Sonntag, 7. Dezember 2014

Edoardo Sanguineti: "Man muss den Klassenhass wiederherstellen"

Man muss den Klassenhass wiederherstellen. Sie hassen uns, wir müssen das erwidern. Sie sind die Kapitalisten, wir sind die Proletarier der heutigen Welt: nicht mehr die Fabrikarbeiter von Marx oder Maos Bauern, sondern "all jene, die für einen Kapitalisten arbeiten, die in irgend einer Weise einem Kapitalisten unterstehen, der ihre Arbeit ausbeutet". Ein Punkt liegt mir am Herzen. Ich sehe, dass heute darauf verzichtet wird, über das Proletariat zu reden. Im Gegensatz dazu glaube ich, dass es keinen Grund gibt, sich für ein erneutes Aufwerfen dieser Frage zu schämen.

Das pfeifen die Spatzen vom Dach: das Proletariat existiert. Es ist ein Missstand, dass das Klassenbewusstsein den Rechten überlassen wird, während die Linke sich schrittweise entproletarisiert. Man muss hingegen den Klassenhass wiederherstellen, denn sie hassen uns, und wir müssen das erwidern. Sie betreiben Klassenkampf. Warum sollten die Arbeitenden ihn nicht betreiben - ausgerechnet in einer Phase, in der der Mensch die am meisten entwertete und ausverkaufte Ware überhaupt ist?

Es ist wesentlich, das Klassenbewusstsein des heutigen Proletariats wiederzuerlangen. Es ist wichtig, die Existenz des Proletariats zu bekräftigen. Die Proletarier sind heutzutage sogar Ingenieure, Akademiker, prekär Beschäftigte und Rentner.* Alsdann gibt es das Subproletariat, das existenzielle Probleme hat, und dem die Rechte mit Erfolg das Blaue vom Himmel verspricht.

Edoardo Sanguineti
Genua, Januar 2007
Quelle: contropiano.org

übersetzt von Alëša und AlexithymiaN

*In Italien sind Ingenieure und Akademiker typischer Weise schlechter bezahlt als in Deutschland.

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