Montag, 2. Dezember 2013

Ego-Shooter gegen "die da oben" - eine Filmkritik zu "Elysium"

Der Science-Fiction-Streifen »Elysium« zeigt eine brutalisierte Klassengesellschaft der Zukunft und erzählt damit auch eine Menge über die heutige Gesellschaft.

Hollywood und Klassenkampf


Hollywood ist ein Produkt des Klassenkampfs. Schon in den Anfängen des amerikanischen Großkinos am Vorabend des ersten Weltkriegs wollte die Filmindustrie nicht bloß Tickets verkaufen. Die Hollywood-Filme sollten die Konsumenten aller Klassen auch ideologisch beeindrucken. Sie hatten deswegen schon immer sowohl propagandistische wie auch aufklärende Wirkung auf die Filmkonsumenten. Dieser Widerspruch in der Filmindustrie wird auch heute noch im Rahmen des allgemeinen Klassenkampfes ausgetragen.

So wie sich heute im echten Leben die sozialen Konflikte zuspitzen, verändert sich im Hollywood-Film die Darstellung futuristischer Klassenunterdrückung. "Equilibrium", "Repo Men" und "In Time" gehören zu den bekannteren Beispielen düsterer Zukunftsbilder. Der Actionfilm "Elysium" hat Dietmar Dath dazu verleitet, wohlwollend darüber zu schreiben, er sei "Science-Fiction für Leute, die nicht wissen, dass sie in einer Dystopie leben, die man nicht 2154 nennt, sondern 2013."

Die Dystopie von "Elysium"


Im Jahr 2154 genießen die Megareichen die Früchte der menschlichen Arbeit auf der paradiesischen Raumstation Elysium, während für die armen Teufel die Hölle auf Erden herrscht. Wer nun einen Aufstand der Armen erwartet, wird leider enttäuscht. Es kommt statt dessen zu einem utopischen Ego-Shooter.

Die ganze Action des Films wird dadurch ausgelöst, dass der Held Max (Matt Damon) zum Alleingang gegen "die da oben" gezwungen wird, weil sein Arbeiter-Dasein in einer Roboterfabrik ihm eine radioaktive Verstrahlung einbringt, die ihm nur noch wenige Tage zu leben lässt. Heilung kann er sich nur auf Elysium erhoffen, wo allen Bürgern eine High-Tech-Wundermedizin zur Verfügung steht, die alle Krankheiten und Verletzungen kurieren kann. Die Erdbewohner sind aber meist keine Bürger, sondern Proleten, Arbeiter oder Arbeitslose. Ihnen steht die Medizin nicht zur Verfügung.

Max muss sich also auf illegale Weise eine gefälschte Staatsbürgerschaft besorgen, um sich auf Elysium heilen zu können. Ergänzt wird dieses Ausgangsszenario durch die unmögliche Liebesgeschichte zwischen Max und einer herzensguten Krankenschwester. Die hat ein bitteres Leben, denn ihre kleine Tochter ist ebenfalls sterbenskrank. Natürlich soll Max auch das kranke Mädchen retten. Der Film wird durch diese zusätzliche Dramaturgie etwas übersüßt. Aus dem bloßen Ego-Trip von Max wird so zunehmend eine Heldentat.


Klassenkonflikte der Zukunft


Der direkten Aktion des Helden, wie sie für den moralgetriebenen Hollywood-Individualisten typisch ist, steht eine ebenso vereinzelte wie unmoralische Verschwörung im Staatsapparat auf Elysium entgegen. Eine Sicherheitspolitikerin (Jodie Foster) plant einen Putsch gegen die anderen Herrschenden auf der Raumstation.

Die Boshaftigkeit der Putschistin wird veranschaulicht, als sie die Ermordung von Flüchtlingen, die von der Erde nach Elysium fliehen wollen, durch einen faschistoiden Söldner anordnet. Gegenüber den empörten Bonzen der Elite rechtfertigt sie sich anschließend mit dem heraufbeschworenen Bild einer unkontrollierbaren Immigration nach Elysium, was an die rassistische Politik und Argumentation heutiger Politiker erinnert. 

Die Fluchtversuche aus dem Erd-Ghetto leuchten ein. Kinder laufen dort in schmutzigen Lumpen durch verwüstete Städte. Die Erwachsenen sehen auch nicht besser aus. Die meisten dürften deklassierte Lohnabhängige ohne geregelte Arbeit sein. Von Elysium wissen sie, dass es eine Art Paradies sein soll. Wie die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten heute sehnen sich die Erdbewohner im Film, die sich im Kampf aller gegen alle befinden, nach Wohlstand und Frieden.

Aber die elegant gekleideten und französisch parlierenden Ausbeuter auf Eylsium gönnen es den arbeitenden Klassen nicht, im Paradies zu leben. Wer würde dann noch arbeiten? Im Film geht es somit nicht bloß um Arm und Reich, sondern um den Konflikt von Klassen, den Bertolt Brecht so ausdrückte:

Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Da sagt der Arme bleich: "Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."

Zwischen den ganz Armen und den ganz Reichen bilden Zwischenschichten eine konfliktreiche Klassenstruktur. Max produziert ausgerechnet die sadistischen Roboter-Polizisten, von denen er bei einer "Routine-Kontrolle" grundlos krankenhausreif geprügelt wird. Es kommt noch schlimmer für ihn. Kurz nach der Abreibung durch die Robocops wird er von seinem zynischen Vorarbeiter vor die Wahl gestellt, seine Gesundheit mit Radioaktivität zu ruinieren oder seinen Job zu verlieren. Er geht das Risiko ein und wird verstahlt. 

Sein Boss, ein stocksteifer Manager, der sich vor seinen Untergebenen ekelt, beschwert sich auch noch über die Kosten, die der verstrahlte Max der Firma verursachen könnte. Nicht einmal die Krankenliege soll er beschmutzen. Also wird unserem proletarischen Opfer kurzerhand Medizin für seine letzten Tage gegeben und er wird erbarmungslos rausgeworfen. Der Manager, dieser seelenlose Bürokrat, ist wahrscheinlich der unsympathischste Charakter des Films. Kein Wunder, ist er doch der reinste Parasit, der sich über den arbeitenden Massen durch elitäres Gehabe abhebt. Man wünscht ihm geradezu eine verdiente Strafe, die er im Film dann auch bekommt. Es ist fast wie mit dem Gesocks von der FDP, das in der Bundestagswahl auch mal ordentlich abgestraft wurde für die Politik der sozialen Kälte.

Faschistoides Kleinbürgertum und konservative Elite


Die herzensgute Krankenschwester kann dem verstrahlten Max auch nicht helfen, da es die Wundermedizin nur auf Elysium gibt. Max muss sich seine gefälschte Staatsbürgerschaft also durch illegale Tätigkeiten für einen Gangster-Hacker verdienen.

Der Gangster wird zunächst von seinen kleinbürgerlichen Interessen angetrieben, hilft dem Helden aber schließlich bei seiner Mission. Bei seinem Auftrag für ihn gelangt Max nämlich an Informationen, die ausreichen, um "ihr ganzes System zu überschreiben". Der mit unserem Helden zusammen radikal gewordene Internet-Kleinbürger ruft begeistert aus: "Wir können den Lauf der verdammten Geschichte ändern!" Max macht sich mit diesen Informationen auf nach Elysium. 

