Donnerstag, 26. Dezember 2013

"Tote Arbeit", die tötet (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 3)

"Am 29. August 1997 endeten drei Milliarden Leben. Die Überlebenden des nuklearen Feuers nannten den Krieg den Tag des jüngsten Gerichts. Sie überlebten nur, um sich einem neuen Alptraum gegenüberzustehen: dem Krieg gegen die Maschinen."

Ein unkontrollierbares System


Der Rückständigkeit sei dank hat sich dieses Schreckensszenario im Action-Film "Terminator 2" bisher nicht bewahrheitet. Die Bedrohungen der Menschheit durch unkontrollierbare Technologien bestehen aber noch immer und werden sogar Jahr für Jahr gefährlicher. Denn der Kapitalismus konnte bisher keine Lösung für die größten gesellschaftlichen Probleme bieten.

Wie denn auch? Ist doch der Kapitalismus die Wurzel aller Probleme in der heutigen Klassengesellschaft. Er kann diese Probleme bisher nicht lösen. Der Kapitalismus vertieft diese sogar, weil er ein uneinheitliches, unberechenbares und unkontrollierbares System darstellt. Dieses System übernimmt im Gegenteil mehr und mehr die Kontrolle, über uns, unser Leben, unsere Arbeit, unser Denken. Kapitalismus ist das Brot und die Religion der heutigen Menschen.

Der Kapitalismus ist ein System, worin ein abstraktes, absurdes und amoralisches Prinzip das konkrete, sinnerfüllte und moralische Leben der Menschen beherrscht. Dieses Prinzip kann man das Prinzip des wirtschaftlichen Gewinns oder der Profitmaximierung nennen.

Der Gewinn als Prinzip der Wirtschaft ist eine fremde Macht gegenüber der Gesellschaft. Die Menschen bestimmen nicht mehr bewusst, wie sie ihre Gesellschaft haben wollen, sondern erliegen ihrem eigenen System. Dieses Prinzip leitet alle gesellschaftlichen Bereiche. Deswegen investieren die Kapitalisten immer weiter in ihre Unternehmen, kürzen Löhne, verpesten die Umwelt, führen Kriege und gründen oder zerstören ganze Staaten. Deswegen wird produziert, gewirtschaftet, kooperiert und konkurriert. Deswegen werden Politik, Wissenschaft, Religion und Kunst betrieben. Marx nennt dieses Prinzip auch die "Selbstverwertung des Werts" oder "Akkumulation um der Akkumulation willen", um den Automatismus dieses Prinzips zu betonen. Nicht mehr Menschen entscheiden für sich. An sich entscheidet dieses Prinzip für sie.

Ohne die Akkumulation von Geld, die zu mehr Geldakkumulation zwingt, würde ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus zusammenbrechen. Deswegen beugen sich ganze Staaten und sogar die freidenkenden Wissenschaftler und Künstler letztlich der Geldmacherei. Das ist die Expansion des Kapitals in alle gesellschaftlichen Bereiche. Diese Expansion prägt nicht zuletzt auch den zentralen Bereich des Arbeitslebens. Sie macht aus den Produkten und Waren der Menschen "tote Arbeit", die letztlich sogar tötet.

Lebendige und tote Arbeit

Dylan A.T. Miner, Damos Gracias (Wal-Muerto), 
2007, relief print on recycled grocery bag. 
(Image courtesy of the artist.)

Das Arbeitsleben der meisten Menschen dominiert ihre anderen Lebensbereiche. Für die meisten Menschen
ist ihre Arbeit zwar eine trostlose, geistlose und perspektivlose Angelegenheit. Die arbeitenden Menschen unter uns stumpfen beim karrieristischen Spießrutenlauf entsprechend ab. Aber sie erhoffen sich dennoch eine lebendiges und anregende Perspektive fürs Leben. Die Arbeit kann sie ihnen aber oft nicht bieten.

Ihr Glück suchen sie daher meist mit größerem Erfolg in der Freizeit. Auch wenn sie das nicht davor schützt, zu Zombies zu mutieren, die ihr Leben lang unreflektiert durch die Welt schleichen, ist die Freizeit vieler Menschen der Beweis dafür, dass sie irgendwie doch lebendig sind. Das könnte man bezweifeln, wenn man ihre untoten Gesichter morgens um halb acht in der Bahn erinnert, aber glaubt mir ruhig, dass diese Leute wie sämtliche Menschen lebendige Arbeit verrichten.

Das Cover für das Album 
"Living For Dead Labor" 
Arbeit wird sogar und gerade von diesen gelangweilten Wochenendexistenzen als totlangweilige Pflicht begriffen. Deswegen sehen ihre Gesichter so emotions- und geistlos aus. Deswegen ist dieses Leben für sie ein abstraktes, sinnentleertes und letztlich unmoralisches Dasein. Es ändert jedoch nichts daran, dass sogar die geistlos wirkenden Menschen oft quicklebendige Liebhaber und clamheimliche Philosophen sind. Und das ändert nichts daran, dass Arbeit immer "lebendige Arbeit" ist.

"Lebendige Arbeit" macht als Begriff nur Sinn, wenn sie als Gegensatz zu etwas begriffen wird. Der Gegensatz zur lebendigen Arbeit ist die "tote Arbeit". Auf kulturkritik.net gibt es einen Artikel, der den Begriff erklärt:

"Mit dem Begriff 'Tote Arbeit' soll dargestellt sein, dass es ein Produkt der Arbeit gibt, welches alles Leben verlassen hat, welches als tote Macht über das Leben der Menschen herrscht. Hierin fällt die wertmäßige Repräsentanz der Arbeitsproduktivität als Geldbesitz zusammen mit der politischen Allgemeinheit eines entäußerten Willens als immanentes Sollen des Wertwachstums, das sich vom Wirtschaftswachstum und seiner natürlichen Geschichte, der Geschichte der Produktivkraft der Arbeit gelöst hat, letztlich gegen das Leben, gegen die Bedürfnisse von Mensch und Natur richtet. Diese Identität drückt der Begriff von toter Arbeit aus: In ihr gibt es nichts Lebendes, sondern alleine fremde Macht, eines Verwertungstriebs, der eine wirklich fremde Kraft hat."

