Donnerstag, 14. November 2013

Literatursoziologie des Sun Wukong, Teil 2: Gelehrtengesellschaft und Staat

Teil 2 der Serie zur Literatursoziologie des Sun Wukong: Gelehrtengesellschaft und Staat. (Teil 1)

Gelehrtengesellschaft und Staat


Literatursoziologie und Romangeschichte


Mingchao ("Ming-Dynastie")
Im letzten Abschnitt wurden die relevanten Aspekte litereratursoziologischer Betrachtung für eine Erklärung des Aufkommens der Figur des Affenkönigs Sun Wukong behandelt. Man muss demnach (theoretische) Literatursoziologie betreiben, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass in einer so konservativen Gesellschaft wie der chinesischen bis zum 17. Jahrhundert eine radikale, herrschaftskritische und äußerst individualistische Romanfigur wie der Affenkönig im Roman "Die Reise in den Westen" auftauchen konnte. Dazu muss man also ein Bild der damaligen Gesellschaft rekonstuieren.

Der Apparatstaat


Die Gesellschaft der Ming-Dynastie (1368-1644) war eine Klassengesellschaft besonderen Typs. Der marxistische Soziologe und Sinologe Karl August Wittfogel zählte sie zum Typus der „asiatischen Despotie“, in der eine Klasse der Bevölkerung die Kontrolle über die großen Bauprojekte oder Wasserregulation monopolisiert und sich dadurch zur herrschenden Klasse konstituiert.

Die Herrschaft dieser Klasse wurde durch einen despotischen Staat gesichert, an deren Spitze der kaiserliche Despot stand. Seine Funktion war seiner unermesslichen Macht entsprechend sowohl eine weltliche wie auch religiöse. In China gab es einen Kaiserkult, der vergleichbar ist mit einer Kombination aus päpstlicher und kaiserlicher Autorität im mittelalterlichen Europa. Seine Macht basierte aber auf der staatlichen Bürokratie unter ihm. Wittfogel erklärt:
"Die Männer des Apparatstaates sind eine herrschende Klasse im buchstäblichen Sinne des Wortes; und der Rest der Bevölkerung bildet die zweite Hauptklasse – die der Beherrschten."
Jeder noch so kleine Beamte, der an der Ausübung der Staatsmacht Anteil hatte, zählte somit zur herrschenden Klasse und wurde von den Beherrschten als solcher ehrfurchtsvoll und misstrauisch erachtet.

Dennoch gab es in der herrschenden Klasse eine Differenzierung, die der Grund war für unterschiedliche Interessen, Praktiken und großes Konfliktpotential: an oberster Stelle stand der jeweilige Kaiser, der formell die größte Macht besaß. Er teilte seine Macht aber bei abwechselnder Intensität mit Angehörigen seiner Familie, dem restlichen Adel, Eunuchen an seinem Hof und vor allem mit den gelehrten Beamten.

Die Gelehrten des Gelehrtenstaates


Die letzteren machten die Gesellschaft der Ming-Dynastie zu einer Gelehrtengesellschaft. Den Großteil der staatlichen Verwaltung erledigten sie. Aber auch den Großteil der kulturellen und speziell der literarischen Leistungen erbrachten sie.

Und der vermutete Autor des Romans „Die Reise in den Westen“, Wu Cheng’en, gehörte wohl zu dieser Gruppe. Daher ist diese Gruppe und vor allem ihre Ideologie von besonderem Interesse, wenn die sozialen und kulturellen Elemente der Entstehung dieses Romans und seine Inhalte analysiert werden.

Die Gelehrten (auch „Gentry“ genannt) lassen sich dadurch umreißen und von anderen Gruppen der Gesellschaft abgrenzen, dass sie durch Prüfungsleistungen in den konfuzianischen Klassikern oder durch Kauf zu akademischen Titeln, Rängen, Ämtern oder Würden gekommen waren. Da ihr Wissen im Allgemeinen und ihr Wissen über die konfuzianischen Klassiker im Besonderen über ihren Erfolg und Aufstieg im Staatsdienst bestimmte, studierten sie den Konfuzianismus exzessiv und wurden dadurch zugleich mit der Staatsideologie indoktriniert. Sie stammten zum großen Teil aus wohlhabenden Landbesitzerfamilien, die die Kosten des Aufstiegs zum Gelehrten tragen konnten.

