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Freitag, 31. Januar 2014

Maeckes

Teil 6 der Serie über Deutschrap mit Anspruch. Diesmal über den Stuttgarter Rapper Maeckes, der schon im Zusammenhang mit Tua als Mitglied von Die Orsons erwähnt wurde.


Maeckes, www.splash-mag.de

Rap mit höheren Ansprüchen


Es geht Maeckes, wie allen Rappern mit höheren Ansprüchen, nicht vor allem um Geld durch Selbstdarstellung wie etwa Bushido oder Eko... Das findet man allzu oft im Rap von heute, der genau genommen kein Rap mehr ist, weil er seine Ursprünge verraten hat für den Absatz auf dem Markt. Maeckes grenzt sich intuitiv und sicher auch bewusst von diesem oft schwachen, weil zur reinen Ware gewordenen Rap ab. Er besinnt sich auf die Wurzeln des Hip-Hop. Talent, Leidenschaftlichkeit und die Rückbesinnung auf echten Rap sind das Geheimnis der Mucke von Maeckes.


Maeckes haut dich weg. Er haut dir den Schädel weg. Nicht körperlich, aber geistig, emotional, transzendental. Geistig haut er dich weg, weil er zu den klügsten und humorvollsten Hip-Hop-Musikern im Staate gehören dürfte. Emotional haut er dich weg, weil er in seiner Kunst Gefühle besser transportieren und wieder eliminieren kann als die meisten gefühlsduseligen Kunstprodukte, die man in der Jetztzeit so findet. Transzendental haut er dich weg, weil er stets nach den Bedingungen der Möglichkeit der Dinge fragt und die Bedingungen der Jetztzeit hinterfragt. Zu kompliziert? Kein Problem, denn Maeckes ist trotz seiner gedanklichen Höhenflüge echt bodenständig.

Maeckes ähnelt nicht nur vom Aussehen her Eminem. Abgesehen davon, dass er mit "White Trash" eine witzige Hommage an Eminem ausgedrückt hat (ob bewusst oder unbewusst), hat er auch ein technisches Repertoire, dass stark an den Slim Shady erinnert. Er unterbricht sich selbst, wechselt plötzlich Stimmton und -ausdruck, springt von bitterem Ernst zu Selbstironie, nutzt alle erdenklichen Geräusche und Rhythmen, um seinen Anspruch umzusetzen, gute Musik zu machen. Und es gelingt ihm fast immer.

Melodramatischer und gefühlsduseliger Rap?


Man muss verstehen, dass die Musik von Maeckes zwischen völlig gefühlloser Depression und total ausuferndem Schwall von Gefühlen schwankt, um die Höhen und Tiefen der menschlichen Situation darzustellen. Maeckes ist mit Sicherheit einer der emotionalsten und empfindsamsten Rapper im Lande. Das wird an einigen seiner Tracks sehr deutlich.

"Ehrlichkeit" ist einer der besten Tracks von Maeckes. Er zeigt hier bereits einen Großteil seines technischen und inhaltlichen Repertoires. Auch könnte man sich an "Es regnet" von Tua erinnern. Der Beat ist eigentlich kein Beat, es ist eher ein Dahinplätschern der Hintergrundmusik. Man muss an einen bewölkten, regnerischen Tag denken. Es ist die perfekte musikalische Unterlegung einer suizidalen Stimmung, die man allein gelassen im eigenen Zimmer beweint. Tiefste Melancholie, schmerzende Einsamkeit, Isolation vom Anderen - darum geht es hier, wenn Maeckes im Jammertal verschwindet:

Mit Ehrlichkeit kommt man nicht weit, ich weiß
Doch ohne Ehrlichkeit kommt man nicht nah, ich sah
Schon soviele kommen, soviele gehen
Oftmals ging auch ich, ohne wiederzukommen, doch
Mit Ehrlichkeit kommt man nicht weit, ich weiß
Doch ohne Ehrlichkeit kommt man nicht nah, ich war
Schon so oft kurz davor, so oft schon weit davon entfernt
Doch auch wenn Ehrlichkeit befreit
Ich hab meistens nichts gelernt!

Im selben Track thematisiert Maeckes den Sexismus und die Unehrlichkeit im Rap. Geht es noch tiefsinniger und selbstkritischer? Eher nicht. Maeckes bietet also den ehrlichsten Rap an. Aber wer ist ehrlich genug, um zu gestehen, dass er oder sie zu langweilig ist, um Maeckes zu verstehen oder um zu gestehen, dass er oder sie Maeckes' Emotionalität echt gut findet?

Immerhin war Ehrlichkeit schon immer nicht einfach. Wer ehrlich ist, macht sich angreifbar. Wer ehrlich ist, öffnet sein Herz. Wer ehrlich ist, hält dem Menschen-Wolf seinen Hals ungeschützt hin. Und seit Thomas Hobbes (und den unzähligen Kriegen, den Weltkriegen, Völkermördereien und heuchlerischen Verunglimpfungen der modernen Helden durch die moderne Technokratie nach ihm) wissen wir, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Die Frage ist, ob es ein tollwütiger und hungriger Werwolf ist oder ein friedliches Rudeltier, das der Wolf eigentlich ist.

Auch die heutigen Menschen können tollwütige Bestien oder friedliebende Rudeltiere sein. Sie können Kriegstreiber, Volksverhetzer, Menschenmörder, Rufmörder oder einfach dumme Bullensöhne sein. Andererseits können sie auch Pazifisten, Internationalisten, Helden, Gesellschaftskritiker oder einfach intelligente Individuen sein. Manchmal mischen sich diese Kategorien auf merkwürdige und unverständliche Weise. Das ist auch das Thema eines weiteren Tracks von Maeckes.

"Versteh sie einfach nicht" thematisiert genau diese Komplexität und Banalität der Menschen:

Ich versteh diese Menschen nicht, wie sie herumrennenmit abgebrochenen Antennen,in den Kellern ihrer Selbst, sich nicht anerkennend,
aber sich erkennend an den Tränen und dem verklemmten LächelnIch versteh diese Menschen nicht, sie erwarben ihr Leben auf Kredit,doch sie bezahlen nicht ab,
Sie zahlen es zurück, Stück für Stück suchen sie wahres Glück,und wenn sie es haben schmeißen sie es weg.Ich versteh diese Menschen nicht, sie geben Liebe, um Liebe zu kriegen, führen Kriege um Kriege zu führen,reden, damit sie sich beim Reden zuhören können, sie tun alles nur für sichIch versteh diese Menschen nicht, sie funktionieren weder in Massen noch allein,weder getrennt noch vereint,sie funktionieren nicht, und wenn, nur um sich fortzupflanzen,um sich zu morden und zu hassen

Klar kann das auf manche Menschen gefühlsduselig, melodramatisch etc. wirken. Aber es gab ja auch Menschen, die Hitler nicht bekämpft haben, Menschen, die heute die Nazis nicht blockieren, und Menschen, die den Kampf für Menschenrechte in Palästina für "antisemitisch" halten. Menschen sind wirklich merkwürdige Wesen, und sehr kompliziert. Aber kann man diese Kompliziertheit je überwinden? Ist es nicht toll, dass Menschen ständig in scheinbar sinnlose Konflikte geraten? Ist das nicht zutiefst menschlich? Terminators würden sich sicher nicht mit Skynet streiten.

Wie bei so vielen guten Rappern wird bei Maeckes die ewige Frage der Liebesfähigkeit thematisiert und hinterfragt, wenn er feststellt:

Wir wollen leben, uns nicht richtig benehmen
Und als riesengroßer Arsch
Sitzt man sehr bequem
Und als riesengroßes Arschloch
Kriegt man viele Frauen
Nur man kriegt hier nicht viel Raum
Mit nem riesengroßen.. Herz!
Nicht, dass ich eins hab
Und wenn, dann nicht hinter 'nem Brustkorb -
Hinter 'nem Tresor schlägt es in Sicherheit
Und irgendwo steht auch der Zugangscode zu dem Herz
[Zugangscode? blabla was rede ich da?]
Klingt eigentlich wie ein guter Scherz
In Zeiten, in denen der Gute nervt
Der Badguy die Bitches kriegt

"Kürzester Weg zum Glück" ist eine ebenso depressive wie ironische Ode an das Liebesunglück:

Ich reich dir vollkommen aus, meint sie
Ich mein, zieh dich nicht vollkommen aus vor mir
Wir lieben uns so lange ich es rauszögern kann
Ich bin halt auch nur ein Mann
Ich zieh noch zwei, drei Mal
Doch drücke sie aus
Auf meinem Arm
Um wieder zu spüren
Ein paar Mauern ohne Dach machen kein Haus
Wohin wird uns dieser Weg wohl führen?

Natürlich hat dieser talentierte Wahrsager im wahrsten Sinne noch mehr zu bieten, wenn es um Emotion und Menschlichkeit geht.
In "Würgegriff des Glücks" beweist er noch mehr, welch unschlagbares Talent Maeckes in seinem Rap verwirklicht. Es lohnt sich, den ganzen Track in Dauerschleife so schnell wie möglich und so lange wie möglich zu hören:

Die Welt ist nicht am Arsch?
Dann erklär mal einem Kleinkind, wer Adolf Hitler war
"Papa, was hat der gemacht?" - "Nichts."
Siehst du, wie wir uns ziemlich echt verstellt haben
Schuld daran ist das Wort während der Liebesnächte der Eltern
Entscheidungen treffen sich kurz im Smalltalk
und lästern über nicht getroffene Entscheidungen ab
Gespräche finden wie die in Pornos statt
Lebenslanger Talkshowgast, Knast
Ich sitze vorbildhaft
Satellitenbilder liefern ein lückenloses Bild von mir
Wie ich nie genug von den Appetitzüglern kriegen kann
Dann erzähl mir nichts von Liebe!
Manche Eltern sind nur nicht geschieden, wegen batteriebetriebenen Liebhabern
Du willst wissen, wie ich mich fühle? Ich will wissen, wie ich mich fülle - diese Leere. In mir ist absolute Stille
Wir sind atommüllsicher halt kleinbürgerlich beschützt
durch den Würgegriff des Glücks, okay!



"Alles ist vorbei" ist ein großes Jammerlied über den Tod "Gottes" bzw. aller Werte und jeglichen Sinns. "Rap als Bedrohung der Oberen: Tot", "Aus der Freude am Leid wurden Freunde zum Feind", "Alle wollen sie selbst sein, selbst gleich - gleich selbst gleich selbst, gleich gestellt - gestellt gleich -alles ist vorbei", "Deutschrap ist ein Herrschaftswort", "Ich versteh mich nicht mal selbst, wie soll ich dich verstehen, wenn du dich weiterhin verstellst, und ich mich weiterhin verstelle, stell dir vor: es wird alles vorbeigehen. Alles ist vorbei."

