Montag, 10. Februar 2014

Der (neokonservative) Medicus?!

Die  kürzlich erschienene Verfilmung von Der Medicus ist kein platter und langweiliger Film wie so viele andere deutsche Produktionen. Dennoch kann man den etwas faden Geschmack westlicher Propaganda nicht loswerden. Philipp Stölzls Werk ist daher beachtenswert, aber mit Vorsicht zu genießen.

Von einem, der auszog...


"Liebe überwindet alle Hindernisse"?
Wohl kaum, aber immerhin ist die Schauspielerin
Emma Rigby nicht schlecht gewählt.
Das christliche England im 11. Jahrhundert: Rob Cole muss als Kind im tiefsten Mittelalter erleben, wie seine Mutter an der mysteriösen "Seitenkrankheit" stirbt. Nur die Adoption durch den Bader, einen vagabundierenden Mediziner, rettet dem traumatisierten Jungen das Leben.

Rob wird seither vom Wunsch angetrieben, eine Heilung für die "Seitenkrankheit" und andere Gebrechen zu finden. Der Bader bringt ihm all sein Wissen bei, aber das rettet den Bader nicht davor, an grauem Star zu erkranken. Denn die katholische Kirche hat ja Wissenschaft und Technik enge Grenzen gesetzt, sodass auch die Medizin der abendländischen Christen äußerst rückständig bleiben musste.

Jüdische Mediziner können die Sehkraft des Baders wiederherstellen und damit den Geist der Wissenschaft in Rob entfachen. Von den jüdischen Ärzten erfährt er, dass ihr Wissen im Vergleich zum Genie des größten Mediziners der Welt, Ibn Sinas, nichts ist. Rob beschließt daher, als Jude getarnt ins hoch zivilisierte Persien nach Isfahan zu reisen, um Ibn Sinas Schüler zu werden, der unter der Herrschaft des islamischen Schahs keine Christen unter seinen Schülern dulden kann.

Unterwegs begegnet Rob seiner zukünftigen Liebe, der jüdischen Spanierin Rebecca, die aber einem anderen Mann versprochen ist. Die unvermeidliche Affäre zwischen den beiden kostet sie beinahe den Kopf, aber im Grunde ist das nur eine Nebenhandlung.

Der Hauptkonflikt ist der zwischen Robs Drang nach Befreiung der Menschen vor Gebrechen durch Wissenschaft und Medizin und seinen konservativen Widersachern, sei es der vorsichtige Ibn Sina, der Schah, die Mullahs oder die Seldschuken, auf deren Widerwillen er als stößt.

Die schöne Seite des Films


"Eine Reise aus der Dunkelheit ins Licht"
Die filmische Umsetzung der Romanhandlung, die Schauspielerwahl, die schauspielerischen Leistungen, die Musik, die beeindruckenden Bilder und die Vielschichtigkeit des Films sind ziemlich gut gelungen.

Die Stimmung einiger Szenen wird teilweise sehr schön wiedergegeben. Man glaubt sofort, dass Rob wirklich von Wissensdrang getrieben wird. Der Konflikt zwischen seiner Neugierde und der religiösen Realität, in der er sich befindet, wird ganz wunderbar deutlich. Die schändliche Zurückgebliebenheit des christlichen Europa muss den Zuschauer einfach empören. Und die Zivilisiertheit der Juden und Moslems muss Respekt einflößen.

Ibn Sina wird wie der höchste Repräsentant der Menschheit dargestellt. Seine Weisheit und Intelligenz sind fast ebenso schön wie die großartigen Bilder von prächtigen Bauten der Perser. Auch die zwischenmenschlichen Dynamiken werden auf sympathische Weise realisiert, wie etwa in der kleinen Romanze zwischen Rob und Rebecca, oder in den Schüler-Lehrer-Beziehungen in Ibn Sinas Schule und zwischen den verschiedenen Autoritäten, die auf subtile und weniger subtile Weise ihre Machtkämpfe führen. All das macht den Film sehenswert, wenn auch nicht grandios, da der Film zwar Pathos hat, aber zu wenig Eros.

Die hässliche Seite des Films


Andererseits hat der Film seine hässliche Seite. Denn irgendwie wirkt der Film trotz der vielleicht guten Intentionen irgendwie propagandistisch und dabei nicht gerade im besten Sinne. Demokratische und soziale Propagandafilme sind oft allein schon deswegen sehenswert. Aber Propaganda für die Überlegenheit des Okzidents und die prinzipielle Unterlegenheit des Orients ist kaum schön darzustellen. Sie muss hässlich und ein wenig Ekel erregend sein. Viele Zuschauer werden diesen Aspekt des Films übersehen haben, aber er ist definitiv vorhanden.

Ibn Sina, Rob Cole und der Schah

Der Film weicht von der Handlung her an einigen relevanten Stellen stark von der Buchvorlage ab. Und das geschieht sicher bewusst, um der okzidentalen Ideologie der Überlegenheit des christlichen Abendslandes Tribut zu zollen. Rob sieht zwar ein, dass das christliche Europa rückständig ist und dass Forschung nötig ist. Aber schon die Tatsache, dass er sich als Jude tarnen muss, ist wohl ein wichtiger Aspekt der westlichen Propaganda im Film. So wirken die muslimischen Perser gegenüber den Christen etwas unfair und sogar unterdrückerisch. Auch die antisemitisch wirkenden Ressentiments im Film von Seiten einiger Moslems erzeugen einen ähnlichen Eindruck. Die hochgläubigen muslimischen Mullahs wirken weltfremd, etwas fanatisch und zugleich korrupt. Auch scheint das Verbot der Autopsie und Sektion ("Schändung") hinderlich zu sein. Daher kommt es der nötigen Dramatik des Films entsprechend auch zu einer Beulenpest in Isfahan. Ibn Sina und seine Schüler retten die Stadt, natürlich durch Robs geniale Auffassungsgabe.

