Sonntag, 2. Februar 2014

Cr7z

Wenn es so etwas wie ein Genie gibt, dann ist Cr7z ein Rap-Genie. Gelesen wird Cr7z wie Chris oder auch einzeln ausbuchstabiert: C R 7 Z. Sein bürgerlicher Name ist Christoph Hess. Ja, er ist wohl verwandt mit der Nazi-Größe Hess, was er in vielen Liedern auch durchklingen lässt. Idioten haben ihm bereits Nazi-Symboliken an die Wand geschmiert deswegen. Deutschrapper mit Anspruch, Teil 7.

Vielleicht ist Cr7z auch deswegen so melancholisch. Er hat bestimmt nicht wenig nachgedacht über die Höhen und Tiefen des Mensch-Seins. Daher ist sein musikalisches Talent von aller größter Leidenschaft und Leid erfüllt. Weltschmerz ist allgegenwärtig in seinem bisherigen Schaffen. Dennoch ist er kein Emo.

Er kennt Hoffnung und Liebe, sogar Respekt von Amewu, Chefket und Absztrakkt, die seine Mentoren waren. Und er war ihr genialer Schüler, ein großartiges Talent. Allerdings erwartet die talentiertesten Schüler ja immer das selbe Schicksal. Ob das auch auf Cr7z zutrifft?

Ein Genie akzeptiert keine künstlichen Schranken


Entsprechend spiegelt sich das in seiner Musik wider. Wie ein Genie stellt Cr7z eigene Regeln für die Rap-Poetik auf. Er unterwirft sich den bisherigen Regeln nur dort, wo sein Talent es für nötig hält. Wo formale Schranken ihn aufhalten, da walzt er sie nieder. Jedenfalls wendet er sich gegen Reimzwang, Gangstergehabe, Kommerzmotive und Vereinnahmung durch Andere. Er hat seinen ganz eigenen Stil und seine ganz eigene Message, was in jedem einzelnen Lied rüberkommt. Er unterwirft sich die Kunst. Sein Rap ist wie ein elegant geschwungener Degen, mit dem er ein Herz in den Sand malen oder Kehlen aufschneiden kann. Je nach Laune.

Cr7z hat offenbar ein klares Ziel vor Augen. Oder zumindest fährt er wie ein Hochgeschwindigkeitszug in eine ganz bestimmte Richtung. Man hat den Eindruck, dass er bereits hunderte Tracks auf dem Weg zum Ziel veröffentlicht hat. Jedenfalls findet man Unmengen an Titeln kostenlos online. Cr7z, sag mal, wie viele sind es denn etwa? 200, 300, 400? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es ihm darum geht, der riesigen Masse an Menschen eine entsprechende Masse an Liedern zu widmen, was er in einem Lied sogar wörtlich so sagt. Wenn er sich nur nicht so sehr von dieser Masse abgrenzte.

Wie schätzt er selbst sein Genie ein? Über seine Tätigkeiten rappt er, "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln", "es ist kein Witz, wenn man sagt, dass ich überlegen bin; guck dir an, was du machst - dann geh in die Ecke und schäme dich. Rap' die Wahrheit mit eisernem Willen. Ansonsten guck' ich P.S. Ich liebe dich und wein' bei dem Film."



"Das Biest" und die Gefahren der Menschheit


Die dumpfe, einförmige und seelenlose Masse ist für Cr7z ein Anstoß der Empörung. Er scheint die Geist- und Lieblosigkeit der Menschen zutiefst zu verachten. In fast jedem Lied kommt dieser Eindruck rüber. Im Grunde ist Cr7z eine Art einsamer Ronin, der gegen etwas Dunkles, Unbekanntes, Beängstigendes ankämpft. Er selbst nennt es "das Biest".

Das Biest ist aber kein einfaches Feindbild. Es ist vielmehr ein dialektischer Gegensatz zu Cr7z. Es ist ein Teil seines Ichs und zugleich etwas, was er von sich fern halten muss, ein bisschen wie ein weißer Hai aus Deep Blue Sea, der den Taucherkäfig mit aller Gewalt zu demolieren versucht. Ein noch passenderes Bild ist vielleicht der Hulk. Cr7z ist ein wenig wie der Hulk. Solange er sich kontrollieren kann und seine Kunst ihm als Ventil dient, kann er friedlich sein. Aber reize ihn nicht zu sehr, denn sonst "hast du ein Messer an der Kehle".

Das Biest ist also in Cr7z selbst und es umgibt ihn zugleich. Es liegt nahe: dieses "Biest" ist nichts anderes als die Menschheit. Cr7z liebt und hasst dieses Biest. Er kann sich von diesem Biest trotz aller Mühen nicht abtrennen. Dafür müsste er schon vor die Bahn springen. Aber solange er Leben in sich hat, muss er also ein Teil dieses Biestes bleiben. Wie der unbesiegbare Hulk ist auch dieses Biest unbesiegbar. Anders als der Hulk ist es aber sterblich. Löscht sich die Menschheit aus, ist auch das Biest ausgelöscht. Genau darum geht es bei Cr7z, dessen überragende Kunst vor den drohenden Gefahren der technokratischen Revolution warnt. Oder in seinen eigenen Worten: "Drecksversager, Drecksvisagen, Drecksgelaber, Drecks-gewalttätiges-Pack macht seit Tag 1 unsere Kinder krank, vergiftet die Flüsse".

Eines der stärksten Lieder von Cr7z ist "Neue Welt". Epischer Chorgesang begleitet den dystopischen Sprachgesang von Cr7z. Obwohl er Alltagswörter und vulgäre Sprache nutzt, klingt alles, was er sagt dadurch wie die letzte Predigt eines reuigen Papstes vor dem jüngsten Gericht. Dann kann es nämlich nicht mehr um Lug und Trug, um Ausbeutung und Auspeitschung durch die Kirche gehen, sondern ausnahmsweise Mal wirklich um das Seelenheil auch des aller letzten Sünders. In diesem Duktus warnt Cr7z also die Menschheit vor dem endgültigen Aus:

Yeah, der Verfall unserer Gesellschaft schreitet weiter fort
Die Zukunft war noch weit entfernt
Erinnert ihr euch? Wir sprachen wie's einmal wird
Und wenn man nachdenkt, merkt man, dass es bereits soweit ist
Aber irgendwie hat den Switch keiner so richtig mitgekriegt
Damals hab ich dich besucht, als es mir nicht gut ging
Heute schreib ich das Wort über das Internet
Plötzlich bist du offline und bevor ich zu dir hintercheck
Haben mir andere schon wieder 'nen Link geschickt
Und ich nick besoffen mit
Wir haben uns schon so daran gewöhnt und finden's nicht mal zum Kotzen
Denn die Informationen stehen uns in ihrer Schönheit offen
Wir können uns ansehen wie im Osten wieder 'n Kind verreckt
Und wieder rüberklicken, wo es Mittel gibt die Pipe zu stopfen
Gefühl verworren, wir machen die Boxen an und tanzen
Lachend geht die Welt zugrunde, lieber noch 'ne Runde zocken
Alle tun es und keiner warnt mehr zur Vorsicht
Mich warnt schon allein ein Junge, der alleine auf ein Tor schießt

Ein wichtiges Motiv ist dabei die Betäubung, die Unbewusstheit, die Schläfrigkeit. Menschen denken, die unkontrollierbaren Gefahren und bösen Machenschaften aus Filmen und Spielen gäbe es nicht in der Realität. Die Realität wird vielmehr als "ganz gleichgültig und grau" aufgefasst. "Am Anfang merkt man noch nicht viel davon". Aber irgendwann sitzt man mit "heiligen Augen" vor bunten Bildschirmen, um vor dem eigenen Grau zu fliehen.

Oder man ist an den Arbeitstagen ein untotes Stück Fleisch. Man dient als Erweiterung für Maschinen und Computer, um am Wochenende die herrliche Illusion der Lebendigkeit zu genießen. "Zombies" und "Cyborgs" bevölkern jetzt schon die neue Welt. Alko-Pops, Wodka-E, Tequila sind zu Lebenselixieren geworden, die für kurze Zeit die trägen Zombies quicklebendig machen. Und die Cyborgs müssen monotone, mechanische, geradezu maschinelle Tätigkeiten im Fitness-Studio und beim Lohnarbeiten machen. Beide dienen im Grunde dem Herren der "toten Arbeit", der kapitalistischen Maschinerie.

Dass sie ironische Sendungen, urkomische Filme und sarkastische Witzchen machen können ist kein Beweis für Leben. Leben ist nicht einfach eine biologische Eigenschaft von Materie. Leben ist eine geistige Haltung, die Lebewesen zelebrieren oder in sich selbst abtöten können. "Das Biest" von Cr7z ist nichts anderes als die Selbsttötung der Menschen, die einander in blinder Wut abschlachten oder "tanzend und lachend" "dem Untergang geweiht" sind.

In "Neue Welt" wird erklärt, der Mensch habe sich selbst bereits betäubt, um sich nun schmerzfrei sezieren zu können. In der Hook von "Neue Welt" wird der technokratische Charakter der kommenden Gefahren deutlich unterstrichen:

Wie betäubt, wir bekommen kaum noch mit, was uns hier hält
Digitalisiertes Freuen, wir finden alles, was gefällt
Und was einmal begann mit dem Teufel und dem Geld
Ist heute die Wand die herrunterfällt, betreten wir die neue Welt
Und stehen wir einmal da, wo sie uns sehen, gibt es kein Zurück
Der Mensch wird gläsern, Bequemlichkeit gibt uns einen Chip
Kein Science Fiction, ja, wir sind daran teils selber Schuld
Ich hab dich so geliebt und werd dich nie vergessen, alte Welt

"Kali Yuga" ist eine okkultistische Warnung der Menschheit vor dem Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Besonders okkulte Quellen behaupten über dieses dekadente Zeitalter:

"Als solches wurde es oftmals zu dem von Hesiod in der Theogonie geschilderten griechischen „Eisernen Zeitalter“ in Beziehung gesetzt und auch "Eisernes Zeitalter" genannt. [...] Herr über diese Zeit ist der schwarze apokalyptische Dämon Kali, laut Vishnu Purana die negative Manifestation von Vishnu, der in dieser Form für die Zerstörung des Universums zuständig ist. Kaliyuga wird (fälschlicherweise) auch oft mit der Göttin Kali (kālī) assoziiert, die generell für dunkle, materielle Aspekte steht. Kali bezeichnet auch die mit einem Punkt bezeichnete Verliererseite des Spielwürfels. Nach der buddhistischen Kosmologie bezeichnet ein solches finsteres Zeitalter die vierte und letzte größere Zeitperiode eines Zeitabschnitts von zirka 3.000 Jahren, nach der Geburt eines Buddhas bis zum Erscheinen eines neuen Buddhas."