Aber der wild gewordene Söldner, der schon zuvor die Flüchtlinge ermordet hat, will seine eigene faschistoide Diktatur aufbauen und setzt sich gegenüber den konservativen Eliten und der Putschistin durch. Nur Max, unser heldenhafter Arbeiter, kann ihn aufhalten. Wie in einem Ego-Shooter ballert sich Max daher den Weg zum Ziel frei, um die Menschen vor dem Möchtegern-Hitler zu retten. Als Nebenprodukt seiner Selbstbefreiung macht sich Max damit auf, die ganze Menschheit vor der Klassenunterdrückung zu befreien.

Fazit


Der proletarische Held des Films muss nicht nur gegen das harte Arbeiterdasein, den Polizeistaat, Söldner, konservative Eliten und Cyber-Faschos ankämpfen. Er muss auch noch die ganze Menschheit retten vor der Unterdrückung durch die ausbeutende Klasse, indem er sich selbst rettet.

Die Rolle des individualistischen Revolutionärs ist scheint wie maßgeschneidert zu sein für Matt Damon, der sich zu den radikalen Ansichten seines verstorbenen Freundes Howard Zinn bekennt. Er schauspielert entsprechend glaubwürdig. Die packende Dramatik des insgesamt gelungenen Films wird durch epische Hintergrundmusik und futuristische Bilder noch gesteigert. Trotz übertriebener Sentimentalität und seines Hollywood-Individualismus ist "Elysium" einer der radikalsten Hollywood-Streifen der letzten Jahre.

Denn die Analogien im Film erinnern nicht umsonst an die Marxsche Theorie. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass der Name des Protagonisten auf Chinesisch (马克思 makesi) ebenso geschrieben wird wie Marx? Es ist sicher auch kein Zufall, dass man sich an die jetzige Welt erinnert bei der Handlung des Films. Dietmar Dath hat Recht, denn die Konflikte der Zukunft gibt es bereits im Hier und Jetzt. Und Hollywood hat sie seit seinem Bestehen selten klarer dargestellt als in "Elysium".



Infos



http://www.elysium-film.de/

Die Rezension von Dietmar Dath findet man hier.

Sadoul, Georges: Geschichte der Filmkunst. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1982.

Samstag, 30. November 2013

Sookee

Eigentlich heißt diese Artikelserie ja "Deutschrapper mit Anspruch". Die Serie wird aber kurzer Hand umbenannt in "Deutschrapper*in mit Anspruch". Denn zum Glück bin ich erstens nicht so dogmatisch wie gewisse Halb- und Vollpfosten, und wie sie es glauben. Und zweitens ist mir Sookee wieder eingefallen. Teil 4 der Serie.

Nun habe also auch ich Sookee entdeckt und möchte ihr für die unverzeihliche Verspätung einen ausführlichen Artikel widmen, sozusagen als Entschuldigung. Ein Blumenstrauß würde dich, Sook, bestimmt auch freuen, aber ich hab' leider zurzeit etwa -80 € auf'm Konto und ein wenig unangebracht wär's vielleicht auch. Kommen wir also zur Sache:

Sookee. Foto von: Flox Schoch

Deutschlands bester Rapper - eine Frau!?


Sookee ist nicht bloß Deutschlands fähigste Rapperin. Sie überbietet an Inhalt, Technik, musikalischer Unterlegung und Flow auch mehr als 99% aller Rapper im Lande.

Das würdigte sogar das "Rolling Stone" Magazine, worauf Sookee bei facebook postete, sie fühle sich nun unter Beweisdruck gesetzt. Nicht doch. Nicht doch! Du hast längst bewiesen, dass du die beste Rapperin und einer der besten Rapper im Lande bist.

Was du aber bei so harter Konkurrenz ganz oben an der Spitze beweisen könntest, ist: bist du der beste Rapper im Land? Das könntest du noch beweisen. Ich glaube an dich! Fehlt ja nur noch ein Prozentpunkt!

Im ultrageilen Duett "Zeckenrapsupport" drückt dein Rapgenosse Captain Gips es ja schon so treffend aus:

Keiner von euch Mackern ist so gut wie Sookee
Keiner von euch Mackern ist so klug wie Sookee
Keiner von euch Mackern kann sie überbieten.
Also bitte geh'
Oder zieh' deinen Hut vor Sookee
Wir heben das Niveau, verändern das Game, denn
Wir beide wissen: Es ist mehr als Rap
Es geht endlich wieder um Message und Flow
Doch du bist von beidem leider sehr weit weg

Keep it Real


Ja, so ist es. Sookee erreicht Message und Flow auf dem höchstem Niveau. Sie hat keinerlei Probleme, Klang und Inhalt zusammenzubringen. Sie erreicht mehr als jeder andere deutsche Rapper eine harmonische Einheit aus Performance und Intention. Denn wo Pseudogangster im wahren Leben alles vermeiden, was ihrem Geschäft schädigen könnte und deswegen lächerlich und unglaubwürdig sind, steht Sookee zum Hip-Hop-Imperativ "keep it real" mit Wort und Tat. Sie verkörpert mit Leib und Seele, was sie darstellt, wo andere nur den Schein wahren für Scheine und Waren. Sookee ist linke Aktivistin, hat die Gesellschaft durchschaut und spiegelt das auch in ihrer Kunst wider. Sie lehrt uns, was guter Hip-Hop ist und was nicht. Dafür gebührt ihr der größte Respekt.

Massive Salven gegen das Rap-Business


Da können die Gangstakilla-Vollhorste einpacken. Denn Sookee lässt sie nachsitzen für deren schwachen Leistungen. Oder sie macht sie zu Rap-Eremiten, die Buße tun müssen. Die härteren unter diesen Kommerzopfern schlägt Sookee schon in der ersten Runde brachial zu Boden. Wie Gina Carano in "Haywire" boxt sie die ganzen harten Typen auf eleganteste Weise weg. Vergleicht man sie mit einem Boxer, ist sie so etwas wie Roy Jones Jr. in Bestform, schnell, rhythmisch und unbarmherzig. Die Messages an ihre Kontrahenten sind massive Salven, die selbst "Massiv" einsacken lassen. Sie ist ihren Gegnern schlicht Haus hoch überlegen. Ihre Chabos - die offenen Sexisten, Machisten, Kommerzkriminellen, Rap-Kapitalisten und die Nach-rechts-außen-Offenen - sollten jetzt geschnallt haben, wer die Ische ist, die zugleich ihr Babo ist. Wenn nicht, sollten sie sich Sookee genau anhören. Spätestens dann müssen sie sich mit einem Koutao verneigen.

Rap als Klang unterdrückter Menschen


Was ist das Geheimnis hinter ihrer Schlagkraft? Sookee vertritt in modernster Form das, was die Ursprünge des Hip-Hop in den USA waren: Widerstand, Identitätsstiftung und künstlerische Selbstverwirklichung unterdrückter Gruppen. Und sie vertritt das auf sehr überzeugende Weise. Gesellschaftskritik wurde selten so schön verpackt wie bei ihr. Sie bringt Fanon und Fromm in Form von fantastisch durchgeführtem Hip-Hop rüber. Was sie musikalisch inszeniert, ist: Der Klang unterdrückter Menschen.

So übertrifft sie zu großen Teilen sogar die deepesten und kritischsten Rapper im Lande. Was leider einige linke und kritische Rapper zu vergessen scheinen, ist: Rap ist nicht nur Text. Rap ist auch Flow, Reim, Rhythmus. Sooks Kritik klingt einfach hammergeil. Sie macht zum großen Teil Partymucke, die zugleich aber überaus inhaltsreich ist. Während man/frau "Pro Homo" oder "Siebenmeilenhighheels" hört, will man/frau einfach headbangend Simone de Beauvoir oder Wilhelm Reich lesen. Da ist sie sogar solch großartigen Musikern wie Maeckes, Max Herre oder Tua überlegen, die zu dem obersten Prozent der besten Rapper gehören.

