Montag, 25. November 2013

Die Araber und der Antizionismus, Teil 1

Eine jede Betrachtung des Nahostkonfliktes ist überschattet vom arabisch-israelischen Krieg der Geschichtsschreibungen. Gilbert Achcar, Professor für Entwicklungspolitik und Internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London, hat dem Thema ein Buch gewidmet. Achcars Buch “Die Araber und der Holocaust” (2012 bei Edition Nautilus erschienen) ist ein wertvoller Beitrag, der dabei hilft, “die Logik des Krieges der Narrative zu beleuchten”, wie Achcar selbst hofft.

Achkars humanistische und wissenschaftliche Perspektive


Achcar schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches über seine Motivation:

So hoffe ich, dass die deutsche Ausgabe meines Werks dazu beitragen wird, Licht in die Finsternis zu bringen, die der Instrumentalisierung dieses Konflikts Vorschub leistet, und all jenen Argumente zu liefern, die allein von dem beseelt sind, was die deutsche Geschichte an Wertvollstem hervorgebracht hat – Humanismus und Internationalismus.

Achcar schreibt also ganz im Sinne der humanistischen Ideen solcher Denker wie Karl Marx. Einseitige Parteinahme für die eine oder andere Bevölkerung lehnt er ebenso ab wie die verschiedenen mehr oder weniger versteckten Formen von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus oder religiösem Fanatismus. Einerseits kritisiert er all die Vertreter der Israelkritik und des Antizionismus, die nicht zugleich am Humanismus und Wohl aller Menschen orientiert sind.

Er kritisiert andererseits auch reaktionäre Vertreter der pro-israelischen Seite, des Zionismus, die das Wohl des israelischen Staates über das Wohl der Menschen im Nahen Osten stellen. An solchen Zionisten kritisiert er vor allem auch, dass sie sogar den Völkermord an den Juden wie auch üble Antisemitismus-Vorwürfe instrumentalisieren, nur um jede Politik des israelischen Staates heilig zu sprechen.

Immer wieder kommt Achcar auch auf die zionistisch motivierte Propaganda zu sprechen, die die arabische und antizionistische Seite völlig verzerrt und einseitig darstellt. Wissenschaftler wie Benny Morris oder Bernard Lewis, die es eigentlich besser wissen müssten, werden für Falschdarstellungen oder zynische Positionen zu Recht gebrandmarkt. Morris z.B. sieht nach seinem Rechtsruck hin zum antimuslimischen Rassismus in allen Moslems grundsätzlich Antisemiten. Achcar bedauert das:

Morris, ein Historiker, der immer darauf bestanden hat, dass für ihn nur “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege zählen, hat sich also zu einem ideologischen Diskurs hinreißen lassen, der im beginnenden 21. Jahrhundert allzu üblich geworden ist: einer Mischung aus Neokonservatismus made in the USA und Neozionismus, beides unterfüttert mit Islamophobie.

Dagegen ist es Achcars erklärtes Ziel, dabei zu helfen, "einen Dialog zwischen Arabern und Israelis auf der Grundlage gemeinsamer humanistischer Werte" aufzubauen. Er tut das, indem er zu allererst Humanismus und Wissenschaftlichkeit verbindet. 

Dazu gehört die Fähigkeit, zu differenzieren. Anders als viele zionistische Wissenschaftler wie etwa Bernard Lewis, der alle Araber unter einen Kamm schert und zwischen ihren diversen Ansichten nur einen einzigen antisemitischen Sumpf sehen kann, beweist Achcar tatsächlich mit seinem Buch, wie wichtig ihm die “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege sind. Sein Buch ist daher nicht bloß eine politische Abwehr gegen menschenfeindliche Politik im Nahen Osten, sondern auch ein solider wissenschaftlicher Beitrag zum Thema.

Im ersten Teil seines Buches unterscheidet er im Wesentlichen zwischen den vier großen politischen Strömungen im arabischen Raum: westlich orientierten Liberalen, Kommunisten, Nationalisten und reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten. 