"Mut kennt keine Grenze". Stimmt,
denn im arabischen Raum kämpfen
auch kleine Jungs mit Steinen gegen
tyrannische Regimes.
Rob kommt ja nicht umsonst aus dem Westen. Was ihn so besonders macht, ist das gläubige Herz von einem, der auszog, um die Wahrheit in der christlichen Nächstenliebe, hier am Beispiel der Medizin, zu finden. Die kleine Sünde, dass er sich und seinen christlichen Glauben verleugnet, um sein großes Ziel zu erreichen, ist zutiefst menschlich. Im Film heiligt der christliche Zweck somit die Mittel. Da ist die kleine Lüge und die Affäre mit der verheirateten Frau halb so schlimm, wie es scheint. Auch, dass er unerlaubter Weise den Leichnam eines Patienten seziert erscheint nicht nur als mutige Tat im Widerspruch zu allen drei abrahamitischen Religionen von Judentum, Christenheit und Islam, sondern auch als der wahre Kern des abendländischen Denkens: Wissenschaft und Moral in einer neuen Einheit. Wissenschaftliche Notwendigkeit und moralische Notwendigkeit müssen, so belehrt uns der Film, durch mutige Einzelpersonen, die keine Angst haben vor scharfer Kritik von allen Seiten, vereint werden. Aber nicht nur Wissenschaft und Moral finden im Film in unserem guten Christen Rob Cole zusammen.

Auch die Politik kommt nicht zu kurz. Die christlich-idiotischen Dogmatiker im mittelalterlichen Okzident kommen im Film zwar schlecht weg, aber sie sind ja ungebildet, dumm und egozentrisch. Dennoch haben sie die ein hervorragendes Individuum hervorgebracht wie Rob Cole, der zudem ein wirklich guter Christ ist, obwohl er betrügt und ehebricht. Denn sein Kampf für den guten Zweck auch gegen den Widerstand der alten,  konservativen Moral der etablierten Mächte rechtfertigt offenbar seine kleinen Sünden. Immerhin laufen da draußen weit größere Gefahren herum, repräsentiert von pesttragenden Flöhen und Ratten, fanatischen Mullahs, autokratischen Schahs, eifersüchtigen Ehemännern und barbarischen Seldschuken, die keine Moral und keinen Gott kennen. In solch einer Welt muss, so suggeriert der Film, offenbar gelogen und betrogen werden. Für außergewöhnliche Individuen gilt scheinbar keine moralische Grenze. Am Ende beichtet der gläubige Christ freilich seine Sünden und wird dadurch auch noch zum christlichen Heiligen und Märtyrer angesichts der drohenden Verurteilung durch Christen, Juden und Moslems. Aber der Film lobt die Überschreitung der Moral aller Religionen im Sinne des höheren Zwecks.

Geopolitische Ansagen macht der Film scheinbar auch. Es ist kein Zufall, dass der etwas tyrannische Schah sich mit Rob Cole anfreundet. Es ist auch kein Zufall, dass die muslimischen Mullahs irgendwie fanatisch und zugleich korrupt wirken. Es ist auch kein Zufall, dass die Seldschuken, diese gottlosen Mörder von Frauen, Kindern und betender Moslems, als das größte Übel erscheinen. Es ist auch kein Zufall, dass sich diese atheistischen Seldschuken ausgerechnet mit den religiösen Mullahs verbünden, um den Schah zu stürzen. Es ist noch weniger ein Zufall, dass dieses Szenario an Ereignisse im 20. Jahrhundert erinnert.

Man tausche Rob Cole durch den neokonservativen Westen, angeführt von den USA und Großbritannien, den persischen Schah des Mittelalters durch den persischen Schah Reza Pahlewi, die damaligen Mullahs durch die Mullahs von Ayatollah Chomeini und die atheististischen Seldschuken Persiens durch die atheistischen Kommunisten Irans aus und schon hat man eine neokonservative Propaganda gegen das heutige iranische Regime.

Tatsächlich waren die iranischen Mullahs mit Hilfe der iranischen Kommunisten an die Macht gekommen, indem sie den Schah stürzten. Der Schah ist in den Augen der israelischen, amerikanischen und europäischen Neokonservativen ein kleineres Übel gewesen. Und die Sünde der Kriegsführung gegen das heutige iranische Regime wäre die kleinere Sünde im Vergleich zur Unterlassung und zur Unterordnung unter die etablierte Moral. Dass der Schah in Wirklichkeit beim iranischen Volk verhasst war, das kümmert nicht wirklich, denn die Mullahs sind ja heute noch verhasster.

Und der Okzident repräsentiert ja den Fortschritt, der auch mit militärischer Gewalt, Lug und Trug durchgesetzt werden darf, wie der Film es so plastisch darstellt. Der außergewöhnliche Kreuzfahrer des fortschrittlichen Westens darf sich demnach über die Rückschrittlichkeit des Ostens erheben und diesen zur Not mit Lüge und Gewalt im Namen der christlichen Nächstenliebe und des Fortschritts unterwerfen.

In der Epoche des "War on Terror" neokonservativer A*schgesichter gegen unliebsame Regierungen und Massenbewegungen, in der ein Regime nach dem anderen gestürzt wird und in dem die Region des Nahen Ostens nicht bloß die Realität eines großen Bürgerkrieges, sondern auch das Potenzial eines größeren regionalen und internationalen Krieges verschiedenster Mächte in sich birgt, ist diese Darstellung Teil einer neokonservativen Propaganda im Sinne der Herrscher dieser Welt. Die Moral in Der Medicus kann leicht im Sinne der westlichen Kriegstreiber-Rhetorik gedeutet werden. Der Zweck, "Freedom & Democracy", heiligt demnach die Mittel, Lug, Trug, Heuchelei, Mord und Totschlag. Die neokonservative Agenda der großen Westmächte kann so verharmlost und gefördert werden. Wenn abgefuc&te Kreaturen wie der androgyne Terrorlord "Angelo Merte", der scheindemokratische "Obamaniac", der ultrarechte "Netanjahova" und die im Kern nur nach Liebe dürstende russische Pu§§mu++er "Putain" Rhetorik des common sense und des common good in ihre Fre$$en nehmen, dann teilen sie im Grunde die Moral des neokonservativ gedeuteten Medicus. Die katastrophalen Resultate dieser Doppelmoral sind bekannt.

Neokonservative Moral


Insofern ist Der Medicus von Stölzl ein schöner Film einerseits und eine hässliche Propaganda für den Neokonservatismus andererseits. Denn die feine Romanhandlung, die Idee des Fortschritts durch Synthese der besten Erkenntnisse und der Überschreitung von Grenzen und die kluge Darstellung politischer Dynamik wird überschattet von westlicher Arroganz, neokonservativer Heuchelei und orientalistischer Stereotypenbildung. Die Crux der Sache ist, wie man den Film rezipiert. Leider kann Der Medicus leicht neokonservativ und eurozentrisch gedeutet werden.