"Das Kind" und die Hoffnung der Menschheit


Das Gegenteil vom "Biest" ist das "Kind". Es ist ebenso in Cr7z und umgibt ihn (wohl) auch. Das Kind ist im Grunde die ursprüngliche Naivität, die kindliche Unschuld und Reinheit der Menschen. Verkörpert wird es tatsächlich von Kindern. Cr7z betont, er verstehe sich "nur mit Alten und mit Kindern", aber nicht mit der grauen Masse dazwischen. Wieso wohl?

Kinder und Alte sind vielleicht etwas einfältig wie Cr7z selbst. Aber sie haben entweder noch keine Schandtaten begangen oder bereuen sie aufrichtig. Entweder sind sie aus Naivität gut oder aus Weisheit. Die Menschen dazwischen dagegen sind zum großen Teil Anhänger des "Biestes", der Selbstvernichtung der Menschheit. Während also jung und alt die Menschlichkeit repräsentieren, vertreten die "Erwachsenen" Un-Menschlichkeit.

Während unausgewachsene Kinder und senile Alte sich dem Zustand von liebenswerten Tieren annähern, nähern sich die selbstständigen Erwachsenen hassenswerten Un-Tieren, d.h. dem Biest. Cr7z hat sogar ein Album "Zurück zum K7nd" genannt. In seinem Track "33°" stellt er klar:


Mir ist das Wichtigste das Kind, viele haben es verloren. Klar, du freust dich über'n Porsche. Ach, wie soll ich's dir erklär'n? Schlaf dich erstmal aus. Vielleicht kapierst du's morgen. Es gibt dafür kaum 'ne Formel. Ich glaub', es kommt aus dem Bauch und aus dem Herz, und mit etwas Glück wohl auch aus dem Verstand. [...] Hat keiner Lust, mit mir mit zukommen, um das Leben zu ergründen? Was weiß ich, vielleicht gibt es auch nichts zu finden, aber immer noch besser als hechelnd zu dürsten in der Dürre.


"Hoffnungsschimmer" illustriert diese Haltung zum Leben am klarsten. Es lohnt sich auch, das Video dazu zu genießen. Es gibt nur wenige Rap-Videos, die auch nur annähernd die Schönheit dieser Vorstellung erreichen können. Auch die skits aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin" sind wunderbar gewählt, wenn Cr7z Ichi sagen lässt: "Wir sehen einfach nicht die Grenze. Und deswegen haben wir Angst." Wie so oft bei Cr7z geht es in diesem Stück um Blindheit für das Gute und Böse, das in der Welt passiert. Ichi sagt daher passend: "Ich weiß nicht wer böse ist und wer es nicht ist. Ich hab kein Gespür dafür, wie weit ich gehen kann. Ich sehe keine Grenzen, kann nichts unterscheiden. Ich hab nicht mal ein richtiges Gefühl, dafür, ob ich noch lebe oder schon tot bin."

Ichi - die blinde Schwerkämpferin, www.arte.tv

Offenbar hat die Blindheit der Menschen für Cr7z also wirklich mit ihrem untoten Dasein zu tun. Blindheit für die Welt ist bei Cr7z das selbe wie das Fehlen von moralischen Maßstäben und Lebendigkeit. Der geniale Dreh im Film mit der blinden Schwertkämpferin ist, dass sie in Wirklichkeit weniger blind ist als die sehenden Schergen, von denen sie ständig attackiert und misshandelt wird. Wer den Film kennt, kennt vielleicht auch die Anspielung von Cr7z auf Ichis Beziehung zu den Kindern. Auf die Frage, ob sie Kinder möge, antwortet Ichi ganz und gar im Sinne von Cr7z:

"Ich hasse sie. Sie sind lästig, sind mir zu laut. Aber: Sie sind unverdorben. Man kann ihnen mehr trauen als den Erwachsenen."

Die Schwertkämpferin Ichi steht insofern für den Kampf des unverdorbenen "Kindes" mit dem völlig verdorbenen "Biest" im Menschen. Die ganze Symbolik von Cr7z ist durchzogen von diesem konfliktreichen Dualismus. Es geht ihm stets um die Einheit der Gegensätze, um Dialektik. Gerade die Dialektik lässt einen Hoffnungsschimmer selbst in der tiefsten Finsternis übrig. Denn der Kampf gegen die Finsternis ist die eigentliche Realität, fast wie im Film oder Spiel. Zugleich ist der Kampf gegen die Umnachtung das einzige Mittel, um vielleicht wach und am Leben zu bleiben, sei es noch so schwer. Denn "wer kämpft kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren." 




Ein weiterer Dialog zwischen Ichi und ihrem Freund Toma nähert uns der Problematik von Cr7z an. Toma will in den Kampf ziehen. "Es wird wohl bald zum Krieg kommen...". Ichi kommentiert: "Wer da mit macht, bringt sich in Gefahr, ob er es will oder nicht." Toma reagiert empört:

"Ich kann mich nicht raushalten, so wie du es bei deiner Freundin neulich getan hast. So gut wie du mit dem Schwert umgehst, hättest du doch der anderen Blinden zur Seite stehen können. Ich weiß nicht, was du erlebt hast. Aber wieso hast du so Angst davor, dich auf jemanden einzulassen?"

Die Antwort von Ichi ist der obige skit zur Frage von Leben und Tod, Moral und Unmoral. Aber Cr7z lässt eine Sache aus, die Ichi sagt: "Allerdings hänge ich auch nicht am Leben. So wertvoll ist es nicht." Ob das auch auf unseren Rapper zutrifft? Ich glaube schon. Wenn man sich die Elegie "Mir tut es so Leid" von ihm hört, nicht Mal eben so anhört, sondern wirklich hört, dann versteht man genau, was er meint.

Was genau tut Cr7z Leid? Der Verlust der Kindlichkeit. Menschen "erwachsen" und verkümmern zugleich, wenn sie ihre Kindlichkeit verlieren. Aus unverdorbenen, lebenfrohen Menschen werden verdorbene, jämmerliche Kreaturen. Von Natur aus schöne Menschenkinder werden zu hässlichen Kreaturen, zu menschlichem Staub, zu stinkendem Abschaum gemacht. Aus dem siebenmilliardenfachen Smeagol wird der siebenmilliardenfache Gollum. Cr7z beweint daher die Verkrüppelung des Menschenkindes durch das Menschenbiest. Für Cr7z ist also "das Kind" eine Art Rückbesinnung auf die guten Anlagen im Menschen, auf die kindliche Freude, auf das Kuschel- und Liebesbedürfnis des Menschen. Aber was ist mit Cr7z selbst? Er sagt ja: "Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich."

Einsamkeit und Eremitentum


Cr7z ist ein Eremit. Und Ichis Eremitenleben hat Parallelen zum Eremitentum von Cr7z. Zwar wandert er nicht mit einem Schwert umher und tötet Menschen, die ihm in die Quere kommen. Aber er ist offenbar oft alleine. Mit Sicherheit kennt er quälende Einsamkeit, selbst in Gesellschaft. Und ganz bestimmt sind die meisten Menschen blind für sein Wesen. Für gewöhnlich ist er friedlich. Das glaube ich ihm aufs Wort. Aber man sollte ihm besser auch glauben, dass er einem nicht nur verbal im Rap die Kehle durchschneidet, wenn man ihn belästigt wie die Schergen es mit Ichi ständig tun.


Toma reicht Ichi die Hand, aus dem Film "Ichi"
Er ist aber nicht genau wie Ichi. Ichis Freund Toma teilt auch einige Merkmale mit Cr7z. Eine traumatische Erinnerung an eine Verletzung seiner Mutter, an der er Schuld trug verhindert, dass der meisterhafte Schwertkämpfer sein Schwert ziehen kann. Also kämpft er bloß mit einem Stock. Er wird somit daran gehindert, sein Potenzial voll auszuschöpfen, weil er von den eigenen Gewissensbissen gehemmt wird. Ähnlich scheint es unserem Rap-Genius zu gehen: "Ich hab' so viel gesehen und das in viel zu jungen Jahr'n. Meine Schotten sind so ausgesprochen dicht." Und "bin zu sehr sensibel."

Cr7z hat wohl den Wert von Familie begriffen. Konflikte mit der Familie sind zwar unvermeidbar. Denn "ich bin wie ich bin" trifft auf jeden Menschen zu. Und "Menschen wir unsereins behandelt man nie so, wie es sich gehört. Wir werden nur verachtet und müssen irgendwo im Stillen krepieren" auch. Ja. So ist es wirklich. Ichi wurde sogar vergewaltigt und danach dafür auch noch verstoßen. Gegen sowas muss man ankämpfen. Und jeder Mensch muss alleine für sich das verteidigen, was das wachsende Kind in ihm ausmacht. Aber dennoch muss man für die Familie, ob verwandt oder nicht, Feuer und Flamme sein und sie zur Not mit dem Schwert verteidigen. An sich sollte das Putzen oder Müll-Heraustragen der geringste Dienst sein. Oder? ;-)

Über sich sagt Cr7z z.B., er sei "kein Cyborg der Maschinerie", habe "niemals eine Crew gebildet", "er hat sie alle Backstage abserviert", "die Wechselspiele zwischen Peitsche und Brot sind bei mir nicht wegzudenken", "würde ich stoppen, würde es meinen Verstand verkrüppeln." Er ist offenbar ein Zerrissener und Getriebener. Wohin er will, wird erst klar, wenn man viele seiner Stücke studiert und sich einen Reim auf seine oft reimlose Lyrik gemacht hat. Cr7z hat seinen eigenen Film. Jeder Mensch hat seinen eigenen Film. Es ist genau wie mit Ichi. Erst am Ende ihres Films wird klar, wo sie überhaupt hin wollte, was sie überhaupt wollte. Wie Ichi sehnt sich auch Cr7z schlicht, "man würde mich mal drücken, das ist alles." Stattdessen muss ohne Ende angekämpft werden gegen brutale Schergen, lebende Tote und Maschinenmenschen. Aber träumen reicht nicht:

Scheiße Criz, reiß dich zusammen, dieses Leid zerfickt dich.Wir sind hier nicht bei 'Wünsch dir was', sondern bei 'So ist es'.Nix mit Chillen, nix mit Flaschengeistern, Alter, trink nicht.Du weißt es bringt nix, es drückt dich nur einmal zurück.

Cr7z hat offenbar seine eigenen Mittel entwickelt, mit dem Leid umzugehen. Abgesehen vom "silbernen Feuer" im Glas und "silber, grün und grauem Schimmer" in den Augen, die "heilige Wut" spiegeln, hat er seine Kunst und sein Eremitentum. Alkohol hilft nur kurzfristig. Hass und Rache lösen das Problem bestimmt nicht. Die Kunst ist eine Form, die Wut loszuwerden. Das Eremitentum ist sicherlich der beste Schutz und Selbstschutz vor dem "Biest". "Es geht nicht darum, was dort jenseitig des Himmels moved. Es geht um die Rotation des eigenen Wirbelsturms."