Diese untersucht er im Detail auf ihre Einstellungen und Beziehungen zum nationalsozialistischen Völkermord an den Juden, zum Antisemitismus und zum Zionismus in der Zeit von 1933 bis 1947. Den zweiten Teil des Buches über diese Einstellungen ab der Nakba von 1948, also nach der Vertreibung von über 700.000 Palästinensern aus Palästina durch die zionistischen Siedler, ordnet er eher chronologisch. 

Er zeigt, wie der arabische Nationalismus im Stile des ägyptischen Nasserismus nach der Nakba zur dominanten Strömung wurde, dann aber vom Befreiungsnationalismus der PLO und schließlich vom Panislamismus ersetzt wurde. Dabei belegt er, wie sich die antizionistischen Einstellungen der Araber veränderten.

Arabische Reaktionen auf den Nationalsozialismus und den Antisemitismus (1933-1947)


Die arabischen Liberalen


Die westlich orientierten Liberalen unter den Arabern bis 1947 werden heutzutage gerne von neokonservativen Politikern des Westens ignoriert oder sogar kategorisch verleumdet. Rassistische Moslemhasser unterstellen den Arabern, als Moslems immer auch Feinde der Demokratie und Antisemiten zu sein. Gerade die arabischen Liberalen jener Zeit bewiesen aber eine weitaus menschenfreundlichere, tolerantere und demokratischere Haltung als angeblich aufgeklärte und liberale Politiker in Europa, indem sie deren inkonsequente Haltung und deren christlich geprägten Antisemitismus und Rassismus konsequent kritisierten. Achcar schreibt:


Die von einer demokratischen, humanistischen Kultur geprägten liberalen Westler unter den Unabhängigkeitsbefürwortern in der arabischen Welt lehnten den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Das hinderte sie nicht daran, aus ihrer antikolonialistischen Gesinnung heraus gegen den Zionismus zu sein. Für die zionistische Bewegung stellten die westlich orientierten Liberalen ein großes Ärgernis dar, da sie am glaubwürdigsten unter Verweis auf die Werte der antifaschistischen westlichen Kultur die Grundlagen des Zionismus kritisieren konnten.

Liberale Demokraten konnten also sowohl Antifaschisten als auch Antizionisten sein, indem sie die rassistische, nationalistische und kolonialistische Natur sowohl des Faschismus wie auch des Zionismus sahen.

Die nahöstlichen Kommunisten


Die Kommunisten waren ebenso von vornherein erklärte Gegner des Antisemitismus und Nationalsozialismus:

Aus ideologischen Gründen lehnten die Marxisten in der arabischen Welt, darunter viele einheimische oder eingewanderte Juden, den Nationalsozialismus durchweg entschieden ab. [...] Die Marxisten waren es vor allem, die den Zionismus als rassistische Bewegung verurteilten, sie waren aber auch für die fragwürdige Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus verantwortlich – deren wichtigste logische Konsequenz war, was oft vergessen wird, dass sie beiden Ideologien gleich ablehnend gegenüberstanden.

Trotz der dummen Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus waren die arabischen (und jüdischen) Kommunisten grundsätzlich nicht Judenfeinde, sondern verteidigten sowohl Juden wie auch Araber vor Rassismus und Kolonialismus. Was man den Kommunisten dieser Zeit aber vorwerfen sollte, ist, dass sie keinerlei internationale Kampagne zur Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge aus Europa gestartet hatten und dass sie nach dem Völkermord an den Juden wiederum nicht mehr konsequent genug gegen den rassistischen Kolonialismus der Zionisten vorgingen, sondern Israels Staatsgründung unterstützten. Das brachte sie für längere Zeit in Verruf, sodass die Nationalisten als die konsequenten Vertreter der arabischen Unabhängigkeitskämpfe erscheinen konnten.

