Sonntag, 9. Februar 2014

Ein paar sehenswerte Videos über den "Nahostkonflikt" und demokratische Israelkritik

Bild von Fotolia

Eretz Nehederet / Wundervolles Land - Antizionismus in Israel


"72 min Hebräisch/Englisch/Deutsch mit deutschen Untertiteln
Was hat der Zionismus aus der israelischen Gesellschaft gemacht?
Die Frage scheint paradox und ist doch zentral für die israelische Linke: Der Zionismus hat die israelische Gesellschaft überhaupt erst erschaffen -- und zugleich ein Knäuel aus Militarismus, permanentem Ausnahmezustand und rassistischer Ausgrenzung hervorgebracht.
Im Dokumentarfilm «Eretz Nehederet / Wundervolles Land» nehmen Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener linker Organisationen jene Mythen auseinander, die die israelische Gesellschaft von Anfang an bestimmen, und stellen ihnen die politischen Realitäten des Landes gegenüber. Schnipsel aus Spiel-, Dokumentar- und Propagandafilmen zeigen, wie tief die herrschende Ideologie im medialen Bild verankert ist und von welchen Brüchen sie durchzogen ist.
Es entsteht ein Porträt der radikalen Linken in Israel und eine Hommage an die Subversiven des Landes."


Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust


"Die Araber und der Holocaust - Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" (http://www.juedische-stimme.de/) und die "Edition Nautilus" (http://www.edition-nautilus.de/progra...) laden ein zu Buchvorstellung, Lesung und Gespräch mit dem Autor Gilbert Achcar. Fanny Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, stellt das soeben auf Deutsch erschienene Buch vor.
In dem bereits auf Englisch, Arabisch und Französisch erschienenen Buch unternimmt Gilbert Achcar eine längst überfällige, umfassende und differenzierte Darstellung der unterschiedlichen arabischen Reaktionen auf den Holocaust. Er erörtert, wie ein Krieg der Narrative um den Holocaust und die Nakba entbrannte. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag gegen Vorurteile und Rassismus in jeder Form, seien sie antiarabisch, antimuslimisch oder antisemitisch, und eine Grundlage für die Verständigung im Nahost-Konflikt."


Israeli Leftist Antizionist Tikva Honig-Parnass on 60th anniversary of Israel


"Israeli Writer-Activist Tikva Honig-Parnass, Who Fought for Israel's Founding in 1948, on 60 Years of Palestinian Dispossession and Occupation
We continue our coverage of the sixtieth anniversary of the founding of the state of Israel, what Palestinians call the Nakba, or catastrophe. We begin with Tikva Honig-Parnass, an Israeli who fought with Jewish paramilitary units and the Israeli army, participating in the military operations that expelled over 750,000 Palestinians. Today, she's an anti-Zionist leftist writer and activist who has been involved with anti-occupation, women's, and Mizrahi movements in Israel since the 1960s."


Shlomo Sand: Challenging notions of a Jewish People


"Israeli Professor Shlomo Sand talks up the ideas of his new book, The Invention of the Jewish People, challenging the underlying logic of the State of Israel as a homeland for the Jewish People.
He argues those who claim to be of the Jewish People cannot claim a blood connection with the original Jewish inhabitants of the Holy Land, but converts along the way. His book was a best-seller in Israel for 19 weeks in 2009."


Norman Finkelstein: The Coming Breakup of American Zionism



Amira Hass: Israel - Palestine - Fear of the Future


"Award winning Israeli human rights journalist Amira Hass spoke in Winnipeg on September 30, 2011 about the need to end Israel's occupation of Palestinian territory. Her visit was sponsored by Canadians for Justice and Peace in the Middle East and KAIROS: Canadian Ecumenical Justice Initiatives.
Camera: Paul S. Graham and Harold Shuster
Editing and production: Paul S. Graham, http://paulsgraham.ca"



Noam Chomsky: US Israeli Crimes Against Palestine


"Noam Chomsky Speaks at Brown University Filmed by Paul Hubbard Additional camera - Robert Malin Sponsored by Common Ground - Apr-20-2010"


Moshe Machover: Completing the Arab revolution


"This video was taken at the Communist Party of Great Britain’s annual school, the Communist University, which took place from August 9 – 16 2008 in south London. For more info, reports and comments visit www.cpgb.org.uk"


Moshe Machover - Iran, Israel, and nuclear weapons


"Moshe Machover discusses the tensions between Iran and Israel and the effect of nuclear weapons on the region at the Hopi weekend school (June 14-15)."







Samstag, 8. Februar 2014

Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit einer Freundin in der Bahn über Politik geredet habe. Wir waren uns einig, dass Politik und Liebe zusammengehören. Sie meinte sogar wörtlich: "Politik ist Liebe!" Jemand, der uns lauschte, spottete aus der Entfernung über dieses Gespräch oder diese geniale Idee. Ja, die Idee ist wirklich merkwürdig. Zugegeben. Aber ich halte an ihr fest.

Politik und Politikverdrossenheit


Ein Großteil der Weltbevölkerung ist politikverdrossen. In Deutschland ist das Problem seit vielen Jahren bekannt. Die Leute haben keinen Bock mehr auf Politik. Sie erwarten von ihr nichts mehr. Oder sie erwarten, nur noch verarscht zu werden. Fast allen Menschen ist klar, das Politik ein dreckiges Geschäft ist, in dem man sich kaum mit Ruhm bekleckern kann, aber mit viel Schmutz. Die real existierende Politik ist moralisch verkommen und intellektuell bankrott. Sie ist unredlich und verlogen. Sie dient ganz offenbar nicht den Interessen der Weltbevölkerung, sondern einer verschwindend winzigen Minderheit. Die 99% stehen gegen 1%, zu dem die politische und wirtschaftliche Elite der Welt gehört. Die Elite ist unser Feind. Wir sind der Feind der Elite. Das wissen die meisten von uns und daher kümmern wir uns meist nicht um das, was die da oben machen.

Politik und Politisierung


Obwohl ein Großteil der Bevölkerung zum großen Teil politikverdrossen ist, ist doch nie die ganze Bevölkerung ganz politikverdrossen. Irgendjemand will bestimmt auch in der tiefsten Umnachtung noch Politik machen. Und das ist kaum zu vermeiden. Leute sind ja noch nicht völlig kontrollierbar, sondern bloß manipulierbar. Das wissen auch die politischen und wirtschaftlichen Eliten, deren Privilegien von Politik abhängen. 

Da die Bevölkerung nicht völlig kontrolliert werden kann, muss sie zumindest in Schach gehalten und in gewissem Rahmen gelenkt werden. Sie muss, wenn sie zu verdrossen ist, wieder für Politik mobilisiert werden. Politisierung ist also ein politisches Mittel der Politiker, um ihre Ziele zu erreichen. Die Ziele sind vor allem ein hohes Gehalt, eine gesicherte Rente, Bankkonten in der Schweiz, Ruhm und Ehre, Macht, Weltherrschaft usw. Das Übliche eben. Andererseits können einige Ziele auch realen Menschen außerhalb des Politikbetriebs angehören. 

Politisierung funktioniert deswegen, weil den Menschen nichts anderes übrig bleibt als sich mit Politik zu beschäftigen. Wenn sie extrem ausgenommen und verarscht werden, müssen sie irgendwann das kleinere Übel wählen, damit es nicht noch schlimmer wird. Protest-Wähler wählen dann auch mal Parteien und Politiker am Rande des Establishments, also okkulte, spiritualistische, knallrechte oder völlig absurde Wahlmöglichkeiten wie die FDP und die AfD. Andere wählen aus grotesken Gründen solche Parteien wie die CDU, die Grünen oder die SPD, die sich mehr oder weniger sozial und demokratisch geben, um ihren antisozialen und elitären Charakter zu tarnen. Manche wählen vielleicht auch wirklich demokratische und soziale Parteien wie DIE LINKE. 