Übrigens ist sie auch weit intelligenter als ein beträchtlicher Teil der linken Aktivisten und "Theoretiker" im Lande. Das auszuführen würde zu weit vom Thema wegführen, aber ihre ganze Performance beweist das. Man kann sich dazu auch ihre klug gewählten Worte beim Interview mit Luzia Braun anhören.

Ihr feinfühliges Verständnis übertrifft das des durchschnittlichen linken Studenten um ein Vielfaches. Einerseits ist sie überaus kritisch, was aufgezwungene Rollenbilder und Klischees angeht. Andererseits ist sie nicht so stockkonservativ und spießbürgerlich wie so manch ein "Theoretiker", der übers Ziel hinausschießt, wenn er Sex und Erotik mit der christlichen Erbsünde verwechselt. Mit diesem künstlichen Opfergehabe hat Sookee nichts am Hut. Sooks Musik ist Sex, Drags & Revolution.

Sookee ist dermaßen selbstbewusst, dass sie die Trennung von teuflischer Braut und engelsgleicher Dame zu neuer Einheit bringt. Sie zerreißt damit gleich beide Klischeebilder. Sookee ist einfach ein Mensch, der bewusst für sich Selbst und seine Bedürfnisse eintritt. Dafür muss man diesen Menschen einfach lieben. Und wer es nicht tut, hat entweder nicht hingehört oder den Popo offen. Wer sie sich genau anhört, hat dagegen Mühe, den Mund wieder zu zu machen.

Aber genug vom seelischen Innenleben der viel zu deutschen Menschen. Kommen wir zu den Messages von Sookee an die unterdrückten Menschen.



Messages mitten ins Herz - Sex, Drags & Revolution auf höchstem Niveau


Sookee ist also echt stark und selbstbewusst. Und dennoch finden sich kein Fünkchen Übertreibung und kein Fünkchen Selbstüberschätzung bei Sookee. Sie trifft nämlich genau ins Schwarze - oder besser gesagt: mitten ins Herz.

"Bitches, Butches, Dykes & Divas"


Fangen wir also mit den herzlichsten Tracks von Sookee an. Im Album "Bitches Butches Dykes & Divas" liefert uns Sook z.B. "Siebenmeilenhighheels", "Reibung" und ...

"Bitches, Butches, Dykes & Divas" ist der erste Titel des Albums. Reinste Partymucke. Perfekt zum Abfeiern. Perfekt zum Abtanzen. Perfekt zum Abchecken. Es ist eine klare Ansage, wofür Sookee steht: Sex, Drags & Revolution auf höchstem Niveau. Sie proklamiert darin:

shlampen und shwuchteln vereinigen sich
gleich vorneweg ihr beleidigt uns nicht
wir reden jetzt und ihr dürft laushen
nervt ihr uns werden wir bös fauchen
und euch dann fressen mal gucken mal sehen
ob bei euerm niveau noch drunter was geht
ihr sagt andre wörter auch mit f
ich find sie shön ihr nehmt sie nicht weg
du fühlst dich jetzt ungerecht behandelt
dann hast du dis nicht so recht verstanden
zushauen und mitspielen wollen sie
men of quality support women‘s equality

Auch in "Zeckenrapsupport" feiert sie zusammen mit Captain Gips linke Ideen bei Laune machender Mucke ab. Gips führt in den Track ein:

ich schreibe auf was in der zeitung nicht stand
doch sie wollen das nicht hören denn sie mein‘ ich würde stören
deshalb renn‘ sie zu den bullen und zeigen mich an
shit, scheiße verdammt doch ich bleibe entspannt
[...]
ich bin eigentlich gar kein rapper ich bin eigentlich ein punk
nehm ein stift und ein zettel, fahr mit dem fahrrad an die elbe
lege mich dahin und schreibe mit sookee ein song
der captain und sookee, doch egal wie wir heißen
wir heißen refugees willkommen
Sookee beweist im Anschluss wunderbar, dass sie Berlinerin mit Leibe und Seele, linke "Zecke" und Rapperin mit Anspruch ist:

ick mach denn hier ma weiter im text
während sich mainstreamrap hinter sheiße versteckt
jungs warum habt ihr eigentlich alle keene eier
stöcke diese kacke jeht mir mächtig uuf die klötzer
ick baller messages die andre sich kaum vorstellen können
ick mach gründlich toys nur vorshnell können
und wenn ick dit nich will steht mir nüsht im weg

"Working on Wonderland" thematisiert die Menschengeschichte als fortschreitenden Kampf hin zum utopischen Ziel einer besseren Gesellschaft:

für ein leben nach bedürfnissen und fähigkeiten
endlose prozesse sind entwicklungen gehen ewig weiter
alles zwishen alltag und politishen forderungen
stürzen wir normen um entmachten die ordnung und

betrachten kleine und große dinge als emanzipatorish
wir wissen es zu shätzen wirkts von außen auch nicht logish
doch wir lernen immer mehr über innere zusammenhänge
weshalb wir die kategorisierungen auch zusammendenken

wir haben nicht nur kritik wir haben auch alternativen
wir machen das alles wut und alles aus liebe

In "Siebenmeilenhighheels" klingt ihre Stimme einfach dermaßen schön, dass man sich in sie direkt verlieben muss. Hätte ich einen Fernseher, würde ich mich freuen, nur noch diese Stimme in der Werbeunterbrechung zu hören. Aber erstens würde sie nicht für irgend einen Scheiß werben und zweitens würden die Medien ihre progressiven Messages nicht teilen. "Siebenmeilenhighheels" ist eine liebenswerte Ode an eine begehrte und verehrte Person. Die Ode beginnt sehr ruhig, fast schon meditativ und wird immer energischer bis die ersten Sätze kommen. Von da an bleibt die Musik bis zum Ende bei einem gleichbleibend intensiven Rhythmus. Sookee beschreibt die äußerliche und innere Schönheit des verehrten Menschen:

auf dem titelblatt bist du eine hete sagt die norm
für das allgemeine auge bist du eh nur eine form
kein charakter keine haltung keine meinung zu nix
ich will sie anshrein dass du hier die entsheidungen triffst
ich hab dich immer shon gesehen seit ich ein kleines mädchen war
hab versucht mich dir zu nähern auf vershiedenen wegen zwar
aber letzten endes habe ich dich immer begehrt
wegen deiner shönheit deinem inneren wert
und sie wandern auf dir meine zielsicheren blicke
auf deinem körper den du fein dekoriert hast mit spitze
und ja ich bin ehrlich ich mag mit dir in die kiste
zumindest will ich auf diese phantasie nicht verzichten
du bist heiß verdammt und ich bleibe dran

Diese Ode ist romantische Sehnsucht nach dem unerreichbaren Menschen. Es ist ein mutiges Bekenntnis an die Körperlichkeit und Ästhetik des weiblich anmutenden Menschen. Und es ist ein bisschen so etwas wie ein feuchter Traum, denn die Hook der Ode lautet:

boah bist du shön ich bin feuer und flamm
für diese feurige femme mit einem teuren verstand
sie shlägt die beine übereinander es wird feucht und warm
ich wünsh mir dass ich heute nacht dazwishen träumen darf



"Reibung" fängt gleich energisch an, wird ebenfalls immer energischer und hat einen ähnlichen Klang wie "Siebenmeilenhighheels". Auch dieses Stück feiert die menschliche Körperlichkeit. Allerdings wird eher nicht die Weiblichkeit besungen, sondern die Männlichkeit. Es geht diesmal eher um prickelnde Erotik zwischen Mann und Frau. Zumindest darf man das vermuten, wenn sie immer wieder wiederholt:

grinden auf die‘m shoß. ich will grinden auf dei‘m shoß
lass meine hüften heute nacht bitte einfach nicht mehr los
dein atem in mei‘m nacken und es prickelt innen drin
lass uns grinden heute nacht bis wir zu shwitzen beginnen

Natürlich mag die Assoziation mit dem Verkehr zwischen Mann und Frau an meiner begrenzten Fantasie liegen, aber darüber mögen sich die Kleingeister streiten. Der Text ist jedenfalls sehr gelungen und passt perfekt zur Hintergrundmusik.

