Freitag, 22. November 2013

Literatursoziologie des Sun Wukong, Teil 4: Produktion und Konsumtion der Ming-Romane

Teil 4 der Serie zur Literatursoziologie des Sun Wukong: Produktion und Konsumtion der Ming-Romane. (Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Die Ming-Zeit als chinesische Neuzeit!?

Die Forschung macht bemerkenswerte Veränderungen in der Produktion und Konsumtion von Literatur zur Zeit der Ming-Dynastie ausfindig. Einige Aspekte gesellschaftlicher Veränderung sind dabei hervorzuheben: der Anstieg der Bevölkerungs-, Autoren- und Publikumsgröße, die weitere Verbreitung von Bildung, eine qualitative Veränderung der Leserschaft bzw. Öffnung der Romanliteratur gegenüber bürgerlichen Schichten, die rasche Urbanisierung und Kommerzialisierung, das Erstarken einer geldvermittelten Warenökonomie, Anfänge einer industriellen Revolution, der Funktionswandel der Literatur und gerade aus dialektischer Perspektive nicht zuletzt neue Produktionstechniken, die auch den Buchdruck und die Buchzirkulation verbesserten.

Die Parallelen, die zwischen dem Auftauchen von westlichem und klassischem chinesischem Roman einerseits und diesen sozialen und geistigen Veränderungen im neuzeitlichen Europa und im China der späten Ming-Zeit bestehen, sind bemerkenswert. Offenbar haben die außerliterarischen Veränderungen die Entstehung der Romanform zumindest möglich gemacht, wenn nicht gar begünstigt oder notwendig produziert: „So veränderte sich mit der Zeit die materielle Grundlage der Literatur selbst.“

Städtisches Kleinbürgertum in der Ming-Zeit!?

Gernet schrieb über den Aspekt der raschen Urbanisierung in dieser Zeit und die Veränderung der Leserschaft von Erzählliteratur:
„Am Ende der Ming-Zeit kam es zur Blüte ohnegleichen einer Unterhaltungsliteratur, deren Sprache den gesprochenen Dialekten viel näher ist als dem klassischen Chinesisch. Diese Literatur wandte sich an ein vergnügungssüchtiges städtisches Publikum, das wohl ziemlich ungebildet war, dafür aber frei von der geistigen Enge, die eine klassische Bildung mit sich bringt.“
Dieses Publikum bezeichnet er an anderer Stelle auch als „städtisches Kleinbürgertum“, was eine Parallele zur Entwicklung der Romanform und –leserschaft in Europa unterstellt. Der Einfluss frühkapitalistischer Neuerungen und bürgerlicher Schichten auf die Literatur ist unzweifelhaft, obwohl der Ming-Roman weiterhin ein Produkt der Gelehrten blieb.

Der Ming-Roman war ein Gelehrten-Roman!

Während der Ming-Roman die oben genannten Ähnlichkeiten mit dem europäischen Roman aufweist, die eine Bezeichnung als Roman rechtfertigen, gibt es den zentralen Unterschied, dass die chinesische Variante von konfuzianischen Gelehrten entwickelt worden ist, die einen völlig anderen intellektuellen Hintergrund hatten als die europäischen Romanciers. Plaks schreibt über das damalige Verhältnis von Roman und Gelehrten:
„But it is still the scholar-official class with its own sense of identity and mission, along with its special aesthetic pretensions, that forms the social basis for the emergence of the sophisticated novel genre in the sixteenth century.“
Der klassische chinesische Roman seit der Ming-Zeit kann daher auch als „Gelehrtenroman“ bzw. als „literati novel“ bezeichnet werden. Für Plaks ist der Gelehrtenroman ein Spiegel des damaligen intellektuellen Milieus. Dieses Milieu war zwar ein ganz anderes als das der europäischen Romanschriftsteller. Aber interessanter Weise ist es genau das, was aus literatursoziologischer Sicht die Einheit von europäisch-bürgerlichem und chinesischem Gelehrtenroman charakterisiert: das intellektuelle Milieu einer konkreten gesellschaftlichen Situation bringt auf einer bestimmten Höhe ihrer Entwicklung die Romanform hervor.