Isolation und Gesellschaft bei Maeckes


"Isolationierung" ist erst sehr schwer zu verstehen, aber wenn man das Ding öfter gehört hat und ein wenig Vernunft hat, wird man Maeckes als ganz großen Künstler betrachten:

Ich hab' keine Ansprüche an mich, außer Ehrlichkeit,ehrlich gesagt, dieses Lied ist auch für dich,keine Option scheint plausibel, es schrei'n so viele,doch es wird weder den Geist beflügeln noch denkt jeder Zweiteüber das, was gesagt wird, nach - verbale Fata Morgana, bla bla bla.."Der zeigt Gefühle! Alter, Pussyshit, der spielt Moralapostel, Alter, der denkt er lässt uns von der Wahrheit kosten, Alter!"Nein, ich denk' nur: mir geht's besser wenn ich's aussprech',aber hab' vergessen: hier gilt das Faustrecht!aber Ficker, am meisten kotzt mich an, wie ich mir Gedanken mach',über das, was ihr nach diesem Track zu Anderen sagt,denn diese Gefangenschaft tötet meine Liebe zur Musik,es liegt also doch nur an mir, dem MC, der sich wieder verbiegt,dem Mensch, der verzweifelt im Mittelpunkt steht und dem Freund,der sich aus Egomanie im Nihilismus verzieht

Egomanie und Nihilismus! Das sind auch die Themen in "Von Logen herab". Menschen kümmern sich offensichtlich nicht an Werte, die eigentlich noch gepredigt und vorgeheuchelt werden. Die geheuchelte Menschenliebe, Menschenfreundlichkeit und überhaupt Menschlichkeit verbergen sich hinter dem Wesen der Dinge, das nichts anderes als egomaner Nihilismus ist:

Rehaugen blicken mich an, ein Mädchen sagt die Welt wird untergehen
Schuld ist nur unser Ego daran, ich seh' sie an.
Sie ist vielleicht zehn Jahre alt, sie dreht sich dann zurück zur Bar,
Sie winkt kurz nach dem Barkeeper,
Der kommt sofort, schenkt ihr pures Glück ins Glas,
Sie trinkt rasch - leer - tschüss das war's!

Interessant wär's zu spekulieren darüber, ob der Barkeeper normalerweise bestreiten würde, dass er viel zu jungen Menschen die schlechten Angewohnheiten der "Erwachsenen" antut oder ob er sich sogar um den Schein der Anständigkeit 'nen Kehricht machen würde. Ihr könnt ja darüber diskutieren. Ich mache weiter mit dem Text, der verdammt kulturkritisch ist:

"Nur die allerschönsten kommen in den Himmel" sagt ein Mädchen,
das Stewardessen anbetet. Glenn Goulds Goldberg-Variationen sind ihrer Meinung nach der Soundtrack für ein verschwendetes Leben. Sie hört keine Musik, doch sie war mal in 'nem Wald - ein Tag, den sie bis heut' bereut, denn sie fand einen verhungerten Jäger auf seinem Hochsitz,
hätte sie ihr Handy dabei gehabt, wären es 1 Million Klicks!



"Jetztzeit 2" von Maeckes und Plan B ist für Rap Gesellschaftskritik in schönster Verpackung:

Ich öffne die Augen und kann ihnen plötzlich nicht trauen,
obwohl ich seh' was ich sonst seh'.
Öffentlicher Raum, überwacht vom öffentlichen Auge,
überdacht vom unerlöschlichen Glauben an die Macht.
Blablabla jajaja ich seh das Elend der Kriege und immer weniger Liebe
und ich steh nur vorm Spiegel und ich rede zu viel
und ich gebe wohl zu wenig Ficks auf Regeln wie Benehmen und Stil.
Der durchschlagende Erfolg des sich durchschlagenden Volks steht nur noch in Geschichtsbüchern auf zu Papier verarbeitetem Holz
und das fehlt uns, wenn wir in der Sonne stehen
und bei der kleinsten Bewegung eingehen.

"Probleme weglächeln" hat auch einige verdammt kluge Sätze, aber schon allein der Refrain haut einen weg:

Man sieht es ihnen nicht an
Du läufst an ihnen vorbei
Ihr trefft euch auf ein paar Bier
Doch du siehst nicht in sie hinein
Sie tragen Ängste in sich
Lächeln Probleme weg
Wir könn' uns täglich treffen vieles wird von uns nie entdeckt
Du denkst, dass du viele Leute wirklich gut kennst
Doch sind sie dir so fremd

"Heimweg.avi" ist nicht nur ein toller Track, sondern wird auch mit tollem Video geliefert. "Verfangen in einem Weg. Gedanken filme ich mich selbst mit meinem Handy. Leicht verwackelt auf meinem Heimweg wankend, betrunken weiss ich wo daheim ist. Ist das das Ende?"



Kinder als Motiv bei Maeckes 


Kinder bzw. "das Kind" im verdorbenen Menschen ist ein immer wiederkehrendes Motiv bei Maeckes. Er ist bei weitem nicht der einzige tiefsinnige Denker, der die Kindheit dem verdorbenen "Erwachsen" entgegenstellt. Schon der französische radikale Philosoph Rousseau machte kluge Sätze darüber. Aber auch rappende Philosophen wie Cr7z oder Tua kennen dieses Motiv. Maeckes hat sogar ein Soloalbum "Kids" genannt. 

"Verglast & Zugemauert" soll eine Hommage an den verstorbenen Falco sein. Es thematisiert einerseits die urbane Isolation, wie oben schon erwähnt, und andererseits den Gegensatz von Kindheit und "Erwachsen" ganz wunderbar, wenn er seinen Refrain einleitet mit der Frage: "wo ist das Kinderlied?":

Sind wir nicht einfach Kinder Mit einem verkrüppelten Geist,Der uns schlicht daran hindert,Einfach noch Kinder zu sein?

"Betrunkene Kinder" hat mehrere Ebenen und lässt daher viele Interpretationen zu. Die Hook ist bereits der Hammer:

Man sagt: ein Betrunkener sagt die Wahrheit...Und ein Kind und ein Kind [und ein Kind!] Also kidnappe ich ein Kind Und mix ihm 'nen Drink, mix ihm 'nen Drink [mix ihm 'nen Drink]So stark, dass es grade noch stehen kann [stehen kann!]Und mir die Wahrheit erzählen kann. [erzählen kann!] Näher werden wir nicht kommen.Näher werden wir nicht kommen.

Für die Wahrheitssuche wird also ein Kind, das Symbol der Wahrheit bei Maeckes, betrunken gemacht, damit es zum Betrunkenen wird, der ebenfalls für die Wahrheit steht. Am Ende sollte die absolute Wahrheit herauskommen. Was kommt heraus? Das dürft ihr selbst herausfinden. Maeckes jedenfalls leitet die Story schön tragikomisch ein:

Kurzer Blick nach hinten, wo das Kind sitzt, auf dem Rücksitz,
durch den Lolly vorübergehend glücklich.
Ich halte an der nächstbesten Bar an.
"Was willst du trinken?" frage ich das Kind und den Barmann.
Das Kind meint "Ich will Milch."
Ich sag "Ich will die Wahrheit! - es gibt keine Milch.
Zumindest nicht pur, doch heut' ist Weihnachten,
kennst du denn BigLebowski?
Wir trinken White Russian, Dude!"

In "Jetzt" (mit den Orsons) werden ebenfalls die Kinder von heute und morgen besungen, aber durchaus aus optimistischer Perspektive. Sobald man aus der Depression heraus will, kann man ruhig "Jetzt" in Dauerschleife hören, weil es ein Chor des Optimismus ist. Der geradezu buddhistisch wirkende Refrain besagt:

Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern „Früher war alles viel besser!“
Dann mein' sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Maeckes liefert neben dem unschlagbaren Meisterstück von Tua einen ebenso unwahrscheinlich genialen Part: 

Wir sitzen in Schlafsäcken
Auf Autodächern
Schau'n in die Sterne
Leer'n unsern kopfinternen Papierkorb aus
Erklär'n uns Universen als Riesengloryholes
Scherzen über Gott
Und ob Boris Becker auf Twitter wohl mehr Follower hat
Ach, die Erde ist so flach, wir lachen
Weil es kaum was besseres gibt
Außer vielleicht ficken
Außer vielleicht - da gibt es nichts
Jeder von uns ist nur ein Pixel
Und nur zusammen gibt’s 'n Bild
Wir verlangen doch nur nach fünf Minuten Himmel
Ich will doch nur, dass wir uns erinnern
„Heut“ wird das „früher“ sein für unsre Kinder


Sarkasmus und Ironie bei Maeckes


Wie auch Disarstar, JAW, Sookee und Amewu ist auch Maeckes ein überaus ironischer und sarkastischer Kritiker der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind Kritiker der Unehrlichkeit, Heuchelei, Doppelmoral und banalen Boshaftigkeit eines Bürgertums, das in einen stinkenden Sumpf der Dekadenz versunken ist. Da kann man nicht anders als sarkastisch und ironisch sein, wenn man kein Apologet dieses irdischen Jammertals, dieser Hölle auf Erden ist.

"Jetztzzeit" ist bitterböse Kapitalismus- und Konsumkritik:

Man kann alles haben, was man will
Weiß aber nicht mehr, was man eigentlich will.
Also schweigt man nur still.
Der eiserne Willen wird eingeschmolzen durch nen heisseren Film.
Scheinheilig: Man verkauft 'nem Blinden einfach 2 Brillen.
Jetztzeit: Man hört zur Entspannung Maschinengeratter,
Umgeben von nem Leben, fast so echt wie in Big Brother.
Stop: wer sich bei meinen Ansichten gar wundert:
Willkommen im 21. Jahrhundert!
Ich beschreib wahrscheinlich nur meine Utopien,
Doch alle werden als Orginal geboren, und viele sterben als Kopien.

"Niemandsland" ist ein wunderbares Team-Work von Maeckes mit Tua. Beide haben wieder ganz hervorragende Arbeit geleistet. Maeckes' Part ist so witzig und ironisch, dass man laut lachen müsste, wenn das Thema nicht so traurig wäre:

Willkommen im Land, in dem Milch und Honig fließen
Doch wird die Milch schnell schlecht und der Honig klebt fest
Und das Mondlicht hängt im Netz der Atomenergie
Kolibris sieht man Koka zieh'n, um hochzufliegen
Während du der Illusion erliegst
Alle deine Angstzustände werden zwangsverpfändet
Hast du Angst, du könntest ohne sie kollabier'n?
Wenn dir nichts fehlt, scheint es, als ob du alles hast
Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht
Ich lieg' wach, YouTube-Videos
Bring' mich durch die Nacht, jede Erinnerung zerplatzt
Mit jedem Bissen wird man hungriger, unsicher
Wer man is', weil um dich herum sind alle Wunderkinder
Ungefiltert droht dich der Alltag zu vergiften
Unsere Existenzen sind reine Unterhaltungsmechanismen
Denn ich werd' nie erkannt, hier wurde Liebe verbannt
Dafür gibt's sonst alles hier im Niemandsland, na vielen Dank

"Pisse aus Weingläsern" ist purer Sarkasmus und eine absolut geniale Kollaboration mit JAW. Die Parts beider Künstler sind fehlerfrei, Rap in höchster Perfektion, was Form und Inhalt angeht, soweit das hier zumindest beurteilt werden kann:

Ihr trinkt Pisse aus Weingläsern,
Schaufelt Scheiße aus feinstem Meißner-Porzellan in euch hinein.
Jeder von euch ein einziger Design-Fehler.
Ihr seid Krankheiten, die jedes mal vorbeigeh'n, wenn sie Leid seh'n,
Ihr scheiß Täter! Keiner macht 'nen Fehler.
Ihr hängt Wunderbäume über frisch geschaufelte Massengräber
Tagsüber wachsam vor den Fernsehgeräten
Könnt ihr nachts nich' schlafen aus Angst vor Schläfern
Eure Philharmonien spielen Klingelton-Sinfonien auf Mülldeponien
Ihr esst Früchte von Bäumen, an denen Menschen hingen.
Kein Produkt dieser Welt kann uns besänftigen
Aus Angst vor immer mehr tickenden Uhren
Macht ihr Last-Minute-Urlaub in Militärdiktaturen
Per Billigflug, wer bin ich nur? Lästiger Spam.
Da sind keine Gesichter mehr, wenn wir die Masken abnehmen.