Die Medien helfen den Eliten für gewöhnlich aber dabei, dass nicht allzu viele Wähler die Linkspartei wählen. Sie erwähnen sie seltener. Sie machen sie lächerlich. Sie gehen nicht auf ihre Inhalte ein. Wenn sie sie erwähnen, dann meist mit negativer Konnotation oder mit Konzentration auf das Unpolitische. Politiker anderer Parteien werden dagegen weit mehr thematisiert, ernst genommen und gefeiert. Und selbst wenn die Politik oder der Stil der nicht-linken Politiker kritisiert wird, dann lenkt es dennoch von den Inhalten der Linkspartei ab. Denn DIE LINKE kann nur punkten, wenn man sich ernsthaft mit ihren Positionen auseinandersetzt, während Merkel auch dann schon punktet, wenn man Mitleid für sie hat oder sich über sie aufregt, nur um dann niemanden mehr zu wählen. Nicht-Wählen stärkt die rechten und elitären Parteien, weil deren Wähler auch dann wählen, wenn gute Leute aus Protest nicht wählen. Politikverdrossenheit kann also den Hass und die Massenverachtung in der Politik schüren. Aber es geht auch anders.

Erich Fromm

Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe


Erich Fromm hat in seinem Klassiker Die Kunst des Liebens den Kern der Sache getroffen. Der Marxist hat in seinen Büchern die kranke Natur des Kapitalismus und des durchschnittlichen Lebens trefflich und verständlich herausgearbeitet.

So schrieb er über die Politikverdrossenheit der Menschen:

"Tatsächlich steckt er [Zynismus] hinter der Auffassung des Durchschnittsbürgers, der das Gefühl hat: 'Ich wäre ja recht gern ein guter Christ - aber wenn ich damit ernst machte, müßte ich verhungern.' Dieser 'Radikalismus' läuft aber auf einen moralischen Nihilismus hinaus. Ein solcher 'radikaler Denker' ist genau wie der Durchschnittsbürger ein liebesunfähiger Automat, und der einzige Unterschied zwischen beiden ist der, daß letzterer es nicht merkt, während ersterer es weiß und darin eine 'historische Notwendigkeit' sieht. Ich bin der Überzeugung, daß die absolute Unvereinbarkeit von Liebe und 'normalem' Leben nur in einem abstrakten Sinn richtig ist." 

Ein Satz ist besonders eindeutig, was Politik im Kapitalismus und die Liebe angeht:

"Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrunde liegende Prinzip und das Prinzip der Liebe."

Fromm sagt also, es gibt zwei Prinzipien, die sich gegenseitig ausschließen. Der Kapitalismus ist der Feind aller Liebe. Er ist ein liebloses, kaltes System "toter Arbeit", die die Liebesfähigkeit der Menschen unterdrückt und in Zynismus und Nihilismus verwandelt. Wo auch immer Liebe auftaucht, da stört der Kapitalismus den oder die Liebenden daran, die Liebe zu verwirklichen. 

Auch deswegen ist heute die romantische Vorstellung von Liebe in den Liebesfilmen so attraktiv. Im echten Leben ist so eine Liebe so gut wie unmöglich. Sie wird immer wieder von den Realitäten zunichte gemacht. Hegel sagte: "der Konflikt zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse sowie dem Zufalle äußerer Umstände" sei typisch für die moderne Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft. 

Hegel hatte Recht. Denn in den Liebesfilmen wird nur aufgegriffen, was sich die durchschnittlichen Bürger der bürgerlichen Gesellschaft bloß erträumen oder eben in Form von Kunst genießen können. Die "Prosa der Verhältnisse", das graue alltägliche Leben, zieht auch die höchsten Höhenflüge der Liebe in den graubraunen Sumpf des kapitalistischen Alltags. Dieser Alltag besteht aus monotoner Arbeit, monotoner Freizeit und illusionären Träumen. Es ist doch absolut natürlich und menschlich, dass die Leute dann zu Drogen, Gewalt, Kriminalität, Hass, Zerstörung und Selbstzerstörung greifen, um in solch einem prosaischen Leben ihre eigene Lyrik auszudrücken. Allerdings wäre es wiederum zynisch und nihilistisch, diesen status quo einfach hinzunehmen. Es ist ein inakzeptabler und absolut bekämpfenswerter Zustand. 

Wer will, dass seine oder ihre Kinder in so einer gottlosen und gottverdammten Welt aufwachsen müssen? Gibt es völlig gewissenlose Maschinen, denen es gleichgültig ist, wie ihre Nachfahren leben müssen? Schämen sich diese Menschen nicht, wenn sie existieren? Wahrscheinlich gibt es völlig verkommene Kreaturen, denen all das egal ist. Es sind lebende Tote oder "Cyborgs der Maschinerie" (Cr7z), die daher keine Moral und keine Scham kennen. Sie machen einfach. 


So machen sie auch Politik. Die Politik für solche Menschen und von solchen Menschen ist Politik in den Abgrund, Politik in die Selbstauslöschung, Politik, deren Damoklesschwert nicht nur über das seelische Überleben der Menschlichkeit, sondern auch über das physische Überleben der Menschheit urteilt. Fromm drückte das so aus: "Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen Veränderung des Herzens ab." Radikale Veränderung des Herzens? Yoga? Meditation? Ja, auch. Aber es geht vor allem darum, die eigene Einstellung zum Leben radikal zu ändern, indem das "Wesen des Menschen" anders aufgefasst wird als bisher:

"Das Wesen der Liebe zu analysieren, heißt ihr allgemeines Fehlen heute aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen Kritik zu üben, die dafür verantwortlich sind. Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet."

Doch was soll solch ein Wandel bringen? Fromm stellt fest: "Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen." Die meisten Menschen, die ganzen Horden von "Zombies" und "Cyborgs" da draußen, haben keine Motivation zum Leben. Sie vegetieren wie Gemüse vor sich hin. Da hilft auch lautes Kichern, Saufen, Abtanzen und wilder Sex nichts. Sie bleiben dennoch lebende Tote. Denn es fehlt ihnen an echter Motivation. Christoph Hess, ein moderner Philosoph von heute, hat in vielen seiner Texte diese Idee ausformuliert. In einem Text über die Unendlichkeit sagt er: "Ich entschuldige mich bei dir, dass ich träume, denn deine Euphorie für das Sein wurde endgültig abgeführt." Er provoziert damit natürlich. Aber zugleich erklärt er, was er unter Motivation versteht: 

"Liebe braucht keine Motive, Liebe ist Motivation".

Liebe ist Motivation. Liebe treibt Menschen wirklich an. Fromm sagt "Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt." Fromm geht noch weiter. Er reduziert Liebe nicht auf die erotisch-sexuelle Liebe, sondern versteht sie weit umfassender. Fromm insistiert darauf, "daß sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis." Eine Definition Fromms von Liebe ist besonders beachtenswert:

"Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben." 

Es gibt natürlich auch andere Motive und andere Motivationen, aber im Grunde handelt jeder Mensch mehr oder weniger aus Liebe und Motivation. Sogar die schlechtesten Menschen sind im Grunde von einer Abart der Liebe getrieben. Auch in diesen Menschen steckt irgendwo, so darf man annehmen, ein guter und liebenswerter Kern, denn sie sind Menschen, selbst wenn sie "Zombies" oder "Cyborgs" der kapitalistischen Maschine sind.



Auch der jämmerlichste Nazi-Köter ist trotz seiner Unbarmherzigkeit im Geiste ein kleines Kind, das nur gedrückt und geliebt werden will. Aber keiner liebt Nazis. Deswegen hat man keine Toleranz für Nazis und keinen Sex mit Nazis. Da hilft ihnen ihr "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) auch wenig. Nazis sollen aufhören, Nazis zu sein. Dann kuschelt man auch mehr mit ihnen. Natürlich "kuscheln" Nazis auch viel miteinander. Es soll ja auch eine homosexuelle Untergrund-Szene im Nazi-Untergrund geben, in der sich Menschen ganz besonders nach Liebe sehnen und vielleicht auch deswegen Nazis geworden sind, weil unsere Gesellschaft sie diskriminiert. Aber das "Kuscheln" von Nazis ist natürlich nicht wirkliches Kuscheln, sondern bloß die Imitation zärtlicher Verhaltensweisen, damit sie sich nicht wie die völligen Schwachköpfe und lieblosen Zombies fühlen, die sie sind. Jedenfalls sehnen sich auch Nazis in ihrem tiefsten Inneren nach einer liebenswerten Politik und nach politisierter Liebe.



Liebenswerte Politik und politisierte Liebe sind im Grunde das selbe. Solche Politik und Liebe sind der "Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat" (Fromm). Aber da solch eine Gesellschaft noch fern ist, müssen Politik und Liebe darauf hinarbeiten, die gewünschte Gesellschaft zu erreichen. Politik und Liebe gehören untrennbar zusammen, sofern man liebenswerte Politik machen will, sofern man als Politiker und Nicht-Politiker geliebt werden will.