Die arabischen Nationalisten


Die arabischen Nationalisten hatten ein weit problematischeres Verhältnis zu NS, Holocaust und Juden. Hier gab es durchaus Antisemiten und Rassisten, die einen gewissen Einfluss hatten. Es gab unter den arabischen Nationalisten durchaus auch Sympathisanten und Nachahmer des europäischen Faschismus. Aber diese Minderheit innerhalb der Nationalisten war selten und kaum von religiös und rassistisch motiviertem Antisemitismus geprägt. 

Achcar sieht die Tendenzen zum Ultranationalismus und Faschismus eher als reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus und die politischen Konkurrenten im arabischen Raum. Achcar geht im Detail auf die wirren Ansichten solcher Reaktionäre ein und kritisiert sie ausgiebig. Achcar differenziert hier aber:

Es gilt zu unterscheiden zwischen jenen, die vorübergehend und in Abwägung ihrer Interessen gehandelt, aber ihre Distanz zum Faschismus gewaht haben, und denen, die sich zu ihrer ideologischen Übereinstimmung mit Rom und/oder Berlin bekannten und es mit ihrer Bindung an die Achsenmächte ernst meinten.

Außerdem zeigt sich in Achcars Untersuchungen, dass die arabischen Nationalisten die Juden vor antisemitischen Pogromen eher geschützt haben als es die europäische Bevölkerung tat. Auch lehnte der Großteil der Nationalisten die Nachahmung, Stärkung und Bewunderung des europäischen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Imperialismus ab. Er vermerkt weiterhin

dass der schlimmste Antisemitismus, den [der Irak] in den 1940er Jahren erlebte, nichtnationalistischen Regierungen zuzuschreiben ist, sondern auf das Konto jenes Mannes geht, den die Nationalisten und generell die Bevölkerung am meisten hassten: des englandfreundlichen Nuri al-Sa’id, der 1949 in seiner Amtszeit als Premierminister drohte, die irakischen Juden massenweise zu vertreiben.

Die rechten Panislamisten


Was die “reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten” angeht, so gab und gibt es wie bei den Nationalisten auch hier eine breite Palette an Einstellungen. Der düsterste Antisemitismus samt Verschwörungstheorien, Zuschreibung überzeitlicher Merkmale, mangelnder Differenzierung zwischen Juden und Zionisten und rigidester Ablehnung der westlichen Kultur konkurriert mit der traditionell islamischen Toleranz gegenüber friedlichen Juden und Christen. Solch Panislamismus kann beides beinhalten. Er war aber eine reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus des Westens:

[Diesem Panislamismus] sollte die Rolle eines islamischen Bollwerks gegen den Westen zukommen. Dieser Panislamismus neigte stets zur fanatischen Ablehnung der kulturellen Moderne des Westens. Reaktionäre und fundamentalistische, gegen den Westen und westliche Einflüsse eingestellte Muslime griffen daher das Banner des Panislamismus auf und verbündeten sich mit den arabischen Nationalisten in einem Kampf gegen die gemeinsamen Feinde. Je rechter die Einstellungen dieser Nationalisten, desto stärker waren die Bande zwischen den beiden Strömungen [...] Sie trafen sich in einer Mischform von arabisch-islamischem Nationalismus.

Nicht der Islam per se, nicht einmal der islamische Fundamentalismus oder politische Islam per se, sondern nur bestimmte Strömungen und Einzelpersonen innerhalb dieser waren antisemitisch oder nazifreundlich. 

Der Mufti von Jerusalem, die widerlichste Gestalt in diesem Zusammenhang, pendelte zwischen Rom und Berlin, um seine engen Kontakte zu den italienischen und deutschen Faschisten zu pflegen. Er übernahm sogar weite Teile der Naziideologie und machte arabischsprachige Propaganda für den NS-Staat. Aber seine Nähe zum deutschen Rassenantisemitismus entwickelte sich erst spät, als er nach einem Scheitern in der arabischen Welt dort sein eh nicht besonders großes Ansehen fast völlig verloren hatte. 

