Donnerstag, 28. Januar 2016

Ein ganz besonderer Tag für den herangereiften Sanja

Heute war ein ganz besonderer Tag für den herangereiften Sanja.

Geboren wurde er in einem kleinen Dörfchen im aller aller tiefsten Sibirien in der Nähe von Omsk, an der Grenze zu Kasachstan. Das ist unter anderem die Region, in die man immer schon gerne Sträflinge schickte - Personen wie Dostojewski, Tschernischewski oder Trotzki. Einige Jahre konnte er die Sowjetunion noch als Kind erleben - bis sie zerfiel. In seiner Anwesenheit wurde in dem kleinen Dorf nur ein einziges Mal Eis verkauft, doch durfte er es nicht genießen, weil es ungesund oder teuer war. Oder der Knabe war frech. Man weiß es nicht. Angeblich soll er aber ein eher ruhiges und liebes Kind gewesen sein. Immerhin hatte seine Oma eine wunderschöne Katze und einen tollen Hund. Wahrscheinlich fantasiert der Chronist hier, wenn er die Namen Kiska und Lajka nennt. Sie hießen bestimmt anders, nicht so klischeehaft. Es gab außerdem überall Kühe. Die Mutter, eine echte Russlanddeutsche, hatte sogar eine Lieblingskuh. Gott weiß warum. Vielleicht hatte das Tier ein schönes Muster oder tiefsinnige Augen. Oder sie war ebenfalls ein stoisches Arbeitstier. Einmal klemmte sich ihr Söhnchen den Finger an der Tür des Lastkraftwagens ein, den sein Vater fuhr. Das hat ungeheuerlich weh getan und Rettung kam erst nach einer gefühlten Stunde. Der Junge hatte dann zwar deswegen noch keine Angst vor Türen, aber passte nun auf, dass ihn nichts und niemand einengt - erst recht keine Tür!

Der alte Wladimir Alexandrowitsch hat den jungen Sohn eines Tages in einen eiskalten See gestoßen. Panisch versuchte dieser, dem Strudel im See durch allzu intuitive Bewegungen zu entkommen. So lernt man in Russland schwimmen. Der sadistische Papa rettete das dankbare Häufchen Elend zwar, seitdem war ihm die Mama jedoch wesentlich lieber. Da halfen dem relativ gut aussehenden und groß gewachsenen Russen auch seine schwarzen Locken nicht sonderlich. Der Sohn hatte die Boshaftigkeit eines russischen Vaters fürchten gelernt.

Im städtischen Omsk, wo die drei wohnten, sah das Leben etwas anders aus. In der Stadt gab es da diese alten Flugzeuge und Panzer vom Großen Vaterländischen Krieg auf den Straßen, die der Ergötzung der Sowjetbürger dienten. Ausstellungsobjekte dieser Art waren damals in im Sowjetreich überall vorhanden und auch jetzt sind sie verbreiteter als in Deutschland. Die Deutschen können ja nicht gerade stolz sein auf ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg. Das Sowjetbürgertum hingegen konnte sich im Gedenken an glorreiche Zeiten erhaben fühlen. Ob die Erhebung internationalistischer bzw. revolutionärer Natur war oder doch eher das Nationalgefühl der bequem gewordenen Russen ansprach, kann man offen lassen. Mögen das die Historiker klären.

Jedenfalls fühlte man schon im Kindergarten eine gewisse soldatische Disziplin. Wenn Schlafenszeit war, mussten alle Kinder ihre Metallbetten aufstellen, die Matratzen ordentlich drüber legen und brav einschlafen. Sanja hatte damals auch nur einen Kumpel, nachdem sein sehr junger Onkel mit Tante und Oma nach Deutschland übergesiedelt waren. Aber auch an den muss man sich kaum erinnern, außer dass die russlanddeutsche Oma den russischen Spielkameraden ausgeschimpft hatte. Eines Tages fiel Sanja in ein Loch mitten in der Straße. Er war bis zu den Schultern im Eiswasser und wurde natürlich krank. Sowas passierte einem nicht in Deutschland. An die bescheidene Wohnung muss man sich auch kaum erinnern. Allerdings weiß man, dass unser Protagonist ein batteriebetriebenes Spielzeug geschenkt bekommen hat - einen Optimus Prime-Verschnitt, der selbstständig losfuhr und von der Autoform zur Kämpferfigur wechselte. Das war natürlich klasse! Man kann sich auch daran erinnern, dass der unwissende Sanja irgendwann eine Banane gesehen hat, seine Eltern zum Kauf nötigte und gespannt hinein biss. Dummerweise war sie unreif, grün und daher bitter. Der enttäuschte Gourmet spuckte sie mit bitterem Gesicht aus und kassierte direkt eine Schelle des Vaters und die Schelte der Mutter.

