Freitag, 22. November 2013

Das große Bild erkennen

Schöne Idee, wird aber nie funktionieren? Georg Lukács erklärt, warum so viele Menschen resignieren statt zu kämpfen. Diesem "gesunden Menschenverstand" hat sein Buch Geschichte und Klassenbewusstsein etwas entgegenzusetzen.

Als Volkskommissar der ungarischen Räterepublik erlebte der Philosoph Georg Lukács Revolution und Konterrevolution nach dem Ersten Weltkrieg hautnah mit. Seine theoretischen Schlussfolgerungen hielt er in dem Buch Geschichte und Klassenbewusstsein fest, das 1923 erstmals veröffentlicht wurde.

Die Essaysammlung hat die linke Debatte der letzten neunzig Jahre nachhaltig geprägt. Seither ist der Marxismus nicht mehr ohne Lukács zu denken.

Die Gedanken der Herrschenden

Im Jahr 2010 berichtete das Handelsblatt:
"Die Queen hatte bei einem Besuch der London School of Economics vor einigen Monaten die Ökonomen um Aufklärung gebeten, warum kaum ein Volkswirt die große Finanzkrise vorausgesehen habe. Viele von ihnen, so die Antwort der Forscher, hätten einzelne Krisenherde durchaus richtig erkannt und auch frühzeitig vor gefährlichen Ungleichgewichten in der Finanzindustrie gewarnt - aber kaum einer der Volkswirte sei in der Lage gewesen, die einzelnen Punkte zu verbinden, um so das große Bild zu erkennen."
Lukács hätte diese epochale Blamage nicht verwundert. Ein bekannter Ausspruch von Karl Marx hatte ihn inspiriert:
"Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden."
Lukács entwickelte Marxens Theorie weiter. Die Herrschenden sind im Kapitalismus die Kapitalisten, beziehungsweise das Bürgertum. Sie sind an der Sicherung ihrer Herrschaft und der Ausbeutung der Lohnarbeiter interessiert.

Aber die Kapitalisten konkurrieren untereinander auf Gedeih und Verderb um Profit. Lukács schloss daraus, dass sie "die kapitalistische Entwicklung stets vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten" betrachten, der von kurzsichtigem Profitstreben geprägt ist. Kein Wunder also, dass die heutigen bürgerlichen Ökonomen die Weltwirtschaftskrise nicht vorausgesehen haben und auch im Nachhinein nicht verstehen - von ihrem Klassenstandpunkt aus sind sie schlicht nicht dazu in der Lage, "das große Bild" zu erkennen.

Die Kritik der herrschenden Ideen ist zentral für Lukács. Als Revolutionär in Ungarn hatte er im Jahr 1919 miterlebt, wie die rechten Sozialdemokraten (ähnlich wie in Deutschland) die bürgerliche Ordnung stützten. Deshalb konnte sich die sozialistische Räterepublik nicht durchsetzen. Doch in Geschichte und Klassenbewusstsein geht es um mehr, als nur "Verrat!" zu schreien.

Lukács argumentiert, dass die Basis der Sozialdemokratie im Bewusstsein der Menschen zu finden sei. Die Stärke der Sozialdemokratie rührt daher, dass zentrale Elemente ihrer Politik Teils des Massenbewusstseins sind. Die Fixierung auf das Parlament und die Bereitschaft der meisten Menschen, politische Entscheidungen ihren parlamentarischen Stellvertretern zu überlassen, gehören unter kapitalistischen Bedingungen zum "gesunden Menschenverstand". Lukács stellt fest, dass das Verbleiben der Menschen "bei ihrem unklaren Klassenbewusstsein eine unumgängliche Voraussetzung des Bourgeoisregimes" ist. Wie aber kann die Macht der herrschenden Ideen aufgebrochen werden?

Selbstemanzipation der Arbeiterklasse

Hier setzt Lukács auf die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse. Deswegen hatte sein Buch großen Einfluss auf die "Neue Linke" von 1968. Denn deren Revolte richtete sich genauso wie Lukács gegen die fatalistische Interpretation des Marxismus bei Sozialdemokraten und Stalinisten, wonach die Entwicklung des Kapitalismus quasi unvermeidlich und ohne revolutionäre Aktion der Massen zu einer besseren "sozialistischen" Gesellschaft führe. Im kapitalistischen Alltag gäbe es überhaupt keine Garantie für eine Entwicklung von Klassenbewusstsein und das Ausbrechen der Revolution, warnt hingegen Lukács. 

Darum ist für ihn die Parteiorganisation von zentraler Bedeutung. An diesem Punkt argumentiert Lukács im Buch jedoch teilweise schwach, denn in seiner Parteitheorie kam er dem späteren stalinistischen Slogan "Die Partei hat immer Recht" gefährlich nahe. Er identifizierte nämlich die kommunistische Partei mit dem sicheren Garanten der Revolution. Jedoch revidierte er diesen Standpunkt schon bald und wehrte sich jahrzehntelang gegen eine Neuauflage seines Buches. 

Lukács und Lenins Parteitheorie

Die Lektüre der Schriften Lenins veranlasste Lukács zu einer weit reichenden Selbstkritik. Er schrieb später, dass Lenin durch seine materialistische Analyse der Realität zu einer reifen Parteitheorie gekommen sei, während in Lukács eigener, von idealistischem Wunschdenken geprägten Theorie unklar geblieben sei, wie die Partei "das große Bild" der Strategie für die Revolution erkennen soll.

Die revolutionäre Partei ist auch bei Lenin die wichtigste Organisation, um die Verwirrung und Zersplitterung der Arbeiterklasse zu überwinden. In ihr kommen die Revolutionäre zusammen, um theoretische Reife und effektives Handeln der radikalsten und entschlossensten Arbeiterinnen und Arbeiter zu erreichen. Aber für Lenin, wie für den an Lenins Denken geschulten Georg Lukács ab 1924, war das keine Selbstverständlichkeit, sondern das Resultat von harten politischen und ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung und speziell auch innerhalb der Partei selbst.

Erst in diesen Auseinandersetzungen entwickelt sich ein Verständnis der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen und erst so kann sich ein differenzierter Standpunkt im Interesse der Mehrheit der Menschen herausbilden. Auf diesem Weg wird die Partei zu der Organisation, die entschieden und fähig ist, eine erfolgreiche Revolution zu beginnen. 

Spannend ist, dass Lukács Lenins Auffassung auch dann noch verteidigte, als er im ungarischen Volksaufstand des Jahres 1956 auf Seiten der Arbeiterschaft gegen den Stalinismus aufbegehrte. Das zeigt auch den Unterschied zwischen Leninscher und Stalinscher Parteitheorie. Die erste ist radikaldemokratisch und baut auf dem proletarischen Standpunkt auf. Letztere ist die Theorie einer bürokratischen herrschenden Klasse, die die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse mit allen Mitteln verhindert hat.

Lukács ist trotz seiner idealistischen Tendenzen zu Recht ein Klassiker der marxistischen Ideologiekritik und gerade angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise immer noch aktuell.