Allerdings waren diese zwei Gruppen nicht identisch: viele Gelehrte hatten keinen Landbesitz bzw. waren aus der Klasse der nicht staatstragenden Bevölkerung aufgestiegen, hatten jedoch große Macht durch ihre Stellung im Staatsapparat, andererseits waren nicht alle Landbesitzer Gelehrte. Andere Gelehrte kamen nie in den Genuss des Staatsdienstes, gaben ihre Stelle auf oder verloren ihre Stellung und mussten sich ihr Einkommen als Privatlehrer oder anders sichern. Kamen Gelehrte in eine prekäre Situation, wurden sie entwurzelt, indem ihnen etwa der soziale Aufstieg verwehrt wurde oder erfuhren sie allzu konservativen Widerstand, konnten sie zu gesellschaftskritischen, radikalen und fast anarchistischen Ideen gelangen. 

Da die Gelehrten und Gelehrtenbeamten als mächtige und als die staatstragende Schicht in der herrschenden Klasse eigene Interessen hatten und somit auch in einen Gegensatz zum Herrscherhaus des Kaisers kommen konnten, wurden sie von diesem gefürchtet.

Die Krise der Ming-Dynastie


In der Ming-Dynastie verschärfte sich dieser Gegensatz im Laufe der Zeit aufgrund großer sozialer Entwicklungen. Das politische Klima änderte sich: es dominierten zwar Frieden und Sicherheit, aber eine qualitativ neue politische Krise war für die Ming-Dynastie kennzeichnend. 

Individuelle Rivalitäten und Intrigen innerhalb der herrschenden Klasse, Bildung von Fraktionen, Streitigkeiten um das kaiserliche Erbe, Machtgewinn der Eunuchen am Hof, Kämpfe zwischen Regierungsorganen und ein hoher Grad an „rhetorischer Rohheit“ in den Diskussionen um Riten und die Erbstreitigkeiten in der Zeit der Kaiser Jiaqing und Wanli bestimmten das intellektuelle Klima und die politische Krise dieser Zeit. 

Ernüchterung, Skepsis, Polemik und eine ironische Weltsicht prägten zunehmend die Gelehrten, was sich auch auf die Romanform jener Zeit auswirkte. Plaks, der überragende Experte der klassischen chinesischen Romane der Ming-Dynastie, meint in seinem einschlägigen Buch dazu:
„I will even suggest that this new critical attitude may be one of the factors responsible for refinement of ironic vision and expression, which provides a crucial element in the development of the rhetorical conventions of the literati novel form”

Revolutionäre Neuerungen in der Produktion


Noch grundlegender waren wohl die sozialen bzw. ökonomischen Veränderungen dieser Zeit. Man spricht teils von „Sprossen des Kapitalismus“, „anfänglichem Kapitalismus“, Kommerzialisierung des gesellschaftlichen Lebens oder gar von einer chinesischen „Neuzeit“. Tatsächlich gibt es Gründe dafür, solche Begrifflichkeiten zu benutzen, da viele Phänomene dieser Zeit Parallelen zu denen der europäischen Neuzeit aufweisen: Der geldvermittelte Warentausch, der Verkauf von Agrarprodukten, die kommerzielle Heimarbeit, die Expansion von „Marketing“-Netzwerken und ein genereller Anstieg von persönlichem Wohlstand vor allem in den städtischen Gebieten südlich des Unterlaufes des Changjiang – das alles sind Phänomene, die zu dieser Zeit massiv an Bedeutung zunehmen.

Umwälzungen in der Bewusstseinsbildung


Im Bereich der Bildung gab es ebenfalls große Änderungen: einen Anstieg an Privatschulen, an Absolventen des höchsten Prüfungsgrades und damit einhergehend auch einen Anstieg der Leserschaft von Literatur. Kunst und Denken erfuhren auf dieser Basis einen „Ausbruch an Kreativität“, sodass eine größere Palette an kulturellen Tätigkeiten entstand. 

Der Bevölkerungsanstieg um das Zwei- oder Dreifache innerhalb von wenigen Generationen und weitere demographische Veränderungen haben zusätzlich zu mehr Mobilität und Komplexität in der Gesellschaft geführt. Plaks kommentiert:
„The sheer press of numbers, added to improvements in internal transportation networks, the abandonment of small landholdings, the first signs of a landless labor force employed in manufacturing, and the release of large numbers of military personnel due to fiscal inadequacies – all lead to a degree of horizontal demographic mobility going far beyond anything observed before.“
Plaks behauptet, die horizontale Mobilität dieser Zeit finde ihre Entsprechung in einer korrespondierenden Mobilität des Bewusstseins dieser Zeit. Diese Mobilität habe auch die Gelehrten erfasst und ihre soziale Stellung bzw. ihren sozialen Aufstieg heikler gemacht. Er geht sogar so weit zu sagen: 
„In many cases, we can observe a direct correlation between extremism of literary advocacy and uncertainty of political and social status.”
Damit kommen wir zur damaligen Dialektik von konfuzianischer Staatsideologie und neokonfuzianischem „Individualismus“, einer Frucht dieses neu entstandenen mobilisierten Bewusstseins.

Quellen





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