Aber erst die "menschliche Gesellschaft" (Marx) ist eine Gesellschaft, die von liebenswerter Politik und politisierter Liebe dominiert wird. Bis dahin ist es noch weit. Bis dahin werden wohl noch viele ultrarechte, konservative, liberale, linksliberale, GroKo-mäßige und pseudosozialistische Regierungen gestürzt. Erst eine Regierung, die im Grunde schon keine Regierung mehr ist, weil sie nicht mehr systematisch unterdrückt und ausbeutet, wird eine liebenswerte Regierung sein, die auf eine liebenswerte Gesellschaft zusteuert, indem sie die Liebe politisiert und liebenswerte Politik macht. Sowas gab es bisher nur sehr selten. Und immer, wenn es das gab, wurde der Versuch niedergemacht von hasserfüllten Menschen...

Donnerstag, 6. Februar 2014

Große Geister und Kleingeister

Große Denker werden spätestens nach ihrem Tod meist entsetzlich entstellt oder vollkommen vergessen. Alles von Format wird formatiert, alles mit Bedeutung umgedeutet. Das geschieht solange bis die Wurzel, der Kern, das radikal Neue an einem Gedanken genauso langweilig gemacht wird wie das lange schon Gewohnte. Der radikale Inhalt wird entleert und entsorgt. Bloß die Hülle bleibt. Es ist wie mit einer Wohnung, von der bloß die Fassade übrig bleibt, während die persönliche Innenarchitektur meist schwindet, sobald ein neuer Geist die Wohnung bezieht.

Die kafkaeske Verwandlung 


Solche Umwandlung ist normal in der Klassengesellschaft, aber in der kapitalistischen Klassengesellschaft nimmt dieser Umwandlungsprozess geradezu perverse, kafkaeske Züge an.

Die Verwandlung von Franz Kafka stellt diese hässliche Wahrheit ganz schön dar. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Obwohl Gregors Kern als geliebter Sohn der Familie Samsa derselbe geblieben ist, verwandelt er sich für seine Familie in ein ekelhaftes Ungeziefer. Er wird damit in eine neue Hülle gesteckt, die mit seinem Kern nicht mehr viel gemein hat. Zugleich gewöhnt sich die Familie an die neue Hülle Gregors, nur um aus ihm am Ende einen toten Hund (oder Käfer) zu machen.

Hegel, ein toter Hund?


Hegel, der größte Denker unter den Deutschen Idealisten des 19. Jahrhunderts, wurde wie so viele große Denker zum toten Hund erklärt - und das schon zu Lebzeiten! Denn wer die lebendigen Gedanken eines großen Denkers sterilisiert, der behandelt auch den Denkern wie einen kastrierten Hund, der kein Leben mehr schaffen kann. ;-)

Marx hat sich über diese Behandlung Hegels zurecht empört. Ein längeres Zitat mag veranschaulichen, was gemeint ist:

"Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des 'Kapital' ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als 'toten Hund'. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken."

Seht ihr tote Hunde?


Wie mit Hegel ging man dann auch mit Marx um, sobald er tot war. Aus einer lebendigen Philosophie des größten revolutionären Denkers bis heute wurde ein Idiot gemacht. Man brachte Phrasen über das Hineinwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus, über staatliche Allheilmittel und über die naturgesetzliche Unvermeidbarkeit des Kommunismus. Mit Marx hatten diese Ideen nicht mehr viel zu tun. Sowohl die Sozialdemokraten wie auch die Stalinisten "verhundsten" Marx auf solche Weise.

Aber ihre Regierungsgewalt überwältigte auch die schärfsten Kritiker diese Idiokratien, dieser Regierungen der Idioten. Rosa Luxemburg wurde 1919 mit Hilfe der SPD-Bonzen erschossen, Trotzki wurde 1940 von einem Agenten Stalins mit dem berühmten Eispickel erschlagen und Chen Duxiu wurde 1929 für Stalins völliges Versagen in China aus der Kommunistischen Partei Chinas ausgeschlossen, sodass er 1942 relativ ohnmächtig sterben musste. Auch Adorno, Brecht, Einstein, Gramsci, Luxemburg, Marcuse, Zetkin etc. bellten zu laut. Sie alle wurden im Anschluss wie tote Hunde behandelt. Man wollte sie einschläfern, um sie dann auszustopfen. Denn der radikale Kern dieser Denker war gemeingefährlich.

Das ist dem klügeren, gemeinen Bürger bewusst. Er weiß, dass sie die Gemeinheit des Bürgers gefährdeten. Denn sie kritisierten die bestehenden Verhältnisse, die Zwänge, die Unfreiheit, die Unterdrückung, Knechtung, Ausbeutung durch das Bürgertum. Man musste diese Hitzköpfe kalt stellen. Dafür mussten sie also begraben und totgeschwiegen werden. Und wo sie nicht totgeschwiegen werden konnten, hat man sie in totlangweiligen Sendungen totgesagt oder in Grund und Boden geschimpft.

Doch Totgesagte leben länger. Und die Gespenster großer Denker lasten wie ein Alp auf den Schultern der bürgerlichen Gesellschaft. Und sie spuken noch immer, um die Bourgeoisie in Angst und Schrecken zu versetzen.

"'Elwood' wurde 2007 zum 'hässlichsten Hund der Welt' gewählt.
Jetzt ist der Mix aus Chinesischem Schopfhund und Chihuahua gestorben",
so die BILD-"Zeitung", das dreckige Kampfblatt



Mittwoch, 5. Februar 2014

Menschen, Recht und Menschenrecht

In diesem Artikel geht es um das Verhältnis von Rechten und speziell Menschenrechten zu ihren Schöpfern, den Menschen. Teil 1 der Serie über Menschenrechte und Klassenkämpfe.

Menschen, Rechte und Menschenrechte


Es existiert kein Recht und kein Menschenrecht ohne Menschen. Menschen machen sich ihre Rechte. Menschenrechte sind daher nicht angeboren, sondern sozial konstruiert. Sie entstehen im Kopf der Menschen und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne Menschen, die für Recht und Menschenrechte eintreten, gibt es keine Rechte und keine Menschenrechte. Der Mensch ist also die Wurzel des Rechts. Das Recht an seiner Wurzel zu erfassen, am Menschen, ist radikal sein in Bezug auf Recht und Ordnung.

"Recht", "Recht haben", "Recht behalten" usw. sind also soziale Konstrukte, Erfindungen der Menschen. Es sind im Grunde Ideen oder Werte, die das Handeln der Menschen anleiten sollen, damit es nicht zu unnötigen zwischenmenschlichen Problemen, d.h. zu Unrecht, kommt. Unrecht ist ebenfalls eine soziale Konstruktion, aber das ändert nichts daran, dass Recht und Unrecht äußerst real sind. Überall auf der Welt gibt es Recht und Unrecht in ganz großem und in ganz kleinem Maßstab. Zum einen gibt es bereits Unterdrückung zwischen zwei Menschen, familiäre Unterdrückung, häusliche Gewalt, Mobbing, Kriminalität und strukturelle Gewalt auch in den aller modernsten Gesellschaften. Diese müssen im Sinne des Rechts bekämpft werden, wenn nötig auch mit Hilfe staatlichen Rechtes oder mit kleinen, persönlichen Aufständen. Zum anderen gibt es ganz großes Unrecht auf höchster Ebene.

Aber alles echte Recht der Welt steht auf Seiten der Unterdrückten und entlarvt ausnahmslos alle Unterdrücker und Tyrannen dieser Welt. Insofern sind Ausdrücke wie "Recht haben" oder "Recht behalten" absolut treffend. Recht haben, Rechte, Anerkennung und Achtung der Menschenrechte, Wahrheit, Ehrlichkeit, Ehrwürdigkeit, Würde und Kampf für Menschenrechte gehören ohne Zweifel zusammen. "Unrecht haben" und "bloß gestellt sein" sind ebenso treffend. Denn Unrecht haben, Unrecht, "Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte", Lug, Trug, Würdelosigkeit, Heuchelei und Tyrannei gehören ohne Zweifel ebenfalls zusammen


Das Problem ist, dass sich Unrecht stets als Recht tarnt. Auch die größten Tyrannen schämen sich nicht, Worte wie "Wahrheit", "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Gleichheit", "Demokratie", "Recht" usw. mit ihrer Heuchelei zu beschmutzen. Solche Heuchelei dient immer der Verkleidung von Egoismus, Partikularinteressen und Unrecht im strahlenden Kleid des Rechts. Tyrannen schmücken sich nicht umsonst immer mit den Insignien und Reliquien von Heiligen, Märtyrern und Freiheitskämpfern.