Im Grunde ist das nur ein Verweis auf Marx, der den Begriff geprägt hat. In seinem Meisterwerk, Das Kapital, schreibt er über die "tote Arbeit":

"Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt."

Die "verstorbne Arbeit" wird also bestimmender und bestimmt schließlich für die Menschen an sich. Für sich selbst verlieren die Meschen das Selbstbewusstsein und die Selbstkontrolle. Sie geben es ab an den blinden Willen ihres eigenen Produkts und ihrer eigenen Verhältnisse. Bei Marx wurde auch dieser Prozess schon erwähnt. Laut Marx können die Verhältnisse, in denen die Menschen produzieren, ab einem gewissen Punkt über ihren Kopf wachsen und "von ihrem Willen" unabhängig werden:

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen."

Die "tote Arbeit" macht sich somit von der lebendigen Arbeit unabhängig und gewinnt eine eigene Automatik und Logik. Auf katy-teubner.de gibt es eine für uns hier nützliche Darstellung des Gegensatzes von lebendiger und toter Arbeit. Das System toter Arbeit übernimmt demnach die Kontrolle über die lebendige Arbeit:

"Die lebendige Arbeit, der Arbeitsprozess, steht der Übermacht der toten Arbeit (Maschinen, das gesellschaftliche Produktionsverhältnis, Geld, der Staat) gegenüber. Spezifisch tritt die lebendige Arbeit in kurzen Zeitabschnitten hervor (aktives Berufsleben), im Gegensatz zu der toten Arbeit mit langen Perioden (eine Maschine kann durchaus mehrere Generationen 'überleben'). Die Masse der toten Arbeit ist in derUnterdrückerklasse, die die einseitige Arbeit verrichtet (funktionieren wie eine Maschine, s.o.). Allerdings kann sich keine Klasse als Besitzer der toten Arbeit bezeichnen. Es findet ein permanenter Kampf um Anteilhabe an der toten Arbeit statt. Er äußert sich beispielsweise in Streiks. Dann findet eine zeitliche Trennung zwischen den beiden Arbeitsarten statt, denn ohne tote Arbeit für sich allein produziert nicht (sonst wäre eine Maschine ein „Perpetuum mobile“). Der Widerspruch ergibt sich nun darin, dass durch die unterschiedlichen Produktionszeiten die Wechselbeziehung zwischen der lebendigen und toten Arbeit für den Einzelnen nicht erfahrbar ist und somit der politische Anspruch der Ökonomie der Arbeitskraft nicht gegeben ist (s.o.). Dieser Widerspruch betrifft das gesamte politische Grundverhältnis einer Gesellschaft."

Der Kampf gegen die "tote Arbeit"


Tote Arbeit ist demnach etwas, "das keinen Sinn hat, aber alles bestimmt, was Sinn macht." Tote Arbeit sei die "Grundlage für den bürgerlichen Staat und die bürgerliche Kultur". Bürgerlicher Staat und bürgerliche Kultur machen Sinn, aber sie sind da für die Profitmaxierung, die keinen Sinn macht. Sogar das Rationale wird von diesem irrationalen Prinzip beherrscht. Auch "Vernunft" und Wissenschaft unterwerfen sich ihm. Der Widerspruch zwischen sinnvollen bürgerlichen Errungenschaften und dem sinnlosen kapitalistischen Prinzip wird so immer krasser.

Und dieser Widerspruch ist grenzenlos, solange es den Kapitalismus als globales System gibt. Die tote Arbeit bemächtigt sich immer mehr unseres Lebens. Wir werden von unserem eigens produzierten Gegenstand zum bloßen Gegenstand degradiert. Die kapitalistische Maschinerie macht uns zu Maschinen. Maschinen kennen keine Moral, keine Solidarität und keine Leidenschaft. Sie werden programmiert und führen bis zu ihrer Verschrottung widerstandslos Befehle aus. Dieser Horrorzukunft nähern wir uns in großen Schritten an. 

Allerdings gibt es noch immer einen Kampf zwischen den beiden Prinzipien, zwischen Leben und Tod. Es kommt zu Widerstand gegen die tote Arbeit. Die Sache ist noch nicht entschieden. Die Zuspitzung der internationalen Konkurrenz führt weiterhin zu Verelendung und Ohnmacht auf der einen Seite und zu mehr Reichtum und Macht auf der anderen Seite. Die leidenden Massen der Bevölkerung wehren sich zwar in regelmäßig ausbrechenden Massenbewegungen und -protesten. Aber bisher wurden revolutionäre Erhebungen immer wieder von der Staatsmacht unterdrückt. Die Technik ist dabei nur ein Mittel im Kampf dieser beiden Seiten.

Wissenschaft und Technik sind im Kapitalismus einerseits dem Bewusstsein und Interesse der Herrschenden unterworfen und damit teils steuerbar. Andererseits sind sie der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Aber weder der Staat noch der Markt können die Technik kontrollieren.

Die Technik droht vielmehr, sich zu verselbständigen, da das Resultat am Ende offen ist. Wir wissen nicht, ob es einen Atomkrieg geben wird, ob die Killermaschinen der Zukunft sich gegen die gesamte Menschheit wenden oder ob die Gentechnik die Menschheit auslöschen wird. Was wir aber jetzt schon wissen können ist, dass die Technik den Herrschenden dient.

Und wir können ahnen, dass diese unkontrollierte Technokratie einer demokratischen Kontrolle durch die ganze Gesellschaft bedarf. Eine solche demokratisch kontrollierte Technik könnte allen Menschen dienen. Dafür brauchen wir aber eine Demokratisierung von Staat und Wirtschaft, die den Kern unseres Systems in Frage stellen würde, das kapitalistische Prinzip und die tote Arbeit als Herr der Welt.

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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Das Joch der Vernunft in Evgenij Zamjatins „Wir“ (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 2)



Dieser Essay befasst sich mit dem Begriff der "Vernunft" im dystopischen Roman Wir von Evgenij Zamjatin.

