Freitag, 27. Dezember 2013

Der White Club im Meth-Labor - eine Kritik zu "Breaking Bad"

Breaking Bad war eine der erfolgreichsten und populärsten TV-Serien der Fernsehgeschichte. Aber die actiongeladene Handlung rund um den Drogen verkaufenden Ex-Lehrer Walter White vermittelt zudem eine moralische Anklage gegen die heutige Gesellschaft, findet Alexander Schröder in seinem Gastbeitrag.

Unsicherheit und Ungewissheit 


Walter White ("Heisenberg"),
gezeichnet von Alexander Schröder
Heisenberg war der Name eines deutschen Physikers, der die bisherigen weltanschaulichen Gewissheiten der Physik zerschlug. Die "Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation" besagt, dass die Bewegungsrichtung von physikalischen Teilchen nicht eindeutig bestimmt werden kann. Seither kann man Ursachen und Wirkungen in der Physik nicht mehr scharf von einander trennen. Nicht nur erscheint alles relativ wie bei Einstein, sondern alles in der Physik hat an Trennschärfe verloren. Unsicherheit und Ungewissheit dominiert seither die Naturwissenschaften.

Heisenberg ist auch der Name eines Drogenbarons in der TV-Serie Breaking Bad, der die bisherigen weltanschaulichen Gewissheiten der gutbürgerlichen Moral zerschlug. Die Bewegungsrichtung der Moral des Drogenbarons Heisenberg kann ebenso wenig eindeutig bestimmt werden wie die der physikalischen Teilchen in der Theorie des Physikers Heisenberg. Die Uneindeutigkeit der Moral ist das Hauptthema der Serie.

Eine Serie über verschenktes Potenzial


Gut und Böse können nicht mehr klar unterschieden werden. Gutes verwandelt sich permanent in Schlechtes und umgekehrt. Das macht die Serie so packend und für eine Ideologiekritik interessant.

Wie sieht die künstlerische Inszenierung dieser Moral in der Handlung der Serie aus? Der brave Familienvater und Chemielehrer Walter White erfährt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. Obwohl er zudem ein äußerst intelligenter Wissenschaftler ist (seine ehemaligen Kollegen sind durch sein Wissen stinkreich geworden), kann er sein enormes Potenzial bis zu seiner Erkrankung nicht voll ausnutzen. Tyler Durden aus Fight Club hätte gesagt: 

"Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird!"

Walter Whites schlecht bezahlter Beruf als Schreibtisch-Sklave ermöglicht seiner Familie nur ein dürftiges Leben, weswegen auch seine Ehe zu einem bloß mittelmäßigen Zusammenleben verkommen ist.

Ein Held verzweifelt


Sein Sohn, der an einer Behinderung leidet - der also von der kapitalistischen Gesellschaft wie der Vater an der Ausschöpfung seines Potenzials gehindert wird - verehrt seinen liebenden Vater dennoch und versucht, diesem durch seine eigene Spendenaktion zu helfen. Er beschreibt den braven Mann wie folgt: 

"Er ist ein toller Vater, ein toller Lehrer. Er kennt sich hervorragend mit Chemie aus. Er hat Geduld mit einem. Er ist immer für einen da. Er ist einfach anständig. Und er tut immer genau das Richtige... Mein Dad ist mein Held."

Dieser brave Held, dessen Name bereits auf seine "weiße Weste" hinweist, verzweifelt jedoch bald an seiner miserablen ökonomischen Lage. Wie Leo Tolstojs sterbenskranker Iwan Iljitsch und Tyler Durden in Fight Club wird unser Protagonist durch eine Nahtoderfahrung verändert. Wie sein Vorgänger Durden begreift auch Walter White die zynische Realität:
http://www.redbubble.com

"Wenn Menschen denken, dass du stirbst, hören sie dir richtig zu..."

Aber das Zuhören rettet seine Familie nicht. Denn die Behandlung der Krankheit, die in seinem Körper heranwächst, garantiert keine Heilung und erst recht keine ökonomische Absicherung seiner Familie. Die Krankheit Walter Whites ist Symbol für die gesellschaftliche Krankheit, die man Kapitalismus nennt. Der Krebs in Whites Körper breitet sich aus wie das kapitalistische Prinzip, das immer mehr Lebensbereiche der Gesellschaft erfasst.

Vom Lehrer zum "Meth-Koch"


Die privatwirtschaftlich organisierte Chemotherapie kann ihm keine Sicherheit gewähren (wohl, weil im Kapitalismus mehr für militärische Aufrüstung als für gesundheitliche Ausrüstung ausgegeben wird). Daher nutzt er die "hervorragenden" Kenntnisse, die sein Sohn so sehr an ihm schätzt, um Methylamin zu produzieren und zu verkaufen. Unterstützt wird der von seinem drogensüchtigen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, der wie er eine gescheiterte Existenz darstellt.

Als gefragte, hochkarätige "Meth-Köche" geraten sie immer weiter in kriminelle Machenschaften. Das "Meth-Kochen" wird für den braven Chemielehrer so etwas wie der Fight Club im gleichnamigen Film für die "Männer ohne Zweck, ohne Ziel", die zum Aufstand gegen die gutbürgerliche Moral rufen und den gesitteten Bürgern so plastisch drohen: 

"Wir kochen eure Mahlzeiten, fahren eure Krankenwagen, stellen eure Anrufe durch, holen euren Müll ab… Wir bewachen euch, während ihr schlaft… Versucht nicht, uns zu verarschen!"