"Deine Hände" handelt von Demut und Wehmut gegenüber dem geliebten Menschen aus der Vergangenheit:

ich erwach aus dem leichtsinn und strafe mich lügen
und versehe mich selbst mit sehr viel arbeit und rügen
kein ding in der umgebung reicht mir vertrauen und lob
ich bedanke mich bei mir mit absheu shauder und hohn

ich seh durch deine hände denn du spiegelst mich
wie ein tropfen auf den heißen asphalt
auf den kalten asphalt
auf den asphalt

"Aua" handelt vom selben Thema: Verletzung durch eine andere Person. Was für ein eindringliches Lied!

und es trennen sich kreise und es nagt es im innern
man wird euch lange zeit über das thema verbinden
wer dich auch immer verletzt wer dich auch immer verlässt
du bist du und nur du bleibst bist zuletzt

Der Refrain formuliert eine Lehre aus der Enttäuschung:

erwartungen heißen so damit wir geduld lern
wir tragen 1000 tonnen auf unser‘n shultern
wenn die enttäushung kommt wie eine faust in dem magen
bleibt uns erst mal nicht mehr als das auch noch ertragen
"Wordnerd" ist eine Liebeserklärung an die Poesie. "In der Ferne Bildungsnähe" ist eine Kritik der autoritären Erziehung, die so typisch ist für die Schule und die bürgerliche Gesellschaft allgemein. Wunderschön! "Wieder Flieger" ist ein Aufruf zu praktizierter Menschen- und Selbstliebe. Wow! "Lernprozess 2" handelt vom Lernprozess Sookees. Immerhin wurde sie scharf kritisiert aufgrund einiger Wörter, die sie wählte. Die Inhalte des Textes sind sehr interessant. Allerdings fragt man sich, was in den Köpfen ihrer Kritiker abgeht. Postmodernismus kann ziemlich uncool sein, wenn er über's Ziel hinausschießt. Immerhin lässt sich Sookee von Hatern nicht unterbuttern, sondern sagt:

ich verstehe diesen einwand aber teile ihn nicht
denn quing hat von anfang an sehr viel weiter geblickt

"Quing" 


Damit kommen wir zum nächsten Album von Sookee, zu "Quing", das zeitlich vor dem bereits besprochenen Album liegt. Im gleichnamigen Manifest singt sie:

quing liefert die fragen um sich kritisch zu prüfen
quing bietet die basis für dich nicht ermüden
quing ist wie ne party schick ein blick zu der süßen
quing ist gegen nazis und f*ckt ihre lügen

Sex, Drags & Revolution! Aber gerade für solche Zeilen wurde sie teils vom postmodernen Lager scharf kritisiert. Naja. Wenn man sonst nichts zu tun hat als die progressivste und talentierteste Rapperin Deutschlands mit Genörgel aufzuhalten... Jedenfalls hält sich Sookee nicht an die beliebigen Vorgaben der Leute, die angeblich nichts mehr verurteilen und beurteilen wollen, aber gerade die Genossen platt machen wollen.

In "Milady" feierte Sookee daher auch das Aussehen und den Gestus einer Frau:

welche werbung sagt dir dass du nicht schön bist
jetzt mal ehrlich dis is’ krasser blödsinn
milady du bist heiß das ist offensichtlich
deine schönheit blendet mich wie ein spot vom blitzlicht
welche werbung sagt dir dass du nicht schön bist
jetzt mal ehrlich dis is’ krasser blödsinn
oh madame lass mich in deinem glanze baden
denn ich geb kein fick auf was irgendwelche ander’n sagen

Ihr wurde deswegen auch Lookism vorgeworfen, eine Diskriminierung von Menschen aufgrund äußerlicher, ästhetischer Merkmale. Wer sich damit vertiefen mag, kann das gerne tun. Ich werde dem Thema hier erstmal keine weitere Zeile widmen.

In "Hallo" singt sie zusammen mit einem Typen die Paarbeziehung, könnte man meinen. "Trinity" lobt hingegen kritisches, mehrdimensionales Denken. "Pro Homo" (ft. Tapete) ist wiederum eine grandiose Verteidigung von Homosexualität. Der Party-Beat alleine macht schon gute Laune. Aber auch der Rhythmus des Gesangs und der Text ist cool und superwitzig. "Keep it Käsekuchen" ist so komplex, dass ich nur empfehle, das Lied unzählige Male anzuhören, da es es in sich hat.



Fazit


Ich hoffe, dass meine ausführliche Besprechung Sookee einigermaßen gerecht wird, selbst wenn ich Lücken lassen musste und sehr begrenzte Fantasie haben mag. Ich denke, Sookee ist eine der talentiertesten Figuren in der deutschen Hip-Hop-Landschaft. Mit ihrer Integrität ist sie nicht nur den meisten Rappern weit überlegen, sondern auch unzähligen Gesellschaftskritikern im Lande. Sookee integriert ihre Ideale wunderbar mit ihrer Performance, wovon sich sowohl Rapper als auch Linke ein großes Stück abschneiden können.

http://www.sookee.de






Kriegserklärung an die DB! (Serie: DB = €#$, Teil 1)

Diese Artikelserie ist meine persönliche Kriegserklärung an die so genannte Deutsche Bahn (DB). Für mich heißt DB so viel wie Drecksbahn, Drangsalierungsburschen, Dom Babok (= russ.: Haus des schmutzigen Geldes).

Die DB ist so ein Haufen von kapitalistischen Betrügern, dass man ihm vernichtende Antiwerbung gönnen sollte. Diese Artikelserie zur DB sammelt daher alle bösen Gerüchte und alle Negativschlagzeilen über die DB.

Helft mir, indem ihr mit mir lästert, kommentiert und aufklärt über die Machenschaften der DB! Entscheidend ist dabei das Kommentieren, die Versendung von privaten Nachrichten und Links an mich. So können wir eine gemeinsame Kriegserklärung daraus machen!

Zeigen wir's der DB! Zeigen wir der Drecksbahn, dass dass sie mehr als ein Rad ab hat!

Karikatur von Pfohlmann auf http://www.toonpool.com/cartoons/DB%20Service_21346#


Freitag, 29. November 2013

Klassenherrschaft und Technokratie (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 1)



"In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden"
Die "klugen Tiere" sind natürlich die Menschen, wir. Nietzsche könnte am Ende mit seinem Gedankenspiel über das Ende der Menschheit Recht behalten. Vielleicht wird die Menschheit einfach wieder verschwinden. Das wäre für das Universum so etwas wie der Tod einer Fliege. Wen würde es dann noch kümmern, was in der Welt so passiert? Das kann uns egal sein. Nicht egal sollte uns sein, wie es zum Ende der Menschheit kommen könnte.