Sonntag, 9. Februar 2014

Ein paar sehenswerte Videos über den "Nahostkonflikt" und demokratische Israelkritik

Bild von Fotolia

Eretz Nehederet / Wundervolles Land - Antizionismus in Israel


"72 min Hebräisch/Englisch/Deutsch mit deutschen Untertiteln
Was hat der Zionismus aus der israelischen Gesellschaft gemacht?
Die Frage scheint paradox und ist doch zentral für die israelische Linke: Der Zionismus hat die israelische Gesellschaft überhaupt erst erschaffen -- und zugleich ein Knäuel aus Militarismus, permanentem Ausnahmezustand und rassistischer Ausgrenzung hervorgebracht.
Im Dokumentarfilm «Eretz Nehederet / Wundervolles Land» nehmen Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener linker Organisationen jene Mythen auseinander, die die israelische Gesellschaft von Anfang an bestimmen, und stellen ihnen die politischen Realitäten des Landes gegenüber. Schnipsel aus Spiel-, Dokumentar- und Propagandafilmen zeigen, wie tief die herrschende Ideologie im medialen Bild verankert ist und von welchen Brüchen sie durchzogen ist.
Es entsteht ein Porträt der radikalen Linken in Israel und eine Hommage an die Subversiven des Landes."


Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust


"Die Araber und der Holocaust - Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" (http://www.juedische-stimme.de/) und die "Edition Nautilus" (http://www.edition-nautilus.de/progra...) laden ein zu Buchvorstellung, Lesung und Gespräch mit dem Autor Gilbert Achcar. Fanny Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, stellt das soeben auf Deutsch erschienene Buch vor.
In dem bereits auf Englisch, Arabisch und Französisch erschienenen Buch unternimmt Gilbert Achcar eine längst überfällige, umfassende und differenzierte Darstellung der unterschiedlichen arabischen Reaktionen auf den Holocaust. Er erörtert, wie ein Krieg der Narrative um den Holocaust und die Nakba entbrannte. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag gegen Vorurteile und Rassismus in jeder Form, seien sie antiarabisch, antimuslimisch oder antisemitisch, und eine Grundlage für die Verständigung im Nahost-Konflikt."


Israeli Leftist Antizionist Tikva Honig-Parnass on 60th anniversary of Israel


"Israeli Writer-Activist Tikva Honig-Parnass, Who Fought for Israel's Founding in 1948, on 60 Years of Palestinian Dispossession and Occupation
We continue our coverage of the sixtieth anniversary of the founding of the state of Israel, what Palestinians call the Nakba, or catastrophe. We begin with Tikva Honig-Parnass, an Israeli who fought with Jewish paramilitary units and the Israeli army, participating in the military operations that expelled over 750,000 Palestinians. Today, she's an anti-Zionist leftist writer and activist who has been involved with anti-occupation, women's, and Mizrahi movements in Israel since the 1960s."


Shlomo Sand: Challenging notions of a Jewish People


"Israeli Professor Shlomo Sand talks up the ideas of his new book, The Invention of the Jewish People, challenging the underlying logic of the State of Israel as a homeland for the Jewish People.
He argues those who claim to be of the Jewish People cannot claim a blood connection with the original Jewish inhabitants of the Holy Land, but converts along the way. His book was a best-seller in Israel for 19 weeks in 2009."


Norman Finkelstein: The Coming Breakup of American Zionism



Amira Hass: Israel - Palestine - Fear of the Future


"Award winning Israeli human rights journalist Amira Hass spoke in Winnipeg on September 30, 2011 about the need to end Israel's occupation of Palestinian territory. Her visit was sponsored by Canadians for Justice and Peace in the Middle East and KAIROS: Canadian Ecumenical Justice Initiatives.
Camera: Paul S. Graham and Harold Shuster
Editing and production: Paul S. Graham, http://paulsgraham.ca"



Noam Chomsky: US Israeli Crimes Against Palestine


"Noam Chomsky Speaks at Brown University Filmed by Paul Hubbard Additional camera - Robert Malin Sponsored by Common Ground - Apr-20-2010"


Moshe Machover: Completing the Arab revolution


"This video was taken at the Communist Party of Great Britain’s annual school, the Communist University, which took place from August 9 – 16 2008 in south London. For more info, reports and comments visit www.cpgb.org.uk"


Moshe Machover - Iran, Israel, and nuclear weapons


"Moshe Machover discusses the tensions between Iran and Israel and the effect of nuclear weapons on the region at the Hopi weekend school (June 14-15)."







Samstag, 8. Februar 2014

Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit einer Freundin in der Bahn über Politik geredet habe. Wir waren uns einig, dass Politik und Liebe zusammengehören. Sie meinte sogar wörtlich: "Politik ist Liebe!" Jemand, der uns lauschte, spottete aus der Entfernung über dieses Gespräch oder diese geniale Idee. Ja, die Idee ist wirklich merkwürdig. Zugegeben. Aber ich halte an ihr fest.

Politik und Politikverdrossenheit


Ein Großteil der Weltbevölkerung ist politikverdrossen. In Deutschland ist das Problem seit vielen Jahren bekannt. Die Leute haben keinen Bock mehr auf Politik. Sie erwarten von ihr nichts mehr. Oder sie erwarten, nur noch verarscht zu werden. Fast allen Menschen ist klar, das Politik ein dreckiges Geschäft ist, in dem man sich kaum mit Ruhm bekleckern kann, aber mit viel Schmutz. Die real existierende Politik ist moralisch verkommen und intellektuell bankrott. Sie ist unredlich und verlogen. Sie dient ganz offenbar nicht den Interessen der Weltbevölkerung, sondern einer verschwindend winzigen Minderheit. Die 99% stehen gegen 1%, zu dem die politische und wirtschaftliche Elite der Welt gehört. Die Elite ist unser Feind. Wir sind der Feind der Elite. Das wissen die meisten von uns und daher kümmern wir uns meist nicht um das, was die da oben machen.

Politik und Politisierung


Obwohl ein Großteil der Bevölkerung zum großen Teil politikverdrossen ist, ist doch nie die ganze Bevölkerung ganz politikverdrossen. Irgendjemand will bestimmt auch in der tiefsten Umnachtung noch Politik machen. Und das ist kaum zu vermeiden. Leute sind ja noch nicht völlig kontrollierbar, sondern bloß manipulierbar. Das wissen auch die politischen und wirtschaftlichen Eliten, deren Privilegien von Politik abhängen. 