Die Sehnsucht nach Zweisamkeit


"Ich hätte mir gewünscht, man würde mich mal drücken" ist ein Satz aus "Lass mich gehen", dem Stück von Cr7z, das wohl am konzentriertesten auf das Motiv der Zweisamkeit eingeht. Diese Elegie ist eines seiner ergreifendsten Werke. Er sagt darin zwar "ich will nicht klagen", aber im Grunde ist es reine Nostalgie, die er da erdichtet hat:

Wieso scheitert die schönste Sache der Welt
in der heutigen Zeit an Kleinigkeiten, das würde ich gern begreifen.
Wahrscheinlich, weil wir zu verpeilt sind und das Ego Nummer 1 ist
Sieben ist davon nicht grad begeistert, aber weißt' was?
Ich bin auch nicht grad ein Heiliger
Ist wohl nur der Lauf der Dinge, dass das ganze hier am scheitern war.
Also weiter Bar für Bar, um mich bloß zu erinnern:
Wenn ich Kindlichkeit verlier', sterbe ich.



"Heut' ist wieder 'ne Trennung, weil ich eh nie meine Liebe find'", "ich such' nach meinem Ebenbild und das zu finden geht nicht wirklich" sind typische Sätze von Cr7z, der sein ewiges Liebesunglück durch den Rap verewigt. Auch "Wie sie tanzt" geht auf gestörte Zweisamkeit ein:

Was ist los? Wir haben uns angezogen, abgestoßen.
Hast mich angelogen, lass mich los.
Ich hab' genug von dir und deiner Angewohnheit
zu ficken mit Angspsychosen.

"Silbernes Feuer" vertieft dieses deprimierende Bild der ewigen Einsamkeit und des "unendlichen Leids" noch:

Mein Album schneidet bis ins Fleisch. Hier wird nichts beschönigt.Deine Haltung dazu solltest du überdenken, ich schwör's dir.Du hast mich nicht gesehen, wie die Faust an meine Wand schlag,wie das Blut herunterrinnt und meine Tränen vom Gesicht in Strömen laufen wie ein Wasserfall.Mein Herz wurde gebranntmarkt und es sticht in meiner Brust, als hätte ich dauernd 'nen Anfall.Zeige Anstand, respektier' mich. Wärst du so ich ich vom Schicksal gevögelt, wärst du nicht handzahm, sondern schmeißt dich vor 'ne Trambahn.

Ichi und Toma Arm in Arm,
aus "Ichi - die blinde Schwertkämpferin"

Die Perspektive der 7


Völlig hoffnungslos ist der Junge aber nicht. Daher hat er auch die Hymne "Hoffnungsschimmer" verfasst, in der er seine optimistische Seite am klarsten darstellt:

Mir ist aufgefallen in dem Auf und Ab bleib ich auf Kurs. Ich weiß, dass es sich lohnt Zähne zusammenbeißen und durch. Und auch wenn das für die meisten nicht logisch klingt, bin ich von Zeit zu Zeit überglücklich selbst wenn ich so melancholisch bin. Klar, ich schreibe vieles hin was einen runter reißt, es stimmt, nur müsst ihr verstehen ich reinig mich damit so gesehen. Es ist etwas Gutes für mich, somit bleibt das Licht noch bestehen und scheint genauso für die, denen es nicht so gut geht.

Auch die zuvor deprimierenden Aussagen über die Wertlosigkeit des Lebens werden relativiert. Erst durch diese "Wiedergutmachung" ist ein halbwegs vollständiges Bild von Cr7z gegeben. Dass er die Schlechtigkeit der Welt feststellt und nicht wie ein Blinder oder ein Zombie durch die Welt irrt, heißt nicht, dass er kein Licht sieht. Im Gegenteil.

Da er die Dunkelheit genau kennt, kann er die "Hoffnungsschimmer am Horizont" sicher mehr schätzen als die Cyborgs mit ihren rosaroten Visieren. Dabei spielt offenbar Familie eine große Rolle, die eine viel größere Bedeutung hat, als es die meisten Menschen im Lande eingestehen würden:

Bedenke immer, dass es bei mir auch die Kehrseite gibt. Wenn ich von den Schmerzen schreibe dann nähere ich mich dem Licht. Warum sollt ich auch die Dunkelheit verneinen. Setz ich mich mit ihr nicht auseinander, kommt sie noch stärker zurück. Wie eine Mutter für die Kleinen. Schuftet wie ein Schwein und lächelt in Kriesenmomenten, egal wie schwer sie auch sind. Und wie die Jahre so vergehen, irgendwann bekommt sie eine Krankheit und das heißt, das hat sie nicht verdient. Ist kein Wunder wenn man weiß, wie es wirklich für sie ist. Sie freut sich über jedes Küsschen und zieht sich in die Küche zurück. Wünscht sich vielleicht auch mal eine Blume, einfach so. Nicht nur an ihrem Geburtstag, sondern weil man ihre Leistung lobt. Möchte vielleicht auch mal Ruhe und alleine sein und nicht ständig untergebuttert werden in den Streitereien. Deshalb Augen auf. Ich spreche aus Erfahrung, egal ob Gutes oder Schlechtes geschieht. Vielleicht warst es du.

Und weiter:

Jeder macht Fehler, doch die Wenigsten lernen. Hören wir auf uns etwas vorzuwerfen, das Leben ist‘s wert. In der dunkelsten Stunde verstehst du sicher, was ich mein. Lass es nicht erst soweit kommen, sondern sehe es jetzt ein. Lang genug war unser Ego Nummer 1, es wird Zeit für die 2, vielleicht erleben wir die 3. Eine gemeinsame Seele. Es gibt keinen, der perfekt ist. Hoffnungsschimmer am Horizont. Vergebung und Verständnis.

Die 7 Milliarden Menschen auf der Welt haben durchaus eine Perspektive. Sie haben sogar sieben Milliarden davon. Kann man so oder so sehen. "Das Biest" hat im Grunde nur eine: das Zeitalter der Dekadenz. Cr7z formuliert es in "33°" so:

Ich sehe keine Wandlung und das seit Ewigkeit.Klar sind Viele wach, aber das sind halt zu wenig, weißte?Würd' mich freuen, wenn du mir mal Beachtung schenkst, denn ich begreife mittlerweile, wie 'ne Loge einen Schachzug lenkt.
Wichtig ist: wir bleiben von einander abgetrennt.
Denn wenn wir uns verbünden, ist es es ein Witz,
was sie machtvoll nennen.
Ich bin selbst im Widerspruch mit mir,
mein Aszendent ist Waage, Mond, Stier, Sonne, Fische.
Das ist lachhaft, echt. 

Die Perspektive der 7 ist im Grunde eine einzige, obwohl sie die Perspektive von sieben Milliarden ist: "V wie Vendetta. V wie Variation."




Achso, Chris, wenn du meinen Standpunkt wirklich begreifen willst, lies dir die anderen Artikel auf diesem Blog durch und diskutier' mal 'ne Runde mit mir. ;-)

Infos




Freitag, 31. Januar 2014

Maeckes

Teil 6 der Serie über Deutschrap mit Anspruch. Diesmal über den Stuttgarter Rapper Maeckes, der schon im Zusammenhang mit Tua als Mitglied von Die Orsons erwähnt wurde.


Maeckes, www.splash-mag.de

Rap mit höheren Ansprüchen


Es geht Maeckes, wie allen Rappern mit höheren Ansprüchen, nicht vor allem um Geld durch Selbstdarstellung wie etwa Bushido oder Eko... Das findet man allzu oft im Rap von heute, der genau genommen kein Rap mehr ist, weil er seine Ursprünge verraten hat für den Absatz auf dem Markt. Maeckes grenzt sich intuitiv und sicher auch bewusst von diesem oft schwachen, weil zur reinen Ware gewordenen Rap ab. Er besinnt sich auf die Wurzeln des Hip-Hop. Talent, Leidenschaftlichkeit und die Rückbesinnung auf echten Rap sind das Geheimnis der Mucke von Maeckes.


Maeckes haut dich weg. Er haut dir den Schädel weg. Nicht körperlich, aber geistig, emotional, transzendental. Geistig haut er dich weg, weil er zu den klügsten und humorvollsten Hip-Hop-Musikern im Staate gehören dürfte. Emotional haut er dich weg, weil er in seiner Kunst Gefühle besser transportieren und wieder eliminieren kann als die meisten gefühlsduseligen Kunstprodukte, die man in der Jetztzeit so findet. Transzendental haut er dich weg, weil er stets nach den Bedingungen der Möglichkeit der Dinge fragt und die Bedingungen der Jetztzeit hinterfragt. Zu kompliziert? Kein Problem, denn Maeckes ist trotz seiner gedanklichen Höhenflüge echt bodenständig.

Maeckes ähnelt nicht nur vom Aussehen her Eminem. Abgesehen davon, dass er mit "White Trash" eine witzige Hommage an Eminem ausgedrückt hat (ob bewusst oder unbewusst), hat er auch ein technisches Repertoire, dass stark an den Slim Shady erinnert. Er unterbricht sich selbst, wechselt plötzlich Stimmton und -ausdruck, springt von bitterem Ernst zu Selbstironie, nutzt alle erdenklichen Geräusche und Rhythmen, um seinen Anspruch umzusetzen, gute Musik zu machen. Und es gelingt ihm fast immer.

Melodramatischer und gefühlsduseliger Rap?


Man muss verstehen, dass die Musik von Maeckes zwischen völlig gefühlloser Depression und total ausuferndem Schwall von Gefühlen schwankt, um die Höhen und Tiefen der menschlichen Situation darzustellen. Maeckes ist mit Sicherheit einer der emotionalsten und empfindsamsten Rapper im Lande. Das wird an einigen seiner Tracks sehr deutlich.

"Ehrlichkeit" ist einer der besten Tracks von Maeckes. Er zeigt hier bereits einen Großteil seines technischen und inhaltlichen Repertoires. Auch könnte man sich an "Es regnet" von Tua erinnern. Der Beat ist eigentlich kein Beat, es ist eher ein Dahinplätschern der Hintergrundmusik. Man muss an einen bewölkten, regnerischen Tag denken. Es ist die perfekte musikalische Unterlegung einer suizidalen Stimmung, die man allein gelassen im eigenen Zimmer beweint. Tiefste Melancholie, schmerzende Einsamkeit, Isolation vom Anderen - darum geht es hier, wenn Maeckes im Jammertal verschwindet:

Mit Ehrlichkeit kommt man nicht weit, ich weiß
Doch ohne Ehrlichkeit kommt man nicht nah, ich sah
Schon soviele kommen, soviele gehen
Oftmals ging auch ich, ohne wiederzukommen, doch
Mit Ehrlichkeit kommt man nicht weit, ich weiß
Doch ohne Ehrlichkeit kommt man nicht nah, ich war
Schon so oft kurz davor, so oft schon weit davon entfernt
Doch auch wenn Ehrlichkeit befreit
Ich hab meistens nichts gelernt!

