In den Medien tobte in den letzten Wochen die Debatte um den
neuen Song von Bushido, in dem dieser verschiedene PolitikerInnen
beleidigt. Während es Bushido um „Stress ohne Grund“ ging, machen
Musiker wie Kaveh Stress mit Grund, ohne Politiker zu beleidigen. Kaveh setzt
sich in seinen Songs mit den Problemen der herrschenden
Wirtschaftsordnung auseinander und versucht musikalischen
Aufklärungsarbeit zu leisten, wir haben mit ihm über seine musikalischen
Hintergründe, Rassismus und Krieg gesprochen.
Interview übernommen von Freiheitsliebe.de
Die Freiheitsliebe: Wie bist du zum Rap gekommen?
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| Kaveh |
Kaveh: Ich
bin zuerst mit Gruppen wie Public Enemy und Boogie Down Productions
(BDP) in Berührung gekommen. Durch diese Inspiration habe ich begonnen
Texte zu schreiben, zunächst auf Englisch und dann auch relativ schnell
auf Deutsch und Französisch. Später kam auch Persisch mit dazu.
Die Freiheitsliebe: Du machst relativ viele politische Songs. Gibt es eine Verbindung zwischen Politik und Musik?
Kaveh:
Auf jeden Fall! Wenn man in die Geschichte zurückschaut, kann man
sehen, dass politische und sozialkritische Rap-Musik – neben dem
Party-Entertainment-Rap – von Anbeginn mit am Start war. Es waren vor
allem Musiker mit politischem Bewusstsein wie Last Poets und Gil
Scott-Heron, die in den 70ern mit zu den Urvätern des Hip Hop gehörten.
Sie wurden stark beeinflusst von den Black Panthers, Malcolm X und
Martin Luther King, der Bürgerrechtsbewegung, der anti-Kriegsbewegung
und den 68ern im Allgemeinen. Da die ersten Hip Hop Gruppen und Artists,
die ich hörte, also Public Enemy oder KRSone, unmittelbar von der
Protestbewegung und ihrem musikalischen Soundtrack der 70er und frühen
80er Jahre beeinflusst wurden, war es auch für mich von Anfang an klar,
dass ich politischen Hip Hop machen würde.
Die Freiheitsliebe: Du
sprichst dich in dem Song „Iran Update (2012)“, gemeinsam mit B-Lash
und anderen RapperInnen, gegen eine Intervention im Iran aus. Hast du
das Gefühl, dass diese in nächster Zeit droht und ist Musik ein Weg
dagegen zu agieren?
Kaveh:
Die Gefahr eines Krieges ist auf jeden Fall vorhanden. Ob er jetzt
unmittelbar bevorsteht, ist natürlich eine andere Frage. Ich denke, dass
die USA und ihre Verbündeten sich momentan aus vielen Gründen nicht auf
eine Intervention einlassen werden. In Zukunft kann sich das aber
schnell ändern. Wir haben ja leider schon erleben müssen, wie
Afghanistan, Ex-Jugoslawien und Irak bombardiert wurden, während die
verheerenden Auswirkungen für die Menschen in diesen Regionen bis heute
schwer zu spüren sind. Musik kann einen Krieg natürlich nicht
verhindern. Man kann aber durch ihre relativ weite Verbreitung die
Aufmerksamkeit auf diese wichtigen Themen lenken, vor allem bei
Menschen, die nicht so politisch interessiert sind. Unser Song
beabsichtigt sozusagen einen musikalischen Ansporn dafür zu liefern,
dass sich mehr Menschen, und vor allem Jugendliche, mit den Gefahren
eines möglichen Angriffskrieges gegen den Iran auseinandersetzen. Wir
wollten auch die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen
betonen, die im Gegensatz zu den Menschenrechten, die wahren Motive des
Westens darstellen. Musik kann in der Tat eine kraftvolle Waffe des
Widerstands sein, da sie den Stimmlosen – von der Politik und Wirtschaft
ignorierten – eine Stimme verleiht und somit entscheidend zum Protest
und der Mobilisierung gegen Unterdrückung, Imperialismus und des Primats
des Kapitals beitragen kann.
Die Freiheitsliebe: Du hast auch einen Song (Mehr als nur ein 16er) zur Solidarität mit den
Protesten in der Türkei. Siehst du auch andere KünstlerInnen, außer die mit denen du zusammenarbeitest, die versuchen Politik und Rap zu verbinden.