Instrumentelle Vernunft



Die Idee der Vernunft besteht schon seit der Antike und wird noch heute diskutiert. Die Handhabung der Vernunft kann ganze philosophische Entwürfe, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft entscheidend beeinflussen. Aber sogar die Vernunft schwebt nicht im luftleeren Raum. Auch sie ist gebunden an ein Hirn und daher an menschliche Körper. Da die Körper an Gesellschaft und Gesellschaftsklassen gebunden sind, kann sie ein Mittel für den Fortschritt oder auch für den Rückschritt sein. Es kommt darauf an, wer sie unter welchen Umständen wie nutzt. Vernunft ist instrumentell, ein Instrument, um einen Willen durchzusetzen. Dabei muss nicht unbedingt das Beste oder etwas Gutes herauskommen. Es muss nicht einmal zu Fortschritt kommen. Vernunft kann reaktionären Interessen dienen. 

Der Prototyp der literarischen Dystopien des 20. Jahrhunderts


Zamjatins Roman wurde 1920, mitten in der russischen Revolution, fertiggestellt. Zamjatin war zu dieser Zeit selbst Kommunist. Allerdings ahnte er, wie sich die Zukunft der Staatsmacht entwickeln würde. Er nahm mit seinem Roman eine totale Klassenherrschaft vorweg, die mit dem Aufstieg des Stalinismus in Russland bald tatsächlich Realität zu werden schien. Auch der Faschismus und die heutigen Kontrollmechanismen durch den so genannten Verfassungsschutz in der BRD oder den FSB in Russland erinnern an das Szenario von Wir. Der Roman wurde zum Prototyp anderer Dystopien wie Schöne neue Welt oder 1984.

Der Roman spielt in der fernen Zukunft. Es gibt nur noch den "Einzigen Staat", die die zivilisierte Welt beherrscht. An ihrer Spitze steht der so genannte "Wohltäter", der die Vernunft verkörpert, mit der er die Untertanen durchsetzt. Alles Irrationale und Emotionale wird dagegen verdrängt. Die menschliche Gesellschaft soll kontrollier- und berechenbar sein. Dafür müssen individuelle Abweichungen minimiert werden. Die Menschen werden daher "vernünftig" normiert, sodass sie keine Individuen mehr sind. Sie haben auch keine Namen mehr, sondern nur noch Kennziffern. Da stört es auch nicht, dass sie durch die gläsernen Gebäude fast keine Privatsphäre mehr genießen können. Die Staatsideologie predigt das Glück durch die Regelung des gesellschaftlichen Lebens gemäß der Vernunft. Die Vernunft wird natürlich vom Staat definiert. Widersacher, die zu emotional sind, werden unterdrückt. Es gibt hinter der Grenzmauer des Staates zwar noch eine wilde, unzivilisierte Welt, aber die Bewohner dieser Welt erscheinen wie barbarische Terroristen, die die Regeln der Vernunft nicht einsehen.

Der Erzähler und Protagonist des Romans, D-503, ist ein Raketeningenieur, der die Mathematik und die Vernunft zu lieben scheint. In seinen Tagebucheinträgen wird die Handlung erzählt. Allerdings ist auch er nicht völlig rational und genormt, sodass er an seiner Ideologie zu zweifeln beginnt...

Das Joch der Vernunft und mathematisch-fehlerfreies Glück


Schon auf der ersten Seite von Wir fällt der behandelte Begriff. Der Erzähler zitiert die Staatszeitung: 

„Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten – vielleicht noch in dem unzivilisierten Zustand der Freiheit – leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, daß wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen.“ 

Damit wird ein wichtiger Aspekt der Vernunft erwähnt: ihr Zwangscharakter. Das „Joch der Vernunft“ erscheint als glückbringend und im Gegensatz zum „unzivilisierten Zustand der Freiheit“ zu stehen. Die Vernunft wird zur „Vernunft des Mechanischen“ reduziert. 

Damit wird im Verbund mit der Schilderung des mechanischen Ablaufs fast aller Geschehnisse, die vom „Einzigen Staat“ mathematisch genau für jeden Bürger geplant, durchgesetzt und kontrolliert werden, der Eindruck erweckt, die genaueste Planung der maschinengleichen Gesellschaft durch den „Einzigen Staat“ sei die Spitze der Vernunft. 

Als vernünftig erscheint es dann nicht bloß, sogar das sexuelle und emotionale Leben aller Bürger dem Staat zu unterwerfen und diesen zum Gott zu erheben. Ebenso vernünftig scheint es, sich als Bürger dem staatlich verordneten Todesurteil widerstandslos zu beugen.

Die aus dem 20. Jahrhundert stammende Betriebsführung mit wissenschaftlichem Anspruch nach F. W. Taylor, die das Ziel verfolgt, betriebliche Abläufe durch immer striktere Trennung von Führung und Arbeitern, präzisere Vorgaben und weitergehende Arbeitsteilung dem Produktionsoptimum anzunähern, wird vom Protagonisten als geniale prophetische Leistung verehrt. Taylors Methode werde vom „Einzigen Staat“ auf die gesamte Gesellschaft übertragen und vervollkommnet, so der Erzähler.

„Das einzige Mittel, den Menschen vor dem Verbrechen zu bewahren, ist, ihn vor der Freiheit zu bewahren“,

formuliert er. Da die Freiheit effektiv vom „Einzigen Staat“ verhindert wird, scheint es daher nahe zu liegen, dem Staat ganz nach tayloristischer Wissenschaft alle Gewalt zu überlassen, um Freiheit und verbrecherische Anomalie aller Bürger zu verhindern.

Doch der Roman stellt nicht nur diese Seite der Vernunft dar. Im Rahmen der „krankhaften“ Entstehung einer "Seele" im Protagonisten und seiner Bekanntschaft mit revoltierenden Barbaren beginnt der Erzähler, an dem Staat und seinen Vorgaben zu zweifeln. So schreibt er: 

„Vielleicht gibt es aber im Leben weder Schwarz noch Weiß, vielleicht hängt die Farbe nur von dem logischen Grundsatz ab, von dem man ausgeht.“, und „Ja, es ist Wahnsinn! Alle müssen den Verstand verlieren, alle, alle – so schnell wie möglich! Es muß sein, ich weiß es!“ 

Der Zweifel an der Allmacht der Vernunft entwickelt sich zur fundamentalen Kritik an den Lehren des „Einzigen Staates“. Die Vernunft könnte eine unvernünftige Quelle haben. Diese radikale Kritik wird zu radikaler Ablehnung. Der anarchische "Wahnsinn" wird der staatlichen "Vernunft" gegenüber bevorzugt. Sogar der totale "Einzige Staat" kann die individuelle Natur der Menschen nicht beseitigen.