Im selben Track thematisiert Maeckes den Sexismus und die Unehrlichkeit im Rap. Geht es noch tiefsinniger und selbstkritischer? Eher nicht. Maeckes bietet also den ehrlichsten Rap an. Aber wer ist ehrlich genug, um zu gestehen, dass er oder sie zu langweilig ist, um Maeckes zu verstehen oder um zu gestehen, dass er oder sie Maeckes' Emotionalität echt gut findet?

Immerhin war Ehrlichkeit schon immer nicht einfach. Wer ehrlich ist, macht sich angreifbar. Wer ehrlich ist, öffnet sein Herz. Wer ehrlich ist, hält dem Menschen-Wolf seinen Hals ungeschützt hin. Und seit Thomas Hobbes (und den unzähligen Kriegen, den Weltkriegen, Völkermördereien und heuchlerischen Verunglimpfungen der modernen Helden durch die moderne Technokratie nach ihm) wissen wir, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Die Frage ist, ob es ein tollwütiger und hungriger Werwolf ist oder ein friedliches Rudeltier, das der Wolf eigentlich ist.

Auch die heutigen Menschen können tollwütige Bestien oder friedliebende Rudeltiere sein. Sie können Kriegstreiber, Volksverhetzer, Menschenmörder, Rufmörder oder einfach dumme Bullensöhne sein. Andererseits können sie auch Pazifisten, Internationalisten, Helden, Gesellschaftskritiker oder einfach intelligente Individuen sein. Manchmal mischen sich diese Kategorien auf merkwürdige und unverständliche Weise. Das ist auch das Thema eines weiteren Tracks von Maeckes.

"Versteh sie einfach nicht" thematisiert genau diese Komplexität und Banalität der Menschen:

Ich versteh diese Menschen nicht, wie sie herumrennenmit abgebrochenen Antennen,in den Kellern ihrer Selbst, sich nicht anerkennend,
aber sich erkennend an den Tränen und dem verklemmten LächelnIch versteh diese Menschen nicht, sie erwarben ihr Leben auf Kredit,doch sie bezahlen nicht ab,
Sie zahlen es zurück, Stück für Stück suchen sie wahres Glück,und wenn sie es haben schmeißen sie es weg.Ich versteh diese Menschen nicht, sie geben Liebe, um Liebe zu kriegen, führen Kriege um Kriege zu führen,reden, damit sie sich beim Reden zuhören können, sie tun alles nur für sichIch versteh diese Menschen nicht, sie funktionieren weder in Massen noch allein,weder getrennt noch vereint,sie funktionieren nicht, und wenn, nur um sich fortzupflanzen,um sich zu morden und zu hassen

Klar kann das auf manche Menschen gefühlsduselig, melodramatisch etc. wirken. Aber es gab ja auch Menschen, die Hitler nicht bekämpft haben, Menschen, die heute die Nazis nicht blockieren, und Menschen, die den Kampf für Menschenrechte in Palästina für "antisemitisch" halten. Menschen sind wirklich merkwürdige Wesen, und sehr kompliziert. Aber kann man diese Kompliziertheit je überwinden? Ist es nicht toll, dass Menschen ständig in scheinbar sinnlose Konflikte geraten? Ist das nicht zutiefst menschlich? Terminators würden sich sicher nicht mit Skynet streiten.

Wie bei so vielen guten Rappern wird bei Maeckes die ewige Frage der Liebesfähigkeit thematisiert und hinterfragt, wenn er feststellt:

Wir wollen leben, uns nicht richtig benehmen
Und als riesengroßer Arsch
Sitzt man sehr bequem
Und als riesengroßes Arschloch
Kriegt man viele Frauen
Nur man kriegt hier nicht viel Raum
Mit nem riesengroßen.. Herz!
Nicht, dass ich eins hab
Und wenn, dann nicht hinter 'nem Brustkorb -
Hinter 'nem Tresor schlägt es in Sicherheit
Und irgendwo steht auch der Zugangscode zu dem Herz
[Zugangscode? blabla was rede ich da?]
Klingt eigentlich wie ein guter Scherz
In Zeiten, in denen der Gute nervt
Der Badguy die Bitches kriegt

"Kürzester Weg zum Glück" ist eine ebenso depressive wie ironische Ode an das Liebesunglück:

Ich reich dir vollkommen aus, meint sie
Ich mein, zieh dich nicht vollkommen aus vor mir
Wir lieben uns so lange ich es rauszögern kann
Ich bin halt auch nur ein Mann
Ich zieh noch zwei, drei Mal
Doch drücke sie aus
Auf meinem Arm
Um wieder zu spüren
Ein paar Mauern ohne Dach machen kein Haus
Wohin wird uns dieser Weg wohl führen?

Natürlich hat dieser talentierte Wahrsager im wahrsten Sinne noch mehr zu bieten, wenn es um Emotion und Menschlichkeit geht.
In "Würgegriff des Glücks" beweist er noch mehr, welch unschlagbares Talent Maeckes in seinem Rap verwirklicht. Es lohnt sich, den ganzen Track in Dauerschleife so schnell wie möglich und so lange wie möglich zu hören:

Die Welt ist nicht am Arsch?
Dann erklär mal einem Kleinkind, wer Adolf Hitler war
"Papa, was hat der gemacht?" - "Nichts."
Siehst du, wie wir uns ziemlich echt verstellt haben
Schuld daran ist das Wort während der Liebesnächte der Eltern
Entscheidungen treffen sich kurz im Smalltalk
und lästern über nicht getroffene Entscheidungen ab
Gespräche finden wie die in Pornos statt
Lebenslanger Talkshowgast, Knast
Ich sitze vorbildhaft
Satellitenbilder liefern ein lückenloses Bild von mir
Wie ich nie genug von den Appetitzüglern kriegen kann
Dann erzähl mir nichts von Liebe!
Manche Eltern sind nur nicht geschieden, wegen batteriebetriebenen Liebhabern
Du willst wissen, wie ich mich fühle? Ich will wissen, wie ich mich fülle - diese Leere. In mir ist absolute Stille
Wir sind atommüllsicher halt kleinbürgerlich beschützt
durch den Würgegriff des Glücks, okay!



"Alles ist vorbei" ist ein großes Jammerlied über den Tod "Gottes" bzw. aller Werte und jeglichen Sinns. "Rap als Bedrohung der Oberen: Tot", "Aus der Freude am Leid wurden Freunde zum Feind", "Alle wollen sie selbst sein, selbst gleich - gleich selbst gleich selbst, gleich gestellt - gestellt gleich -alles ist vorbei", "Deutschrap ist ein Herrschaftswort", "Ich versteh mich nicht mal selbst, wie soll ich dich verstehen, wenn du dich weiterhin verstellst, und ich mich weiterhin verstelle, stell dir vor: es wird alles vorbeigehen. Alles ist vorbei."

Isolation und Gesellschaft bei Maeckes


"Isolationierung" ist erst sehr schwer zu verstehen, aber wenn man das Ding öfter gehört hat und ein wenig Vernunft hat, wird man Maeckes als ganz großen Künstler betrachten:

Ich hab' keine Ansprüche an mich, außer Ehrlichkeit,ehrlich gesagt, dieses Lied ist auch für dich,keine Option scheint plausibel, es schrei'n so viele,doch es wird weder den Geist beflügeln noch denkt jeder Zweiteüber das, was gesagt wird, nach - verbale Fata Morgana, bla bla bla.."Der zeigt Gefühle! Alter, Pussyshit, der spielt Moralapostel, Alter, der denkt er lässt uns von der Wahrheit kosten, Alter!"Nein, ich denk' nur: mir geht's besser wenn ich's aussprech',aber hab' vergessen: hier gilt das Faustrecht!aber Ficker, am meisten kotzt mich an, wie ich mir Gedanken mach',über das, was ihr nach diesem Track zu Anderen sagt,denn diese Gefangenschaft tötet meine Liebe zur Musik,es liegt also doch nur an mir, dem MC, der sich wieder verbiegt,dem Mensch, der verzweifelt im Mittelpunkt steht und dem Freund,der sich aus Egomanie im Nihilismus verzieht

Egomanie und Nihilismus! Das sind auch die Themen in "Von Logen herab". Menschen kümmern sich offensichtlich nicht an Werte, die eigentlich noch gepredigt und vorgeheuchelt werden. Die geheuchelte Menschenliebe, Menschenfreundlichkeit und überhaupt Menschlichkeit verbergen sich hinter dem Wesen der Dinge, das nichts anderes als egomaner Nihilismus ist:

Rehaugen blicken mich an, ein Mädchen sagt die Welt wird untergehen
Schuld ist nur unser Ego daran, ich seh' sie an.
Sie ist vielleicht zehn Jahre alt, sie dreht sich dann zurück zur Bar,
Sie winkt kurz nach dem Barkeeper,
Der kommt sofort, schenkt ihr pures Glück ins Glas,
Sie trinkt rasch - leer - tschüss das war's!

Interessant wär's zu spekulieren darüber, ob der Barkeeper normalerweise bestreiten würde, dass er viel zu jungen Menschen die schlechten Angewohnheiten der "Erwachsenen" antut oder ob er sich sogar um den Schein der Anständigkeit 'nen Kehricht machen würde. Ihr könnt ja darüber diskutieren. Ich mache weiter mit dem Text, der verdammt kulturkritisch ist:

"Nur die allerschönsten kommen in den Himmel" sagt ein Mädchen,
das Stewardessen anbetet. Glenn Goulds Goldberg-Variationen sind ihrer Meinung nach der Soundtrack für ein verschwendetes Leben. Sie hört keine Musik, doch sie war mal in 'nem Wald - ein Tag, den sie bis heut' bereut, denn sie fand einen verhungerten Jäger auf seinem Hochsitz,
hätte sie ihr Handy dabei gehabt, wären es 1 Million Klicks!



"Jetztzeit 2" von Maeckes und Plan B ist für Rap Gesellschaftskritik in schönster Verpackung:

Ich öffne die Augen und kann ihnen plötzlich nicht trauen,
obwohl ich seh' was ich sonst seh'.
Öffentlicher Raum, überwacht vom öffentlichen Auge,
überdacht vom unerlöschlichen Glauben an die Macht.
Blablabla jajaja ich seh das Elend der Kriege und immer weniger Liebe
und ich steh nur vorm Spiegel und ich rede zu viel
und ich gebe wohl zu wenig Ficks auf Regeln wie Benehmen und Stil.
Der durchschlagende Erfolg des sich durchschlagenden Volks steht nur noch in Geschichtsbüchern auf zu Papier verarbeitetem Holz
und das fehlt uns, wenn wir in der Sonne stehen
und bei der kleinsten Bewegung eingehen.