Donnerstag, 21. November 2013

"Man muss stark sein" - eine Rezension zu "Captain Phillips"

Das moralische US-Bürgertum


"Captain Phillips" handelt nicht von Captain Phillips. Der Titel trügt. Der Film beginnt zwar so als wäre der Captain der Held des Films und in der ersten halben Stunde wirkt es noch immer so. Aber das ändert sich bald und es wird klar, dass der Captain in der Handlung des Films nur eine Nebenfigur ist. Der eigentliche Held des Films ist das US-Bürgertum.

Was ist die Handlung des Films? Richard Phillips, ein irischstämmiger Amerikaner und braver Kapitän, muss einen Frachter mit Rohstoffen und weiteren Produkten nach Somalia bringen. Es kommt, wie es kommen musste. Eine Gruppe somalischer Piraten versucht, das Schiff zu kapern, um damit für sich und ihre ominösen Bosse den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die Piraten stoßen auf den entschiedenen Widerstand der Schiffscrew von Captain Phillips und auf die überlegene staatliche Gewalt der weisen USA.

Gleich am Anfang des Films wird die Moral des braven US-Bürgers von Captain Phillips ausgesprochen, während er sich mit seiner Frau über die Zukunft ihrer Kinder in der heutigen globalisierten Welt unterhält:

"Für unsere Kinder wird es nicht leicht. Die werden in einer anderen Welt leben als wir in ihrem Alter. Die beiden entwickeln sich super, aber es beunruhigt mich, dass Danny die Schule nicht ernst genug nimmt. Ich meine, wenn er den Unterricht schwänzt könnte ihm das, es könnte ihm doch noch schaden, wenn er einen Job sucht. Weißt du? Bei der Konkurrenz! Als ich angefangen habe, konnte man es zum Kapitän schaffen, wenn man einfach fleißig seine Arbeit machte. Aber für die Jungs, die jetzt anfangen: Die Firmen wollen alles immer schneller und billiger. Fünfzig Typen streiten sich um jeden Job. Es ist nicht mehr wie früher. Es gibt einfach keinen Stillstand. Man muss stark sein, um da draußen zu überleben."

Die ganze Sprechweise von Phillips erscheint wie die eines schüchternen, ruhigen Bürgers, der seine Disziplin beherrscht, aber von der globalisierten Welt von heute ein wenig überfordert wird. Als er durch den Piratenangriff in die Rolle des Verteidigers seiner Crew gezwungen wird, zeigt sich, dass er durchaus ein "starker" Mann ist. Während er in Gefangenschaft gerät, hilft er seiner Crew mit allen gewaltfreien Mitteln, der Gewalt der Kriminellen zu entkommen. Letztlich wird er aber überwältigt und kann nur noch von der Streitmacht der USA gerettet werden. Der kleine Held wird damit zur Nebenfigur, die gegenüber dem amerikanischen Staat in den Hintergrund tritt. Sie repräsentiert die ganze Moral des Films und steht selten so erhaben da in einem Hollywood-Film. Ihre Widersacher, die kriminellen Globalisierungsverlierer, wirken hingegen wie ohne jede Moral.

Die kriminellen Globalisierungsverlierer


Die somalischen Piraten bleiben während der zweistündigen Handlung merkwürdig anonym. Sie werden zwar mit Namen genannt und aus der Nähe gezeigt. Aber der Zuschauer wird mit ihnen nie wirklich warm. Man erfährt nicht allzu viel über ihre Motive oder ihren Hintergrund. Allerdings gibt es einige Schlüsselszenen, in denen sie dem Zuschauer näher gebracht werden. An einer Stelle unterhält sich Captain Phillips mit einem der Entführer. Er versucht gar nicht, die Piraten zu verstehen, sondern stellt bloß die eigene Position dar:

"Wir hatten Nahrungsmittel für hungernde Afrikaner dabei. Auch für Somalia."
Sein Entführer wehrt sich mit einer Dritte-Welt-Kritik an der Globalisierung:

"Ja sicher. Reiche Länder helfen gern Somalia. Große Schiffe kommen in unser Meer. Nehmen alle Fische mit. Was sollen wir noch fangen?"

Offenbar waren die Piraten früher somalische Fischer. Der Fischgrund vor Somalia wurde von der westlichen Großfischerei ausgebeutet, womit den Fischern der Lebensunterhalt genommen war. Was ihnen übrig geblieben ist, ist offenbar die Piraterie. Die ungerechte Globalisierung produziert also das Übel der kriminell gewordenen Globalisierungsverlierer. Das wird im Film ganz deutlich. Die Piraterie ist der verzweifelte Protest der Dritten Welt.

Aber diese bietet den Piraten offenbar auch keinen Ausweg aus ihrer elenden Lage. Denn obwohl sie wöchentlich ein Schiff kapern und teilweise Millionen Dollar ergattern, kriegen sie davon offenbar so gut wie nichts. Das Beutegut muss an irgendwelche Bosse weitergeleitet werden, die nur an zwei oder drei Stellen kurz erwähnt werden. Die Bosse werden gewiss reich, während die Piraten selbst arme Teufel bleiben, die sich ausgerechnet mit einer Supermacht anlegen müssen.

Captain Phillips schlägt den Piraten mehrfach vor, eine Beute von 30.000 Dollar ohne weitere Konsequenzen mitzunehmen. Für somalische Verhältnisse ist das ein gewaltiges Vermögen. Aber die Piraten lehnen das mehrfach ab mit Verweis auf die zu kleine Summe und die Anforderungen ihrer Bosse.

Der Konflikt der altersweisen Supermacht mit den missgünstigen Globalisierungsverlierern


Natürlich werden sie dafür, dass sie das großzügige Angebot unseres braven Kapitäns ausschlagen von einer noch großzügigeren und größeren Gewalt konfrontiert. Die See-Streitkräfte der USA sollen den Konflikt lösen. Und wie sie ihn lösen!

Ganz anders als man die US-amerikanische Gewalt in Konflikten mit Vietnam, Afghanistan, Irak, Iran, Yugoslawien, Libyen, Syrien usw. kennt, tritt sie in diesem Film auf. In den genannten Konflikten ballern die US-Streitmächte wie wildgewordene Cowboys auf alles, was sich bewegt und massakrieren damit stets Unmengen an Zivilisten. Noch dazu foltern und misshandeln sie die Gegner. Die USA sind historisch gesehen wohl der aggressivste, brutalste und unmoralischste Staat der Weltgeschichte. Sie heucheln ein großes Interesse an Freiheit und Demokratie vor, während sie diese zwei Ideen sogar im eigenen Land den Bordstein beißen lassen.

In "Captain Phillips" erscheint die wild gewordene Supermacht jedoch wie der altersweise Sheriff der globalisierten Welt. Den Piraten wird mit großer Geduld und sehr verständnisvoll eine friedliche Lösung nach der anderen angeboten. Die Offiziere und Soldaten der Supermacht wirken durchgehend wie disziplinierte Diener ihres Staates und der ganzen Welt. Sie sind Verkörperungen eines höheren Prinzips, einer höheren Moral, die sich ihrer völligen Überlegenheit völlig bewusst ist. Die schlecht bewaffneten und durchaus unmoralischen Piraten der Dritten Welt treffen hier auf eine haushoch überlegene Militärmacht, die mit allen Mitteln für globales Recht und Ordnung eintritt. Dass die Piraten dabei nicht allzu gut wegkommen, sollte den Zuschauer nicht wundern.