Kaveh:
Ich habe keinen Song über die Proteste in der Türkei, sondern habe den
eben genannten Track den Demonstranten von Istanbul bis Sao Paolo
gewidmet. Ich denke, dass man Proteste, egal ob sie nun
zivilgesellschaftlicher oder revolutionärer Natur sind, mit Musik und
anderen Protest- und Solidaritätsformen unterstützen sollte. Ich weiß
nicht, ob es in Deutschland auch andere Künstler gibt, die sich zu den
Ereignissen positioniert haben.
Die Freiheitsliebe: Du versuchst mit deiner Musik auch Kritik am Rassismus zu äußern, ein Thema, welches im Rap häufiger Musik als Widerstand vorkommt. Glaubst du, dass insbesondere auch für den anti-muslimischen Rassismus, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat, ein Bewusstsein geschaffen werden kann und wie denken die Jugendlichen, die von dem Rassismus betroffen sind?
Kaveh: Es ist für mich
schwer zu sagen, was die betroffenen Jugendliche im Allgemeinen über den
zunehmenden Rassismus denken und vor allem wie sie darauf reagieren.
Ich bekomme immer mal wieder Mails, in denen Leute mir schreiben, dass
ich ihnen aus der Seele spreche. Besonders bei Songs wie Sarrazynismus
oder der Antwort auf Harris. Für einige können die Lieder sicher ihre
Gefühle widerspiegeln und ein Sprachrohr sein. Wie jeder einzelne mit
Rassismus umgeht, ist jedoch schwer zu beantworten. Ich kann das nur aus
meinem eigenen Umfeld heraus beurteilen. Manche reagieren aggressiv,
andere schotten sich ab. Einige entwickeln ein schärferes Bewusstsein
und stärken ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität aufgrund der
notgedrungenen und immer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit
Diskriminierung. Andere wiederum lassen sich auf die hohlen Argumente
der Rassisten ein und reproduzieren sie sogar. Wichtig war es mir zu
betonen, dass Rassismus nicht nur ein Alltagsphänomen ist – sogar in
seiner Alltagsform ist er „mehr als nur ein Augenblick.“ Er ist in der
U-Bahn, bei alltäglichen Begegnungen oder im Supermarkt anzutreffen und
darüber hinaus gibt es noch den strukturellen Rassismus. Er ist auf
Behördengängen, bei der Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnungssuche oder
auch vor Diskotheken anzutreffen, in die man als Kanake oder Schwarzkopf
nur selten reinkommt. Er ist also auf unterschiedlichsten Ebenen
anzutreffen. Der strukturelle Rassismus ist eine große Last, die das
Leben der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund erschwert, wie
auch das Zusammenleben mit Menschen, die davon weniger betroffen sind.
Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art, gegen Frauen, Homosexuelle
etc. ist fast überall tief verwurzelt in den Gesellschaften. Was leider
viel zu wenig angesprochen wird, ist die Frage der Identität – also
inwiefern die gängige Definition von Identität in Frage gestellt werden
sollte. Im Mainstream wird kaum die Ansicht vertreten, dass es möglich
sein sollte mehrere Identitäten zu besitzen, oder dass die Identitäten
sich hier verändert haben und nicht mehr so homogen daherkommen wie noch
vor 60 Jahren. Der deutschen Mehrheitsgesellschaft fällt es immer noch
sehr schwer das zu akzeptieren. Dies sind sozusagen die Nachwehen der
Blut und Boden Mentalität, die in Deutschland bis ins 19. Jhdt.
zurückreichen und während der Nazizeit ihre konsequente Vollendung
gefunden haben. In Deutschland wird oft von der vorbildhaften
Aufarbeitung des Faschismus gesprochen. Was dabei meiner Meinung nach
aber leider zu kurz kommt ist, dass Deutschland während der Kaiserzeit
und Weimarer Republik durchaus kosmopolitische Züge aufzuweisen hatte,
diese jedoch während der Nazizeit durch Ausrottung und Vertreibung einen
herben Rückschlag erleben mussten. Eine völlig übertriebene Angst und
der zunehmende Hass gegenüber dem vermeintlich Fremden und Anderen
gehören heute vielleicht zu den bedrückendsten Kontinuitäten des
europäischen und vor allem deutschen Faschismus. Besonders Menschen die
heikle Aufenthaltstitel haben, wie Flüchtlinge, Sinti und Roma etc.
haben am stärksten unter dem EU weiten Rassismus zu leiden. In
Deutschland sind die schändliche Residenzpflicht, Lagerunterbringung und
Abschiebung der beste Beweis dafür.