"Probleme weglächeln" hat auch einige verdammt kluge Sätze, aber schon allein der Refrain haut einen weg:

Man sieht es ihnen nicht an
Du läufst an ihnen vorbei
Ihr trefft euch auf ein paar Bier
Doch du siehst nicht in sie hinein
Sie tragen Ängste in sich
Lächeln Probleme weg
Wir könn' uns täglich treffen vieles wird von uns nie entdeckt
Du denkst, dass du viele Leute wirklich gut kennst
Doch sind sie dir so fremd

"Heimweg.avi" ist nicht nur ein toller Track, sondern wird auch mit tollem Video geliefert. "Verfangen in einem Weg. Gedanken filme ich mich selbst mit meinem Handy. Leicht verwackelt auf meinem Heimweg wankend, betrunken weiss ich wo daheim ist. Ist das das Ende?"



Kinder als Motiv bei Maeckes 


Kinder bzw. "das Kind" im verdorbenen Menschen ist ein immer wiederkehrendes Motiv bei Maeckes. Er ist bei weitem nicht der einzige tiefsinnige Denker, der die Kindheit dem verdorbenen "Erwachsen" entgegenstellt. Schon der französische radikale Philosoph Rousseau machte kluge Sätze darüber. Aber auch rappende Philosophen wie Cr7z oder Tua kennen dieses Motiv. Maeckes hat sogar ein Soloalbum "Kids" genannt. 

"Verglast & Zugemauert" soll eine Hommage an den verstorbenen Falco sein. Es thematisiert einerseits die urbane Isolation, wie oben schon erwähnt, und andererseits den Gegensatz von Kindheit und "Erwachsen" ganz wunderbar, wenn er seinen Refrain einleitet mit der Frage: "wo ist das Kinderlied?":

Sind wir nicht einfach Kinder Mit einem verkrüppelten Geist,Der uns schlicht daran hindert,Einfach noch Kinder zu sein?

"Betrunkene Kinder" hat mehrere Ebenen und lässt daher viele Interpretationen zu. Die Hook ist bereits der Hammer:

Man sagt: ein Betrunkener sagt die Wahrheit...Und ein Kind und ein Kind [und ein Kind!] Also kidnappe ich ein Kind Und mix ihm 'nen Drink, mix ihm 'nen Drink [mix ihm 'nen Drink]So stark, dass es grade noch stehen kann [stehen kann!]Und mir die Wahrheit erzählen kann. [erzählen kann!] Näher werden wir nicht kommen.Näher werden wir nicht kommen.

Für die Wahrheitssuche wird also ein Kind, das Symbol der Wahrheit bei Maeckes, betrunken gemacht, damit es zum Betrunkenen wird, der ebenfalls für die Wahrheit steht. Am Ende sollte die absolute Wahrheit herauskommen. Was kommt heraus? Das dürft ihr selbst herausfinden. Maeckes jedenfalls leitet die Story schön tragikomisch ein:

Kurzer Blick nach hinten, wo das Kind sitzt, auf dem Rücksitz,
durch den Lolly vorübergehend glücklich.
Ich halte an der nächstbesten Bar an.
"Was willst du trinken?" frage ich das Kind und den Barmann.
Das Kind meint "Ich will Milch."
Ich sag "Ich will die Wahrheit! - es gibt keine Milch.
Zumindest nicht pur, doch heut' ist Weihnachten,
kennst du denn BigLebowski?
Wir trinken White Russian, Dude!"

In "Jetzt" (mit den Orsons) werden ebenfalls die Kinder von heute und morgen besungen, aber durchaus aus optimistischer Perspektive. Sobald man aus der Depression heraus will, kann man ruhig "Jetzt" in Dauerschleife hören, weil es ein Chor des Optimismus ist. Der geradezu buddhistisch wirkende Refrain besagt:

Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern „Früher war alles viel besser!“
Dann mein' sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Maeckes liefert neben dem unschlagbaren Meisterstück von Tua einen ebenso unwahrscheinlich genialen Part: 

Wir sitzen in Schlafsäcken
Auf Autodächern
Schau'n in die Sterne
Leer'n unsern kopfinternen Papierkorb aus
Erklär'n uns Universen als Riesengloryholes
Scherzen über Gott
Und ob Boris Becker auf Twitter wohl mehr Follower hat
Ach, die Erde ist so flach, wir lachen
Weil es kaum was besseres gibt
Außer vielleicht ficken
Außer vielleicht - da gibt es nichts
Jeder von uns ist nur ein Pixel
Und nur zusammen gibt’s 'n Bild
Wir verlangen doch nur nach fünf Minuten Himmel
Ich will doch nur, dass wir uns erinnern
„Heut“ wird das „früher“ sein für unsre Kinder


Sarkasmus und Ironie bei Maeckes


Wie auch Disarstar, JAW, Sookee und Amewu ist auch Maeckes ein überaus ironischer und sarkastischer Kritiker der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind Kritiker der Unehrlichkeit, Heuchelei, Doppelmoral und banalen Boshaftigkeit eines Bürgertums, das in einen stinkenden Sumpf der Dekadenz versunken ist. Da kann man nicht anders als sarkastisch und ironisch sein, wenn man kein Apologet dieses irdischen Jammertals, dieser Hölle auf Erden ist.

"Jetztzzeit" ist bitterböse Kapitalismus- und Konsumkritik:

Man kann alles haben, was man will
Weiß aber nicht mehr, was man eigentlich will.
Also schweigt man nur still.
Der eiserne Willen wird eingeschmolzen durch nen heisseren Film.
Scheinheilig: Man verkauft 'nem Blinden einfach 2 Brillen.
Jetztzeit: Man hört zur Entspannung Maschinengeratter,
Umgeben von nem Leben, fast so echt wie in Big Brother.
Stop: wer sich bei meinen Ansichten gar wundert:
Willkommen im 21. Jahrhundert!
Ich beschreib wahrscheinlich nur meine Utopien,
Doch alle werden als Orginal geboren, und viele sterben als Kopien.

"Niemandsland" ist ein wunderbares Team-Work von Maeckes mit Tua. Beide haben wieder ganz hervorragende Arbeit geleistet. Maeckes' Part ist so witzig und ironisch, dass man laut lachen müsste, wenn das Thema nicht so traurig wäre:

Willkommen im Land, in dem Milch und Honig fließen
Doch wird die Milch schnell schlecht und der Honig klebt fest
Und das Mondlicht hängt im Netz der Atomenergie
Kolibris sieht man Koka zieh'n, um hochzufliegen
Während du der Illusion erliegst
Alle deine Angstzustände werden zwangsverpfändet
Hast du Angst, du könntest ohne sie kollabier'n?
Wenn dir nichts fehlt, scheint es, als ob du alles hast
Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht
Ich lieg' wach, YouTube-Videos
Bring' mich durch die Nacht, jede Erinnerung zerplatzt
Mit jedem Bissen wird man hungriger, unsicher
Wer man is', weil um dich herum sind alle Wunderkinder
Ungefiltert droht dich der Alltag zu vergiften
Unsere Existenzen sind reine Unterhaltungsmechanismen
Denn ich werd' nie erkannt, hier wurde Liebe verbannt
Dafür gibt's sonst alles hier im Niemandsland, na vielen Dank

"Pisse aus Weingläsern" ist purer Sarkasmus und eine absolut geniale Kollaboration mit JAW. Die Parts beider Künstler sind fehlerfrei, Rap in höchster Perfektion, was Form und Inhalt angeht, soweit das hier zumindest beurteilt werden kann:

Ihr trinkt Pisse aus Weingläsern,
Schaufelt Scheiße aus feinstem Meißner-Porzellan in euch hinein.
Jeder von euch ein einziger Design-Fehler.
Ihr seid Krankheiten, die jedes mal vorbeigeh'n, wenn sie Leid seh'n,
Ihr scheiß Täter! Keiner macht 'nen Fehler.
Ihr hängt Wunderbäume über frisch geschaufelte Massengräber
Tagsüber wachsam vor den Fernsehgeräten
Könnt ihr nachts nich' schlafen aus Angst vor Schläfern
Eure Philharmonien spielen Klingelton-Sinfonien auf Mülldeponien
Ihr esst Früchte von Bäumen, an denen Menschen hingen.
Kein Produkt dieser Welt kann uns besänftigen
Aus Angst vor immer mehr tickenden Uhren
Macht ihr Last-Minute-Urlaub in Militärdiktaturen
Per Billigflug, wer bin ich nur? Lästiger Spam.
Da sind keine Gesichter mehr, wenn wir die Masken abnehmen.



Beide Rapper, JAW und Maeckes, beweisen hier erstens Mut zur Ehrlichkeit und zweitens große Kunst. Die erbärmliche Heuchelei der modernen Gesellschaft mit all ihren Täuschungen und Selbsttäuschungen wird entlarvt durch zwei Menschen, die sich wie "Verrückte" aufspielen und offenbar nicht "normal" und "nicht ganz richtig im Kopf" sind. 

Aber wer hat denn wissenschaftlich bewiesen, dass "Verrückte" nicht aus vernünftigen Gründen "verrückt" geworden sind? Seit wann ist der "normale" Bürger ein guter Mensch? Und wie "richtig" liegen Menschen, die zu 70% die Forderungen linker Parteien voll und ganz teilen, aber dann doch immer wieder die "konservativen" und "liberalen" Parteien wählen? Wer sind hier die Idioten und wer die Vernünftigen? Zeigt mir Studien! Los! Ich warte auf halbwegs objektive Nachweise, solange ich oder ihr nicht beerdigt seid. Bin da sehr geduldig. Maeckes muckt mit Mucke auf. Das ist mein Fazit, ihr scheiß Täter. ;-)


Dienstag, 28. Januar 2014

Majakowski als Dichter der Revolution, Teil 2

Majakowski als Dichter der Revolution, Teil 2. Vierter Teil der Serie zu Marxismus und Kunst.

Nachdem im ersten Teil der Serie die Ästhetik von Lukács dargestellt worden war, wurde die Ästhetik Majakowskis angerissen. Im folgenden Artikel wird sie nun zerrissen. Denn Majakowskis Ästhetik war lieb gemeint und sein Schaffen ist bis heute und wohl für alle Zeit bemerkenswert. Aber Majakowskis Kunst musste aufgrund seiner sozialen Umstände an ihre Grenzen stoßen, sodass sie bei weitem nicht realisieren konnte, was seine Ästhetik erfordert hatte. Wie seine Persönlichkeit insgesamt wurde seine Kunst von den sozialen Widersprüchen seiner Zeit in Fetzen gerissen. Genau wie Majakowski unter solchen erbärmlichen Umständen - wie der Stalinismus sie repräsentierte - den bemerkenswerten Freitod wählte, so wählte er den bedauerlichen Tod seines künstlerischen Projekts.

