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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Mobilfunk-Betrug: „Mobilcom-Debitel“ fällt besonders negativ auf

Die Verbraucherzentrale Hamburg warnt vor Kostenfallen und Kundenbetrug durch Mobilfunkanbieter und sogenannte „Drittanbieter“. 

Debitel ist ein Drecksladen. Isso. Kündigt und geht da nie mehr hin,
es sei denn, ihr macht dem Gesindel fett Stress!
Bildquelle: https://www.rathauscenter-ludwigshafen.de/

Seit vielen Jahren ist das Problem bekannt: Kunden von Mobilfunkanbietern bemerken plötzlich viel zu hohe Rechnungen, die sie sich nicht erklären können. Die Mobilfunkanbieter berechnen oft nicht nur die Kosten, die sie selbst mit dem Kunden vereinbart haben, sondern auch Forderungen sogenannter „Drittanbieter“.

Drittanbieter sind in der Mobilfunk-Branche Unternehmen, die dem Kunden mit Hilfe des Mobilfunkanbieters diverse Angebote und Dienstleistungen anbieten dürfen. Den Kunden können durch Drittanbieter ungewollte Kosten für ungewollte Angebote entstehen. Dabei handelt es sich etwa um Abonnements von Info- und Unterhaltungsdiensten oder kostenpflichtige Serviceleistungen, Hotlines und Ansagedienste.

Die Forderungen der Drittanbieter an den Kunden werden üblicherweise nicht seitens des Drittanbieters selbst gestellt, sondern auf der monatlichen Rechnung des Mobilfunkanbieters mit aufgelistet. Daraus ergibt sich dann eine plötzlich erhöhte monatliche Rechnung für den Kunden, wobei nicht immer deutlich werden muss, dass ein Teil der Forderung von Drittanbietern kommt.

Wollen sich die Kunden beim Mobilfunkanbieter über die höhere Rechnung informieren, verweisen diese üblicherweise auf die Auskunft durch die Drittanbieter. Die Drittanbieter können wiederum eine undurchsichtige Dienstleistung in Rechnung stellen, die kaum Auskunft liefert. Eine Unterschrift oder mündliche Vereinbarung muss es nicht gegeben haben. Außerdem können die Anbieter im Prinzip Rechnungen in beliebiger Höhe ausstellen.

Wenn sich Kunden weigern, die Drittanbieter-Rechnung zu bezahlen, schaltet sich der Mobilfunkanbieter ein, aber eher nicht im Sinne der Kunden. Die Kunden werden vielmehr genötigt, die gesamte Forderung aller Anbieter zu begleichen.

Berüchtigt: Mobilcom-Debitel

Einige Unternehmen wie z.B. Mobilcom-Debitel sind berüchtigt geworden. Die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt:

„Mobilcom-Debitel fällt in Sachen Drittanbieter besonders negativ auf: Rund ein Viertel der Verbraucherbeschwerden, die in der ersten Hälfte des Jahres 2016 bei den Verbraucherzentralen bundesweit eingingen, betrafen diesen Mobilfunkprovider.“

Tom Janneck, Teamleiter des Marktwächters „Digitale Welt“ in der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein: „Der Anteil an Beschwerden zu mobilcom-debitel ist dabei geradezu alarmierend hoch. Werden die vier großen Mobilfunkprovider betrachtet, entfielen im vergangenen Mai und Juni allein auf mobilcom-debitel über 40 Prozent der Beschwerden“.

Während andere Anbieter noch einen Funken an Anstand bewahren, legt Debitel sich besonders gerne mit den eigenen Kunden an. Der Konzern lockt seine Kunden regelmäßig in undurchsichtige Kostenfallen. Weigert man sich zu zahlen, wird das Unternehmen schnell aggressiv: „Mobilcom-Debitel setzt seinen Kunden die Pistole auf die Brust: Entweder sie zahlen den Rechnungsbetrag oder der Telefonanschluss wird gesperrt“, so die Verbraucherzentrale Hamburg.

Weigern sie sich weiterhin, kommen nicht nur Mahngebühren auf sie zu, sondern auch Drohungen mit Inkasso-Diensten oder mit einem Gerichtsprozess. Debitel schüchtert so die eigene Kundschaft ein.

#abzocke #Debitel #Handy #Handyvertrag #Mobilcom #Rechnungen #Verbraucherschutz

https://perspektive-online.net/2017/12/mobilfunk-betrug-mobilcom-debitel-faellt-besonders-negativ-auf/

Freitag, 30. September 2016

Des Pudels Kern – Marxens schillernde Begriffe von Arbeit und Spiel

Dass Marx den Menschen über den Arbeitsbegriff definierte, ist weitgehend bekannt. Dass dessen Gesellschaftskritik Friedrich Schillers Idee des "Spiels" zum Kern hat, ist weit weniger bekannt.

Denkt man an die marxistische Utopie, kommen einem stets zwei völlig gegensätzliche Bilder in den Sinn: Einerseits die barfüßigen, Mate trinkenden Studis mit Rastalocken und Guevara-Shirts, die vor der Unibibliothek chillen und "echte" Arbeit gar nicht kennen; andererseits die Arbeitssklaven in den Gulags und Fabriken des "totalitären" Ostblocks, denen keinerlei Muße gewährt wird – beides empörende Klischees. Die einen beneidet man für ihren Müßiggang, die anderen bemitleidet man wegen ihrer Plackerei. Beide verachtet man für die fehlende Abwechslung von Arbeit und Freizeit. Als normal und ideal gilt noch immer die "40-Stunden-Woche", d.h. der Genuss der Freizeit nur abseits von 40 Stunden Lohnarbeit in der Woche. Muße und Arbeit werden dabei als völlige Gegensätze verstanden, deren Vermischung entweder in der Arbeitswut eines Workaholic oder im Schlendrian enden muss. Wer sich hingegen ernsthaft mit Marx beschäftigt, wird ein anderes Ideal vor Augen haben: eine Assoziation freier Produzenten, die sich gegenseitig in ihrer Selbstentfaltung unterstützen und für die der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet.

Freiheitsutopien sind nichts Neues. Die deutschen Idealisten des 18. und 19. Jahrhunderts – namentlich Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Goethe und Schiller – spekulierten etwa über einen "schönen Staat" (Schiller) oder "die Freiheit des Menschen" (Fichte) jenseits der damaligen Gesellschaft. Die Menschen sollten von den bekannten äußeren Zwängen befreit werden. Goethes Ausspruch "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein" fasst die Sehnsucht der Idealisten zusammen. Allerdings konnten sie sich nicht vorstellen, wie ein freies und müßiges Leben für alle Menschen ermöglicht werden könnte. Es fehlte ihnen an Einsichten in die Bedingungen der Möglichkeit solch einer kollektiven Freiheit. Ihnen blieb nur eine abstrakte Wunschvorstellung bzw. beißender Spott gegen die "Brotgelehrten" und "Philister" übrig, die für Lohn arbeiten (müssen). Marx erwiderte den Spott: "Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusammenhange der deutschen Philosophie mit der deutschen Wirklichkeit, nach dem Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer eignen materiellen Umgebung zu fragen." An dieser Stelle setzt Marxens Verständnis von Arbeit und Spiel an.

Marx definiert Arbeit als die "produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw." Arbeit diene dem Menschen zunächst dazu, sich die äußere Natur zu unterwerfen und sie nach eigenem Ermessen zu verändern. Mit der bewussten Veränderung der Natur "verändert er zugleich seine eigene Natur". Dadurch, dass der Mensch sich selbst verändert, macht er eine Entwicklung durch, die ihn der äußeren Natur gegenüber immer souveräner macht. Aus dieser Naturbeherrschung entwickelte sich laut Marx im Laufe der Zeit die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Sobald die Gesellschaft einen Überschuss ansammeln konnte, wurde systematische Ungleichheit möglich. Die Gesellschaft spaltete sich von da an in arbeitende und ausbeutende Klassen. Während die arbeitenden Klassen vor allem für ihr bloßes Überleben malochen, üben sich die ausbeutenden Klassen aller Epochen vor allem im Müßiggang. Das ist das Grundprinzip der Klassengesellschaften. Die zunehmende Gewalt gegenüber der Natur emanzipiert zwar die Gesellschaft von den Naturzwängen, aber zugleich ist sie eine zunehmende Gewalt der Eliten gegenüber den Massen.

Des Pudels Kern ist bei Marx wie auch bei den Idealisten die Freiheit des Menschen. Nicht die Naturgewalten oder gesellschaftliche Zwänge sollen das Los der Individuen bestimmen, sondern ihre eigene, innere Natur sollte sich entfalten. "Und wie Schiller die freie Verfügungsgewalt des Individuums über die Vielfalt und Potenz seiner Kräfte und Anlagen in der Form ihrer ständigen Betätigung und Übung sehr treffend als Spieltrieb bezeichnet, so auch Marx", bemerkte der schillernde Marxist Leo Kofler einmal. Marx erhebt daher das "freie Spiel der geistigen und physischen Kräfte", die in der Natur des Menschen angelegt seien, zum Maß aller Dinge. Eine Gesellschaft lässt sich entsprechend daran messen, wie weit sie dieses "freie Spiel" für alle zulässt. Die Gesellschaft von heute, d.h. der Kapitalismus, schneidet da trotz aller Errungenschaften ziemlich schlecht ab. "In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert", und zwar – so betont der kommunistische Ökonom – "durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit."

Marx erklärt damit die kapitalistische Organisation der Arbeit zum Haupthindernis für eine Gesellschaft sich frei entwickelnder Menschen. Zugleich entdeckt er ausgerechnet im Kapitalismus selbst die Lösung des Problems: Das Anwachsen der Produktivität aufgrund der unternehmerischen Konkurrenz ermöglicht zumindest prinzipiell eine Verringerung der leidvollen Arbeitszeit zugunsten der Freizeit. Erst die hochmoderne Industrie schafft die Basis für eine Verwirklichung der idealistischen Utopie in einer Gesellschaft. Das marxistische Programm, zusammengefasst in den Worten von Friedrich Engels, klingt daher wie eine geniale Mischung aus idealistischer Philosophie und volkswirtschaftlicher Kalkulation: "Die allgemeine Assoziation aller Gesellschaftsmitglieder zur gemeinsamen und planmäßigen Ausbeutung der Produktionskräfte, die Ausdehnung der Produktion in einem Grade, daß sie die Bedürfnisse aller befriedigen wird, das Aufhören des Zustandes, in dem die Bedürfnisse der einen auf Kosten der andern befriedigt werden, die gänzliche Vernichtung der Klassen und ihrer Gegensätze, die allseitige Entwickelung der Fähigkeiten aller Gesellschaftsmitglieder durch die Beseitigung der bisherigen Teilung der Arbeit, durch die industrielle Erziehung, durch den Wechsel der Tätigkeit, durch die Teilnahme aller an den durch alle erzeugten Genüssen".