Das wird dann auch von Captain Phillips, dem Vertreter des braven US-Bürgertums, am Ende des Films moralisch gerechtfertigt. Denn obwohl die Motivation und die naive Hoffnung der Piraten auf einen Ausweg aus ihrem Elend erwähnt werden, sind sie im Film letztlich doch nur Kriminelle, die es dem Rest der Welt nicht gönnen, von der Globalisierung profitiert zu haben. Gegen die zu Verbrechern gewordenen Fischer ruft der Captain protestierend aus: "Ihr seid keine einfachen Fischer!" Deren Schicksal ist damit besiegelt. Die weise Supermacht USA siegt daher natürlich. Sie setzt in der Handlung durch, was als Moral des Films und des US-Bürgertums gelten darf: "Man muss stark sein".

Dienstag, 19. November 2013

Einer, der durch Freiheitsliebe beeindruckte

Ganz zu Unrecht unbekannt


Dem 1995 verstorbenen Marxisten und humanistischen Aufklärer Leo Kofler ist ein Lesebuch gewidmet, das neidisch macht, dieser so integeren Persönlichkeit nie selbst begegnet zu sein.

Adorno, Horkheimer, Marcuse – das sind Namen westdeutscher Nachkriegslinker, die der linken Jugend noch zu Recht halbwegs geläufig sind. Fast ganz vergessen ist dagegen ganz zu Unrecht der Name Kofler.

Denn Leo Kofler (1907-1995) überragte solch bedeutende Intellektuelle nicht nur körperlich mindestens um einen Kopf, sondern auch intellektuell und politisch, und da mindestens um zwei Köpfe.


Ernst Bloch, der weltbekannte Philosoph des Prinzips Hoffnung, lobte an Kofler, er wende „das ganze detektorische Vermögen des Marxismus“ bei der Kritik des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts an. Der bedeutende Marxist Georg Lukacs, der zu Koflers Lehrern gehörte, lobte Kofler für seine Gegnerschaft Adorno gegenüber. Denn Adornos “Marxo-Nihilismus” habe den leidenschaftlichen Revolutionär Marx sozusagen zum toten Hund gemacht. 

Das Buch geht auf solche Freundschaften und Animositäten in zahlreichen Beiträgen ein. Die Beiträge kommen von Menschen, die Leo Kofler persönlich begegnet waren. In ihnen wird Koflers persönlicher und politischer Charakter sehr plastisch dargestellt: ein prinzipientreuer und eigensinniger Marxist und Humanist.

Eingeleitet wird das Lesebuch durch die Herausgeber Jakomeit, Jünke und Zolper, die in ihrem Vorwort erklären, wieso Kofler heute noch so wenig bekannt ist:
"Wer in Zeiten repressiver Toleranz überall aneckt, weder über eine institutionelle Hausmacht noch einen politisch-theoretischen Zusammenhang verfügt, über den wird auch nicht diskutiert."

Aber so war er eben: unbeugsam


Kofler war ein marxistischer Einzelgänger wie kein zweiter, der nicht nur durch seine intellektuelle (und physische) Größe, sondern auch seine moralische Unbeugsamkeit beeindruckte. Wolfgang Abendroth lobt Kofler in einem Beitrag dafür, dass er seine konsequent sozialistische Kritik immer freimütig äußerte, egal wen er vor sich hatte. Nachdem Koflers jüdische Familie den Nazis zum Opfer gefallen war und Kofler nach seiner Flucht aus Österreich einige Jahre im Schweizer Exil verbracht hatte, bereitete er den Stalinisten der DDR ab 1947 Kopfschmerzen.

Sein Marxismus war geprägt vom sozialdemokratisch regierten “Roten Wien” und dem undogmatischen Marxisten Max Adler. Kofler hoffte damals noch ganz naiv, dass die DDR eine humanistische Alternative bieten würde. Dort wurde er dann auch Professor. Schnell wurde er für seine inhaltlich und rhetorisch glänzenden Vorlesungen bekannt. Zugleich kritisierte er den Dogmatismus der SED-Bürokratie. Alfred Kosing, ein damaliger Genosse, schreibt:
"Jedenfalls brachte seine Kritik Kofler die schwerwiegende Beschuldigung des Trotzkismus ein, was in jener Zeit ein politisches Todesurteil war."
1950 floh Kofler deswegen nach Westdeutschland, wo er fortan die Ideologen der BRD ärgern sollte. Er fing damit grandios an, als der BRD-Nachrichtendienst Kofler um Hilfe bei der Bekämpfung der DDR und der Verherrlichung der BRD bat. Kofler antwortete ganz höflich:
"Meine Herren, vergessen Sie bitte nicht, ich bin Marxist!"
Kofler eckte dann auch bei diversen Dogmatikern und Bürokraten etwa in der SPD, den Gewerkschaften und an den Unis im Westen an. Auch deswegen konnte er in keiner dieser Organisationen richtig Fuß fassen. Vielmehr verbrachte er die meiste Zeit als eine Art sozialistischer Wanderprediger. 

Erst in den 70ern wurde er auf Drängen von Studierenden wieder Professor, diesmal aber in Bochum. Stets waren seine Vorlesungen extrem beliebt. Christoph Jünke, Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., schreibt in seinem Beitrag über Koflers Ausschluss aus den großen linken Institutionen im Westen:
"Als erneut heimatloser Linker schlägt sich Kofler im restaurativen Klima der Adenauer-Zeit mit Vortragsreisen zu Gewerkschaften, Volkshochschulen und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) durch. Die westdeutschen Hochschulen bleiben ihm dabei ebenso verschlossen wie die größeren gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Bildungseinrichtungen."

Der Babo persönlich

Koflers Stalinismuskritik


Nach seiner Flucht aus der DDR entwickelte Kofler seine systematische marxistische Stalinismuskritik. Er führte die Entstehung des Stalinismus nicht auf angeblich totalitäre Ansätze in der marxistischen Theorie oder Praxis zurück, sondern auf die katastrophale Lage der Sowjetunion in den 20er Jahren. 

Nach dem ersten Weltkrieg, Invasion und Bürgerkrieg waren Arbeiterklasse und Demokratie in Russland so weit geschwächt, das sich die bürokratische Fraktion der Arbeiterpartei unter Stalin in eine “heillos terroristische Diktatur” verwandelte. Kofler selbst schrieb:
"Aber gerade in Rußland, wo unter der Voraussetzung der mangelnden demokratischen Tradition und des Fehlens einer entwickelten Industrie sich die bürokratische Selbstherrlichkeit mit der Sucht, ohne Rücksicht auf die menschlichen Bedürfnisse zu akkumulieren, verband, konnte die typisch stalinistische Bürokratie entstehen."
Damit wurde das anfangs noch humanistisch motivierte sozialistische Projekt in Russland zerstört und durch eine inhumane bürokatische Praxis und schablonenhafte Denkweise ersetzt. Kofler erkannte dies aber erst, nachdem er selbst 1950 vor seiner Flucht Opfer dieses stalinistischen Denkens und Tuns wurde. Seither war er von der notwendigen Einheit von Sozialismus und Demokratie überzeugt. Kofler dazu wörtlich:
"Ohne die direkte Anteilnahme der demokratischen Kräfte des Volkes an der Regierung und ohne direkte demokratische Kontrolle durch das Volk muß jede Planwirtschaft bürokratisch entarten; bei Vorhandensein dieser Kräfte und einer solchen Kontrolle kann die Planwirtschaft nicht bürokratisch entarten"

Freiheit für die Einzelnen


Oskar Negt führt in seinem Beitrag über Kofler aus, wie wichtig es ist, Humanismus und Marxismus zu verbinden und wie fatal die stalinistisch-bürokratische Praxis und Theorie auch heute noch sind. Sozialismus geht zwar nicht ohne sich kollektiv zu organisieren, aber auch nicht ohne sich individuell selbst zu verwirklichen. 