Schließlich zeigt sich sogar an einer Aussage des faktischen Diktators im „Einzigen Staat“, dass er eine völlig verdrehte Logik vertritt: 

„Die wahre Liebe zur Menschheit ist unmenschlich, und das Kennzeichen der Wahrheit ist ihre Grausamkeit!“ 

Betrachtet man die Vorgehensweise des Staates genauer, fällt auf, dass dieser durch eine Reihe von Zirkelschlüssen zu seiner Definitionsmacht gelangt sein muss. Er erkennt in sich einen Gott, der eine unfehlbare Vernunft und die Logik vertritt, welche zugleich Naturgesetzen gleichkommen. Diese kennt aber nur der Staat genauestens, sodass nur ihm totale Autorität zusteht. Die Autorität des Staates kommt von der Logik, diese wird aber nur durch den Staat autorisiert. 

Woher aber der Staat den Zugang zur privilegierten Erkenntnis hat, wird nicht geklärt. Letztlich wird offenbar, dass der Staat die "Vernunft" einzig Kraft seiner Gewalt definieren kann. Damit zeigt sich, dass der „Einzige Staat“ nicht auf Vernunft aufgebaut ist, sondern auf irrationalem Glauben.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gott und die Welt - eine Filmkritik zu "The Sunset Limited"

"Also, was soll ich jetzt mit Ihnen machen, Professor?" Mit dieser Frage beginnt der grandiose Film The Sunset Limited von Tommy Lee Jones. "Warum wollen Sie überhaupt irgendwas machen?" erwidert der Professor auf die anfängliche Frage. Der ganze Film läuft im Grunde über 80 Minuten lang so ähnlich weiter. Die Handlung, die auf einem Stück von Cormac MacCarthy basiert, ist entsprechend einfach und doch komplex.

Es gibt nur zwei Figuren, den Professor (Tommy Lee Jones) und seinen Retter (Samuel L. Jackson). Sie diskutieren die ganze Zeit über "Gott und die Welt". Denn der Professor wollte sich vor die "Sunset Limited", eine Bahn in Los Angeles, stürzen. In der Stadt der Engel wird er aber passender Weise von einem Schutzengel gerettet, einem schwarzen Ex-Knacki. Der Professor lässt sich in der Wohnung seines Retters auf eine tiefgehende Diskussion ein. Damit wird dem Zuschauer ein großartiges Panorama von Glaubens- und Wissensfragen dargeboten, das seines Gleichen sucht.


Unversöhnliche Gegensätze


Der gläubige Ex-Knacki ist empört über den gotteslästerlichen Selbstmordversuch des Professors. "Verdammt, Professor. Kein Glaube?" Um ihn von weiteren Selbstmordversuchen abzuhalten, fängt er an, dem Professor Moral einzuimpfen: 

"Die Person stand da. Ich hätte ihr jetzt in die Augen sehen können und ihr sagen, dass Sie nicht wie mein Bruder aussieht. Aber da stand sie. Da konnte ich nicht einfach wegsehen."

Der  unglückliche Professor antwortet halb-zynisch und halb-tugendhaft:

"Menschen, die auf Wildfremde aufpassen, sind ganz oft Menschen, die nicht auf die achten, auf die sie achten sollten. Meine Meinung ist: Wenn Sie nur das tun, was Sie tun sollen, können Sie nie ein Held werden."

Der schwarze Schutzengel erkennt also einen Funken Hoffnung in seinem verzweifelten Gegenüber. Durch Rhetorik und Dialog will er diesen Funken entzünden. Der Professor geht darauf ein und erklärt den Grund für seine Verzweiflung. Die heutige Welt ist für den Professor eine "moralische Lepra-Kolonie", in der auch der letzte Rest an Moral Stück für Stück auseinander fällt. Es ist ein schrecklicher Ort und das Leben ist nicht lebenswert. "Diese Menschen sind es nicht wert, gerettet zu werden", sagt er zynisch. Man kann sich seinen Weltschmerz vorstellen als er die folgenden Sätze ausspricht:

"Die Menschen haben die Wertschätzung aufgegeben. Ich habe sie auch aufgegeben... Diese Welt ist schon zum größten Teil untergegangen. Sie wird bald ganz verschwunden sein... Die Dinge, die ich liebte, waren sehr zart. Sehr zerbrechlich. Ich dachte, sie wären unzerstörbar. Doch das waren sie nicht."

Sein tiefgläubiger Schutzengel lässt sich davon nicht beeindrucken. Denn in seinem abgefahrenen Leben hat er trotz aller Sünden und Leidensgeschichten zu Gott gefunden. Im Grunde beichtet er dem Professor im Folgenden seine Verbrechen. Es ist zugleich ein Bekenntnis zu Gott und zur Heiligkeit des Lebens. Eine Knastgeschichte, die er dem Professor rasend und schreiend wiedergibt, dürfte jeden Zuschauer beeindrucken. Als reuiger Ex-Knacki hat er natürlich einige solcher Knastgeschichten auf Lager. Die Attacke eines anderen Häftlings hatte er äußerst brutal beantwortet. Der Professor fragt: "Ist der Mann gestorben?" Und die Antwort gruselt:

"Nein. Ist er nicht. Alle haben überlebt. Sie dachten, er wäre tot, aber das war er nicht. Bloß danach war er nicht mehr ganz richtig. Das heißt, der hat mir keinen Ärger mehr gemacht. Er lief dann rum, Kopf auf der Seite. Er hat ein Auge verloren. Der Arm hing runter, konnte nicht mehr richtig sprechen, wurde verlegt in 'ne andere Einrichtung."