Morden auf kreative Weise


Bis aus dem braven US-Bürger Walter White mit der "weißen Weste" der berüchtigte Drogenbaron "Heisenberg" wird, strauchelt er von einem moralischen Dilemma zum nächsten. Sein Auftraggeber, ein brutaler Drogendealer, wird von einem Sprengstoffanschlag durch unseren "Helden" getötet. Ein ebenso brutaler Drogenboss, soll mit seinen eigenen Drogen geschickt vergiftet werden: "Dieser Crétin schnupft doch alles, was ihm in die Finger kommt", stellt Heisenberg sarkastisch fest. 

Natürlich werden noch viele weitere Bösewichte auf kreative Weise aus dem Verkehr gezogen. Aber auch Unschuldige kommen immer wieder zu Tode. Schon allein der fatale Konsum des blauen "Meth" führt zu mehreren Todesopfern. Eine süchtige Frau tötet ihren Partner im Streit um die Droge. Und gerade aufgrund der moralischen Empörung über seinen abhängigen Partner Jesse lässt Heisenberg dessen Freundin an einer Überdosis sterben. Ihr Tod wiederum führt zu einem Flugzeugcrash, da ihr unglücklicher Vater als Fluglotse seine Nerven verliert. Ein Jugendlicher wird nur deswegen ermordet, weil er Zeuge der Machenschaften der Meth-Köche geworden ist.

Die Moral der Kriminellen


Auch Heisenbergs Familie wird immer tiefer in Korruption und persönliche Konflikte hineingezogen. Zwischen Mord und Totschlag kommen den Protagonisten immer wieder Zweifel an ihrem Tun. Aber gerade die verzweifelte Situation der Menschen führt ja zu immer übleren Verstrickungen. Sie können ihrer Lage nicht einfach entfliehen, weil sie an ihren sozialen Beziehungen und moralischen Vorstellungen festhalten.

Moral bei Kriminellen? Sind die denn nicht furchtbar unmoralisch? Und verherrlicht die Serie denn nicht alles Schlechte in der Welt? Jein. Man muss es nämlich, wie alles, dialektisch betrachten. Denn gerade die eingangs erwähnte "Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation" kommt in Anwendung auf moralische Fragen der heutigen Gesellschaft in der Sendung zum Tragen.

Immer wieder wird deutlich, dass Walter White vor allem zum Drogen verkaufenden Antihelden degeneriert, weil die Gesellschaft ihm nicht ermöglicht hat, ein braver Familienvater und Held zu bleiben. Zudem bleibt sein großes Ideal einer stabilen Familie in ökonomischer Sicherheit in veränderter Form bestehen. Am Ende der Serie zählt er sein Geld z.B. anhand der Ausgaben seiner Familie nach seinem erwarteten Tod genauso wie am Anfang der Serie.

Die weiße Weste muss schmutzig werden


Nicht das Geld an sich interessiert ihn, sondern das Geld als Mittel für familiäre Absicherung. Trotz aller Konflikte mit seinen Verbündeten, Freunden und Familienmitgliedern will er gerade sie retten, wo er kann. All seine verbrecherischen Mittel dienen dem Zweck der praktizierten Nächstenliebe. Es ist eine im Kern zutiefst moralische und sozialkritische Idee, die auf diese Weise transportiert wird.

Allerdings ist sie mit dem illusionären amerikanischen Traum verwoben, der in der Serie auf den Boden der Tatsachen gestellt wird. Denn Breaking Bad zeigt, dass der utopische Traum vom Aufstieg aus den unteren Schichten im heutigen US-Kapitalismus für den durchschnittlichen Bürger kaum mit einer "weißen Weste" zu realisieren ist.

Walter White repräsentiert den Typus des normalen Amerikaners, des Joe Average, der aus seiner sozialen Misere mit harter Arbeit nicht mehr herauskommt - es sei denn er ist bereit, sich die ehemals "weiße Weste" schmutzig zu machen. Der gutbürgerliche Geduldfaden des Joe Average muss reißen. Er muss das Falsche tun und ein skrupelloser Antiheld werden, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen.

Ein Meisterwerk der Gegenwartskunst


Breaking Bad bietet zwar keine klaren Antworten auf die sozialen Fragen, die die Serie aufwirft. Sie bietet auch keine eindeutigen Antworten auf die Fragen der Moral, die sogar im Serientitel mitschwingen. Es fehlt ihr auch an einer Drohung wie in ihrem Vorläufer Fight Club: 

"Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars… Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten…"

Dennoch: Heisenbergs Schicksal ist eine vernichtende Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus, der sogar seinen bravsten Bürgern keine menschenwürdige Existenz mehr ermöglicht. Breaking Bad provoziert daher ein kritisches Nachdenken über "Gott", der schon seit Nietzsche entschwunden zu sein scheint, und die kapitalistische Welt, die ihn verschleppt hat. Und das tut sie auf packende Weise, mit beeindruckenden Bildern, einer eigenartigen musikalischen Unterlegung und hervorragender Schauspielerei. Die Serie ist daher ein unvergessliches Meisterwerk der Gegenwartskunst.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

"Tote Arbeit", die tötet (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 3)

"Am 29. August 1997 endeten drei Milliarden Leben. Die Überlebenden des nuklearen Feuers nannten den Krieg den Tag des jüngsten Gerichts. Sie überlebten nur, um sich einem neuen Alptraum gegenüberzustehen: dem Krieg gegen die Maschinen."

Ein unkontrollierbares System


Der Rückständigkeit sei dank hat sich dieses Schreckensszenario im Action-Film "Terminator 2" bisher nicht bewahrheitet. Die Bedrohungen der Menschheit durch unkontrollierbare Technologien bestehen aber noch immer und werden sogar Jahr für Jahr gefährlicher. Denn der Kapitalismus konnte bisher keine Lösung für die größten gesellschaftlichen Probleme bieten.