Gerade die Staatsmacht und die sogenannte "Herrschaft des Rechtes", gleich wie modern die jeweilige Gesellschaft ist, dienen ja vor allem den Interessen des jeweiligen Staates und den Herrschenden. Durch "die Herrschaft des Rechts" behalten die Herrschenden Recht. Das herrschende Recht ist in der Klassengesellschaft an sich stets das Recht der Herrschenden, der herrschenden Kapitalisten, der stärkeren Klassen, des Stärkeren. Wie die herrschenden Gedanken die Gedanken im Sinne der Herrschenden sind, ist das herrschende Recht im Sinne der Herrschenden.

In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wird der "Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung" als "letztes Mittel" zum Zweck der Durchsetzung von Menschenrechten benannt:

"[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen [...]"

Da Aufstände nie völlig friedlich sein können, wurde damit also die Gewalt als legitimes Mittel gegen Tyrannei und Unterdrückung durch die Unterzeichnerstaaten der Erklärung anerkannt. Die Erklärung wurde also im Sinne von Staaten unterzeichnet, die sich die internationale Durchsetzung der Menschenrechte auf die Fahne geschrieben haben. Das geschah nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des bisher barbarischten und tyrannischsten Menschenmordes der Weltgeschichte, was ausgerechnet vom hochmodernen deutschen Staat und seinen Verbündeten und den Alliierten umgesetzt wurde. Nach dem Massenmorden kam die späte Erkenntnis, dass man durch internationales Recht oder frühzeitigen Aufstand viele unnötige Todesopfer hätte verhindern können. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 diente also vor allem der Beruhigung der Gewissensbisse der Herrschenden und der Legitimation der damals herrschenden Staatsmächte.

"Demokratie"? Die Herrschaften ("Kratie") pissen auf das Volk ("Demo(s)"), Karikatur von Oliver Schopf: http://www.oliverschopf.com/img/pol_kar/welt/w603x486/demokratie_protest.jpg





Woher kann man wissen, dass nicht die Rettung echter Menschenleben und echtes Recht die oberste Priorität bei der Erklärung einnahmen? Ganz einfach. Im selben Jahr als die Erklärung proklamiert wurde, 1948, wurde z.B. mit Hilfe einiger Unterzeichner-Staaten jegliches Menschenrecht mit Füßen getreten und mit ihm gleich hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und unzählige ermordet, misshandelt und vergewaltigt, um den Staat Israel auf ehemals palästinensischem Boden zu sichern.

Als Antwort auf die Gründung Israels kam es in den umliegenden arabischen Staaten zu einem gewaltsamen Aufstand gegen das, was sie als ungeheuerliches Unrecht und als Heuchelei einiger Unterzeichner-Staaten auffassten: die Beraubung und Vertreibung hunderttausender Menschen von ihrem "rechtmäßigen" Territorium. Die Zionisten, die mit allen Mitteln für die Gründung eines jüdischen Staates kämpften, sahen das natürlich anders. Für viele von ihnen war Palästina das "rechtmäßige" Territorium der Juden.

Dass dieser Zwist um Recht und Unrecht bis heute anhält und den Weltfrieden nicht nur bedroht, sondern völlig unmöglich macht, zeigt wie wichtig es den Menschen ist, "Recht zu behalten", "Recht zu haben". Dass der Konflikt erst ein Ende nehmen kann, wenn ein sogenannter "Rechtsstaat" in diesem Gebiet gegründet wird, der allen seinen Anwohnern, Einwohnern und Bürgern gleiches Recht zugesteht, ist den linken Antizionisten und linken Postzionisten schon lange klar. Aber Nationalisten und Zionisten diverser Länder wollen solch eine Lösung offenbar nicht, weil es ihre Herrschaft oder ihre Privilegien bedrohen würde.

Wenig später kam es 1950-1953 zum Korea-Krieg, in dem die zwischen Nordkorea, der UdSSR und China einerseits und Südkorea und den USA andererseits ein weiterer katastrophaler Krieg ausbrach, in dem allein über eine Million Chinesen, eine Million Südkoreaner und zwei einhalb Millionen Nordkoreaner starben, nur um beim Eroberungskrieg die selben Grenzen wie zuvor wiederherzustellen und bis heute die militarisierteste Region der Welt zu schaffen. Man darf daran zweifeln, ob es den Kriegsführern um Menschenrechte ging.

Die USA bekleckerten sich schon seit den 50er Jahren nicht mit Ruhm als sie in der "McCarthy-Ära" Kommunisten, Sozialisten, Radikale, Demokraten und unpolitische Bürger verfolgten. Presse- und Gewissensfreiheit sind offenbar ohnehin nicht das Ding des amerikanischen Staates. Aber der amerikanische Vietnam-Krieg von 1965-1975 überbot alle bisherigen Schandtaten der USA noch bei weitem. Wie der Korea-Krieg war auch der Vietnam-Krieg ein Stellvertreter-Krieg zwischen der westlichen und der östlichen Supermacht und wieder ging es um ein geopolitische Aufteilung eines Landes nach politischen Sympathien. Diesmal siegten jedoch die Stellvertreter des Ostblocks, indem sie ganz Vietnam eroberten und dem amerikanischen Kriegsterror zehn Jahre lang Widerstand leisteten. Die Bilanz des Krieges schloss bis zu vier Million tote Zivilisten und Soldaten ein, aber auch hunderttausende Verletzte, Traumatisierte und Deklassierte. Es ging hier nicht um Menschenrecht, sondern um Klassenkampf und Geopolitik.

Die Liste der Verbrechen der Unterzeichner-Staaten kann beliebig lang weitergeführt werden. Der staatlichen Untaten und Gräuel gibt es unzählige. In der Klassengesellschaft erfolgen Tyrannei und Unterdrückung mehrheitlich durch staatliche Bürokratien und die Herrschenden, da die Macht der herrschenden Klassen und die Staatsmacht zusammen die mächtigsten Gruppen auf diesem Planeten sind. Aber selbst die modernsten Staaten sind heute nicht frei von Tyrannei und Unterdrückung.

Der deutsche Staat unterdrückt seine Bevölkerung auf subtile und offensichtliche Weisen. Außerdem unterdrückt er gewisse Gruppen der Gesellschaft kaum, während er andere in hohem Maße zu unterwerfen versucht. Seine unterdrückerischen Methoden umfassen zum einen subtile Maßnahmen wie strukturelle Gewalt, systematische und tolerierte Diskriminierungen und staatliche Ideologieproduktion durch Medien, Zensur und Desinformation. Zum anderen schließen seine Methoden auch erbärmliche Diffamierungskampagnen, brutale Polizeigewalt und Militäreinsätze ein.

Auf fast jeder antifaschistischen Aktion, sei sie noch so friedlich, schlagen die Bullen zu oder sprühen zumindest aus Spaß ein wenig Pfefferspray raus. Oft werden jugendliche Aktivisten gedemütigt und misshandelt, wenn sie nach einer Aktion unrechtmäßig inhaftiert werden für begrenzte Dauer. Die Polizeigewalt bei den Nazi-Blockaden gegen Demokraten und in Stuttgart gegen die bürgerlichen Demonstranten werden niemals vergessen werden. Die Polizei ist dafür da, um zuzuschlagen. Sie ist der tollwütige Pitbull des Staates.

Dieser Staat ist ein Staat, der die Menschheit hasst. Sogar einen Großteil seiner eigenen Bevölkerung behandelt er wie Abschaum, aber andere Völker behandelt er noch viel schlimmer. Oberst Klein, der für die Ermordung von Zivilisten in Afghanistan auch noch zum General befördert worden ist, ist nur ein Beispiel für die Menschenverachtung durch den bundesrepublikanischen Staat.