Diese Killermaschine hat dennoch zu Gott gefunden. Nach dem Vorfall hörte er eine Stimme, die ihn ermahnte und auf den richtigen Weg brachte. Es mag ein Engel gewesen sein. Vielleicht hat er auch nur halluziniert. Jedenfalls wurde er gläubig. Den Professor lässt das kalt. Er weist darauf hin, dass der brutale Häftling erst durch die übelste Gewalt gehen musste, um zu Gott zu finden.

Abgesehen von der Theodizee-Debatte, in der sich die beiden Kontrahenten immer wieder gegenseitig übertreffen, diskutieren sie noch etliche andere Fragen. Sie diskutieren über Schmerz, Liebe, Glück und Unglück, Gut und Böse, Zweifel und Glauben, Kultur und Zivilisation, die antisemitischen Deutschen, den Holocaust, die Juden, Arm und Reich, die Erbsünde, Ketzerei, den Geschlechterkampf  usw. Das Gespräch scheint im Grunde ein Aufeinanderprallen von unversöhnlichen Gegensätzen zu sein. Alle diese Fragen führen aber immer wieder zum Kern der Geschichte. Das Gespräch ist eine Predigt.

Die Dialektik der Predigt


Das Gespräch verwandelt sich immer mehr in eine "Dialektik der Predigt", wie der Professor es ausdrückt. Beide Seiten wollen einander überzeugen von ihrem Standpunkt. Es sind Gegensätze, die von einander nicht loslassen können und sich dennoch streiten. Es ist fast wie eine typische Ehe. Das ist Dialektik.

Die Idee der Predigt wird ausgeführt. "Predigen ist für die Lebenden", sagt der Professor. Aber wo sind die Lebenden in dieser Welt? Sind die Menschen nicht schon lange lebende Tote, hirnlose Untote, blutrünstige Zombies geworden? Genau diese Frage stellt sich der Professor.

Er glaubt, dass die Untoten bereits herrschen, dass es keine Hoffnung mehr gibt, dass es keinen Fortschritt mehr geben kann. Deswegen beleidigt er sein Gegenüber auch mehrfach. Der jedoch hat als Ex-Knacki ein dickes Fell. Er verzweifelt nicht aufgrund von Zweifelei und leidet nicht unter Beleidigungen. Er akzeptiert die Sündhaftigkeit der Welt. Dadurch ist er mit sich und der Welt im Reinen.

Die Dialektik im Film geht noch tiefer. Tommy Lee Jones ist weiß. Samuel L. Jackson ist schwarz. Und wie schwarz er ist! Das ist kein Zufall, denn damit wird der Gegensatz zweier Menschen, die nicht mehr die jüngsten und männlich sind, bildlicher und nachvollziehbarer.

Tommy L. spielt den weißen Professor aus der besitzenden Mittelschicht. Samuel L. spielt den schwarzen Ex-Knacki aus der besitzlosen Unterschicht. Der Professor ist hochgebildet, aber ein verzweifelter Zweifler. Der Ex-Knacki dagegen ist kein Intellektueller, aber ein geläuterter, glaubender Mensch. Der besitzende Intellektuelle ist depressiv und schätzt seinen Besitz und seine Bildung nicht mehr. Der geläuterte Ex-Knacki ist vielleicht nicht unbedingt glücklich, aber er genießt das Leben und beweist großartigen Humor.

Der intellektuelle Atheist vertritt eine zutiefst kulturpessimistische Position. Er glaubt im Grunde mit Nietzsche, Gott sei tot und die Welt müsse untergehen. Und er kann Gottes Tod nicht bewältigen. Der weise Christ vertritt dagegen eine zutiefst optimistische Position. Er glaubt an Gott, den Menschen und die Zukunft.

Unüberwindbare Gegensätze?


Deswegen ist der Humanist sogar von diesem deprimierenden Zyniker beeindruckt: "Ach, Professor, Sie sind ein unglaublicher Mann!" Sicherlich kann man den Satz auch als Vorwurf eines Gläubigen gegen einen ungläubigen Mann verstehen. Jedenfalls werden uns im Verlauf des Films beide Figuren sympathisch.

Sowohl der deprimierte Atheist wie auch der gläubige Optimist sind Charaktere, die wir lieb gewinnen, weil sie so typisch menschlich sind. Zugleich erscheinen die beiden Seiten wie unversöhnliche Gegensätze, die sich einander annähern, aber nie so recht zusammenfinden können. Denn zwischen der christlichen Utopie des Einen und der Dystopie des Anderen liegt eine unfassbar tiefe Kluft. Der Professor erklärt zuletzt seine scheußliche Sicht auf die Welt, die sogar unseren Prediger beleidigt und quält:
"Ich sage, dass die Welt im Grunde ein Zwangsarbeitslager ist, aus dem jeden Tag Arbeiter völlig unschuldig per Zufall herausgeführt und hingerichtet werden. Ich glaube nicht, dass das nur meine Einschätzung ist, sondern dass es tatsächlich so ist. Gibt es alternative Sichtweisen? Ja. Hält eine von denen einer gründlichen Untersuchung stand? Nein."

Die Frage ist, ob die ferne Utopie und die reale Dystopie wirklich so weit auseinander liegen. Um das zu klären, habe ich den Film innerhalb weniger Tage ein halbes Dutzend Mal durchgesehen. Wenn das kein packender Film ist! Ich frage mich, ob die Gegensätze nicht auflösbar sind in einem kategorischen Imperativ, der nicht bloß moralisch ist, nicht bloße Idee bleibt, sondern die Idee zur Wirklichkeit macht. Können die zwei scheinbar unversöhnlichen Gegensätze nicht aufgelöst werden, wenn sich die Welt ändert?

Infos


The Sunset Limited auf IMDB.

Ein Trailer auf IMDB.