Das war einer der zentralen Unterschiede zwischen Kofler und den linken Bürokraten, die zwar Sozialismus im Kopf gehabt haben mögen und sich dafür aufopferten, aber darüber ganz vergaßen, dass die neue Gesellschaft vor allem mehr Freiheit für die Einzelnen bringen sollte! Kofler verteidigte dagegen immer die Freiheit und Integrität der Persönlichkeit.
"Und es ging ihm darum, [...] diejenigen Tendenzen in der Gesellschaft zu unterstützen, die in Richtung Freiheit, Gerechtigkeit und Aufhebung der Klassenherrschaft weisen."
Die Freiheit des Menschen war das zentrale Thema Koflers. Unzählige Publikationen widmen sich dem Thema explizit. Ursula Wendler schreibt in ihrem Beitrag über ihre Begegnung mit Leo Kofler an der Volkshochschule in Marl:
"Besonders beeindruckt haben mich die Freiheitsliebe und sein Eintreten dafür, dass jegliche Form politischer Orientierung von Menschen die Freiheit der Menschen nicht ausschließen darf, und das bezog er auch auf den Kommunismus. Diese Erinnerung ist für mich untrennbar mit Kofler verbunden."

Koflers marxistisches Menschenbild 


Er entwickelte eine sehr weit reichende anthropologische Theorie, in der das Wesen und die Geschichte des Menschen unmittelbar mit seinem Drang nach Freiheit verbunden werden. Die menschliche Arbeits- und Bewusstseinsfähigkeit ermöglicht es dem Menschen, sich für Ziele zu entscheiden und die Ziele in die Realität umzusetzen.

Unter den gegebenen Umständen zielt er damit auf die Verbesserung seiner Umstände, auf Fortschritt, auf mehr Freiheit. Und so macht der Mensch sich seine Geschichte selbst. Geschichte wird damit verständlich als Fortschritt der menschlichen Gesellschaft. Silvia Lange dazu:
"Leo Kofler begründet die Notwendigkeit einer marxistischen Anthropologie zum einen damit, dass jede kritische Gesellschaftstheorie ein spezifisches Bild vom Menschen voraussetzt, zum anderen fehlt, wenn man den Menschen nur historisch betrachtet, jeder Maßstab zur Beurteilung historischen Fortschritts."
Bernard Willms merkt in seinem Artikel “Marxismus und anthropologische Selbstverwirklichung” zur zentralen Rolle der Koflerschen Theorie an:
"Mit dieser anthropologischen Wende wurde dem Marxismus eine ursprüngliche Würde zurückgegeben, indem der Mensch wieder in den Mittelpunkt gerückt wurde, eine Würde, die in Ökonomismus, Bürokratismus und Dogmatismus – und in sehr viel Blut – ertränkt worden war."

Koflers Geschichtsauffassung 


Koflers unbeirrbarer Optimismus, der so charakteristisch für ihn war, speiste sich aus der Erkenntnis, dass die Geschichte bislang trotz aller Rückschläge tatsächlich immer höhere Stufen der Freiheit erreicht hat. Das zu leugnen kann sich nur jemand leisten, der sich darum aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung nicht kümmern brauch oder sich total deprimiert mit dem gegenwärtigen Zustand abfindet.

Der Kapitalismus hat z.B. mittlerweile enormen Wohlstand für viele Menschen ermöglicht und wird häufig immerhin von einer demokratischen Hülle verziert. Menschenrechte und soziale Rechte wurden seit dem zweiten Weltkrieg enorm gestärkt. Diskriminierungen wurden oft abgeschwächt. Das sind enorme Fortschritte schon im Vergleich zu den modernen westlichen Gesellschaften vor ein paar Jahrzehnten, geschweige denn im Vergleich zur Antike oder zum Mittelalter.

Dialektik bei Kofler


Kofler wusste aber auch ganz genau, dass Geschichte nicht geradlinig verläuft, sondern durchaus widersprüchlich ist. Seine Gesellschaftskritik speiste sich aus seiner Aneignung der Dialektik von Hegel, Marx und Lukacs. Für Kofler war Dialektik nicht bloß sophistisches Gerede, sondern ein mächtiges Werkzeug der Sozialisten, um die Welt nicht nur zu richtig interpretieren, sondern um sie auch zu verändern. 

Dialektik verstand er u.a. als Methode zum Verständnis von Geschichte. Anders als die Ökonomisten des Ostblocks, die alle gesellschaftlichen Phänomene direkt aus der Wirtschaft ableiten wollten und das als “Dialektik” verkauften, war Dialektik für Kofler eine wesentlich vielseitigere und buntere Angelegenheit. Die vielen widersprüchlichen und gegenläufigen geschichtlichen Entwicklungstendenzen können mit Hilfe von Koflers Dialektikkonzept besser verstanden werden. 

Dass etwa die Sowjetunion zunächst als Fortschritt für die Menschheit angefangen hatte, dann aber in einen Rückschritt umschlug, war für viele Marxisten nicht begreifbar. Sie hielten dogmatisch an der moralischen Sauberkeit der Sowjetunion fest. Kofler dagegen brach mit seinen anfänglichen Illusionen über den Ostblock, um sich sein kritisches marxistisches Denken zu bewahren. 

Genauso konnte Kofler die Entwicklung der westlichen Sozialdemokratie, der Grünen oder des “Marxo-Nihilismus” von Adorno ergründen. Grüne heute haben oft die Vorstellung, sie seien noch immer fortschrittlich, obwohl sie das Gegenteil dessen tun, was die Partei noch in ihrer Anfangsphase wollte. Erst wurden Frieden, Gerechtigkeit, Sozialismus und Umweltschutz gefordert. Nun unterstützen sie Krieg in anderen Ländern, wobei sie die dortige Umwelt verpesten und zugleich Menschen bombardieren lassen, und bauen in Deutschland den Sozialstaat ab. 

Ähnlich ist es mit der SPD und vielen nicht mehr allzu linken Anhängern Adornos. Das dialektische Denken à la Kofler aber versteht solche historischen Umschwünge und kann sie teils sogar vorhersehen, weil es sich auf die Widersprüche dieser Schulen und Bewegungen fokussiert. 