Auch der Wandel Rashid Ridas, einer wichtigen Person im Zusammenhang mit dem Wahabismus bzw. Salafismus, vom relativ toleranten Verteidiger der Juden zum wilden Antisemiten zeigt, dass selbst die reaktionärsten islamischen Strömungen nicht notwendiger Weise antisemitisch sein müssen. 

Achcar besteht darauf, dass die konkrete Betrachtung der sozialen Gründe für Antisemitismus und andere Einstellungen entscheidend ist:
Diese unerlässliche Kontextualisierung der arabischen Einstellungen gegenüber den Juden und dem Holocaust macht den entscheidenden Unterschied aus zwischen einer berechtigten und begründeten Verurteilung dessen, was tatsächlich verurteilenswert ist – wohl wissend, dass die arabischen Einstellungen breit gefächert und oft untadelig, wenn nicht sogar vorbildlich waren -, und jener unterschiedslosen Dämonisierung, die nur in araberfeindlichen Rassismus und Islamophobie münden kann.

Alles Reaktionäre?


Aus Achcars Ausführungen wird deutlich, dass im Grunde alle wichtigen politischen Strömungen im arabischen Raum antizionistisch waren. Zugleich wird klar, dass sich Liberale und Kommunisten ziemlich konsequent gegen den Faschismus und Antisemitismus engagiert haben, während Nationalisten und Panislamisten von relativ linken und demokratischen Einstellungen, die sich denen der Liberalen und Kommunisten annäherten, bis hin zu extremem Antisemitismus und bis hin zur Nähe zum Faschismus alle Varianten kannten. 

Allen Arabern von damals oder auch nur der Mehrheit zu unterstellen, sie seien Islamisten, Judenfeinde, Reaktionäre, Faschisten oder dergleichen gewesen, ist wissenschaftlich nicht haltbar und eine Art des Eurozentrismus bzw. Rassismus. Die arabische Bevölkerung scheint bis 1947 trotz ihres Antizionismus insgesamt weit weniger rassistisch und antisemitisch gewesen zu sein als die europäische Bevölkerung insgesamt. 

Das darf nie vergessen werden, wenn den Arabern oder Moslems unterstellt wird, sie seien wegen ihrer Kultur von Grund auf Antisemiten oder Antidemokraten. Solche Pauschalisierung ist bloß ein Mittel der Kriegsvorbereitung und der Unterdrückung. Das sollten sich auch pseudolinke Neokonservative und Rassisten merken. Vielmehr muss selbst bei Reaktionären unter den Arabern und Moslems anhand ihres Lebenslaufs differenziert werden, wenn man ihre Einstellungen zu den Juden wirklich ernsthaft betrachten will. 

Auch muss zwischen Juden, Zionisten, Israelis und den entsprechenden Einstellungen unterschieden werden. Gerade aber viele Zionisten in Israel und z.B. auch die pseudolinken Zionisten und Kriegstreiber in Deutschland unterscheiden selten ausreichend. Für sie sind israelische Juden und israelische Zionisten ebenso das selbe wie Araber, Moslems, fanatische arabische Nationalisten und fanatische antisemitische Panislamisten. 

Achcar zeigt, dass gewissenhafte politische Kritik nur mit gewissenhafter Differenzierung funktioniert.

Sonntag, 24. November 2013

Erklärung ohne Erklärung


1. "Du bist nicht das Geld auf deinem Konto! Du bist der singende, tanzende Abschaum der Welt!"

2. Du bist "ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen" und ich ja auch ... shit!

3. "Und ich bin über 10.000 Jahre alt und mein Name ist Mensch!"

4. "Ihr seid so, wie eure Leichen - Im Keller gefangen!"

5. "Wir haben einen Feind, der nimmt uns den Tag. Der lebt von unserer Arbeit und der lebt von unserer Kraft!"

6. "Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument!"

7. Combat in Warfare without a Revolution is like "Mortal Kombat" without a Finishing Move!

8. "Was wir alleine nicht schaffen - das schaffen wir dann zusammen!"