Beide Rapper, JAW und Maeckes, beweisen hier erstens Mut zur Ehrlichkeit und zweitens große Kunst. Die erbärmliche Heuchelei der modernen Gesellschaft mit all ihren Täuschungen und Selbsttäuschungen wird entlarvt durch zwei Menschen, die sich wie "Verrückte" aufspielen und offenbar nicht "normal" und "nicht ganz richtig im Kopf" sind. 

Aber wer hat denn wissenschaftlich bewiesen, dass "Verrückte" nicht aus vernünftigen Gründen "verrückt" geworden sind? Seit wann ist der "normale" Bürger ein guter Mensch? Und wie "richtig" liegen Menschen, die zu 70% die Forderungen linker Parteien voll und ganz teilen, aber dann doch immer wieder die "konservativen" und "liberalen" Parteien wählen? Wer sind hier die Idioten und wer die Vernünftigen? Zeigt mir Studien! Los! Ich warte auf halbwegs objektive Nachweise, solange ich oder ihr nicht beerdigt seid. Bin da sehr geduldig. Maeckes muckt mit Mucke auf. Das ist mein Fazit, ihr scheiß Täter. ;-)


Montag, 20. Januar 2014

Der neue "Oldboy"

Wer hätte das gedacht? Der neue Oldboy von Spike Lee ist ein gelungenes US-Remake meines koreanischen Lieblingsfilms. Es ist äußerst selten, dass ein US-Remake gut ist. Dieses Remake aber ist grandios, so grandios, dass es halb so gut geworden ist wie der alte Oldboy!

Eine erbärmliche Existenz als Protagonist


Diesmal spielt die Handlung in den USA. Und irgend ein China Town ist der Ort des Geschehens. Der Protagonist heißt nicht mehr wie im Original Oh Dae-su, sondern Joe Doucett (Josh Brolin). Joe ist aber wie Oh Dae-su ein ziemliches Arschloch. Er ist als Säufer schon mittags besoffen, versteckt seinen Schnaps auf der Arbeit im Soda-Becher, kotzt nachts auf die Straße, klettert nach dem Kater nackt durch die Gegend und hat auch sonst keine Manieren. Abgesehen davon ist er ein Sexist und lässt seine Familie im Stich. Er ist ein durchgehend ekelhafter Charakter. Der Zuschauer darf ihn ruhig verachten. Er ist nämlich wirklich der Abschaum dieser Welt, eine "erbärmliche Existenz", ein versoffener Werbemanager.

20 Jahre eingesperrt, ohne den Grund zu kennen


Eines Tages wird der Schwerenöter entführt und in eine Art Gefängnis gebracht. 20 Jahre lang muss er in ein und dem selben Apartment verbringen, 20 Jahre lang muss er die selben Wantans essen, 20 Jahre lang muss er sich fragen, wieso er eingesperrt wurde. Darüber hinaus erfährt er über den Fernseher des Apartments, dass seine Ex-Frau brutal ermordet wurde und seine Tochter von irgend einer Familie adoptiert wurde und wohlauf ist. Aber auch das Wissen über seine Tochter hilft ihm wenig in seiner elenden Situation. Seine Einsamkeit und Verzweiflung kann er offenbar nur überstehen, weil er sich "Freunde" macht: Ratten, den Fernseher und ein Kissen mit einem Gesicht, gemalt aus Blut.


Rache und Suche nach Antworten


Irgendwann wacht Joseph draußen auf einer Wiese, samt Anzug, Handy und Geld auf. Und was ihn nun antreibt, ist Rache und die Frage, wieso er eingesperrt wurde. Joe sucht nach seinen Peinigern und nach Antworten. Unterstützt wird Joe bald schon von Marie (Elizabeth Olsen), einer jungen Pflegerin, und seinem alten Schulfreund Chucky (Michael Imperioli). Die Wantans, deren Geschmack er 20 Jahre lang im Mund hatte, findet er. Auch sein Gefängnis findet er. Sogar seine Aufseher findet er (u.a. Samuel L. Jackson). Mit einem Hammer bewaffnet rächt er sich an ihnen. Und wie er sich rächt! Die Folterszene, die nun folgt, ist sogar noch eleganter als im alten Oldboy. Tatsächlich scheint er die Situation unter Kontrolle zu haben und schrittweise an sein Ziel zu gelangen. Aber die Geschichte ist viel komplizierter. Denn auf die Polizei kann er nicht setzen, da er und sein Todfeind (Sharlto Copley) ein gefährliches Katz- und Mausspiel spielen, das wie beim koreanischen Vorgänger verstörend endet.


Gut, aber nicht monumental


Der amerikansiche Oldboy ist kein monumentales Meisterwerk wie der koreanische Vorgänger. Dafür fehlt ihm die künstlerische Qualität, etwa die Bildgewalt oder die geniale Musik. Aber er hat eine spannende Story und eine geschickte Erzählweise zu bieten. Außerdem ist er keine einfach Kopie des Vorgängers, sondern beeindruckt mit originellen Abweichungen. Es gibt sogar eine Priese Gesellschaftskritik: Ein Nichtswürdiger, eine jämmerliche Kreatur ohne Moral und Anstand, ein Produkt des modernen Kapitalismus verwandelt sich in einen Menschen, der für Gerechtigkeit und Nächstenliebe und gegen das Unrecht, das ihm angetan wurde, ankämpft.







Donnerstag, 16. Januar 2014

Aufhebung oder Ausborgung des Bürgertums?

Nur die Linksradikalen können das Bürgertum einer Wurzelbehandlung unterziehen. Was heißt es aber, linksradikal zu sein und was heißt hier Bürgertum? Und was soll dieser irre machende Titel Aufhebung oder Ausborgung des Bürgertums?!?

Einstellungen zum Bürgertum


Es gibt verschiedene, mehr oder weniger fortschrittliche Haltungen zum Bürgertum: Von Konservativen wird die bürgerliche Gesellschaft aufbewahrt, von Liberalen wird sie entfesselt, von Linksliberalen wird sie als sozial und demokratisch verkauft, von Bauchlinken wird sie schlecht verdaut, von Linken wird sie bekämpft und vorangetrieben und von Linksradikalen wird sie hoffentlich mal entwurzelt.* Radikal sein heißt ja bekanntlich, die Sache an der Wurzel (lat. radix) zu fassen. Ärgerlich ist, dass die Wurzel des Bürgertums viel tiefer reicht als uns lieb sein sollte.

Verwurzelung des Bürgertums


Eines der unzähligen Probleme der bürgerlichen Gesellschaft ist, das sie in sämtlichen Köpfen ihrer "Bürger" Wurzeln schlägt. Nicht nur die Angehörigen der bürgerlichen Klassen, Schichten oder Milieus sind bürgerlich. Auch die proletarische Klasse und andere scheinbar nicht-bürgerliche Gruppen sind in der bürgerlichen Gesellschaft verwurzelt und damit "Bürger" oder "Staatsbürger". Es ist also nicht so, dass sich prinzipiell bürgerliche Gruppen und prinzipiell antibürgerliche Klassen gegenüberstehen.

Sämtliche Gruppen in der bürgerlichen Gesellschaft sind bürgerlich. Das gilt auch und in besonderem Maße für die Arbeiterklasse. Die Frage ist also nicht (mehr), ob die Arbeiterklasse verbürgerlicht. Sie ist schon lange verbürgerlicht. Die Frage ist viel mehr, ob die Verbürgerlichung der Arbeiterklasse, ob die Verwurzelung des Bürgertums in der Arbeiterklasse aufgehoben werden kann. Es geht um Aufhebung von Staat, Kapital, Nation, Bürokratie, Herrschaft und Klassengeschichte.

Und die noch wichtigere Frage ist, wie aufgehoben werden kann. Denn diverse bisherige Versuche der Aufhebung des Bürgertums scheiterten jämmerlich. Bisher wurde nur ausgeborgt und nicht aufgehoben. Die verbrecherische, physische Liquidierung des Bürgertums ist ein Beispiel dafür, da sie nur zur Ausborgung** des Bürgertums durch staatliche Bürokratien geführt hat.

Verbrecherische Liquidierung des Bürgertums


Der Versuch der physischen Liquidierung des Bürgertums durch "roten" Terror kann nichts als Vernichtung von Leben und Produktivkräften bringen. Einen großen Fortschritt bedeutet das nicht. Im Gegenteil. Physische Liquidierung des Bürgertums ist ein kleiner Schritt für den roten Bürokraten, aber ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Denn der Bürokrat ist definitionsgemäß
  1. "jemand, der in der Anwendung und Auslegung von Bestimmungen einem starren Formalismus verhaftet ist" (Duden)
  2. jemand, der "sich pedantisch und übergenau an Vorschriften" klammert bzw. "auf die Einhaltung von Vorschriften" pocht.
  3. ein "Beamter oder Angestellter, der einem Unterordnungsprinzip, eindeutig geregelten Entscheidungsbefugnissen sowie einer Reihe von verhaltensreglementierenden Vorschriften unterliegt. Als abgeleiteter Begriff der Bürokratie wird damit die infolge der zahlreichen Regeln sich ergebende Inflexibilität der Bürokrat im Sinn einer negativen Wortbedeutung unterstellt." (sic! Gabler Wirtschaftslexikon)

Und laut Meyers Konversationslexikon sei die "Schreibstubenherrschaft" eine 

"Bezeichnung für eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das Verständnis für die praktischen Bedürfnisse des Volkes gebricht. Auch eine solche Beamtenschaft und ihre Angehörigen nennt man Büreaukratie. Der Boden der Büreaukratie ist der Absolutismus. Das bürokratische Regiment kennzeichnet die Zeit des Polizeistaates, der polizeilichen Bevormundung des Volkes während des 19. Jahrhunderts. Die Begründung der konstitutionellen Regierungsform, das freie Vereins- und Versammlungsrecht, die Bedeutung der Presse für die öffentliche Erörterung der Staatsangelegenheiten, die Anerkennung des Selbstverwaltungsrechts der Gemeinden und höheren Gemeindeverbände sind Momente, welche ein bürokratisches Regiment in der Gegenwart ausschließen. Die Ausdrücke Büreaukratie und Büreaukratismus werden auch als gleichbedeutend mit der Bezeichnung 'büreaukratisches System' gebraucht."