Da die Bevölkerung nicht völlig kontrolliert werden kann, muss sie zumindest in Schach gehalten und in gewissem Rahmen gelenkt werden. Sie muss, wenn sie zu verdrossen ist, wieder für Politik mobilisiert werden. Politisierung ist also ein politisches Mittel der Politiker, um ihre Ziele zu erreichen. Die Ziele sind vor allem ein hohes Gehalt, eine gesicherte Rente, Bankkonten in der Schweiz, Ruhm und Ehre, Macht, Weltherrschaft usw. Das Übliche eben. Andererseits können einige Ziele auch realen Menschen außerhalb des Politikbetriebs angehören. 

Politisierung funktioniert deswegen, weil den Menschen nichts anderes übrig bleibt als sich mit Politik zu beschäftigen. Wenn sie extrem ausgenommen und verarscht werden, müssen sie irgendwann das kleinere Übel wählen, damit es nicht noch schlimmer wird. Protest-Wähler wählen dann auch mal Parteien und Politiker am Rande des Establishments, also okkulte, spiritualistische, knallrechte oder völlig absurde Wahlmöglichkeiten wie die FDP und die AfD. Andere wählen aus grotesken Gründen solche Parteien wie die CDU, die Grünen oder die SPD, die sich mehr oder weniger sozial und demokratisch geben, um ihren antisozialen und elitären Charakter zu tarnen. Manche wählen vielleicht auch wirklich demokratische und soziale Parteien wie DIE LINKE. 

Die Medien helfen den Eliten für gewöhnlich aber dabei, dass nicht allzu viele Wähler die Linkspartei wählen. Sie erwähnen sie seltener. Sie machen sie lächerlich. Sie gehen nicht auf ihre Inhalte ein. Wenn sie sie erwähnen, dann meist mit negativer Konnotation oder mit Konzentration auf das Unpolitische. Politiker anderer Parteien werden dagegen weit mehr thematisiert, ernst genommen und gefeiert. Und selbst wenn die Politik oder der Stil der nicht-linken Politiker kritisiert wird, dann lenkt es dennoch von den Inhalten der Linkspartei ab. Denn DIE LINKE kann nur punkten, wenn man sich ernsthaft mit ihren Positionen auseinandersetzt, während Merkel auch dann schon punktet, wenn man Mitleid für sie hat oder sich über sie aufregt, nur um dann niemanden mehr zu wählen. Nicht-Wählen stärkt die rechten und elitären Parteien, weil deren Wähler auch dann wählen, wenn gute Leute aus Protest nicht wählen. Politikverdrossenheit kann also den Hass und die Massenverachtung in der Politik schüren. Aber es geht auch anders.

Erich Fromm

Liebenswerte Politik ist politisierte Liebe


Erich Fromm hat in seinem Klassiker Die Kunst des Liebens den Kern der Sache getroffen. Der Marxist hat in seinen Büchern die kranke Natur des Kapitalismus und des durchschnittlichen Lebens trefflich und verständlich herausgearbeitet.

So schrieb er über die Politikverdrossenheit der Menschen:

"Tatsächlich steckt er [Zynismus] hinter der Auffassung des Durchschnittsbürgers, der das Gefühl hat: 'Ich wäre ja recht gern ein guter Christ - aber wenn ich damit ernst machte, müßte ich verhungern.' Dieser 'Radikalismus' läuft aber auf einen moralischen Nihilismus hinaus. Ein solcher 'radikaler Denker' ist genau wie der Durchschnittsbürger ein liebesunfähiger Automat, und der einzige Unterschied zwischen beiden ist der, daß letzterer es nicht merkt, während ersterer es weiß und darin eine 'historische Notwendigkeit' sieht. Ich bin der Überzeugung, daß die absolute Unvereinbarkeit von Liebe und 'normalem' Leben nur in einem abstrakten Sinn richtig ist." 

Ein Satz ist besonders eindeutig, was Politik im Kapitalismus und die Liebe angeht:

"Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrunde liegende Prinzip und das Prinzip der Liebe."

Fromm sagt also, es gibt zwei Prinzipien, die sich gegenseitig ausschließen. Der Kapitalismus ist der Feind aller Liebe. Er ist ein liebloses, kaltes System "toter Arbeit", die die Liebesfähigkeit der Menschen unterdrückt und in Zynismus und Nihilismus verwandelt. Wo auch immer Liebe auftaucht, da stört der Kapitalismus den oder die Liebenden daran, die Liebe zu verwirklichen. 

Auch deswegen ist heute die romantische Vorstellung von Liebe in den Liebesfilmen so attraktiv. Im echten Leben ist so eine Liebe so gut wie unmöglich. Sie wird immer wieder von den Realitäten zunichte gemacht. Hegel sagte: "der Konflikt zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse sowie dem Zufalle äußerer Umstände" sei typisch für die moderne Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft. 

Hegel hatte Recht. Denn in den Liebesfilmen wird nur aufgegriffen, was sich die durchschnittlichen Bürger der bürgerlichen Gesellschaft bloß erträumen oder eben in Form von Kunst genießen können. Die "Prosa der Verhältnisse", das graue alltägliche Leben, zieht auch die höchsten Höhenflüge der Liebe in den graubraunen Sumpf des kapitalistischen Alltags. Dieser Alltag besteht aus monotoner Arbeit, monotoner Freizeit und illusionären Träumen. Es ist doch absolut natürlich und menschlich, dass die Leute dann zu Drogen, Gewalt, Kriminalität, Hass, Zerstörung und Selbstzerstörung greifen, um in solch einem prosaischen Leben ihre eigene Lyrik auszudrücken. Allerdings wäre es wiederum zynisch und nihilistisch, diesen status quo einfach hinzunehmen. Es ist ein inakzeptabler und absolut bekämpfenswerter Zustand. 

Wer will, dass seine oder ihre Kinder in so einer gottlosen und gottverdammten Welt aufwachsen müssen? Gibt es völlig gewissenlose Maschinen, denen es gleichgültig ist, wie ihre Nachfahren leben müssen? Schämen sich diese Menschen nicht, wenn sie existieren? Wahrscheinlich gibt es völlig verkommene Kreaturen, denen all das egal ist. Es sind lebende Tote oder "Cyborgs der Maschinerie" (Cr7z), die daher keine Moral und keine Scham kennen. Sie machen einfach. 