Es ist das Ideal einer Gesellschaft, die "die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." Jedoch sei dies im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft undenkbar, denn ihre treibende Kraft ist nicht die unbedingte Entfaltung aller Menschen, sondern bloß ihre Entfaltung im Rahmen und im Sinne der Kapitalakkumulation. Die Organisation der Arbeit im Sinne des Kapitals verhindert sowohl eine stetige Verkürzung von Arbeitszeit als auch eine stetige Verschmelzung von Arbeit und Muße. Die meisten Menschen empfinden daher die Trennung beider als völlig normal und ihre Vermischung als abnormal, weshalb "Workaholics" und überchillige "Hippies" schräg von der Seite angegafft werden.

Freitag, 26. August 2016

Luther - "ein deutscher Rebell"?

Im Deutschlandfunk konnte man heute vernehmen, dass Martin Luther (1483-1546) "ein deutscher Rebell" gewesen sei, ein "konservativer Revolutionär", ein Individualist und nicht zuletzt ein gewöhnlicher Mensch mit den Schwächen, die ein Mensch nunmal so habe - Völlerei, Trunksucht, Antisemitismus. Der da interviewte Autor der neuen Lutherbiographie, Willi Winkler, betreibt mit dieser Darstellung eine ungeheuerliche Geschichtsklitterung. Zwar war Luther in der Tat ein Antisemit, aber er war noch viel mehr ein Konterrevolutionär und Feind der Demokratie. Um das zu verstehen, muss man nicht einmal das Buch gelesen haben. Schon der Klappentext des Buches, das bei Rowohlt erscheint, ist anstößig:

"Er war der größte Rebell, den die deutsche Geschichte aufzuweisen hat – und wollte doch nichts weniger sein. Martin Luther hat mit den sagenhaften Hammerschlägen, mit denen er seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, das Mittelalter beendet und ein neues Zeitalter begründet: das, in dem wir heute leben. Die von ihm angestoßene Reformation wirkte wie ein ungeheurer Modernisierungsschub, auf Kunst und Alltagsleben, Literatur, Wissenschaft und Publizistik; Luthers Bibelübersetzung ist der Grundtext für das heutige Deutsch. Vor allem aber gab der entlaufene Augustinermönch den Deutschen zum ersten Mal einen Begriff von der Individualität des Menschen: Du allein verfügst über dich, nicht der Kaiser, nicht der Papst, niemand außer Gott. Luther ist eine einzigartige Figur in der europäischen Geschichte. Ohne ihn wäre die Welt ärmer – auf jeden Fall eine andere.Willi Winkler geht es darum, den ganzen Luther in den Blick zu nehmen, ihn als den Mann zu zeigen, der seine Welt vom Kopf auf die Füße gestellt hat, vor dem Hintergrund des aufregenden 16. Jahrhunderts, in dem die Neuzeit beginnt. Rechtzeitig zum Reformationsjahr erscheint diese große Biographie, die alle Anlagen zum Klassiker hat."
Thomas Münzer, der protestantische Revolutionär
und Bauernführer

Luther mag Individualist und Anhänger eines entstehenden Kapitalismus gewesen sein. Er hat auch das Papsttum und den katholischen Seelenhandel herausgefordert. Aber ein Rebell und Revolutionär war er keinesfalls. Im Gegenteil! Luther war ein geistiger Brandstifter und Teilnehmer eines Kreuzzugs gegen echte Rebellen und Revolutionäre. Ausgerechnet ein Schüler und Anhänger von Luther entlarvte die reaktionäre Gesinnung des Reformators. Und ausgerechnet eine wirkliche Rebellion und Revolution zwang Luther, sich zu Mord und Totschlag an einfachen Menschen zu bekennen. 

Als der Pfarrer Thomas Münzer (1489-1525), der zunächst ein begeisterter Protestant im Sinne Luthers war, mit diesem brach, spiegelte das den größeren Bruch zwischen Bauern und städtischem Bürgertum wieder. Münzer hatte mit Luther gebrochen, weil Luther in Wirklichkeit weder demokratisch noch radikal war. Die damalige deutsche Gesellschaft brodelte. Adel und Klerus unterdrückten die demokratischen Neigungen der Bauernmassen, während das neu entstehende städtische Bürgertum sich bereits anschickte, eigene Interessen geltend zu machen. Die Bauern auf dem Land und die Kleinbürger in den Städten wollten mehr vom Kuchen abbekommen und sich geistig nicht mehr an die Mächtigen fesseln lassen. Es kam daher zum Klassenkampf: 

"Außer Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Papstes. Wir haben gesehen, wie schwerfällig, unvollständig und je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Interessen sich schließlich in drei große Gruppen formierten; wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen die der nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen opponierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen mußte. So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den meisten Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege."

Luthers Reformation schien zunächst die passende Ideologie für diese revolutionäre Bewegung darzustellen. Aber sobald die Massen sich radikalisiert hatten, erkannte Luther, dass sie die gesamte Gesellschaft hätten sprengen müssen. So weit wollte er nicht gehen. Während Münzer die Bauernmassen Deutschlands tatsächlich vom Joch durch den katholischen Aberglauben und die Reichen befreien wollte, ruderte Luther also schnell zurück, sobald seine Lehre wirklich revolutionär wirkte. Daher musste sich der Prediger des evangelischen Gewissens entscheiden und er entschied sich dazu, ohne jegliche Gewissensbisse die Seite der Konterrevolution zu ergreifen und Münzer, den echten Revolutionär dieser Zeit, zu vernichten. Friedrich Engels beschrieb Münzer in seinem Werk über "Die deutschen Bauernkriege" so:

"Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebejischen Revolutionär Münzer gegenüber. Thomas Münzer war geboren zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498. Sein Vater soll, ein Opfer der Willkür der Stolbergschen Grafen, am Galgen gestorben sein. Schon in seinem fünfzehnten Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund gegen den Erzbischof von Magdeburg und die römische Kirche überhaupt.Seine Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle als Kaplan in einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und Ritus der Kirche mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ er die Worte der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm erzählt, die Herrgötter ungeweiht. Sein Hauptstudium waren die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen Schriften Joachims des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das Strafgericht über die entartete Kirche und die verderbte Welt, das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Reformation und der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbeigekommen.Er predigte in der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er als erster evangelischer Prediger nach Zwickau . Hier fand er eine jener schwärmerischen chiliastischen Sekten vor, die in vielen Gegenden im stillen fortexistierten, hinter deren momentaner Demut und Zurückgezogenheit sich die fortwuchernde Opposition der untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden Zustände verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation immer offener und beharrlicher ans Tageslicht hervortraten."

Münzer forderte nun also die katholische Kirche ebenso heraus wie Luthers Reformationsbewegung. Er ging aber noch weiter. Sein Christentum war plebejisch, demokratisch und irdisch. Erlösung war für ihn nichts, das nach dem Tod erst beginnt. Erlösung war für Münzer im Grunde die Befreiung der leidenden Massen von der feudalen Unterjochung. "Nach Müntzers theologischer Überzeugung forderte die Heilige Schrift die Freiheit des Menschen. Er wurde von den Fürsten misstrauisch beäugt und geriet immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit. Als 1524 der Deutsche Bauernkrieg ausbrach, schlug Müntzer sich auf die Seite der Landleute. Bald wurde er zu einer Leitfigur des Aufstands", so schreibt sogar das ZDF. Münzer war dank seiner demokratischen Ideologie zum Anführer der bäuerlich-demokratischen Bewegung geworden. Und die Bauern wollten sich nicht mit Luthers bescheidenen Reformen abspeisen lassen. Das musste zum Bürgerkrieg führen. Engels beschrieb Münzers Rolle im anstehenden Bauernkrieg:

"Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in den vorliegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war.Dabei aber blieb er an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen.Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten atmen einen revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen früheren Schriften in Erstaunen setzt.Der naive jugendliche Humor der revolutionären Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwunden; die ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war, kommt nicht mehr vor. Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf und spricht nur noch in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu wirken hatte.Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsischen Herzogtümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im Vogtland standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen Bewegung anerkannt".

Während die Bauern Ländereien konfiszierten und sich gegen Adel und Klerus bewaffneten, forderte Luther den Bürgerkrieg gegen die Ärmsten der Gesellschaft:

"Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform, den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse der Städte war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht widerstehn.Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung entfremden und ließ nur die Chance entweder der Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebejer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die katholische Restauration.Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege erfochten haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon haben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt. Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren mußten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr unter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten.Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte. Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich riet er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden und wuchs der bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster Nähe, in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmflut der bäurisch-plebejischen Revolution.Da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige Kinder Gottes; und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich 'wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern'."Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther. 'Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.'"

Die "lieben Herren" stachen, schlugen und würgten die Bauern in der Tat. Sie richteten furchtbare Massaker an ihren revoltierenden Knechten an und stellten die Lage vor dem Aufstand weitgehend wieder her. Engels fasste das Resultat der besiegten Bauernrevolution zusammen:

"Die Bauern waren überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste Revolutionsversuch des deutschen Volks endigte mit schmählicher Niederlage".

Nicht Luther war der deutsche Rebell und Revolutionär, sondern sein abtrünniger Schüler und Konkurrent Thomas Münzer war der wirkliche Held der damaligen Zeit. Münzer bleibt auch heute noch ein glänzendes Beispiel für volkstümliche, linkspopulistische Politik, während Luther mehr den feigen Rechtspopulisten und korrupten Politikern von heute ähnelte.


Montag, 15. Februar 2016

Tödliche Langeweile und "sterbende Zeit"


Fast jeder Mensch kennt die tödliche Langeweile.  Man ist unterfordert oder überfordert und weiß nicht, was mit sich anzustellen ist. Das ist nicht nur geist- und nervtötend. Es ist in der Tat auch ungesund, geradezu tödlich. Eine 3sat-Doku berichtet darüber.

Die Lösung für das Problem kann für die meisten Menschen vermutlich nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft gefunden werden. Denn der Kapitalismus kann seine Gier nach Profit nicht abstellen. Aus dieser folgen immer wieder die physische und psychische Zerstörung menschlichen Lebens, Tierquälerei und Umweltzerstörung. Bescheuerte Tätigkeiten, die von Maschinen erledigt werden sollten, werden von Arbeitern erledigt, weil sie billiger als Maschinen sind. Dass dafür vierzig, fünfzig oder noch mehr volle Jahre draufgehen, ist das Leid des typischen Proleten. Er lebt vor allem für die blinden (Ge)Triebe des Kapitals und vergisst dabei die eigenen Bedürfnisse, sofern sie über das Routineprogramm hinausgehen. Damit wird er zum bloßen Anhängsel der kapitalistischen Maschinerie.