9. "Und es wird keine 10.000 Jahre mehr dauern, denn die Zeit ist reif!"

. Der Finishing Move gegen den Bourgeois - ?, Kreuz, Dreieck, ?, Viereck, L1, ?, links, links, links!

Freitag, 22. November 2013

Matt Damon fordert zivilen Ungehorsam in der Welt!


Das große Bild erkennen

Schöne Idee, wird aber nie funktionieren? Georg Lukács erklärt, warum so viele Menschen resignieren statt zu kämpfen. Diesem "gesunden Menschenverstand" hat sein Buch Geschichte und Klassenbewusstsein etwas entgegenzusetzen.

Als Volkskommissar der ungarischen Räterepublik erlebte der Philosoph Georg Lukács Revolution und Konterrevolution nach dem Ersten Weltkrieg hautnah mit. Seine theoretischen Schlussfolgerungen hielt er in dem Buch Geschichte und Klassenbewusstsein fest, das 1923 erstmals veröffentlicht wurde.

Die Essaysammlung hat die linke Debatte der letzten neunzig Jahre nachhaltig geprägt. Seither ist der Marxismus nicht mehr ohne Lukács zu denken.

Die Gedanken der Herrschenden

Im Jahr 2010 berichtete das Handelsblatt:
"Die Queen hatte bei einem Besuch der London School of Economics vor einigen Monaten die Ökonomen um Aufklärung gebeten, warum kaum ein Volkswirt die große Finanzkrise vorausgesehen habe. Viele von ihnen, so die Antwort der Forscher, hätten einzelne Krisenherde durchaus richtig erkannt und auch frühzeitig vor gefährlichen Ungleichgewichten in der Finanzindustrie gewarnt - aber kaum einer der Volkswirte sei in der Lage gewesen, die einzelnen Punkte zu verbinden, um so das große Bild zu erkennen."
Lukács hätte diese epochale Blamage nicht verwundert. Ein bekannter Ausspruch von Karl Marx hatte ihn inspiriert:
"Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden."
Lukács entwickelte Marxens Theorie weiter. Die Herrschenden sind im Kapitalismus die Kapitalisten, beziehungsweise das Bürgertum. Sie sind an der Sicherung ihrer Herrschaft und der Ausbeutung der Lohnarbeiter interessiert.

Aber die Kapitalisten konkurrieren untereinander auf Gedeih und Verderb um Profit. Lukács schloss daraus, dass sie "die kapitalistische Entwicklung stets vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten" betrachten, der von kurzsichtigem Profitstreben geprägt ist. Kein Wunder also, dass die heutigen bürgerlichen Ökonomen die Weltwirtschaftskrise nicht vorausgesehen haben und auch im Nachhinein nicht verstehen - von ihrem Klassenstandpunkt aus sind sie schlicht nicht dazu in der Lage, "das große Bild" zu erkennen.

Die Kritik der herrschenden Ideen ist zentral für Lukács. Als Revolutionär in Ungarn hatte er im Jahr 1919 miterlebt, wie die rechten Sozialdemokraten (ähnlich wie in Deutschland) die bürgerliche Ordnung stützten. Deshalb konnte sich die sozialistische Räterepublik nicht durchsetzen. Doch in Geschichte und Klassenbewusstsein geht es um mehr, als nur "Verrat!" zu schreien.

Lukács argumentiert, dass die Basis der Sozialdemokratie im Bewusstsein der Menschen zu finden sei. Die Stärke der Sozialdemokratie rührt daher, dass zentrale Elemente ihrer Politik Teils des Massenbewusstseins sind. Die Fixierung auf das Parlament und die Bereitschaft der meisten Menschen, politische Entscheidungen ihren parlamentarischen Stellvertretern zu überlassen, gehören unter kapitalistischen Bedingungen zum "gesunden Menschenverstand". Lukács stellt fest, dass das Verbleiben der Menschen "bei ihrem unklaren Klassenbewusstsein eine unumgängliche Voraussetzung des Bourgeoisregimes" ist. Wie aber kann die Macht der herrschenden Ideen aufgebrochen werden?