So machen sie auch Politik. Die Politik für solche Menschen und von solchen Menschen ist Politik in den Abgrund, Politik in die Selbstauslöschung, Politik, deren Damoklesschwert nicht nur über das seelische Überleben der Menschlichkeit, sondern auch über das physische Überleben der Menschheit urteilt. Fromm drückte das so aus: "Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen Veränderung des Herzens ab." Radikale Veränderung des Herzens? Yoga? Meditation? Ja, auch. Aber es geht vor allem darum, die eigene Einstellung zum Leben radikal zu ändern, indem das "Wesen des Menschen" anders aufgefasst wird als bisher:

"Das Wesen der Liebe zu analysieren, heißt ihr allgemeines Fehlen heute aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen Kritik zu üben, die dafür verantwortlich sind. Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet."

Doch was soll solch ein Wandel bringen? Fromm stellt fest: "Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen." Die meisten Menschen, die ganzen Horden von "Zombies" und "Cyborgs" da draußen, haben keine Motivation zum Leben. Sie vegetieren wie Gemüse vor sich hin. Da hilft auch lautes Kichern, Saufen, Abtanzen und wilder Sex nichts. Sie bleiben dennoch lebende Tote. Denn es fehlt ihnen an echter Motivation. Christoph Hess, ein moderner Philosoph von heute, hat in vielen seiner Texte diese Idee ausformuliert. In einem Text über die Unendlichkeit sagt er: "Ich entschuldige mich bei dir, dass ich träume, denn deine Euphorie für das Sein wurde endgültig abgeführt." Er provoziert damit natürlich. Aber zugleich erklärt er, was er unter Motivation versteht: 

"Liebe braucht keine Motive, Liebe ist Motivation".

Liebe ist Motivation. Liebe treibt Menschen wirklich an. Fromm sagt "Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt." Fromm geht noch weiter. Er reduziert Liebe nicht auf die erotisch-sexuelle Liebe, sondern versteht sie weit umfassender. Fromm insistiert darauf, "daß sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis." Eine Definition Fromms von Liebe ist besonders beachtenswert:

"Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben." 

Es gibt natürlich auch andere Motive und andere Motivationen, aber im Grunde handelt jeder Mensch mehr oder weniger aus Liebe und Motivation. Sogar die schlechtesten Menschen sind im Grunde von einer Abart der Liebe getrieben. Auch in diesen Menschen steckt irgendwo, so darf man annehmen, ein guter und liebenswerter Kern, denn sie sind Menschen, selbst wenn sie "Zombies" oder "Cyborgs" der kapitalistischen Maschine sind.



Auch der jämmerlichste Nazi-Köter ist trotz seiner Unbarmherzigkeit im Geiste ein kleines Kind, das nur gedrückt und geliebt werden will. Aber keiner liebt Nazis. Deswegen hat man keine Toleranz für Nazis und keinen Sex mit Nazis. Da hilft ihnen ihr "Schrei nach Liebe" (Die Ärzte) auch wenig. Nazis sollen aufhören, Nazis zu sein. Dann kuschelt man auch mehr mit ihnen. Natürlich "kuscheln" Nazis auch viel miteinander. Es soll ja auch eine homosexuelle Untergrund-Szene im Nazi-Untergrund geben, in der sich Menschen ganz besonders nach Liebe sehnen und vielleicht auch deswegen Nazis geworden sind, weil unsere Gesellschaft sie diskriminiert. Aber das "Kuscheln" von Nazis ist natürlich nicht wirkliches Kuscheln, sondern bloß die Imitation zärtlicher Verhaltensweisen, damit sie sich nicht wie die völligen Schwachköpfe und lieblosen Zombies fühlen, die sie sind. Jedenfalls sehnen sich auch Nazis in ihrem tiefsten Inneren nach einer liebenswerten Politik und nach politisierter Liebe.



Liebenswerte Politik und politisierte Liebe sind im Grunde das selbe. Solche Politik und Liebe sind der "Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat" (Fromm). Aber da solch eine Gesellschaft noch fern ist, müssen Politik und Liebe darauf hinarbeiten, die gewünschte Gesellschaft zu erreichen. Politik und Liebe gehören untrennbar zusammen, sofern man liebenswerte Politik machen will, sofern man als Politiker und Nicht-Politiker geliebt werden will.

Aber erst die "menschliche Gesellschaft" (Marx) ist eine Gesellschaft, die von liebenswerter Politik und politisierter Liebe dominiert wird. Bis dahin ist es noch weit. Bis dahin werden wohl noch viele ultrarechte, konservative, liberale, linksliberale, GroKo-mäßige und pseudosozialistische Regierungen gestürzt. Erst eine Regierung, die im Grunde schon keine Regierung mehr ist, weil sie nicht mehr systematisch unterdrückt und ausbeutet, wird eine liebenswerte Regierung sein, die auf eine liebenswerte Gesellschaft zusteuert, indem sie die Liebe politisiert und liebenswerte Politik macht. Sowas gab es bisher nur sehr selten. Und immer, wenn es das gab, wurde der Versuch niedergemacht von hasserfüllten Menschen...

Donnerstag, 6. Februar 2014

Große Geister und Kleingeister

Große Denker werden spätestens nach ihrem Tod meist entsetzlich entstellt oder vollkommen vergessen. Alles von Format wird formatiert, alles mit Bedeutung umgedeutet. Das geschieht solange bis die Wurzel, der Kern, das radikal Neue an einem Gedanken genauso langweilig gemacht wird wie das lange schon Gewohnte. Der radikale Inhalt wird entleert und entsorgt. Bloß die Hülle bleibt. Es ist wie mit einer Wohnung, von der bloß die Fassade übrig bleibt, während die persönliche Innenarchitektur meist schwindet, sobald ein neuer Geist die Wohnung bezieht.

Die kafkaeske Verwandlung 


Solche Umwandlung ist normal in der Klassengesellschaft, aber in der kapitalistischen Klassengesellschaft nimmt dieser Umwandlungsprozess geradezu perverse, kafkaeske Züge an.

Die Verwandlung von Franz Kafka stellt diese hässliche Wahrheit ganz schön dar. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Obwohl Gregors Kern als geliebter Sohn der Familie Samsa derselbe geblieben ist, verwandelt er sich für seine Familie in ein ekelhaftes Ungeziefer. Er wird damit in eine neue Hülle gesteckt, die mit seinem Kern nicht mehr viel gemein hat. Zugleich gewöhnt sich die Familie an die neue Hülle Gregors, nur um aus ihm am Ende einen toten Hund (oder Käfer) zu machen.

Hegel, ein toter Hund?