Dieter Matten schreibt in seinem “Mein Kofler” betitelten Artikel über Koflers Position zu Habermas und die Grünen:
"Kofler [...] formulierte die Vorhersage, dass in 20 Jahren kein fortschrittlicher Denker sich mehr ernsthaft auf Habermas beziehen würde und dessen Theorem stattdessen als neue Herrschaftsideologie etabliert würde. Wir alle sehen heute, wie sehr er damit Recht behalten hat. Habermas hat längst Popper als Lieblingsphilosophen der Herrschenden abgelöst. Schließlich wurden die Grünen und Alternativen zu den Hoffnungsträgern [...] Auch hier war sehr schnell Koflers Position überdeutlich. Die Vertreter dieser neuen Partei aus APO-Zeiten kannte er meist aus früheren Begegnungen und prangerte ihre theoretischen Defizite an. Dass dies alles zu Recht geschah und wieder den Scharfsinn Koflers beweist, der aus den Kriterien seiner Theorie abzuleiten ist, wissen wir doch heute alle. Kofler sagte im Jahr 1983 [...] voraus, dass in kürzester Zeit die Grünen verbürgerlichen würden und am Ende ganz sicher Koalitionen mit der CDU und anderen reaktionären Parteien eingehen würden."
Weitere Beiträge im Buch thematisieren Koflers Theorie der progressiven Elite (humanistisch orientierte Aktivisten und Intellektuelle), seine eigenartige Literaturtheorie, seine großartige Ideologiekritik und diverse andere seiner Themen. Jedenfalls zeigt die inhaltliche Auseinandersetzung mit Kofler, dass er das war, wofür er von einem der bedeutendsten Marxisten des 20. Jahrhunderts, Ernest Mandel, in seinem Brief an Kofler gelobt wurde: ein selbständiger, revolutionärer Denker.

Der bürgerliche Bürgerschreck Leo Kofler


Norbert Hruby und andere beschreiben in dem Lesebuch auch Koflers persönliche Seite. Hruby schreibt, man hätte Kofler für einen “Bürger im Sonntagskleid” halten können, wenn man seine Schriften nicht zuvor schon kannte und beschreibt Koflers scheinbaren Widerspruch zwischen sozialistischer Selbstdarstellung und bürgerlicher Wohnweise.

Er ließ sich, scheinbar wie ein professoraler CDU-Wähler, nie von seinen Studierenden duzen, trug gerne seinen Anzug mit Krawatte, pflegte wohl auch bürgerliche Tischmanieren, heiratete eine Frau aus gutbürgerlichem Hause und bestand entschieden darauf, dass auch ein Linker die Pflicht habe, eine Ehe ohne Trennung durchzuhalten.

Man könnte denken: wie spießig! But look who is talking! Gerade die selben Menschen, die einem gestandenen Sozialisten wie Kofler Spießertum vorwerfen (oder vorwarfen) sind in Wirklichkeit nicht selten gleichzeitig unfassbar unpolitisch oder befürworten vielleicht sogar Sozialabbau, antimuslimischen Rassismus und “humanitäre” Kriege!

Die westdeutsche Gesellschaft, in der solche wirklich nationalistischen und bürgerlichen Ideologen auch mal grün und rot gefärbt sein können, bezeichnete Kofler allerdings schon früher als “Saustallgesellschaft”. Außerdem stammt von ihm der Satz: “Auch ein Faschist kann für die Umwelt sein!” Man sollte sich daher merken: Lieber ein wirklich alternativer Spießer als ein pseudoalternativer Neokon!

Kofler selbst beschreibt in dem Lesebuch sein Treffen mit Ernst Bloch bei einem – wieder bürgerlich scheinenden – Abend-Dinner. Ernst Bloch stellte den Anwesenden beim Dinner die Frage: “Wo ist der Kofler?”, worauf Kofler gewitzt stichelte: “Ich stehe, wie immer, links von Ihnen”.

Wer also einen Einstieg in Biographie, Theorie und Charakter eines wirklich selbständigen, revolutionären Denkers und marxistischen Humanisten finden will, dem sei das Lesebuch “Begegnungen mit Leo Kofler” wärmstens empfohlen.

Alle Anderen, die nach Alternativen suchen, mögen sich überlegen, ob sie diese noch unbedingt bei den GrünenPiraten oder der AfD finden wollen oder ob sie nicht lieber nach Texten Koflers auf der Homepage der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., bei Amazon oder in der lokalen Bibliothek stöbern sollten.

Dieser Artikel ist eine veränderte Spiegelung des Artikels "Ein marxistischer Einzelgänger, der durch Größe und Freiheitsliebe beeindruckte" auf freiheitsliebe.de.

Montag, 18. November 2013

Bei Dao: "Ramallah"


In Ramallah

(Leseprobe aus: Das Buch der Niederlage, Gedichte, 2009, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser - Übertragung Wolfgang Kubin).

In Ramallah
spielen die Alten am Sternenhimmel Schach
Ihre letzten Züge sind mal hell, mal dunkel
Ein Vogel springt aus dem Uhrengehäuse
und kündet die Stunde 
In Ramallah
steigt die Sonne den Alten gleich über die Mauern
Sie durchstreift die Flohmärkte
und erhellt sich selbst
auf rostigen Kupfertellern 
In Ramallah
trinken die Götter Wasser aus Tonkrügen
Bögen befragen einzelne Saiten nach dem Weg
Ein Knabe geht zum Horizont
das Meer zu beerben 
In Ramallah
sät mittags der Tod
Vor meinem Fenster beginnt es zu blühen
Die Bäume trotzen dem Wirbelsturm
der ursprünglichen Form alles Ungestümen

Aktuelle Reformen in China, Teil 2: Laogai, der chinesische Gulag

Umfangreiche Reformen? Das Vorwort déjà vu

"Chinas kommunistische Führung hat bei einem Spitzentreffen überraschend umfangreiche gesellschaftliche Reformen in die Wege geleitet."
Das liest man in der Süddeutschen Zeitung. Das Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei (KP) hat eine Woche lang getagt und nun die seit letzter Woche bereits versprochenen Reformen konkretisiert.

Ich hatte vor wenigen Tagen im Artikel "Einschneidende Reformen in China und eine Bo Xilai-Partei?" einschneidende Reformen für unwahrscheinlich erklärt, weil sie solche Reformen gegen das Interesse der herrschenden Bürokraten und Oligarchen verstoßen würden. Dabei bleibe ich. Allerdings überrascht die Chinas Führung die Welt mit Reformen, die "verhältnismäßig weit gehen".

Es sind kluge Reformen, die auch einem großen Teil der riesigen chinesischen Bevölkerung helfen dürften. Man sollte die Reformen daher begrüßen. Sie gehen in die richtige Richtung und können als Fortschritt gelten. Die neue Führung um Xi Jinping und Li Keqiang, die seit einem Jahr die KP leitet, beweist damit, dass sie aus klugen Köpfen besteht. Man darf hoffen, dass sie auch mit der seit einer Woche bestehenden chinesischen Partei der Verfassungshoheit (Zhixiandang) klug umgehen werden. Die hat sich nämlich mit dem in Ungnade gefallenen Bo Xilai solidarisiert.