Wie denn auch? Ist doch der Kapitalismus die Wurzel aller Probleme in der heutigen Klassengesellschaft. Er kann diese Probleme bisher nicht lösen. Der Kapitalismus vertieft diese sogar, weil er ein uneinheitliches, unberechenbares und unkontrollierbares System darstellt. Dieses System übernimmt im Gegenteil mehr und mehr die Kontrolle, über uns, unser Leben, unsere Arbeit, unser Denken. Kapitalismus ist das Brot und die Religion der heutigen Menschen.

Der Kapitalismus ist ein System, worin ein abstraktes, absurdes und amoralisches Prinzip das konkrete, sinnerfüllte und moralische Leben der Menschen beherrscht. Dieses Prinzip kann man das Prinzip des wirtschaftlichen Gewinns oder der Profitmaximierung nennen.

Der Gewinn als Prinzip der Wirtschaft ist eine fremde Macht gegenüber der Gesellschaft. Die Menschen bestimmen nicht mehr bewusst, wie sie ihre Gesellschaft haben wollen, sondern erliegen ihrem eigenen System. Dieses Prinzip leitet alle gesellschaftlichen Bereiche. Deswegen investieren die Kapitalisten immer weiter in ihre Unternehmen, kürzen Löhne, verpesten die Umwelt, führen Kriege und gründen oder zerstören ganze Staaten. Deswegen wird produziert, gewirtschaftet, kooperiert und konkurriert. Deswegen werden Politik, Wissenschaft, Religion und Kunst betrieben. Marx nennt dieses Prinzip auch die "Selbstverwertung des Werts" oder "Akkumulation um der Akkumulation willen", um den Automatismus dieses Prinzips zu betonen. Nicht mehr Menschen entscheiden für sich. An sich entscheidet dieses Prinzip für sie.

Ohne die Akkumulation von Geld, die zu mehr Geldakkumulation zwingt, würde ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus zusammenbrechen. Deswegen beugen sich ganze Staaten und sogar die freidenkenden Wissenschaftler und Künstler letztlich der Geldmacherei. Das ist die Expansion des Kapitals in alle gesellschaftlichen Bereiche. Diese Expansion prägt nicht zuletzt auch den zentralen Bereich des Arbeitslebens. Sie macht aus den Produkten und Waren der Menschen "tote Arbeit", die letztlich sogar tötet.

Lebendige und tote Arbeit

Dylan A.T. Miner, Damos Gracias (Wal-Muerto), 
2007, relief print on recycled grocery bag. 
(Image courtesy of the artist.)

Das Arbeitsleben der meisten Menschen dominiert ihre anderen Lebensbereiche. Für die meisten Menschen
ist ihre Arbeit zwar eine trostlose, geistlose und perspektivlose Angelegenheit. Die arbeitenden Menschen unter uns stumpfen beim karrieristischen Spießrutenlauf entsprechend ab. Aber sie erhoffen sich dennoch eine lebendiges und anregende Perspektive fürs Leben. Die Arbeit kann sie ihnen aber oft nicht bieten.

Ihr Glück suchen sie daher meist mit größerem Erfolg in der Freizeit. Auch wenn sie das nicht davor schützt, zu Zombies zu mutieren, die ihr Leben lang unreflektiert durch die Welt schleichen, ist die Freizeit vieler Menschen der Beweis dafür, dass sie irgendwie doch lebendig sind. Das könnte man bezweifeln, wenn man ihre untoten Gesichter morgens um halb acht in der Bahn erinnert, aber glaubt mir ruhig, dass diese Leute wie sämtliche Menschen lebendige Arbeit verrichten.

Das Cover für das Album 
"Living For Dead Labor" 
Arbeit wird sogar und gerade von diesen gelangweilten Wochenendexistenzen als totlangweilige Pflicht begriffen. Deswegen sehen ihre Gesichter so emotions- und geistlos aus. Deswegen ist dieses Leben für sie ein abstraktes, sinnentleertes und letztlich unmoralisches Dasein. Es ändert jedoch nichts daran, dass sogar die geistlos wirkenden Menschen oft quicklebendige Liebhaber und clamheimliche Philosophen sind. Und das ändert nichts daran, dass Arbeit immer "lebendige Arbeit" ist.

"Lebendige Arbeit" macht als Begriff nur Sinn, wenn sie als Gegensatz zu etwas begriffen wird. Der Gegensatz zur lebendigen Arbeit ist die "tote Arbeit". Auf kulturkritik.net gibt es einen Artikel, der den Begriff erklärt:

"Mit dem Begriff 'Tote Arbeit' soll dargestellt sein, dass es ein Produkt der Arbeit gibt, welches alles Leben verlassen hat, welches als tote Macht über das Leben der Menschen herrscht. Hierin fällt die wertmäßige Repräsentanz der Arbeitsproduktivität als Geldbesitz zusammen mit der politischen Allgemeinheit eines entäußerten Willens als immanentes Sollen des Wertwachstums, das sich vom Wirtschaftswachstum und seiner natürlichen Geschichte, der Geschichte der Produktivkraft der Arbeit gelöst hat, letztlich gegen das Leben, gegen die Bedürfnisse von Mensch und Natur richtet. Diese Identität drückt der Begriff von toter Arbeit aus: In ihr gibt es nichts Lebendes, sondern alleine fremde Macht, eines Verwertungstriebs, der eine wirklich fremde Kraft hat."

Im Grunde ist das nur ein Verweis auf Marx, der den Begriff geprägt hat. In seinem Meisterwerk, Das Kapital, schreibt er über die "tote Arbeit":

"Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt."