Der klassische chinesische Roman entstand in einer gesellschaftlichen Situation, in der die chinesische Klassengesellschaft eine desorientierende Umwälzung erlebte, in der die politische Krise der Gelehrtengesellschaft auf Basis eines ökonomischen Aufschwungs zu einer intellektuellen Krise führte. Er ist wie der neokonfuzianische „Individualismus“ Produkt dieser Krise.

Der Struktur des Kapitalismus und des Romans

Man kann es als zu weitgehende Spekulation ablehnen, aber es scheint tiefere Parallelen zwischen gesellschaftlicher Struktur und Romanform sowohl im neuzeitlichen Europa als auch im „neuzeitlichen“ China zu geben. Adorno nannte den Roman „die spezifische literarische Form des bürgerlichen Zeitalters“ und für Lucien Goldmann scheint die entscheidende Frage einer Soziologie des Romans die „Beziehung zwischen der Form des Romans als solcher und der Struktur der Gesellschaft zu sein, innerhalb derer sich diese Form entwickelt hat“. Aus seiner Sicht weist die Romanform in Europa eine Strukturhomologie zur sich kapitalistisch entwickelnden neuzeitlichen Ökonomie auf:
„In Wirklichkeit besteht zwischen der Struktur der Romanform […] und der Struktur des Warentausches in der liberalen Marktwirtschaft, so wie sie von den klassischen Nationalökonomen beschrieben wurde, eine strenge Homologie.“
Goldmann erkennt im zunehmenden Bezug auf Waren und Geld den Grund dafür, dass „alle authentischen, auf die qualitativen Eigenschaften der Gegenstände und der Menschen gegründeten Beziehungen zwischen Menschen und Dingen oder zwischen Menschen untereinander“ zu verschwinden drohen. Den Roman betrachtet er als eher unbewusste Rebellion gegen diese kapitalistische Modernisierung:
Die „Romanform ist in ihrem Wesen aktiv und oppositionell, sie ist eine Form des Widerstands gegen die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft, ein individueller Widerstand, der sich innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Gruppen nur auf bestimmte, gefühlsmäßige, nicht konzeptualisierte psychische Prozesse stützen konnte“. „In der marktorientierten Gesellschaft“, fügt er entsprechend hinzu, seien „Schriftsteller […] problematische und d.h. kritische, im Gegensatz zur Gesellschaft stehende Gestalten.“

Der Gelehrten-Roman als Form des intellektuellen Protests 

Folgt man diesen Thesen, so lassen sich fruchtbare Schlussfolgerungen zur klassischen Romanform in China ziehen. Der Roman war in dieser Krise für die Gelehrten ein Mittel, um ihr Wissen, ihre Ideale, Frustrationen und ihr Selbstverständnis auszudrücken. Ein subversives Potential der Romane in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung wurde auch in der Chinaforschung angenommen. Allerdings sollte dabei wohl eher von einem insgesamt „affirmativen Charakter“ ausgegangen werden, da humane Werte im Roman weitgehend fiktiv und bloß unterhaltsam sind und ihre volle Verwirklichung in der Klassengesellschaft verhindert wird, zumal die niederen Volksschichten keinen Zugang zu den Romanen hatten.

Der Gelehrten-Roman als Identität stiftendes Mittel

Die klassischen Romane waren vielmehr „Ausdruck der Suche der Gelehrtenschicht nach Neubestimmung ihrer sozialen und vor allem geistigen Position“ und speziell „Die Reise in den Westen“ „verrät einiges über den komplexen Seelenzustand der Literatenklasse“. Wenn die „neuzeitlichen“ Modernisierungsprozesse in der Ming-Dynastie eine „marktorientierte Gesellschaft“ (und eine Auflösung der alten Gesellschaftsordnung) angekündigt haben, was die Gesellschaft in eine politische und intellektuelle Krise stürzte, verwundert es nicht, dass der europäische und der Gelehrtenroman als Mittel der Identitätsstiftung zentrale inhaltliche und formale Merkmale teilen.