Selbstemanzipation der Arbeiterklasse

Hier setzt Lukács auf die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse. Deswegen hatte sein Buch großen Einfluss auf die "Neue Linke" von 1968. Denn deren Revolte richtete sich genauso wie Lukács gegen die fatalistische Interpretation des Marxismus bei Sozialdemokraten und Stalinisten, wonach die Entwicklung des Kapitalismus quasi unvermeidlich und ohne revolutionäre Aktion der Massen zu einer besseren "sozialistischen" Gesellschaft führe. Im kapitalistischen Alltag gäbe es überhaupt keine Garantie für eine Entwicklung von Klassenbewusstsein und das Ausbrechen der Revolution, warnt hingegen Lukács. 

Darum ist für ihn die Parteiorganisation von zentraler Bedeutung. An diesem Punkt argumentiert Lukács im Buch jedoch teilweise schwach, denn in seiner Parteitheorie kam er dem späteren stalinistischen Slogan "Die Partei hat immer Recht" gefährlich nahe. Er identifizierte nämlich die kommunistische Partei mit dem sicheren Garanten der Revolution. Jedoch revidierte er diesen Standpunkt schon bald und wehrte sich jahrzehntelang gegen eine Neuauflage seines Buches. 

Lukács und Lenins Parteitheorie

Die Lektüre der Schriften Lenins veranlasste Lukács zu einer weit reichenden Selbstkritik. Er schrieb später, dass Lenin durch seine materialistische Analyse der Realität zu einer reifen Parteitheorie gekommen sei, während in Lukács eigener, von idealistischem Wunschdenken geprägten Theorie unklar geblieben sei, wie die Partei "das große Bild" der Strategie für die Revolution erkennen soll.

Die revolutionäre Partei ist auch bei Lenin die wichtigste Organisation, um die Verwirrung und Zersplitterung der Arbeiterklasse zu überwinden. In ihr kommen die Revolutionäre zusammen, um theoretische Reife und effektives Handeln der radikalsten und entschlossensten Arbeiterinnen und Arbeiter zu erreichen. Aber für Lenin, wie für den an Lenins Denken geschulten Georg Lukács ab 1924, war das keine Selbstverständlichkeit, sondern das Resultat von harten politischen und ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung und speziell auch innerhalb der Partei selbst.

Erst in diesen Auseinandersetzungen entwickelt sich ein Verständnis der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen und erst so kann sich ein differenzierter Standpunkt im Interesse der Mehrheit der Menschen herausbilden. Auf diesem Weg wird die Partei zu der Organisation, die entschieden und fähig ist, eine erfolgreiche Revolution zu beginnen. 

Spannend ist, dass Lukács Lenins Auffassung auch dann noch verteidigte, als er im ungarischen Volksaufstand des Jahres 1956 auf Seiten der Arbeiterschaft gegen den Stalinismus aufbegehrte. Das zeigt auch den Unterschied zwischen Leninscher und Stalinscher Parteitheorie. Die erste ist radikaldemokratisch und baut auf dem proletarischen Standpunkt auf. Letztere ist die Theorie einer bürokratischen herrschenden Klasse, die die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse mit allen Mitteln verhindert hat.

Lukács ist trotz seiner idealistischen Tendenzen zu Recht ein Klassiker der marxistischen Ideologiekritik und gerade angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise immer noch aktuell.

Donnerstag, 21. November 2013

"Man muss stark sein" - eine Rezension zu "Captain Phillips"

Das moralische US-Bürgertum


"Captain Phillips" handelt nicht von Captain Phillips. Der Titel trügt. Der Film beginnt zwar so als wäre der Captain der Held des Films und in der ersten halben Stunde wirkt es noch immer so. Aber das ändert sich bald und es wird klar, dass der Captain in der Handlung des Films nur eine Nebenfigur ist. Der eigentliche Held des Films ist das US-Bürgertum.