Die "verstorbne Arbeit" wird also bestimmender und bestimmt schließlich für die Menschen an sich. Für sich selbst verlieren die Meschen das Selbstbewusstsein und die Selbstkontrolle. Sie geben es ab an den blinden Willen ihres eigenen Produkts und ihrer eigenen Verhältnisse. Bei Marx wurde auch dieser Prozess schon erwähnt. Laut Marx können die Verhältnisse, in denen die Menschen produzieren, ab einem gewissen Punkt über ihren Kopf wachsen und "von ihrem Willen" unabhängig werden:

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen."

Die "tote Arbeit" macht sich somit von der lebendigen Arbeit unabhängig und gewinnt eine eigene Automatik und Logik. Auf katy-teubner.de gibt es eine für uns hier nützliche Darstellung des Gegensatzes von lebendiger und toter Arbeit. Das System toter Arbeit übernimmt demnach die Kontrolle über die lebendige Arbeit:

"Die lebendige Arbeit, der Arbeitsprozess, steht der Übermacht der toten Arbeit (Maschinen, das gesellschaftliche Produktionsverhältnis, Geld, der Staat) gegenüber. Spezifisch tritt die lebendige Arbeit in kurzen Zeitabschnitten hervor (aktives Berufsleben), im Gegensatz zu der toten Arbeit mit langen Perioden (eine Maschine kann durchaus mehrere Generationen 'überleben'). Die Masse der toten Arbeit ist in derUnterdrückerklasse, die die einseitige Arbeit verrichtet (funktionieren wie eine Maschine, s.o.). Allerdings kann sich keine Klasse als Besitzer der toten Arbeit bezeichnen. Es findet ein permanenter Kampf um Anteilhabe an der toten Arbeit statt. Er äußert sich beispielsweise in Streiks. Dann findet eine zeitliche Trennung zwischen den beiden Arbeitsarten statt, denn ohne tote Arbeit für sich allein produziert nicht (sonst wäre eine Maschine ein „Perpetuum mobile“). Der Widerspruch ergibt sich nun darin, dass durch die unterschiedlichen Produktionszeiten die Wechselbeziehung zwischen der lebendigen und toten Arbeit für den Einzelnen nicht erfahrbar ist und somit der politische Anspruch der Ökonomie der Arbeitskraft nicht gegeben ist (s.o.). Dieser Widerspruch betrifft das gesamte politische Grundverhältnis einer Gesellschaft."

Der Kampf gegen die "tote Arbeit"


Tote Arbeit ist demnach etwas, "das keinen Sinn hat, aber alles bestimmt, was Sinn macht." Tote Arbeit sei die "Grundlage für den bürgerlichen Staat und die bürgerliche Kultur". Bürgerlicher Staat und bürgerliche Kultur machen Sinn, aber sie sind da für die Profitmaxierung, die keinen Sinn macht. Sogar das Rationale wird von diesem irrationalen Prinzip beherrscht. Auch "Vernunft" und Wissenschaft unterwerfen sich ihm. Der Widerspruch zwischen sinnvollen bürgerlichen Errungenschaften und dem sinnlosen kapitalistischen Prinzip wird so immer krasser.

Und dieser Widerspruch ist grenzenlos, solange es den Kapitalismus als globales System gibt. Die tote Arbeit bemächtigt sich immer mehr unseres Lebens. Wir werden von unserem eigens produzierten Gegenstand zum bloßen Gegenstand degradiert. Die kapitalistische Maschinerie macht uns zu Maschinen. Maschinen kennen keine Moral, keine Solidarität und keine Leidenschaft. Sie werden programmiert und führen bis zu ihrer Verschrottung widerstandslos Befehle aus. Dieser Horrorzukunft nähern wir uns in großen Schritten an. 

Allerdings gibt es noch immer einen Kampf zwischen den beiden Prinzipien, zwischen Leben und Tod. Es kommt zu Widerstand gegen die tote Arbeit. Die Sache ist noch nicht entschieden. Die Zuspitzung der internationalen Konkurrenz führt weiterhin zu Verelendung und Ohnmacht auf der einen Seite und zu mehr Reichtum und Macht auf der anderen Seite. Die leidenden Massen der Bevölkerung wehren sich zwar in regelmäßig ausbrechenden Massenbewegungen und -protesten. Aber bisher wurden revolutionäre Erhebungen immer wieder von der Staatsmacht unterdrückt. Die Technik ist dabei nur ein Mittel im Kampf dieser beiden Seiten.

Wissenschaft und Technik sind im Kapitalismus einerseits dem Bewusstsein und Interesse der Herrschenden unterworfen und damit teils steuerbar. Andererseits sind sie der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Aber weder der Staat noch der Markt können die Technik kontrollieren.

Die Technik droht vielmehr, sich zu verselbständigen, da das Resultat am Ende offen ist. Wir wissen nicht, ob es einen Atomkrieg geben wird, ob die Killermaschinen der Zukunft sich gegen die gesamte Menschheit wenden oder ob die Gentechnik die Menschheit auslöschen wird. Was wir aber jetzt schon wissen können ist, dass die Technik den Herrschenden dient.

Und wir können ahnen, dass diese unkontrollierte Technokratie einer demokratischen Kontrolle durch die ganze Gesellschaft bedarf. Eine solche demokratisch kontrollierte Technik könnte allen Menschen dienen. Dafür brauchen wir aber eine Demokratisierung von Staat und Wirtschaft, die den Kern unseres Systems in Frage stellen würde, das kapitalistische Prinzip und die tote Arbeit als Herr der Welt.

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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Das Joch der Vernunft in Evgenij Zamjatins „Wir“ (Serie: Gefahren der technokratischen Revolution, Teil 2)



Dieser Essay befasst sich mit dem Begriff der "Vernunft" im dystopischen Roman Wir von Evgenij Zamjatin.