Hegel, der größte Denker unter den Deutschen Idealisten des 19. Jahrhunderts, wurde wie so viele große Denker zum toten Hund erklärt - und das schon zu Lebzeiten! Denn wer die lebendigen Gedanken eines großen Denkers sterilisiert, der behandelt auch den Denkern wie einen kastrierten Hund, der kein Leben mehr schaffen kann. ;-)

Marx hat sich über diese Behandlung Hegels zurecht empört. Ein längeres Zitat mag veranschaulichen, was gemeint ist:

"Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des 'Kapital' ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als 'toten Hund'. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken."

Seht ihr tote Hunde?


Wie mit Hegel ging man dann auch mit Marx um, sobald er tot war. Aus einer lebendigen Philosophie des größten revolutionären Denkers bis heute wurde ein Idiot gemacht. Man brachte Phrasen über das Hineinwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus, über staatliche Allheilmittel und über die naturgesetzliche Unvermeidbarkeit des Kommunismus. Mit Marx hatten diese Ideen nicht mehr viel zu tun. Sowohl die Sozialdemokraten wie auch die Stalinisten "verhundsten" Marx auf solche Weise.

Aber ihre Regierungsgewalt überwältigte auch die schärfsten Kritiker diese Idiokratien, dieser Regierungen der Idioten. Rosa Luxemburg wurde 1919 mit Hilfe der SPD-Bonzen erschossen, Trotzki wurde 1940 von einem Agenten Stalins mit dem berühmten Eispickel erschlagen und Chen Duxiu wurde 1929 für Stalins völliges Versagen in China aus der Kommunistischen Partei Chinas ausgeschlossen, sodass er 1942 relativ ohnmächtig sterben musste. Auch Adorno, Brecht, Einstein, Gramsci, Luxemburg, Marcuse, Zetkin etc. bellten zu laut. Sie alle wurden im Anschluss wie tote Hunde behandelt. Man wollte sie einschläfern, um sie dann auszustopfen. Denn der radikale Kern dieser Denker war gemeingefährlich.

Das ist dem klügeren, gemeinen Bürger bewusst. Er weiß, dass sie die Gemeinheit des Bürgers gefährdeten. Denn sie kritisierten die bestehenden Verhältnisse, die Zwänge, die Unfreiheit, die Unterdrückung, Knechtung, Ausbeutung durch das Bürgertum. Man musste diese Hitzköpfe kalt stellen. Dafür mussten sie also begraben und totgeschwiegen werden. Und wo sie nicht totgeschwiegen werden konnten, hat man sie in totlangweiligen Sendungen totgesagt oder in Grund und Boden geschimpft.

Doch Totgesagte leben länger. Und die Gespenster großer Denker lasten wie ein Alp auf den Schultern der bürgerlichen Gesellschaft. Und sie spuken noch immer, um die Bourgeoisie in Angst und Schrecken zu versetzen.

"'Elwood' wurde 2007 zum 'hässlichsten Hund der Welt' gewählt.
Jetzt ist der Mix aus Chinesischem Schopfhund und Chihuahua gestorben",
so die BILD-"Zeitung", das dreckige Kampfblatt



Mittwoch, 5. Februar 2014

Menschen, Recht und Menschenrecht

In diesem Artikel geht es um das Verhältnis von Rechten und speziell Menschenrechten zu ihren Schöpfern, den Menschen. Teil 1 der Serie über Menschenrechte und Klassenkämpfe.

Menschen, Rechte und Menschenrechte


Es existiert kein Recht und kein Menschenrecht ohne Menschen. Menschen machen sich ihre Rechte. Menschenrechte sind daher nicht angeboren, sondern sozial konstruiert. Sie entstehen im Kopf der Menschen und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne Menschen, die für Recht und Menschenrechte eintreten, gibt es keine Rechte und keine Menschenrechte. Der Mensch ist also die Wurzel des Rechts. Das Recht an seiner Wurzel zu erfassen, am Menschen, ist radikal sein in Bezug auf Recht und Ordnung.

"Recht", "Recht haben", "Recht behalten" usw. sind also soziale Konstrukte, Erfindungen der Menschen. Es sind im Grunde Ideen oder Werte, die das Handeln der Menschen anleiten sollen, damit es nicht zu unnötigen zwischenmenschlichen Problemen, d.h. zu Unrecht, kommt. Unrecht ist ebenfalls eine soziale Konstruktion, aber das ändert nichts daran, dass Recht und Unrecht äußerst real sind. Überall auf der Welt gibt es Recht und Unrecht in ganz großem und in ganz kleinem Maßstab. Zum einen gibt es bereits Unterdrückung zwischen zwei Menschen, familiäre Unterdrückung, häusliche Gewalt, Mobbing, Kriminalität und strukturelle Gewalt auch in den aller modernsten Gesellschaften. Diese müssen im Sinne des Rechts bekämpft werden, wenn nötig auch mit Hilfe staatlichen Rechtes oder mit kleinen, persönlichen Aufständen. Zum anderen gibt es ganz großes Unrecht auf höchster Ebene.

Aber alles echte Recht der Welt steht auf Seiten der Unterdrückten und entlarvt ausnahmslos alle Unterdrücker und Tyrannen dieser Welt. Insofern sind Ausdrücke wie "Recht haben" oder "Recht behalten" absolut treffend. Recht haben, Rechte, Anerkennung und Achtung der Menschenrechte, Wahrheit, Ehrlichkeit, Ehrwürdigkeit, Würde und Kampf für Menschenrechte gehören ohne Zweifel zusammen. "Unrecht haben" und "bloß gestellt sein" sind ebenso treffend. Denn Unrecht haben, Unrecht, "Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte", Lug, Trug, Würdelosigkeit, Heuchelei und Tyrannei gehören ohne Zweifel ebenfalls zusammen


Das Problem ist, dass sich Unrecht stets als Recht tarnt. Auch die größten Tyrannen schämen sich nicht, Worte wie "Wahrheit", "Freiheit", "Gerechtigkeit", "Gleichheit", "Demokratie", "Recht" usw. mit ihrer Heuchelei zu beschmutzen. Solche Heuchelei dient immer der Verkleidung von Egoismus, Partikularinteressen und Unrecht im strahlenden Kleid des Rechts. Tyrannen schmücken sich nicht umsonst immer mit den Insignien und Reliquien von Heiligen, Märtyrern und Freiheitskämpfern.