Eine Filmkritik auf nytimes.com


Dienstag, 17. Dezember 2013

Dostojewskis Dämonen

Fjodor Dostojewski
Die Dämonen
Anaconda Verlag
Neuauflage Köln 2012
928 Seiten
9,95 Euro
Ein Buch, das jeder lesen sollte? Die Dämonen des russischen Schriftstellers Dostojewski! Der Romantitel verweist auf die biblisch inspirierte Handlung: Das altersschwache Mütterchen Russland des 19. Jahrhunderts wird von "Dämonen" heimgesucht. Verkörpert werden diese bösen Geister durch einen sektiererischen Zirkel von Studenten im sakrosankten Petersburg. Deren Ziel scheint zunächst die Umwälzung Russlands mit verworrenen utopischen Vorstellungen zu sein. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die Studenten vor allem nihilistische Terroristen sind, die nichts als Chaos und Unheil über die sowieso schon geplagten und verzweifelten Russen bringen wollen.

Im Unglauben sah Dostojewski den Grund für den elenden Zustand des russischen Volkes. Der Autor wollte den Roman zur Sirene gegen die lauter werdenden revolutionären Ideen im orthodoxen Russland machen. Deswegen lässt er die Figuren über "Gott und die Welt" (das Hauptmotiv bei Dostojewski) diskutieren, wobei christliche Erlösungsutopien mit faschistoiden Wahnvorstellungen und Forderungen nach Menschenrechten gegeneinander antreten – wie bei bisweilen absurden Diskussionen in heutigen WG-Küchen! Aus den ideologischen Differenzen erwächst ein Komplott gegen einen abtrünnigen Studenten, was zu (Selbst-)Mord und Totschlag ausufert.

In einer Szene planen die Studenten den Aufstand: "Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht", sagt der zynische Antiheld Werchowenskij. Sein Mitverschwörer Stawrogin beklagt, heutzutage gäbe es furchtbar wenige "selbständig denkende Köpfe" – und folgert daraus, es reichten schon diese beiden für den nötigen Umsturz.

Werchowenskij verkörpert den Alptraum der Besitzenden: "Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein." Dieser Individualismus müsse ausgemerzt werden: "Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen." Indem die Verschwörer "unmittelbar ins Volk" eindringen und ihr dämonisches Gedankengut umsetzen, soll alles Heilige in Russland (Familie, Liebe, Individualität, Eigentum) dem Erdboden gleichgemacht werden.

Obwohl Dostojewski solchermaßen versucht, die radikale Jugend in Russland zu verunglimpfen, gelingt es ihm nicht wirklich. Denn das extreme Abgleiten der "Revolutionäre" in Menschenhass wirkt unglaubwürdig. Man ist zwar entsetzt, wenn die Abgründe ihrer dämonischen Seelen beleuchtet werden, aber man fühlt mit, sobald ihre innere Zermürbung offenbar wird. Es sind Männer und Frauen, die verzweifelt einen Ausweg aus der Misere suchen. Das macht sie sympathisch.

Ironischerweise schafft der Autor es also nicht, die Antihelden seines Buches völlig unmenschlich zu gestalten. Das liegt nicht an fehlendem Talent, sondern an der realistischen Darstellung der Figuren. Die künstlerisch-realistische Seite des Autors kämpft mit seiner antikommunistischen. Den größenwahnsinnigen Revoluzzer Werchowenskij lässt er offenbaren: "Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha!"

Schließlich kann man den Roman als künstlerische Abbildung der damaligen Klassenkonflikte lesen. Und es drängt sich beim Lesen der Verdacht auf, dass die Erlösung des russischen Volkes weder durch Dostojewskis Glauben noch durch Verschwörung, sondern nur durch die demokratische Lösung der sozialen Frage erfolgen kann. Die Dämonen ist so wider Willen ein Plädoyer für Demokratie und Sozialismus. Dostojewskis politische Vorurteile beeinträchtigen zwar teilweise sein künstlerisches Werk, aber dieser Roman ist ein ebenso schönes wie sozialkritisches Meisterwerk, das Sozialisten und sozial gesinnte Menschen kennen sollten.

Montag, 16. Dezember 2013

Die "Nachklassengesellschaft" in Soziologen-Köpfen

Art, Determinanten und Folgen des sozialen Wandels bei Bell, Beck und Schimank


a) Grundprobleme soziologischer Theorien


Die Soziologen Bell, Beck und Schimank bieten soziologische Theorien der sozialen Ungleichheit, der Differenzierung und der Integration. Alle drei Soziologen gehen damit wichtige Probleme der Soziologie an, können aber keine befriedigende Lösungen bieten, da es bereits sozialtheoretische Konzepte gibt, die die soziale Realität scheinbar besser fassen können.

Diese Hauptthese soll im Folgenden konkretisiert werden anhand weiterer Thesen. Die Soziologen haben üblicher Weise mehrere Probleme, die auch Bell, Beck und Schimank teilen.

1. Eines ist die Loslösung soziologischer Forschung von gesellschaftsverändernder Praxis außerhalb der Forschung. Soziologen erforschen die soziale Realität anhand von eigener empirischer Forschung, eigener theoretischer Abstraktion, eigener Alltagserfahrung und theoretischen Quellen Anderer. Aber es mangelt oft aufgrund ihrer Spezialisierung als Soziologen an relevanten Einblicken in politische Praxis. Die negativen Effekte der Differenzierung treffen auch den Soziologen und die Soziologie als Disziplin, die noch immer daran leidet, dass sie zwar die Gesellschaft als Ganzes begreifen will, aber einen Großteil der Erkenntnisse aus anderen Disziplinen und Lebensbereichen ignoriert. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.

2. Ebenfalls aufgrund der Differenzierung bzw. Arbeitsteilung fehlt es den Soziologen oft an relevanten Einblicken in politische Praxis. Sie haben sogar als “politische Soziologen” nur selten praktische Erfahrung mit Politik als Beruf oder mit sozialer Revolution als Berufung. Ihre Wahrnehmung ist daher natürlich eine äußerst selektive, selbst wenn sie sich Mühe geben. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.