Erforschung des Egos im Roman

Plaks erkennt Parallelen zwischen chinesischen Romanen und den größten westlichen Romanen: bei der vermehrten Anwendung von rhetorischen Zweideutigkeiten, Allegorie und dem sarkastischen oder ironischen Humor, weshalb er die Ming-Romane auch „ironische Romane“ nennt; bei der Thematisierung von individueller Entfremdung; beim Fokus auf die „Kultivierung des Selbst“ und schließlich bei der Erforschung der Grenzen und der „Substanz“ des Selbst, wobei er den zuletzt genannten Aspekt als das Herz sowohl der neokonfuzianischen Kultur der Ming-Zeit als auch des europäischen Romans bezeichnet.

Zusammenbruch der Ordnung und Kontrollverlust im Roman

Ein weiteres auffälliges Merkmal zumindest der vier großen Ming-Romane ist die Betonung des Zusammenbruchs der (bis dahin bekannten) Ordnung und des Ungleichgewichts bzw. Kontrollverlustes. Auch dies ist eine Parallele zu den Inhalten in den klassischen europäischen Romanen. Marcuse schreibt über den (europäischen) Roman:
„Der Roman nennt die Tatsachen beim Namen, und ihre Herrschaft bricht zusammen; er untergräbt die Alltagserfahrung und zeigt, daß sie verstümmelt und falsch ist“, wobei er „die etablierte Ordnung ablehnen und widerlegen“ hilft. 

Neokonfuzianischer Individualismus im Roman 

Während in den westlichen Romanen jedoch der „problematische Held“ ein liberaler Individualist des Westens ist, ist der „Individualismus“ von Figuren im klassischen chinesischen Roman ein neokonfuzianischer. Dass diese Romane zwar durchaus vielschichtige und individuelle Figuren aufweisen, aber dennoch aus der Perspektive des damaligen Gelehrten und nicht von Liberalen geschrieben sind, ist unverkennbar.

Offenbar haben sich nicht wenige Gelehrte in ihrer Freizeit oder mangels Einstellung beim Staat als Einkommensquelle mit dem Schreiben von Erzählprosa beschäftigt. Diese Tätigkeit war traditionell nicht sonderlich hoch geschätzt und Erzählliteratur wurde gar als niedere Literatur angesehen. Dennoch kam es zunehmend, spätestens seit der frühen Ming-Dynastie zu einer größer werdenden Akzeptanz des Erzählens auch in der Gelehrtenschicht.

Produktion durch Gelehrte und Konsumtion durch Bürger

Wenn wir mit Jacques Gernet und Wilt L. Idema annehmen, dass die Leserschaft nicht nur aus der staatstragenden Schicht der Gelehrtenbeamten, sondern auch aus Teilen des Herrscherhauses, des Adels, der nicht verbeamteten Gelehrten, der Eunuchen und aus (klein)bürgerlichen Schichten wie Handwerkern oder Händlern bestand, sind weitere Vermutungen über Funktion und Inhalt der Romanform anstellbar.

Soziale Kritik konnte im Roman geäußert werden, da die Autoren ihren Namen der Öffentlichkeit nicht preisgaben, aber sie durfte nicht zu heftig sein, da sonst Verbot des Werkes drohte. Daraus lässt sich unter anderem die Allegorie und Ironie im Gelehrtenroman ableiten. Andererseits musste das Werk den verschiedenen Geschmäckern Befriedigung gewähren, sodass nicht etwa bloße gelehrtenspezifische Angeberei durch auswendig gelernte Zitate des Konfuzius als Inhalt in Frage kam, sondern vergnügende und verständliche Inhalte geschaffen werden mussten. Gelehrte und andere Schichten mussten als Käufer und Leser gefunden werden. Daher rührt die Mischung aus klassischer Schriftsprache und gemeiner Sprache vom Marktplatz.

Der Gelehrtenroman kann also nicht auf seine Funktion für die Gelehrten reduziert werden, sondern bezog sich auch auf andere gesellschaftliche Gruppen, ist also ein Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse, um mit Karl Marx zu sprechen.

Wie sich die Dynamik von „Interessen und Selbsttäuschungen“ in der späten Ming-Gesellschaft und der komplexe „Seelenzustand der Literatenklasse“ damals im Roman „Die Reise in den Westen“ konkret äußerten, wird im Folgenden behandelt.

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