"Womöglich bin ich der letzte Dichter"
- Handschrift Majakowskis


Eine historisch-materialistische Einordnung der Kunst Majakowskis


Majakowski und die sowjetische Filmexplosion


Majakowski wird in der Literaturwissenschaft u.a. als stärkstes literarisch-bildnerisches Multitalent unter den russischen Futuristen und somit als Aushängeschild der "Annäherung zwischen literarischer und und bildnerischer Praxis" angesehen, wie Ulbrecht anmerkt. Tatsächlich war er sowohl Literat als auch Maler. Daneben war er auch Regisseur, Schauspieler, Grafiker und Modellbauer. Ein Universalgenie war er dennoch nicht. Dafür mangelte es ihm an philosophischen und vor allem sprachlichen Kenntnissen. Er beherrschte wohl nur das Russische. Trotz dessen konnte er den Geist seiner Zeit ganz vorzüglich herausarbeiten. Denn das Russische reichte dafür allemal.

Majakowskis früheste, explizit bolschewistische Arbeiten sind wohl Ende 1917/Anfang 1918 entstanden. Zu dieser Zeit war er Teil der neuen russischen Kino-Bewegung. Georges Sadoul, der französische Filmhistoriker, schrieb:

"Die Entwicklung des russischen Filmwesens hatte nach 1908 begonnen. In der Vorkriegsperiode wurden die meisten Themen der Literatur und der nationalen Geschichte entnommen. Der Krieg, der der Eroberung des russischen Marktes durch ausländische Filme ein Ende machte, ließ die Produktion anwachsen und schuf große Stars wie Iwan Mosjukin. Das künstlerische Niveau hob sich innerhalb der Grenzen des Geschäftsfilms ständig. Man entwickelte eine übertriebene Sorgfalt der Form und einen sich deutlich abzeichnenden Geschmack für mondäne und Kriminalfilme, für pessimistische, düstere und dekadente Stoffe."

Das russische Kino war bis zur Oktoberrevolution dennoch weit vom bereits hohen Niveau im Ausland entfernt. Aber die Oktoberrevolution brachte eine Wende. Es kam in Russland zu einer "sowjetischen Explosion" der Kreativität in der Filmkunst, wie es Sadoul formulierte. "Der sowjetische Film wurde am 27. August 1919 geobren, am Tag, da Lenin das Dekret zur Verstaatlichung des alten zaristischen Filmwesens unterschrieb." Anders als heutige Ideologen der Privatisierung sich vielleicht noch entblöden zu behaupten, ist Verstaatlichung nicht notwendiger Weise schlecht für Kreativität, Innovation und künstlerisches Schaffen.

Die Kunst der frühen Sowjetunion bewies, wie großartig die Revolution auf sämtliche Künste in und außerhalb Russlands wirkte. Die neuen Techniken des Films und der Montagetechnik konnten in der neuen Gesellschaft erst wirklich zur Blüte finden. Lenin und die anderen Bolschewisten erkannten die große Bedeutung des Films und förderten ihn ganz besonders, was sich für das russische Kino phänomenal auswirkte. Obwohl gerade der Film zu jener Zeit die größten Hindernisse überwinden musste. Sadoul schreibt:

"Die Anfänge des sowjetischen Films stießen auf beträchliche materielle Schwierigkeiten. Der Bürgerkrieg beraubte die sowjetischen Filmschaffenden der Eliktrizität, des Rohfilms und sogar ausreichender Verpflegung. [...] 1922, als der Frieden hergestellt war, begann der Wiederaufbau der Wirtschaft. [...] Die Ateliers wurden wieder geöffnet. Die Techniker und Künstler der Vorkriegszeit fanden sich wieder zusammen. Es entstand der gigantische Film 'Aelita' von Protasanow, in merkwürdigen Dekorationen im 'konstruktivistischen' Stil gedreht. Doch die Zukunft des sowjetischen Films lag bei den Avantgarde-Gruppen, die mit Unterstützung der Regierung von ein paar jungen Leuten gegründet wurden".

Ganz anders als die jämmerlichen antikommunistischen Ideologen heutzutage behaupten, ist unter dem frühen Bolschewismus die Kunstfreiheit und Ausdrucksfreiheit keineswegs verschwunden. Umgekehrt. Sie nahm in erheblichem Maße zu, obwohl viele Künstler dem Bürgerkrieg und der Umgestaltung Russlands "entflohen" sind. Andere Künstler blieben. Lenin jedenfalls schätzte den Film so hoch ein, dass er ausrufen konnte: "Der Film ist für uns die wichtigste aller Künste". Der Film wurde also auf aller höchste Ebene der politischen Avantgarde auf die aller höchste Ebene der künstlerischen Avantgarde erhoben.

"Das Experementierlaboratorium", "Die Fabrik des exzentrischen Schauspielers" und die "Kinonarren" waren die wichtigsten Gruppen der Kino-Avantgarde. Die "Kino-Prawda", ein ergänzendes Blatt zur "Prawda" sollte "alles aus dem Kino ausschalten, das nicht 'dem Leben entnommen war'."

"Die 23 Folgen von 'Kino-Prawda' führten die 'Kinoki' zu einer noch extremistischeren Konzeption, nämlich der des 'Kino-Glas' ('Kino-Auge'). In ihren Filmen und ihren in futuristischem Stil verfaßten Manifesten verkündeten sie, daß der Film auf den Schauspieler, das Kostüm, die Schminke, das Atelier, die Dekoration, die Beleuchtung - kurz auf die ganze Inszenierung verzichten und sich der Kamera unterwerfen solle, einem Auge, das noch objektiver sei als das menschliche Auge. Die Empfindungslosigkeit der Maschine war ihnen der beste Garant der Wahrheit. Da die Aufnahmen vor allem darauf abzielen sollten, das Leben improvisiert zu packen, bestand die Kunst fast völlig in der Montage."

Die russische Montagekunst wurde bald weltbekannt und die übertriebenen Theorien des "Kino-Auges" und der empfindungslosen Darstellung...

"lenkten die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Montage, auf die Notwendigkeit, den Menschen in seinem gesellschaftlichen Milieu und in seinem Leben zu überraschen, sie trugen zur Erschließung neuer Wege bei. Aber in ihren Werken rannten sie gegen das Unmögliche an."

Die futuristischen Ansprüche scheiterten letztlich, da sie viel zu viel erwarteten. Mehr Sinn für Realismus hätte ihnen nicht geschadet. Aber die ungestüme Art der Filmschaffenden, zu denen auch Majakowski zählte, schuf neue Perspektiven und Kunstprojekte, die den russischen Künstlern Respekt und Beschäftigung brachten. In einem Brief gestand Majakowski seiner Geliebten Lilja Brik, mit der er sich, nebenbei bemerkt, zusammen mit ihrem Ehemann Ossip Brik in einer absonderlichen Dreiecksbeziehung befunden hat:

"Dinge sind in bemerkenswertem Maße abstoßend. Ich bin gelangweilt. Ich bin krank. Meine einzige Unterhaltung (und ich wünschte, du könntest es sehen; es würde dich furchtbar amüsieren) ist, dass ich im 'Kino' spiele."

Majakowski war offenbar gefangen im alexithymischen Auf und Ab, das für große Geister und Künstler so typisch ist. Selbst er, der größte und stärkste aller futuristischen Sprachkünstler, konnte seine Emotionen nicht angemessen in Worte fassen. Kaum eine Menschenseele konnte ihn verstehen. Seine Konflikte mit der Welt hatten sicher auch mit seiner neuen Auffassung von Kunst zu tun. Majakowski

"stellte seine avantgardistische Zeitschrift 'Ljef' dem jungen Theaterregisseur Eisenstein zur Verfügung, der hier die Vorzüge eines neuen Verfahrens, der 'Montage der Kollisionen' pries. [...] Das Wort 'Kollision' wurde von ihm in fast philosophischem Sinn als eine heftige Empfindung aufgefaßt, die dem Zuschauer aufgedrängt wird. Die Montage fügte willkürliche 'Kollisionen' in Raum und Zeit zusammen. So fügte er in Ostrowskis klassische Gesellschaftskomödien Clown- und Akrobatennummern und sogar einen kleinen Film ein: 'Ein gutes Pferd, das niemals strauchelt'. [...] Bald darauf drehte er seinen ersten Film: 'Der Streik', in dem er seine [...] Theorie in die Praxis umsetzte; Bilder vom Massaker der Arbeiter unter dem Zaren wechselten ab mit Aufnahmen abgestochener Tiere aus dem Schlachthaus."

Nach "Der Streik" folgte Eisensteins Großmeisterwerk "Panzerkreuzer Potemkin". Der Film hatte als Helden nur die revolutionäre Masse, nicht aber einzelne Schauspieler oder Charaktere. Sadoul vermerkt:

"Die Einführung der Masse als Held hätte eine gewisse Verwirrung zur Folge haben können. Aber das klare und streng chronologische und historische Drehbuch von Nina Agadschanowa-Schutko schuf zwei klar umrissene Kollektivgestalten: den Panzerkreuzer und die Stadt; das Drama entstand aus ihrem Dialog und ihrer Vereinigung."

In diesem überaus dokumentarischen Propaganda-Film über die russische Revolution kommt die "Montage der Kollisionen" ebenso vorzüglich zur Geltung wie die historische Wahrheit, dass die Revolution ein gewaltiges Menschheitsprojekt war, das von dramatischen Szenen untrennbar ist:

"die Mutter, die die Leiche ihres Sohnes trägt; der Kinderwagen, der allein die Stufen hinunterkollert; ein ausgestochenes, blutiges Auge hinter eisernen Brillen. Die Übertreibungen und das Unmenschliche der Theorien verschwinden unter dem Elan der russischen Revolution und der Aufrichtigkeit Eisensteins, seinem Mitleid, seiner menschlichen Wärme, seinem Zorn. Fast überall außerhalb der UdSSR wurde 'Potemkin' von der Zensur verboten, und überall fanden sich begeisterte Zuschauer im geheimen zusammen. Die Unterdrückung verzehnfachte die explosive Wirkung dieses Meisterwerkes, das jetzt in den Filmarchiven eifersüchtig aufbewahrt wird. Der Film erlangte rasch größere Berühmtheit als irgendein anderer, von den Chaplin-Filmen abgesehen." 

Neben ähnlich aufgemachten Filmen wie "Oktober" gab es auch solche wie "Generallinie", in dem eine Bäuerin zur Schauspielerin gemacht wurde, in dem es kaum Dekoration oder künstlerische Übertreibung gab. Lumière und Wertow gaben Eisenstein das Motto des Films vor:

"Das Leben in seiner Wahrheit, in seiner Nacktheit reproduzieren und seine soziale Tragweite, seinen philosophischen Sinn herausarbeiten."