Leo Kofler, ein Humanist und Faschismus-Flüchtling aus Ostgalizien, sprach in diesem Zusammenhang von der "sterbenden Zeit". So würdigt Kofler, dass andere scharfsinnige Beobachter bemerkt hätten,

"daß die wichtigste Zeit im Leben des Arbeiters, die Arbeitszeit, eine 'sterbende Zeit' ist. Sie ist unschöpferisch und von Langweile erfüllt, so daß auf den Europäischen Gesprächen der Gewerkschaften in Recklinghausen Kasnacich-Schmid unter Zitierung von Walter Rathenau sagen konnte: 
'Das Arbeitsleid ist eine sehr reale Gegebenheit. Wer mechanische Arbeit am eigenen Leib kennengelernt hat, wer das Gefühl kennt, das sich ganz und gar in einen schleichenden Minutenzeiger einbohrt, das Grauen, wenn ein verflossene Ewigkeit sich auf einen Blick auf die Uhr als eine Spanne von zehn Minuten erweist, wer das Sterben eines Tages nach einem Glockenzeichen mißt, wer Stunde um Stunde seiner Lebenszeit tötet, mit dem einzigen Wusch, daß sie rascher sterbe, der wird das Märchen von der Arbeitslust mit Hohn beiseite schieben...'"

Foto von: zahnraeder-netzwerk.de
Die sterbende Zeit des eigentlichen Proletariers ist auch heute noch durchaus verschieden von der des kleinbürgerlichen Lohnabhängigen, des Angestellten, Bürokraten oder prekarisierten Intellektuellen mit Hochschulabschluss. Wieso? Der Kleinbürger kann sich meist noch in gewissem Maße in seiner Abhängigkeit verwirklichen und einen gewissen Status genießen. Der eigentliche Prolet dagegen genießt nur den Konsum, den ihm sein Lohn ermöglicht. Auf der Arbeit langweilt er sich meist genauso wie daheim vor dem Fernseher oder in unbefriedigenden familiären Verhältnissen - es sei denn, er entwickelt besondere Überlebenstechniken gegen die tödliche Langeweile. Der eine macht unanständige Witze, der andere hat nur Frauen im Kopf. Die nächste hat wiederum Make-Up oder Haushalt im Sinn, während wieder eine überlegen muss, wie sie den einen Macker vor dem anderen geheim hält und beide vor dem Vater, der wiederum die Mutter besänftigen muss, die aber selbst gerne mal ohne Mann verreisen würde etc. pp. Das sind die "Lösungen" der meisten Proleten, um aus der sterbenden Zeit eine leidenschaftliche zu machen.

Hätten sie nur mal Kofler live erlebt...

Interessante Links rund um Kofler






Marxists Internet Archive (mit Texten von Marx, Engels, Lenin, Lukács, Hegel, Feuerbach etc.)

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ich spucke auf dein Grab - ein Meisterwerk über feministische Selbstjustiz

Wie gerufen kommt der dritte Teil von "I spit on your grave" für die deutschen Zuschauer*innen nach Silvester 2015/16. Die Serie behandelt ein überaus makabres Thema: Rache infolge von Vergewaltigung. Anders als Teil 1 und 2 ist der dritte Teil jedoch nicht bloß ein weiterer "Rape and Revenge"-Splatterfilm. "I spit on your grave III" ist vielmehr ein surreales Meisterwerk ganz im Stile von "Fight Club".

Rachesequenz aus "I spit on your grave III"
Jennifer Hills (Sarah Butler) ist die bereits bekannte Protagonistin aus dem ersten Teil, in dem sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch einige Rednecks wurde, an denen sie sich im Anschluss brutal revanchierte. Im dritten Teil hat sie mit den psychischen Folgen der Ereignisse zu kämpfen: Sie ist allgemein äußerst misstrauisch geworden, hat Alpträume und Paranoia. Überall sieht sie potenzielle Vergewaltiger. Ihren Namen hat sie zu Angela umändern lassen, um mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Auch sucht sie eine Therapeutin auf und nimmt an Gruppensitzungen mit anderen Geschädigten teil.

Gleich eine der ersten Szenen ist perfekt. Angelas Kollege spricht sie unvermittelt an und löst damit die typische Situation aus, wenn eine Frau ungewollt angemacht wird:

"Hey, Angie. Warte doch."
"Bitte nenn mich nicht immer so. Ja?"
"Komm schon. Was ist denn mit dir los? Ich meine. Rieche ich? Habe ich faule Zähne?"
"Ich möchte nur nicht Angie genannt werden."
"Augenblick, was ist mit dir? Ich versuche doch nur, nett zu sein."
"Wieso?"
"Was ist falsch daran, nett zu sein?"
"Dann sei doch nett zu Gloria oder xyz§#ß."
"Du bist ja echt schwierig. Hör zu, nicht jeder will dir gleich an die Wäsche."
"Nicht jeder, aber du."

Eiskalt abgeblitzt, bemüht sich der wirklich nette Kollege immer wieder, aber hat im Grunde keine Chance, Angela zu treffen. In einer Therapiestunde erklärt Angela den Grund dafür, d.h. ihr Weltbild:

"Da draußen ist man Raubtier oder Beute. Man muss sich entscheiden."
"Eine etwas einseitige Sicht. Glauben sie nicht an Altruismus?"
"Sie meinen die Gutmenschen? Die kann ich echt nicht ausstehen." 

Bei ihren Gruppensitzungen lernt sie die hammerharte Marla (Jennifer Landon) kennen, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte eine Männerhasserin mit viel Humor und Selbstvertrauen ist. Bis dahin konnte Angela ihr Leben kaum genießen. Gemeinsam mit Marla ändert sie fortan jedoch ihre Einstellung. Sie bricht mehr und mehr mit der klassischen Opferrolle und wird zum agierenden Subjekt. Von Marla übernimmt Angela die radikalen Ansichten:

"Für diese Frauen gibt es nur eine Hoffnung und die heißt: Rache... Und die Cops helfen dir nicht. Niemand hilft dir. Du musst dir selbst helfen. Geh deinen Weg und schau nicht zurück. Wenn das nicht hilft, nimmst du ein Messer, schlizt ihn auf und nimmst ihn aus wie einen Fisch und schneidest ihm den verdammten Kopf ab." 

Marla spricht es aus, Angela begreift sofort. Die beiden ziehen also gemeinsam los in den Krieg gegen die Männer. Ob der Kollege, der Angela kennenlernen möchte, der unbekannte Frauenschläger aus der Kneipe oder der angehende Vergewaltiger - alle werden nun zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt der beiden Racheengel. Angela muss ihre fiktive Freundin (eine Anspielung auf Marla in "Fight Club"?) sogar mäßigen. Doch ist sie bald selbst nicht mehr zu halten.

Das Hauptmotiv des Plots ist abgesehen von der Verwandlung des Opfers zur Täterin das Fluktuieren unserer Heldin zwischen staatlichem Recht, feministischer Gerechtigkeit und sadistischer Selbstgerechtigkeit. Die Polizei wirkt machtlos oder unwillig, Angela bei der Aufklärung eines Mordes an einer Freundin zu helfen. Der Staat versagt also wie so oft darin, dem Recht die Gerechtigkeit folgen zu lassen. Einzig logische Konsequenz für unsere Rächerin ist die Selbstjustiz. Sie zieht los, um endgültig zu strafen, wo der Staat nicht einmal das öffentliche Recht durchzusetzen vermag. 

Die Zuschauer*innen werden nicht nur Mitgefühl für die Vergewaltigungsopfer empfinden, sondern auch sadistische Lust bei der Bestrafung der Täter. Das ist immer der intendierte Effekt bei diesem Filmgenre. Allein, das Geniale an diesem Film, das ihn außergewöhnlich macht, ist die Überspannung der Selbstjustiz. Die feministische Gerechtigkeit verschmilzt immer mehr mit sadistischer Selbstjustiz. Denn Angela rächt sich nicht bloß. Sie rastet aus und attackiert sogar unschuldige Männer und Frauen. Unterschiedslos rächt sie sich nun also an der ganzen Menschheit. Ihre zunächst gerecht wirkende Verwandlung in eine Rächerin schlägt in einen durch nichts zu rechtfertigenden Menschenhass um. Aus der zornigen Feministin wird so eine Sadistin, aus dem Racheengel ein gefallener. Ganz wunderbar lässt sich das im Kontrast zwischen der Szene im Gefängnis und der Szene in der Mitte des Films erkennen, in der sie sich auf einen kurzen Flirt mit dem Kollegen einlässt. Dort schien es einen Hoffnungsschimmer für die verzweifelte Kreatur gegeben zu haben. Doch der Film endet düster.

Angela selbst weiß um ihre Schuld, weshalb sie Gott um Vergebung bittet. Natürlich löst dieser ihre Probleme nicht. Darum geht es in dem Film. Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun errettet die Opfer von Gewalt. Sie müssen sich selbst retten, selbst wenn es so schwer fällt wie Angela. Und genau diese Spannung zwischen den Kontrasten erhebt den Film auf den Thron des Genres.


Dienstag, 9. Februar 2016

Vom berühmten Fettsack mit dem Marx-Tattoo und der makellosen Badenixe

"Ewige Jugend" (englischer Titel: "Youth") ist ein toller Film. Schaut ihn. Leider ist er nicht ganz einfach. Vermutlich ist das sogar einer dieser Filme, die man zehn Mal sehen muss, um ihn wirklich schätzen zu lernen. Aber immerhin: Man kann viel aus dem Film lernen. Wovon handelt er aber? Unter anderem von einem berühmten Fettsack mit Marx-Tattoo und einer makellosen Badenixe - ja, im Ernst - und von einem depressiven Hitler. Natürlich, diese drei Figuren werden bloß von Nebendarstellern gespielt. Jedoch verkörpern sogar sie die tiefschürfende Idee, um die sich die ruhige Handlung des Films herum aufbaut.
Szene aus "Ewige Jugend": Fred und Mick
bestaunen "Gott", d.h. Miss Universum

Der Ex-Komponist Fred (Michael Caine) und der Regisseur Mick (Harvey Keitel) verbringen als Freunde ihren gemeinsamen Lebensabend in den Alpen. Während Fred resigniert wirkt, scheint Mick noch voller Hoffnung zu sein. Fred lehnt das Angebot der britischen Königsfamilie ab, für sie ein Konzert zu spielen. Stattdessen lässt er sich von jungen Frauen rein äußerlich beglücken. Mick plant hingegen seinen letzten großen Film und will seinem Schöpfertum erneut Ausdruck verleihen. Der Film ist ein ehrliches "Erschrecken vor der eigenen Bürgerlichkeit", wie ein Kritiker es ausdrückte. Umgeben sind die beiden Hauptfiguren von nicht minder bürgerlichen Karikaturen, die alle samt leidenschaftlich mit ihrem Selbstbild kämpfen.