Gerade die Staatsmacht und die sogenannte "Herrschaft des Rechtes", gleich wie modern die jeweilige Gesellschaft ist, dienen ja vor allem den Interessen des jeweiligen Staates und den Herrschenden. Durch "die Herrschaft des Rechts" behalten die Herrschenden Recht. Das herrschende Recht ist in der Klassengesellschaft an sich stets das Recht der Herrschenden, der herrschenden Kapitalisten, der stärkeren Klassen, des Stärkeren. Wie die herrschenden Gedanken die Gedanken im Sinne der Herrschenden sind, ist das herrschende Recht im Sinne der Herrschenden.

In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wird der "Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung" als "letztes Mittel" zum Zweck der Durchsetzung von Menschenrechten benannt:

"[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen [...]"

Da Aufstände nie völlig friedlich sein können, wurde damit also die Gewalt als legitimes Mittel gegen Tyrannei und Unterdrückung durch die Unterzeichnerstaaten der Erklärung anerkannt. Die Erklärung wurde also im Sinne von Staaten unterzeichnet, die sich die internationale Durchsetzung der Menschenrechte auf die Fahne geschrieben haben. Das geschah nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des bisher barbarischten und tyrannischsten Menschenmordes der Weltgeschichte, was ausgerechnet vom hochmodernen deutschen Staat und seinen Verbündeten und den Alliierten umgesetzt wurde. Nach dem Massenmorden kam die späte Erkenntnis, dass man durch internationales Recht oder frühzeitigen Aufstand viele unnötige Todesopfer hätte verhindern können. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 diente also vor allem der Beruhigung der Gewissensbisse der Herrschenden und der Legitimation der damals herrschenden Staatsmächte.

"Demokratie"? Die Herrschaften ("Kratie") pissen auf das Volk ("Demo(s)"), Karikatur von Oliver Schopf: http://www.oliverschopf.com/img/pol_kar/welt/w603x486/demokratie_protest.jpg





Woher kann man wissen, dass nicht die Rettung echter Menschenleben und echtes Recht die oberste Priorität bei der Erklärung einnahmen? Ganz einfach. Im selben Jahr als die Erklärung proklamiert wurde, 1948, wurde z.B. mit Hilfe einiger Unterzeichner-Staaten jegliches Menschenrecht mit Füßen getreten und mit ihm gleich hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und unzählige ermordet, misshandelt und vergewaltigt, um den Staat Israel auf ehemals palästinensischem Boden zu sichern.

Als Antwort auf die Gründung Israels kam es in den umliegenden arabischen Staaten zu einem gewaltsamen Aufstand gegen das, was sie als ungeheuerliches Unrecht und als Heuchelei einiger Unterzeichner-Staaten auffassten: die Beraubung und Vertreibung hunderttausender Menschen von ihrem "rechtmäßigen" Territorium. Die Zionisten, die mit allen Mitteln für die Gründung eines jüdischen Staates kämpften, sahen das natürlich anders. Für viele von ihnen war Palästina das "rechtmäßige" Territorium der Juden.

Dass dieser Zwist um Recht und Unrecht bis heute anhält und den Weltfrieden nicht nur bedroht, sondern völlig unmöglich macht, zeigt wie wichtig es den Menschen ist, "Recht zu behalten", "Recht zu haben". Dass der Konflikt erst ein Ende nehmen kann, wenn ein sogenannter "Rechtsstaat" in diesem Gebiet gegründet wird, der allen seinen Anwohnern, Einwohnern und Bürgern gleiches Recht zugesteht, ist den linken Antizionisten und linken Postzionisten schon lange klar. Aber Nationalisten und Zionisten diverser Länder wollen solch eine Lösung offenbar nicht, weil es ihre Herrschaft oder ihre Privilegien bedrohen würde.

Wenig später kam es 1950-1953 zum Korea-Krieg, in dem die zwischen Nordkorea, der UdSSR und China einerseits und Südkorea und den USA andererseits ein weiterer katastrophaler Krieg ausbrach, in dem allein über eine Million Chinesen, eine Million Südkoreaner und zwei einhalb Millionen Nordkoreaner starben, nur um beim Eroberungskrieg die selben Grenzen wie zuvor wiederherzustellen und bis heute die militarisierteste Region der Welt zu schaffen. Man darf daran zweifeln, ob es den Kriegsführern um Menschenrechte ging.

Die USA bekleckerten sich schon seit den 50er Jahren nicht mit Ruhm als sie in der "McCarthy-Ära" Kommunisten, Sozialisten, Radikale, Demokraten und unpolitische Bürger verfolgten. Presse- und Gewissensfreiheit sind offenbar ohnehin nicht das Ding des amerikanischen Staates. Aber der amerikanische Vietnam-Krieg von 1965-1975 überbot alle bisherigen Schandtaten der USA noch bei weitem. Wie der Korea-Krieg war auch der Vietnam-Krieg ein Stellvertreter-Krieg zwischen der westlichen und der östlichen Supermacht und wieder ging es um ein geopolitische Aufteilung eines Landes nach politischen Sympathien. Diesmal siegten jedoch die Stellvertreter des Ostblocks, indem sie ganz Vietnam eroberten und dem amerikanischen Kriegsterror zehn Jahre lang Widerstand leisteten. Die Bilanz des Krieges schloss bis zu vier Million tote Zivilisten und Soldaten ein, aber auch hunderttausende Verletzte, Traumatisierte und Deklassierte. Es ging hier nicht um Menschenrecht, sondern um Klassenkampf und Geopolitik.

Die Liste der Verbrechen der Unterzeichner-Staaten kann beliebig lang weitergeführt werden. Der staatlichen Untaten und Gräuel gibt es unzählige. In der Klassengesellschaft erfolgen Tyrannei und Unterdrückung mehrheitlich durch staatliche Bürokratien und die Herrschenden, da die Macht der herrschenden Klassen und die Staatsmacht zusammen die mächtigsten Gruppen auf diesem Planeten sind. Aber selbst die modernsten Staaten sind heute nicht frei von Tyrannei und Unterdrückung.

Der deutsche Staat unterdrückt seine Bevölkerung auf subtile und offensichtliche Weisen. Außerdem unterdrückt er gewisse Gruppen der Gesellschaft kaum, während er andere in hohem Maße zu unterwerfen versucht. Seine unterdrückerischen Methoden umfassen zum einen subtile Maßnahmen wie strukturelle Gewalt, systematische und tolerierte Diskriminierungen und staatliche Ideologieproduktion durch Medien, Zensur und Desinformation. Zum anderen schließen seine Methoden auch erbärmliche Diffamierungskampagnen, brutale Polizeigewalt und Militäreinsätze ein.