Instrumentelle Vernunft



Die Idee der Vernunft besteht schon seit der Antike und wird noch heute diskutiert. Die Handhabung der Vernunft kann ganze philosophische Entwürfe, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft entscheidend beeinflussen. Aber sogar die Vernunft schwebt nicht im luftleeren Raum. Auch sie ist gebunden an ein Hirn und daher an menschliche Körper. Da die Körper an Gesellschaft und Gesellschaftsklassen gebunden sind, kann sie ein Mittel für den Fortschritt oder auch für den Rückschritt sein. Es kommt darauf an, wer sie unter welchen Umständen wie nutzt. Vernunft ist instrumentell, ein Instrument, um einen Willen durchzusetzen. Dabei muss nicht unbedingt das Beste oder etwas Gutes herauskommen. Es muss nicht einmal zu Fortschritt kommen. Vernunft kann reaktionären Interessen dienen. 

Der Prototyp der literarischen Dystopien des 20. Jahrhunderts


Zamjatins Roman wurde 1920, mitten in der russischen Revolution, fertiggestellt. Zamjatin war zu dieser Zeit selbst Kommunist. Allerdings ahnte er, wie sich die Zukunft der Staatsmacht entwickeln würde. Er nahm mit seinem Roman eine totale Klassenherrschaft vorweg, die mit dem Aufstieg des Stalinismus in Russland bald tatsächlich Realität zu werden schien. Auch der Faschismus und die heutigen Kontrollmechanismen durch den so genannten Verfassungsschutz in der BRD oder den FSB in Russland erinnern an das Szenario von Wir. Der Roman wurde zum Prototyp anderer Dystopien wie Schöne neue Welt oder 1984.

Der Roman spielt in der fernen Zukunft. Es gibt nur noch den "Einzigen Staat", die die zivilisierte Welt beherrscht. An ihrer Spitze steht der so genannte "Wohltäter", der die Vernunft verkörpert, mit der er die Untertanen durchsetzt. Alles Irrationale und Emotionale wird dagegen verdrängt. Die menschliche Gesellschaft soll kontrollier- und berechenbar sein. Dafür müssen individuelle Abweichungen minimiert werden. Die Menschen werden daher "vernünftig" normiert, sodass sie keine Individuen mehr sind. Sie haben auch keine Namen mehr, sondern nur noch Kennziffern. Da stört es auch nicht, dass sie durch die gläsernen Gebäude fast keine Privatsphäre mehr genießen können. Die Staatsideologie predigt das Glück durch die Regelung des gesellschaftlichen Lebens gemäß der Vernunft. Die Vernunft wird natürlich vom Staat definiert. Widersacher, die zu emotional sind, werden unterdrückt. Es gibt hinter der Grenzmauer des Staates zwar noch eine wilde, unzivilisierte Welt, aber die Bewohner dieser Welt erscheinen wie barbarische Terroristen, die die Regeln der Vernunft nicht einsehen.

Der Erzähler und Protagonist des Romans, D-503, ist ein Raketeningenieur, der die Mathematik und die Vernunft zu lieben scheint. In seinen Tagebucheinträgen wird die Handlung erzählt. Allerdings ist auch er nicht völlig rational und genormt, sodass er an seiner Ideologie zu zweifeln beginnt...

Das Joch der Vernunft und mathematisch-fehlerfreies Glück


Schon auf der ersten Seite von Wir fällt der behandelte Begriff. Der Erzähler zitiert die Staatszeitung: 

„Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten – vielleicht noch in dem unzivilisierten Zustand der Freiheit – leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, daß wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen.“ 

Damit wird ein wichtiger Aspekt der Vernunft erwähnt: ihr Zwangscharakter. Das „Joch der Vernunft“ erscheint als glückbringend und im Gegensatz zum „unzivilisierten Zustand der Freiheit“ zu stehen. Die Vernunft wird zur „Vernunft des Mechanischen“ reduziert. 

Damit wird im Verbund mit der Schilderung des mechanischen Ablaufs fast aller Geschehnisse, die vom „Einzigen Staat“ mathematisch genau für jeden Bürger geplant, durchgesetzt und kontrolliert werden, der Eindruck erweckt, die genaueste Planung der maschinengleichen Gesellschaft durch den „Einzigen Staat“ sei die Spitze der Vernunft. 

Als vernünftig erscheint es dann nicht bloß, sogar das sexuelle und emotionale Leben aller Bürger dem Staat zu unterwerfen und diesen zum Gott zu erheben. Ebenso vernünftig scheint es, sich als Bürger dem staatlich verordneten Todesurteil widerstandslos zu beugen.

Die aus dem 20. Jahrhundert stammende Betriebsführung mit wissenschaftlichem Anspruch nach F. W. Taylor, die das Ziel verfolgt, betriebliche Abläufe durch immer striktere Trennung von Führung und Arbeitern, präzisere Vorgaben und weitergehende Arbeitsteilung dem Produktionsoptimum anzunähern, wird vom Protagonisten als geniale prophetische Leistung verehrt. Taylors Methode werde vom „Einzigen Staat“ auf die gesamte Gesellschaft übertragen und vervollkommnet, so der Erzähler.

„Das einzige Mittel, den Menschen vor dem Verbrechen zu bewahren, ist, ihn vor der Freiheit zu bewahren“,

formuliert er. Da die Freiheit effektiv vom „Einzigen Staat“ verhindert wird, scheint es daher nahe zu liegen, dem Staat ganz nach tayloristischer Wissenschaft alle Gewalt zu überlassen, um Freiheit und verbrecherische Anomalie aller Bürger zu verhindern.