Majakowski war Teil dieses Filmschaffens. Er schrieb Drehbücher, schauspielerte und beschäftigte sich mit neuen künstlerischen Techniken. Er schrieb die Drehbücher für "Not born for Money", "Закованная фильмой" ("Im Film gefangen" - oder so), "Барышня и хулиган" ("Die Dame und der Hooligan"), in denen er selbst zusammen mit Lilja Brik die Hauptrollen dieser teils ultradramatischen Liebesfilme spielte. Der Hooligan z.B. verliebt sich ganz wie Shakespeares Romeo in eine Frau mit höherem Status, für die er im Kampf tödlich verwundet wird. Die Mutter des Hooligans muss dem Sterbenden seinen letzten Wunsch erfüllen, ihm seine Geliebte bringen, damit sie ihn ein letztes Mal küssen kann. Wir wollen darauf hier nicht näher eingehen. Jedenfalls hat die Montage in Film und Fotographie Majakowskis restliche Kunst geprägt. Darum soll es im Folgenden gehen.

Lilja Brik und Majakowski, 1915


Ultraradikale Dichtung


1918 kam die erste und einzige Ausgabe der Futuristenzeitung heraus, in der Majakowskis Gedichte "Unser Marsch" (Наш марш) und "Frühling" (Весна) erschienen. Dann wurde das Journal "Kunst der Kommune" (Искусство коммуны) zum zentralen Organ der Futuristen. Teils spiegelte das die Anerkennung der Futuristen als offizielle Richtung innerhalb der Sowjetunion wider. Denn das wöchentlich erscheinende Blatt wurde vom Volkskommissariat für Erziehung herausgegeben. Andererseits erhielten die Futuristen nie den Status, den sie haben wollten. 

Die russischen Futuristen wollten ihrem Hochmut entsprechend als DIE proletarische Richtung anerkannt werden. Wurden sie aber nicht, denn die Bolschewisten wollten trotz Verstaatlichung keine monolithische Kunstproduktion. Es galt, die Kunst in alle Richtungen weiterzuentwickeln. Die alten bürgerlichen Richtungen, die Futuristen, Proletkult-Anhänger, sozialistische Realisten und andere sollten nebeneinander existieren. Bronstein (Trotzki) schrieb dazu:

"In der Kunst ist alles erlaubt."
"Wenn die Revolution auch gehalten ist, zur Entwicklung produktiver materieller Kräfte ein sozialistisches Regime nach zentralem Plan aufzurichten, so muß sie doch von Anfang an für das intellektuelle Schaffen ein anarchistisches Regime individueller Freiheit etablieren und sichern."
"Keine Autorität, kein Zwang, nicht die geringste Spur von Befehl!"

Verblüffend, nicht wahr? Trotzki war doch der blutrünstige Kommunist, der die Rote Armee gegründet und einen grausamen Bürgerkrieg gegen die konservativen "Weißen" geführt hatte. Wie konnte er da auf einmal von Anarchismus in der Kunst und Zwanglosigkeit sprechen? Spottet das nicht aller Realität? Nein und nochmals nein.

Die Kommunisten wollten den Bürgerkrieg und die Invasion der Sowjetunion durch 13 verschiedene imperialistische Armeen ebenso wenig wie den Ersten Weltkrieg. Die Imperialisten, der Zar, die "Weißen" und die anderen Feinde der Kommunisten dagegen verheimlichten ihre Blutrünstigkeit nicht im geringsten. Ihre Attacken auf militärischem und ideologischem Gebiet wurden dennoch auf bewundernswerte Weise abgewehrt, durch eben solche Trotzkis und Futuristen, von denen einige in der gefürchteten Tscheka arbeiteten, um "Weiße" aufzuspüren. Dass sich später die Revolution tatsächlich in eine einzige "alte Scheiße" (Marx) unter Stalin verwandelte, kann nicht ernsthaft bestritten werden. Aber ebenso wenig der radikal-demokratische Charakter der Revolution vor Stalins Aufstieg.

Trotzki und die Futuristen allerdings waren schlicht am Aufbau einer besseren Gesellschaft interessiert. Der selbe Trotzki maßregelte dennoch die Futuristen. Er kritisierte den Hochmut der Futuristen und belehrte sie über die Notwendigkeit einer breiten, auch klassisch-bürgerlichen Bildung der breiten Massen. Einen Kult um proletarische "Eigenbröteleien" lehnte er entschieden ab. Auch den sektiererischen Anspruch der Futuristen, die einzige akzeptable Richtung zu sein, winkte er mit einigen Sätzen elegant ab:

"Aber man muß doch nur ein Minimum an historischem Augenmaß besitzen, um zu begreifen, daß bei unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen und kulturellen Armut noch die Gebeine mehrerer Generationen vermodern müssen, bevor die Kunst mit dem Alltag verschmilzt, das heißt, bis zu einem derartigen Aufschwung des Alltags, daß er völlig von der Kunst geformt wird. Ob gut, ob schlecht, aber die 'Staffelei'-Kunst wird noch viele Jahre lang ein Mittel der künstlerischen und gesellschaftlichen Erziehung der Massen bleiben und ihrem ästhetischen Genuß dienen: nicht nur die Malerei, sondern auch die Lyrik, der Roman, die Komödie, die Tragödie, die Bildhauerei und die Symphonie. Wollte man aus lauter Opposition die kontemplative, impressionistische, bourgeoise Kunst der letzten Jahrzehnte die Kunst als Mittel der Darstellung, als anschauliche Erkenntnis ablehnen - es hieße wahrhaft der Klasse, die eine neue Gesellschaft aufbaut, ein Instrument von allergrößter Wichtigkeit aus der Hand schlagen."

Der selbstbewusste Majakowski war natürlich ganz anderer Meinung. In seinem allzu gebieterischen "Befehl an die Armee der Kunst" forderte er seine Künstlerkollegen dazu auf, die "Barrikaden des Herzens und des Verstandes" zu stürmen: "Auf die Straßen, Futuristen, Trommler und Dichter!" "Die Straßen sind unsere Pinsel, die Plätze unsere Paletten." In seinem "Dekret Nr. 1 über die Demokratisierung der Künste" forderte er noch mehr: 

"1. Mit der Vernichtung der Zarenherrschaft wird von heute an auch die Verbannung der Künste in die Paläste, Galerien, Salons, Bibliotheken, Theater und all die anderen Scheunen und Vorratskammern des menschlichen Genius aufgehoben.
 
2. Im Namen der allgemeinen Gleichheit vor der Kultur sei das freie Wort der schöpferischen Persönlichkeit auf die Häuserwände, Zäune, Dächer und Straßen unserer Städte und Dörfer, auf die Verdecke der Automobile, Kutschen und Straßenbahnen und auf die Kleidung jedes Bürgers geschrieben. 
3. Wie leuchtende Regenbögen mögen sich Bilder (Farben) auf den Straßen und Plätzen von Haus zu Haus spannen und das Auge (den Geschmack) der Passanten erfreuen und erziehen.“

Majakowskis futuristische Idee der neuen Gesellschaft war, wenn auch furchtbar utopisch, absolut genial und bemerkenswert. Die Idee war im Grunde eine wundervolle Perspektive, wonach die Kunst zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wirklich demokratisch werden sollte. Nicht bloß die Groß- und Kleinbürger sollten Kunst auf höchstem Niveau schaffen und genießen, sondern jeder und jede. Was für eine großartige Vorstellung!

Es sollte eine Konvergenz von Kunst und Gesellschaft, eine echte Künstler-Gesellschaft bzw. eine wirklich gesamtgesellschaftliche Kunst geben, die von jedem Arbeiter und jeder Arbeiterin alltäglich geschaffen werden sollte. Das ist immer noch eine schöne Idee und durchaus zu erreichen. Aber im Kapitalismus ist diese Utopie natürlich völlig unrealistisch, weil nur den Herrschenden das Privileg des schönen Lebens möglich ist. Für die überwältigende Mehrheit der Menschen in der Klassengesellschaft ist das Leben durch monotone Arbeit oder frustrierende Freizeit verunstaltet. Nach der Arbeit will man sein Bier trinken oder zum Sport gehen und eher selten die Gesellschaft bewusst künstlerisch gestalten...

Majakowski hielt das aber natürlich nicht davon ab, seine Forderungen weiterzuführen. In der zweiten Ausgabe von "Die Kunst der Kommune" erschien sein Gedicht "Zu früh zur Freude" (Радоваться рано), in dem er den säulenheiligen Dichter des russischen Volkes, "Puschkin, und die anderen Generäle des Klassizismus", d.h. die gesamte bisherige Kunst scharf attackierte. Die alte Kunst - ob romantisch, klassizistisch, realistisch, naturalistisch, symbolistisch oder was auch immer - sollte platt gemacht werden, um auf dem so neu bearbeiteten "sozialistischen" Boden eine völlig neue Gesellschaft mit einer völlig neuen Kultur aufzubauen. Trotzki machte sich über diese Idee lustig, denn er sah darin einen unfehlbaren Weg zum Proleten-Dilettantismus. Abgesehen davon sah der weitläufig gebildete und nüchterne Klassenkämpfer Trotzki die Problematik der "Dichter der Revolution" in klarerem Licht als der allzu leidenschaftliche und enthusiastische Futurist:

"Die futuristischen Dichter beherrschen die Elemente der kommunistischen Weltbetrachtung und Weltauffassung nicht organisch genug, um ihnen im Wort organischen Ausdruck zu verleihen; vielleicht haben sie es noch nicht im Blut. Daraus resultieren die häufigen künstlerischen, im Grunde genommen jedoch psychologischen Mißerfolge, die Schwülstigkeit und das Gepolter über der Leere. In seinen am stärksten der Revolution verpflichteten Werken wird der Futurismus bereits zu einer Stilisierung. [...] Aus eben diesem Grunde hören wir in der Poesie des Futurismus, selbst wenn sie sich voll und ganz der Revolution verschrieben hat, eine mehr bohemehafte als proletarische revolutionäre Einstellung."

Auch und gerade Majakowski traf diese Kritik am Futurismus. Trotzki sagte über ihn zwar: "Majakowski - ist ein großes oder, nach Bloks Definition, ein gewaltiges Talent." Und er lobte ihn noch weit mehr, sah auch seine große Bedeutung für die russische Kunstszene ein:

"Die künstlerische Grundidee Majakowskis ist fast immer bedeutsam, manchmal - grandios. Der Dichter nimmt in seinen Bereich sowohl den Krieg als auch die Revolution, sowohl das Paradies als auch die Hölle auf. Majakowski ist ein Feind der Mystik, des Muckertums in jeder Form, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen - seine Sympathien sind völlig auf seiten des kämpfenden Proletariats". 

Aber das revolutionäre Genie eines Bronstein täuschte sich nicht im Geringsten über die künstlerischen Mängel eines noch so revolutionär gesinnten Künstlers wie Majakowski:

"ihm fehlt das Gleichgewicht, und sei es nur das dynamische. Am schwächsten ist Majakowski dort, wo das Gefühl für Maß und die Fähigkeit zur Selbstkritik verlangt werden. Majakowskis Bejahung der Revolution ist natürlicher als bei jedem anderen russischen Dichter, weil sie sich aus seiner ganzen Entwicklung ergab."