Lena (Rachel Weisz), die Tochter Freds, verliert ihren Verlobten, den Sohn von Mick (Ed Stoppard), an eine "Schlampe", d.h. an eine extrem oberflächliche Pop-Sängerin (Paloma Faith). Der Grund dafür ist der Sex, wie ihr Ex-Verlobter gesteht. Der elegant gekleidete Betrüger meint, nun endlich in der unterdurchschnittlichen Sängerin eine spannende Frau gefunden zu haben. Paloma selbst bildet sich ein, eine große Künstlerin zu sein. Und Lena gefällt sich als Antwort auf diese Verletzung in ihrer Rolle als unwiderstehliche Verführerin. Allen möglichen Männern umwerfende Blicke zuwerfend will sie sich ihren Sex-Appeal wieder zurückholen. Der Maradona-Verschnitt (Roly Serrano) ist übergewichtig und träumt von seiner Vergangenheit als Fußballstar. Jimmy Tree (Paul Dano), ein frustrierter Schauspieler, der nur für seine Rolle als Roboter bekannt ist, will nichts sehnlicher als eine extrem anspruchsvolle Rolle spielen - in diesem Fall Hitler. Auch Jane Fonda hat als die alternde Schauspielerin Brenda Morell ihren Moment der Offenbarung, als sie im Flugzeug zusammenbricht und ihre Perücke verliert. All diese Charaktere haben ihren großen Auftritt im Film. Sogar Miss Universum (Madalina Diana Ghenea) will nicht bloß als hübsches Dummchen gelten und beweist ihre Intelligenz in einer großartigen Szene und eine tiefsinnige Masseuse mit Zahnspange (Luna Zimic Mijovic) würde gerne ihre Weisheit als Pop-Sängerin in die Welt hinausposauen.

Die Schauspieler spielen ihre Rolle perfekt. Man musste sie deswegen hier namentlich erwähnen. Selbst Miss Universum und Paloma Faith waren wunderbar selbstironisch und grandios. Den Schauspielern und ihren Figuren geht es um ihre Identität bzw. ihr "wahres", inneres Wesen. Hinter ihrer Oberfläche verbirgt sich ihr Kern. Deswegen hat dieser Film eine gewisse Tiefe. Allerdings bleibt die Frage offen, ob die Oberfläche oder das innere Wesen die Wahrheit der Charaktere ist. Ist der Fettsack mit dem Marx-Tattoo nun in Wirklichkeit ein weltberühmter Fußballer oder ein nostalgischer Fettsack? Und ist Miss Universum eine makellose Badenixe oder nur eine geradezu obszön hübsche Frau? Die Antwort wird nicht wirklich gegeben. Aber ausgerechnet Hitler, der größte Betrüger und kleinste Mensch, erkennt die große Botschaft des Filmes. Der Schauspieler Jimmy Tree, der für seine leichte Rolle als Roboter bekannt und damit überaus unzufrieden ist, erkennt im besoffenen Zustand als verkleideter Hitler seine Bestimmung, für den Drehbuchautor und Regisseur Sorrentino das einende Band aller Menschen zu benennen:

"Ich studiere die Hotelgäste schon seit Wochen. Ich habe alle minutiös beobachtet. Sie und Fred, Lena, die Russen, die Araber, die Jungen, die Alten... Und ich bin zu einem Schluss gelangt. Ich muss mich entscheiden. ICH muss mich entscheiden, wovon ich erzählen will: Schrecken oder Sehnsucht? Und ich wähle die Sehnsucht. Sie, jeder einzelne von Ihnen, hat mir die Augen geöffnet, hat mich begreifen lassen, dass ich mein Leben nicht darauf verschwenden darf, sinnlosen Schrecken darzustellen. Ich kann nicht Hitler spielen. Nein, ich möchte von Ihrer Sehnsucht erzählen, so pur, so völlig unmöglich, so unmoralisch. Aber das ist völlig egal, denn erst sie macht uns so lebendig."

Szene aus "Ewige Jugend":
Der Fettsack mit dem Marx-Tattoo ist nicht mehr allzu fit
Dass ausgerechnet "Hitler" den Widerspruch zwischen Oberflächenschein und Wesenskern im Film ausspricht, ist kein Zufall. Dem Schrecken, den Hitler verkörpert, soll man nicht unnötig viel Beachtung schenken. Vielmehr soll man den Sehnsüchten der Menschen die aller größte Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen. Das ist die Erlösung im menschlichen Jammertal, das im Film von den Alpengipfeln umgeben ist. Nicht umsonst schwebt ein buddhistischer Mönch in der nächsten Szene durch die Gegend, womit er dieses Elend hinter sich lässt. Und nicht umsonst nennt Mick die nackte Miss Universum "Gott" und den Genuss ihrer Perfektion "das letzte wahre Idyll unseres Lebens", das den Menschen geblieben sei. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass Maradona zu Anfang des Streifens ebenfalls "Gott" genannt wird.

Es wäre noch viel über den Film zu sagen. Man könnte zehn weitere positive Rezensionen mit Fokus auf die Musik, die Symbolik oder den Schnitt verfassen. Das hier soll aber vorerst genügen. "Ewige Jugend" ist eine Offenbarung. Die bösen Kritiker des Meisterwerks von Sorrentino sollten es womöglich noch einige Male anschauen, um seine Tiefe zu begreifen. Oder sie sollten diese Rezension hier lesen und sich in Grund und Boden schämen, weil ein Türsteher und Prolet mehr von ihrem Fach versteht als sie, die kleinbürgerlichen Kunstkritiker.

Sonntag, 24. Januar 2016

Leo Kofler über die "kleinbürgerliche Bildung"

Leo Kofler
Der österreichisch-deutsche Marxist Leo Kofler (1907-1995) widmete sich in diversen Schriften und Vorträgen dem Thema der Bildung, wie sie die drei großen Klassen im Kapitalismus - Proletariat, Kleinbürgertum und Großbürgertum - mehr oder wenig selbstverständlich kultivieren. Seine Ideen verbreitete dieser Autodidakt und Pädagoge, der durch Größe beeindruckte, an Volkshochschulen, Universitäten, vor Gewerkschaftern und Studierenden und einfachen Arbeitern. Auch heute noch sind seine Ansichten beachtenswert.

Im Folgenden Auszüge, wie sie in Koflers fast völlig vergriffenen Publikationen immer wieder zu finden sind. Auszug aus Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, 1975, S. 55-60. Teil 2 der Reihe zur Frage der Bildung bei Kofler und x-ter Teil von Klasse-is-muss.

Leo Kofler über die "kleinbürgerliche Bildung"


Bürgerlichkeit des Kleinbürgers


Gründet sich ein gewisser Stolz des Arbeiters auf seine Hand- und technischen Fertigkeiten, so hat der Kleinbürger keinen Grund zu einem solchen Stolz, denn seine Arbeit ist zumeist formale und abstrakte Manipulation, die an der Sachwelt nichts ändert. Den Kern des Kleinbürgertums bildet die Angestelltenschaft in ihren verschiedenen Formen. Das Schicksal kleinbürgerlicher Arbeit ist die nicht die Produktivität, sondern die Sterilität. Von der kollektiven Einordnung des Arbeiters in einem Arbeitsprozeß unterscheidet sich der arbeitsmäßige Individualismus des Angestellten grundsätzlich. Besonders seinem Bewußtsein nach. Die relative Entfernung dieser Arbeit vom produktiven Prozeß verstärkt diese individualistische Tendenz. Damit hängt auch zusammen das Gefühl des Bewahrtbleibens von den Unbilden der körperlichen Arbeit und deshalb des Anders- und Besserseins im Vergleich zum Arbeiter. Interessant an dieser Haltung ist auch, daß trotz der üblichen verbalen Ableugnung der Existenz eines Proletariertums in unserer Zeit diese Existenz zugleich durch ein fanatisch zu nennendes Bemühen, sich von diesem Proletariertum abzugrenzen, zugegeben wird. Daraus ergibt sich die Neigung des Kleinbürgers, es dem Bürger gleichzutun, die Neigung zur Verbürgerlichung. Was dem Arbeiter nur äußerlich bleibt, ist hier echt; von einer Verbürgerlichung des Kleinbürgertums kann durchaus gesprochen werden.

Kleinbürger Steinbrück in der SPD:
Demokratie und Gerechtigkeit
als Kapital
Trotzdem bleibt eine unaufgelöste Differenz zwischen dem Bürger und dem Kleinbürger, die dem gewissenhaften Beobachter nicht entgehen kann - z.B. beim Studium der "bürgerlichen" Wohnung des Kleinbürgers, die stets einen eigenen, eben kleinbürgerlichen Geschmack hinterläßt. Mag in Kleidung und Gestik, in der Rede und in der Weltansicht die Nachahmung mehr oder weniger als gelungen erscheinen, es bleibt ein "auf den ersten Blick" erkannbarer Unterschied. Das ist zunächst die kleinbürgerliche Unsicherheit, die durch das "Gehabe" durchscheint und sich von der Sicherheit des echten Bürgers abhebt. Der Kleinbürger hat mit dem Arbeiter ungeachtet aller darin liegenden unterschiedlichen Nuancen das Inferioritätsgefühl gemeinsam. Vom Bürger unterscheidet er sich durch die Unfähigkeit, der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit der gleichen Distanz zu begegnen wie jener. Der Bürger beherrscht die Realität, aber er unterliegt ihr - wenigstens in seinem subjektiven Bewußtsein - nicht, während der Kleinbürger bis in seine subtilsten seelischen Erlebnisse hinein dem Gefühl, von den äußeren Mächten abhängig zu sein und sich ihnen "geschickt" anpassen zu müssen, nicht entrinnt. Auch dies ist geeignet, die Kluft von bürgerlicher Sicherheit und kleinbürgerlicher Inferiorität zu vertiefen. Was daraus noch folgt, weist auf die verfeinerte Versubjektivierung des Bürgers auf der einen Seite und auf das gleichzeitig manische wie mißlungene Bemühen des Kleinbürgers zur Aneignung dieser versubjektivierten Technik der Lebens- und Erlebensgestaltung. Was beim Kleinbürger herauskommt, ist ein Surrogat, das mehr die Sehnsucht nach verinnerlicht-verfeinertem Leben verrät als das Gelingen.

Pauperismus des Kleinbürgers


Wir haben es mit einer Dialektik des Widerspruchs zwischen der gereizt-fanatischen Neigung zur Nachahmung des Bürgerlichen und dem Versagen, dem äußeren Gelingen und dem grundsätzlichen Mißlingen dieser Nachahmung in den zentralsten Belangen des eigentlich Bürgerlichen zu tun. Sehen wir näher zu, so läßt sich erkennen, daß diese Dialektik nur die Kehrseite einer anderen ist, nämlich der Dialektik der fanatischen Neigung zur Abgrenzung gegen alles Proletarische und des im letzten nicht zu vermeidenden ständigen Rückfalls auf dessen menschlich-pauperisierte Position, wenn auch mit den entsprechenden Unterschieden, die aus der stärkeren Verbürgerlichung des Kleinbürgers resultieren. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß in einer, wenn auch nuancenmäßig abgewandelten, Gestalt die aufgewiesenen fünf Momente der menschlichen Tragik des Arbeiters auch für den Kleinbürger gelten, was sich am leichtesten am Angestellten demonstrieren läßt:

Erstens die Pauperisierung der menschlichen Totalität als Folge von Beruf, Spezialistentum, Inferiorität und Integration in das allgemeine entfremdete Bewußtsein. Zweitens der notwendige Schutz durch die Sozialgesetzgebung, denn nur der Schwache und Abhängige muß geschützt werden. Drittens die Bindung an das "Eigentum", das in Wahrheit keines ist, denn es gewährt nicht Freiheit im Sinne der bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern fesselt im Sinne des "Realitätsprinzips" den einzelnen an die Notwendigkeit der Reproduktion dieses "Eigentums". Viertens die sterbende Zeit, die sich von jener des Arbeiters kaum unterscheidet. Fünftens die Funktion der Freizeit als eine Funktion der zweiten Stufe der Bildung, der Einordnung in das Schema verdinglichter Kultur. Von besonderer Bedeutung wird für den Kleinbürger der fünfte Punkt der Freizeit und Kultur, der sich in der kleinbürgerlichen Denkweise zum Problem der Bildung verdichtet. Um da zu verstehen, müssen wir auf das Problem des Schicksals zurückgreifen.