Fiktive Existenzbedrohungen in der Zukunft


Jedes Jahr werden in Büchern, TV-Serien, Filmen etc. millionenfach in diversen Science Fiction-Szenarien die Gefahren der Zukunft beschworen: Da gibt es die Terminators, die uns den Krieg erklären und die Matrix, die uns zu lebenden Batterien verwandelt. Da gibt es die völlige Verelendung der arbeitenden Menschen auf der Erde, während die Reichen auf die paradiesische Weltraumstation Elysium umziehen. Oder den Exodus der Reichen auf einer hochmodernen High-Tech-Arche nach der Klimakatastrophe und Sintflut. Ebenso gibt es das Szenario der Vereisung des Globus oder die Bedrohung durch Asteroiden. Oder auch die Welt, die von Tornados verwüstet wird. Da gibt es weiterhin unzählige Varianten der Alien-Invasion, der Zombie-Apokalypse und des dritten Weltkrieges. Man darf natürlich die X-Men- und X-Women-Mutanten und die Gentechnik-Unfälle nicht vergessen, die es da so gibt. 

Diese Szenarien scheinen für naive Leser erstmal bloße "Fiction" zu sein, die mit "Science" nichts zu tun hat. Tatsächlich hat Science Fiction viel mehr mit Wissenschaft und Realität zu tun als uns lieb ist. All diese Szenarien kommen nämlich aus der kaputten Wirklichkeit von heute. Es werden nur aus realen Trends, die in die falsche Richtung gehen, mögliche katastrophale Endresultate künstlerisch und zugespitzt dargestellt. Auch gesellschaftskritische Aktivisten und Theoretiker weisen schon lange darauf hin, dass die fiktionalen Dystopien nicht so fern sind wie wir hoffen.

Reale Existenzbedrohungen in der Vergangenheit


Seitdem es die Atombombe und noch mehr seitdem es mehrere Atommächte gibt, haben die Mächtigen dieser Welt das Schicksal der Welt in der Hand. Schon mehrmals ist es fast zu Atomkriegen gekommen.

Nachdem die USA im 2. Weltkrieg Japan mit zwei Atombomben niedergestreckt hatten, kam es im Koreanischen Krieg beinahe zum ersten Atomkrieg. Psychopathen im amerikanischen Militär wollten gegen China, das in den Konflikt verwickelt war, Atombomben nutzen. Damals hatte Chinas Verbündeter, die Sowjetunion, bereits selbst Atombomben. Jahre später kam es zur Kuba-Krise, die ebenfalls knapp an einem Atomkrieg vorbeigeführt hat. Gegenwärtig gibt es Bürgerkrieg im Nahen Osten und mehrere Atommächte sind in diesen Krieg verwickelt. Der atomare Vernichtungskrieg droht uns also immer wieder. Die Gefahr wird nicht einmal geringer. Sie wird größer.

Die amerikanischen Atombomben von Hiroshima und Nagasaki waren nichts im Vergleich zu den Bomben, über die unsere herrschenden Herrschaften heute verfügen. Nicht nur gibt es einzelne Bomben, die das zigfache der Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe haben, sondern es gibt davon auch 1000 mal mehr.

Die Herren dieser Welt könnten alles Leben auf der Erde vernichten, wenn sie nur einen Teil dieser Bomben gleichzeitig zünden würden. Der Atomkrieg bedroht den Bestand der Menschheit, der Tier- und Pflanzenwelt, eigentlich sogar der ganzen uns bekannten Welt.

Wir gefährden uns selbst am meisten. Wir sind selbstzerstörerische Tiere. Wir sind die gefährlichste, grausamste und amoralischste Killermaschine, die die Welt je gekannt hat. E-Coli-Bakterien, Giftige Skorpione, wilde Raubtiere und das AIDS-Virus, die unzählige Menschen auf dem Gewissen haben, haben weit weniger Menschen getötet als wir.

Sie haben vielleicht auch mehr Gewissen als wir. Wer weiß? Immerhin gab es in der Menschheitsgeschichte so unfassbare Gräuel und Untaten, dass man sie für Horrorgeschichten halten könnte, um Kindern wie Erwachsenen Angst einzujagen. Aber keine fiktive Geschichte kann auch nur annähernd die Schrecken der Realität darstellen. Selbst entrüstende Dokumentationen oder Spielfilme über den Holocaust oder das Nanjing-Massaker kommen nicht im Geringsten an die Realität heran.

Es gibt fast kein Horrorszenario, das die reale Welt nicht bereit hält. Die fiktiven Szenarien können uns dafür aber ergreifen und prägen. Kommen wir daher zu einem der interessantesten Szenarien der Science Fiction.

Das Zestörungspotenzial im modernen Kapitalismus




"Am 29. August 1997 endeten drei Milliarden Leben. Die Überlebenden des nuklearen
Feuers nannten den Krieg den Tag des jüngsten Gerichts. Sie überlebten nur, um sich einem neuen Alptraum gegenüberzustehen: dem Krieg gegen die Maschinen."
Dieser Horror entstammt dem Action-Film "Terminator 2", der davon handelt, wie intelligente Killermaschinen entwickelt werden, die sich gegen ihren Herren, den Menschen, auflehnen und einen Vernichtungskrieg gegen ihn anfangen. Sie beginnen einen Atomkrieg, wobei die Hälfte der Menschen auf einen Schlag stirbt. Der Rest wird von den Maschinen per Hand eliminiert. Die Killermaschine Mensch trifft auf eine noch effizientere Killermaschine, die definitiv keinerlei Gewissensbisse hat. Zum Glück hat sich dieses Schreckensszenario bisher nicht bewahrheitet.

Die Bedrohung der Menschheit durch unkontrollierbare Technologien besteht aber noch immer und wird Jahr für Jahr gefährlicher. Denn der Kapitalismus konnte bisher keine Lösung für die größten gesellschaftlichen Probleme bieten. Er vertieft diese vielmehr, weil er offenbar ein unkontrollierbares und schwer berechenbares System ist. Und er war als sadistisches Kind schon scheiße. Als zynischer Greis ist er aber noch viel schlimmer geworden. 

Denn die Zuspitzung der internationalen Konkurrenz führt weiterhin zu Verelendung und Ohnmacht auf der einen Seite und zu mehr Reichtum und Macht auf der anderen Seite. Die Geopolitik der verschiedenen Staaten führt zu immer neuen Kriegen. Der Drang nach Profit führt zu unglaublichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und genialen Technologien auf der Seite der Reichen und Mächtigen zu einem umso krasser werdenden Ausschluss der Armen und Ohnmächtigen von diesen Früchten der Industriegesellschaft.

Diese Früchte werden von den Ausbeutern genüsslich konsumiert, während die Ausgebeuteten ihr Leben lang dreckige, monotone, sinnlose und schlecht entlohnte Lohnarbeit machen müssen. Während sich der Luxus für die Herrschenden immer weiter entwickelt, stagnieren die Beherrschten noch immer auf niedrigem Niveau. Was für die einen eine völlig fremde Welt ist, ist für die anderen Alltag und umgekehrt. Denn wer satt ist, wird nie einen Hungernden verstehen. Allerdings kontrollieren selbst die verantwortlichen Profiteure dieses Systems das System nicht. Es kontrolliert vielmehr sie. Der Teufel verändert dich, wenn du dich auf ihn einlässt.

Unkontrollierbare Herrschaftstechniken


Was hindert die Menschheit daran, das Horrorszenario aus "Terminator 2" in den nächsten Jahrzehnten wahr werden zu lassen? Ich denke, nicht allzu viel.