Was ist die Handlung des Films? Richard Phillips, ein irischstämmiger Amerikaner und braver Kapitän, muss einen Frachter mit Rohstoffen und weiteren Produkten nach Somalia bringen. Es kommt, wie es kommen musste. Eine Gruppe somalischer Piraten versucht, das Schiff zu kapern, um damit für sich und ihre ominösen Bosse den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die Piraten stoßen auf den entschiedenen Widerstand der Schiffscrew von Captain Phillips und auf die überlegene staatliche Gewalt der weisen USA.

Gleich am Anfang des Films wird die Moral des braven US-Bürgers von Captain Phillips ausgesprochen, während er sich mit seiner Frau über die Zukunft ihrer Kinder in der heutigen globalisierten Welt unterhält:

"Für unsere Kinder wird es nicht leicht. Die werden in einer anderen Welt leben als wir in ihrem Alter. Die beiden entwickeln sich super, aber es beunruhigt mich, dass Danny die Schule nicht ernst genug nimmt. Ich meine, wenn er den Unterricht schwänzt könnte ihm das, es könnte ihm doch noch schaden, wenn er einen Job sucht. Weißt du? Bei der Konkurrenz! Als ich angefangen habe, konnte man es zum Kapitän schaffen, wenn man einfach fleißig seine Arbeit machte. Aber für die Jungs, die jetzt anfangen: Die Firmen wollen alles immer schneller und billiger. Fünfzig Typen streiten sich um jeden Job. Es ist nicht mehr wie früher. Es gibt einfach keinen Stillstand. Man muss stark sein, um da draußen zu überleben."

Die ganze Sprechweise von Phillips erscheint wie die eines schüchternen, ruhigen Bürgers, der seine Disziplin beherrscht, aber von der globalisierten Welt von heute ein wenig überfordert wird. Als er durch den Piratenangriff in die Rolle des Verteidigers seiner Crew gezwungen wird, zeigt sich, dass er durchaus ein "starker" Mann ist. Während er in Gefangenschaft gerät, hilft er seiner Crew mit allen gewaltfreien Mitteln, der Gewalt der Kriminellen zu entkommen. Letztlich wird er aber überwältigt und kann nur noch von der Streitmacht der USA gerettet werden. Der kleine Held wird damit zur Nebenfigur, die gegenüber dem amerikanischen Staat in den Hintergrund tritt. Sie repräsentiert die ganze Moral des Films und steht selten so erhaben da in einem Hollywood-Film. Ihre Widersacher, die kriminellen Globalisierungsverlierer, wirken hingegen wie ohne jede Moral.

Die kriminellen Globalisierungsverlierer


Die somalischen Piraten bleiben während der zweistündigen Handlung merkwürdig anonym. Sie werden zwar mit Namen genannt und aus der Nähe gezeigt. Aber der Zuschauer wird mit ihnen nie wirklich warm. Man erfährt nicht allzu viel über ihre Motive oder ihren Hintergrund. Allerdings gibt es einige Schlüsselszenen, in denen sie dem Zuschauer näher gebracht werden. An einer Stelle unterhält sich Captain Phillips mit einem der Entführer. Er versucht gar nicht, die Piraten zu verstehen, sondern stellt bloß die eigene Position dar:

"Wir hatten Nahrungsmittel für hungernde Afrikaner dabei. Auch für Somalia."
Sein Entführer wehrt sich mit einer Dritte-Welt-Kritik an der Globalisierung:

"Ja sicher. Reiche Länder helfen gern Somalia. Große Schiffe kommen in unser Meer. Nehmen alle Fische mit. Was sollen wir noch fangen?"