Das kleinbürgerliche Bewusstsein


Gorki lachte über die Kleinbürger
Wir haben gesehen, der Arbeiter erlebt das Schicksal als eine gesellschaftliche Macht. Daraus resultiert sein praktischer Bildungsbegriff und das bewußte Aufsichnehmen der Unbildung. Der Arbeiter, der sich seiner Inferiorität und ihres gesellschaftlichen Grundes bewußt ist, hat Minderwertigkeitsgefühle, aber keine Schuldgefühle. Der Schuldige ist für ihn die Gesellschaft. Daraus entspringt seine offene oder, wie heute, in Westdeutschland, verborgene Haltung gegen die Gesellschaft. Der Kleinbürger dagegen hat nicht nur Minderwertigkeits-, sondern auch ihn zutiefst beunruhigende Schuldgefühle. Sie entstehen dadurch, daß er in ideologischer Abwehr der kollektivistischen proletarischen - "gewerkschaftlichen", hört man ihn oft sagen - Denkweise und in Zuneigung zum bürgerlichen Subjektivismus die gesellschaftliche Bedingtheit seiner menschlichen Misere nicht oder nicht primär gelten läßt und in weiterer Folge die subjektivistische, durch den allgemeinen bürgerlichen Individualismus zuätztlich genährte, Neigung entwickelt, diese Misere aus dem eigenen Versagen zu erklären. Er verlegt die vom objektiven Sein ihm aufgezwungene Schicksalsfrage in den Bereich des Individuellen, wo er sie zu bewältigen und zu lösen versucht.

Eingeklemmt zwischen die Pole der bürgerlich-individualistischen Anreizung zur Ausnützung der "freien Konkurrenz", "aus sich etwas zu machen", auf der einen Seite, der tragischen Gebundenheit an die erwähnten Momente des menschlichen Pauperismus und der Entfremdung auf der anderen Seite, findet der Kleinbürger aus diesem verhexten Kreis nicht heraus. Da er dem kleinbürgerlichen Indidivualismus zuneigt, der einzelne eher schuldig erscheint als das Ganze, schlagen die aus dieser widerspruchsvollen Situation emporwachsenden Gefühle der Verzweiflung leicht in subjektive Schuldgefühle um.

Die Neigung, "etwas aus sich zu machen", mündet in das bekannte kleinbürgerliche Bildungsstreben aus. Erscheint das Schicksal dem Kleinbürger in doppelten irrational-"mystischen" Gestalt: als objektiv-undurchdringliches und als subjektiv-verschuldetes, so gibt beides Anlaß zur Fortsetzung der grundsätzlich individualistischen Haltung in einem "Tun"; nicht etwa die Gesellschaft zu verändern, denn das scheint angesichts der undurchdringlichen objektiven Mächte und des Aufrufs zur subjektiven Selbsterlösung irrelevant oder von sekundärer Bedeutung, sondern sich von seinem Schuldgefühl zu befreien durch "Bewährung" im Sinne des individualistischen Aufrufs zur Entfaltung der Persönlichkeit. Das Heil liegt in der Selbsterlösung. Der Weg dahin kann aber nur der sein, der dem Kleinbürger zur Verfügung steht, der der Bildung. Da aber unter den gegebenen pauperisierten Lebensbedingungen dieses Ziel nur relativ, nur sehr unbefriedigend zu erreichen ist, wird das Schuldgefühl nicht getilgt, sondern es verstrickt sich nur noch mehr in die bedrückende subjektive Problematik und bedrängt den einzelnen, je ernster er sich nimmt und je bemühter um die Selbsterlösung er ist, desto schwerer.

Der mit Hilfe der Bildung zu erzwingende Durchbruch durch die dem Kleinbürger eigene Welt des Scheins wird erschwert und verhindert durch die Tatsache, daß die erstrebte Bildung im gegebenen geschichtlichen Stadium nur die Bildung der zweiten Stufen sein kann, der Stufe des Scheins und der spekulativen Philosophie. Umgekehrt kann der Kleinbürger diese Stufe nicht überwinden, weil alle seine geschilderten situationsbedingten und habituellen Eigenschaften ihn auf diese Stufe verweisen, ihn an sie fesseln.

Der kleinbürgerliche Utopismus


"Sozialismus für Kleinbürger",
ein Buch über Proudhon und die Nazis
Die unerfüllte Sehnsucht weist in die Utopie, die aber nicht wie beim Arbeiter einen wesentlich realen Charakter annimmt, sondern einen subjektivistisch-irrealen. Vorläufig, im "Diesseits", soll die Verbesserung der materiellen Besitzlage zu erhöhtem Prestige verhelfen. Prestige und Sicherheit erfordern ein gesteigertes materielles Streben. Aber da im Vergleich zum nachgeahmten Bürger die "Erlösung" durch materiellen Genuß nur halb gelingt, ergänzt das kleinbürgerliche Bewußtsein dieses Streben durch das Gegenteil davon, nämlich durch die sehnsuchtsvolle utopische Hoffnung auf eine künftige Erlösung sowohl in materieller als auch in persönlicher Beziehung. Dieser kleinbürgerliche Utopismus ist der typischen kleinbürgerlichen Mentalität entsprechend verschwommener und widerspruchsvoller Natur. Seinem eigenen Utopismus begegnet der Kleinbürger bald mit gläubigem Ernst, bald mit höhnender Ironie, je nach den gesellschaftlichen und persönlichen Umständen. Zeigt der Utopismus des Arbeiters eine deutliche Realitätsbezogenheit und Konstanz, wobei er sich besonders im Umkreis des Sozialen und Technischen bewegt, so steht der kleinbürgerliche Utopismus auf einer bestimmten, schwankenden Grundlage.

Das "Träumen" des Kleinbürgers ist haltloser und verschwommener als das des Arbeiters. So wenig es aus der seelisch-geistigen Welt des Kleinbürgers weggedacht werden kann, und so wahr es ist, daß er sich in diesem Träumen selbst verwirklicht, weil sein ganzes Leben auf illusionärer Grundlage basiert, was sich aus seiner Zwischenstellung zwischen Proletariat und Bürgertum und aus seinem ungefestigten Subjektivismus erklärt, so wahr ist es aber auch, daß er unvermittelt in eine Stimmung ironischens [sic! Alexithymian] Verneinens gerät, wenn man ihm seine traumhaft-utopischen Neigungen vorhält. Er schämt sich seines "kritischen" Utopismus, der an den proletarischen erinnert und der Utopielosigkeit des Bürgers widerspricht, um desto zäher an dem utopischen Selbsterlösungsbedürfnis festzuhalten. Es bleibt jedoch kennzeichnend, daß der Kleinbürger infolge der ihm eigenen subjektivistischen Tendenzen auch seinen Utopismus versubjektiviert, d.h. aus dem Bereich des Real-Zukunftsgerichteten ins Irrational-Subjektive ausbricht und unter Zukunft nur sekundär die soziale versteht, primär die persönliche Zukunft, grundsätzlich eine Zukunft innerhalb der vorhandenen Beziehungen und Verhältnisse.

Jap.
Es ist nicht leicht, diesen verschwommenen und ambivalenten Utopismus genau zu beschreiben. Wie der Kleinbürger zwischen allen Extremen hin und her schwankt, so schwankt auch sein Utopismus zwischen der Hoffnung auf materielle Sicherstellung und der Befriedigung des Bedürfnisses nach Erhöhung seiner Individualität mittels der Zugänglichmachung aller Bildungsmöglichkeiten. Der kleinbürgerliche Bildungsphilister, ein Produkt der Verbindung von verbürgerlichtem Individualismus und der zweiten Stufe der Bildung, sieht die Erfüllung seiner Sehnsucht nach Prestige und subjektivem Glanz zeitweilig auch in einer neuen sozialen Ordnung, von der er sich aber einen mehr sentimentalen Begriff macht, und wird "revolutionär". Man unterschätze aber andererseits diese Haltung nicht, denn sie macht unter günstigen Umständen gewisse kleinbürgerliche Schichten zugänglich für ernste humanistische Parolen, deren Anliegen gleichfalls, wenn auch nicht aus Gründen des Prestiges, sondern aus Gründen der Emanzipation durch die Wiederherstellung der Einheit von Mensch und "Spiel", die individuelle "Persönlichkeit" ist. Der Kleinbürger hat sich stets von einer kraftvollen und nicht integrierten, von einer humanistischen und nicht "ethisch" verwässerten, von einer mit kritischer Theorie gesättigten, vor allem aus allen diesen Gründen selbstbewußt auftretenden gesellschaftlichen Bewegung imponieren lassen. Die Diskussion darüber, wie der Kleinbürger in seiner Masse für den Humanismus zu gewinnen sei, findet in diesem Aspekt ihre Antwort. Allerdings hat der ambivalente Habitus des Kleinbürgers auch seine gefährliche Seite. Geneigt, jedem zu folgen, der in irgendeiner Weise seinem sehnsuchtsvollen Utopismus entgegezukommen bereit ist, geht er leicht auch dem Faschismus, dessen hohl-deklamatorischen Revolutionarismus nicht durchschauend, auf den Leim.

Die eigentliche Tragik des Kleinbürgers


Die eigentliche Tragik des Kleinbürgers ist zu suchen im Widerspruch zwischen seiner Neigung zur Anpassung an die vorhandenen gesellschaftlichen Lebensbedingungen und der gleichzeitigen Neigung zur Revolutionierung seiner subjektiven, insbesondere intellektuellen Existenz. Die kleinbürgerlichen Minderwertigkeitsgefühle, die den subjektiven Bildungsbegriff des Kleinbürgers provozieren - und der ihm anhaftet wie die Lüge dem Sophisten -, zwingen ihm die Vorliebe dafür auf, etwas zu scheinen, was er nicht ist. Vergleicht man ihn mit dem Arbeiter und dem Bürger, so ergibt sich eine subjektiv ganz verschiedene Haltung. Der Arbeiter will nicht mehr scheinen als er faktisch ist, weil er aus seinem mehr oder weniger klaren Wissen um seine menschliche Inferiorität heruas sich keiner Illusion hinsichtlich der Realisierbarkeit eines prestigeerzeugenden Scheins hingibt. Was er ist, das will er auch solange zu sein scheinen, solange unter den für ihn unabdingbar geltenden Lebensbedingungen seine armselige Gestalt durch die ideologischen Manöver, die ihm das auszureden versuchen, sich unverkennbar zu erkennen gibt.

