Samstag, 14. Mai 2016

Wie eine Arbeiterin aus dem Leben schied

Einige Jahre waren es nun schon, seitdem Sanjas liebe Mutter an der Therapie gegen Krebs mit etwas mehr als 40 Jahren verstorben war.


N. war eine echte Arbeiterin, die in der Doppelbelastung von Lohnarbeit und Heimarbeit völlig auf- bzw. unterging. Fast tägliche Überstunden, geisttötende Monotonie, keinerlei Aufstiegschancen, keine Weiterbildung und ein geringer Status waren dabei die eine Seite. Die andere Seite war die Lage daheim, wo sie oft durch Streitereien um ein Mindestmaß an Respekt und Anerkennung kämpfen musste und nur selten ihre Ruhe fand. Muße und Selbstverwirklichung konnte sie kaum genießen. Abgesehen von zwei, drei Menschen aus der eigenen Familie hatte sie keine engen Freundschaften. Ihr Zeitvertreib war das Bügeln oder Kochen. Ab und zu las sie vielleicht Konsalik oder die ein oder andere Frauenzeitschrift. Die meisten der wenigen Bücher im Haushalt standen ungelesen herum. Verstaubt waren sie hingegen nicht, denn sie achtete auf Sauberkeit. Ordnung war jetzt zwar auch nicht unbedingt ihre Stärke, weshalb im Laufe der Zeit immer mehr nutzlose Dinge in die mittelkleine Wohnung fanden. Das lag aber weniger an ihrer Mentalität als an der mangelnden Hilfsbereitschaft ihrer "Mitbewohner".

Ihr Mann, ein typischer russischer Prolet, Fernfahrer und Säufer, hatte gewiss keinen guten Einfluss auf sie. Umgekehrt hatte er ihr und ihrem gemeinsamen Söhnchen sogar das Leben zur Hölle gemacht. Zum Glück wurde er irgendwann nach Sibirien gegangen, nachdem er den Bogen ein Mal zu oft überspannt hatte... Anstatt aus diesem Fehlgriff die richtigen Schlüsse zu ziehen, ließ sich Sanjas Mutter weiterhin ausbeuten und unterdrücken. Alleinerziehende Mütter sind ja nicht völlig autonom, sondern tragen Verantwortung. Sie werden so geradezu in die Doppelbelastung gedrängt. Diese Last verzehrte auch die Kräfte von N. frühzeitig. Man hatte sie schon immer ausgenutzt. "Solche Menschen wie sie sind zu gut für diese Welt", pflegte ihre selbstbewusstere Schwester zu sagen. Ob dem so war, sei dahingestellt. Vielleicht war sie nur zu eingeschüchtert - durch ihren trunkenen Unterdrücker oder die repressiven deutschen Verhältnisse um sie herum. Man weiß es nicht so genau. Was man weiß, ist aber, dass sie niemals wirklich aufblühen konnte. Wie ein Titanenwurz hatte sie ihre Momente, um jedoch den Großteil der Zeit dahinzuvegetieren. Ihre Lebenszeit war zweifellos zum größten Teil "sterbende", selbst wenn sie sich nicht unbedingt langweilen musste. Vielmehr sah sie gerade in ihrer Arbeit, die Dritten zum Wohlstand verhalf, bloß ihr nicht ihr selbst, den letzten Sinn im Leben. Das machte aus ihr eine typische Vertreterin des einfachen Volkes, das lieber ergebenst für die Privilegien von Offizieren ohne Orden malocht, als der eigenen Freiheit wegen zu meutern. Sie war zweifellos eine brave und gute Deutsche und Arbeiterin. Ihr Lohn war nicht nur ein bescheidener, sondern auch: der Tod. Sie hat ihre Lebenskraft bis zum bitteren Ende für das Kapital verausgabt, ohne diese ökonomisch verschleierte Tatsache zu ahnen, versteht sich.

Irgendwann erkrankte sie, bemerkt nicht nur von ihrem frechen Sohn, sondern auch vom Arzt, der Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostizierte. Die schändliche Therapie zerstörte ihren Körper. Schließlich starb sie nicht an sich viel zu schnell ausbreitenden Zellen, sondern an Wasser- und Nahrungsmangel, da ihre Organe durch die destruktive Behandlung völlig untauglich gemacht wurden. Essen und Trinken wurden für sie zu fruchtlosen Großleistungen. Sie verdurstete in einem der reichsten Länder der Welt - ausgerechnet in dem Land, das sie die Russlanddeutsche als ihre neue Heimat betrachtete. Aber sie war nie wirklich Teil der deutschen Gemeinschaft geworden. Für die Deutschen blieb sie immer eine einfache Kassiererin und daher Russin. Vielleicht war deswegen auch schon ein Teil ihrer Seele gestorben, bevor ihr Körper den Geist aufgab. Die Behandlung tötete sie, nicht der Krebs. Die Behandlung war aber nur so tödlich, weil der deutsche Kapitalismus so tödlich war. Zumindest war sich da ihr völlig überrumpelter Sohn sicher, nachdem er sich wieder gefunden hatte. Ohne Kriege und Kapital hätte die Medizin schon längst weiter sein können. Da aber Eroberung und Status profitabler waren als medizinische Forschung, musste wieder ein wunderbarer Mensch dafür mit seinem Leben bezahlen. Weitere zahlten mit ihrem Glück.

Sanja z.B. stürzte in ein tiefes Loch. Bis zuletzt hatte er nicht an den Tod geglaubt. Als dieser vor der Tür stand und seine Mutter mitnahm, erkannte er seinen Irrtum zu spät. Er hätte ganz anders handeln müssen, sich zumindest aussprechen können. Das war ihm völlig misslungen, obwohl er es versucht hatte. Aber Arbeiterfrauen sind oft stur. Er hatte daher nicht die Mittel, um die nötigen Umwälzungen umzusetzen.

Die Moral von der Geschichte? Die Geschichte aller bisherigen Krebstoten ist die Geschichte von Klassenkämpfen.


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