In Terminator 2 fragt ein Nachwuchswissenschaftler den führenden Kopf, der für das US-Militär die erste intelligente Killermaschine entwickeln soll, über dieses wahnsinnige Projekt aus. Die Antwort sollte den Zuschauer verstören: “Ich habe ihnen die selbe Frage gestellt. Und wissen sie, was man mir gesagt hat? Fragen Sie nicht!”

Im Film hat sogar der für den Krieg mit den Maschinen hauptsächlich verantwortliche Forscher keine Kontrolle über seine Erfindung. Er ist bloß eine Marionette mächtigerer Interessen. Zwar wendet er sich letztlich gegen diese Interessen, indem er seine eigene Erfindung zu zerstören versucht. Natürlich scheitert er jedoch, damit die Filmreihe weitergehen kann. Aber werden auch wir scheitern oder können wir sicher sein, eine bessere Zukunft zu erleben? Ich denke, die Zeit spielt jedenfalls gegen uns.

Um die zukünftige Gefahr abschätzen zu können, sollte man das heutige Kräfteverhältnis der zwei kämpfenden Seiten beachten. Wenn der kapitalistische Staat bisher alle sozialistischen Erhebungen besiegt hat, liegt das daran, dass seine Herrschaftstechniken unserem Widerstand überlegen sind. Abgesehen von der resignativen oder zustimmenden Haltung vieler Menschen zur herrschenden Ordnung gibt es weitere subtile und gewaltsame Herrschaftstechniken, die wir bisher nicht kontrollieren können.

Die leidenden Massen der Bevölkerung wehren sich zwar in regelmäßig ausbrechenden Massenbewegungen und -protesten. Manchmal stürzen diese irgendwelche Mubaraks, Gaddafis oder vielleicht auch Erdogans und Merkels. Aber bisher wurden revolutionäre Erhebungen immer wieder von der Staatsmacht unterdrückt. Am Ende hat der Staat sich immer retten können. Die Menschen kämpfen aber immer wieder von Neuem gegen die Repression durch den Staat.

Die Technik ist dabei nur ein Mittel im Kampf dieser beiden Seiten. Allerdings ist sie im kapitalistischen System wohl kaum kontrollierbar, denn der Kapitalismus ist ein anarchisches System blinder Konkurrenz.

Der technische Stand der Herrschaftstechniken heute


Nach der Fukushima-Katastrophe hat die Robotik weltweit einen gewaltigen Schub erfahren. Denn Roboter kann man auch ohne Gewissensbisse und vor allem ohne Geldverlust zur Reparatur in ein verseuchtes Kraftwerk schicken. Internationale Forscherteams haben bereits Roboter entwickelt, die klettern, sprinten, tanzen, Gesichter und Stimmen identifizieren und Fahrzeuge bedienen können. In Japan hat ein Künstler im Alleingang einen laufenden Panzer mit integrierter Schusswaffe entwickelt. Der technische Stand der von Präsident Obama so gerne benutzten Bomber-Drohnen ist damit schon überholt. Es gibt bereits fortschrittlichere Tötungsmaschinen.

Darüber hinaus gibt es Technologien, die als Mittel der kapitalistischen Staatsmacht für uns noch viel gefährlicher werden könnten. Das US-Militär erforscht etwa im Bereich der Nanotechnologie und der Biotechnologie neue Ausrüstungen wie z.B. ultraleichte und unsichtbare Anzüge und die Muskelkraft vervielfachende Exoskelette für Soldaten. Auch Laser-, Mikrowellen- und elektromagnetische Waffen werden bereits getestet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis es die ersten intelligenten Killermaschinen gibt. Im Film erobern die "Terminators" die Welt und unterdrücken die Menschen. Was sie da errichten, kann man im Grunde "Technokratie" nennen. Die Technik scheint zu herrschen, während der Mensch beherrscht wird. Das ist aber keine bloß fiktive Gefahr. Die Technokratie ist bereits eine jetzt bestehende Gefahr in der kapitalistischen Gesellschaft.

Technokratie in der kapitalistischen Gesellschaft


Wissenschaft und Technik sind im Kapitalismus einerseits dem Bewusstsein und Interesse der Herrschenden unterworfen und damit teils steuerbar. Andererseits sind sie der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Aber weder der Staat noch der Markt können die Technik kontrollieren. Die Technik droht vielmehr, sich zu verselbständigen, da das Resultat am Ende offen ist.

Wir wissen nicht, ob es einen Atomkrieg geben wird, ob die Killermaschinen der Zukunft sich gegen die gesamte Menschheit wenden werden oder ob die Gentechnik die Menschheit auslöschen wird. Was wir aber jetzt schon wissen können, ist, dass die Technik den Herrschenden dient. Sie investieren in die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, neuer Technologien und neuer Herrschaftstechniken.

Ihre Profitlogik hat bereits zur Entwicklung nicht-intelligenter Maschinen in der industriellen Revolution geführt. Es kam in den letzten Jahrzehnten bereits zur Revolution des Informationszeitalters. Die Revolutionen der Nano-Technik, der Quantenphysik, der Genmanipulation und der Robotik stehen noch an. Sie alle sind unter den Bedingungen der kapitalistischen Klassengesellschaft Teil dessen, was ich hier "technokratische Revolution" nennen will. Es ist eine technologische, soziale, ökonomische und politische Revolution, die dem Ausbau der bestehenden Klassenherrschaft dient.

Die Herrschenden im Kapitalismus sind die Kapitalisten. Ihr Denken und Handeln dreht sich um ihre Klassenlage. Ihre Klassenlage ist die von abgehobenen Herren dieser Welt. Ihnen sind unsere menschlichen Situationen so gut wie fremd. Unser Wohlbefinden ist natürlich nicht ihre Priorität. Natürlich sind Weltfrieden, Freude und Eierkuchen auch nicht gerade die Probleme, die diesen Herrschaften den Kopf zerbrechen. Krieg und Frieden sind höchstens Mittel für ihre mehr oder weniger bewusste Herrschaft.

Aber selbst wo die Herrschenden bewusst globale Entwicklungen beeinflussen, wie es z.B. George Soros ganz eindrücklich tut, kontrollieren sie ihr Herrschaftssystem nicht. Sie sind zwar die kapitalistischen Herren dieser Welt. Aber auch der Befehl der Herren geht im lauten Gewirr und der bunten Hektik der kapitalistischen Welt unter.

Die in Klassen und Klassenfraktionen gespaltene kapitalistische Gesellschaft lässt sich nicht kontrollieren, weil es an einem zentralen oder kollektiven Kommandoposten fehlt. Denn die Interessen der einzelnen konkurrierenden Fraktionen verhindern solche Entscheidungsfindung. Statt dessen zerstreiten sich die politischen und wirtschaftlichen Fraktionen immer wieder.

Selbst in solchen Gremien wie im Bundestag, in der Bundesregierung, im EU-Parlament, in der kommunistischen Partei Chinas, im US-Senat oder in der UNO treffen die verschiedensten Interessen aufeinander, sodass gemeinsame Entscheidungen stets auf Kompromissen zwischen den Mächtigen beruhen. Das lässt erahnen, dass noch viele unerwartete Ereignisse und Gefahren auf uns zukommen werden.

Und wir können ahnen, dass die unkontrollierte Technik einer demokratischen Kontrolle durch die ganze Gesellschaft bedarf. Eine solche demokratisch kontrollierte Technik könnte allen Menschen dienen. Dafür brauchen wir aber eine Demokratisierung und soziale Umgestaltung von Staat und Wirtschaft, die den Kern unseres Systems in Frage stellen würde.

Aber wir dürfen auch hoffen, dass sich keines der Horrorszenarien als Folge der technokratischen Revolution durchsetzen wird, sondern die demokratische und soziale Revolution, denn:

"Alle Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzigen Kerze nicht auslöschen." 