Auszug aus:


Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen, 1975, S. 55-60.

Interessante Links rund um Kofler


Leo Kofler über die "proletarische Bildung"

Leo Kofler über die "bürgerliche Bildung"


Mittwoch, 20. Januar 2016

Die unerwartete Mobilisierung des Russlanddeutschen durch Rechtspopulismus

Es passieren immer eigenartigere Dinge in Deutschland.

Gerüchte über eine durch die Berliner Polizei angeblich vertuschte Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens provozieren Protest von Russlanddeutschen im Netz und auf der Straße. Vielleicht zurecht. Bislang jedenfalls konnte der Fall noch nicht geklärt werden. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Das muss polizeilich und juristisch, d.h. professionell, aufgeklärt werden.


Aber ob das eine sonst völlig apathisch auf Politik reagierende Menschengruppe schaffen kann? Die Rede ist nicht von der Berliner Polizei, sondern von den russlanddeutschen Spätaussiedlern. Selbst wenn an den Anschuldigungen etwas dran sein sollte, sind die Umstände des russlanddeutschen Protests durchaus bedenklich. Die Gerüchte mobilisieren ihre alten rassistischen Vorurteile. Emotionen kochen hoch, das Hirn schmilzt weg, die Denkleistung verdampft. Urängste bestimmen das Reden und Handeln. Allein, das ist noch nicht alles. Die empörten Russlanddeutschen bezichtigen die Polizei der Komplizenschaft mit verdächtigten Flüchtlingen. Diese wollen sie eigenständig, extra-legal bestrafen. Selbstjustiz wird verlangt. Dafür tun sie sich teilweise auch mit rechtsextremen Ideologen zusammen. Merkwürdig? Absolut...

Denn nun werden Selbstjustiz und Rassenhass von Leuten eingefordert, die teils selbst nach 24 Jahren im Lande kaum Deutsch können; denn Hartz4, Reallohnverluste, Demokratieabbau, Überwachung und Medienkampagnen, Kriege, Welthunger und Klimawandel sind ihnen egal gewesen; denn die Beherrschung der deutschen Sprache war immer nachrangig für viele von ihnen; denn ie Befreiung der Frau und der Feminismus waren ihnen immer eher suspekt. Aber jetzt rasten sie aus. Merkwürdig? Absolut, aber erklärbar. Denn es geht gegen andere Ausländer, die kulturell noch weniger integriert und sozial noch schwächer sind.

Würde es den neuen Aktivisten um Gerechtigkeit gehen, hätten sie sich früher einer antikapitalistischen oder zumindest fortschrittlichen Bewegung angeschlossen. Sie hätten mit uns Linken und Friedensaktivisten gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan oder in Syrien protestiert oder zumindest den europäischen Kriegskurs gegen Russland und den westlich gestützten Völkermord im Donbass kritisiert. Aber durch westliche Intervention im Ausland getötete Kinder sind dem Mob zunächst gleichgültig. Gerechtigkeit ist nicht ihr Motiv.

Es geht ihnen vielmehr um ihre teils romantischen, teils völlig surrealen Utopien von einem unberührten, spießigen Leben im Wahnsinn, den man Kapitalismus nennt. Die Verletzung der Menschenrechte überall auf der Welt durch die Großkonzerne und politischen Eliten ist ihnen eigentlich scheißegal. Hauptsache ihr Vorgarten oder Treppenflur bleibt sicher. Dieses Ideal hat den proletarischen, prekarisierten und kleinbürgerlichen Russlanddeutschen aber noch immer keine völlige Integration gewährt. Dafür ist das Erbe des Hitlerismus zu fest im staatlichen Gerüst verschraubt. Sie ahnen es zumindest, dass sie trotz deutschem Pass keine vollwertigen Deutschen sind.

Aber endlich hat der russlanddeutsche Kleingeist am Rande der deutschen Gesellschaft eine Gelegenheit gefunden, um sich selbst über andere Paria zu erheben. Alteingesessene Migranten hetzen zusammen mit den deutschen Rassisten gegen Neuankömmlinge. Die entstellte Fratze des Wohlstandschauvinismus vereint nun deutsche, russische (und vermutlich immer offener auch türkische) Nationalisten in Deutschland unter dem Banner der Asylkritik.

Vor allem die nationalistische oder völkische Selbstgerechtigkeit treibt sie an. Ihr deutschnationaler Narzissmus wurde gekränkt. Wieso sollten Neuankömmlinge auch die selben Vorrechte genießen wie die Alteingesessenen? Und dann kommen auch noch Übergriffe vor. Nun wird natürlich Blutrache eingeklagt. Und wenn man die wirklichen Täter nicht fassen kann, werden eben andere "Schwarze", wie nicht wenige Russen alle Dunkelhäutigeren nennen, an ihrer Stelle bestraft. In Russland erledigen das die Neonazis bereits mit großem Erfolg, indem sie wahllos "Schwarze" terrorisieren. Putin toleriert das mehr oder weniger, da er die Faschisten durchaus fürchten sollte und sie wie jeder konservative Staatsmann selbst noch als Schlägertrupp gegen Linke gebrauchen könnte.

Sogar bislang völlig unpolitische und äußerst pragmatisch eingestellte Halbdeutsche radikalisieren sich gerade als Reaktion auf die medialen Hetzkampagnen. In den sozialen Netzwerken und bei Whatsapp werden immer mehr Gerüchte verbreitet. Doch ihr Protest ist zunächst bloß die Mitleid erregende Verzweiflungstat der sonst ohnmächtigen Lumpen, Proleten und Kleinbürger, die verspätet aus ihrem politischen Koma erwachen.

"Achtung! Das heißt Krieg!",
Aufruf zum Protest überall im Land
Leider bringt dieses Erwachen keine Klarheit mit sich. Von geschärftem Klassenbewusstsein dürfte kaum die Rede sein. Die Dumpfheit der Klassenversöhnung unter rechtspopulistischen Parolen ist dagegen bereits Realität. Es sind dunkle Zeiten zu erwarten, in denen die "Moral" des Brutaleren und Unmenschlichen sich auch in Deutschland wieder durchsetzt. Es sei denn, der bürgerliche Rechtsstaat erobert sich mühsam sein Gewaltmonopol und seine Legitimation zurück oder wird durch den sozialistischen überwunden...

Die deutsche Linke sollte die Gefahren von rechts sehen, aber zugleich sollte sie sich auf einen Dialog mit den kürzlich erwachten Schichten einlassen. Denn nun dreht sich alles um die Köpfe solcher Menschen. Sie sehnen sich nach einer glaubwürdigen Perspektive für ein besseres Leben. Die Linke muss ihnen klar machen, dass die Antwort nicht im chauvinistischen Bündnis mit den Herrschenden, sondern allein in einer antikapitalistischen Bewegung gegen die Herrschenden liegen kann.


Mittwoch, 6. Januar 2016

Lemmansky: "Bloggen ist gesellschaftspolitisch irrelevant"

Mal eine schöne selbstkritische Betrachtung eines Blogger-Leidensgenossen Lemmansky, der die Einsamkeit des Bloggens kennt, die von DER FREITAG hier kopiert wird:

"Bloggen ist gesellschaftspolitisch irrelevant"


Politisches Bloggen ist auch nicht mehr als nur ein Hobby, so wie Segelfliegen oder Bogenschießen. Wer glaubt mit seinen Texten einen gemeinen Hurrikan der Entrüstung entfachen zu können, der irrt. Die realen Auswirkungen geistreicher Texte im Internet gehen gegen Null, da der Austausch meist ohnehin nur zwischen den bereits Aufgeklärten stattfindet. Es spielt sich alles nur in einem engen Kreis von Privilegierten ab, die über die nötige Zeit, den Intellekt und die Muße verfügen, ihre Entrüstung in intellektueller Form zu äußern.

Der Blogger schreibt in erster Linie für sich selbst. Mit der Veröffentlichung seiner Gedanken erhofft er sich für einen kurzen Moment das Gefühl von positiver Anerkennung. Doch dieses Glücksgefühl ist nicht von langer Dauer und so spekuliert er darauf, sich durch intensiven Austausch und intellektuelle Arbeit auch langfristig einen Namen zu machen - Man soll ihn ernst nehmen, er will gelesen werden. Wer das erreicht, der wird nachhaltiger von der Anerkennung profitieren und sein Glück langfristig steigern.

Der Weg zum Erfolg ist mit viel Grübelei verbunden. Es ist echte Arbeit gut zu schreiben, die aber auch eine Menge Spaß machen kann, wenn man denn dafür geboren ist. Wer dabei politisch wird, der darf sich allerdings nicht der Illusion hingeben, Bloggen wäre mehr als nur ein Hobby. Sicher es schult nebenbei die Fähigkeit zum analytischen Denken und auch die Schreiberei wird einem auf Dauer leichter fallen. Doch auch andere Hobbys haben positive Nebeneffekte, die im Alltag von Nutzen sein können. Dafür bloggt allerdings niemand. Die meisten fleißigen Schreiber würden wohl höhere Ziele, wie das von einer gerechteren Gesellschaft für ihre Motivation verantwortlich machen. Manch einer hebt sich dabei jedoch auf ein zu hohes moralisches Ross. Wer diesem Ziel in voller Ernsthaftigkeit näher kommen will, der muss auf die Straße, in die Linkspartei und der muss vor allen Dingen endlich damit aufhören neoliberale Pseudoargumentationen zur Grundlage seiner Empörung zu machen. Es sitzen uns keine neoliberalen CDU’ler oder SPD’ler gegenüber, die uns ernsthaft anhand von Argumenten überzeugen wollen. Sie haben überhaupt keine Argumente für ihre Politik und sie werden auch nicht dafür bezahlt, Politik zu machen, die ihnen welche liefern würde. Sie werden lediglich dafür entlohnt auch weiterhin so zutun als hätten sie welche. Allein aus diesem Grund ist es den Aufwand überhaupt nicht Wert, mit ihnen über ihre Aussagen zu diskutieren. Das ist so als würde man zwanghaft versuchen einem Psychopathen davon zu überzeugen, dass er krank ist. Zumal der einzelne Blogger als Teil einer winzigen Gegenöffentlichkeit medial nicht mal im Ansatz gegen die geplante Brustvergrößerung einer Gina Lisa ankommt. Es ist so, wie es Jens Berger sagt: „Mit Bloggerblumen gegen Medienpanzer“. Doch selbst wenn die BILD als Königstiger unter den Panzern wochenlang auf Seite drei und vier die kritischsten der kritischen Blogeinträge veröffentlichen würde, es würde sich nichts ändern. Möglichweise würden die Leser noch ihr Geld wegen zu viel unnötigem Text zurückverlangen.