Aber wenn sogar so moderne Staaten wie die BRD noch immer zutiefst repressiv sind, was bringen dann Rechte, Menschenrechte und andere Errungenschaften? Sind Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dergleichen dann nicht nutzlos und bloße Fassade im Sinne der Herrschenden? Nein. Die Errungenschaften, die über Jahrhunderte und Jahrzehnte erkämpft worden waren, sind neben dem Leben selbst das größte Gut für die Menschheit. Aber sind die Errungenschaften nicht automatisch gekommen? Immerhin entwickelt sich die Gesellschaft ja stets weiter. Nein. Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren. Alles andere ist schlecht gewordener Quark.

Die Erkämpfung von Menschenrechten in weltweiten Klassenkämpfen


Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind also Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren? Ist dem so? Was ist denn mit der Demokratie, mit der Gleichheit vor dem Gesetz, mit der Pressefreiheit, mit der Krankenversicherung, mit dem Verbot der Kinderarbeit, mit der Schulbildung, mit der Aufklärungsphilosophie, mit der Emanzipation der Frau und dem Ende der Sklaverei? Sind das etwa im Klassenkampf errungene soziale Errungenschaften? Kamen diese Dinge an sich nicht automatisch zustande? Waren sie nicht ein an sich natürliches Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung? Sind sie nicht Teil der menschlichen Natur?

Nein, allein schon die Idee ist zum Totlachen lächerlich. An sich wurden all diese Dinge von unterdrückten Menschen für sich errungen, mit viel Mühen und im Klassenkampf, d.h. sie sind soziale Konstrukte, die den Herrschenden aller Zeiten mit Gewalt abgezwungen wurden. Denn die Herrschenden hatten an sich zunächst keinerlei Interesse an diesen Dingen. Aber sobald die Dinge sich durchgesetzt hatten und es nicht mehr normal war, Kinder zur Arbeit zu schicken oder Bürger vor dem Gesetz offenbar ungleich zu behandeln, war es im Interesse der herrschenden Klassen, diese Errungenschaften in gewissem Maße für sich zu vereinnahmen und sie in gewisser Weise nicht anzuzweifeln.

Die Ideale der französischen Revolution mussten im Klassenkampf durchgesetzt werden.

Denn das Verbot von Kinderarbeit, von Sklaverei, von Vergewaltigung in der Ehe etc. und die selbstverständlich erscheinenden Rechte der Frau, wählen zu können, nach eigenem Gewissen abtreiben zu können, sich scheiden zu können etc. sind ebenso Früchte des schärfsten Klassenkampfes wie die Proklamation der Menschenrechte in der französischen Revolution von 1789 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.

Das Recht auf Klassenkampf ist das Recht der Menschen


Unser Fazit kann lauten: Das Recht auf Klassenkampf ist das ureigenste Recht der Menschen. Die Menschheit ist in höchstem Maße an Klassenkampf interessiert. Ohne Klassenkampf käme die Menschheit keinen Schritt voran. Es gibt aber, seit es die Klassengesellschaft gibt, an sich ohnehin keinen Moment, in dem es nicht zum Klassenkampf kam. Klassenkampf und Klassengesellschaft sind im Grunde das selbe. Das eine ist daher ohne das Andere nicht denkbar. Die Utopie einer kapitalistischen Klassengesellschaft ohne Klassenkampf ist bloßes Fantasieprodukt wie das Schlaraffenland auch. Es kann keine Klassengesellschaft ohne Klassengesellschaft geben. 

Allerdings kann Klassenkampf zurückgedrängt, gedämpft und verschleiert werden. Es kann, wie heute in Deutschland z.B., dazu kommen, dass Klassenkampf fast nur von einer Seite betrieben wird. Es kann zu einer relativen Dominanz des Klassenkampfes von oben kommen. Es kann passieren, dass sich die unterdrückten Klassen kaum wehren, stumm und passiv bleiben, während zugleich ihre innersten Klasseninteressen mit Füßen getreten werden. Die Schlangenlederstiefel der Herrschenden können unter Umständen auf die Pantoffeln der Beherrschten treten, ohne das letztere aufschreien, protestieren oder rebellieren. Das ist in Deutschland im Grunde in den letzten Jahrzehnten passiert. In Griechenland passiert dagegen zur Zeit etwas ganz Anderes. Da wird geschrien, protestiert und rebelliert was das Zeug hält. Allerdings reicht der Protest der griechischen Arbeitenden nicht aus, um die Menschenfeind-Clique des dunklen Lords Angelo Merte zu verscheuchen, die mit Klassenkampf von oben ganz Europa verwüstet.

In der französischen Revolution von 1789, in der russischen Revolution von 1917, in der deutschen Revolution von 1918, in der chinesischen Revolution von 1925-1927, in der spanischen Revolution der 30er Jahre und so weiter kam es dagegen zur Dominanz des Klassenkampfes von unten. Die unterdrückten Klassen wurden selbstbewusst und wagemutig. Daher nahmen sie sich das Recht, mit dem "letzten Mittel", dem Aufstand, die Herrschenden und Tyrannen dieser Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Dem Menschen wäre mehr von diesem "Schrecken" zu wünschen, damit überall auf der Welt die Menschenrechte durchgesetzt werden.


Sonntag, 2. Februar 2014

Cr7z

Wenn es so etwas wie ein Genie gibt, dann ist Cr7z ein Rap-Genie. Gelesen wird Cr7z wie Chris oder auch einzeln ausbuchstabiert: C R 7 Z. Sein bürgerlicher Name ist Christoph Hess. Ja, er ist wohl verwandt mit der Nazi-Größe Hess, was er in vielen Liedern auch durchklingen lässt. Idioten haben ihm bereits Nazi-Symboliken an die Wand geschmiert deswegen. Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7.

Vielleicht ist Cr7z auch deswegen so melancholisch. Er hat bestimmt nicht wenig nachgedacht über die Höhen und Tiefen des Mensch-Seins. Daher ist sein musikalisches Talent von aller größter Leidenschaft und Leid erfüllt. Weltschmerz ist allgegenwärtig in seinem bisherigen Schaffen. Dennoch ist er kein Emo.

Er kennt Hoffnung und Liebe, sogar Respekt von Amewu, Chefket und Absztrakkt, die seine Mentoren waren. Und er war ihr genialer Schüler, ein großartiges Talent. Allerdings erwartet die talentiertesten Schüler ja immer das selbe Schicksal. Ob das auch auf Cr7z zutrifft?

Ein Genie akzeptiert keine künstlichen Schranken


Entsprechend spiegelt sich das in seiner Musik wider. Wie ein Genie stellt Cr7z eigene Regeln für die Rap-Poetik auf. Er unterwirft sich den bisherigen Regeln nur dort, wo sein Talent es für nötig hält. Wo formale Schranken ihn aufhalten, da walzt er sie nieder. Jedenfalls wendet er sich gegen Reimzwang, Gangstergehabe, Kommerzmotive und Vereinnahmung durch Andere. Er hat seinen ganz eigenen Stil und seine ganz eigene Message, was in jedem einzelnen Lied rüberkommt. Er unterwirft sich die Kunst. Sein Rap ist wie ein elegant geschwungener Degen, mit dem er ein Herz in den Sand malen oder Kehlen aufschneiden kann. Je nach Laune.

Cr7z hat offenbar ein klares Ziel vor Augen. Oder zumindest fährt er wie ein Hochgeschwindigkeitszug in eine ganz bestimmte Richtung. Man hat den Eindruck, dass er bereits hunderte Tracks auf dem Weg zum Ziel veröffentlicht hat. Jedenfalls findet man Unmengen an Titeln kostenlos online. Cr7z, sag mal, wie viele sind es denn etwa? 200, 300, 400? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es ihm darum geht, der riesigen Masse an Menschen eine entsprechende Masse an Liedern zu widmen, was er in einem Lied sogar wörtlich so sagt. Wenn er sich nur nicht so sehr von dieser Masse abgrenzte.

Wie schätzt er selbst sein Genie ein? Über seine Tätigkeiten rappt er, "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln", "es ist kein Witz, wenn man sagt, dass ich überlegen bin; guck dir an, was du machst - dann geh in die Ecke und schäme dich. Rap' die Wahrheit mit eisernem Willen. Ansonsten guck' ich P.S. Ich liebe dich und wein' bei dem Film."



"Das Biest" und die Gefahren der Menschheit


Die dumpfe, einförmige und seelenlose Masse ist für Cr7z ein Anstoß der Empörung. Er scheint die Geist- und Lieblosigkeit der Menschen zutiefst zu verachten. In fast jedem Lied kommt dieser Eindruck rüber. Im Grunde ist Cr7z eine Art einsamer Ronin, der gegen etwas Dunkles, Unbekanntes, Beängstigendes ankämpft. Er selbst nennt es "das Biest".