Montag, 25. November 2013

Die Araber und der Antizionismus, Teil 1

Eine jede Betrachtung des Nahostkonfliktes ist überschattet vom arabisch-israelischen Krieg der Geschichtsschreibungen. Gilbert Achcar, Professor für Entwicklungspolitik und Internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London, hat dem Thema ein Buch gewidmet. Achcars Buch “Die Araber und der Holocaust” (2012 bei Edition Nautilus erschienen) ist ein wertvoller Beitrag, der dabei hilft, “die Logik des Krieges der Narrative zu beleuchten”, wie Achcar selbst hofft.

Achkars humanistische und wissenschaftliche Perspektive


Achcar schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches über seine Motivation:

So hoffe ich, dass die deutsche Ausgabe meines Werks dazu beitragen wird, Licht in die Finsternis zu bringen, die der Instrumentalisierung dieses Konflikts Vorschub leistet, und all jenen Argumente zu liefern, die allein von dem beseelt sind, was die deutsche Geschichte an Wertvollstem hervorgebracht hat – Humanismus und Internationalismus.

Achcar schreibt also ganz im Sinne der humanistischen Ideen solcher Denker wie Karl Marx. Einseitige Parteinahme für die eine oder andere Bevölkerung lehnt er ebenso ab wie die verschiedenen mehr oder weniger versteckten Formen von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus oder religiösem Fanatismus. Einerseits kritisiert er all die Vertreter der Israelkritik und des Antizionismus, die nicht zugleich am Humanismus und Wohl aller Menschen orientiert sind.

Er kritisiert andererseits auch reaktionäre Vertreter der pro-israelischen Seite, des Zionismus, die das Wohl des israelischen Staates über das Wohl der Menschen im Nahen Osten stellen. An solchen Zionisten kritisiert er vor allem auch, dass sie sogar den Völkermord an den Juden wie auch üble Antisemitismus-Vorwürfe instrumentalisieren, nur um jede Politik des israelischen Staates heilig zu sprechen.

Immer wieder kommt Achcar auch auf die zionistisch motivierte Propaganda zu sprechen, die die arabische und antizionistische Seite völlig verzerrt und einseitig darstellt. Wissenschaftler wie Benny Morris oder Bernard Lewis, die es eigentlich besser wissen müssten, werden für Falschdarstellungen oder zynische Positionen zu Recht gebrandmarkt. Morris z.B. sieht nach seinem Rechtsruck hin zum antimuslimischen Rassismus in allen Moslems grundsätzlich Antisemiten. Achcar bedauert das:

Morris, ein Historiker, der immer darauf bestanden hat, dass für ihn nur “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege zählen, hat sich also zu einem ideologischen Diskurs hinreißen lassen, der im beginnenden 21. Jahrhundert allzu üblich geworden ist: einer Mischung aus Neokonservatismus made in the USA und Neozionismus, beides unterfüttert mit Islamophobie.

Dagegen ist es Achcars erklärtes Ziel, dabei zu helfen, "einen Dialog zwischen Arabern und Israelis auf der Grundlage gemeinsamer humanistischer Werte" aufzubauen. Er tut das, indem er zu allererst Humanismus und Wissenschaftlichkeit verbindet. 

Dazu gehört die Fähigkeit, zu differenzieren. Anders als viele zionistische Wissenschaftler wie etwa Bernard Lewis, der alle Araber unter einen Kamm schert und zwischen ihren diversen Ansichten nur einen einzigen antisemitischen Sumpf sehen kann, beweist Achcar tatsächlich mit seinem Buch, wie wichtig ihm die “die Fakten” und wissenschaftliche Gründlichkeit auf der Basis hinreichender Belege sind. Sein Buch ist daher nicht bloß eine politische Abwehr gegen menschenfeindliche Politik im Nahen Osten, sondern auch ein solider wissenschaftlicher Beitrag zum Thema.

Im ersten Teil seines Buches unterscheidet er im Wesentlichen zwischen den vier großen politischen Strömungen im arabischen Raum: westlich orientierten Liberalen, Kommunisten, Nationalisten und reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten. 

Diese untersucht er im Detail auf ihre Einstellungen und Beziehungen zum nationalsozialistischen Völkermord an den Juden, zum Antisemitismus und zum Zionismus in der Zeit von 1933 bis 1947. Den zweiten Teil des Buches über diese Einstellungen ab der Nakba von 1948, also nach der Vertreibung von über 700.000 Palästinensern aus Palästina durch die zionistischen Siedler, ordnet er eher chronologisch. 

Er zeigt, wie der arabische Nationalismus im Stile des ägyptischen Nasserismus nach der Nakba zur dominanten Strömung wurde, dann aber vom Befreiungsnationalismus der PLO und schließlich vom Panislamismus ersetzt wurde. Dabei belegt er, wie sich die antizionistischen Einstellungen der Araber veränderten.

Arabische Reaktionen auf den Nationalsozialismus und den Antisemitismus (1933-1947)


Die arabischen Liberalen


Die westlich orientierten Liberalen unter den Arabern bis 1947 werden heutzutage gerne von neokonservativen Politikern des Westens ignoriert oder sogar kategorisch verleumdet. Rassistische Moslemhasser unterstellen den Arabern, als Moslems immer auch Feinde der Demokratie und Antisemiten zu sein. Gerade die arabischen Liberalen jener Zeit bewiesen aber eine weitaus menschenfreundlichere, tolerantere und demokratischere Haltung als angeblich aufgeklärte und liberale Politiker in Europa, indem sie deren inkonsequente Haltung und deren christlich geprägten Antisemitismus und Rassismus konsequent kritisierten. Achcar schreibt:


Die von einer demokratischen, humanistischen Kultur geprägten liberalen Westler unter den Unabhängigkeitsbefürwortern in der arabischen Welt lehnten den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Das hinderte sie nicht daran, aus ihrer antikolonialistischen Gesinnung heraus gegen den Zionismus zu sein. Für die zionistische Bewegung stellten die westlich orientierten Liberalen ein großes Ärgernis dar, da sie am glaubwürdigsten unter Verweis auf die Werte der antifaschistischen westlichen Kultur die Grundlagen des Zionismus kritisieren konnten.

Liberale Demokraten konnten also sowohl Antifaschisten als auch Antizionisten sein, indem sie die rassistische, nationalistische und kolonialistische Natur sowohl des Faschismus wie auch des Zionismus sahen.

Die nahöstlichen Kommunisten


Die Kommunisten waren ebenso von vornherein erklärte Gegner des Antisemitismus und Nationalsozialismus:

Aus ideologischen Gründen lehnten die Marxisten in der arabischen Welt, darunter viele einheimische oder eingewanderte Juden, den Nationalsozialismus durchweg entschieden ab. [...] Die Marxisten waren es vor allem, die den Zionismus als rassistische Bewegung verurteilten, sie waren aber auch für die fragwürdige Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus verantwortlich – deren wichtigste logische Konsequenz war, was oft vergessen wird, dass sie beiden Ideologien gleich ablehnend gegenüberstanden.

Trotz der dummen Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus waren die arabischen (und jüdischen) Kommunisten grundsätzlich nicht Judenfeinde, sondern verteidigten sowohl Juden wie auch Araber vor Rassismus und Kolonialismus. Was man den Kommunisten dieser Zeit aber vorwerfen sollte, ist, dass sie keinerlei internationale Kampagne zur Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge aus Europa gestartet hatten und dass sie nach dem Völkermord an den Juden wiederum nicht mehr konsequent genug gegen den rassistischen Kolonialismus der Zionisten vorgingen, sondern Israels Staatsgründung unterstützten. Das brachte sie für längere Zeit in Verruf, sodass die Nationalisten als die konsequenten Vertreter der arabischen Unabhängigkeitskämpfe erscheinen konnten.