Wer seine Zeit effizient im Kampf gegen Ungerechtigkeiten nutzen will, der darf nicht Bloggen, der muss aufstehen. Worte verändern in diesen Zeiten nichts mehr. Der Bürger den es zu überzeugen gilt, der liest nicht die Hinweise des Tages auf den NachDenkSeiten. Was eine Gegenöffentlichkeit braucht ist Macht und eine Partei, die ihre Interessen vertritt. Macht gewinnt man durch Radikalität. Keine linke oder rechte Radikalität, sondern eine Radikalität der bedingungslosen Ablehnung neoliberaler Politik. Ein Albrecht Müller weiß, wie korrupt und antidemokratisch wir regiert werden. Doch auch er leistet sich häufig noch einen gemäßigten Ton, denn wer zu konsequent und radikal verurteilt, verliert seinen Zuspruch von denen, die noch im Weichspüler festhängen und Angst vor der frontalen Realität haben. Der Realität von 99%iger Volksverdummung.

Die Partei für mehr Gerechtigkeit, die gibt es bereits in Form der Linkspartei. Ihre Abgeordneten sind die einzigen, die an der Quelle sitzen und durch mehr Zustimmung wirklich etwas bewegen könnten. Auch die Linkspartei hat zweifellos Schwächen. Doch im Gegensatz zu den anderen Parteien, ist sie nicht Teil des Kasperletheaters um die Macht. Sie ist im Grunde die einzige demokratische Partei Deutschlands. Wer etwas ändern will, der muss hier ansetzen und der muss in der Realität beginnen. Hagen Rether merkt zu Recht an: "Nicht über RWE jammern und dann weiterhin dort Strom einkaufen. Einfach mal wechseln, das würde was ändern." Das gilt auch für die Blogger. Wer über den Datenschutz von facebook jammert, der sollte dort keinen Account haben, wer über die Ausbeutung der Rohstoffe von Entwicklungsländern jammert, der sollte sich nicht jeden Monat ein eines Smartphone zulegen oder jede noch so kleine Strecke mit dem Auto zurücklegen. Natürlich ist jeder neue Aufgeklärte ein Zugewinn, aber auch er ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Doch auch der der aufsteht und moralischer lebt, braucht nicht zu viel erwarten. Ob es nun die Linkspartei ist, ob es die Blogger sind - Alle samt verkennen einen entscheidenden Punkt. Die Medien sind nur solange vierte Gewalt, solange es den Menschen noch einigermaßen gut geht. Erst ab dem Zeitpunkt, von dem an die Unterschicht ums nackte Überleben kämpfen muss und der Mittelstand einen Großteil seines westlichen Lebensstandards eingebüßt hat, wird sich etwas ändern. Von da an ist es mehr oder weniger egal, was die Medien tun oder lassen. Solange wir noch nicht an diesem Punkt angelangt sind, wird sich auch nichts ändern, da können sich alle noch so die Finger wund schreiben.

Freitag, 18. Dezember 2015

Leo Kofler über die "proletarische Bildung"

Leo Kofler
Der österreichisch-deutsche Marxist Leo Kofler (1907-1995) widmete sich in diversen Schriften und Vorträgen dem Thema der Bildung, wie sie die drei großen Klassen im Kapitalismus - Proletariat, Kleinbürgertum und Großbürgertum - mehr oder wenig selbstverständlich kultivieren. Seine Ideen verbreitete dieser Autodidakt und Pädagoge, der durch Größe beeindruckte, an Volkshochschulen, Universitäten, vor Gewerkschaftern und Studierenden und einfachen Arbeitern. Auch heute noch sind seine Ansichten beachtenswert.

Im Folgenden Auszüge, wie sie in Koflers fast völlig vergriffenen Publikationen immer wieder zu finden sind. Teil 1 der Reihe zur Frage der Bildung bei Kofler und x-ter Teil von Klasse-is-muss.

Leo Kofler über die "proletarische Bildung"


Die Idealisierung des Arbeiters


Individuelle Tragödien wird es immer geben. Unglückliche Liebe ist auch in harmonischen Gesellschaften denkbar. Aber Tragödien ganzer Schichten, Klassen und Gesellschaften sind eine Erscheinung antagonistischer Ordnungen und treten, sonst latent verborgen, besonders in krisenhaften Niedergangsepochen hervor. Von den heute in die tragische Situation geratenen drei gesellschaftlichen Klassen des Bürgertums, des Kleinbürgertums und der Arbeiterschaft trifft sie die letztere am schwersten. Daß dies bei dieser in einem besonderen Sinne geschieht, wodurch sie sich in einer eigenartigen Weise über die beiden übrigen Klassen erhebt, werden wir später zeigen. Das in dialektischer Umkehrung des Loses des Arbeiters hervortretende Besondere in seiner Wesenheit hat schon Hegel bemerkt und analysiert. Allerdings hat Hegel noch den Adeligen als Herrn und den noch halb in Traditionen der Leibeigenschaft steckenden Knecht vor Augen gehabt. Das Herr-Knecht-Verhältnis bot sich ihm noch rein als das Verhältnis von Müßiggang und Tätigkeit dar. Indem Kojève und Sartre die Hegelsche Dialektik des Herr-Knecht-Verhältnisses unkritisch auf die moderne Zeit übertragen, gelangen sie zu Schlüssen, die in ihrer den Arbeiter idealisierenden Gestalt nicht haltbar sind.


In Aknüpfung an Hegel bemerkt Sartre folgendes: Der Arbeiter ist zwar der negativste, der abhängigste Teil der Gesellschaft. Aber indem er als einziger die Dingwelt durch seine Arbeit beherrscht, sie umgestaltet, mit seiner Geschicklichkeit umzubilden in der Lage ist, sie in den Griff bekommt und verändert, hat er in seiner Weise "Bildung". Zwar schreibt ihm der Herr vor, was er zu tun hat, manchmal bis in alle Einzelheiten hinein. Jedoch macht ihn gerade wiederum diese aufgezwungene Regelmäßigkeit seiner Arbeit auch freier, denn er muß nicht mehr wie der Angestellte auf die Eigenarten, die Psychologie des Herrn Rücksicht nehmen, er braucht ihm nicht zu schmeicheln; es genügt, wenn er der inneren und vorgeschriebenen Gesetzmäßigkeit der Arbeit folgt. - Wir müssen uns mit diesen wenigen Hinweisen begnügen, aber sie zeigen bereits, daß angesichts der wirklichen Lage des Arbeiters im Kapitalismus die zugunsten des Arbeiters kritisch sein wollenden Analysen Sartres nichts als eine Art Sophisterei ausmachen, die, wenn auch ungewollt, fast auf eine Art Beschönigung der Lage des Arbeiters hinausläuft. Als Sophisterei entpuppt sich vor allem die These von der Bildung des Arbieters, weil er die gegenständliche Welt umbildet. So sinnvoll eine solche dialektische, weil den Umschlag der tiefsten Abhänigkeit Und [sic!] Unbildung in eine Art von Bildung nachweisende Perspektive noch in Hegels Philosophie sein mochte, so wenig verweisen ihre Resultate auf die soziologische Wahrheit gegenwärtiger Zustände. Der Arbeiter läßt sich nicht begreifen aus der einfachen Beziehung zur Dingwelt, die er bearbeitet, sondern aus den allgemeinen zwischenindividuellen Verhältnisse betrachtet, läßt sich diese Dingbezogenheit in genau entgegengesetzter als der von Sartre herausgestellten Wirkung einsehen: als verdinglichte Versachlichung der Individualität des Arbeiters, als eine Form der Unterwerfung seiner menschlichen Eigenschaften unter dinglich-sachliche Erfordernisse des kapitalistischen Produktionsprozesses. Daß ein Gran Wahrheit in der These liegt, der Arbeiter würde die dingliche Welt im Griff haben, sie und damit in seinem wohlverstandenen Sinne sich selbst "bilden", was oft seinen berechtigten Stolz ausmacht, haben wir oben aufgewiesen, ist aber eine andere Sache und verliert innerhalb des allgemeinen kapitalistischen Entfremdungsprozesses seinen bis zur Verkehrung ins Gegenteil ihm in der isolierten Betrachtung zukommenden Sinn.


Fünf Symptome der proletarischen Tragik


Fünf konkrete Symptome sind es, die die Tragik des heutigen Arbeiters erkennen lassen.

Erstens die totale menschliche Verarmseligung, der proletarische Pauperismus, der völlig unabhängig von der Lohnhöhe unverändert bleibt. Er ergreift das emotionale Leben des Arbeiters bis hin zur Erotik, ebenso sein Bewußtsein, das jene auffallende dialektische Form zeigt, wonach bei steigender Verbürgerlichung der Arbeiterorganisation er zwar hinsichtlich der Anpassung an die bürgerlichen Lebensformen - hoffnungslos - mitzumachen versucht, jedoch sich stets ein klares Wissen um seine proletarische Situation und Wesenheit erhält (auch wenn er es selten ohne äußeren Anstoß artikuliert).

Zweitens ist die Bindung an das "Eigentum" zu erwähnen. Wir meinen hier nicht die Gebundenheit an das kapitalistische Eigentum in der Weise, daß der Arbeiter genötigt ist, seine Arbeitskraft anzubieten, um leben zu können und damit in Abhängigkeit vom kapitalistischen Eigentum gerät. Wir meinen im Gegentail das Eigentum des Arbeiters selbst, das, um in seiner Beengtheit und Armseligkeit erhalten oder um weniges vermehrt zu werden, die ständige Anforderung zu rastloser Tätigkeit und Aufopferung der Arbeiterindividualität stellt. Dieses Eigentum erfüllt jene gesellschaftliche Aufgabe, die seit Freud unter den Begriff des repressiven "Realitätsprinzips" subsumiert wird. Indem es zum autonomen Ziel im Arbeiterleben wurde, wirkt es als treibende dynamische Kraft, die dem einzelnen einredet, im Dienste seines Glücks dieses Ziel erreichen zu müssen, um ihn am Ende seines Lebens wissen zu lassen, daß er ein Opfer eines ideologischen Phantoms geworden ist.

Drittens ist ein zuverlässiges Kennzeichen des proletarischen Pauperismus der Schutz, der ihm durch die Sozialgesetzgebung gewährt wird. Nur der Gefährdete und Schwache bedarf eines solchen Schutzes. Der Bürger bedarf seiner nicht. Schon die Sprache verrät diesen Tatbestand, wenn gesagt wird, daß sich der Arbeiter etwas "leistet", während der Bürger z.B. einen Wagen "erwirbt".