Diese Definitionen treffen auf die Herrschaft der bürokratischen Klasse des ehemaligen Ostblocks ganz gut zu, um nicht zu sagen: so gut wie die proletarische Faust auf das Auge des Bürokraten. Die roten Bürokratien des Ostblocks waren spätestens ab den 1930er Jahren im Grunde immer rückschrittliche Formen der bürgerlichen Herrschaft. Es waren "Staatsbourgeoisien" oder "Staatskapitalisten", deren Herrschaft ebenso unmenschlich war wie die der Bourgeoisien und Kapitalisten andernorts. 

Oder sind Stalin, Mao oder die Kims für ihre hochmodernen und humanen Gesellschaftssysteme bekannt geworden? Eher nicht. Pol Pot ließ sogar Brillenträger ermorden, weil sie so bürgerlich-intellektuell wirkten. Hätte dieser erbärmliche Pisser meine krasse Brille nur anfassen können! Dem hätte ich 'ne Schelle verpasst, die er nicht überstanden hätte. Egal. Kommen wir zurück zur Hauptidee dieses Artikels: verbrecherische, physische Liquidierung des Bürgertums reicht nicht zur Überwindung des Bürgertums, sondern ist bloß eine Form der Ausborgung des Bürgertums. Es ist im Grunde der Versuch des in die Ecke getriebenen Köters, den Angreifer mit roher Gewalt zu besiegen, wobei der Angreifer eben nicht ein Einzelner ist, sondern eine große Gruppe. So ein Hund wird leider eingeschläfert, weil er gemeingefährlich geworden ist. Er hätte gar nicht erst in die Ecke getrieben werden dürfen.

Aufhebung und Ausborgung des Bürgertums


Die bürgerliche Gesellschaft, das Bürgertum und die Bürgerlichkeit lassen sich mit Gewalt nicht in Frieden, Freude und Eierkuchen verwandeln. Zwar hatte Mao Zedong irgendwie schon Recht als er feststellte:

"Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken; sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt."

Aber auch Mao, den großen Lehrmeister der östlichen Bürokraten, hätte ich sehr gerne physisch bestraft für seine Übertreibungen. Immerhin: Solange die Herrschenden sich gegen die Revolution mit Gewalt wehren, stimmt Maos Feststellung sogar. Und das tun sie bisher immer. Sobald ein "großer Sprung nach vorne" in Form einer sozialen Revolution droht, in dem die Menschheit mehr Freiheit erlangen kann, reagieren die Herrschenden darauf, indem sie sich in Form einer gegenrevolutionären Klasse formieren, um den drohenden Fortschritt aufzuhalten. Sie "ver- und zertreten" die Bevölkerung dann noch mehr als ohnehin schon.

So 1848, als eine radikaldemokratische Revolutionswelle ganz Europa erfasste und die alten Könige, Tyrannen und Diktatoren durch demokratische Systeme zu ersetzen drohte. Oder wie 1871, als im preußisch-französischen Krieg die die französische Hauptstadt von ihrer radikalisierten Bevölkerung in die legendäre "Pariser Kommune" verwandelt wurde, die den ersten ernsthaften Versuch darstellte, eine sozialistische Staatsmacht aufzubauen. Oder auch 1905 in Russland, als die radikalen Arbeiter und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen und die linksradikalen Intellektuellen ohne Geschlecht drohten, den erzreaktionären Zaren und den Adel zu entmachten.

In diesen und vielen, vielen, wirklich sehr vielen anderen Fällen haben die Herrschenden den Fortschritt der Menschheit mit Blutvergießen und Terror zurückgeschlagen. Das tun sie praktisch immer. Und sie haben damit bislang immer Erfolg gehabt - sonst würden wir schon in einer besseren Welt leben, die keine systematische Unterdrückung und Ausbeutung kennt. Es sind immer nur neue Klassengesellschaften mit neuen herrschenden Klassen entstanden, die dann auch wieder Terror nutzten, um ihr Bürgertum zu retten. Die kernigeren Stalinisten und diejenigen unter den Linken, die zum irrationalen Klassenhass und zu Gewaltexzessen neigen, rufen daher im Grunde immer nur:

"Der Bürger-König ist tot! Es lebe der Borger-König!"

Sie schickten den Bürger an und für sich also bislang immer nur aufs Schafott, unter die Guillotine oder zum Schießstand, um ihn durch irgendwelche Marats oder Rasstrelnikows zu liquidieren. Stalin und Mao sind die bisherigen Rekordhalter dabei. Und sie benötigten dafür nicht einmal die Hilfe der Arbeiterklasse. Bravo! Welche Leistung! Wozu brauchen wir da noch das Proletariat? Das ist nämlich genau das, was die Bauern seit Jahrtausenden mit den Königen und Kaisern gemacht haben: physisch ersetzt. Haben sie damit die Klassen und die Klassengesellschaft abgeschafft? Nein, leider nicht. Sie haben sich nur eine Klassenposition ausgeborgt. Das Resultat war nicht die Aufhebung, sondern die Ausborgung der Klassenherrschaft. Denn man muss die Herrschaft strukturell ersetzen durch "die freie Assoziation freier Individuen" (Marx) und nicht bloß personell neu besetzen.

Aber der "rote" Terror, so notwendig er manchmal erscheint, konnte die bürgerliche Gesellschaft nicht an der Wurzel packen und ausreißen. Denn Stalin und Mao waren nicht einmal halb so radikal wie es ihre etwas naiven Epigonen, die Stalinisten und Maoisten, behaupten. Ja, liebe Genoss*nnen, wenn ihr jetzt des Sternchens oder der Entlarvung wegen sauer seid, kommt mich heimsuchen. Ich zeige gerne, wie sehr meine radikale Linke weh tun kann. ;-)

Jedenfalls enthaupten die Anhänger des staatsbürokratischen Sozialismus, die Stalinitos und xiao Mao*** mit größtem Klassenhass den Bürger-König, nur um einen bürokratischen Borg-König auf den Thron einer Bürokratenklasse zu setzen. Damit sind Staaten entstanden, die sich dann "Arbeiterstaat", "real existierender Sozialismus", "Sozialismus in einem Land", "Volksdemokratie" oder "Volksrepublik" nannten. Praktisch keine dieser Gesellschaften war klassenlos oder staatenlos, dafür aber gefesselt. Es waren sozusagen gefesselte bürgerliche Gesellschaften.

Deswegen werden solche Gesellschaften auch von den Liberalen so gehasst. Liberale wollen die bürgerliche Gesellschaft ja entfesseln. Das ist überhaupt die Macke des liberalen Bürgers, der das Bürgertum mit allen Mitteln entfesseln und damit wie der stalinistische Bürger für die bürgerliche Gesellschaft über Leichen geht. Wo der stalinistische Bourgeois aber erschießt, ins Lager steckt oder Nahrung vernichtet, da lässt der liberale Bourgeois für gewöhnlich die Schusswaffen produzieren, erhöht Preise oder spekuliert mit Nahrung. Alles das kann eine mehr oder minder subtile Art von Mord sein, denn: "Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet." (Jean Ziegler)

Die Aufhebung der Bürgerlichkeit und damit der ganzen Klassengeschichte ist zwar auch eine Frage der Gewalt, wie Mao und die anderen Terroristen immer betonten. Terroristen sind ja ohnehin Menschen, die den Terror überschätzen und entsprechend anwenden, wie etwa Stalin, Mao, George W. Bush, Osama bin Laden, Obama oder Oberst Klein, der für seinen verbrecherischen Terroranschlag in Afghanistan auch noch zum General befördert wurde. Aber: Wie Nigel Harris in seinem Buch Die Ideologien in der Gesellschaft so schön herausgearbeitet hat, gilt für die Gewalt als Mittel des Fortschritts:

"'Bewaffneter Kampf' ist nur eines von vielen möglichen Mitteln, ist nicht das 'höchste' oder 'reale' Mittel. Tatsächlich war [im Marxismus] impliziert, daß die Anwendung offener oder militärischer Gewalt (sei sie nun traditioneller Art oder die der Guerillas) wenn möglich nur das allerletzte Stadium sein sollte, wenn die meisten Ergebnisse bereits erreicht waren, nicht aber das erste; das Guerillakriegswesen geht zurück auf das Gedankengut der Narodniks, der revolutionären Minderheit, die im Namen und trotz des Volkes die Macht ergreift, es geht eher auf den traditionellen Staatsstreich als auf die soziale Revolution zurück."

Gewalt kann, muss aber kein herausragendes Mittel des Fortschritts sein. Wenn die herrschenden Klassen die Weltverbesserung mal nicht mit Gewalt unterdrückten, würden wir eine friedliche Revolution erleben können. Das wird vermutlich aber auch in Zukunft nicht geschehen. Auch in Nordafrika, in Erdogans Türkei, in Putins Russland und in Merkels Deutschland wird Fortschritt mit brutaler Polizei- und Militärgewalt und modernster Technik unterdrückt.

Überall ist die Gewalt ein technokratisches Mittel, um die Freiheit der Menschen zu beschränken und um ihr Streben nach Glück zu dämpfen. Streber sind gut und gewollt, aber sie sollen ja nur nach "Erfolg" und Geld etc. streben. Wer zu sehr nach Freiheit, Frieden und Freude strebt und daher die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, um zu fliehen. Oder er darf die Allwissenheit des Großen Bruders erfahren. Der weiß nämlich alles. Er beobachtet ja seine Bürgerbrüder ganz genau. Die könnten ja Ärger machen. Und zur Not liquidiert der Große Bruder den Bürgerbruder auch durch Einschüchterung, Erpressung, Einbuchtung oder Ermordung.

Wer darauf keinen Bock mehr hat, muss seinen Arsch in Bewegung setzen und Teil einer Bewegung werden, an der sich die Wänste von Staat, Kapital und Nation abarbeiten müssen. Marx hat es auch so formuliert:

"Während es [gilt], die bloß unterdrückenden Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden, sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über der Gesellschaft zu stehn [beansprucht], entrissen und den verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurückgegeben werden. Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen. Und es ist bekannt genug, daß Gesellschaften ebensogut wie einzelne, in wirklichen Geschäftssachen gewöhnlich den rechten Mann zu finden und, falls sie sich einmal täuschen, dies bald wieder gutzumachen wissen. Andrerseits aber konnte nichts dem Geist der Kommune fremder sein, als das allgemeine Stimmrecht durch hierarchische Investitur zu ersetzen. [...] Die [kommunistische] Kommune [macht] das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen - wohlfeile Regierung - zur Wahrheit, indem sie [...] die Armee und das Beamtentum [aufhebt]."