1991 entschied sich die deutsch-russische Familie, nach Deutschland überzusiedeln. Die Sowjetunion war zerfallen. Man ahnte, dass Russland in Chaos stürzen und verrohen würde. Jelzin würde den Staat zerfleddern und die sowjetischen Bonzen würden sich bereichern, um Oligarchen im westlichen Stile zu werden. Für die Russlanddeutschen war da kein Platz mehr und aus dem wiedervereinigten Deutschland entsendete man patriotische Signale in ihre Richtung. Man wollte also in die Heimat "zurück", in der man nie gelebt hatte und die auch später nie ganz zur Heimat wurde. Der Junge konnte damals praktisch kein Deutsch. Russisch war noch seine Muttersprache. Aber da er noch nicht zur Schule gegangen war, war auch die Muttersprache eher beschränkt. Wenn man es wörtlich nimmt, war Deutsch die Muttersprache und Russisch die Sprache des Vaters. Und im Grunde konnte der Junge auch kein Russlanddeutscher wie die Mutter oder ein Russe wie der Vater sein, sondern blieb immer deutsch-russischer Mischling, ein Halbrusse.

Halbrussen sind innerlich vielleicht noch zerrissener als Russlanddeutsche (Deutsche aus Russland) und Deutschrussen (Russen in Deutschland). Wie auch immer. Immerhin wurde der deutsch-russische Junge bereits 1992 ohne Sprachtests oder derartige Scherzchen eingebürgert. So schnell ging das mit deutsch-russischen Familien damals dank Helmut Kohl, an den die Russlanddeutschen bis jetzt noch ganz verliebt denken. Auch deswegen ticken sie politisch allzu oft konservativ bis deutschnational, was man ganz wunderbar an den jüngsten Protesten ablesen kann, die sich offenbar gegen andere Flüchtlinge richten. Vergessen sind scheinbar die eigenen Intergrationsprobleme und die unfairen Urteile der Einheimischen in den 90ern. Nicht jeder Mensch hält große Stücke auf Gerechtigkeit und Solidarität. Manche Unmenschen spucken sogar Aussätzige noch an.

Die Familie kam jedenfalls in ein Erstaufnahmelager für russlanddeutsche Wirtschaftsflüchtlinge. Es gab da kalte Brötchen, Marmelade, Nutella und Honig in diesen kleinen Plastikpäckchen, außerdem Butter und Früchtetee. Man schlief eine Weile lang in einer riesigen Halle zusammen mit hunderten anderen Flüchtlingen aus der Sowjetunion. Eine Episode von damals ist erwähnenswert. Irgendwo hatte der Bengel die Teenage Mutant Ninja Turtles gesehen, aber Meister Splinter kannte er noch nicht. Das hielt ihn nicht davon ab, mit einer Gruppe von fünf bis sechs anderen Flüchtlingskindern Turtles zu spielen. Nur er kannte die mutierten Kröten. Also versuchte er, den anderen zu erklären, worum es geht: Schildkröten, die Karate können, verschiedene Waffen schwingen und bunte Schärpen tragen. Die Anderen waren sofort begeistert. Also teilte man die Rollen unter sich auf. Da man die Ninja-Ratte Splinter noch nicht kannte, dachte sich der kreative Junge einen Turtle mit schwarzer Schärpe aus. Er wurde vermutlich nicht Giotto getauft, denn man wusste ja nicht einmal, wo Italien lag. Das einzige anwesende Mädchen durfte oder musste April O'Neil spielen, ist jedoch bald davongehuscht. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr der kleine Fantast und Künstler später die zwei Turtle-Filme lieben sollte! In ihnen ging es ebenfalls um merkwürdige Mischwesen, die sich erst eine Identität schaffen mussten. Kawabanga!

Der sibirische Tiger kam sich in Niedersachsen wie im Zoo vor. Im Hort fauchte er zunächst immer nur "Net!", "Sol!" oder "Sachar!". Auch konnte er bloß wie ein Russe fluchen. Für eine Weile schickte man ihn deswegen in einen Sprachkurs. Denn im Windschatten einer Kultursprache kommt der Zugang zu einem ganzen Kulturraum auf. Das Migrantenkind kam nie in die erste Klasse der Schule und blieb auch als Deutscher immer Bürger zweiter Klasse, wie auffallend viele migrantische Arbeiterkinder in Deutschland. Bald rief er allerdings "Nein!", "Salz!" oder "Zucker!" und fluchte wie ein richtiger Niedersachse in bestem Hochdeutsch. Ein Ereignis in diesem Zusammenhang musste ihn dagegen frustrieren. In der dritten Klasse kamen ein russisches Mädchen und ein russischer Junge neu in die Schule. Unser Held sollte für den Lehrer übersetzen. Aber er musste feststellen, dass ihm die Sprache Sibiriens nicht mehr geläufig war! Innerhalb eines Jahres hat sich die Sprache des Vaters in Luft aufgelöst, sodass er sie nur noch fauchen konnte. Seine Eltern gehörten zu den fährlässigen Kulturnomaden, die dem Nachwuchs die eigene Kultur nicht beibrachten.