Viertens haben scharfsinnige Beobachter bemerkt, daß die wichtigste Zeit im Leben des Arbeiters, die Arbeitszeit, eine "sterbende Zeit" ist. Sie ist unschöpferisch und von Langweile erfüllt, so daß auf den Europäischen Gesprächen der Gewerkschaften in Recklinghausen Kasnacich-Schmid unter Zitierung von Walter Rathenau sagen konnte:

"Das Arbeitsleid ist eine sehr reale Gegebenheit. Wer mechanische Arbeit am eigenen Leib kennengelernt hat, wer das Gefühl kennt, das sich ganz und gar in einen schleichenden Minutenzeiger einbohrt, das Grauen, wenn ein verflossene Ewigkeit sich auf einen Blick auf die Uhr als eine Spanne von zehn Minuten erweist, wer das Sterben eines Tages nach einem Glockenzeichen mißt, wer Stunde um Stunde seiner Lebenszeit tötet, mit dem einzigen Wusch, daß sie rascher sterbe, der wird das Märchen von der Arbeitslust mit Hohn beiseite schieben..."

Fünftens verweisen wir auf das vieldiskutierte Problem der Freizeit und der "Kultur", auf jene heute herrschende und für den Arbeiter in seiner großen Mehrzahl geltende Kultur, die sich bei genauer Prüfung als ein verdinglichtes Schema erkennen läßt, ausgestattet mit dem Zweck, das Individuum nicht durch Befreiung aus seiner menschlichen Entfremdung zu wandeln, sondern umgekehrt es in den entfremdeten Prozeß einzuordnen.

Bei diesem Punkt setzt die eigentliche Frage der Bildung in ihrer Beziehung zum Arbeiter ein. Auf der pauperisierten Lebensebene ist Bildung entweder nicht möglich oder bestenfalls als Bildung der zweiten Stufe beobachtbar. Jedoch lehnt der Arbeiter diese Bildung konsequent ab, er zieht die völlige Unbildung der Scheinbildung, die er überraschenderweise als solche - wenigstens gefühlsmäßig - durchschaut, vor. Vielleicht liegt in diesem ahnungsweisen Durchschauen der Scheinbildung seine eigentliche 'Bildung', oder besser, die Grundlage zu einer künftigen echten Bildung.

Die drei Formen des Schicksalserlebens


Wie Philosophie, Theologie, Literatur und Alltagsbewußtsein beweisen, kann Schicksal in dreifacher Weise erlebt und aufgefaßt werden: als gesellschaftlich-kollektives Schicksal, dem der einzelne unterworfen ist, mehr oder weniger ohne seine eigene Schuld; als individuelles Schicksal, wobei der gesellschaftliche Hintergrund nicht geleugnet wird, aber die Verantwortung für die Begegnung mit diesem Schicksal dem Individuum aufgelastet wird; als subjektives (versubjektiviertes) Schicksal, dessen Normen voll und ganz von den Bedingungen der objektiven Welt abgetrennt und in das Innere des Menschen verlegt werden. Der allgemeinen Tendenz nach läßt sich sagen, daß die erste Form des Schicksalserlebens für den Arbeiter, die zweite für den Kleinbürger,  die dritte für den Bürger charakteristisch ist - wobei stets hinzugefügt werden muß: in der Epoche der bürgerlichen "Dekadenz", in der sich diese drei Formen schärfer als sonst voneinander abgrenzen. Übrigens ist die dritte bürgerliche Form eine Neuerscheinung der Dekadenz selbst, dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts noch fremd. - So wenig dies auf den ersten Blick einleuchtet, so muß doch unterstrichen werden, daß mit diesen verschiedenen Formen des Schicksalserlebens die verschiedenen Formen der Bildungsauffassung eng zusammenhängen, und in weiterer Folge die verschiedenen geistigen Tragödien, die sich den sozialen anschließen und die sich im Bildungsproblem, wie es sich als ideologisches Problem darbietet, widerspiegeln.

Vom Arbeiter wird entsprechend seiner kollektivistischen Arbeits- und Lebenssituation das Schicksal als von objektiven gesellschaftlichen Mächten begriffen. Von unserem Standpunkt des dialektischen Totalitätsdenkens sind wir geneigt, dem zuzustimmen, wenngleich sich theoretisch die Vermittlungen zwischen dem Individuellen und dem Objektiven komplizierter darstellen, als dies dem naiven Bewußtsein des Arbeiters zugänglich sein mag.


Die proletarische Bildung


Erscheint dem Arbeiter das Schicksal als objektive gesellschaftliche Macht, dann folgt für ihn daraus, daß Wissen und Bildung keine andere Aufgabe zu erfüllen haben als die, diesem Schicksal, das er als bedrückend empfindet, kritisch und verändernd gegenüberzutreten, was nichts anderes als eine praktische Aufgabe. Bildung ist ihm nichts anderes als ein praktisches Werkzeug. Daraus resultiert eine eigenartige Dialektik im Denken des Arbeiters, die als eine tragische zu erkennen ist. Dies äußert sich darin, daß der Arbeiter den Träger des Wissens und der Bildung, den Intellektuellen, hoch einschätzt und achtet, ihm gleichzeitig aber als dem gefährlichen "Verführer" des Menschen im Dienste etwaiger Konservierung der schicksalhaften sozialen Verhältnisse mißtraut. Aber diese Dialektik geht weiter. Gerade weil der Arbeiter in der Bildung eine praktische Einrichtung erblickt, bekümmert er sich um sie nur so weit und nur zu jenen Zeiten, als er die Überzeugung gewinnen kann, sie praktisch-politisch auswerten zu können; er resigniert und wendet sich von ihr ab in Zeiten des Versagens seiner 'Bewegung', wobei sich das Mißtrauen gegen die sonst von ihm geschätzten Intellektuellen steigert. Einerseits ist er gerade wegen seiner praktischen Ausrichtung den andern Klassen insofern überlegen, als er in seiner naiven, ja primitiven Weltansicht und aus seinem unmittelbaren Erleben heraus das heutige gesellschaftliche Verhältnis als ein Herr-Knecht-Verhältnis durchschaut; dieses Durchschauen, das gleichfalls der ersten, unmittelbar empirischen Stufe der Bildung angehört, macht seine Bildung aus. Andererseits lehnt er wegen seiner praktischen Einschätzung aller Bildung im heutigen Zustand der resignierten Dekadenz die Bildung im gegebenen historischen Augenblick als für ihn irrelevant ab, zieht er ganz bewußt die Unbildung vor. Das ist die Lösung des vieldiskutierten Geheimnisses, weshalb der Arbeiter sich weigert, die bereitstehenden Bildungsinstitute auszunützen (z.B. die Volkshochschulen).

                                       
Das bewußte Aufsichnehmen der Unbildung, so sehr sie die Tragik des Arbeiters kennzeichnet, hat eines für sich: Er gibt sich keiner Illusion hin. Das Wissen um die ideologische Gebundenheit des Wissens und das Wissen um die eigene Primitivität verleiht dem Arbeiter eine illusionslose Klarheit, die bewirkt, daß er, besonders im Gegensatz zum Kleinbürger, keine subjektiven Minderwertigkeitsgefühle kennt, sondern nur solche, die aus einer gesellschaftlichen Lage, seiner sozialen Inferiorität kommen, also durch die objektive Realität veranlaßt sind. Deshalb kennt der Arbeiter keine subjektiven Schuldgefühle, was ihm jenen eigenartigen Gleichmut verleiht, der oft beobachtet worden ist. Illusionslos, versucht natürlich auch der Arbeiter sich vom allgemeinen Brotlaib ein Stück abzuschneiden und verlegt seine Träume, die sich in einem krassen Widerspruch zu seiner resignierten Anpassung an die gegebene Ordnung befinden und deshalb bewußtseinsmäßig mehr oder weniger zurückgedrängt werden, in eine ferne Zukunft. Aber diese beiden Momente: das klare Wissen um die eigene gesellschaftliche Inferiorität und der Hang zum Sozialutopischen, der unter Ablehnung der Bildung für sich selbst ihr trotzdem für die tätige Veränderung der Welt in der Zukunft einen hohen Wert zuspricht, bilden die Grundlage für die Ermöglichung jenes dialektischen Umschlags der resignierten Passivität in Aktivität, die noch heute gefürchtet wird, die Grundlage für den Widerstand, wenn die Umstände dies erlauben.


Die Mentalität des Arbeiters und die Mentalität der Arbeiterbewegung


Bei der Einschätzung der Mentalität des Arbeiters wird diese oft mit der Mentalität der Arbeiterbewegung verwechselt. Beide sind keinesfalls identisch. Das resignierte Aufsichnehmen der Unbildung, die geschichtliche und erfahrungsmäßige Gründe hat, hatte zwei vernichtende Folgen: das Verschwinden des in der Arbeiterbewegung unentbehrlichen und einst großartigen Volkstribunentums und die Beseitigung der direkten und indirekten Kontrolle der Organisationen seitens der Mitgliedschaft. Das Ergebnis war die Bürokratisierung der Arbeiterbewegung. An die Stelle der Bewußtseinsbildung trat der Praktizismus, an die Stell der Theorie, die zu befragen war, die Bürokratie, die ungefragt entschied. Die Bewegung und die Mitgliedschaft wurden nicht mehr durch Ideen, sondern durch Manipulation geleitet. Bewirkte der ideelle Einfluß die zustimmende geistige Gefolgschaft, so setzt die bürokratische Manipulation die resignierte Gleichgültigkeit voraus. Auf dieser Basis wird selbst jenes Maß von Bildung überflüssig, das früher unabdingbare Voraussetzung der Gefolgschaft der Arbeiter gewesen ist. Verstärkt der Bürokratismus die Resignation, so erlaubt diese Resignation den bildungsfeindlichen Bürokratismus. Und da aus dem kollektiven, objektivistischen Bewußtsein der Arbeiter heraus Bildung nur den Sinn gewinnt, wenn sie praktisch relevant wird, so lehnt er auch aus diesem zusätzlichen Grunde der Bedeutungslosigkeit der Bildung in den bürokratischen Organisationen sie ab. Ihrerseits bedürfen diese auf bürokratischem Wege gesellschaftlich integrierten Organisationen keiner Bildung, denn Bildung würde infolge ihrer kritisch-tätigen Wirkung diese Integration stören. Selbst als gängige Bildung der zweiten Stufe hat sie für den Bürokratismus nicht einmal den aufgezeigten illusorischen Sinn, denn aller Bürokratismus ist seiner Natur nach bildungsfeindlicher Praktizismus.

Spricht man, wie oft zu hören, von der Verbürgerlichung der heutigen Arbeiter, so steckt zumeist die Verwechslung mit der fortschreitenden Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung dahinter; wobei die Tatsache zur täuschenden Beurteilung beiträgt, daß tatsächlich im unvermeidlichen Anpassungsprozeß an verschiedene Lebensformen der heutigen Gesellschaft gewisse äußerliche Züge der Verbürgerlichung den Habitus des Arbeiters mitformen. Äußerliche, weil eine genaue Beobachtung zeigt, daß es zu einem als tragisch zu beurteilenden Widerspruch zwischen diesen Tendenzen zur Verbürgerlichung und der verbleibenden innersten Wesenheit des Arbeiters kommt.




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