Die Freiheitsliebe: Du
hast Harris, ein Rapper aus Berlin, schon angesprochen. Dieser rappt in
einem Song: „Schäm dich schlecht über Deutschland zu reden!“ Wie kommt
es, dass jemand der selber Erfahrung mit Rassismus gemacht hat, nun eine
Position vertritt, die sich quasi der Mehrheit unterordnet?
Kaveh: Dies
dürfte mehrere Gründe haben. Zum einen hängt es mit seiner Biographie
zusammen. Er ist in Kreuzberg aufgewachsen, wo er weniger Erfahrungen
mit Rassismus gemacht hat, als jemand der in anderen Bezirken, Städten
oder gar auf dem Land aufgewachsen ist. Auf der anderen Seite hängt es
mit seiner politisch-gesellschaftlichen Entwicklung und Sozialisation
zusammen. Da kann man nämlich ganz klar sehen, dass er ein durch und
durch konservatives Denken vertritt. Er hat eine Sendung auf Jam FM, die
sich der „Patriot“ nennt, in der die Gäste nur deutsche Wörter
verwenden sollen. Ähnlich wie sein Kollege Sido steht er dem Denken
Sarrazins ziemlich nahe. Er hat in einem Interview zu Guttenberg als
sein politisches Idol bezeichnet. Er hat sogar ein Deutschland-Tattoo
auf der Brust. Er spricht zwar von einem „neuen Deutschland“, in dem
diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund auch dazu gehören, wodurch
er sich von einigen konservativen Strömungen abgrenzt. Im Grunde
genommen vertritt er aber ein ziemlich nationalistisches Denken, das
sich gerade dadurch auszeichnet, dass keine Kritik an der
Mehrheitsgesellschaft und der deutschen Nation akzeptiert wird, die von
sogenannten Ausländern stammt. Eines seiner fragwürdigsten Positionen
liegt also darin, dass er Menschen mit Migrationshintergrund, die sogar
hier geboren oder aufgewachsen sind als Ausländer bezeichnet und ihnen
dadurch jegliche Kritik an den ‘‘wahren Deutschen‘‘ oder Deutschland
verwehrt.
Die Freiheitsliebe: Du kritisiert auch,
dass er Themen wie Zwangsehe auf alle herunterbricht, was auch in
Gesamtdeutschland ein Problem ist. So liest man in Zeitungen, dass dies
ein alltägliches türkisch/arabisch/kurdisches Problem sei. Siehst du
eine eher internationalistische Gesellschaft als Ziel, in der der
Nationalismus gänzlich aus dem Geist vertrieben wurde oder sagst du,
dass dieser auch in Teilen nachvollziehbar sein kann?
Kaveh:
Es kommt auf den Kontext an. Im Kampf gegen Kolonialismus war der
Nationalismus ein wichtiges Mittel, um die Unabhängigkeit gegen
Kolonialmächte zu erlangen. Das konnte man in Südamerika, Asien und auch
Afrika beobachten. In einigen Ländern mag es sein, dass der
Nationalismus immer noch eine wichtige Form des Widerstands darstellt.
Im europäischen Kontext jedoch ist der Nationalismus größtenteils
überkommen, denn er entspricht nicht mehr den multikulturellen
Lebensrealitäten vieler Menschen. In Deutschland trägt er in keinster
Weise zu einem besseren Zusammenleben bei. Ich denke daher, dass das
nationalstaatliche Denken der Vergangenheit angehören sollte. Ein
internationalistisch/kosmopolitisches Denken ist meiner Meinung nach die
einzige Alternative, weil sie ein menschlicheres Miteinander ermöglicht
und durch ihre offenen und beweglichen Identitätsmuster auch dazu in
der Lage ist von den unterschiedlichen Einflüssen zu lernen. Natürlich
hat Multikulturalität aber auch seine Grenzen, und zwar wenn die
universellen Menschenrechte verletzt werden.
Die Freiheitsliebe: Ich danke dir für das Interview.