3. Das nächste Problem ergibt sich hieraus. Soziologen stellen oft wichtige Fragen, die sich der Gesellschaft insgesamt auch stellen. Aber die Antworten ignorieren oft, welche “funktionalen Erfordernisse die Gesellschaft” (Schimank 1999: S. 60) aufweist. Fragen nach den Selbstmordraten bei Katholiken und Protestanten, nach Entwicklungsprinzipien der Gesellschaft, nach Gruppenzugehörigkeit, sozialer Ungleichheit, Differenzierung, Integration etc. sind wichtig für die Gesellschaft, wenn ihre theoretische Beantwortung in der Soziologie praktisch relevante Umwälzungen in der Gesellschaft stützen. Soziologen halten sich aber allzu oft fern von solchen praktischen Umwälzungen, indem sie die Arbeitsteilung zum Fetisch machen und sich nicht in der Rolle des Soziologen und Politikers zugleich sehen, sich also nicht als engagierten Soziologen verstehen. - Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.

4. Es gibt bereits soziologische Theorien und Theoretiker, die die Einheit mit der Praxis umgesetzt haben oder umsetzen. Die Soziologie darf sie nicht vernachlässigen, wenn sie nicht zu einer irrelevanten Sekte verkommen will. Denn sonst kann man leicht behaupten: Das impliziert unpraktische soziologische Ideen.

b) Die soziologischen Grundprobleme bei Bell, Beck und Schimank


Anhand von Bell, Beck und Schimank lässt sich veranschaulichen, dass diese typisch soziologischen Defizite auf sie zutreffen dürften. Nach Bell ist die Veränderung der Produktion, ihrer Methoden, Ziele und Nebeneffekte die zentrale Determinante für die Art des Wandels: die Überwindung überkommener Produktionsmethoden, des dominierenden Gesellschaftsprinzips und dominanter Klassen. Der Wandel habe, so muss man mit Bell folgern, eine Auflösung des Klassenkampfes und der der herrschaftskonformen Ideologie, eine Dominanz von Wissenschaft und Dienstleistung, und entsprechend von Wissenschaftlern und Kopfarbeitern zur Folge. Letztlich könnte er auch den Begriff einer “Nachklassengesellschaft” verwenden, wie Beck es tut. Aber dazu kommen wir nach der Behandlung der anderen beiden Autoren.

Beck behauptet im Kern, dass die Expansion von Sozialstaat und Bildungssytem die kapitalistische Klassengesellschaft in einer kapitalistische “Nachklassengesellschaft” verwandelt habe. Das habe zu einer Auflösung traditionaler Bindungen und Identitäten einerseits und zur Bindung und Identitätsbildung durch neue Institutionen andererseits geführt. Individualisierung, das Aufkommen von individuellen Bastelbiographien über Klassenlagen hinweg, die Entstehung neuer Identitäten durch Lebenswandel und Irrelevanz von Klassenlagen für Identitäten und Handlungen sind laut Beck die weitreichenden Folgen von wohlfahrtsstaatlicher und bildungsmäßiger Expansion seit den 1950er Jahren. Die Soziologie solle die “Zombiekategorien” Klasse, Stand, Klassengesellschaft, Klassenkampf etc. aufgeben und neue Begrifflichkeiten finden, die die nachklassengesellschaftlichen Realitäten besser erfassen.

Laut Schimank differenzieren sich gesellschaftliche Teilsysteme und das gesellschaftliche Gesamtsystem. Die Determinante ist für ihn genauso wie für Parsons und Luhmann ein Differenzierungsdeterminismus. Gesellschaft habe es so an sich, sich immer weiter auszudifferenzieren. Und die Teilsysteme konzentrieren sich auf einen bestimmten, jeweiligen Bereich. Es gibt daher auseinanderstrebende Tendenzen im Gesamtsystem, die die Systemintegration gefährden. Integration werde aber durch kulturelle Werte (Parsons) oder kaum erklärbare Integrationsmechanismen (Luhmann) sichergestellt.

Alle drei Forscher behaupten im Grunde im Einvernehmen, trotz sehr unterschiedlicher Konzepte, dass die alte Vorstellung von kapitalistischer Klassengesellschaft obsolet geworden sei. Man müsse neue Kategorien entwickeln, die die alten kämpferischen Begriffe ersetzen. Nun seien Wissenschaftler und Dienstleister wie bei Bell, Individuen und askriptive Konfliktgruppen wie bei Beck oder teilsystemrelevante Berufsgruppen wie bei Schimank gesellschaftlich dominant und für die Soziologie von primärem Interesse. Die Großgruppen wie Klasse und Stand sind demnach hingegen uninteressant geworden.

Alle Kategorien von Marx und seiner Schüler werden auf diese Weise entradikalisiert oder ganz verworfen. Das ist jedoch fatal für eine Soziologie, die die soziale Realität mit praktisch relevanten Begriffen erfassen und praktisch veränderbar machen möchte.

Woran lässt sich der Vorwurf festmachen? Einige gezielte Kommentare zu ausgewählten Zitaten der jeweiligen Theoretiker dürften helfen. Aber zunächst hilft der Verweis auf die Marxsche Betrachtung von Gesellschaft vielleicht.

Bei Marx und den besseren Marxisten sind die Veränderungen der Produktivkräfte, der Klassenverhältnisse und der Bewusstseinsformen bzw. ideologischen Formen zugleich Determinanten und Folgen. Sie sind konstante, aber sich verändernde Kategorien in der Klassengesellschaft. Sie sind auch usschlaggebend dafür, dass die Produktivkräfte einerseits explodieren und teilweise zu weitgehenden Veränderungen führen, dass sie andererseits zugleich durch Klassenverhältnisse gehemmt oder destruktiv umgeformt werden. Außerdem werden die Klassenverhältnisse durch Schübe der Globalisierung, wohlfahrtsstaatlichen Korporatismus, sozialstaatliche Absicherung, Ideologien im Sinne der Herrschenden und die ungleiche und kombinierte Entwicklung zugunsten des Kapitals verschoben. Das trifft auf die Gesellschaft seit den 50ern in hohem Maße zu und hat sich seit Mitte der 70er enorm zugespitzt. In den letzten zwei Dekaden hat sich jedoch eine Bewusstseinsformierung und Organisation der unteren Klassen und ihrer politischen Vertreter ereignet, sodass es zu einer auffälligen Rückkehr der Klassenkämpfe von beiden Seiten, zu Klassenkampf “von oben” ebenso wie “von unten”, gekommen ist. Es hat sich erwiesen, dass nicht nur so inhaltsarme Begriffe wie Schicht und Status, sondern auch Begriffe wie Milieu, Stand, Klasse, Klassenkampf und Klassendifferenzierung wieder an Relevanz gewonnen haben, wenn sie sie überhaupt je verloren hatten. Lässt sich das begründen?