Doch der Roman stellt nicht nur diese Seite der Vernunft dar. Im Rahmen der „krankhaften“ Entstehung einer "Seele" im Protagonisten und seiner Bekanntschaft mit revoltierenden Barbaren beginnt der Erzähler, an dem Staat und seinen Vorgaben zu zweifeln. So schreibt er: 

„Vielleicht gibt es aber im Leben weder Schwarz noch Weiß, vielleicht hängt die Farbe nur von dem logischen Grundsatz ab, von dem man ausgeht.“, und „Ja, es ist Wahnsinn! Alle müssen den Verstand verlieren, alle, alle – so schnell wie möglich! Es muß sein, ich weiß es!“ 

Der Zweifel an der Allmacht der Vernunft entwickelt sich zur fundamentalen Kritik an den Lehren des „Einzigen Staates“. Die Vernunft könnte eine unvernünftige Quelle haben. Diese radikale Kritik wird zu radikaler Ablehnung. Der anarchische "Wahnsinn" wird der staatlichen "Vernunft" gegenüber bevorzugt. Sogar der totale "Einzige Staat" kann die individuelle Natur der Menschen nicht beseitigen.

Schließlich zeigt sich sogar an einer Aussage des faktischen Diktators im „Einzigen Staat“, dass er eine völlig verdrehte Logik vertritt: 

„Die wahre Liebe zur Menschheit ist unmenschlich, und das Kennzeichen der Wahrheit ist ihre Grausamkeit!“ 

Betrachtet man die Vorgehensweise des Staates genauer, fällt auf, dass dieser durch eine Reihe von Zirkelschlüssen zu seiner Definitionsmacht gelangt sein muss. Er erkennt in sich einen Gott, der eine unfehlbare Vernunft und die Logik vertritt, welche zugleich Naturgesetzen gleichkommen. Diese kennt aber nur der Staat genauestens, sodass nur ihm totale Autorität zusteht. Die Autorität des Staates kommt von der Logik, diese wird aber nur durch den Staat autorisiert. 

Woher aber der Staat den Zugang zur privilegierten Erkenntnis hat, wird nicht geklärt. Letztlich wird offenbar, dass der Staat die "Vernunft" einzig Kraft seiner Gewalt definieren kann. Damit zeigt sich, dass der „Einzige Staat“ nicht auf Vernunft aufgebaut ist, sondern auf irrationalem Glauben.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gott und die Welt - eine Filmkritik zu "The Sunset Limited"

"Also, was soll ich jetzt mit Ihnen machen, Professor?" Mit dieser Frage beginnt der grandiose Film The Sunset Limited von Tommy Lee Jones. "Warum wollen Sie überhaupt irgendwas machen?" erwidert der Professor auf die anfängliche Frage. Der ganze Film läuft im Grunde über 80 Minuten lang so ähnlich weiter. Die Handlung, die auf einem Stück von Cormac MacCarthy basiert, ist entsprechend einfach und doch komplex.

Es gibt nur zwei Figuren, den Professor (Tommy Lee Jones) und seinen Retter (Samuel L. Jackson). Sie diskutieren die ganze Zeit über "Gott und die Welt". Denn der Professor wollte sich vor die "Sunset Limited", eine Bahn in Los Angeles, stürzen. In der Stadt der Engel wird er aber passender Weise von einem Schutzengel gerettet, einem schwarzen Ex-Knacki. Der Professor lässt sich in der Wohnung seines Retters auf eine tiefgehende Diskussion ein. Damit wird dem Zuschauer ein großartiges Panorama von Glaubens- und Wissensfragen dargeboten, das seines Gleichen sucht.


Unversöhnliche Gegensätze


Der gläubige Ex-Knacki ist empört über den gotteslästerlichen Selbstmordversuch des Professors. "Verdammt, Professor. Kein Glaube?" Um ihn von weiteren Selbstmordversuchen abzuhalten, fängt er an, dem Professor Moral einzuimpfen: 

"Die Person stand da. Ich hätte ihr jetzt in die Augen sehen können und ihr sagen, dass Sie nicht wie mein Bruder aussieht. Aber da stand sie. Da konnte ich nicht einfach wegsehen."

Der  unglückliche Professor antwortet halb-zynisch und halb-tugendhaft:

"Menschen, die auf Wildfremde aufpassen, sind ganz oft Menschen, die nicht auf die achten, auf die sie achten sollten. Meine Meinung ist: Wenn Sie nur das tun, was Sie tun sollen, können Sie nie ein Held werden."

Der schwarze Schutzengel erkennt also einen Funken Hoffnung in seinem verzweifelten Gegenüber. Durch Rhetorik und Dialog will er diesen Funken entzünden. Der Professor geht darauf ein und erklärt den Grund für seine Verzweiflung. Die heutige Welt ist für den Professor eine "moralische Lepra-Kolonie", in der auch der letzte Rest an Moral Stück für Stück auseinander fällt. Es ist ein schrecklicher Ort und das Leben ist nicht lebenswert. "Diese Menschen sind es nicht wert, gerettet zu werden", sagt er zynisch. Man kann sich seinen Weltschmerz vorstellen als er die folgenden Sätze ausspricht:

"Die Menschen haben die Wertschätzung aufgegeben. Ich habe sie auch aufgegeben... Diese Welt ist schon zum größten Teil untergegangen. Sie wird bald ganz verschwunden sein... Die Dinge, die ich liebte, waren sehr zart. Sehr zerbrechlich. Ich dachte, sie wären unzerstörbar. Doch das waren sie nicht."