Das Biest ist aber kein einfaches Feindbild. Es ist vielmehr ein dialektischer Gegensatz zu Cr7z. Es ist ein Teil seines Ichs und zugleich etwas, was er von sich fern halten muss, ein bisschen wie ein weißer Hai aus Deep Blue Sea, der den Taucherkäfig mit aller Gewalt zu demolieren versucht. Ein noch passenderes Bild ist vielleicht der Hulk. Cr7z ist ein wenig wie der Hulk. Solange er sich kontrollieren kann und seine Kunst ihm als Ventil dient, kann er friedlich sein. Aber reize ihn nicht zu sehr, denn sonst "hast du ein Messer an der Kehle".

Das Biest ist also in Cr7z selbst und es umgibt ihn zugleich. Es liegt nahe: dieses "Biest" ist nichts anderes als die Menschheit. Cr7z liebt und hasst dieses Biest. Er kann sich von diesem Biest trotz aller Mühen nicht abtrennen. Dafür müsste er schon vor die Bahn springen. Aber solange er Leben in sich hat, muss er also ein Teil dieses Biestes bleiben. Wie der unbesiegbare Hulk ist auch dieses Biest unbesiegbar. Anders als der Hulk ist es aber sterblich. Löscht sich die Menschheit aus, ist auch das Biest ausgelöscht. Genau darum geht es bei Cr7z, dessen überragende Kunst vor den drohenden Gefahren der technokratischen Revolution warnt. Oder in seinen eigenen Worten: "Drecksversager, Drecksvisagen, Drecksgelaber, Drecks-gewalttätiges-Pack macht seit Tag 1 unsere Kinder krank, vergiftet die Flüsse".

Eines der stärksten Lieder von Cr7z ist "Neue Welt". Epischer Chorgesang begleitet den dystopischen Sprachgesang von Cr7z. Obwohl er Alltagswörter und vulgäre Sprache nutzt, klingt alles, was er sagt dadurch wie die letzte Predigt eines reuigen Papstes vor dem jüngsten Gericht. Dann kann es nämlich nicht mehr um Lug und Trug, um Ausbeutung und Auspeitschung durch die Kirche gehen, sondern ausnahmsweise Mal wirklich um das Seelenheil auch des aller letzten Sünders. In diesem Duktus warnt Cr7z also die Menschheit vor dem endgültigen Aus:

Yeah, der Verfall unserer Gesellschaft schreitet weiter fort
Die Zukunft war noch weit entfernt
Erinnert ihr euch? Wir sprachen wie's einmal wird
Und wenn man nachdenkt, merkt man, dass es bereits soweit ist
Aber irgendwie hat den Switch keiner so richtig mitgekriegt
Damals hab ich dich besucht, als es mir nicht gut ging
Heute schreib ich das Wort über das Internet
Plötzlich bist du offline und bevor ich zu dir hintercheck
Haben mir andere schon wieder 'nen Link geschickt
Und ich nick besoffen mit
Wir haben uns schon so daran gewöhnt und finden's nicht mal zum Kotzen
Denn die Informationen stehen uns in ihrer Schönheit offen
Wir können uns ansehen wie im Osten wieder 'n Kind verreckt
Und wieder rüberklicken, wo es Mittel gibt die Pipe zu stopfen
Gefühl verworren, wir machen die Boxen an und tanzen
Lachend geht die Welt zugrunde, lieber noch 'ne Runde zocken
Alle tun es und keiner warnt mehr zur Vorsicht
Mich warnt schon allein ein Junge, der alleine auf ein Tor schießt

Ein wichtiges Motiv ist dabei die Betäubung, die Unbewusstheit, die Schläfrigkeit. Menschen denken, die unkontrollierbaren Gefahren und bösen Machenschaften aus Filmen und Spielen gäbe es nicht in der Realität. Die Realität wird vielmehr als "ganz gleichgültig und grau" aufgefasst. "Am Anfang merkt man noch nicht viel davon". Aber irgendwann sitzt man mit "heiligen Augen" vor bunten Bildschirmen, um vor dem eigenen Grau zu fliehen.

Oder man ist an den Arbeitstagen ein untotes Stück Fleisch. Man dient als Erweiterung für Maschinen und Computer, um am Wochenende die herrliche Illusion der Lebendigkeit zu genießen. "Zombies" und "Cyborgs" bevölkern jetzt schon die neue Welt. Alko-Pops, Wodka-E, Tequila sind zu Lebenselixieren geworden, die für kurze Zeit die trägen Zombies quicklebendig machen. Und die Cyborgs müssen monotone, mechanische, geradezu maschinelle Tätigkeiten im Fitness-Studio und beim Lohnarbeiten machen. Beide dienen im Grunde dem Herren der "toten Arbeit", der kapitalistischen Maschinerie.

Dass sie ironische Sendungen, urkomische Filme und sarkastische Witzchen machen können ist kein Beweis für Leben. Leben ist nicht einfach eine biologische Eigenschaft von Materie. Leben ist eine geistige Haltung, die Lebewesen zelebrieren oder in sich selbst abtöten können. "Das Biest" von Cr7z ist nichts anderes als die Selbsttötung der Menschen, die einander in blinder Wut abschlachten oder "tanzend und lachend" "dem Untergang geweiht" sind.

In "Neue Welt" wird erklärt, der Mensch habe sich selbst bereits betäubt, um sich nun schmerzfrei sezieren zu können. In der Hook von "Neue Welt" wird der technokratische Charakter der kommenden Gefahren deutlich unterstrichen:

Wie betäubt, wir bekommen kaum noch mit, was uns hier hält
Digitalisiertes Freuen, wir finden alles, was gefällt
Und was einmal begann mit dem Teufel und dem Geld
Ist heute die Wand die herrunterfällt, betreten wir die neue Welt
Und stehen wir einmal da, wo sie uns sehen, gibt es kein Zurück
Der Mensch wird gläsern, Bequemlichkeit gibt uns einen Chip
Kein Science Fiction, ja, wir sind daran teils selber Schuld
Ich hab dich so geliebt und werd dich nie vergessen, alte Welt

"Kali Yuga" ist eine okkultistische Warnung der Menschheit vor dem Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Besonders okkulte Quellen behaupten über dieses dekadente Zeitalter:

"Als solches wurde es oftmals zu dem von Hesiod in der Theogonie geschilderten griechischen „Eisernen Zeitalter“ in Beziehung gesetzt und auch "Eisernes Zeitalter" genannt. [...] Herr über diese Zeit ist der schwarze apokalyptische Dämon Kali, laut Vishnu Purana die negative Manifestation von Vishnu, der in dieser Form für die Zerstörung des Universums zuständig ist. Kaliyuga wird (fälschlicherweise) auch oft mit der Göttin Kali (kālī) assoziiert, die generell für dunkle, materielle Aspekte steht. Kali bezeichnet auch die mit einem Punkt bezeichnete Verliererseite des Spielwürfels. Nach der buddhistischen Kosmologie bezeichnet ein solches finsteres Zeitalter die vierte und letzte größere Zeitperiode eines Zeitabschnitts von zirka 3.000 Jahren, nach der Geburt eines Buddhas bis zum Erscheinen eines neuen Buddhas."



"Das Kind" und die Hoffnung der Menschheit


Das Gegenteil vom "Biest" ist das "Kind". Es ist ebenso in Cr7z und umgibt ihn (wohl) auch. Das Kind ist im Grunde die ursprüngliche Naivität, die kindliche Unschuld und Reinheit der Menschen. Verkörpert wird es tatsächlich von Kindern. Cr7z betont, er verstehe sich "nur mit Alten und mit Kindern", aber nicht mit der grauen Masse dazwischen. Wieso wohl?

Kinder und Alte sind vielleicht etwas einfältig wie Cr7z selbst. Aber sie haben entweder noch keine Schandtaten begangen oder bereuen sie aufrichtig. Entweder sind sie aus Naivität gut oder aus Weisheit. Die Menschen dazwischen dagegen sind zum großen Teil Anhänger des "Biestes", der Selbstvernichtung der Menschheit. Während also jung und alt die Menschlichkeit repräsentieren, vertreten die "Erwachsenen" Un-Menschlichkeit.

