Meister, der aber seine Kampfkunst für niedere Zwecke missbraucht. Das Gute und das Böse treffen im körperlichen und im mentalen Kampf auf einander und das Gute gewinnt. So weit so gut.

Tai Chi im Sog der modernen Gesellschaft


Aber Man of Tai Chi geht unendlich viel weiter über dieses typische Schema hinaus. Es bietet eine tiefere Einführung in die chinesische Philosophie ebenso wie in die modernsten Techniken des heutigen Action-Films. Es gibt eine höchst bemerkenswerte Moral von der Geschichte und eine ebenso erstaunliche filmische Umsetzung dieser Moral. 

Der talentierte Tiger Chen (Tiger Hu Chen) trainiert bei einem weisen Meister (Hai Yu) des Tai Chi. Abgesehen von seinen traditionellen Atemübungen zur Stärkung von Körper und Geist erprobt Tiger Chen sein Können auch in Kampfsport-Wettkämpfen. Auf diese Weise kommt er auch in Kontakt zum Bösewicht Donaka Mark (Keanu Reeves). Mark ist nicht nur ein extrem guter Kämpfer, sondern auch ein extrem böser Unternehmer. Als Kapitalist richtet er illegale Wettkämpfe aus, um durch die Schaulust der Konsumenten an brutalen Kämpfen möglichst viel Geld zu verdienen. Tiger Chen wird kurzerhand zum "Bewerbungsgespräch" beim Bösewicht eingeladen. Die finanziellen Probleme des Klosters, in dem er trainiert, sind der finale Anreiz für Tiger Chen, um sich auf die Kämpfe einzulassen. Denn wie in allen guten Filmen vermischen sich gute Motive mit schlechten Motiven. Tiger Chen will einerseits das Kloster seines Meisters mit den Kampfgewinnen retten. Andererseits will der ehrgeizige Kämpfer auch beweisen, dass sein Tai Chi mehr als Show ist.

Entsprechend begrüßt ihn ein Gegner mit den Worten: "Tai Chi ist nichts als Show". Tiger Chen beweist jedoch immer wieder, dass sein Tai Chi allen möglichen Kampfsportarten weit überlegen ist. Ob Judo, Ringen, Mixed Martial Arts oder hartes Kungfu - Tiger Chens Tai Chi erscheint immer überlegen. Was Tiger Chen nicht ahnt ist, dass die illegalen Kämpfe live übertragen werden, um auf ihm einen Star zu machen. "Und jetzt, Tiger, bist du ein Star!" sagt man ihm. "Ist es nicht das, wofür du gekämpft hast?", fragt ihn der Böse. 

Tiger Chens Erfolg führt ihn jedoch, wie in fast allen Filmen besseren Kampfkunstfilmen, auf den falschen Weg. Sein großes Talent wird so zum Mittel übler Tendenzen. Denn es wird deutlich, dass ihm der Erfolg zu Kopf steigt und er übermütig und überheblich wird. Er lässt sich immer mehr auf die zwielichtigen Machenschaften seines Kontrahenten Mark ein und wird dadurch zum Komplizen des Bösen. Gekämpft wird nun nicht mehr für die Rettung eines Klosters, sondern für Ruhm und Ehre. Tiger bleibt zwar gegenüber seinen ultrareichen "Fans" skeptisch, aber zugleich genießt er die Aufmerksamkeit der High Society.

Tiger gerät also in den Sog der modernen Gesellschaft. Der Kapitalismus verschlingt auch die größten Talente, um daraus letztlich Profit zu schlagen. Tiger und seine Fähigkeiten werden zur bloßen Ware degradiert, um zahlungskräftigen Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Die Deformierung von Tigers Persönlichkeit durch die Verführung "von oben" geht so weit, dass er seine Wurzeln vergisst. Der Schüler wendet sich, wie in so vielen Kampfkunstfilmen, gegen den Meister. Es kommt zum Kampf zwischen Altersweisheit und jugendlicher Explosivkraft. Tiger ist sogar versucht, seine Kontrahenten zu töten. Der gewissenlose Bösewicht Mark fragt ihn daher: "Hast du Angst davor, was du ihnen antun könntest? Das musst du nicht." Profit geht im Kapitalismus eben über Moral.

Natürlich wird Tiger Chen nicht einfach zum Bösewicht. Seine Begabung verhindert ein völliges Abdriften in die tiefsten Tiefen der menschlichen Moral. Es kommt, wie es kommen musste: die böse Seite des Schülers kämpft mit der guten Seite, indem es zum Kampf mit dem guten Meister und mit dem bösen Meister kommt. Genug gespoilert. Welche Moral steckt weiterhin im Film?

Extremitäten, Extreme und Exzentrik


Tai Chi bzw. Taiji (太极) bedeutet wörtlich übersetzt ungefähr "die höchsten Extreme", "die größten Gegensätze" oder "allerhöchste Polarität". Taijiquan (太极拳), die chinesische Kampfkunst, ist in der chinesischen Philosophie der Gegensätze im Grunde das körperliche und geistige Mittel des Menschen, um Harmonie zu erreichen. Harmonie wird durch das angemessene Verhältnis von körperlichen und geistigen Kräften erreicht. Die körperlichen Extreme, vor allem die "Extremitäten", d.h. die Gliedmaßen des Menschen, sind in diesem Sinne ebenso ein Teil der Harmonie wie die geistigen Extreme. Die geistigen Extreme, die Gefühle, Motive, Gedanken und unbewussten Prozesse im Körper sind der andere Teil der Harmonie. Taijiquan soll diese zwei sehr unterschiedlichen Seiten in Form von Meditation, Atemübung, Betätigung der Gliedmaßen und geistige Prozesse zusammenbringen. Die Harmonisierung der verschiedensten Kräfte ist das Ziel.