Sein tiefgläubiger Schutzengel lässt sich davon nicht beeindrucken. Denn in seinem abgefahrenen Leben hat er trotz aller Sünden und Leidensgeschichten zu Gott gefunden. Im Grunde beichtet er dem Professor im Folgenden seine Verbrechen. Es ist zugleich ein Bekenntnis zu Gott und zur Heiligkeit des Lebens. Eine Knastgeschichte, die er dem Professor rasend und schreiend wiedergibt, dürfte jeden Zuschauer beeindrucken. Als reuiger Ex-Knacki hat er natürlich einige solcher Knastgeschichten auf Lager. Die Attacke eines anderen Häftlings hatte er äußerst brutal beantwortet. Der Professor fragt: "Ist der Mann gestorben?" Und die Antwort gruselt:

"Nein. Ist er nicht. Alle haben überlebt. Sie dachten, er wäre tot, aber das war er nicht. Bloß danach war er nicht mehr ganz richtig. Das heißt, der hat mir keinen Ärger mehr gemacht. Er lief dann rum, Kopf auf der Seite. Er hat ein Auge verloren. Der Arm hing runter, konnte nicht mehr richtig sprechen, wurde verlegt in 'ne andere Einrichtung."

Diese Killermaschine hat dennoch zu Gott gefunden. Nach dem Vorfall hörte er eine Stimme, die ihn ermahnte und auf den richtigen Weg brachte. Es mag ein Engel gewesen sein. Vielleicht hat er auch nur halluziniert. Jedenfalls wurde er gläubig. Den Professor lässt das kalt. Er weist darauf hin, dass der brutale Häftling erst durch die übelste Gewalt gehen musste, um zu Gott zu finden.

Abgesehen von der Theodizee-Debatte, in der sich die beiden Kontrahenten immer wieder gegenseitig übertreffen, diskutieren sie noch etliche andere Fragen. Sie diskutieren über Schmerz, Liebe, Glück und Unglück, Gut und Böse, Zweifel und Glauben, Kultur und Zivilisation, die antisemitischen Deutschen, den Holocaust, die Juden, Arm und Reich, die Erbsünde, Ketzerei, den Geschlechterkampf  usw. Das Gespräch scheint im Grunde ein Aufeinanderprallen von unversöhnlichen Gegensätzen zu sein. Alle diese Fragen führen aber immer wieder zum Kern der Geschichte. Das Gespräch ist eine Predigt.

Die Dialektik der Predigt


Das Gespräch verwandelt sich immer mehr in eine "Dialektik der Predigt", wie der Professor es ausdrückt. Beide Seiten wollen einander überzeugen von ihrem Standpunkt. Es sind Gegensätze, die von einander nicht loslassen können und sich dennoch streiten. Es ist fast wie eine typische Ehe. Das ist Dialektik.

Die Idee der Predigt wird ausgeführt. "Predigen ist für die Lebenden", sagt der Professor. Aber wo sind die Lebenden in dieser Welt? Sind die Menschen nicht schon lange lebende Tote, hirnlose Untote, blutrünstige Zombies geworden? Genau diese Frage stellt sich der Professor.

Er glaubt, dass die Untoten bereits herrschen, dass es keine Hoffnung mehr gibt, dass es keinen Fortschritt mehr geben kann. Deswegen beleidigt er sein Gegenüber auch mehrfach. Der jedoch hat als Ex-Knacki ein dickes Fell. Er verzweifelt nicht aufgrund von Zweifelei und leidet nicht unter Beleidigungen. Er akzeptiert die Sündhaftigkeit der Welt. Dadurch ist er mit sich und der Welt im Reinen.

Die Dialektik im Film geht noch tiefer. Tommy Lee Jones ist weiß. Samuel L. Jackson ist schwarz. Und wie schwarz er ist! Das ist kein Zufall, denn damit wird der Gegensatz zweier Menschen, die nicht mehr die jüngsten und männlich sind, bildlicher und nachvollziehbarer.

Tommy L. spielt den weißen Professor aus der besitzenden Mittelschicht. Samuel L. spielt den schwarzen Ex-Knacki aus der besitzlosen Unterschicht. Der Professor ist hochgebildet, aber ein verzweifelter Zweifler. Der Ex-Knacki dagegen ist kein Intellektueller, aber ein geläuterter, glaubender Mensch. Der besitzende Intellektuelle ist depressiv und schätzt seinen Besitz und seine Bildung nicht mehr. Der geläuterte Ex-Knacki ist vielleicht nicht unbedingt glücklich, aber er genießt das Leben und beweist großartigen Humor.

Der intellektuelle Atheist vertritt eine zutiefst kulturpessimistische Position. Er glaubt im Grunde mit Nietzsche, Gott sei tot und die Welt müsse untergehen. Und er kann Gottes Tod nicht bewältigen. Der weise Christ vertritt dagegen eine zutiefst optimistische Position. Er glaubt an Gott, den Menschen und die Zukunft.

Unüberwindbare Gegensätze?


Deswegen ist der Humanist sogar von diesem deprimierenden Zyniker beeindruckt: "Ach, Professor, Sie sind ein unglaublicher Mann!" Sicherlich kann man den Satz auch als Vorwurf eines Gläubigen gegen einen ungläubigen Mann verstehen. Jedenfalls werden uns im Verlauf des Films beide Figuren sympathisch.