In der Schule freundete sich der Mischling mit den "richtigen" Russen nicht an, sondern hing mit Persern, Türken, Roma und "richtigen" Deutschen ab. Im Normalfall war er ein sehr ruhiges Kind und vor allem immer mit Zeichnungen beschäftigt. Wahrlich ein Giotto - und ein einsamer Ninja-Turtle! Denn dem russischen Rivalen musste er eines Tages eine Faust aufs Auge drücken, da dieser im Unterricht den Bösewicht und Bully spielte. Der Kontrahent schlug zwar zurück, aber nicht unser Held weinte nach dem Schlagabtausch, sondern allein der Bösewicht. In der Schulpause lauerte dieser dem Einzelgänger Sanja mit einer Clique auf, die ihn umzingelte und zu vermöbeln drohte. Höhere Mächte verhinderten einen Showdown. Die Bündnisgenossen halfen damals nicht, sondern hatten sich kurz zuvor aus dem Staub gemacht. Nichts mit christlicher Nächstenliebe auf dem deutschen Schulhof. Einige weitere Lektionen dieser Art sollten folgen. Fressen oder gefressen werden. Jeder war sich selbst der Nächste.

Immerhin hatte unser Kämpfer einen wirklich treuen Mitstreiter. Mit ihm zusammen ging er zum Dojo in Linden. Irgendwann zeigten die zwei Krieger ihren Schulkameraden sogar ihre Kampfkunst ganz offiziell im Sportunterricht. Sein erstes Turnier hat Sanja mit neun Jahren gewonnen. Der Kontrahent nannte sich Drescher! Die Angst überkam ihn, aber mit einem makellosen O-Goshi warf er den Furcht einflößenden Gegner durch die Luft. Der niedersächsische Mähdrescher wurde vom sibirischen Tiger in Stücke gerissen! Obwohl Sanja ernsthafte Anstalten machte, ein guter Judoka zu werden, nahm diser Weg ein jähes Ende. Seine Arbeiterfamilie konnte es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu bringen oder abzuholen. Dunkle Straßen waren auch damals nicht ungefährlich und man machte sich natürlich Sorgen. Also verweigerte man dem Jüngling das Abstoßen der Hörner, was zum Leben und Werden absolut notwendig ist. Während ein Junges also auf die Pirsch gehen konnte, durfte das andere in seiner Höhle verrotten. Auch unter Gesinnungsgenossen gibt es keine Gleichheit. Das begriff unser Kampf-Künstler auf diese Weise. Erst mit fünfzehn schickte ihn ein Schwiegeronkel wieder auf die Jagd. Taekwondo war angesagt. Später kam auch der Freikampf in Vahrenwald und geordnetes Kickboxen hinzu. Äußere Schmerzen verdrängen die inneren. Aber viel früher hatte das Leben noch ein paar andere Lektionen parat gehalten.

In sibirischen Gehege hatte die Mutter als gelernte Einzelhandelskauffrau, unter anderem in einer Metzgerei oder Fleischerei, gearbeitet. Der Vater war KFZ-Mechaniker bzw. LKW-Fahrer. In der Landeshauptstadt übernahmen sie praktisch die selben Tätigkeiten. Die Mutter arbeitete nun in Bäckereien oder an der Kasse bzw. im Obstbereich von Supermärkten. Wladimir Alexandrowitsch fuhr noch eine Weile lang LKW, aber nicht mehr lange. Denn wie so viele Russen verfiel er nicht nur der russischen Schwermut, sondern auch dem russischen Trostwasser. Aus dem ehemals gut aussehenden Lockenkopf wurde ein hässlicher Teufel mit roter Fratze, dessen Spitzohren an Hörner erinnern mussten. Nicht nur kaufte er einen Schnaps nach dem anderen, um sich in eine bessere Realität zu trinken. Er sank sogar noch tiefer. Eines Tages nahm er den neunjährigen Saschenka in einen Supermarkt mit. Beim Herausgehen packte ihn ein Sicherheitsmann, um ihn in einen Hinterraum zu zerren. Dieser Teufelskerl hatte wirklich eine Flasche stehlen wollen! Der Nachwuchs war bis auf die Knochen beschämt. Aber was kümmert einen Diener des Dionysos auch ein niederer Wert wie die Ehre!? Der unbegrenzte Rausch ist schließlich der größte Dienst am Gott des Weines.