Klartext


Ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinaus will. Sonst kann ich auch Klartext texten und euch den ganzen vorangegangenen Text im Nachhinein sparen:

Wie kommen wir zur menschlichen Gesellschaft? Durch Aufhebung der Bürgerlichkeit oder durch physische Liquidierung? Durch Aufhebung der Bürgerlichkeit natürlich! Das kann und muss wohl teils mit Gewalt geschehen, aber besser wäre es ohne. Dafür müssten die herrschenden Klassen aber einfach mal in ihren Sesseln und Thrönen sitzen bleiben, ohne uns ihre Schergen (Bürokraten, Volkszertreter, Polizisten, Militärs, Agents provocateurs etc.) auf den Hals zu hetzen, überhaupt ohne zu hetzen, ohne Rassismus, Sexismus, Klassismus und so weiter. Da dieses Szenario utopischer ist als jede kommunistische Utopie, müssen wir Menschen wohl oder übel in gewissem Maße die Unterdrücker maßregeln, z.B. mit guten Büchern, tiefsinnigen Gesprächen, viel Arbeit (an sich) und vielen "radikalen Linken", wenn nötig...

Oder, um Marx mal wieder zu zitieren:

"Man muß sich nicht darüber täuschen. Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse. In England ist der Umwälzungsprozeß mit Händen greifbar. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehn, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen."

Anmerkungen



Linksliberale = Menschen, die als Sozialdemokraten, Freidemokraten oder Christdemokraten gelten können?
Bauchlinke = Menschen, die merken, wie beschissen die bürgerliche Welt ist, aber keine Perspektive haben?
Linke = Menschen, die bauchlinks sind und eine gewisse soziale Perspektive haben
Linksradikale = Menschen, die von Kopf bis zum Fuß links sind und nicht nur in der Bauchgegend oder im Kopf

**
"Ausborgung" ist wie Aufhebung ein mehrdeutiger Begriff. Ich lasse ihn hier absichtlich etwas schleierhaft. Aber zur Annäherung siehe: http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/idg/deutsch/b/borgen.htm.

***
(chin. "kleine Maos", "kurze Körperbehaarung" oder "Kätzchen")



Samstag, 11. Januar 2014

gefunden auf Disarstars fb-Seite

"Eine Gesellschaft, die von "Outing" und "Geständnis" spricht, outet sich im endeffekt selbst. Sie gesteht sich ein, dass es keinen emanzipativen Umgang mit Geschlecht, Sexualität und Liebe gibt. Das "anders sein" müsse akzeptiert werden, reproduziert letztendlich aber nur die Vorstellung, dass es eben nicht normal wäre. Dieses Phänomen lässt sich gerade im Fußballsport beobachten. Hier besteht ein recht starres Bild, welches einem Spiel (nach 90 Minuten ein Tor mehr geschossen zu haben als der Gegner) "männliche" und "heterosexuelle" Verhaltensweisen zuschreibt. Es widerspricht zwar eigentlich dem kapitalistischen Rationalisierungs-, fungiert aber mindestens genau so gut als Verblendungsprozess und dient zur Vermarktung. Fußballsport als Ware erscheint als naturgegeben.
Die heuchlerische Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Diskriminierung endet spätestens dann, wenn es darauf ankommt. Es scheint weder möglich als aktiver Fußballprofi offen mit seiner Sexualität umzugehen, noch wird sich entschlossen positioniert, wenn es um die Ausrichtung der Fußball-WM in Katar geht. Abgesehen von der Absurdität, dass es in diesem Land kein besonders großes Interesse am Fußballsport gibt, trotzdem zahlreiche überdimensionale Stadien von Zwangsarbeitern unter menschenunwürdigen Verhältnissen gebaut werden (mehr als 44 Tote), in denen dann bei 50 Grad Celsius Fußball gespielt werden soll, scheinen Stellung von Frau und Homosexuellen nicht zu interessieren. Die Fifa beruft sich auf ihre unpolitische Stellung und Neutralität, wird dadurch jedoch hochgradig politisch. Gleichzeitig fordert Fifa-Präsident Blatter die Anpassung an das vorherrschende Rechtssystem: “Ich würde sagen, sie sollten sich von sexuellen Aktivitäten fernhalten.” Die Forderung sollte hingegen sein: Ausschluss von Ländern und Verbänden, die es Menschen verunmöglichen wollen Fußball zu Spielen oder zu gucken! Das wäre ein wirkungsvolles Zeichen, lässt sich aber wohl nicht in Einklang mit den vorherrschenden ökonomischen Interessen bringen. Schluss mit dem Quatsch! Fußball ist für alle da! Liebe kennt kein Geschlecht! Deutschland halt's Maul!
 
Ane Razionale"

Kunst der Unterwerfung (Serie: Marxismus und Kunst, Teil 2)

Die Kunst der Unterwerfung - eine Buchrezension. Teil 2 der Serie zu Marxismus und Kunst.

Vor Kurzem ist der Sammelband Ästhetik der Unterwerfung erschienen. In ihm wird die Beziehung der Gegenwartskunst zum Kapitalismus anhand der "Documenta", der weltweit bedeutendsten Ausstellung für moderne Kunst, behandelt.

Herausgeber ist Werner Seppmann, ein Schüler und Mitarbeiter des verstorbenen Ideologiekritikers Leo Kofler. In dieser Tradition behandeln die Beiträge von Seppmann, Thomas Metscher, Heike Friauf und Thomas Richter die Ideologie, die mit der Inszenierung (post)moderner Kunst zusammenhängt. Ihrer Kritik kann man sich getrost anschließen.

Gute und schlechte Kunst

Werner Seppmann (Hrsg.): 
Ästhetik der Unterwerfung. 
Das Beispiel Documenta
ISBN: 978-3-942281-46-1
Erschienen März 2013
Preis: 21 €
248 Seiten

Die "Documenta" sei nach wie vor "eine Institution zur Entsorgung ernsthafter Kunst und eine Flucht vor einer verständigen Auseinandersetzung mit den Gegenwartsproblemen.” Dieses vernichtende Urteil bedarf natürlich einer Begründung. Die Autoren bieten daher zur Bewertung von Kunst einen ästhetischen Maßstab an. Sie postulieren eine Werthierarchie der Kunstwerke und verteidigen damit einen Kanon mit “Meisterwerken” einerseits und mit “misslungener” sowie “falscher Kunst” andererseits. Einen Großteil der Werke auf der "Documenta" halten sie sogar für “Nicht-Kunst”.

Die postmoderne "Nicht-Kunst"


Die Autoren verdammen moderne Kunst nicht an sich. Sie kritisieren einfach nur einfallslose, bedeutungslose und oberflächliche Inszenierungen, die an Kunst erinnern. Die "Documenta" scheint kaum über solch postmoderne Show hinauszukommen. Sie inszeniert, propagiert und verkauft. Vor allem verkauft sie die Welt für dumm. Das Management und die Kunst-Darsteller der Ausstellung haben selbst den Anspruch, gesellschaftskritisch und bewusstseinserweiternd zu sein. Doch wie nah ist der Anspruch an der Realität?

Die spektakuläre und skandalöse Inszenierung der "Documenta" ist dem selben Innovations- und Werbezwang unterworfen wie andere profitorientierte Unternehmen. Der Genuss solcher "Neuerungen" wie die interaktive Möglichkeit, bunte Würfel zu verschieben, weiße Wände zu bestaunen oder sich durch einen kostspieligen Luftstrom begeistern zu lassen, sind ebenso "innovativ" und "bedeutsam" wie der tausendste spektakulär beworbene Joghurtgeschmack oder die neueste Jeans-Form.

Das soll nicht heißen, dass es nicht so viele Geschmäcker geben darf wie Menschen. Es soll nur heißen, dass die "Kunst" auf der "Documenta" auf dem selben infantilen Niveau ist wie eine x-beliebige Werbung für Joghurt. Und sie ist den kapitalistischen Verhältnissen und der bürgerlichen Ideologie ebenso verpflichtet.

Ästhetische Inszenierung und bürgerliche Ideologie


Die ästhetische Inszenierung der "Documenta" ist trotz ihrer Oberflächlichkeit und Bedeutungsarmut nicht frei von ideologischer Wirkung. Sie wirkt ganz im Sinne der bürgerlichen Ideologie des heutigen Kapitalismus. Wenn das Kunst ist, dann ist es eine Kunst der Unterwerfung. Denn mit der ästhetischen Inszenierung der Bedeutungslosigkeit ohnehin alltäglich gemachter Erfahrungen werden mehrere ideologische Effekte erreicht.

Die schaulustigen Betrachter der Inszenierung von Alltagsgegenständen zahlen dafür auch noch Eintritt. Sie erhalten für Geld den Eindruck, dass ihnen (große) Kunst dargeboten wird. Damit verwechseln sie zunächst einmal Kunst mit bloßem Show-Business. Abgesehen davon bestätigt sich für sie, dass (große) Kunst wie alle anderen Bereiche des Lebens im Kapitalismus mit Geld bewertet werden kann. Geld wird zum Maßstab für Kunst.

Die spektakuläre Bewerbung der "Documenta" durch das Event-Management, die "Künstler" und spektrenübergreifende Medien zeigt: Es kommt viel mehr auf die Werbung an als auf das eigentliche Produkt, das ohne Werbung in der Masse untergehen würde. So wird also der geistlose Marketing-Charakter der "Documenta" ein Vehikel, um Begeisterung für alten Wein in neuen Schläuchen sicherzustellen. Denn bei all dem Furor um die Ausstellung findet sich offenbar wider Erwartens wenig Neues. "Ein paar Bienchen, ein paar Schmetterlinge, ein Straßenhund mit pink angestrichenem Bein und schon haben wir die Frage der globalen Ökologie behandelt", so kritisiert H. Friauf. Größe und Bedeutung werden so von Kleinkariertheit und Banalität ersetzt. Die Kunst passt sich also der Gesellschaft an, in der Ski-Unfälle und Skandale von Promis mehr zählen als Weltveränderung.

A propos Weltveränderung: Die "Documenta" beansprucht, kritisch und wachrüttelnd zu sein. Kollagen und Darbietungen erwähnen die großen Probleme der Gegenwart: Umweltzerstörung, Kriege, Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Aber die Inszenierung der Problemstellung provoziert keinerlei praktische Veränderung. Die "Nicht-Kunst" führt nicht über den Status Quo hinaus, weil sie nur die Oberfläche und das ohnehin Bekannte darstellt. Elend und Zerstörung sind nichts Neues. Die künstlerische Darstellung dieser Motive muss neue Anregungen provozieren, die neue Ideen oder Emotionen ermöglichen. Wird das nicht erreicht, so ist die Darbietung bedeutungslos. Und auf der "Documenta" wird Inhalt offenbar sehr selten transportiert. Welchen Inhalt sollen auch Holzkonstruktionen transportieren, "die auch als Klettergerüste auf einem Abenteuerspielplatz hätten durchgehen können" (Seppmann)?

Fazit


Der Sammelband ist lesenswert. Die Empörung über die infantile "Nicht-Kunst" der "Documenta" wird dabei ab und an von Schadenfreude unterbrochen. Abgesehen davon gibt es bemerkenswerte Ausführungen zur Problematik von Kultur, Ökologie oder Feminismus im Spätkapitalismus. Der Band liefert darüber hinaus wertvolle Hinweise zur Aktualisierung marxistischer Kunsttheorie.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Der Proll zum Obvah




Der Stalino-Proll zum kleinbürgerlichen Obvah:

"Halt die Fresse, wenn du mit mir redest. Und hör auf den Babo, du Chabo!"