Im Film Man of Tai Chi geht es genau um das Thema der Harmonisierung der verschiedensten Kräfte, die im Gegensatz zu einander zu stehen scheinen. Körper und Geist, Gefühle und Intellekt, Ruhe und Bewegung, Moral und Interesse, Yin und Yang etc. sollen mit einander in Einklang gebracht werden - das lehrt der Meister von Tiger. Aber Tiger ist selbst noch kein Meister. Also begreift er diese tiefere Wahrheit des Tai Chi nicht und verstößt gegen die chinesische Philosophie.

Tiger lässt sich auf die westliche Ideologie, auf das Recht des Stärkeren, auf das Faustrecht und auf den Kapitalismus ein. Nicht die östliche Weisheit, sondern die westliche Arroganz treibt ihn an. Der Gegensatz von West und Ost spiegelt so auch den Gegensatz von jung und alt, von gut und böse wieder. Das Gute ist aus dieser Perspektive heraus aber nicht die Schwarz-Weiß-Sicht, die von den Predigern der "Achse des Guten" oder der "Achse des Bösen" gefeiert wird. Das Gute ist vielmehr die angemessene Behandlung der Gegensätze.

Die westliche Philosophie und Ideologie ist zum großen Teil analytisch, auf die Einzelheit, auf das Besondere und das Ego bezogen. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Westens ebenso wie die Alltagsphilosophie der Menschen im Westen. Sie konzentriert sich auf Symptome, auf einzelne Krisenherde und Erscheinungen. Sie ist im Kern extremistisch und exzentrisch. Für alle Probleme der Welt scheint sie spezielle Wundermittel zu haben - ob für Krankheiten, Unglück oder gesellschaftliche Probleme.

Die östliche, namentlich die chinesische Philosophie ist im Gegensatz dazu tendenziell holistisch, auf die Gesamtheit, auf das Gemeinsame und gegen das Ego gerichtet. Sie durchdringt die höchsten Ideen des Ostens noch immer, während der Alltag der Menschen im Osten sich immer mehr dem des Westens annähert. Die chinesische Philosophie betont dennoch die Ursachen, die Zusammenhänge und Mechanismen von Mängeln, Krankheiten, Krisen und Erscheinungen.

Dieser Gegensatz von östlicher und westlicher Philosophie wird in wenigen Filmen so brillant dargestellt wie in Man of Tai Chi. Denn der Sog der modernen, kapitalistischen Konsumgesellschaft korrumpiert nicht nur in der Realität immer mehr das Denken in Zusammenhängen und die internationale Solidarität, sondern der Sog des Kapitalismus zerstört auch den Charakter, die Persönlichkeit und die Integrität des Einzelnen. Tiger Chen im Film Man of Tai Chi ist die individuelle Verkörperung dieses Verfallsprozesses, in dem der Kapitalismus auch den letzten Rest von Kultur seinem Gebot unterwirft.

Das Gebot der Stunde, das höchste Gebot des Kapitalismus ist der Kampf "jeder gegen jeden", der allgemeine Konkurrenzkampf, die kapitalistische Konkurrenz, die Akkumulation um der Akkumulation willen. Das Gebot des Taiji ist die Harmonie der Menschen untereinander, die allgemeine Liebe zu Mensch und Natur, die harmonische Gesellschaft, die "große Einheit" (大同).

"Die große Einheit" ist eine immer wiederkehrende Idee in der chinesischen Philosophie. So idealistisch und irrig sie sein mag, so viel besser ist sie im Vergleich zur katastrophalen neoliberalen Ideologie, die die gesamte Menschheit bedroht. Der Neoliberalismus ist unter Führung der westlichen, vor allem US-amerikanischen Hegemonie, zur mächtigsten und gefährlichsten Ideologie der Geschichte geworden. Der rücksichtslose Kampf der Nationen und Gesellschaften ist im Neoliberalismus zum Dogma erstarrt und verhindert nicht nur den Weltfrieden, sondern zerstört die Grundlage aller Harmonie auf dem Planeten. Insofern spiegelt der Film Man of Tai Chi viel mehr wieder als bloß den klischeehaften Kampf von Gut und Böse oder von West und Ost. Der epische Kampf des aufstrebenden chinesischen Tai Chi-Schülers gegen das niederträchtige amerikanische Kapitalistenschwein symbolisiert den Aufstieg Chinas im Verlauf des Abstiegs der USA im globalen Maßstab.

Allerdings sollte man den Westen auch nicht völlig einseitig schlecht reden. Die besten Ideen über die Einheit der Gegensätze kommen immerhin von Deutschen. Hegel, die Hegelianer, Marx und die Marxisten brachten "die Lehre von der Einheit der Gegensätze" auf das höchste Niveau. Auch die Einheit von Theorie und Praxis, von Körper und Geist und von Absicht und Tat wurden in dieser Tradition des Denken, im dialektischen Denken, aufs höchste Level gebracht. Hegel sagte nicht umsonst ganz im Sinne der Moral von Man of Tai Chi: Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.

Fazit


Man of Tai Chi vereint die typische trashige Story vom übermütigen Helden im Kampf mit dem weisen Meister und dem abgrundtief bösen Antihelden mit einer bemerkenswerten Moral und großartiger filmischer Umsetzung in Bild und Akkustik. Der Film ist also sehenswert und wird im Laufe der Jahre zweifellos immer wertvoller werden. Chinas globale Bedeutung steigt ebenso an wie die Aktualität der östlichen Philosophie in einer multipolaren Welt voller Konflikte.