Ob der alte Alexandrowitsch nun aus eigenem Antrieb oder aufgrund höherer Mächte derart angetrieben war, dass er zum Satyr wurde, muss eine offene Frage bleiben. Jedenfalls war er darin ganz ungezügelt, Frau und Kind zu züchtigen. Die Helden in grün mussten einschreiten und sein Stamm in ein Frauenhaus umsiedeln. In dieser Einrichtung wurde der junge Wladimirowitsch natürlich von einem Bekannten um ca. 150 DM erleichtert. Man lernt nie aus. Vertrauen ist gut, aber kontrolliere auch, sagte schon der weise Wladimir Iljitsch. Und wenn du ganz unten bist, treten die grässlichsten Untiere noch nach. Die Lehre daraus ist, dass die Bedürfnispyramide von jedem einzelnen Wesen für sich selbst erforscht und umgesetzt werden muss. Ob Vater, Mutter oder Leidensgenosse - dich rettet kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Sei dir selbst dein Licht! Und dem Sanja ging in der Tat bald ein Licht auf.

Die höhere Schule in der List, auf die unser Held trotz guter Noten nur sehr knapp mit einer Abstimmung von 4 zu 3 kam, war viel bürgerlicher als es seiner erbärmlichen Herkunft entsprach. Dennoch zählte er die "Bonzen" ebenso zu seinen Freunden wie die "Kanaks" oder "Prolls". Die Bonzen waren natürlich Kinder des neuen und alten Mittelstandes, die entweder viel Geld oder viele Bücher daheim hatten. Die andere Fraktion waren staatenlose Rumänen, Türken, Iraner - sowas halt. Der von Dämonen geplagte Sanja war schon damals ziemlich weit vom Alltagsverstand abgerückt, die eigenen Kopfgeburten - Ninjas, Drachen oder Dämonen - pausenlos skizzierend. Wahrscheinlich hat auch ihn die russische Schwermut gepackt. Andere hatten schon intime Kontakte mit dem anderen Geschlecht. Sanja dagegen war nicht nur schüchtern, sondern ausgerechnet in ein Mädchen verguckt, das keinerlei Interesse an ihm hatte - ein immer wieder wiederkehrendes Muster. Ein interessiertes Mädchen musste hingegen gnadenlos enttäuscht werden. Tränen flossen offensichtlich auf ihrer Seite, Sanja dagegen arbeitete weiter an seinen Kopfgeburten. Alle Zeitzeugen dachten, er würde in der Tat ein Giotto werden. Aber dem Lehrer gefiel die Gotik weit mehr als die Renaissance und Fantastik, sodass sich Sanja aus Trotz dem praktischen Humanismus und der Gesellschaft zuwandte.

Der Sport weckte nicht nur den Ehrgeiz in ihm, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein. Ihm wurde bewusst, dass man gezielt an sich arbeiten muss, um nicht in einer muffigen Seelengrotte zu verrotten. In dunklen Episoden vergaß er das zwar immer wieder, ist es doch eines der Brandmale aus früheren Jahren. Kluge Menschen nannten dieses Elend den "proletarischen Pauperismus", welcher das eigentliche Wesen der modernen Arbeiterklasse sei. In der bewussten Tätigkeit erkannten sie hingegen das Wesen und die Bestimmung des Menschen an sich. Und so fing der junge Wladimirowitsch mit fünfzehn Jahren das erste Mal an, ein eigenständiger Mensch zu sein. Bücher wurden gekauft, angesammelt und eingehend studiert. Buddhistische und daoistische Texte, philosophische Einführungen, Bücher über Religion und Ethik, Krishnamurti, Dalai Lama, Musashi Miyamoto, Masutatsu Oyama, Dostojewski, Tolstoj, Goethe, Erich Fromm und viele weitere wurden zu Quellen der Inspiration.