Das kleinbürgerliche Obvah zum stalinistischen Proll:

"Wer ist der Babo? Was soll ich tun?"

Der großbürgerliche Babo zum stalinistischen Proll:

"Bürger, so kannst du mit dem selbsternannten Opfer doch nicht reden. Sag dem Opfer, dass ich der Bürger-King bin und er der Untertan. Kleinbürger müssen doch wissen, wer der Aktienbesitzer ist. Dafür bist du doch da. Mach also deine Arbeit, faules Schwein! Wofür betreibe ich denn mit dir Diplomatie!?"

Das kleinbürgerliche Obvah zum Stalino-Proll:

"Achso, ich verstehe. Du bist der Babo und ich bin der Chabo. Chabos wissen, wer der Babo ist!"

Der stalinistische Proll:

"So isses, Junge... Ich bin der Babo und du bist der Chabo."

Der Großbürger-Babo:

"Nein, ich bin euer Bürger-King. Ich mache, dass ihr die Burger macht. Also bin ich der großartig großbürgerliche LEISTUNGSTRÄGER und WERT-SCHÖPFER und ihr die wertlosen Arbeiter! Arbeitet für mich und ich gebe euch eine Arbeit und Wert!"

Das stalinistische Opfer (der Stalino-Proll) nun zum kleinbürgerlichen Opfer:

"Du Obvah, ich hab doch gesagt, wer der Babo ist! Der Bürger-King ist der Babo!"

Das kleinbürgerliche Opfer zum stalinistischen und zum großbürgerlichen Babo:

"Achso, ich verstehe. Ich bin der Babo!"

Der Proll-Troll, der die ganze Szene am Rande beobachtet und gebetsmühlenartig kommentiert hat:

"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..."
"Ihr seid alle so dumme Opfer..." 

Sonntag, 29. Dezember 2013

Eine zugängliche Einführung in „Die revolutionären Ideen von Karl Marx“

„Mit diesem Buch möchte ich eine Lücke in der Literatur über Marx schließen und eine zugängliche, moderne Einführung in sein Leben und seine Gedanken unterbreiten, geschrieben von jemandem, der seine grundlegenden Ansichten über Geschichte, Gesellschaft und Revolution teilt“, 

so Alex Callinicos, der Autor des Buches Die revolutionären Ideen von Karl Marx. Callinicos ist Professor für European Studies am King’s College in London und weiß, wovon er schreibt. Das Buch sieht tatsächlich nicht nur modern aus, es bietet auch auf insgesamt 277 Seiten dem Leser von heute einen zugänglichen Einstieg in die Ideen des Revolutionärs. Der Autor schafft bei Einsteigern schnell Klarheit über Marx und den Marxismus und räumt häufige Vorurteile und Missverständnisse aus. Die acht Kapitel sind thematisch gut geordnet und führen jeweils in einen Bereich der Marxschen Betätigung ein. Literaturtipps zum Weiterlesen runden die Einführung ab.

So wird dem Leben des Revolutionärs das erste Kapitel gewidmet. Die Darstellung der Verbindung von humorvollem Geist und ernsthaftem Engagement macht Marx menschlich sympathisch. Marx wird weiterhin als Mensch mit Fehlern, aber auch als Schule machender Vordenker der Revolution porträtiert. Trotz finanzieller Probleme schaffte er es, sich über Jahrzehnte mit den verschiedensten sozialen Problemen zu befassen und sie oft auch theoretisch zu bewältigen, um ihre praktische Bewältigung zu fördern.

Das zweite Kapitel behandelt die verschiedenen Ideen des Sozialismus vor Marx und die politischen Bewegungen, die hinter diesen Ideen standen. Hier wird klar, dass der Sozialismus aus der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, also aus der aufklärerischen Hoffnung auf eine wirklich humane Gesellschaft einerseits und der Kritik am Kapitalismus andererseits hervorging. Die Sozialisten übernahmen die Hoffnung der Aufklärungsphilosophie, aber kritisierten ihre Idealisierung der kapitalistischen Gesellschaft. Doch der Sozialismus blieb bis dahin immer nur eine unerreichbare Utopie, ein utopischer Sozialismus.

Kapitel drei und vier zeigen, wie Marx die wirklichkeitsfremde Philosophie und den utopischen Sozialismus kritisierte und statt dessen eine Philosophie der Praxis entwickelte, deren Ziel es sein sollte, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern wirklich zu verändern. Diese praktische Philosophie sollte zugleich die Grundlagen für einen wissenschaftlichen Sozialismus bieten. Sozialismus ist bei Marx nicht mehr nur eine schöne Utopie, sondern die echte politische Bewegung in Richtung einer solidarischen Gesellschaft, bestehend aus engagierten Menschen.

Im fünften Kapitel geht es um die Auffassung von Marx über Geschichte und Klassenkampf. Hier wird deutlich, dass nicht der Mensch „an sich“ unfähig ist, eine solidarische und gerechtere Gesellschaft hervorzubringen und dass es den Menschen “an sich” gar nicht gibt. Hingegen wird klar, dass viele soziale Probleme wie Unterdrückung, Kriege und Entdemokratisierung aus der Spaltung der Gesellschaft in unterdrückende und unterdrückte Klassen hervorgehen und dass der Streit zwischen den Klassen, der Klassenkampf, mit Fortschritt und Freiheit eng zusammenhängt. Der Kampf der Menschen um eine Verbesserung der Gesellschaft wird bei Marx mit geschichtlichem Fortschritt identifiziert. Die Analyse der unterschiedlichen Bedingungen und Formen dieses Kampfes hebt den Sozialismus auf wissenschaftliches Niveau.

Es dreht sich im sechsten Kapitel alles um die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, der damals führenden ökonomischen Wissenschaft, die Marx für dogmatisch hielt. Komplizierte ökonomische Begriffe wie Lohnarbeit, Wert, Mehrwert, Ausbeutung, Preis, Profit und Krise werden hier verständlich gemacht. Weiterhin wird erklärt, wie der Kapitalismus entstand, wie er funktioniert, was seine Probleme sind und wie er ständig Widerstand und Protest provoziert.

Das siebte Kapitel ist mit „Arbeitermacht“ überschrieben und zeigt, wieso Marx gerade die Klasse des Proletariats, die modernen Lohnarbeiter, als „Totengräber des Kapitalismus“ bezeichnete, wie diese Klasse den Kapitalismus überwinden und zum Kommunismus führen kann. Dabei werden umstrittene Fragen wie die der Partei, der „Diktatur des Proletariats“ und der Revolution thematisiert. In diesem Kapitel zeigt sich, dass Sozialismus nicht Terror und Totalitarismus bedeuten kann, sondern auf eine Ausweitung der Demokratie angewiesen ist und dass umgekehrt eine umfassende Demokratisierung den Sozialismus benötigt.

Im letzten Kapitel wird gezeigt, wie Marx auch nach seinem Tod und heute noch Relevanz beansprucht. Der Autor versucht zu erklären, wieso der „real existierende Sozialismus“ à la Ostblock gar kein Sozialismus oder Kommunismus war und worin der Unterschied zum Sozialismus von Marx bestand. Auch wird gezeigt, dass die revolutionären Ideen von Karl Marx heute sogar noch aktueller denn je geworden sind. Die Arbeiterklasse ist nicht kleiner geworden, sondern hat sich verändert und ist noch viel größer und bedeutender geworden. Die Widersprüche des Kapitalismus sind nicht verschwunden, sondern spitzen sich mit der weltweiten Krise, mit Entdemokratisierung, Verarmung und Kriegen immer weiter zu. Eine Kenntnis der revolutionären Ideen von Karl Marx ist daher nicht von gestern, sondern gehört zum Verständnis des modernen Kapitalismus.

Das Buch ist beim VSA-Verlag für 16,80 € zu haben und ist seinen Preis wert.

"Доверяй, но проверяй!"


„Vertraue, aber prüfe nach“


Das hat der libertäre Demokrat und Kommunist Lenin sicher nicht nur einmal gesagt. Interessant ist, dass man daraus etwas ganz anderes erdichtet hat. Wie so oft wurde einem politischen Gegner etwas in den Mund gelegt, was er nicht gesagt und nicht so gemeint hat. Aber nicht nur in der Liebe und im Krieg scheint alles erlaubt zu sein. Es gibt offenbar keine Regeln, an die sich gehalten wird. An sich ist überall alles erlaubt. Vor allem, wenn man in einer Gesellschaft zurecht kommen muss, die in Klassen gespalten ist, die verschiedene Interessen haben. Es sollte also nicht wundern, wenn einem großen Politiker und Revolutionär mit Lügen oder Umdeutungen der Ruf ruiniert wird. Denn einige Vertreter so mancher Klassen fürchten nichts mehr als Demokratie und "die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt", wie Marx und Engels den Kommunismus definierten. Daher wurde aus „Vertraue, aber prüfe nach" irgendwie das diktatorisch klingende:

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Samstag, 28. Dezember 2013

Crème de la Crème und Abschaum (Serie: Erklärungen zur Erklärung, Teil 1)


"Du... du bist nicht das Geld auf deinem Konto...! Du bist... der singende, tanzende Abschaum der Welt!"

Du bist also der Abschaum der Welt. Aber die eigentliche Frage ist: Bist du jetzt beleidigt? Hoffentlich... Denn du bist echt der Abschaum dieser Welt! Und nicht einmal dein Kontostand kann diese tiefste Wahrheit aller Wahrheiten verschleiern. Das verfremdete Zitat kennst du hoffentlich aus Fight Club. Wenn nicht, dann guck den Film! Aber bevor näher zu erläutern ist, wieso DU der Abschaum bist, kommen wir zu einem ganz anderen Thema.

http://www.wallcg.com/

Die Crème de la Crème


...ist ein luftiges, süßliches, schaumig-cremiges Wölkchen auf wohlig-warmen, delikaten, koffeinhaltigen Erfrischungsgetränken.  Sie ist sie eine kleine, luftige Schaumschicht, die dennoch alle Blicke auf sich zieht. Sie schwebt über kräftigem Kaffee und pulverigem Kaffeesatz. Ihr betörendes Aroma versetzt uns in himmlische Gefilde. Ob auf Cappuccino, Milchkaffee, Café au lait oder Espresso - überall beherrscht die Crème de la Crème das Geschehen. Aber die Crème de la Crème ist noch viel mehr. Sie verkörpert Wohlstand, Luxus, Dekadenz. Sie ist ein Symbol, ein Statussymbol. Hingegen ist...
Crème de la Crème auf http://www.esmokeking.de/

Abschaum


...ein schaumartiges Abfallprodukt, das eigentlich keiner je gewollt hat. Abschaum, den man weggießt, um ihn nie mehr wieder zu sehen, entsteht beim Suppe-Kochen, bei der Zubereitung von Fisch-Brühe oder beim Gießen von Cola auf Milch bei einer Hausparty. Abschaum ist weder appetitlich, noch sonderlich lecker. Für ihn hat man praktisch keine Verwendung. Ob auf der Colamilchmische, auf der Fischbrühe oder auf dem Borschtsch - überall wird der Abschaum wie Abschaum behandelt. Er ist ebenfalls ein Symbol für mehr. Abschaum ist das Symbol für Elend, Erbärmlichkeit und Wertlosigkeit. Er verkörpert das alles. Abschaum wird entsprechend angewidert angeblickt und gemieden. Damit ist...