Zentrale Thesen von Bells sind zusammen genommen eine einzige Katastrophe für gutes soziologisches Denken, weil er gerade die grundlegendsten Kategorien (sogar die “Totalität”) verwirft. Aber an Katastrophen kann man ja zum Glück wachsen und reifen. Bell schreibt von der

“Schaffung einer technisch-akademischen Klasse, die die Führung der Gesellschaft übernimmt, so wie ehedem der angelernte Arbeiter für die Industriegesellschaft kennzeichnend war.” (Bell 1979: S. 16) 

Aber wer würde heute ernsthaft behaupten, dass die Techniker und Akademiker die (Welt)Gesellschaft anführen? Was hat diese These überhaupt noch mit der Realität zu tun? Er warnt andererseits ganz richtig: “Sozialer Wandel läßt sich nicht einfach durch Konzentration auf die Eigentumsverhältnisse als einzige Achse erzielen.” (Bell 1979: S. 16) Das stimmt. Eigentumsverhältnisse sind nur ein Aspekt des Wandels, der auch vom Aspekt des Zufalls, der Ökologie, der Machtvermittlung usw. bedingt wird. Aber um das zu wissen, muss man nicht gleich das marxistische Kind mit dem eigentumszentrierten Badewasser auskippen. Das tut Bell aber, indem er weiterhin DIE zentrale Frage der Gesellschaftsforschung wörtlich stellt, aber sie sogleich völlig falsch beantwortet:

“Die theoretische - und praktische - Frage ist nun, welche Faktoren heute einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen. Jedenfalls nicht Klassenverhältnisse und Klassenbildungen, denn diese sind ihrerseits nur das Ergebnis von Änderungen, die teils von Wissenschaft und Technologie, teils - was jedoch außerhalb unserer Betrachtungen liegt - von politischen Kräften wie dem Aufstieg neuer ethnischer Gruppen, bewirkt werden.” (Bell 1979: S. 17) 

Er leugnet die Marxsche Theorie des sozialen Wandels durch Klassenkonflikte, weil sie nicht der primäre Motor für Wandel seien, nur um in der unfassbar oberflächlichen These zu verenden, dass Wissenschaft, Technologie und der Aufstieg neuer ethnischer Gruppen die primären Motoren des Wandels seien. Wie soll man als Wissenschaftler solche Thesen ernst nehmen?

Bei Schimank wird dagegen das Dilemma im Brennpunkt zwischen Parsons und Luhmann deutlich. Parsons geht davon aus, dass jede stabile Gesellschaft von Werten zusammengehalten wird. Wenn sie instabil wird, fehle es andererseits an allgemeingültigen Werten. Schimank interpretiert Luhmann dagegen so, dass die Systemintegration nach Luhmann große Verwunderung auslösen muss. Denn die

“Politik begreift sich als gesellschaftliche Steuerungsinstanz - aber das ist, so könnte man sagen, lediglich ihre eigene Lebenslüge und damit ein selbstgeschaffenes Problem, weil die Politik so allermeistens zu registrieren hat, dass ihre entsprechend deklarierten Bemühengen scheitern.” (Schimank 1999: S. 58) 

Noch schlimmer ist eine andere These Luhmanns, wie Schimank sie darstellt:

“Jedes Teilsystem stellt einen in sich geschlossenen Operationszusammenhang dar, der auf nichts außerhalb hinweist. Die juristische, die wirtschaftliche oder die politische Kommunikation über das Zugunglück reden im wahrsten Sinne des Wortes aneinander vorbei, weil sie stets nur mit sich selbst reden.” (Schimank 1999: S. 51) 

Einen noch größeren Unsinn kann man kaum verschriftlichen! Luhmanns Systemtheorie hat von der Realität scheinbar nur den oberflächlichsten Begriff. Oder wie will er erklären, dass sich Stilrichtungen in der Kunst, etwa der russische Avantgardismus oder der sozialistische Realismus voll und ganz von dem politischen Großereignis der Oktoberrevolution haben vereinnahmen lassen? Wie lässt sich das Aufkommen der faschistischen Ästhetik, der feministischen Geschichtsforschung, der postmodernen Soziologie etc. erklären? Neue “Teilsysteme” sind mehr oder weniger bewusste Reaktionen, soziales Handeln, von Gesellschaftsgliedern auf soziale Tatbestände. Schimank weiß das und kritisiert Luhmann dahingehend. Aber er selbst verwirft die wichtigen Kategorien des Klassenkampfes

Beck stellt nachvollziehbar fest:

“Tatsächlich haben breite Bevölkerungskreise durch die Anhebung des Lebensstandards im Zuge des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in den fünfziger und sechziger Jahren Veränderungen und Verbesserungen in ihren Lebensbedingungen erfahren, die für ihre eigenen Erfahrungen einschneidender waren als die nach wie vor fortbestehenden Abstände zu den anderen Großgruppen.” (Beck 1986: S. 122) 

Und Beck fragt selbstkritisch nach den Folgen der Individualisierungsthese für die Soziologie:

“Kommt mit dem Begriff des Individualisierungsprozesses nicht zwangsläufig die Soziologie an ihr frühes Ende, wird ihr möglicherweise damit das Sterbeglöcklein geläutet?” (Beck 1986: S. 130) 

Aber er antwortet sehr merkwürdig, indem er die Individualisierungsthese verteidigt und die Großgruppenkategorien für irrelevant erklärt. Er ist also ebenso wie Schimank und Bell knapp an einer realistischen Theorie der Gesellschaft vorbeigeschlittert. Schade für die Soziologie und für die Gesellschaft.

Literatur


Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Bell, Daniel, 1975: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Schimank, Uwe, 1999: Funktionale Differenzierung und Systemintegration in der modernen Gesellschaft, S. 47-65 in: Jürgen Friedrichs und Wolfgang Jagodzinski (Hg.) Soziale Integration. Sonderheft der KZfSS. Opladen: Westdeutscher Verlag.