Während unausgewachsene Kinder und senile Alte sich dem Zustand von liebenswerten Tieren annähern, nähern sich die selbstständigen Erwachsenen hassenswerten Un-Tieren, d.h. dem Biest. Cr7z hat sogar ein Album "Zurück zum K7nd" genannt. In seinem Track "33°" stellt er klar:


Mir ist das Wichtigste das Kind, viele haben es verloren. Klar, du freust dich über'n Porsche. Ach, wie soll ich's dir erklär'n? Schlaf dich erstmal aus. Vielleicht kapierst du's morgen. Es gibt dafür kaum 'ne Formel. Ich glaub', es kommt aus dem Bauch und aus dem Herz, und mit etwas Glück wohl auch aus dem Verstand. [...] Hat keiner Lust, mit mir mit zukommen, um das Leben zu ergründen? Was weiß ich, vielleicht gibt es auch nichts zu finden, aber immer noch besser als hechelnd zu dürsten in der Dürre.


"Hoffnungsschimmer" illustriert diese Haltung zum Leben am klarsten. Es lohnt sich auch, das Video dazu zu genießen. Es gibt nur wenige Rap-Videos, die auch nur annähernd die Schönheit dieser Vorstellung erreichen können. Auch die skits aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin" sind wunderbar gewählt, wenn Cr7z Ichi sagen lässt: "Wir sehen einfach nicht die Grenze. Und deswegen haben wir Angst." Wie so oft bei Cr7z geht es in diesem Stück um Blindheit für das Gute und Böse, das in der Welt passiert. Ichi sagt daher passend: "Ich weiß nicht wer böse ist und wer es nicht ist. Ich hab kein Gespür dafür, wie weit ich gehen kann. Ich sehe keine Grenzen, kann nichts unterscheiden. Ich hab nicht mal ein richtiges Gefühl, dafür, ob ich noch lebe oder schon tot bin."

Ichi - die blinde Schwerkämpferin, www.arte.tv

Offenbar hat die Blindheit der Menschen für Cr7z also wirklich mit ihrem untoten Dasein zu tun. Blindheit für die Welt ist bei Cr7z das selbe wie das Fehlen von moralischen Maßstäben und Lebendigkeit. Der geniale Dreh im Film mit der blinden Schwertkämpferin ist, dass sie in Wirklichkeit weniger blind ist als die sehenden Schergen, von denen sie ständig attackiert und misshandelt wird. Wer den Film kennt, kennt vielleicht auch die Anspielung von Cr7z auf Ichis Beziehung zu den Kindern. Auf die Frage, ob sie Kinder möge, antwortet Ichi ganz und gar im Sinne von Cr7z:

"Ich hasse sie. Sie sind lästig, sind mir zu laut. Aber: Sie sind unverdorben. Man kann ihnen mehr trauen als den Erwachsenen."

Die Schwertkämpferin Ichi steht insofern für den Kampf des unverdorbenen "Kindes" mit dem völlig verdorbenen "Biest" im Menschen. Die ganze Symbolik von Cr7z ist durchzogen von diesem konfliktreichen Dualismus. Es geht ihm stets um die Einheit der Gegensätze, um Dialektik. Gerade die Dialektik lässt einen Hoffnungsschimmer selbst in der tiefsten Finsternis übrig. Denn der Kampf gegen die Finsternis ist die eigentliche Realität, fast wie im Film oder Spiel. Zugleich ist der Kampf gegen die Umnachtung das einzige Mittel, um vielleicht wach und am Leben zu bleiben, sei es noch so schwer. Denn "wer kämpft kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren." 




Ein weiterer Dialog zwischen Ichi und ihrem Freund Toma nähert uns der Problematik von Cr7z an. Toma will in den Kampf ziehen. "Es wird wohl bald zum Krieg kommen...". Ichi kommentiert: "Wer da mit macht, bringt sich in Gefahr, ob er es will oder nicht." Toma reagiert empört:

"Ich kann mich nicht raushalten, so wie du es bei deiner Freundin neulich getan hast. So gut wie du mit dem Schwert umgehst, hättest du doch der anderen Blinden zur Seite stehen können. Ich weiß nicht, was du erlebt hast. Aber wieso hast du so Angst davor, dich auf jemanden einzulassen?"

Die Antwort von Ichi ist der obige skit zur Frage von Leben und Tod, Moral und Unmoral. Aber Cr7z lässt eine Sache aus, die Ichi sagt: "Allerdings hänge ich auch nicht am Leben. So wertvoll ist es nicht." Ob das auch auf unseren Rapper zutrifft? Ich glaube schon. Wenn man sich die Elegie "Mir tut es so Leid" von ihm hört, nicht Mal eben so anhört, sondern wirklich hört, dann versteht man genau, was er meint.

Was genau tut Cr7z Leid? Der Verlust der Kindlichkeit. Menschen "erwachsen" und verkümmern zugleich, wenn sie ihre Kindlichkeit verlieren. Aus unverdorbenen, lebenfrohen Menschen werden verdorbene, jämmerliche Kreaturen. Von Natur aus schöne Menschenkinder werden zu hässlichen Kreaturen, zu menschlichem Staub, zu stinkendem Abschaum gemacht. Aus dem siebenmilliardenfachen Smeagol wird der siebenmilliardenfache Gollum. Cr7z beweint daher die Verkrüppelung des Menschenkindes durch das Menschenbiest. Für Cr7z ist also "das Kind" eine Art Rückbesinnung auf die guten Anlagen im Menschen, auf die kindliche Freude, auf das Kuschel- und Liebesbedürfnis des Menschen. Aber was ist mit Cr7z selbst? Er sagt ja: "Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich."

Einsamkeit und Eremitentum


Cr7z ist ein Eremit. Und Ichis Eremitenleben hat Parallelen zum Eremitentum von Cr7z. Zwar wandert er nicht mit einem Schwert umher und tötet Menschen, die ihm in die Quere kommen. Aber er ist offenbar oft alleine. Mit Sicherheit kennt er quälende Einsamkeit, selbst in Gesellschaft. Und ganz bestimmt sind die meisten Menschen blind für sein Wesen. Für gewöhnlich ist er friedlich. Das glaube ich ihm aufs Wort. Aber man sollte ihm besser auch glauben, dass er einem nicht nur verbal im Rap die Kehle durchschneidet, wenn man ihn belästigt wie die Schergen es mit Ichi ständig tun.


Toma reicht Ichi die Hand, aus dem Film "Ichi"
Er ist aber nicht genau wie Ichi. Ichis Freund Toma teilt auch einige Merkmale mit Cr7z. Eine traumatische Erinnerung an eine Verletzung seiner Mutter, an der er Schuld trug verhindert, dass der meisterhafte Schwertkämpfer sein Schwert ziehen kann. Also kämpft er bloß mit einem Stock. Er wird somit daran gehindert, sein Potenzial voll auszuschöpfen, weil er von den eigenen Gewissensbissen gehemmt wird. Ähnlich scheint es unserem Rap-Genius zu gehen: "Ich hab' so viel gesehen und das in viel zu jungen Jahr'n. Meine Schotten sind so ausgesprochen dicht." Und "bin zu sehr sensibel."

Cr7z hat wohl den Wert von Familie begriffen. Konflikte mit der Familie sind zwar unvermeidbar. Denn "ich bin wie ich bin" trifft auf jeden Menschen zu. Und "Menschen wir unsereins behandelt man nie so, wie es sich gehört. Wir werden nur verachtet und müssen irgendwo im Stillen krepieren" auch. Ja. So ist es wirklich. Ichi wurde sogar vergewaltigt und danach dafür auch noch verstoßen. Gegen sowas muss man ankämpfen. Und jeder Mensch muss alleine für sich das verteidigen, was das wachsende Kind in ihm ausmacht. Aber dennoch muss man für die Familie, ob verwandt oder nicht, Feuer und Flamme sein und sie zur Not mit dem Schwert verteidigen. An sich sollte das Putzen oder Müll-Heraustragen der geringste Dienst sein. Oder? ;-)

Über sich sagt Cr7z z.B., er sei "kein Cyborg der Maschinerie", habe "niemals eine Crew gebildet", "er hat sie alle Backstage abserviert", "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln." Er ist offenbar ein Zerrissener und Getriebener. Wohin er will, wird erst klar, wenn man viele seiner Stücke studiert und sich einen Reim auf seine oft reimlose Lyrik gemacht hat. Cr7z hat seinen eigenen Film. Jeder Mensch hat seinen eigenen Film. Es ist genau wie mit Ichi. Erst am Ende ihres Films wird klar, wo sie überhaupt hin wollte, was sie überhaupt wollte. Wie Ichi sehnt sich auch Cr7z schlicht, "man würde mich mal drücken, das ist alles." Stattdessen muss ohne Ende angekämpft werden gegen brutale Schergen, lebende Tote und Maschinenmenschen. Aber träumen reicht nicht:

Scheiße Criz, reiß dich zusammen, dieses Leid zerfickt dich.Wir sind hier nicht bei 'Wünsch dir was', sondern bei 'So ist es'.Nix mit Chillen, nix mit Flaschengeistern, Alter, trink nicht.Du weißt es bringt nix, es drückt dich nur einmal zurück.