Die ungestüme Art und Kunst Majakowskis erlaubten ihm kein Maßhalten. Er hat in all seine Werke im Grunde stets seine eigene Erfahrung eingebaut und es unübersehbar vor jedermanns und jederfraus Augen gestellt. Zu Zurücknahme seines Egos und zu Rücksichtnahme auf die gebieterischen Ansprüche "guter Kunst" war er kaum fähig. Er universalisierte überall sein Ich. Er war als Künstler "Majakomorphist" und "um den Menschen zu erhöhen, erhebt er ihn zu Majakowski", so schön sarkastisch formuliert Trotzki es. Immer überteibe der exzentrische Künstler es, immer schieße er über den Rand hinaus und begreife das erforderliche Maß nicht, um ganz große Kunst zu machen. Majakowski konnte daher als Lebenskünstler vielleicht sein Ziel erreichen, ein verdammt cooler Dandy zu werden, aber er scheiterte an seinen eigenen Ansprüchen.

Das zeigt sich an solchen Werken wie "150.000.000" oder an "Krieg und Frieden" und "Mysterium Buffo". In allen diesen Fällen übertreibt Majakowski es offenbar mit den Metaphern und Bildern. Er will mit ganzem Herzen die alte Ordnung bloßstellen, stellt aber bloß seine eigene Emotionalität dar. 

"150.000.000" sollte ein Epos der Revolution werden. Der Held sollte, wie in Eisensteins "Der Streik" die revolutionäre Masse von 150 Millionen Menschen werden. Der Antagonist sollte natürlich der faulende Weltkapitalismus sein. Die Wörter Majakowskis sind allerdings viel zu bemüht und sein "Majakomorphismus" kommt klar zum Vorschein, wenn er ganz fantastisch, aber unrealistisch von einem "in Speck verfettendem Wilson" spricht, "der Fett ansetzt, dessen Gebäuch etagenhoch anwächst" und wenn er von einer Unmenge von Generälen und Kapitalisten in Chicago faselt. Das ist offenbar eine reichlich übertriebene Darstellung der USA, ein platter Anti-Amerikanismus. Ähnlich bemüht sind die anderen hochpolitischen Texte von ihm. Trotzki kritisierte den Futuristen dafür scharf. 

"Die Wolke in Hosen" (Облако в штанах) ist ganz anders. Es ist laut unserem vielzitierten Bronstein "ein Poem der unerfüllten Liebe, das künstlerisch bedeutendste, schöpferisch kühnste und das am meisten versprechende Werk Majakowskis." Majakowski brachte darin tatsächlich eine nette Idee zum Ausdruck:

Schüttelst die struppige Mähne? −
Denkst du wirklich,
es weiß
auch nur einer von denen,
die da flattern,
was Liebe heißt?
Bin selbst ein Engel, zumindest gewesen -
blickte drein als putziges Zuckerlamm.
Doch nie wieder schenk ich den Stuten Gefäße
aus schmerzgehärtetem Porzellan.
Deine Allmacht, die uns zwei Arme leiht,
einen Kopf,
ein Knochengerüst,
vermag sie es nicht,
daß man ohne Leid
immer küßt, immer küßt, immer küßt?!

Ultraradikale Bebilderung


Die ultraradikale Dichtung Majakowskis wurde von einer ähnlich ultraradikalen Bebilderung begleitet. Der überzeugte Kommunist produzierte Unmengen an sogenannten "Rosta-Fenstern". Das waren im Grunde Agitationsplakate für die gute Sache. Stets wurde belehrt, zur moralischen Entscheidung zwischen zwei Alternativen oder zum revolutionären Handeln aufgerufen. In einem Rosta-Fenster z.B. fragt er: "1. Willst du die Kälte überstehen? 2. Willst du den Hunger überleben? 3. Willst du essen? 4. Willst du trinken? - Dann tritt ein [in die Partei, versteht sich]!"




In einem anderen Poster sind schlicht ein Stapel voller Bücher mit Ketten an den Seiten und einer Hand auf dem Stapel dargestellt. Wichtig ist die kurze moralische Belehrung: "Wissen zerreißt die Ketten der Sklaverei". Mit dem belehrenden Ton näherte sich Majakowski übrigens sehr stark Bertolt Brechts dialektische Kunst, die immer auf Belehrung und Entscheidung abzielte.


In einem anderen Plakat stellt er wieder den "fetten" Wilson, den amerikanischen Kapitalisten an sich, und den Proletarier an und für sich, dar. Sobald der Proletarier bewusst wird, fürchtet sich der Kapitalist. Die Entwicklung des Szenarios wird durch Montage bildlich gemacht. Ein Bild reicht für die Darstellung von Bewegung in solchem Sinne nicht. Daran ist der italienische Futurismus u.a. gescheitert (auch an seinen Neigungen zu Faschismus). Majakowski nutzt also die Montagetechnik, um die Dialektik, die Veränderung des Objekts und des menschlichen Subjekts darstellen zu können.


In einer weiteren Verbildlichung glorifiziert Majakowski die Komintern, die Kommunistische Internationale, d.h. den Zusammenschluss der sozialistischen Arbeiterparteien, der nach dem Ersten Weltkrieg und dem Verrrat der Sozialdemokratie an allen linken Idealen nötig geworden war. Leider konnte er die bürokratische Natur des Stalinismus und der Komintern nicht recht antizipieren. Dafür war ihm der Kommunismus noch nicht tief genug ins Blut eingegangen. Der unrealistische Schematismus war ein zentraler künstlerischer Fehler Majakowskis. Denn sein abstrakter und utopischer Ultraradikalismus, der 1918 noch revolutionär war, schlug unter den Bedingungen einer nicht mehr revolutionär geführten, sondern von konservativen Bürokraten regierten Sowjetunion um in reine reaktionäre Kunst zur leicht durchschaubaren Verherrlichung einer "staatsbürokratischen Klassengesellschaft". 


In unzähligen weiteren Agitationswerken war er ebenso binär und klischeehaft. Immer gab es auf der einen Seite völlig verhunzte Gestalten auf seiten des Kapitals und stolze Helden auf seiten der Arbeit andererseits, die den Sieg davontrugen. Leider trug Majakowski mit diesen Schemata auch seine eigene revolutionäre Kunst davon. Denn entweder merkte er nicht schnell genug, wie sehr sich die Sowjetgesellschaft nach dem Bürgerkrieg verwandelte oder er ignorierte es bewusst. Jedenfalls wurde er dadurch zum Apologeten des russischen Bürokratismus des Kommunistenschlächters Stalin, der letztlich gemeinsam mit dem westlichen Kapitalismus des "fetten Wilson" die ganze Weltrevolution erdrosselt hat.


Fazit


Wie kann man Majakowskis Werk zusammenfassen? Sein ganzes Leben war ein Versuch, seine futuristische Utopie zu realisieren. Er selbst war ein Kunstwerk. Seine Selbstdarstellung und leidenschaftliche Hingabe an Kunst und Revolution machten ihn zum Dichter der Revolution. Allerdings musste er an seinen Ansprüchen scheitern. Er hätte den Realitäten in die Bürokratenaugen sehen müssen. Dann hätte er seine wirklich rebellische Kunst nicht schematisieren und sein Talent dem Stalinismus opfern müssen. Er hätte wirklich große Kunst schaffen können, indem er die Realitäten Russlands nicht ignorierte, sondern sie kritisierte. Den Humor und das Talent dazu hatte er.

Allerdings lagen Majakowskis Probleme noch tiefer. Die bürokratisierte Sowjetunion war im Grunde immer mehr zu einer Union der gezwungen klatschenden Stalin-Fans geworden. Und diese Stalinisten, Bürokraten und neubürgerliche Snobs konnten oder wollten Majakowskis Anliegen nicht teilen. Sie verstanden ihn kaum.

Was 'ne Sch*€§e! Wie schmerzlich muss es sein, wenn ein so großer Mensch wie Majakowski es war aufgrund mangelnder Kommunikationsfähigkeiten sich in diesem noch viel größeren Universum völlig alleine fühlen muss? Wie selbstverständlich und leicht verständlich muss einem sein Freitod in diesem universellen Rahmen erscheinen? War der Freitod nicht eine unfassbare Erleichterung für seine so unerträgliche Beschwerlichkeit des Seins?

Wahrscheinlich war die Auslöschung seines hungrigen Egos ein erlösender Einzug ins Nirwana. Der Glückliche. Hoffentlich ist er dem ewigen Kreislauf aus Blut und Sch*€§e wirklich entkommen. Man könnte fast neidisch werden... Aber genug der absolut idealistischen Spekulation. Weiter geht's mit einer historisch-materialistischen Auffassung Majakowskis. Trotzki hat sie bereits formuliert und dem ist wohl ganz und gar zuzustimmen:

"Dem Futurismus die intelligenzlerische Hypostase abzustreifen ist ebenso schwer wie die Form vom Inhalt zu trennen. Gelänge dies aber, so würde der Futurismus dadurch eine so tiefe qualitative Umformung erleiden, daß er aufhören würde Futurismus zu sein. Dies wird auch so kommen, nur nicht morgen. Aber schon heute kann man mit Sicherheit sagen, daß vieles vom Futurismus nützlich sein und dem Aufschwung sowie der Wiedergeburt der Kunst dienen wird - unter der Bedingung allerdings, daß der Futurismus sich seinen Weg auf eigenen Füßen bahnt, ohne den Versuch, sich als staatliche Richtung zu dekretieren, wie er es zu Beginn der Revolution getan hat."

Mit Majakowskis Kunst ist aber etwas ganz anderes passiert. Der kommunistische Futurismus, dieses großartige Projekt, ist nicht zu einer echt sozialistischen Kunst geworden. Mit dieser Kunst ist stattdessen geschehen, was mit der ganzen Sowjetgesellschaft geschehen ist: sie wurde kraftlos, einfallslos und verbraucht. Kein Wunder, dass sich der leidenschaftliche Revolutionär und Künstler Majakowski unter solchen Umständen tötete, könnte man meinen...

Об эр ганц футуристиш даран дахтэ,
дасс Руссланддойче кюриллиш лезен кённен?



Infos


Brown, Edward J.: Mayakovsky. A Poet in the Revolution, Princeton 1973.

Kracauer, Siegfried: Theorie des Films, Frankfurt am Main 1985.

Sadoul, Georges: Geschichte der Filmkunst, Frankfurt am Main 1982.

Trotzki, Leo: Literatur und Revolution, Essen 1994.

Ulbrecht, Siegfried: Die Dramatik des jungen Vladimir Majakovskij und des jungen Bertolt Brecht, Frankfurt am Main 1996.