Die Reformen sollen so verschiedene Bereiche umfassen wie:
  1. die Arbeitslager 
  2. die Ein-Kind-Politik 
  3. die Marktwirtschaft 
  4. das soziale Sicherungssystem 
  5. weitere Maßnahmen, die noch unklar sind. 
Das geht viel weiter als viele der Kommentatoren in den Medien erwartet hatten. Aber es geht nicht so weit, dass man die Reformen als sonderlich einschneidend oder radikal bezeichnen sollte. Sie gehen nämlich nicht an die Substanz des existierenden Systems. Die Reformen sind staatstragende Reformen ganz im Interesse der herrschenden Klasse der Bürokraten und Oligarchen. Deren politische und ökonomische Vorteile gegenüber der unterdrückten Bevölkerung sollen offenbar nicht angetastet werden. Es sind Reformen zur Stabilisierung der "staatsbürokratischen Klassengesellschaft" Chinas. Aber es lohnt sich, den Charakter der angekündigten Reformen im Detail zu erfassen. Im folgenden wird die Abschaffung der Arbeitslager thematisiert.

Das chinesische System der Lager - Laogai (劳改) und Laojiao (劳教)


Der chinesische Gulag


Das System der Arbeitslager, das in der Sowjetunion unter dem Namen "Gulag" bekannt geworden ist, gab es bis jetzt auch in China. Das chinesische Arbeitslager bzw. Umerziehungslager wird als "laogai" (劳改) oder "laojiao" (劳教) bezeichnet, was so viel heißt wie "Reform durch Arbeit" und "Umerziehung durch Arbeit".

So wie das russische System in Solschenizyns Roman "Der Archipel Gulag" eine oppositionelle Anklageschrift fand, fand das chinesische Pendant einen Ankläger in Bao Ruowang. Als "Gefangener bei Mao", wie sein Buch heißt, hatte er zehn Jahre seines Lebens üble Erfahrungen machen müssen mit menschenunwürdiger Inhaftierung, Gehirnwäsche, Folter und Zwangsarbeit. Er erklärt die Besonderheit und Funktion des chinesischen Lagers mit folgender Beschreibung:
“In unserer sauberen und heiteren Welt besteht kein Mangel an Ländern, die ihre modernen Zivilisationen mit Hilfe von Deportationsgebieten, Konzentrationslagern und Gefängnissen aufgebaut haben. Vor allem die Sowjets haben es in dieser Hinsicht bemerkensweit weit gebracht. Aber verglichen mit dem Vorgehen der Chinesen nach ihrer siegreichen Revolutioin im Jahre 1949 waren die sowjetischen Maßnahmen [...] ganz und gar unzulänglich. Was die Russen nicht verstanden und was die chinesischen Kommunisten die ganze Zeit über gewußt haben, ist, daß Arbeit niemals produktiv oder gewinnbringend sein kann, wenn sie nur durch Gewalt oder Folter erzwungen wird. Die Chinesen haben als erste die Kunst beherrscht, Gefangene zu motivieren, und genau darum geht es bei Lao Gai.”
Die Lager dienen also der “Motivation” von Gefangenen. Aber sie dienen noch mehr der “Motivation” der Gesamtbevölkerung. Jedes Jahr sitzen über eine Million Häftlinge in chinesischen Lagern ein. Insgesamt sollen es über 50 Millionen gewesen sein. Der Großteil besteht aus Häftlingen, die als "kriminell" definiert wurden. Ein gewisser, wenn auch kleiner Teil der Häftlinge ist offiziell aufgrund politischer Gründe inhaftiert. Die Inhaftierung kann Jahre lang dauern, teils auch ohne ordentlichen Rechtsprozess. Jeder Chinese weiß, dass es derartige Lager gibt und dass jeder prinzipiell ein Opfer der Lager sein kann, wenn er den Herrschenden in China unangenehm auffällt. Chinesen sind daher “motiviert”, den Herrschenden nicht negativ aufzufallen.

Rechtsstaatlichkeit in China


Das Recht auf einen ordentlichen Prozess ist in China zwar vorgesehen, aber durchaus nicht Gang und Gäbe. Die Rechtsstaatlichkeit entwickelt sich in China erst mit der liberalen Marktwirtschaft und vertiefter Integration in den Weltmarkt - könnte man meinen. Tatsächlich ist Rechtsstaatlichkeit aber ein Resultat von politischen Kämpfen. Rechte sind in unserer “sauberen und heiteren Welt”, in Deutschland und den USA genauso wie in China, leider keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen regelmäßig erkämpft und verteidigt werden von den aktiven Vertretern der unterdrückten Klassen. Rechte sind eine Art öffentlich garantierter Schutz vor der Willkür der Staatsmacht, die im Interesse der herrschenden Klassen agiert.

Bisher wurden alle rechtlichen Errungenschaften in der VR China von der ungehinderten Praxis des Lagersystems überschattet. Die rechtsstaatlichen Fortschritte in China werden also stets von der prinzipiellen Rückschrittlichkeit des Strafsystems relativiert. In China äußert sich diese Rückschrittlichkeit in noch größerem Maße als in Deutschland oder England im reaktionären Prinzip der Schreckensherrschaft.

Das Prinzip der Schreckensherrschaft


Eine Waffe der Herrschenden


Die Lager fungieren seit ihrer Gründung als Furcht einflößende Waffe der herrschenden KP-Bürokraten. Diese Waffe ist gegen die Bevölkerung gerichtet, die der Verfügungsgewalt der Herrschenden untersteht. Das ironische daran ist, dass die herrschenden Klassen aller Länder stets nichts mehr fürchten als eine Bevölkerung, die frei von Angst zu großen historischen Taten ermutigt ist. Daher war es stets die Aufgabe der Fürsten, Könige, Kaiser, Despoten, Präsidenten und ihrer Minister, die Bevölkerung ängstlich, demütig und klein zu halten. Seit der Spaltung der Gesellschaft in Herrschende und Beherrschte werden daher allerhand ekelhafte Methoden erprobt und weiterentwickelt, um den zu mutigen Menschen Angst und Schrecken einzuflößen.

Zuckerbrot und Peitsche


Natürlich belohnen die staatlichen Herrschaften loyale Untertanen, die die Klassenherrschaft bereitwillig unterstützen oder zumindest hinnehmen. Genau dieses Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche der mächtigen Herren gegenüber der ohnmächtigen Masse wird in verschärfter Form in den chinesischen Lagern angewandt. Bao Ruowang beschrieb in "Gefangener bei Mao", wie dieses Prinzip sogar wörtlich auf Spruchbändern in den Lagern zu lesen war:
“Milde für die, die gestehen; Strenge für die, die Widerstand leisten; Vergebung für die, die sich verdient machen; Belohnung für die, die sich durch besondere Verdienste auszeichnen.”

Schreckensherrschaft und autoritäre Erziehung  


Das Spruchband ist in China noch immer ein beliebtes Mittel staatlicher Propaganda. Spruchbänder behandeln die Leser wie unartige Kinder, die an moralische Regeln immer wieder erinnert werden müssen. Man läuft an den Sprüchen immer wieder vorbei und lernt ihre Aussagen so auswendig wie ein fabelhaftes Kindergedicht. Aber man muss gar nicht nach China reisen, um solch einfache Methoden der Erziehung einer infantil gehaltenen Bevölkerung zu finden.

Grundsätzlich funktioniert autoritäre Erziehung von Kindern nach dem selben Prinzip wie ein Arbeits- oder Erziehungslager. Und es gibt kaum einen Unterschied zwischen autoritärer Erziehung in “westlichen”, “orientalischen” oder “asiatischen” Klassengesellschaften. Unartige Kinder werden von den artigen Kindern abgesondert, vielleicht in die Ecke gestellt, angeschrien, beleidigt oder sogar geschlagen. Der Drang aufmüpfiger Kinder nach Wirkmächtigkeit wird auf diese weise niedergehalten. Die Kinder werden künstlich kleiner gemacht als sie sind.