Auf fast jeder antifaschistischen Aktion, sei sie noch so friedlich, schlagen die Bullen zu oder sprühen zumindest aus Spaß ein wenig Pfefferspray raus. Oft werden jugendliche Aktivisten gedemütigt und misshandelt, wenn sie nach einer Aktion unrechtmäßig inhaftiert werden für begrenzte Dauer. Die Polizeigewalt bei den Nazi-Blockaden gegen Demokraten und in Stuttgart gegen die bürgerlichen Demonstranten werden niemals vergessen werden. Die Polizei ist dafür da, um zuzuschlagen. Sie ist der tollwütige Pitbull des Staates.

Dieser Staat ist ein Staat, der die Menschheit hasst. Sogar einen Großteil seiner eigenen Bevölkerung behandelt er wie Abschaum, aber andere Völker behandelt er noch viel schlimmer. Oberst Klein, der für die Ermordung von Zivilisten in Afghanistan auch noch zum General befördert worden ist, ist nur ein Beispiel für die Menschenverachtung durch den bundesrepublikanischen Staat.

Aber wenn sogar so moderne Staaten wie die BRD noch immer zutiefst repressiv sind, was bringen dann Rechte, Menschenrechte und andere Errungenschaften? Sind Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dergleichen dann nicht nutzlos und bloße Fassade im Sinne der Herrschenden? Nein. Die Errungenschaften, die über Jahrhunderte und Jahrzehnte erkämpft worden waren, sind neben dem Leben selbst das größte Gut für die Menschheit. Aber sind die Errungenschaften nicht automatisch gekommen? Immerhin entwickelt sich die Gesellschaft ja stets weiter. Nein. Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren. Alles andere ist schlecht gewordener Quark.

Die Erkämpfung von Menschenrechten in weltweiten Klassenkämpfen


Die gesamten Errungenschaften für die Menschheit sind also Errungenschaften, die den herrschenden Klassen im Klassenkampf abgerungen worden waren? Ist dem so? Was ist denn mit der Demokratie, mit der Gleichheit vor dem Gesetz, mit der Pressefreiheit, mit der Krankenversicherung, mit dem Verbot der Kinderarbeit, mit der Schulbildung, mit der Aufklärungsphilosophie, mit der Emanzipation der Frau und dem Ende der Sklaverei? Sind das etwa im Klassenkampf errungene soziale Errungenschaften? Kamen diese Dinge an sich nicht automatisch zustande? Waren sie nicht ein an sich natürliches Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung? Sind sie nicht Teil der menschlichen Natur?

Nein, allein schon die Idee ist zum Totlachen lächerlich. An sich wurden all diese Dinge von unterdrückten Menschen für sich errungen, mit viel Mühen und im Klassenkampf, d.h. sie sind soziale Konstrukte, die den Herrschenden aller Zeiten mit Gewalt abgezwungen wurden. Denn die Herrschenden hatten an sich zunächst keinerlei Interesse an diesen Dingen. Aber sobald die Dinge sich durchgesetzt hatten und es nicht mehr normal war, Kinder zur Arbeit zu schicken oder Bürger vor dem Gesetz offenbar ungleich zu behandeln, war es im Interesse der herrschenden Klassen, diese Errungenschaften in gewissem Maße für sich zu vereinnahmen und sie in gewisser Weise nicht anzuzweifeln.

Die Ideale der französischen Revolution mussten im Klassenkampf durchgesetzt werden.

Denn das Verbot von Kinderarbeit, von Sklaverei, von Vergewaltigung in der Ehe etc. und die selbstverständlich erscheinenden Rechte der Frau, wählen zu können, nach eigenem Gewissen abtreiben zu können, sich scheiden zu können etc. sind ebenso Früchte des schärfsten Klassenkampfes wie die Proklamation der Menschenrechte in der französischen Revolution von 1789 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.

Das Recht auf Klassenkampf ist das Recht der Menschen


Unser Fazit kann lauten: Das Recht auf Klassenkampf ist das ureigenste Recht der Menschen. Die Menschheit ist in höchstem Maße an Klassenkampf interessiert. Ohne Klassenkampf käme die Menschheit keinen Schritt voran. Es gibt aber, seit es die Klassengesellschaft gibt, an sich ohnehin keinen Moment, in dem es nicht zum Klassenkampf kam. Klassenkampf und Klassengesellschaft sind im Grunde das selbe. Das eine ist daher ohne das Andere nicht denkbar. Die Utopie einer kapitalistischen Klassengesellschaft ohne Klassenkampf ist bloßes Fantasieprodukt wie das Schlaraffenland auch. Es kann keine Klassengesellschaft ohne Klassengesellschaft geben. 

Allerdings kann Klassenkampf zurückgedrängt, gedämpft und verschleiert werden. Es kann, wie heute in Deutschland z.B., dazu kommen, dass Klassenkampf fast nur von einer Seite betrieben wird. Es kann zu einer relativen Dominanz des Klassenkampfes von oben kommen. Es kann passieren, dass sich die unterdrückten Klassen kaum wehren, stumm und passiv bleiben, während zugleich ihre innersten Klasseninteressen mit Füßen getreten werden. Die Schlangenlederstiefel der Herrschenden können unter Umständen auf die Pantoffeln der Beherrschten treten, ohne das letztere aufschreien, protestieren oder rebellieren. Das ist in Deutschland im Grunde in den letzten Jahrzehnten passiert. In Griechenland passiert dagegen zur Zeit etwas ganz Anderes. Da wird geschrien, protestiert und rebelliert was das Zeug hält. Allerdings reicht der Protest der griechischen Arbeitenden nicht aus, um die Menschenfeind-Clique des dunklen Lords Angelo Merte zu verscheuchen, die mit Klassenkampf von oben ganz Europa verwüstet.

In der französischen Revolution von 1789, in der russischen Revolution von 1917, in der deutschen Revolution von 1918, in der chinesischen Revolution von 1925-1927, in der spanischen Revolution der 30er Jahre und so weiter kam es dagegen zur Dominanz des Klassenkampfes von unten. Die unterdrückten Klassen wurden selbstbewusst und wagemutig. Daher nahmen sie sich das Recht, mit dem "letzten Mittel", dem Aufstand, die Herrschenden und Tyrannen dieser Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Dem Menschen wäre mehr von diesem "Schrecken" zu wünschen, damit überall auf der Welt die Menschenrechte durchgesetzt werden.