Cr7z hat offenbar seine eigenen Mittel entwickelt, mit dem Leid umzugehen. Abgesehen vom "silbernen Feuer" im Glas und "silber, grün und grauem Schimmer" in den Augen, die "heilige Wut" spiegeln, hat er seine Kunst und sein Eremitentum. Alkohol hilft nur kurzfristig. Hass und Rache lösen das Problem bestimmt nicht. Die Kunst ist eine Form, die Wut loszuwerden. Das Eremitentum ist sicherlich der beste Schutz und Selbstschutz vor dem "Biest". "Es geht nicht darum, was dort jenseitig des Himmels moved. Es geht um die Rotation des eigenen Wirbelsturms."




Die Sehnsucht nach Zweisamkeit


"Ich hätte mir gewünscht, man würde mich mal drücken" ist ein Satz aus "Lass mich gehen", dem Stück von Cr7z, das wohl am konzentriertesten auf das Motiv der Zweisamkeit eingeht. Diese Elegie ist eines seiner ergreifendsten Werke. Er sagt darin zwar "ich will nicht klagen", aber im Grunde ist es reine Nostalgie, die er da erdichtet hat:

Wieso scheitert die schönste Sache der Welt
in der heutigen Zeit an Kleinigkeiten, das würde ich gern begreifen.
Wahrscheinlich, weil wir zu verpeilt sind und das Ego Nummer 1 ist
Sieben ist davon nicht grad begeistert, aber weißt' was?
Ich bin auch nicht grad ein Heiliger
Ist wohl nur der Lauf der Dinge, dass das ganze hier am scheitern war.
Also weiter Bar für Bar, um mich bloß zu erinnern:
Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich.



"Heut' ist wieder 'ne Trennung, weil ich eh nie meine Liebe find'", "ich such' nach meinem Ebenbild und das zu finden geht nicht wirklich" sind typische Sätze von Cr7z, der sein ewiges Liebesunglück durch den Rap verewigt. Auch "Wie sie tanzt" geht auf gestörte Zweisamkeit ein:

Was ist los? Wir haben uns angezogen, abgestoßen.
Hast mich angelogen, lass mich los.
Ich hab' genug von dir und deiner Angewohnheit
zu ficken mit Angspsychosen.

"Silbernes Feuer" vertieft dieses deprimierende Bild der ewigen Einsamkeit und des "unendlichen Leids" noch:

Mein Album schneidet bis ins Fleisch. Hier wird nichts beschönigt.Deine Haltung dazu solltest du überdenken, ich schwör's dir.Du hast mich nicht gesehen, wie die Faust an meine Wand schlag,wie das Blut herunterrinnt und meine Tränen vom Gesicht in Strömen laufen wie ein Wasserfall.Mein Herz wurde gebranntmarkt und es sticht in meiner Brust, als hätte ich dauernd 'nen Anfall.Zeige Anstand, respektier' mich. Wärst du so ich ich vom Schicksal gevögelt, wärst du nicht handzahm, sondern schmeißt dich vor 'ne Trambahn.

Ichi und Toma Arm in Arm,
aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin"

Die Perspektive der 7


Völlig hoffnungslos ist der Junge aber nicht. Daher hat er auch die Hymne "Hoffnungsschimmer" verfasst, in der er seine optimistische Seite am klarsten darstellt:

Mir ist aufgefallen in dem Auf und Ab bleib ich auf Kurs. Ich weiß, dass es sich lohnt Zähne zusammenbeißen und durch. Und auch wenn das für die meisten nicht logisch klingt, bin ich von Zeit zu Zeit überglücklich selbst wenn ich so melancholisch bin. Klar, ich schreibe vieles hin was einen runter reißt, es stimmt, nur müsst ihr verstehen ich reinig mich damit so gesehen. Es ist etwas Gutes für mich, somit bleibt das Licht noch bestehen und scheint genauso für die, denen es nicht so gut geht.

Auch die zuvor deprimierenden Aussagen über die Wertlosigkeit des Lebens werden relativiert. Erst durch diese "Wiedergutmachung" ist ein halbwegs vollständiges Bild von Cr7z gegeben. Dass er die Schlechtigkeit der Welt feststellt und nicht wie ein Blinder oder ein Zombie durch die Welt irrt, heißt nicht, dass er kein Licht sieht. Im Gegenteil.

Da er die Dunkelheit genau kennt, kann er die "Hoffnungsschimmer am Horizont" sicher mehr schätzen als die Cyborgs mit ihren rosaroten Visieren. Dabei spielt offenbar Familie eine große Rolle, die eine viel größere Bedeutung hat, als es die meisten Menschen im Lande eingestehen würden:

Bedenke immer, dass es bei mir auch die Kehrseite gibt. Wenn ich von den Schmerzen schreibe dann nähere ich mich dem Licht. Warum sollt ich auch die Dunkelheit verneinen. Setz ich mich mit ihr nicht auseinander, kommt sie noch stärker zurück. Wie eine Mutter für die Kleinen. Schuftet wie ein Schwein und lächelt in Kriesenmomenten, egal wie schwer sie auch sind. Und wie die Jahre so vergehen, irgendwann bekommt sie eine Krankheit und das heißt, das hat sie nicht verdient. Ist kein Wunder wenn man weiß, wie es wirklich für sie ist. Sie freut sich über jedes Küsschen und zieht sich in die Küche zurück. Wünscht sich vielleicht auch mal eine Blume, einfach so. Nicht nur an ihrem Geburtstag, sondern weil man ihre Leistung lobt. Möchte vielleicht auch mal Ruhe und alleine sein und nicht ständig untergebuttert werden in den Streitereien. Deshalb Augen auf. Ich spreche aus Erfahrung, egal ob Gutes oder Schlechtes geschieht. Vielleicht warst es du.

Und weiter:

Jeder macht Fehler, doch die Wenigsten lernen. Hören wir auf uns etwas vorzuwerfen, das Leben ist‘s wert. In der dunkelsten Stunde verstehst du sicher, was ich mein. Lass es nicht erst soweit kommen, sondern sehe es jetzt ein. Lang genug war unser Ego Nummer 1, es wird Zeit für die 2, vielleicht erleben wir die 3. Eine gemeinsame Seele. Es gibt keinen, der perfekt ist. Hoffnungsschimmer am Horizont. Vergebung und Verständnis.

Die 7 Milliarden Menschen auf der Welt haben durchaus eine Perspektive. Sie haben sogar sieben Milliarden davon. Kann man so oder so sehen. "Das Biest" hat im Grunde nur eine: das Zeitalter der Dekadenz. Cr7z formuliert es in "33°" so:

Ich sehe keine Wandlung und das seit Ewigkeit.Klar sind Viele wach, aber das sind halt zu wenig, weißte?Würd' mich freuen, wenn du mir mal Beachtung schenkst, denn ich begreife mittlerweile, wie 'ne Loge einen Schachzug lenkt.
Wichtig ist: wir bleiben von einander abgetrennt.
Denn wenn wir uns verbünden, ist es es ein Witz,
was sie machtvoll nennen.
Ich bin selbst im Widerspruch mit mir,
mein Aszendent ist Waage, Mond, Stier, Sonne, Fische.
Das ist lachhaft, echt. 

Die Perspektive der 7 ist im Grunde eine einzige, obwohl sie die Perspektive von sieben Milliarden ist: "V wie Vendetta. V wie Variation."




Achso, Chris, wenn du meinen Standpunkt wirklich begreifen willst, lies dir die anderen Artikel auf diesem Blog durch und diskutier' mal 'ne Runde mit mir. ;-)

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