In subtileren Formen der autoritären Erziehung, wie sie nach vielen Kämpfen für Rechtsstaatlichkeit nun auch in Deutschland vorherrschen, werden aufmuckende Kinder bloß mit schlechten Noten in ihren Fächern, mit Kopfnoten für ihre Manieren, mit Sitzenbleiben oder sogar mit schlechteren Schulabschlüssen bestraft. Schulen mit solcher Erziehung dienen der Disziplinierung der heranwachsenden Unmündigen. Die noch unmündigen Kinder werden belohnt oder auf abschreckende Weise bestraft für ihre Haltung zur erziehenden Autorität, damit sie später in mündige und unmündige Erwachsene geteilt werden können. Dazu ist es notwendig, dass sie ihre ungewünschte Aktivität und unerwünschte Neugier unterlassen.

Mündige und Unmündige in der Klassengesellschaft


Die Heranwachsenden sollen ja loyale Untertanen werden, die bereitwillig die Arbeit für die Herrschenden unterstützen oder hinnehmen. Sie müssen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, damit der Wohlstand der Herrschaften dauerhaft bestehen kann. Die Bevölkerung wird also in diese Unmündigen und in Mündige geteilt. Mündige Menschen, die sich ihres eigenen Verstandes bedienen und ihre Interessen klar erkennen, sollen in der Minderheit bleiben. Wenn sie herrschafskonform sind, werden sie üblicher Weise materiell und ideell belohnt, damit sie es auch bleiben.

Mündige Menschen, die sich nicht unterordnen, in diesem Sinne "undiszipliniert" sind,oder vielleicht sogar gegen die Ungerechtigkeit der Klassenherrschaft rebellieren, werden dagegen prinzipiell als Taugenichtse, weltfremde Aussteiger oder gar als gemeingefährliche Terroristen verunglimpft.

Auch da gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Deutschland, den USA oder China, sondern bloß einen graduellen. Sowohl der westliche Kern des globalen Kapitalismus wie auch die nicht-westliche Peripherie teilen ihre Bevölkerung in die große unmündige Masse und in die mündige Elite. Es gibt glücklicherweise Ausnahmen, etwa eine relativ antiautoritäre Erziehung in einigen deutschen Schulen oder die Erziehung in den skandinavischen Ländern im Allgemeinen.

Aber auch das verhindert die letztliche Einteilung der Bevölkerung in mündige Elite und unmündige Masse nicht. Antiautoritäre Erziehung ersetzt nun Mal keine revolutionäre Umwälzung der repressiven Klassenverhältnisse.

Gehirnwäsche ist keine Spezifik der chinesischen Arbeitslager. Gehirnwäsche wird auch durch die autoritäre Erziehung bei uns, durch unser Schulsystem, unser Strafsystem, unser Lohnsystem, unser politisches System und natürlich durch unsere Medien erreicht.

Natürlich sind es brave Bürger, die an die Ideale unserer Gesellschaft mehr oder weniger glauben und damit glaubwürdige Handlanger des Systems sind. Mit Kreide, Knüppel oder Lohnsteuerkarte in der einen Hand bewaffnet, waschen diese Handlanger unsere Gehirne mit der anderen Hand, ohne es unbedingt zu wollen. Denn die ganze Organisation der Klassengesellschaft dient dem Systemerhalt. Das chinesische Lager ist nur eine besonders abschreckende Form der Gehirnwäsche. Es ist seinem Wesen nach Abschreckung der Bevölkerung vor einem allzu rebellischen Auftreten.

Die Funktion des chinesischen Lagers


Unterwerfung des eigenen Willens unter die Autorität eines anderen


So kommen wir nach dem Exkurs über das allgemeine Prinzip der Schreckensherrschaft langsam zurück nach China, um die Spezifik der dortigen Herrschaft durch das Lagersystem herauszuarbeiten. Über die gehirngewaschenen Gefangenen, auf die Bao Ruowang im Lager traf, schrieb er:
"Als Chinese weiß und akzeptiere ich, daß ein Mensch den Wunsch hat, sich gut zu benehmen und Bereitwilligkeit und Loyalität zu zeigen; das ist ein typisch chinesischer Zug. Aber dieser Mann und anscheinend auch die anderen schienen das Bedürfnis zu haben, ihre Selbstlosigkeit und Treue ständig zu betonen. Und das ist schließlich das entscheidende Kriterium einer Gehirnwäsche: Unterwerfung des eigenen Willens unter die Autorität eines anderen."
Die Gehirnwäsche durch chinesische Lager ist der Inbegriff von staatlichem Terrorismus. Eine politisch motivierte Gruppierung, die herrschenden Bürokraten und Oligarchen Chinas, bringen die Bevölkerung in China durch Angst und Schrecken von politisch radikalem Auftreten ab oder mindern ihre Neugier nach Aufklärung.

Das funktioniert in Deutschland und im Großteil Europas prinzipiell auch ohne Lager vor allem durch den Medienterror. Der so genannte "War on Terror" ist nach dem Zerfall des großen roten Feindes im Ostblock die beliebteste Form des Terrorismus im Westen. In China hat die Masse weniger vor dem medial aufgebauschten Terrorismus kleiner Sekten Angst als vor dem Zerfall Chinas oder vor der Ausstoßung und Bestrafung durch das Lagersystem.

Da ins Lager nur "Kriminelle" und politisch auffällige Bürger kommen, ist es kein Wunder, dass die chinesische Bevölkerung trotz Interesses an Fortschritten keine sonderlich politische Bevölkerung ist. Die abschreckende Wirkung des Lagers ist so groß, dass die meisten Chinesen kaum Interesse an politischem Aktivismus zeigen. Die meisten nennenswerten Aktivisten sind es gezwungenermaßen, weil sie sonst nicht überleben können.

Gruppenzugehörigkeit und die Autorität des Staates


Es sind meist Industriearbeiter oder Vertreter von bäuerlichen Dorfbewohnern und selten Vertreter der städtischen Mittelschichten. Die "white collar"-Arbeiter, Angestellten, Kleinhändler oder -handwerker, Studierenden etc. sind äußerst selten offen politisch. Das Tiananmen-Massaker von 1989 und die nachfolgenden Inhaftierungen haben das chinesische Volk gedemütigt, demotiviert und in Apathie versetzt.

Die Herrschenden haben aufmuckende Individuen oder ganze Kollektive ins Lager gesperrt, um sie dort zu brechen oder zumindest von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit abzutrennen. Davon können radikale Arbeiterführer, Menschenrechtler, Demokraten, Trotzkisten, tibetische und uigurische Separatisten und Falun-Gong-Anhänger ein langes trauriges Lied singen. Die Schreckensherrschaft beruht nicht nur auf präventiver Abschreckung, sondern auch auf den schrecklichen Erfahrungen im Lager selbst.