Sowohl der deprimierte Atheist wie auch der gläubige Optimist sind Charaktere, die wir lieb gewinnen, weil sie so typisch menschlich sind. Zugleich erscheinen die beiden Seiten wie unversöhnliche Gegensätze, die sich einander annähern, aber nie so recht zusammenfinden können. Denn zwischen der christlichen Utopie des Einen und der Dystopie des Anderen liegt eine unfassbar tiefe Kluft. Der Professor erklärt zuletzt seine scheußliche Sicht auf die Welt, die sogar unseren Prediger beleidigt und quält:
"Ich sage, dass die Welt im Grunde ein Zwangsarbeitslager ist, aus dem jeden Tag Arbeiter völlig unschuldig per Zufall herausgeführt und hingerichtet werden. Ich glaube nicht, dass das nur meine Einschätzung ist, sondern dass es tatsächlich so ist. Gibt es alternative Sichtweisen? Ja. Hält eine von denen einer gründlichen Untersuchung stand? Nein."

Die Frage ist, ob die ferne Utopie und die reale Dystopie wirklich so weit auseinander liegen. Um das zu klären, habe ich den Film innerhalb weniger Tage ein halbes Dutzend Mal durchgesehen. Wenn das kein packender Film ist! Ich frage mich, ob die Gegensätze nicht auflösbar sind in einem kategorischen Imperativ, der nicht bloß moralisch ist, nicht bloße Idee bleibt, sondern die Idee zur Wirklichkeit macht. Können die zwei scheinbar unversöhnlichen Gegensätze nicht aufgelöst werden, wenn sich die Welt ändert?

Infos


The Sunset Limited auf IMDB.

Ein Trailer auf IMDB.

Eine Filmkritik auf nytimes.com


Dienstag, 17. Dezember 2013

Dostojewskis Dämonen

Fjodor Dostojewski
Die Dämonen
Anaconda Verlag
Neuauflage Köln 2012
928 Seiten
9,95 Euro
Ein Buch, das jeder lesen sollte? Die Dämonen des russischen Schriftstellers Dostojewski! Der Romantitel verweist auf die biblisch inspirierte Handlung: Das altersschwache Mütterchen Russland des 19. Jahrhunderts wird von "Dämonen" heimgesucht. Verkörpert werden diese bösen Geister durch einen sektiererischen Zirkel von Studenten im sakrosankten Petersburg. Deren Ziel scheint zunächst die Umwälzung Russlands mit verworrenen utopischen Vorstellungen zu sein. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die Studenten vor allem nihilistische Terroristen sind, die nichts als Chaos und Unheil über die sowieso schon geplagten und verzweifelten Russen bringen wollen.

Im Unglauben sah Dostojewski den Grund für den elenden Zustand des russischen Volkes. Der Autor wollte den Roman zur Sirene gegen die lauter werdenden revolutionären Ideen im orthodoxen Russland machen. Deswegen lässt er die Figuren über "Gott und die Welt" (das Hauptmotiv bei Dostojewski) diskutieren, wobei christliche Erlösungsutopien mit faschistoiden Wahnvorstellungen und Forderungen nach Menschenrechten gegeneinander antreten – wie bei bisweilen absurden Diskussionen in heutigen WG-Küchen! Aus den ideologischen Differenzen erwächst ein Komplott gegen einen abtrünnigen Studenten, was zu (Selbst-)Mord und Totschlag ausufert.

In einer Szene planen die Studenten den Aufstand: "Wir werden, sag’ ich Ihnen, einen Aufruhr zustande bringen, dass alles aus den Fugen geht", sagt der zynische Antiheld Werchowenskij. Sein Mitverschwörer Stawrogin beklagt, heutzutage gäbe es furchtbar wenige "selbständig denkende Köpfe" – und folgert daraus, es reichten schon diese beiden für den nötigen Umsturz.

Werchowenskij verkörpert den Alptraum der Besitzenden: "Kaum ist Familie oder Liebe da, so stellt sich auch schon der Wunsch nach Eigentum ein." Dieser Individualismus müsse ausgemerzt werden: "Alles wird auf einen Nenner gebracht, um der vollständigen Gleichheit willen." Indem die Verschwörer "unmittelbar ins Volk" eindringen und ihr dämonisches Gedankengut umsetzen, soll alles Heilige in Russland (Familie, Liebe, Individualität, Eigentum) dem Erdboden gleichgemacht werden.

Obwohl Dostojewski solchermaßen versucht, die radikale Jugend in Russland zu verunglimpfen, gelingt es ihm nicht wirklich. Denn das extreme Abgleiten der "Revolutionäre" in Menschenhass wirkt unglaubwürdig. Man ist zwar entsetzt, wenn die Abgründe ihrer dämonischen Seelen beleuchtet werden, aber man fühlt mit, sobald ihre innere Zermürbung offenbar wird. Es sind Männer und Frauen, die verzweifelt einen Ausweg aus der Misere suchen. Das macht sie sympathisch.

Ironischerweise schafft der Autor es also nicht, die Antihelden seines Buches völlig unmenschlich zu gestalten. Das liegt nicht an fehlendem Talent, sondern an der realistischen Darstellung der Figuren. Die künstlerisch-realistische Seite des Autors kämpft mit seiner antikommunistischen. Den größenwahnsinnigen Revoluzzer Werchowenskij lässt er offenbaren: "Ich bin doch ein Spitzbube, aber kein Sozialist, haha!"

Schließlich kann man den Roman als künstlerische Abbildung der damaligen Klassenkonflikte lesen. Und es drängt sich beim Lesen der Verdacht auf, dass die Erlösung des russischen Volkes weder durch Dostojewskis Glauben noch durch Verschwörung, sondern nur durch die demokratische Lösung der sozialen Frage erfolgen kann. Die Dämonen ist so wider Willen ein Plädoyer für Demokratie und Sozialismus. Dostojewskis politische Vorurteile beeinträchtigen zwar teilweise sein künstlerisches Werk, aber dieser Roman ist ein ebenso schönes wie sozialkritisches Meisterwerk, das Sozialisten und sozial gesinnte Menschen kennen sollten.