Die arabischen Nationalisten


Die arabischen Nationalisten hatten ein weit problematischeres Verhältnis zu NS, Holocaust und Juden. Hier gab es durchaus Antisemiten und Rassisten, die einen gewissen Einfluss hatten. Es gab unter den arabischen Nationalisten durchaus auch Sympathisanten und Nachahmer des europäischen Faschismus. Aber diese Minderheit innerhalb der Nationalisten war selten und kaum von religiös und rassistisch motiviertem Antisemitismus geprägt. 

Achcar sieht die Tendenzen zum Ultranationalismus und Faschismus eher als reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus und die politischen Konkurrenten im arabischen Raum. Achcar geht im Detail auf die wirren Ansichten solcher Reaktionäre ein und kritisiert sie ausgiebig. Achcar differenziert hier aber:

Es gilt zu unterscheiden zwischen jenen, die vorübergehend und in Abwägung ihrer Interessen gehandelt, aber ihre Distanz zum Faschismus gewaht haben, und denen, die sich zu ihrer ideologischen Übereinstimmung mit Rom und/oder Berlin bekannten und es mit ihrer Bindung an die Achsenmächte ernst meinten.

Außerdem zeigt sich in Achcars Untersuchungen, dass die arabischen Nationalisten die Juden vor antisemitischen Pogromen eher geschützt haben als es die europäische Bevölkerung tat. Auch lehnte der Großteil der Nationalisten die Nachahmung, Stärkung und Bewunderung des europäischen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Imperialismus ab. Er vermerkt weiterhin

dass der schlimmste Antisemitismus, den [der Irak] in den 1940er Jahren erlebte, nichtnationalistischen Regierungen zuzuschreiben ist, sondern auf das Konto jenes Mannes geht, den die Nationalisten und generell die Bevölkerung am meisten hassten: des englandfreundlichen Nuri al-Sa’id, der 1949 in seiner Amtszeit als Premierminister drohte, die irakischen Juden massenweise zu vertreiben.

Die rechten Panislamisten


Was die “reaktionären und/oder fundamentalistischen Panislamisten” angeht, so gab und gibt es wie bei den Nationalisten auch hier eine breite Palette an Einstellungen. Der düsterste Antisemitismus samt Verschwörungstheorien, Zuschreibung überzeitlicher Merkmale, mangelnder Differenzierung zwischen Juden und Zionisten und rigidester Ablehnung der westlichen Kultur konkurriert mit der traditionell islamischen Toleranz gegenüber friedlichen Juden und Christen. Solch Panislamismus kann beides beinhalten. Er war aber eine reaktionäre Antwort auf den Kolonialismus des Westens:

[Diesem Panislamismus] sollte die Rolle eines islamischen Bollwerks gegen den Westen zukommen. Dieser Panislamismus neigte stets zur fanatischen Ablehnung der kulturellen Moderne des Westens. Reaktionäre und fundamentalistische, gegen den Westen und westliche Einflüsse eingestellte Muslime griffen daher das Banner des Panislamismus auf und verbündeten sich mit den arabischen Nationalisten in einem Kampf gegen die gemeinsamen Feinde. Je rechter die Einstellungen dieser Nationalisten, desto stärker waren die Bande zwischen den beiden Strömungen [...] Sie trafen sich in einer Mischform von arabisch-islamischem Nationalismus.

Nicht der Islam per se, nicht einmal der islamische Fundamentalismus oder politische Islam per se, sondern nur bestimmte Strömungen und Einzelpersonen innerhalb dieser waren antisemitisch oder nazifreundlich. 

Der Mufti von Jerusalem, die widerlichste Gestalt in diesem Zusammenhang, pendelte zwischen Rom und Berlin, um seine engen Kontakte zu den italienischen und deutschen Faschisten zu pflegen. Er übernahm sogar weite Teile der Naziideologie und machte arabischsprachige Propaganda für den NS-Staat. Aber seine Nähe zum deutschen Rassenantisemitismus entwickelte sich erst spät, als er nach einem Scheitern in der arabischen Welt dort sein eh nicht besonders großes Ansehen fast völlig verloren hatte. 

Auch der Wandel Rashid Ridas, einer wichtigen Person im Zusammenhang mit dem Wahabismus bzw. Salafismus, vom relativ toleranten Verteidiger der Juden zum wilden Antisemiten zeigt, dass selbst die reaktionärsten islamischen Strömungen nicht notwendiger Weise antisemitisch sein müssen. 

Achcar besteht darauf, dass die konkrete Betrachtung der sozialen Gründe für Antisemitismus und andere Einstellungen entscheidend ist:
Diese unerlässliche Kontextualisierung der arabischen Einstellungen gegenüber den Juden und dem Holocaust macht den entscheidenden Unterschied aus zwischen einer berechtigten und begründeten Verurteilung dessen, was tatsächlich verurteilenswert ist – wohl wissend, dass die arabischen Einstellungen breit gefächert und oft untadelig, wenn nicht sogar vorbildlich waren -, und jener unterschiedslosen Dämonisierung, die nur in araberfeindlichen Rassismus und Islamophobie münden kann.

Alles Reaktionäre?


Aus Achcars Ausführungen wird deutlich, dass im Grunde alle wichtigen politischen Strömungen im arabischen Raum antizionistisch waren. Zugleich wird klar, dass sich Liberale und Kommunisten ziemlich konsequent gegen den Faschismus und Antisemitismus engagiert haben, während Nationalisten und Panislamisten von relativ linken und demokratischen Einstellungen, die sich denen der Liberalen und Kommunisten annäherten, bis hin zu extremem Antisemitismus und bis hin zur Nähe zum Faschismus alle Varianten kannten. 

Allen Arabern von damals oder auch nur der Mehrheit zu unterstellen, sie seien Islamisten, Judenfeinde, Reaktionäre, Faschisten oder dergleichen gewesen, ist wissenschaftlich nicht haltbar und eine Art des Eurozentrismus bzw. Rassismus. Die arabische Bevölkerung scheint bis 1947 trotz ihres Antizionismus insgesamt weit weniger rassistisch und antisemitisch gewesen zu sein als die europäische Bevölkerung insgesamt. 

Das darf nie vergessen werden, wenn den Arabern oder Moslems unterstellt wird, sie seien wegen ihrer Kultur von Grund auf Antisemiten oder Antidemokraten. Solche Pauschalisierung ist bloß ein Mittel der Kriegsvorbereitung und der Unterdrückung. Das sollten sich auch pseudolinke Neokonservative und Rassisten merken. Vielmehr muss selbst bei Reaktionären unter den Arabern und Moslems anhand ihres Lebenslaufs differenziert werden, wenn man ihre Einstellungen zu den Juden wirklich ernsthaft betrachten will. 

Auch muss zwischen Juden, Zionisten, Israelis und den entsprechenden Einstellungen unterschieden werden. Gerade aber viele Zionisten in Israel und z.B. auch die pseudolinken Zionisten und Kriegstreiber in Deutschland unterscheiden selten ausreichend. Für sie sind israelische Juden und israelische Zionisten ebenso das selbe wie Araber, Moslems, fanatische arabische Nationalisten und fanatische antisemitische Panislamisten. 

Achcar zeigt, dass gewissenhafte politische Kritik nur mit gewissenhafter Differenzierung funktioniert.