Du

Der Gegensatz des Abschaums zur Crème de la Crème


...frappierend wie ein Frappé. Denn die Crème de la Crème und der Abschaum dieser Welt sind feindliche Prinzipien. Erstere wird als Speichelfluss anregender Zusatz zu Kaffeeprodukten oder gezielt durch Korruption auf dem Weg des Speichelleckers bis nach oben produziert. Letzterer entsteht ungewollt als Abfallprodukt eiweißhaltiger Brühen oder als Abfallprodukt und Ausgangsbasis vorsozialistischer Klassengesellschaften.

Was? Nicht verstanden? Wenn du es bis hierher geschafft hast, kannst du sicher weiterlesen. Am Ende wirst du alles begreifen. Nur Geduld.

Abschaum und Crème sind feindliche Geschwister. Sie sind sich in ihrem Äußeren gar nicht unähnlich - beide schaumig, luftig - , aber ihre Substanz ist geradezu antagonistisch. Ihr Gegensatz ist ein prinzipieller, weil er prinzipiell unversöhnlich ist. Dessen ist sich zumindest die Crème bewusst.

Foto von http://www.fest.md/

Das bewusste Sein der Crème de la Crème


Denn die oberste Schicht über Bodensatz und Mitte symbolisiert nicht bloß Ideen, sondern verkörpert diese auch. Als High Society, Schickeria und Jetset-Milieu steht die Crème weit über dem Abschaum. Der Abschaum, die Masse, der Pöbel ist ekelerregender Abfall aus Sicht der Crème. Für gewöhnlich grenzt sie sich daher physisch und psychisch vom Abschaum ab. Selten findet man Abschaum im Kaffee. Selten findet man Crème in der Fischbrühe. Nur in Ausnahmefällen kommen Crème und Crétins zusammen.

Die physische Abgrenzung ist ganz wunderbar in Filmen wie Land of the Dead, Banlieue 13 oder Elysium dargestellt. Im Zombiefilm Land of the Dead genießen die Reichen und Mächtigen die Früchte menschlicher Arbeit in ihrem gewaltigen Luxus-Hotel, das von Zombies und Abschaum umgeben ist, der für die Crème de la Crème die Drecksarbeit erledigt. In Banlieue 13, das ebenfalls in der Zukunft spielt, werden die jetzt schon bestehenden Vororte von Paris sogar mit Trennwänden und Polizei von der reichen Innenstadt abgeriegelt. In Elysium ziehen die Bonzen sogar auf eine paradiesische Raumstation in Erdnähe, damit sie den Abschaum der Welt nicht mal mehr aus der Entfernung sehen oder riechen müssen.

Mortal Kombat Cappuccino auf http://lustich.de/
In abgeschwächter Form trennt sich die Crème de la Crème aber heute schon vom Abschaum der Welt. Die gesellschaftliche Elite hat sich in den Klassengesellschaften stets vom Rest der Welt abgesondert. Sie empfindet sich als über dem Rest der Welt erhaben. Die Schickeria verinnerlicht den Gegensatz zum Proleten so tief im Herzen, dass man ihn nicht einmal durch einen Mortal Kombat-Fatality herausreißen könnte. Der Abschaum der Welt steht so tief unter der High Society, dass diese Proleten für sie zu Untermenschen werden. Untermenschen müssen ja lohnarbeiten, um ihre gesetzlichen Rechte kämpfen, sich gesetzlich versichern, mit der Bahn fahren, für einen Club-Besuch in Bargeld zahlen und sich um Rente sorgen. Ekelhaft!

Micky? Foto von http://cdn.myfreechoice.net/
(Ordentliche) Menschen haben größere Probleme. Die schicke Micky z.B., ein reiches Gör, kennt Herzschmerz und das gebrochene Herz daher nur aus den Medien oder beim Gedanken daran, dass sie den schicken Mikey aus der Arbeiterfamilie kurz mit einem (ordentlichen) Menschen verwechselt hat. Dass er ebenfalls chic angezogen ist und fast den selben Namen hat wie Micky, hindert Micky nicht, Mikey zu verachten. Denn er ist ja nur ein verkleideter Prolet! Igitt.

Das bewusstlose Sein des Abschaums


Es ist eine bitterböse Ironie, dass die luftigen, parfümierten, Megareichen im crèmefarbenen Anzug oder Rock ihr Spiegelbild finden im stinkenden, singenden, tanzenden Abschaum der Welt. Auch das Bewusstsein des Jetset-Milieus ist eine Spiegelung des Bewusstseins des Kaffeesatzes.

Anders als die Crème de la Crème, die von ihren eigenen Gedanken, den herrschenden Gedanken, profitiert, wird der Kaffeesatz durch sie wie in der Kaffeepresse nieder gehalten. Die herrschenden Gedanken besagen:

DU BIST DAS GELD AUF DEINEM KONTO und DU BIST DIE CRÈME DE LA CRÈME DER WELT, 

wenn du den Herrschenden den Arsch oder Speichel leckst. Die Ironie daran ist, dass ein Großteil des Abschaums sich für Crème hält. Denn das besagen ja die herrschenden Gedanken. Wir alle sind Crème, wenn wir uns an das Rezept für guten Milchkaffee halten. Viele Proleten lassen sich also durch die Kaffeemaschine pressen, nur um unten noch immer als Abschaum herauszuplumpsen. Abschaum bleibt Abschaum. Das weiß vor allem die Crème de la Crème.

Die crèmefarbene Bourgeoisie, Banner von http://www.eventportalzentrale.de

Der singende, tanzende Abschaum der Welt


Was hat es auf sich mit dem Abschaum der Welt, dem singenden, dem tanzenden? Ich verrat's dir. Dazu gehörst du auch. Zumindest vermute ich, dass die Großbourgeoisie diesen Blog nicht liest. In jedem Fall solltest du dich angesprochen fühlen. Hast ja bis hierher gelesen. Bravo! Dafür belohn' ich dich in Kürze mit der Conclusio.

Der Abschaum der Welt fühlt intuitiv, dass er ein Abfallprodukt ist. Daher sind seine Gesichter meist grau. Vor allem, wenn er morgens zur Arbeit fährt, ist er ein kläglicher Anblick. Man möchte ihn fast noch mehr in den nächsten Gulli gießen als er selbst es will. Aber auch der stinkendste Abschaum der Welt hat ein Recht auf Leben. Und das fühlt er auch. Deswegen singt und tanzt er gelegentlich, um zu vergessen, dass er keine Crème de la Crème ist. In der Disco sind nämlich alle, die nicht singen und tanzen können, gleich. Crème und Abschaum ähneln sich von der Substanz her schließlich. Sie sind entweder schaumig oder aus Fleisch und Blut. Und in der Disco tanzen sie meist gleich ungekonnt, darf man annehmen.

In der Karaoke-Bar, im Glücksspielsalon und im Fußballstadion nähern sich Crème und Abschaum so sehr an wie es nur denkbar ist. Sie verschmelzen zu einer unidentifizierbaren Masse aus johlenden, gröhlenden, sich verzerrenden Gesichtern. Der sonst für die Crème wertlose Abschaum wird zum singenden, tanzenden. Die Illusion der Gleichheit von Crème und Abschaum ist perfekt. Daher liebt der Abschaum diese Örtlichkeiten. Denn er liebt die Gleichheit und das kindische Soziologen-Märchen der nivellierten Mittelstandsgesellschaft oder "Nachklassengesellschaft". Er liebt die Gemeinschaft mit dem Adel der Welt. Aber was treibt die Crème dahin?

"Crème de là Crème" (sic!) von http://micahgianneli.com/

Das Geld auf dem Konto


Der Inhalt der herrschenden Gedanken ist: Diene dem herrschenden Gesocks und du verdienst, was du verdienst! Wehe, du verziehst die Nase bei all ihrem Scheiß! Dann bewerfen sie dich noch damit! Damit unterwerfen sie dich dann noch. Das Geld auf dem Konto macht die Menschen zur Crème de la Crème. Tut mir Leid wegen dieser vulgären Sprache, aber nur sie kann diese vulgäre Welt noch retten.

Dass sie dafür in Scheiße oder Blut baden müssen, ist für sie unerheblich, haben sie doch teuerstes Parfüm und edle Saunen zur Verfügung, die Säue in ihren "Saumänteln"*! Als Crème de la Crème haben sie natürlich, wie könnte es anders sein, keinen Riecher für den Mist, den sie anstellen. Wie der Hof des Sonnenkönigs parfümieren und maskieren sie sich, um in eine rosarote, wohl riechende Traumwelt zu entgleiten. Und den Abschaum kann man ja zur Not wegschütten.

Aber drehen wir die Sache doch einmal um.

Die herrschenden Ideen sind echt ein Haufen Scheiße und die Herrschenden sind vor allem ein Haufen Scheißkerle. Das ist leicht zu beweisen. Jeder auf dieser Welt riecht wohl, dass irgendetwas bis zum Himmel stinkt. Und das sind nicht die Müllberge, die die erste Welt in der dritten lagert. Es sind auch nicht die Leichenberge, die sich in den Kriegsgebieten und Krisenherden ansammeln. Es sind noch nicht einmal die wirklich erschreckenden Mengen an Furzgasen, die unsere Schlachttiere ausstoßen, während sie auf engstem Raum zusammengepfercht werden, um zu unserem Genuss massakriert zu werden.

Okay, doch, genau das sind die Dinge, die zum Himmel stinken. Und die Crème de la Crème trägt dafür die Verantwortung. Denn sie ist ja die Crème de la Crème de tout le monde. Die stinkende, parfümierte High Society, nicht Geld, regiert die Welt:

  • So wie G.S., der sozialdemokratelnde Klassenverräter, der Putins Demokratur näher steht als der Sozialdemokratie als sie noch sozial und demokratisch war. 
  • Oder wie J.F., der als Vernichter der Umwelt in Ländern wie Afghanistan bekannt wurde, in denen seine Uran-Munition Mensch und Umwelt verseucht und vertilgt hat. 
  • Oder, um eine böse Frau zu nennen, wie UvdLeyen, die im Sinne der Herrschenden die wenig begüterten Familien enteignet hat, um die bereits begüterten Familien mit noch mehr Gütern zu versorgen. 

DAS ist tatsächlich die Crème de la Crème der Welt. Sie lecken wirklich gut. Wirklich gut lecken sie.




Ganz kurz vorm Ausrasten?


Abschaum, du merkst, wie dich das ganze beleidigt und wütend macht. Ich verstehe das. Zumindest will ich das.