Eine überaus wichtige Rolle spielte ein großartiger Politiklehrer, dem Sanja auch Jahre später noch Respekt zollen musste. Was für ein kluger und gewissenhafter Mensch! Dieser erklärte den Terrorismus der Verzweifelten wie auch den Terror staatlicher Apparate, die neoliberale Politik der rot-grünen Regierung und die Katastrophe, die man Nahostkonflikt nennt. Eines Tages lud er die mittlerweile volljährigen Schüler nach Hause zum Kochen ein. Unser Bücherwurm staunte nicht schlecht über die gewaltige Bücherei. Sein Wissensdurst war bekannt. Dafür erhielt er einige Bücher. Unter anderem bekam er Erich Fromm in die Finger. Der vaterlose Wladimirowitsch vergoss allen Ernstes Tränen dieser Geste wegen und studierte fortan noch fleißiger. Auf ein Buch von Fromm folgte das nächste und er war mit einem Mal ein Humanist und Marxist. Die Schule wurde daraufhin durch die Hochschule ersetzt.

Als sozialistisches Arbeiterkind aus der Sowjetunion studierte er nun an einer großen deutschen Universität furchtbar exotische Fächer mit Fokus auf Sprachen und Kulturen anderer Gesellschaften. Ihn interessierte nicht die typische Laufbahn im Laufrad der bürgerlichen Gesellschaft. Er wollte nicht wie einer dieser unglücklichen Menschen in der Bahn enden, deren Mundwinkel heute denen Merkels erschreckend ähnlich sehen. Auf keinen Fall wollte er wie eine Pflanze dahinvegetieren, unter keinen Umständen das Leben eines Steins führen, der einzig durch äußere Anstöße in Bewegung gerät. Schopenhauer musste Unrecht behalten! Und Fromm musste praktisch bestätigt werden! Die beiden Seiten kämpften gegeneinander - der fatale Pessimismus gegen den humanistischen Optimismus. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt war der Mischling schon seit seiner Kindheit im Wechsel. Nicht wenige Tränen musste er in sich hineinschlucken, um wieder frech sein zu können. Das Studium sollte ein Mittel sein, um dem proletarischen Pauperismus ein Ende zu setzen. Leider hatte er sich gewaltig getäuscht. Außerdem sollte das wirklich große Elend erst noch kommen.

Lange zuvor hatte man den russischen Teufel nach Sibirien deportiert, wo er womöglich von den Ratten in seinem Kellerloch gefressen wurde. Man weiß es nicht, denn der junge Wladimirowitsch mied seither den Kontakt zu Wladimir und anderen Gift-Menschen. Um die fehlenden Einnahmen in der Familienkasse auszugleichen, musste die nunmehr alleinerziehende Mutter tagtäglich Überstunden ableisten. Für sie gab es kein Reich der Freiheit, sondern einzig und allein den stummen Zwang der Verhältnisse. Außerdem flieht das Proletariat angesichts seiner elenden Situation typischer Weise lieber in die Überarbeitung als in die moralische oder intellektuelle Aufarbeitung, die für gescheiterte Kleinbürger so typisch ist. Es meidet auch die Bildung im Sinne eines Humboldt oder Leibniz, wenn die Bildung nicht unmittelbar einen Ausweg aus der proletarischen Misere bietet. Im Falle dieser alleinerziehenden Mutter kam auch noch die dem Sohn ungewollt anerzogene Apathie hinzu, die er sich erst selbstständig wieder abtrainieren musste. Insofern war die Mutter ganz klassisch der Doppelbelastung von Lohn- und Hausarbeit unterworfen. Trotz aller größter Anstrengung für das orthodoxe Familienbild verstarb diese herzensgute Menschenseele genau daran. Von der Maslowschen Bedürfnispyramide erreichte sie zwar zumindest die zweite Stufe, aber die Unfähigkeit, sich über die Grundbedürfnisse und bescheidenste Sicherheit zu erheben, musste ihr den sicheren Tod bringen. Dabei war er, gemessen an den gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Bekämpfung dieser Krankheit, völlig unnötig. Es war kein Wunder, dass irgendwann der Brustkrebs bei ihr diagnostiziert wurde. Noch weniger verwunderlich war es, dass sie aufgrund der "Therapie" an Organversagen verstarb und nicht am Krebs an sich. Die einfache Arbeiterschaft wird nunmal wie billiges Rohmaterial verschlissen. Der vom plötzlichen Abtreten dennoch völlig überraschte Nachwuchs verfiel in Trübsal und nicht zu bändigenden Zorn. Innere Konflikte vermischten sich mit ökonomischen Zwängen. Zwar überstand der junge Sanja die Krise mit Ach und Krach, aber der letzte Rest an Sklavenmentalität ist in ihm abgestorben. Wer sollte ihm noch irgendetwas erzählen?

Vor genau sechs Jahren ist nicht nur Sanjas liebe Mutter gestorben, sondern auch der brave Teil in ihm.


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