Offenbar waren die Piraten früher somalische Fischer. Der Fischgrund vor Somalia wurde von der westlichen Großfischerei ausgebeutet, womit den Fischern der Lebensunterhalt genommen war. Was ihnen übrig geblieben ist, ist offenbar die Piraterie. Die ungerechte Globalisierung produziert also das Übel der kriminell gewordenen Globalisierungsverlierer. Das wird im Film ganz deutlich. Die Piraterie ist der verzweifelte Protest der Dritten Welt.

Aber diese bietet den Piraten offenbar auch keinen Ausweg aus ihrer elenden Lage. Denn obwohl sie wöchentlich ein Schiff kapern und teilweise Millionen Dollar ergattern, kriegen sie davon offenbar so gut wie nichts. Das Beutegut muss an irgendwelche Bosse weitergeleitet werden, die nur an zwei oder drei Stellen kurz erwähnt werden. Die Bosse werden gewiss reich, während die Piraten selbst arme Teufel bleiben, die sich ausgerechnet mit einer Supermacht anlegen müssen.

Captain Phillips schlägt den Piraten mehrfach vor, eine Beute von 30.000 Dollar ohne weitere Konsequenzen mitzunehmen. Für somalische Verhältnisse ist das ein gewaltiges Vermögen. Aber die Piraten lehnen das mehrfach ab mit Verweis auf die zu kleine Summe und die Anforderungen ihrer Bosse.

Der Konflikt der altersweisen Supermacht mit den missgünstigen Globalisierungsverlierern


Natürlich werden sie dafür, dass sie das großzügige Angebot unseres braven Kapitäns ausschlagen von einer noch großzügigeren und größeren Gewalt konfrontiert. Die See-Streitkräfte der USA sollen den Konflikt lösen. Und wie sie ihn lösen!

Ganz anders als man die US-amerikanische Gewalt in Konflikten mit Vietnam, Afghanistan, Irak, Iran, Yugoslawien, Libyen, Syrien usw. kennt, tritt sie in diesem Film auf. In den genannten Konflikten ballern die US-Streitmächte wie wildgewordene Cowboys auf alles, was sich bewegt und massakrieren damit stets Unmengen an Zivilisten. Noch dazu foltern und misshandeln sie die Gegner. Die USA sind historisch gesehen wohl der aggressivste, brutalste und unmoralischste Staat der Weltgeschichte. Sie heucheln ein großes Interesse an Freiheit und Demokratie vor, während sie diese zwei Ideen sogar im eigenen Land den Bordstein beißen lassen.

In "Captain Phillips" erscheint die wild gewordene Supermacht jedoch wie der altersweise Sheriff der globalisierten Welt. Den Piraten wird mit großer Geduld und sehr verständnisvoll eine friedliche Lösung nach der anderen angeboten. Die Offiziere und Soldaten der Supermacht wirken durchgehend wie disziplinierte Diener ihres Staates und der ganzen Welt. Sie sind Verkörperungen eines höheren Prinzips, einer höheren Moral, die sich ihrer völligen Überlegenheit völlig bewusst ist. Die schlecht bewaffneten und durchaus unmoralischen Piraten der Dritten Welt treffen hier auf eine haushoch überlegene Militärmacht, die mit allen Mitteln für globales Recht und Ordnung eintritt. Dass die Piraten dabei nicht allzu gut wegkommen, sollte den Zuschauer nicht wundern.

Das wird dann auch von Captain Phillips, dem Vertreter des braven US-Bürgertums, am Ende des Films moralisch gerechtfertigt. Denn obwohl die Motivation und die naive Hoffnung der Piraten auf einen Ausweg aus ihrem Elend erwähnt werden, sind sie im Film letztlich doch nur Kriminelle, die es dem Rest der Welt nicht gönnen, von der Globalisierung profitiert zu haben. Gegen die zu Verbrechern gewordenen Fischer ruft der Captain protestierend aus: "Ihr seid keine einfachen Fischer!" Deren Schicksal ist damit besiegelt. Die weise Supermacht USA siegt daher natürlich. Sie setzt in der Handlung durch, was als Moral des Films und des US-Bürgertums gelten darf: "Man muss stark sein".