Aus Orientierungslosigkeit wird Ohnmacht, aus Ohnmacht Verzweiflung, aus Verzweiflung Empörung, aus Empörung Wut, aus Wut Hass, aus Hass Zerstörung. 

Du willst Dinge zerstören, die du hasst. Vielleicht willst du diesen Blog zerstören, weil dir die Worte nicht passen? Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd. Denn weder Crème, noch Abschaum wollen die Wahrheit hören. Die Wahrheit ist:

Crème und Abschaum können nie zusammenfinden. Und beide singen und tanzen, während es bis zum Himmel stinkt.

http://lovetechno.blogsport.de/
 * Ist ein Insider. ;-)

Freitag, 27. Dezember 2013

Der White Club im Meth-Labor - eine Kritik zu "Breaking Bad"

Breaking Bad war eine der erfolgreichsten und populärsten TV-Serien der Fernsehgeschichte. Aber die actiongeladene Handlung rund um den Drogen verkaufenden Ex-Lehrer Walter White vermittelt zudem eine moralische Anklage gegen die heutige Gesellschaft, findet Alexander Schröder in seinem Gastbeitrag.

Unsicherheit und Ungewissheit 


Walter White ("Heisenberg"),
gezeichnet von Alexander Schröder
Heisenberg war der Name eines deutschen Physikers, der die bisherigen weltanschaulichen Gewissheiten der Physik zerschlug. Die "Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation" besagt, dass die Bewegungsrichtung von physikalischen Teilchen nicht eindeutig bestimmt werden kann. Seither kann man Ursachen und Wirkungen in der Physik nicht mehr scharf von einander trennen. Nicht nur erscheint alles relativ wie bei Einstein, sondern alles in der Physik hat an Trennschärfe verloren. Unsicherheit und Ungewissheit dominiert seither die Naturwissenschaften.

Heisenberg ist auch der Name eines Drogenbarons in der TV-Serie Breaking Bad, der die bisherigen weltanschaulichen Gewissheiten der gutbürgerlichen Moral zerschlug. Die Bewegungsrichtung der Moral des Drogenbarons Heisenberg kann ebenso wenig eindeutig bestimmt werden wie die der physikalischen Teilchen in der Theorie des Physikers Heisenberg. Die Uneindeutigkeit der Moral ist das Hauptthema der Serie.

Eine Serie über verschenktes Potenzial


Gut und Böse können nicht mehr klar unterschieden werden. Gutes verwandelt sich permanent in Schlechtes und umgekehrt. Das macht die Serie so packend und für eine Ideologiekritik interessant.

Wie sieht die künstlerische Inszenierung dieser Moral in der Handlung der Serie aus? Der brave Familienvater und Chemielehrer Walter White erfährt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. Obwohl er zudem ein äußerst intelligenter Wissenschaftler ist (seine ehemaligen Kollegen sind durch sein Wissen stinkreich geworden), kann er sein enormes Potenzial bis zu seiner Erkrankung nicht voll ausnutzen. Tyler Durden aus Fight Club hätte gesagt: 

"Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird!"

Walter Whites schlecht bezahlter Beruf als Schreibtisch-Sklave ermöglicht seiner Familie nur ein dürftiges Leben, weswegen auch seine Ehe zu einem bloß mittelmäßigen Zusammenleben verkommen ist.

Ein Held verzweifelt


Sein Sohn, der an einer Behinderung leidet - der also von der kapitalistischen Gesellschaft wie der Vater an der Ausschöpfung seines Potenzials gehindert wird - verehrt seinen liebenden Vater dennoch und versucht, diesem durch seine eigene Spendenaktion zu helfen. Er beschreibt den braven Mann wie folgt: 

"Er ist ein toller Vater, ein toller Lehrer. Er kennt sich hervorragend mit Chemie aus. Er hat Geduld mit einem. Er ist immer für einen da. Er ist einfach anständig. Und er tut immer genau das Richtige... Mein Dad ist mein Held."

Dieser brave Held, dessen Name bereits auf seine "weiße Weste" hinweist, verzweifelt jedoch bald an seiner miserablen ökonomischen Lage. Wie Leo Tolstojs sterbenskranker Iwan Iljitsch und Tyler Durden in Fight Club wird unser Protagonist durch eine Nahtoderfahrung verändert. Wie sein Vorgänger Durden begreift auch Walter White die zynische Realität:
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"Wenn Menschen denken, dass du stirbst, hören sie dir richtig zu..."

Aber das Zuhören rettet seine Familie nicht. Denn die Behandlung der Krankheit, die in seinem Körper heranwächst, garantiert keine Heilung und erst recht keine ökonomische Absicherung seiner Familie. Die Krankheit Walter Whites ist Symbol für die gesellschaftliche Krankheit, die man Kapitalismus nennt. Der Krebs in Whites Körper breitet sich aus wie das kapitalistische Prinzip, das immer mehr Lebensbereiche der Gesellschaft erfasst.

Vom Lehrer zum "Meth-Koch"


Die privatwirtschaftlich organisierte Chemotherapie kann ihm keine Sicherheit gewähren (wohl, weil im Kapitalismus mehr für militärische Aufrüstung als für gesundheitliche Ausrüstung ausgegeben wird). Daher nutzt er die "hervorragenden" Kenntnisse, die sein Sohn so sehr an ihm schätzt, um Methylamin zu produzieren und zu verkaufen. Unterstützt wird der von seinem drogensüchtigen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, der wie er eine gescheiterte Existenz darstellt.

Als gefragte, hochkarätige "Meth-Köche" geraten sie immer weiter in kriminelle Machenschaften. Das "Meth-Kochen" wird für den braven Chemielehrer so etwas wie der Fight Club im gleichnamigen Film für die "Männer ohne Zweck, ohne Ziel", die zum Aufstand gegen die gutbürgerliche Moral rufen und den gesitteten Bürgern so plastisch drohen: 

"Wir kochen eure Mahlzeiten, fahren eure Krankenwagen, stellen eure Anrufe durch, holen euren Müll ab… Wir bewachen euch, während ihr schlaft… Versucht nicht, uns zu verarschen!"

Morden auf kreative Weise


Bis aus dem braven US-Bürger Walter White mit der "weißen Weste" der berüchtigte Drogenbaron "Heisenberg" wird, strauchelt er von einem moralischen Dilemma zum nächsten. Sein Auftraggeber, ein brutaler Drogendealer, wird von einem Sprengstoffanschlag durch unseren "Helden" getötet. Ein ebenso brutaler Drogenboss, soll mit seinen eigenen Drogen geschickt vergiftet werden: "Dieser Crétin schnupft doch alles, was ihm in die Finger kommt", stellt Heisenberg sarkastisch fest. 

Natürlich werden noch viele weitere Bösewichte auf kreative Weise aus dem Verkehr gezogen. Aber auch Unschuldige kommen immer wieder zu Tode. Schon allein der fatale Konsum des blauen "Meth" führt zu mehreren Todesopfern. Eine süchtige Frau tötet ihren Partner im Streit um die Droge. Und gerade aufgrund der moralischen Empörung über seinen abhängigen Partner Jesse lässt Heisenberg dessen Freundin an einer Überdosis sterben. Ihr Tod wiederum führt zu einem Flugzeugcrash, da ihr unglücklicher Vater als Fluglotse seine Nerven verliert. Ein Jugendlicher wird nur deswegen ermordet, weil er Zeuge der Machenschaften der Meth-Köche geworden ist.

Die Moral der Kriminellen


Auch Heisenbergs Familie wird immer tiefer in Korruption und persönliche Konflikte hineingezogen. Zwischen Mord und Totschlag kommen den Protagonisten immer wieder Zweifel an ihrem Tun. Aber gerade die verzweifelte Situation der Menschen führt ja zu immer übleren Verstrickungen. Sie können ihrer Lage nicht einfach entfliehen, weil sie an ihren sozialen Beziehungen und moralischen Vorstellungen festhalten.

Moral bei Kriminellen? Sind die denn nicht furchtbar unmoralisch? Und verherrlicht die Serie denn nicht alles Schlechte in der Welt? Jein. Man muss es nämlich, wie alles, dialektisch betrachten. Denn gerade die eingangs erwähnte "Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation" kommt in Anwendung auf moralische Fragen der heutigen Gesellschaft in der Sendung zum Tragen.

Immer wieder wird deutlich, dass Walter White vor allem zum Drogen verkaufenden Antihelden degeneriert, weil die Gesellschaft ihm nicht ermöglicht hat, ein braver Familienvater und Held zu bleiben. Zudem bleibt sein großes Ideal einer stabilen Familie in ökonomischer Sicherheit in veränderter Form bestehen. Am Ende der Serie zählt er sein Geld z.B. anhand der Ausgaben seiner Familie nach seinem erwarteten Tod genauso wie am Anfang der Serie.

Die weiße Weste muss schmutzig werden


Nicht das Geld an sich interessiert ihn, sondern das Geld als Mittel für familiäre Absicherung. Trotz aller Konflikte mit seinen Verbündeten, Freunden und Familienmitgliedern will er gerade sie retten, wo er kann. All seine verbrecherischen Mittel dienen dem Zweck der praktizierten Nächstenliebe. Es ist eine im Kern zutiefst moralische und sozialkritische Idee, die auf diese Weise transportiert wird.

Allerdings ist sie mit dem illusionären amerikanischen Traum verwoben, der in der Serie auf den Boden der Tatsachen gestellt wird. Denn Breaking Bad zeigt, dass der utopische Traum vom Aufstieg aus den unteren Schichten im heutigen US-Kapitalismus für den durchschnittlichen Bürger kaum mit einer "weißen Weste" zu realisieren ist.

Walter White repräsentiert den Typus des normalen Amerikaners, des Joe Average, der aus seiner sozialen Misere mit harter Arbeit nicht mehr herauskommt - es sei denn er ist bereit, sich die ehemals "weiße Weste" schmutzig zu machen. Der gutbürgerliche Geduldfaden des Joe Average muss reißen. Er muss das Falsche tun und ein skrupelloser Antiheld werden, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen.

Ein Meisterwerk der Gegenwartskunst


Breaking Bad bietet zwar keine klaren Antworten auf die sozialen Fragen, die die Serie aufwirft. Sie bietet auch keine eindeutigen Antworten auf die Fragen der Moral, die sogar im Serientitel mitschwingen. Es fehlt ihr auch an einer Drohung wie in ihrem Vorläufer Fight Club: 

"Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars… Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten…"

Dennoch: Heisenbergs Schicksal ist eine vernichtende Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus, der sogar seinen bravsten Bürgern keine menschenwürdige Existenz mehr ermöglicht. Breaking Bad provoziert daher ein kritisches Nachdenken über "Gott", der schon seit Nietzsche entschwunden zu sein scheint, und die kapitalistische Welt, die ihn verschleppt hat. Und das tut sie auf packende Weise, mit beeindruckenden Bildern, einer eigenartigen musikalischen Unterlegung und hervorragender Schauspielerei. Die Serie ist daher ein unvergessliches Meisterwerk der Gegenwartskunst.