Das Terrorregime im chinesischen Lager


Psychoterror 


Wie sieht das Innenleben eines Lagers aus? Unser Kronzeuge Bao Ruowang beschreibt es sehr plastisch. Aufgrund seiner beruflichen Vergangenheit in den USA wurde er zunächst als“imperialistischer Spion”diffamiert und dann in ein Lager verfrachtet. Sehr bald wurde er psychologisch terrorisiert, unerträglichen räumlichen Bedingungen und stupiden Lehren ausgesetzt, um seinen individuellen Willen zu brechen und ihn umzuerziehen zu einem unmündigen und loyalen Untertanen.

Das erinnert nicht umsonst an die autoritäre Erziehung in den Schulen, die ja den selben Zweck haben. Bao Ruowang wurde dafür bestraft, dass er tat, was man von ihm verlangte: seine Meinung frei aussprechen. Da es eine nicht genehme Meinung war, wurde er zur Einzelhaft in eine kleine Zelle gesteckt:
“Tief gebückt quetschte ich mich in das Loch. Die Entfernung zwischen der Türschwelle und dem oberen Ende der Öffnung zwischen der Türschwelle und dem oberen Ende der Öffnung betrug kaum mehr als 90 Zentimeter, die Zelle selbst war etwa 1,20 Meter lang. Die Zementwände lagen ungefähr 1 Meter hoch. Der Raum war gerade groß genug, daß ein Mensch darin sitzen oder hocken konnte, aber es war unmöglich, sich ganz aufzurichten oder ausgestreckt hinzulegen.”

Sadistische Willkür staatlicher Autoritäten 


Unter solchen Bedingungen, wie sie im Lager herrschen, werden der sadistischen Willkür der Autoritäten vor Ort Tür und Tor geöffnet. Ein besonders widerlicher Wärter goss dem eh schon gemarterten Häftling auf besonders zynische Weise durch ein Guckloch sein Essen in den Kerker:
“Eine Tülle wie bei einer Gießkanne fuhr durch die Öffnung und schüttete eine volle Ladung brühheißen Maisbrei herein, von dem ein Teil über meine Hände spritzte. Überrascht ließ ich die heiße Dose im ersten Schmerz fallen. Aber gerade darauf hatte das Schwein gewartet. Wahrscheinlich gehörte das zu den üblichen Schikanen, mit denen man einen neuen Gefangenen in Einzelhaft traktierte. 
‘Verdammter Idiot!’, bellte er. ‘Das ist Verschwendung von Nahrungsmitteln: Blut und Schweiß des Volkes. Dafür kannst du schwer bestraft werden. Ich werde dich melden.’ 
Du Hurensohn, dachte ich. Darauf könnte ich wetten, daß du das tust. Wütend, gedemütigt und vor Selbstmitleid zerfließend, aß ich, was in der Dose übriggeblieben war. Ganz so weit war es mit mir doch noch nicht gekommen, daß ich das Verschüttete vom Boden aufleckte.”

Der moralische Nullpunkt autoritärer Erziehung 


Nach vielen solcher Umerziehungsmaßnahmen kam es schließlich zu einem erpressten Geständnis unseres Häftlings. Die Methode ist die selbe wie bei der christlichen Inquisition vor wenigen Jahrhunderten oder in US-amerikanischen Häftlingslagern wie Abu Ghraib oder Guantanomo heute: Es wird solange gefoltert und gepeinigt bis die gequälte Seele schließlich ALLES sagt und ALLES tut, was die staatliche Autorität von ihr erwartet. Das geschah also auch mit Bao Ruowang, der dem ungläubigen Leser seiner Häftlingsautobiographie erklärt:
“Sollte der Leser das absurd oder übertrieben finden, dann liegt das einzig und allein daran, daß er nie in einem chinesischen Gefängnis eingesperrt war, worüber er froh sein kann. Denn auch heute noch ist dieses Beispiel typisch für die in China angewandten Praktiken.”
Ich zitiere einige Sätze aus Bao Ruowangs erpresstem Geständnis:
“Nach reiflicher Überlegung, unterstützt durch die Lehren der Volksregierung, ist mir bewußt geworden, wie ernst und schändlich die Verbrechen sind, die ich begangen habe. Sie haben der Regierung unabsehbare Verluste beigebracht [...] Sie haben auch dem Volk ernsten Schaden zugefügt. Und schließlich haben sie noch Unglück über meine Familie gebracht.” “Ich darf nie vergessen, daß ich nur esse, was man mir gibt, und daß es mir im Vergleich zu den Arbeitern und Bauern des alten Regimes ausgezeichnet geht. Das Gemüse und die Getreideerzeugnisse, die ich zu mir nehme, habe ich der Arbeit und dem Schweiß unserer Bauern zu verdanken. Wenn ich mich über mein Essen beklage, so ist das dasslebe, als begegnete ich den Bauern mit Verachtung. Da ich ein überführter und verurteilter Strafgefangener bin und der Umformung durch Arbeit unterliege, habe ich kein Recht, etwas Derartiges zu tun.” “Ich sollte mir stets vor Augen halten, daß persönliche Beziehungen verboten sind, und mich einzig von dem Prinzip leiten lassen, daß ‘nur die Arbeit zählt, nicht die Person’. Ob ich jemanden mag oder nicht mag, ist unwesentlich; ich sollte ihn nur als Schulkameraden sehen, der für den Staat arbeitet.” “Wir sind hier, um uns einer Umformung zu unterziehen, und dabei ist kein Platz für Sentimentalitäten. Die Regierung vertraut uns so sehr, daß sie uns diese Umformung zum großen Teil selbst überläßt”.
Ich will hier nicht viel weiter auf die sozialen Dynamiken im Lager selbst eingehen. Es reicht hoffentlich, wenn der Eindruck rüber gekommen ist, dass das Lagersystem in China zutiefst gegen die Würde des Menschen verstößt und eine Institution ist, die unbedingt abgeschafft werden muss.

Die Abschaffung der chinesischen Lager


Nun hat die neue chinesische Regierung mit Xi Jinping und Li Keqiang an der Spitze genau diese überfällige Abschaffung der Lager angekündigt. Wenn das kein leeres Versprechen bleibt, ist das ein gewaltiger Fortschritt für die 1,4 Milliarden Menschen in China und die gesamte Menschheit.

Die Schreckensherrschaft in China würde damit von der Entrechtung und Peinigung im nicht-öffentlichen Raum vermutlich auf die öffentliche Sphäre übertragen. Das würde der Polizei, der regulären Justiz, bekannten Partei- und Regierungsvertretern etc. eine größere Bedeutung verleihen. Die öffentlich bekannten Vertreter der Herrschenden in China müssten daher die Rechte der Bevölkerung stärken und ihre eigene Willkür weiter einschränken.

Das würde weniger Angst vor brutaler Unterdrückung und Demütigung bedeuten. Es würde auch weniger Abschreckung vor politischer Aktivität und Aufklärung bedeuten. Und es würde für die unterdrückten Klassen in China bessere Kampfbedingungen für mehr Rechtsstaatlichkeit bedeuten.

Allerdings kann das nur ein Schritt sein beim überfälligen Anlauf zum großen Sprung in eine Zukunft ohne Schreckensherrschaft wie sie in Ost und West, Nord und Süd - überall auf dem Globus - besteht, weil die globale Klassengesellschaft noch immer besteht.

Quellen


Handelsblatt, SZ, Spiegel, Stern, ksta.

Bao Ruo-wang: “Gefangener bei Mao”. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1977.